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Saat auf Hoffnung

Paul Ernst: Saat auf Hoffnung - Kapitel 9
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typefiction
authorPaul Ernst
titleSaat auf Hoffnung
publisherGeorg Müller
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Neuntes Kapitel

Der Schneider bewohnte den obersten Raum des Hauses. Über den Köpfen der drei Männer erhob sich düster das geschwärzte Ziegeldach, dessen Kalkverstrich an einigen Stellen abgefallen war. Vor einem niedrigen Tische stand ein Stuhl und eine Bank; im Hintergrund, im Dunkeln, war ein Bett mit blau und weiß gewürfeltem Bezug zu erkennen. Das Licht kam von einer Küchenlampe aus Blech, welche an einem der Dachstuhlpfosten hing.

Kurt wurde auf den Stuhl genötigt, die beiden anderen saßen ihm gegenüber auf der Bank. Es war, als seien die beiden längst miteinander befreundet; sie hatten sich nur kurz angesehen und nannten sich gleich mit dem Du, wie es diese Leute ja pflegen.

Ein merkwürdiges Schweigen herrschte, denn der Schneider wartete auf die Anrede, der Fremde wußte nichts von dem, was Kurt mit ihm vorhatte, und dieser war in ein Nachdenken versunken.

Endlich kam von dem Stromer eine Bewegung; er zog sich einen Schuh aus. Der Schneider erhob sich, holte von einem Balken ein eingewickeltes Päckchen, öffnete es und reichte es dem Mann, indem er sagte »Hirschtalg«. Der andere bedankte sich und rieb den aufgegangenen Fuß ein. »Vierzehn Stunden,« sagte er dabei.

Wieder war das drückende Schweigen. Endlich ermannte sich Kurt und sprach zu dem Schneider: »Wollen Sie sich nicht dieses Mannes annehmen?« Feindselig warf der Stromer ein: »Hier ist schon Raum genug, wenn ich die Säcke dort haben kann, so bin ich zufrieden«; er deutete auf die Ecke im Hintergrund, wo leere Kartoffelsäcke übereinandergeschichtet lagen. »Ja, ein Bett habe ich ja nicht für dich,« erwiderte der Schneider. »Wirst auch schon schlechter geschlafen haben,« antwortete der Fremde. »So meinte ich es ja nicht, ich hatte daran nicht gedacht,« sagte unsicher Kurt.

»Ich will Ihnen sagen, was Sie meinen; ich soll mich dieser verzweifelten Seele annehmen, denn Sie können nicht mehr weiter,« sprach der Schneider, in solchem haßerfüllten und triumphierenden Ton, daß der Fremde mehr noch über den Ton, wie über den Inhalt der Worte verwundert wurde.

Kurt sah ihn nachdenklich an.

»Sie beginnen jetzt zu begreifen,« fuhr der Schneider fort. »Sie sind der selbstsüchtigste Mensch, den ich kennen gelernt habe. Die Welt kann aber nicht bestehen, wenn die Menschen selbstsüchtig sind, es muß Menschen geben, welche sich opfern. Sie wollen sich nicht opfern, und nun wundern Sie sich, daß Sie von den andern ausgestoßen werden.«

Er holte ein Leihbibliothekbuch aus der Schublade und zeigte es Kurt; es war ein Band von Dostojewskis Brüdern Karamasow.

»Das ist ein merkwürdiges Buch,« fuhr der Schneider fort; »aber es ist ganz dumm. Jetzt habe ich die Erzählung vom Großinquisitor gelesen. Der Großinquisitor hat recht, Jesus hat unrecht. Ich weiß gar nicht, ob Jesus die Menschen freimachen wollte; es ist mir nur sicher, er selber wollte frei sein, deshalb hat er den drei Versuchungen nicht nachgegeben. Wie dumm, daß man das Versuchungen nennt und vom Satan spricht. Wer in der Welt lebt, der muß wirken, und wer wirken will, der braucht das tägliche Brot für seinen Körper, der braucht die Kraft seines Geistes, und der braucht die Macht über die Welt. Wer das nicht will und sich rein erhalten von der Welt, wer die Sünde scheut, der ist ein Selbstsüchtiger. Wer einen Menschen aus dem Sumpf ziehen will, der muß sich auch die Füße schmutzig machen.«

Der Schneider schwieg. Kurt erwiderte ihm: »Mir scheint, daß der Dichter in dem Großinquisitor den Antichristen darstellen wollte.«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen,« sagte der andere, »ich habe so lange über die Namen nachgedacht, daß mir zum Speien übel geworden ist von der Anstrengung. Ich bin ja kein Gelehrter, der sein Hirn geübt hat, ich bin bloß ein Arbeiter. Nennen Sie es doch Antichrist; ändert das denn etwas daran, daß der Antichrist den Menschen Gutes tut und der andere bloß daran denkt, daß auf seine Lackstiefelchen kein Spritzer kommt?«

»Sie haben recht in allem,« antwortete Kurt, »wenn Ihre Voraussetzung richtig ist, daß man nämlich den Menschen überhaupt helfen kann. Wem haben Sie denn geholfen?«

»Mir!« schrie der Stromer und sprang erregt auf. »Dich habe ich gesucht, nun habe ich dich gefunden, dir will ich jetzt folgen.«

»Ähnliches haben Sie auch zu mir gesprochen,« sagte Kurt kaltblütig. »Sie haben keinen Willen und suchen nach einem Menschen, der für Sie den Willen hat. Aber was nutzt das? Ist Ihnen damit geholfen? Wenn ich will, so haben Sie meinen Willen; aber ich will nicht, denn ein Mensch soll seinen eigenen Willen haben. Das ist es ja. Ist denn ein Mörder schlechter wie irgendein anderer Mensch? Sie sind beide gleich, und beiden ist nicht zu helfen.«

»Aber ich will doch den Menschen helfen!« schrie nun der Schneider und richtete sich gleichfalls von seiner Bank auf. Die Lampe am Pfosten zitterte durch seine Bewegung. »Ich muß doch einen Zweck meines Lebens haben! Und weshalb wäre denn das in mir? Was will ich denn von den Menschen?«

»Macht,« erwiderte Kurt ruhig. »Wissen Sie nicht, was der Antrieb des Antichrist ist? Hochmut und Machtsucht.«

»Und Sie, sind Sie denn nicht hochmütig?« schrie der Schneider.

