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Sagen aus Tirol

Ignaz Zingerle: Sagen aus Tirol - Kapitel 13
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
authorIgnaz Vinzenz Zingerle
typelegend
year1891
publisherVerlag der Wagnerschen Buchhandlung
created20010426
senderanonymus@abc.de
modified20171101
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Wilde Fahrt in Vintschgau

1.

Von dieser weiß man im Dorfe viel zu erzählen. Sie fährt meistens der Straßenach, doch manchmal auch durch andere Gassen. Voran kommt Musik, hierauf rasselt's und klappert's,manchmal wie Gänsegeschnatter. Man muß ihr auf der rechten Seite ausstellen, dennwenn man links steht, wird man mitgerissen. Auch darf man nicht durch ein Fenster schauen, wenndie Fahrt kommt, sonst muß man auch mitfahren oder es wird irgend ein Stück Viehentführt. In Burgeis sah einmal ein Weib durch's Fenster, als die Fahrtvorbei zog. Da rief es hinauf: »Wärest du nicht hinter'm Kreuzbalken, solltest du'sbüßen.« (Mals.)

2.

In alten abgelegenen Dörfern Vintschgaus findet man häufig an jedem Eingang in dieselben, besonders aber auf den Vierwegen,Crucifixe und Bildstöcklein, wie auch an den meistenHäusern Kreuzfenster oder Kreuzbalken. Ihr Vorhandenseinschreibt sich daher, daß man dadurch die an gewissen Nächtenherumziehenden Geister und mit dem Bösen verbundenenSeelen ferne halten wollte. Denn es war nicht selten der Fall,daß plötzlich in der Nacht ein unheimlicher Zug durch dieGassen brauste und die Leute, die aus den Fenstern ihm nach-blickten, krüppelhaft oder wenigstens krank wurden. Folgendeserzählt man sich im Vintschgau von einer solchen Hexenfahrt, die imVolksmunde als die wilde bekannt ist.

In der Martinsnacht rauschte es plötzlich den Waldweg her, als bringe der Sturm Bäume und Felsen mit sich, und bald durchzog das kleine Dörfleinein schwarzer Haufe, dessen einzelne Gestalten, die man unterschied, garwunderbar aussahen. An der Spitze des höllischen Wirrwarrs kehrte ein stumpferBesen von selbst den Weg und hinter ihm her trappten zwei leere Schuhe, diedenjenigen, welcher sie anzieht, über Berg und Thal tragen würden, und endlichzuletzt wackelte mühevoll eine krumme Gans nach. Ein Weib, das zufällig amWege stand und unglücklicherweise vergessen hatte, in das rechte Geleise zutreten oder ein Kreuz vor die Augen zu halten, wodurch allen bösen Geisterndie Macht genommen wird, gerieth über solchen Aufzug in's Lachen. Schnellpickte die Gans, einige Schritte seitwärts hüpfend, an einer Zaunspalte,und gewaltige Schmerzen fuhren dem Weibe in den Fuß.

Alle angewandten Verbande und Hausmittel waren vergebens, man konnte nun einmal dem Übel nicht abhelfen. Es blieb daher nichts mehr übrig, als die nächsteMartinsnacht zu erwarten, worauf sich die einzige Hoffnung gründete, denn eszogen die Geister und Hexen jedes Jahr um dieselbe Zeit herum, ihre Zaubereienzu besichtigen, manche zu lösen und andere wieder zu binden. Und wirklich zogin der Jahresnacht jenes Unfalles die wilde Fahrt wieder in das Dörflein, ander verhängnisvollen Spelte vorbei, wo die Gans stehen blieb. »Hier habe ichvoriges Jahr ein Hackl geschlagen, ich will es wieder ausziehen,« sprach sie,auf die nämliche Stelle hinpickend, und dem Weibe, das von dem Fenster herabzuschaute, kam es vor, als hätte die Gans von ihrem Fuße den Schmerz weggepickt.»Dafür sollst du mir aber selbst, und zukünftig immer Jemand indeiner Familie krumm sein,« rief sie noch zum Fenster hinauf, und flügelschlagendhinkte sie dann ihrem Zuge nach.

Diese Sage ist in so lebendiger Erinnerung, daß alte Weiber wirklich nachweisen wollen, die letzten Worte der Gans seien bisher harklein in Erfüllung gegangen.Diesem Unwesen der Geister und Hexen hatte man zwar bald in den Dörfern durch dieMacht und Wirkung der Kruzifixe und Kreuzbalken ein Ziel gesetzt, aber nochspukte es auf den Feldern in ähnlicher, jedoch gefahrloserer Weise. Denn esereignete sich häufig, daß Leute, die abends nach dem Gebetläuten auf demFelde oder dem Wege zwischen den Dörfern sich befanden, von Sinnen gebrachtund irre geführt wurden.

So erzählt man sich in demselben Dorfe, was einem Bauern, der noch im guten Andenken ist, unterwegs begegnete. Er gieng in ganz nüchternem Zustandeund ohne an solche Dinge zu denken von einer fremden Ortschaft nach Hauseund hatte bereits die Hälfte des Weges vollendet, als ihm bei dem Orte, woman öfters weiße Fräulein gesehen zu haben behauptete, ein Fuhrmann mit Roß und Wagen begegnete. Sich wundernd über diese Erscheinung, daß im Winterund spät in der Nacht Jemand fahre, trat er ihm näher mit den Worten: »Jetztweiß ich nicht, hast du oder hab ich den rechten Weg eingeschlagen.« OhneErwiderung knallte der Fuhrmann mit seiner Peitsche und der gute Bauer, wiedurch einen Zauber von ungeheuren Schneemassen und Felsen umgeben, sah sichgenöthigt, mit Angst darüber hinwegzusteigen und war endlichganz in die Nähe des Dorfes gekommen, wo noch in allen Stuben dieLichter brannten. Aber plötzlich waren sie wieder ferne gerückt und dasKlettern und Abmühen wiederholte sich, und so trieb es ihn links undrechts, vor seinen Ohren pfeifend, ohne daß er etwas erblicken konnte, dieganze Nacht herum, bis endlich der Klang der ersten Morgenglocke dem Jagenein Ende machte und dem Ermüdeten die Besinnung wieder gab, der sich wohl einehalbe Stunde weit von seinem Ort neben der Etsch befand. Dagegen lernte mansich durch Erhöhung der Feldkreuze verwahren, und hatte bald die Umgebung vonderlei Fahrten und Verführungen durch diese Bannmittel befreit undgereinigt. (Bei Glurns.)

3.

In später Nacht pfeift die wilde Fahrt über's Thal und nimmt alle Leute mit, die ihr in den Weg kommen. Sogar Neugierige, die hinter Fenstern ohne Kreuzbalkenstehen, werden mitgezaubert. Voraus fährt ein zweirädriger Wagen, dervon zwei Teufeln gezogen wird. In ihm sitzt ein meeraltes Weiblein. Die Fahrt geht nochschneller, als der Wind, über Berg und Thal. Leute, die mitgenommen werden,befinden sich morgens im Unterinnthal, besonders bei Hall. Seit vielen Jahrensieht man die Fahrt nimmer, weil sie der Papst auf fünfzig Jahre gebannt hat.Nach Ablauf dieser Zeit wird aber diese Hexerei wieder von Neuem losgehen. (Stilfs.)

 


 

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