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Sagen aus Tirol

Ignaz Zingerle: Sagen aus Tirol - Kapitel 153
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
authorIgnaz Vinzenz Zingerle
typelegend
year1891
publisherVerlag der Wagnerschen Buchhandlung
created20010426
senderanonymus@abc.de
modified20171101
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Der Traum von der Zirler Brücke

Der G. Bauer in Rinn that sich auch nicht leicht, und es drückte ihn der Schuh auf allen Seiten. Da träumte ihm einmal, er solle auf die Zirler Brücke gehen, dort werde er eine wichtige Neuigkeit erfahren. Als ihm in der folgenden Nacht dasselbe träumte, theilte er die Sache seinem Weibe mit und wollte nach Zirl gehen. Doch seine Alte ließ dies nicht zu und sagte: »Was willst du den hellichten Tag verfeiern und die Schuh umsonst zerreißen? Wir kommen ja sonst nicht einmal auf ein grünes Zweig!« – Mißmutig folgte er und blieb zu Hause.

Doch sieh, in der nächsten Nacht hatte er genau denselben Traum. In aller Frühe stand er nun auf und eilte so nach Zirl, daß er bei Sonnenaufgang schon auf der dortigen Brücke stand. Als er eine Viertelstunde darauf hin- und hergegangen war, kam der Geißhirt, der ihm guten Morgen wünschte und die Herde weiter trieb. Dann ließ sich lange, lange Zeit niemand sehen. Es wurde endlich Mittag und ihn quälte der Hunger. Da nahm er ein Stück Türkenbrot aus der Tasche und begnügte sich damit, denn von der Brücke wäre er um keinen Preis gegangen. Er mochte aber warten, wie lange er wollte, niemand kam. Da wäre er doch bald ungeduldig geworden, und ihn grämte der Gedanke, wie sein Weib ihn auslachen und schmähen werde ob seiner Leichtgläubigkeit. Allein er hielt dennoch aus und wartete, bis endlich, als die Sonne schon untergehen wollte, der Geißhirt mit seiner Herde daherkam. Diesen wunderte es nicht wenig, als er den Rinner noch dastehen sah, und er fragte, auf wen er denn so lange warte. »Ja«, sagte das Bäuerlein, »mir hat geträumt, ich solle auf die Zirler Brücke gehen, da werde ich eine wichtige Neuigkeit erfahren.« – »Ja,« antwortete der Geißer lachend, »mir hat auch geträumt, ich solle nach Rinn zum G. gehen, dort würde ich einen großen Kessel voll Gold unter dem Herd finden.« Nun hatte der Rinner genug gehört. Im Augenblick verließ er die Brücke und rannte nach Hause, um zu sehen, ob die Worte des Hirten wahr seien. Als er spätabends heimgekommen war, trug er allsogleich heimlich den Herd ab und fand wirklich einen ganzen Kessel voll Gold, so daß er der reichste Bauer weit und breit war. (Zillerthal.)

 


 

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