Kurt sah ihn betroffen an, dann überlegte er sich seine Worte eine lange Zeit und sagte endlich: »Nein, aber die Menschen tun mir leid.«

»Dieser Herr, der so tugendhaft ist, daß ihm die Menschen leid tun,« rief boshaft der Schneider, »hat eben ein braves Mädchen verführt, und damit nichts ruchbar wird, so verheiratet er sie gleich.«

»Was ich getan, das habe ich getan, aber nicht in Ihrer Gesinnung, sondern in meiner. Ich bin auch ein Mensch wie andere und habe Mitleid mit mir selber.«

»So bereuen Sie?« fragte der Schneider neugierig. »Ich bereue viel, und ich möchte wissen, ob das bei Ihnen auch so ist.«

»Ich weiß nicht, ob ich von Reue sprechen kann,« erwiderte Kurt; »ich weiß nur, daß ich das tun mußte, und zuweilen scheint mir, die alte Ansicht ist richtig, daß ein Mensch eine gewisse Menge von Sünden begehen muß in seinem Leben. Das wäre schauerlich, aber vielleicht ist es so. Doch wird etwas anders, wenn ich mich selber quäle? Ich will suchen, mich besser und freier zu machen.«

Der Fremde unterbrach Kurt und sprach: »Was soll mir das alles? Ich lebe und weiß nicht, weshalb. Mir geht es wie dem da. Ich muß doch einen Zweck meines Lebens haben!«

Kurt lachte und erwiderte: »Dieses Wort haben Sie mir schon auf der Straße gesagt, es ist Ihr Wort. Was verlangen Sie denn? Weiß der Stein seinen Zweck in einem Gebäude? Der Maurer weiß ihn, der ihn an seine Stelle mauert. Was Sie wollen, das ist ja nur das uralte kindische Wollen des Menschen, der meint, daß Regen und Sonnenschein kommen müsse für seinen Weizen, der nicht ahnt, daß er selber mit seinem Weizen, Regen und Sonnenschein in einen großen Weltzusammenhang gehört. Wenn Sie an Gott glaubten, so würden Sie keinen Zweck für Ihr Leben suchen, denn wer an Gott glaubt, der glaubt, daß der Zweck seines Lebens in Gott liegt, der wird dadurch zuletzt eins mit Gott.«

»Aber was soll ich denn tun?« fragte ängstlich der Fremde.

»Sie haben den Abschnitt in Ihrem Roman wohl zu Ende gelesen,« sprach Kurt zu dem Schneider. »Der Großinquisitor zeigt Christus, daß sein Werk töricht gewesen ist, weil er die Menschen hat befreien wollen, denn die Menschen wollen ja gar nicht frei sein. Deshalb sei die Kirche gekommen als der wahre Antichrist und habe im Namen und mit den Worten Christi die Menschen wieder unfrei gemacht. Christus antwortete ihm nichts – er kann ihm ja nichts antworten, denn der Großinquisitor hat recht. Aber er geht auf ihn zu und küßt ihn. Da erbleicht der Großinquisitor, öffnet die Gefängnistür, und Christus geht aus dem Gefängnis. Der Großinquisitor hat recht, und er ist dennoch besiegt.«

»Er ist besiegt, aber wie ist das möglich, daß er besiegt wird, wenn er im Recht ist?« fragte der Schneider.

Da lächelte Kurt, ging auf ihn zu, küßte ihn auf die Stirn und verließ das Zimmer.

Der Schneider schlug beide Hände vor die Augen. Aber als er die Hände nach langer Zeit fortnahm, war Blut vor seinem Mund; er hatte sich die Lippen blutig gebissen. »Einen solchen Menschen muß man totschlagen,« flüsterte er; sein Gesicht war totenblaß, ein Blutstropfen war ihm auf das Kinn gefallen, welches wackelte.

»Totschlagen,« antwortete der andere.

Plötzlich warf sich der Schneider mit aller Wucht auf die Knie, daß die Bohlen erbebten, erhob seine Hände und schrie betend: »Führe mich nicht in Versuchung, führe mich nicht in Versuchung! Ich will ja nicht, ich will ja nicht!«

Der Stromer sah ihm mit dumpfem Gesichtsausdruck zu, dann kniete er gleichfalls nieder und hob die Hände hoch.

Ein Mann stolperte eilig die Treppe herauf, öffnete die Tür, stürmte herein. Seine Stirn war schweißbedeckt, das Haar war ihm in Strähnen angeklebt, die Augen gingen irr. »Mein Mariechen stirbt,« schrie er, »komm und hilf!«

Der Schneider erhob sich, der Mann eilte stolpernd und fast fallend wieder die Treppe hinab, er folgte ihm; hinter ihm ging der Stromer. Sie schritten durch die Dorfstraßen; Hunde belferten, aus kleinen Fensterchen fiel Lichtschein, der halb gefrorene Schmutz auf dem Weg gab unter ihren Tritten zähe nach. »Wir haben alles versucht, auch der Arzt ist dagewesen,« sagte der Mann wie zu sich selber. Sie kamen vor das Haus, der Hund stürzte wütend vor, erkannte seinen Herrn, der gab ihm einen Tritt, daß er heulend zur Seite flog. »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes,« sagte der Schneider. Der Mann stieß die Tür auf, sie traten in eine Schusterwerkstatt.

»Wir haben ihr Bett in die Werkstatt gebracht, weil es hier warm ist,« sagte der Vater und ging dann zu dem kranken Kind.

In der Mitte der Werkstatt stand der Schustertisch mit dem Arbeitszeug, der Lampe und der Schusterkugel, davor ein Schemel. In der einen Ecke drängten sich Menschen zusammen, vor dem Gestell mit den Leisten und Lederstücken. In der entgegengesetzten Ecke stand das Bett, vor ihm kniete der schluchzende Vater. Ein Geruch von verbrannten Haaren schwebte in der Luft, die alte Großmutter war über das Kind gebeugt und fächelte ihm mit den verbrannten Haaren vor dem Gesicht.

Ein dumpfes Murmeln kam aus der Ecke, wo sich die Menschen drängten.

Der Schneider ging mit festen Schritten auf das Bett zu, schob die Alte fort, der Vater rutschte auf den Knien zum Fußende, der Schneider bückte sich über das Kind.

Das Kind hatte die Ärmchen erhoben, die Daumen in die Fäustchen geklemmt, in den Augen war nur das Weiße zu sehen, vor dem Mund stand ein leichter blutiger Schaum.

Der Schneider kniete nieder, legte die eine Hand auf das Haupt des Kindes, die andere auf das Herz, und betete laut: »Himmlischer Vater, erbarme dich dieses unschuldigen Kindes.« Ein schnurrender Laut schien von dem Kind zu kommen.

