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Sagen aus Tirol

Ignaz Zingerle: Sagen aus Tirol - Kapitel 129
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
authorIgnaz Vinzenz Zingerle
typelegend
year1891
publisherVerlag der Wagnerschen Buchhandlung
created20010426
senderanonymus@abc.de
modified20171101
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Die zwei Wildschützen

Zwei Wildschützen, welche zu Innsbruck in harter Gefangenschaft lagen, sicherte man die Freiheit zu, wenn sie die Bergeshöhle, die zwischen der Stadt und Mühlau liegt, untersuchen würden.

Sie nahmen das Angebot an und giengen in die Höhle. Zu besserer Sicherheit wurde der Eingang mit Wachen besetzt. Nach zwölf Tagen kehrten endlich die unterirdischen Reisenden, die bei Kitzbüchel an's Tageslicht gekommen waren, zurück und berichteten:

Zwei Tage nach ihrem Eintritte hätten sie nicht gewußt, ob es Tag oder Nacht sei und wegen der feuchten Luft seien ihre Windfackeln oft ausgelöscht. Nachdem sie mit großer Mühe und ohne Speise und Trank zwei Tage verbracht hätten, seien sie in eine ungeheure große Weite gekommen, welche eine Landschaft mit ferneliegenden Dörfern geschienen habe. Sie seien nun der geraden Straße nachgegangen, wobei sie ihre Windfackelln auslöschten. Sie hätten sich darauf an einem rauschenden Wasser niedergesetzt, und nachdem sie einige Speise zu sich genommen und aus der Quelle dazu getrunken hatten, bald bemerkt, daß es immer dunkler geworden sei. Nachdem sie wieder ihre Fackeln angezündet hatten, seien sie bald zu neuen Klippen und Abgründen gekommen. Immer auf der mittleren Straße fortgehend kamen sie bald an einem Gebäude vorüber, aus dem ihnen Licht entgegenschimmerte, während sie zugleich ein Weinen und Winseln vernahmen. Als sie sich dem Hause näherten, um durch das Fenster ein wenig hineinzuschauen, gewahrten sie eine Leiche von gar kleiner Statur, um dieselbe her aber einige Leichenweiber von derselben Gestalt. Darüber in Furcht gerathend giengen sie unter Angst und Zittern weiter, bis ihnen endlich ein kleiner, buckliger Zwerg, dem ein grauer Bart bis auf den Nabel herabhieng und der einen Stab und eine Laterne in den Händen trug begegnete. Der Wicht begrüßte sie freundlich und vermeldete ihnen zugleich, sie sollten sich ja in Acht nehmen, daß sie nicht ins Gedränge geriethen, weil es ihnen sonst übel ergehen würde, sintemal durch das ganze Land ein Trauertag ihres verstorbenen Herrn wegen angesetzt sei. Er erbot sich sofort, ihnen die Wege zu weisen, auf denen sie aller Gefahr entrinnen möchten, und ging nun mit seiner Laterne vor ihnen her, da sie denn wahrnahmen, daß er krumme, eingebogene Füße habe und sehr übel zu Fuße sei.

– Unter Wegs faßte sich einer das Herz, ihn zu fragen, in welcher Gegend sie sich befänden? Worauf er antwortete: »Ihr seid bei dem unterirdischen Geschlechte, das mit jenem auf dem oberen Theile des Erdbodens keine Gemeinschaft hat. Unsere Verrichtungen aber auf jener Erde müssen wir bei Nachtzeit vornehmen, wobei wir gar gerne den Menschen unsere Dienste leisten, wo man uns wohl will; im widrigen Falle wenden wir uns zu dem Vieh und plagen dasselbe, wenn wir unseren Unwillen wider die Menschen selbst nicht auslassen können. Fraget nun nichts weiter, setzte er hinzu, ich muß zu meinen Verrichtungen eilen; haltet euch nur immer zur linken Seite, so kommt ihr wieder in die Oberwelt.«

– er wandte sich nun selbst zur rechten Seite, sie aber zogen ihre Straße und sahen bald solche kleine Leutchen von allen Seiten zusammenkommen, von denen jedwedes ine Laterne vor sich hertrug. Sie geriethen bald in große Felsenklüste und dunkle Örter, wo die Windlichter ihnen wieder gute Dienste thaten. Der Weg däuchte ihnen gar sehr lange; und hätte der Wicht ihnen nicht gesagt, er werde sie zur Oberwelt führen, dann hätten sie geglaubt, im tiefsten Abgrunde irre zu gehen, maßen sie bald von jähen Klippen heruntersteigen, bald wieder an steilen Felsen hinaufklettern mußten. Wie lange sie also gewandert sind, blieb ihnen unbekannt, weil sie all' die Zeit von Sonne und Mond nichts wahrgenommen hatten.

Endlich gelangten sie zu einer engen Felsenritze, wo einige Sonnenstrahlen durch Dornenhecken sie wieder anleuchteten. Sie krochen mit Mühe durch und kamen bei einem verfallenen Thurm wieder an's Tageslicht. Da sahen sie am Felsen unten einen Flecken liegen, in dem sie bald erfuhren, daß der Ort Kitzbüchel heiße und sechs Posten von Innsbruck entfernt sei.

 


 

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