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Sagen aus Tirol

Ignaz Zingerle: Sagen aus Tirol - Kapitel 100
Quellenangabe
titleSagen aus Tirol
authorIgnaz Vinzenz Zingerle
typelegend
year1891
publisherVerlag der Wagnerschen Buchhandlung
created20010426
senderanonymus@abc.de
modified20171101
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Der Markstein

In Ulten ist eine Alpe, welche die Schwemm heißt. Auf dieser Alm steht ein Crucifix, von dessen Ursprung und Bedeutung die alten Leute folgendes erzählen.

Es waren einst zwei Bauern Besitzer dieser Alpe. Der eine von ihnen war mit seinem Antheile nicht zufrieden, hub Grenzstreitigkeiten an und behauptete, die Grenze sei einst beinahe in der Mitte vom jetzigen Antheil seines Nachbars durchgegangen und nur durch die Sorglosigkeit der Hirten sei diese alte Grenze vergessen worden. Die Sache kam vor Gericht, allein weil keine Partei Zeugen aufbringen konnte, so hatte der Richter auch schweres Entscheiden. Da trieb den neidischen seine Habsucht so sehr, daß er einen Schwur that und sprach: »Ich schwöre, daß ich wahr geredet habe, und habe ich eine Lüge gesagt, so soll mein Kopf als Markstein dienen!« Der andere erschrak über die gottlose Rede und sagte: »Nachbar, auf deinen Schwur hin überlasse ich die Alpe, aber die Zukunft wird zeigen, ob du wahr gesprochen!«

In kurzer Zeit starb der Meineidige, und am folgenden Tag fanden die Hirten einen Kopf auf der alten rechtmäßigen Grenzscheide liegen. Sie erkannten ihn sogleich als den Kopf des ungerechten Nachbars, und bald darauf hörte man die Kunde hievon im Dorfe drunten. Der Leichnam des Verstorbenen war inzwischen begraben worden, und um der Sache auf den Grund zu kommen, machte man das Grab auf. Der Todte lag wirklich ohne Kopf in dem Sarg. Man trug nun den Kopf zu dem Rumpfe herab, allein sogleich war er wieder oben. Da half kein Beten und einsegnen, der Kopf kehrte so lange auf die Alpe zurück, bis er dort verfaulte und zu Staub verfiel. Der lebende Nachbar nahm nun seinen Theil wieder in Besitz und ließ an dem Platze, wo der Kopf gelegen hatte, ein Crucifix aufstellen. Ulten.)

 


 

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