Aus der Gruppe im Winkel löste sich ein alter blinder Mann, der Großvater des Kindes, und tastete sich mit dem Stocke zum Bett. »Der himmlische Vater erbarmt sich nicht,« sagte er, »er sucht die Sünden der Eltern heim an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Das ist ein Silvesterkind, der Kerl hat es in der Betrunkenheit erzeugt. Meine Tochter hat er schon unter die Erde gebracht, nun kommt das Kind an die Reihe. Das Kind hat es gut im Grabe, was soll es bei dem versoffenen Kerl, der es jeden Tag schlägt.«

»Ich schlage es nie wieder,« schrie der Vater, »mache es gesund, Schneider; das Herz geht mir ab, wenn das Kind stirbt.«

»Acht Jahre ist das Mariechen alt, und hat kochen müssen, und die Betten machen, und die Werkstatt aufräumen, und flicken und stopfen, und so geschickt war es,« fuhr der Großvater fort. »Aber jeden Tag hat es seine Schläge gekriegt; dem Hund geschieht recht, wenn es der Herrgott zu sich nimmt.«

»Vater, erbarme dich dieses unschuldigen Kindes,« betete der kniende Schneider.

Die Schusterkugel schwankte, das Licht war unheimlich in der Werkstatt. Aus dem schweigenden Haufen im Winkel löste sich der Verkäufer des Konsumvereins los und sagte zu dem alten Blinden: »Sie tun Ihrem Schwiegersohn unrecht, er ist kein schlechter Mensch.«

»Nein, ein schlechter Mensch bin ich nicht,« jammerte der Schuster, »das wissen alle, ein schlechter Mensch bin ich nicht.«

»Du hast ihn auf dem Gewissen,« schrie der Alte den Verkäufer an. »Immer in die Versammlungen laufen, sein Geschäft versäumen, andere Dinge im Kopf haben, die ihn nichts angehen.«

»Ich ... ich habe ihn doch oft ermahnt, er soll nicht zuviel trinken, er soll an seine Familie denken,« stotterte der Verkäufer.

»Was nützen denn deine Ermahnungen,« sagte nun die Großmutter. »Das ist dein Geschäft, das Schwatzen, das weiß jeder.«

»Ich bin kein Geschäftssozialist,« erwiderte beleidigt der Verkäufer. »Wenn ich meine Überzeugungen nicht hätte, dann könnte ich mehr verdienen und könnte in Berlin leben und hätte alle Bildungsmittel der Gegenwart zu meiner Verfügung.«

Draußen blies der Nachtwächter in sein Horn und rief die Stunde aus:

Hört, ihr Leute, und laßt euch sagen,
Die Glocke hat zehn geschlagen.
Bewahrt euer Feuer und euer Licht,
Daß den Herrn kein Schaden geschieht.
Lobt Gott den Herrn.

»Schon vier Stunden liegt sie,« sagte eine Stimme aus dem Winkel, »um sechs hat es angefangen.«

»Dein Kind wird gerettet werden,« sagte der Schneider zu dem Vater. Dieser schrie laut auf, erhob sich, schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief: »Das Mariechen wird gerettet werden.«

Der Blinde tastete sich mit der Hand nach dem Kopf des Schneiders, befühlte sein Gesicht und schüttelte das Haupt; dann sagte er: »Der ist nicht aus dem Licht.«

»Die ganze Woche habe ich ja schon in der Bibel gelesen,« beteuerte der Schuster, »ich will mich bessern, da steht mir Gott bei und nimmt mir das Mariechen nicht von mir. Es hat ja schon früher die Fräsen gehabt und ist immer wieder gesund geworden, so ein gutes Kind ist es.«

»Das ist es also, auf den Schneider hast du gehört!« schrie ihn der Verkäufer an.

»Kannst du mein Kind gesund machen?« fragte ihn der Schuster.

»Der Doktor ist dagewesen, der Doktor –« sagte der Verkäufer; er wußte nicht, wie er fortfahren sollte.

»Ja, die Herren haben eben keine Zeit für unsereinen,« warf die Großmutter ein und sah auf den Verkäufer. »Ich habe drei Haare verbrannt und ihr vor die Nase gehalten, das hat geholfen. Wenn der Schneider betet, das ist ja auch gut. Du aber, du, du bist der Antichrist.«

»Der Antichrist,« beteuerte der blinde Großvater, indem er mit dem Stock auf die Dielen stampfte.

»Sie hat die Augen geschlossen,« rief der Schneider; alle wollten sich um das Bett drängen, der Schneider hielt sie zurück. »Du hast mir geholfen,« schrie weinend der Vater; der Schneider wehrte ihn ab, ging wieder zu dem Kinde zurück, im Winkel ballten sich die Menschen wieder und murmelten. Der Schneider löste die Fauste, sie lösten sich leicht, er beugte die Ärmchen und legte sie unter die Decke, dann zog er ein Taschentuch und wischte den Schaum vom Munde. Das Kind schlief nun ruhig.

Der Verkäufer kam auf den Fußspitzen gegangen, sah sich das Kind in dem unbestimmten Licht an, er sah es lange an. Dann sagte er leise zu dem Schneider: »Haben Sie denn nun das Kind gesund gemacht?« »Gott hat es gesund gemacht«, antwortete dieser leise. Der Verkäufer schüttelte den Kopf. »Der Arzt hat doch gesagt, es kommt nicht wieder zu sich,« erwiderte er. »Hat er das gesagt, haben das die anderen gehört?« fragte schnell der Schneider. »Ich kann mich auch verhört haben, beschwören kann ich es nicht, das ist ja doch unmöglich!« erwiderte ängstlich der Verkäufer. »Hat es noch jemand gehört?« fragte eindringlich der Schneider. Der Verkäufer ging zu den anderen zurück.

Der Schneider trieb alle aus der Werkstatt. »Das Kind darf nicht gestört werden,« sagte er. Alle gingen, leise, auf den Fußspitzen. Zuletzt nahm er den Vater beim Arm und ging mit ihm hinaus. Der Hund hatte sich in seine Hütte verkrochen, seine Augen leuchteten ängstlich in der Dunkelheit. »Was hat der Arzt gesagt?« fragte der Schneider den Mann. »Menschliche Hilfe ist unmöglich,« antwortete der. Danach preßte er die Hand des Schneiders, vor Erregung konnte er nichts sprechen. Er trat an das erleuchtete Fenster und sah in seine Werkstatt. Da stand sein Tisch, sein Schemel, die Lampe, die Schusterkugel, in der Ecke, im Dunkeln, war das Bett mit dem Kind. Nichts bewegte sich in dem Zimmer. Das Licht ging durch die Kugel, ein bunter Flecken fiel auf den Schustertisch über den Streckhammer, weiter auf die Erde, über einen halbfertigen Schuh, wo eben die Sohle angenäht werden sollte, die Ahle steckte in der Sohle, der Pechdraht mit der Schweinsborste vorn war in dem bunten Fleck zu erkennen; der Schuh lag noch da, wie er ihn im ersten Schreck fortgeworfen, als das Kind den Anfall bekommen hatte.

