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Sagen aus Tirol

Ignaz Zingerle: Sagen aus Tirol - Kapitel 48
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
authorIgnaz Vinzenz Zingerle
typelegend
year1891
publisherVerlag der Wagnerschen Buchhandlung
created20010426
senderanonymus@abc.de
modified20171101
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Der Norg in Planail

Im Thale Planail, in Obervinstgau, liegt tief im Hintergrunde und rechts gegen Matsch und Schnals sich wendend die Alpe Norgles, die ihren Namen nicht umsonst hat, da der Gebirgsstock zwischen Matsch, Schnals, Passeier und dem Ötzthale voll Norgensagen ist. Eine dieser Sagen lautet also:

In Planail kam alle Wochen zweimal zu einem Bauernhause ein Norg, einen Schuh lang, ziemlich dick, mit grüner Jacke und grünen Hosen, und setzte sich, besonders abends während der Bereitung des Nachtmahles, auf das Küchenfenster und zeigte durch ein gellendes und durchdringendes Jauchzen seine Ankunft an, erschreckte dadurch die Bäuerin in der Küche, daß sie einen Hupf thun mußte, die Suppe in's Feuer goß und am ganzen Leibe zitterte. Darauf gieng der schelmische Norg lachend weg. Die Bäuerin fragte alle ihre Nachbarinnen um Rath und erzählte ihnen, wie der Norg die Eier stehle, bevor sie von den Hennen gelegt werden, zwei Kälber an eine Kette zusammenhänge, den Kühen die Milch aus dem Euter wegpraktizire, und besonders dem Mastschwein bei lebendigem Leibe den Speck wegschneide und von dem in der Küche aufgehängten Specke große Portionen abzwacke. Man rieth ihr Weihwasser und Almosengeben. Diese Mittel halfen höchstens auf einen Monat, dann kam der Norg wieder und war noch tükischer, wie wenn er das Versäumte einbringen wollte.Einmal kam eine Bäuerin von Mals, die pfiffige gennant, nach Planail, und diese gab der Bäuerin folgenden Rath. »Richte du dir,« sprach sie, »eine große schwere Mausfalle, nimm ein gutes Stück Speck als Köder und stelle sie auf das Küchenfenster, du darfst aber kein Feuer schüren, und alle im Hause müssen mausstille bleiben. Kommt dann der Norg und findet den Speck, so packt er ihn und reißt die Falle zu. Ist er drinnen, so kommt schleunig herbei und droht ihm, noch einen Stein darauf zu schweren oder ihn mit der Feuerkluppe zu zwicken, wenn er nicht verspräche, euch für immer in Ruhe zu lassen.«

Dieses Rezept gefiel der Planailerin; sie tat, wie ihr gesagt, und fieng den Norg noch in der nämlichen Woche. Unter dem Fallblock winselteund seufzte der Norg und bat um Erlösung; denn er war fast platt gedrückt. Eine große Lawine von Schimpfwörtern loslassend, lief die Bäuerin mit ihrem Mann, den Kindern und Dienstbothen herbei, und nun mußte er versprechen, das Haus auf immer zu meiden und nie mehr zu kommen. Wimmernd versprach er es, wurde sofort losgelassen und kam nie wieder. (Obervinstgau.)

 


 

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