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Sagen aus Tirol

Ignaz Zingerle: Sagen aus Tirol - Kapitel 64
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
authorIgnaz Vinzenz Zingerle
typelegend
year1891
publisherVerlag der Wagnerschen Buchhandlung
created20010426
senderanonymus@abc.de
modified20171101
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Die Goldwurzel

Auf dem Reiterjoch, das zuhinterst im Eggental liegt, wächst seit unvordenklichen Zeiten eine Wurzel, die viele Klafter dick und purlauteres Gold ist. Um Sonnenwend blüht sie, dann wirft sie ab und wächst jedes Jahr einen Schuh. Aber nur ein Glückskind kann sie sehen. Vor beiläufig hundert Jahren schneitete ein armer Bauer aus Wälschnoven, genannt der Oberpoppner Tom, im Karer Walde Bäume ab. Wie er einmal auf einem Stamme stand und hackte, sah er drei Venediger daher kommen. Sie hatten Bergspiegel, mit denen man durch die Felsen hindurch schauen kann. Sie sagten zu Tom: »Was schwitzest du denn so, Bauer?« – Er sprach: »Vom Hacken und Schneiten.« – »Und was verdienst damit?« – »Was ich halt so zum Essen brauche.« – »Das ist wenig,« sprach einer, »geh' lieber mit uns, da wirst mehr erhalten.« Dann frugen sie, ob sie bei ihm übernachten könnten. »Vom Herzen gerne,« erwiderte er und führte sie in seine Hütte, wo er ihnen Milch und hartes Brot gab. Sie schliefen dort, und in aller Frühe gieng Tom mit ihnen fort.

Sie wanderten lange durch den Wald und kamen endlich zu einer Felswand, an der ein so enges Türlein war, daß einer durchschliefen konnte. Da schloffen sie hinein und sie zeichneten den Bauern in Lebensgröße am hellen Felsen ab. Dann sagte einer: »Jetzt haben wir Dich in unserer Gewalt. Du magst sein, wo du willst, du wirst immer getroffen, wenn wir auf dein Bild schießen.« Da lagen ein Stemmeisen, ein Hammer, ein Bergeisen, eine Wage und zwei Wachskerzen bereit – und vor ihm glänzte und gleißte die Goldwurzel, daß ihm beinahe das Sehen vergieng. Sie erlaubten ihm, jährlich um fünfzehnhundert Gulden Gold herabzustemmen, aber nicht mehr, sonst würde es ihm übel ergehen. Er war damit so zufrieden, daß er vor Freuden aufhüpfte. Er nahm Gold, die Wälschen nahmen Gold und schwer belastet giengen sie aus dem Berge.

Er nahm Jahr für Jahr vom Gold, aber weniger, als ihm erlaubt war, ward ein steinreicher Mann und that den Armen viel Gutes. Als er gestorben, fand man selbst alte Strümpfe mit Gold gefüllt.

Die Leute ahnten wohl, daß Tom sein Gold aus dem Berg hole, und oft schlich man ihm nach, um auch die Wurzel zu finden; allein auf einmal war er verschwunden. Einmal giengen mehrere heimlich hinter ihm und folgten ihm bis zum Thürl. Sie sahen ihn hineinkriechen, aber nicht mehr herauskommen – und als sie auch dem Türl sich näherten, kam ein Sturm und Schrecken über sie, daß sie über Stock und Stein nach Hause liefen. Sie hatten vor Entsetzen Fieber bekommen und mußten drei Tage im Bette liegen. Da war ihnen die Lust zur Goldwurzel vergangen, obwohl sie keine fünf Stunden ober dem Ober-Poppnerhof zu finden wäre.

Vor beiläufig vierzig Jahren kam der Wallhiesel, ein Waldbote, der über den ganzen Karer Wald zu schaffen hatte, zu einem Steine, der größer als ein Backofen war. Der Block »vipperte« (schillerte) und glänzte, daß es nicht zu sagen ist. Er nahm seinen Markhammer, den ein Waldbote immer mit sich trägt, schlug vom Stein etliche Stücke ab und steckte bei dem Block eine hohe Stange auf, damit er ihn wiederfinden könne. Bald darauf gieng er nach Bozen und fragte einen Goldschmied, was für ein Stein das sei und ob er einen Werth habe. Da sprach der Befragte: »Mensch, das ist eitles Gold; wo hast du es her?« und zahlte ihm für die Stücke tausend Gulden. Voll Freude kehrte der Wallhiesel zurück, suchte am folgenden Tag Stange und Stein, konnte aber keintwederes finden. Der Block war von der Goldwurzel herabgefallen und wird noch heutzutage im Karer Wald liegen, aber nur ein Sonntagskind kann ihn vielleicht finden. (Wälschnoven.)

 


 

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