»Der Alte hat ja recht, es ist ein Silvesterkind,« sagte der Schuster schluchzend. »Ich habe an nichts gedacht. Meine Frau habe ich auch auf dem Gewissen, die liegt nun auf dem Kirchhof. Früher habe ich nichts von Gott gewußt. Ist das Mariechen denn nun für immer gerettet oder kommt der Anfall wieder?« Er erhielt keine Antwort; der Schneider hatte sich mit seinem Gast leise entfernt. So blieb der Schuster allein vor seinem Fenster und starrte noch lange in die Werkstätte mit dem Bett im Dunkel und den beiden bunten Flecken auf Tisch und Boden.

Der Verkäufer hatte sich an den Schneider und seinen Gast angeschlossen, indem er mit kurzen Beinen neben den weit ausschreitenden Männern herlief. Er sprach: »Es gibt wohl manche Kräfte in der Natur, die wir noch nicht kennen, es ist eben noch nicht alles erforscht. Das sind so magnetische Heilkräfte. Dabei ist gar nichts Übernatürliches.« Als der Schneider schwieg, fuhr er fort: »Ich habe meinen Vater bei mir, er ist ja nun ein alter Mann, aber ich denke, das hat die Natur so eingerichtet, daß die Kinder ihre alten Eltern unterstützen müssen; er nimmt ja auch keinen Platz weg, und essen tut er so viel wie ein Vogel.« Der Schneider schwieg noch immer, der Stromer fragte den Verkäufer: »Na, was wollen Sie denn eigentlich von dem Mann?« Der Verkäufer eilte noch eine Weile stumm neben ihnen, als des Schneiders Haus aus dem Dunkel auftauchte, sagte er: »Es ist nämlich, daß mein Vater in seinem Bett sitzt und nicht schlafen kann.« »Er wird bald zum ewigen Schlaf eingehen,« antwortete ihm der Schneider. Der Verkäufer sagte erschrocken: »Das Alter hat er ja wohl, aber wir hätten ihn doch noch gern bei uns.« »Wir wollen gehen,« sprach der Schneider, und so gingen die drei zu dem Haus des Konsumvereins.

Die Frau des Verkäufers war noch wach und erwartete ihren Mann. Der trug ihr auf, Kaffee zu machen, sie ging erstaunt in die Küche und mahlte die Bohnen. Geschäftig bat der Verkäufer die beiden, abzulegen; der Stromer lachte; dann traten sie durch eine Tapetentür in die Schlafkammer des Alten.

Der alte Mann war Volksschullehrer gewesen und hatte das Gesicht eines Dorfschullehrers, der in seiner Jugend noch halb geistlich war und das Gesicht rasiert hatte wie ein Pastor. Er saß aufrecht im Bett und sah die Kommenden mit aufgerissenen rollenden Augen an.

»Kennst du mich, Vater?« fragte ihn der Verkäufer. Der alte Mann nickte und sah zu dem Schneider, der sich auf die Bettkante gesetzt hatte. An der geweißten Wand hing, mit silbernen Buchstaben auf schwarze Pappe gedruckt, ein Sinnspruch: »Lerne leiden ohne zu klagen.« »Ein schöner Spruch,« sagte der Verkäufer zu dem Stromer und seufzte; dieser versetzte grinsend: »Lerne klagen ohne zu leiden«; der Verkäufer wendete sich von ihm ab und sprach zu dem Schneider: »Wir haben ihm immer vorgesungen: Blau blüht ein Blümelein; das hat ihm Freude gemacht.«

Der Schneider hatte eine der kalten knochigen Hände des Sterbenden gefaßt und sah in die aufgerissenen rollenden Augen. Der Mund des alten Mannes öffnete sich, und undeutlich, weil die Zunge nicht mehr recht folgen wollte, kamen aus ihm die abgebrochenen Sätze: »Bei einer Taufe habe ich selber gesehen, wie der Großbauer Wilhelm einen Taler in das Taufbecken geworfen hat, und nachher waren nur Fünfzigpfennigstücke darin. Der Pastor hat mir den Taler heimlich herausgenommen. Ich habe Wilhelm selber gefragt, oder einen Taler geopfert hat. Er hat einen Taler geopfert, und wie ich die Opfergabe herausnehmen will, da finde ich nur Fünfzigpfennigstücke. So sind die Pastoren alle. Glauben Sie ja keinem Pastor.«

»Denken Sie daran, daß Sie bald Rechenschaft ablegen müssen vor dem Höchsten,« sagte der Schneider.

»Dieser Herr ist ein Heilmagnetiseur,« unterbrach ihn der Verkäufer. »Er will machen, daß du einschläfst.«

Der Mund des Alten machte kauende Bewegungen, seine aufgerissenen Augen waren starr auf den Schneider gerichtet. Er brachte vor: »– Einen Taler hat er in das Taufbecken geworfen, einen Taler.«

Der Schneider stand vom Bettrand auf, kniete vor dem Bett nieder, faltete die Hände und betete leise. Die aufgerissenen Augen in dem ausdruckslosen Gesicht wendeten sich auf ihn. Der Verkäufer ging zum Fenster, sah in das Dunkel und trommelte auf dem Fensterbrett.

»Meine Mütze,« sagte mühsam der Sterbende.

Der Verkäufer ging zum Schrank, nahm eine weiße baumwollene Zipfelmütze heraus und setzte sie ihm auf den Kopf, indem er sagte: »Du bist es doch nun einmal gewohnt.« Die Troddel der Zipfelmütze stand hoch, das wachsbleiche Gesicht mit den rollenden großen Augen machte einen lächerlich-grausigen Eindruck. Plötzlich stieg ein tiefer Seufzer von unten her aus der Brust des Kranken; der Verkäufer hielt ihn noch schnell im Rücken und legte ihn leise; dann drückte er ihm die Augen zu. Die Frau kam in die Sterbekammer, wischte sich mit der Schürze die Augen und sagte: »Er hat einen schönen Tod gehabt.« Der Schneider stand verstört auf, der Verkäufer drückte ihm still die Hand; die Frau sagte: »Wir kommen die Nacht doch nicht zum Schlafen, wollen die Herren nicht eine Tasse Kaffee mit trinken?«

Sie verließen die Sterbekammer und gingen in das Wohnzimmer. Der Sofatisch war sauber gedeckt, eine große Kanne mit Kaffee stand da, der Milchtopf, die Zuckerbüchse und vier Tassen. Alle setzten sich und tranken.

Dem Verkäufer rollten die Tränen über das runde Gesicht, indessen er trank. Zuweilen horchte er unbemerkt ängstlich nach der Sterbekammer. Plötzlich sagte er mit verzerrtem Gesicht: »Ich muß ja auch einmal sterben.«

Der Stromer hatte gerade die Tasse an den Mund gesetzt und getrunken; wie er den Gesichtsausdruck des Verkäufers sah, lachte er, verschluckte sich, hustete; der Verkäufer, um von sich abzulenken, sprang auf, trat hinter ihn und klopfte ihm auf den Rücken. Der Schneider hatte nachdenklich ein Stück Brot zerbröckelt, nun aß er die Krümel und sagte dann zu dem Verkäufer: »Die Eltern des Schusters nannten Sie den Antichrist.«

Der Verkäufer wurde rot, stotterte und sagte: »Das sind ja nur so ungebildete Leute.« Dann wurde er weiter verlegen, wie er das nachdenkliche Gesicht des anderen sah, und nun versteckte er sich unter Grobheit: »Sie haben ja meinem Vater geholfen durch Ihre magnetische Kraft, aber Sie müssen nicht denken, daß ich Ihren Unsinn glaube.«

»Ja, wenn nun ein anderer der Antichrist wäre,« sprach der Schneider zu sich selber, »dann könnte ich es doch nicht sein.«

Die Frau zog ihren Mann am Rock und tuschelte ihm leise zu: »Du mußt ihm doch etwas geben.« Der Mann wurde wieder verlegen und sagte ihr ärgerlich: »Bekümmere du dich um deine Weibergeschichten und laß die Männer zufrieden.« Die Frau zuckte die Achseln und räumte das leere Geschirr ab.

»Nun könnten wir ja wohl einen Skat spielen,« sagte frech der Stromer, indem er, die Hände in den Hosentaschen, die Beine weit von sich streckte. »Komm,« herrschte ihn der Schneider an, daß er zusammenfuhr, aufsprang und mechanisch die Finger an die Hosennaht legte. Der Schneider nahm seine Mütze, verabschiedete sich von dem Verkäufer und ging; der Stromer folgte ihm.

»Dem brauchst du bloß mit dem kleinen Finger vor die Brust zu tippen, dann fällt er schon um,« sagte draußen der Stromer zu dem Schneider, »aber den andern, den Steinbeißer, den kriegst du nicht, der ist früher aufgestanden wie du.«

»Was will ich denn!« flüsterte der Schneider vor sich hin; »was will ich denn! Ich will ja doch den Menschen helfen!«

Der Nachtwächter rief Mitternacht aus. Sie mußten vor dem Haus des Schusters vorbei zurück zu ihrem Hause; da stand der Schuster noch immer vor dem erleuchteten Fenster, hatte den Kopf an die Scheibe gedrückt und sah in die Werkstatt, wo in der hintersten Ecke in ihrem Bett sein Kind schlief. »Dem hast du doch geholfen,« sagte der Stromer zu ihm. Er blieb stehen und antwortete wie zu sich selber: »Ist das denn richtig gewesen? Vielleicht hätte ich alles sollen so gehen lassen wie es war? Was nützt es denn, den Menschen helfen? Man müßte sie ändern, dann wären alle gut. Aber wie kann man sie denn ändern? Einer ist so, wie er ist. Man kann ja nichts tun, als sich selber gut machen. Er hat recht, daß er sich die Stiefel nicht beschmutzt. Ich bin ja ein Lügner, und alles, was ich tue, das erweckt ja Lüge.«

»Aber der Schuster ist doch ein anderer Mensch geworden,« warf der Stromer furchtsam ein.

»Was sind denn Taten,« schrie der Schneider. »Alle Taten sind falsch, die Gedanken sind falsch, die Gefühle schon sind falsch, mit all diesem lügen die Menschen. Aber etwas gibt es im Menschen, das kann nicht lügen, das ist immer wahr; das fühle ich, daß es das auch in mir gibt, aber ich kann es nicht verstehen, es spricht eine andere Sprache wie ich. Der andere hat ja recht, ich bin für ihn der Antichrist, wie für mich armseligen Menschen dieser Narr von Verkäufer der Antichrist ist; und vielleicht gibt es einen, für den der andere der Antichrist ist. Das würde mich freuen, wenn er so verzweifeln müßte, wie ich verzweifeln muß.« Der Stromer wendete sich von ihm.

»Wohin willst du?« rief der Schneider.

»Fort,« antwortete er. »Ich dachte, ich wäre bei einem, der mir etwas sagen kann.«

»Bleibe,« sagte der Schneider zu ihm; »dir kann ich noch viel sagen, was du brauchst. Siehst du denn nicht ein, daß es das gerade ist: Herr Kurt kann dir nichts sagen, denn den kannst du nicht verstehen; aber ich bin so gemein, daß ich dir alles sagen kann.«

»Gut,« erwiderte trocken der Stromer. »Dann wollen wir nach Hause gehen. Ich bin müde und will schlafen.«

Sie gingen zum Hause des Schneiders, stiegen die schmale und steile Treppe hoch und legten sich schlafen.

*

Kurt war die Dorfstraße hinuntergegangen, nachdem er das Haus des Schneiders verlassen, hatte die Brücke überschritten und dann die Landstraße talabwärts verfolgt. Er war aus dem Tal hinausgekommen in die Ebene, über welcher der blaue, bestirnte Himmel lag, und indem er seine nächtlichen Wege weiter wanderte, war er gegen Vormittag bei Herrn von Riemann angelangt.

Er traf Herrn von Riemann in seinem Arbeitszimmer über ein Reißbrett gebeugt. »Man muß die Pläne für die Bauernhäuser selber entwerfen,« sagte er, »was man in Büchern findet, das ist Stubenweisheit, und die Maurermeister auf dem Lande gehen ihren gewohnten Gang.« Dann zeigte er mit jugendlicher Behendigkeit seinen Grundriß. Es mußte alles unter einem Dache sein, damit die Frau das Vieh ordentlich besorgte, aber doch so, daß die Wohnzimmer genügend getrennt von den Stallräumen waren. Er hatte auch die Ansicht, man müsse den Leuten eine gute Stube vorsehen, denn deren Besitz erhöhe das gesellschaftliche Selbstgefühl und damit die Sittlichkeit. »Es ist schnurrig,« fuhr er fort, »bei unsereinem muß der Dünkel ausgetrieben werden, wenn man brauchbare Menschen haben will, bei diesen Leuten muß man erst künstlich einen Dünkel züchten.« Kurt lachte und sprach: »Wir wollen lieber nicht zuviel Dünkel austreiben; wer ihn nicht mehr braucht, bei dem verschwindet er schon von selber, und die meisten Menschen brauchen ihn ja doch nun einmal.« »Sie spielen wohl leicht auf mich an?« fragte lächelnd Herr von Riemann; »ja, wenn man vor der Zwangsversteigerung steht, da hat man schon sein bißchen Hochmut nötig.« »Ich dachte auch an mich,« erwiderte ihm mit ernster Miene Kurt.

Die Männer besprachen noch verschiedenes über die Aufteilung. Es sollten zwei größere Bauerngüter geschaffen werden, im übrigen mittlere und kleinere, damit Verschiedenheit und Wettstreit herrsche und immer die Möglichkeit einer Verbindung mit der höheren und gebildeteren Welt. Man besprach den Gedanken, die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe ertragreicher zu machen durch Übergang zu mehr gärtnerischer Bebauung, und dachte daran, daß in absehbarer Zeit einmal die arischen Völker mit den mongolischen werden kämpfen müssen, und daß in diesem Kampf die Völker siegen werden, welche den geringsten Bodenraum für die Familie beanspruchen. Herr von Riemann brachte seinen Lieblingsplan vor, zerstreute Gehöfte zu bauen statt geschlossener Dorfanlagen, weil im Alleinwohnen Verstand und Charakter der Menschen sich besser entwickelt. Sie nahmen die Flurkarte vor, überlegten und teilten ein, beschlossen, am Nachmittag sich alles an Ort und Stelle anzusehen; dabei wurde Herrn von Riemann die ungewöhnliche Zeit und Art des Besuches klar; er unterdrückte seine Verwunderung, Kurt eine leichte Verlegenheit.

So kam die Mittagszeit heran; sie gingen ins Eßzimmer, wurden von den Damen begrüßt, man setzte sich und aß.

Kurt sagte: »Wir bestimmen doch wie Götter über das Geschick künftiger Menschen, von unseren Entschlüssen heute hängt wirklich viel, das meiste vielleicht dieser Geschicke ab. Wir selber sind wieder durch frühere Menschen bedingt. So ist scheinbar alles wundervoll durch Ursachen verbunden. Aber, was ist es denn nun eigentlich, was uns bei unseren heutigen Entschlüssen treibt? Bei mir der in meiner Person nachwirkende Wille meines Stiefvaters, denn mein eigener Wille ging von sich aus ganz andere Wege. Bei Ihnen die handwerklichen Erwägungen des pflichttreuen Ausführenden. Woher kam der Wille meines Stiefvaters? Wir wissen es nicht; ich denke, er hat es selber nicht gewußt, wie ich selber ja auch nicht weiß, woher mein Wille kommt.«

Herr von Riemann antwortete: »Die eigentlichen Verwicklungen kommen erst. Wie man eine Sache plant, so wird sie nie Wirklichkeit; ja so sehr ist die Wirklichkeit oft von dem Plan verschieden, daß sie sein Gegenteil sein kann. Dennoch ist die Wirklichkeit immer richtig, eben weil sie die Wirklichkeit ist, und wir sind oft die Genarrten und erscheinen uns etwa wie Kinder, welche glauben, ihre Lektion für den Lehrer zu lernen, indessen sie für etwas in ihrem späteren Leben lernen, davon sie gar nichts wissen.«

»Vielleicht ist es doch das Richtigste, wenn wir sagen: wir sind Gottes Werkzeuge,« schloß Kurt das Gespräch.

Nachher suchte er Gelegenheit, mit Anna allein zu sein. »Es scheint mir,« sagte er, »daß ich zu Klarheit darüber gekommen bin, was in mir gewollt wird, und dazu haben Ihre Worte mir sehr geholfen, wenngleich sie auf ganz etwas anderes gingen. Ich werde eine Arbeit tun in der Art, wie mein Stiefvater wollte, und es ist nötig, daß ein Mann eine Arbeit tut, denn wer nur denkt, der zerdenkt sich. Ich hatte gedacht, ich wollte ein Seelsorger werden für Menschen, aber ich sehe nun ein, daß Worte wohl Schlummerndes wecken können, aber nicht Neues schaffen; geschaffen wird nur durch Handeln und Leben, langsam, im Lauf von vielen Menschenaltern. Mein Stiefvater hatte doch recht, mir gegenüber, wenn er sich auch nicht so klar war wie ich. So denke ich nun in der Verfassung zu sein, in der ein Mann sein muß, welcher einem Mädchen die Hand bietet und es fragt, ob sie seine Gattin werden will.«

Anna errötete tief, senkte das Haupt ein wenig, dann fügte sie leise die Hand in die dargereichte Hand Kurts. Kurt legte seinen Arm um ihre Schulter und küßte sie, sie erwiderte seinen Kuß und sagte: »Ich verspreche dir, daß ich für dich sein will, und nicht für mich.«

Sie gingen zu den Eltern und erzählten ihnen das Geschehene, die Eltern freuten sich, und es stellte sich heraus, daß sie an eine solche Verlobung gedacht hatten als an eine wünschenswerte Möglichkeit. Man besprach allerlei, Nötiges und Überflüssiges, Anna bemerkte einen Schatten auf Kurts Gesicht, machte sich mit ihm frei und fragte ihn. Es war nur eine unbestimmte Schwermut in Kurt; er hatte vorher an alle Ruhe und Beseligung einer glücklichen Ehe gedacht, ein frohes Erwachen am Morgen, frische Arbeit am Tage, stilles Behagen in den wenigen Mußestunden; Erziehen gutgearteter Kinder, tätiges Eingreifen in andere Verhältnisse, die erst aus dem eigenen bürgerlichen Leben verstanden werden; und nun, durch die Gespräche der Eltern, war plötzlich eine trübe Stimmung über ihn gebreitet, als sei nicht recht, was er getan. »Ist das nur eine törichte Laune, die über mich gekommen, der ich nicht nachgeben darf, oder gelangt eine Warnung nach oben aus der Tiefe meines Innern, das nicht durch Worte sprechen kann und nur durch Gefühle sich ausdrückt?« so fragte er sich, und zugleich wunderte er sich über die Unsicherheit, die plötzlich in seinem Wesen war, die pedantische und hypochondrische Selbstbeobachtung.

»Erinnere dich an das, was du selber bei Tisch sagtest,« warf ihm Anna ein. »Wir sind die Werkzeuge Gottes. Wir können nichts, als das tun, was wir für richtig halten, aller Ausgang unserer Taten aber hängt nicht von uns ab, und wir sind töricht, wenn wir über den Ausgang nachdenken, der uns notwendig unbekannt ist, statt über unseren Willen, den wir ja kennen.«

»Kennen wir ihn wirklich?« fragte Kurt. »Ich glaube gar nicht, daß wir die Eigenschaft haben, die wir Willen nennen, sondern es ist etwas, das uns treibt, dessen Treiben wir uns dann nachträglich klarzumachen suchen. Ich habe plötzlich Angst vor diesem, das mich treibt; unsere Vorfahren hätten gesagt: ich habe Ahnungen von Unheil.«

Herr von Riemann hatte anspannen lassen, die beiden mußten nun mit ihm fahren, um draußen überall zu besichtigen, wie er sich die Verteilung gedacht hatte. Sie fuhren die Feldwege, über die Felder und Wiesen; da zog sich ein Bach in gewundenem Lauf, an seinem Ufer wuchsen Erlen und Weiden. Ein Hase hoppte dicht vor ihnen quer über das Feld; fern am Horizont standen die blauen Berge. Der Wagen hielt auf einer kleinen Erhöhung, unter der sich wohl ein Grab aus der Steinzeit befinden mochte. Kurt stand auf im Wagen und sah sich um in der frühwinterlichen Landschaft; der Geruch der Erde, die frische, sonnige Luft, der leichte Wind, das ferne Krähen eines Hahnes, ein leises Scharren und Klirren der Pferde – alles erweckte ein Hochgefühl in ihm, daß er hätte jubeln mögen. Er machte eine weite Bewegung mit der Hand und sprach: »In wenigen Jahren werden hier überall kleine Häuser stehen, aus deren Schornsteinen der Rauch hochsteigt, Obstbäume sind um die Häuser gepflanzt, gesunde und tüchtige Menschen wohnen in ihnen; immer weiter wird sich das Bauernland dehnen, denn alles Geld, das zurückkommt, wird wieder verwendet zu neuen Käufen, und in Jahrhunderten wird dieses Gebiet wimmeln von den Nachkommen der ersten Bauern.«

»Wenn Gott will,« sagte leise Anna und faltete die Hände.

Kurt fuhr nach Hause, um alles mit seiner Schwester und dem Landrat zu besprechen. Langsam ging der Zug an der Landstraße und dem Fluß hin, das Tal hinauf, zwischen den beiden Bergen. Schneewolken lasteten am Himmel, ein graues Licht war überall. Dort war die Brücke zum Dorf, der Platz mit dem Entenpfuhl; der Zug hielt, er stieg aus, der Stationsbeamte grüßte.

Er traf Angelika allein im Arbeitszimmer des Vaters; sie saß an ihrer gewohnten Stelle und rechnete eine lange Liste nach. Als sie ihn erblickte, glitt ein freudiger Schein über ihr schwermütiges Gesicht, sie stand auf und begrüßte ihn. »Wir sind doch Geschwister,« dachte Kurt, er nahm sie in den Arm und küßte sie auf die Stirn. »Was ist dir?« fragte Angelika erstaunt. Er wurde verlegen, dann sagte er: »Ich habe mich verlobt.« Sie errötete und dachte bei sich: »Weshalb erröte ich denn?« Eine neue Zärtlichkeit brach in ihm aus, er legte seinen Arm um ihren Leib und zog sie zum Fenster, da stand vor ihnen der Kohlberg, oben rauschten die Räder des Förderschachtes, glitten die beiden Drahtseile.

Er dachte kummervoll: »Sie liebt ihren Verlobten nicht. Alles in diesem Raum ist so, wie es war, sie hat gar nicht daran gedacht, daß etwas freundlicher sein könnte für ihn. Ich bin nur ihr Bruder, aber nie war solche Freude auf ihrem Gesicht, wenn sie ihren Verlobten begrüßte, wie eben, als ich eintrat.«

Es war, als habe sie seinen Gedankengang in sich verfolgt; plötzlich sagte sie: »Wir müssen doch unsere Pflicht tun.«

Er faßte ihre beiden Hände, sah ihr in die Augen und wollte sprechen; aber sie lenkte ihn ab und sprach: »Du siehst froh aus.«

»Ich bin auch froh,« erwiderte er. »Mir scheint, früher habe ich zuviel gedacht; plötzlich ist mein Geist vom Denken freigeworden, und mir ist, wie einer Pflanze sein muß, welche den Sonnenschein spürt und aufblüht.« Wieder wollte er nun zu ihr sprechen, aber sie verspürte seine Absicht wieder, trat vom Fenster zurück, und mit jener anmutigen Bewegung, die ihr gewohnt war, indem sie beide Arme zum Haar nach hinten erhob und eine Nadel feststeckte, sagte sie: »Er wird gleich kommen.«

Da öffnete sich auch schon die Tür und der Landrat trat ins Zimmer. »Er sieht nichts,« dachte Kurt, indem er sein ruhiges Gesicht betrachtete. Die beiden begrüßten sich freundschaftlich und herzlich; »er ist doch ein Fremder,« dachte Kurt, und indem Angelika ihn in diesem Augenblick ansah, wußte er, daß Angelika dasselbe dachte. Aber dann wurde ihm plötzlich klar, daß das ein innerer Fehler in Angelikas Seele war, daß sie so denken konnte. »Sie kann sich nicht verschenken,« dachte er, »und auch die Frau kann ihr Leben nur gewinnen, wenn sie es verschenkt. – Aber kann ich selber denn mein Leben verschenken? Der Landrat kann es, Anna kann es, die beiden tun, was ihnen aufgetragen ist, ohne besonderes Nachdenken.«

Der Landrat erzählte, daß er noch von seinen Eltern her einen alten Kutscher habe, mit dem er fast aufgewachsen sei und den er immer für den treuesten Mann gehalten. Nun habe es sich herausgestellt, daß der ihn seit Jahren betrogen, indem er immer den Hafer zu teuer angerechnet. Wie er das zufällig entdeckt, seien dem alten Mann die Tränen gekommen, und er habe beteuert: »Ich bin kein Spitzbube, ich habe meinen Pferden immer ihren Hafer gegeben, und ich hätte gut Hafer verkaufen können, wenn ich gewollt; aber daß ich zwei und einen halben Silbergroschen zu viel angesetzt habe, das ist durch meinen Neffen gekommen, den Lumpen, der mir auf der Tasche liegt.« Bei dieser wunderlichen Entschuldigung sei er geblieben. »Da aber,« fuhr der Landrat fort, indem er die Geschwister mit einem gütigen Blick ansah, den man früher an ihm nicht kannte, »da aber kam mir die Erinnerung an euren Vater, und auch die Erinnerung an euch, und ich sah ein, daß ich kein Recht hatte, über den Mann zu richten. Ich habe Ähnliches wohl schon früher dunkel gefühlt, nun aber ist es mir klar geworden, durch euren Vater und durch euch; ich dachte daran, daß der Mann mir seine ganze Zuneigung geschenkt hatte, und daß ich das angenommen, als müsse das so sein und sei gar nicht anders möglich, indem ich selber mich gar nicht um ihn bekümmerte und noch nicht einmal von seinem ungeratenen Neffen und seinen Sorgen für ihn und anderen Kümmernissen wußte. Ich habe ihm nichts von diesen Gedanken gesagt, nicht, weil ich mich geschämt hätte, sondern weil durch das Aussprechen solche Gedanken ein falsches Gewicht bekommen, das bald zur Lüge führt; deshalb habe ich ihm nur versprochen, daß alles vergeben und vergessen sein solle, und habe mir in meinem Herzen vorgenommen, anders gegen ihn zu werden wie bisher; denn eigentlich war ich ja doch der Schuldige. Er freute sich und dankte mir unter Tränen, sagte dann auch, das habe er gewußt, daß ich ihm vergeben würde; und weil meine Ansicht klar geworden war, so war ich über das alles nicht beschämt, wie sonst wohl der Fall gewesen wäre.«

Unbemerkt sahen sich Kurt und Angelika wieder an, und Angelika dachte: »Habe ich nicht recht, daß ich meine Pflicht tun will?« und Kurt dachte: »Sie kann nicht mehr tun, sie tut ihre Pflicht, und das ist recht.«

Vor dem Stuhle des Landrats lagen uneröffnete Postsachen. Er setzte sich, nahm die Briefe vor, öffnete den ersten, las, dann sprang er hastig auf mit erregtem Gesichtsausdruck. Kurt sah ihn erstaunt an, er reichte ihm den Brief..

Der Brief kam von einer großen Fabrik, welche eine Hauptabnehmerin gewesen war, und enthielt die Nachricht, daß man leider gezwungen sei, die Bestellungen zunächst einzuschränken, weil von anderer Seite flüssiger Sauerstoff angeboten werde, zu einem Preis, welcher die Verwendung von Manganerz unrentabel mache.

Kurt gab den Brief an Angelika weiter und sagte: »Es ist eingetreten, was der Stiefvater vorausgesehen, man hat eine andere Herstellungsart des Sauerstoffes entdeckt, und unsere Betriebe sind wertlos geworden.«

»Welche Maßregeln denkt ihr zu ergreifen?« fragte Angelika.

»Euer Stiefvater hat ja für alles gesorgt, es ist nur nötig, seine Maßregeln auszuführen,« sagte der Landrat. »Wenn das glatt geht, so ist alles gut; ich fürchte nur, daß es nicht so glatt geht, wie er angenommen hat. Wir wollen von uns absehen; die Gruben gehörten ja nicht uns, wir verwalteten sie nur für die von ihm ausgedachten Zwecke. Wenn sie wertlos werden, so wenden wir unsere Tätigkeit zu neuen Aufgaben. Es ist auch für die Arbeiter gesorgt; ein großer Teil kann sich von seinem Ackerland erhalten, wenn noch eine kleine Nebeneinnahme durch Waldarbeit oder durch neue Gewerbe hinzukommt, für welche euer Stiefvater schon alles vorbereitet hat. Die Schwierigkeiten entstehen in der Übergangszeit, besonders zuerst, wenn wir beginnen, die Betriebe einzuschränken. Er hatte die Ansicht, daß man die Leute möglichst sich selbst überlassen und sie nur so leiten dürfe, daß sie es nicht merken. Deshalb hat er ruhig die politischen Führer Macht über die Leute gewinnen lassen, indem er sich sagte, daß diese Macht schließlich immer nur auf bedeutungslose Redensarten hinauskomme. Das ist ja nun wohl richtig in ruhigen Zeiten, aber in einer solchen Entscheidung, wie uns nun bevorsteht, kann hier eine große Gefahr entstehen. Die Leute verlangen von ihren Führern Rat, diese wissen nicht, was sie sagen sollen, und so sind sie auf sich selber angewiesen. Vorerst müßte man versuchen, sich mit dem Leiter des sozialdemokratischen Blattes zu verständigen, das hier gelesen wird.«

»Das ist unmöglich,« erwiderte Kurt.

»Dann wollen wir uns auf eine schwere Zeit gefaßt machen,« sprach der Landrat. »Wie würde uns selber zumute sein, wenn wir plötzlich erführen: von nächster Woche an ist keine Arbeit mehr. Und wenn einzelne in augenblickliche Verzweiflung verfallen, dann ist eine Panik möglich, denn derartige Stimmungen stecken ja an. Wenn die Menschen in solcher Lage gemeinsam handeln, dann kommt oft etwas aus ihnen heraus, das sonst gar nicht in ihnen vorhanden ist. Durch den Schneider ist ohnehin eine merkwürdige Gärung entstanden; wenn der Schneider auch ganz andere Dinge will: es genügt, daß er die Leute aufgerüttelt hat.«

Kurt schwieg und sah durch das Fenster zu den Rädern, den Drahtseilen, die nun bald nicht mehr schnurren sollten. Plötzlich faßte ihn ein heftiges Gefühl für diese toten Maschinen; er mußte lächeln über sich und dachte, daß das, was wir Gewissen nennen, doch auf ähnliche Weise entsteht, wie dieses törichte Gefühl, und daß wir es deshalb nicht so hoch schätzen sollten, wie wir gewöhnlich tun. Angelika starrte nachdenklich auf den Tisch und zeichnete allerhand Figuren.

»Mit anderen Worten, du befürchtest Unruhen. Nun, wir wollen tun, was wir können, um die Leute zu halten; unsere Aufgabe ist ja jedenfalls ganz klar,« sagte sie.

»Ja, sie ist ganz klar,« sagte der Landrat, indem er sie ruhig ansah. »Ich werde zunächst eine Schrift aufsetzen, die angeschlagen werden soll, in welcher ich alles darlege und ihnen zeige, daß für sie gesorgt wird.«

»Werden sie glauben, was in der Schrift steht?« fragte Kurt. Der Landrat zuckte die Achseln. Kurt nahm eine Zeitung vom Tisch, blätterte mechanisch, plötzlich fiel sein Auge auf eine Notiz. Er las: »Ein neuer Triumph der Wissenschaft. Echt deutschem Fleiß ist eine Erfindung geglückt... Gewinnung des Sauerstoffes direkt aus der Luft... von großen wirtschaftlichen Umwälzungen begleitet sein.«

»Ja, ja, von großen wirtschaftlichen Umwälzungen,« sagte bitter der Landrat.

»Morgen steht in der sozialdemokratischen Zeitung ein Leitartikel über die Sache,« sprach Kurt. »Wenn mit dem dummen Menschen zu reden wäre, so könnte ich ja jetzt noch zu ihm fahren; aber es nutzt nichts, wenn ich das versuche, er denkt nur, wir haben Angst, und schreibt dann noch dümmer.«

»Du wirst also deine Schrift aufsetzen, wir lassen sie gleich vervielfältigen und anschlagen, und im übrigen warten wir ab,« schloß Angelika.

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