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Saat auf Hoffnung

Paul Ernst: Saat auf Hoffnung - Kapitel 8
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typefiction
authorPaul Ernst
titleSaat auf Hoffnung
publisherGeorg Müller
year1919
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Achtes Kapitel

Tauwind war gekommen und warmer Regen, der lockere Schnee war fortgeleckt, und nur im Walde lag noch eine zusammengesunkene Decke, mit dunklen Löchern, aus denen die Bäume aufragten, oder kleine Erhöhungen nassen Laubes, glatte Felsenköpfe und moosbewachsene Baumstümpfe hervorsahen. Auf der graubraunen Wiese unterhalb des Waldes quoll das Wasser, lief aus Mäuselöchern klar hervor, kam dunkel in die Höhe aus Quellen, glitt eilig in kleine Rinnsel, die zum Bache hinflossen, der spritzend, sein Ufer übersteigend, zum Fluß hinablief.

In der Bergschenke war am Schornstein das Dach undicht geworden und das Schmelzwasser war auf den Boden gelaufen. Maurer saß auf dem Dachfirst oben und erneuerte zwei gesprungene Firstziegel, auf dem Schornstein stand die Kalkbütte, er hatte mit der Kelle das Lager verschmiert und dann die Ziegel eingepaßt; nun wollte er mit der Bütte die Dachfahrt wieder hinuntersteigen, und warf noch, fast unbewußt, einen Blick von oben in das Tal. Da spannten sich die Seile des Förderschachtes und eine Tonne glitt talwärts; winzig klein sahen die Leute vor dem Bahnhof aus, der Stationsbeamte mit der roten Mütze, der Papiere in der Hand trug, und zwei Arbeiter, welche einen Wagen schoben; die Schornsteine des Herrenhauses rauchten. Er wendete sich um und sah über die vielen zerstreuten kleinen Häuser in den Gärten hin; auch hier rauchten die Schornsteine, die Bäume waren schwarz und entlaubt, die Erde war schwarz zwischen den Zäunen, nur hier und da schienen einige grüne Flecke, wohl Braunkohl. In einem Hause blitzten die Fenster durch einen Sonnenstrahl plötzlich auf und erloschen gleich wieder.

Im Grunde lag der Fluß wie ein hingeworfenes Band, daneben lief gerade die graue Landstraße. Maurer dachte daran, wie er schon als Knabe auf dieser Landstraße zum Gutshof gegangen war, wie die jungen Herren einmal zusammen auf der Freitreppe gestanden hatten; nun war er ein alter Mann und die beiden waren tot, bald mußte auch er sterben – wozu war das nun alles gewesen? Es war ja doch gleich, ob es nun so oder so war. Er hätte ja doch ein ruhiges Leben haben können, wenn er gewollt hätte, dann lebten auch die beiden noch. Zuletzt rührte alles nur daher, daß er auf Hetzer gehört hatte; die freuen sich, wenn man ihnen den Willen tut. und dann lassen sie einem allein.

Als er den Kalkkübel vom Schornstein gerückt und um rücklings abzusteigen auf den Kopf genommen hatte, schien die Leiter ins Gleiten zu geraten; im ersten Schreck beugte er sich nach vorn, um in die Ziegel zu greifen, der Kalkkübel fiel ihm vom Kopf über die Arme, seine Beine verloren den Halt, er glitt das Dach hinunter, als er noch einmal nach der Leiter greifen wollte, schlug ihm der schwere Kübel auf die Hand; im Gleiten hakte sich sein Beinkleid unten an einem Trageisen fest, aber die Wucht war schon zu groß, als daß ihn das aufhalten konnte; so überschlug er sich in der Luft, das Beinkleid riß, und er fiel mit dem Kopf nach unten auf den gepflasterten Hof.

Die Frau und die Tochter kleideten den Bewußtlosen aus, brachten ihn ins Bett in die Kammer, die neben der guten Gaststube lag, der Arzt wurde geholt, der Kopf verbunden; tagelang war der Kranke besinnungslos, dann kam eine Art Fieber mit Irrereden, zuletzt lag er ruhig und geduldig, mit freundlichem Lächeln, aber Gespräche führend, die sonst nicht seiner Art waren. Er wußte, daß er bald sterben würde.

»Mein ganzes Leben bin ich im Dunkeln gewesen, wie der junge Vogel im Ei,« sagte er; »nun ist mir, als ob der junge Vogel mit dem Schnabel an der Schale pickt. Wie merkwürdig muß das sein, wenn er mit einem Male das Licht sieht, das Nest und die Geschwister, die Alten, die Zweige der Bäume und den Himmel über den Bäumen. Davon hat er doch vorher gar nichts wissen können; und doch hat er im Ei gedacht: Dies ist nun das Leben; und weshalb er gegen die Schale pickte, das wußte er nicht, es war ihm nur so, daß er picken mußte.«

Er hatte am liebsten Martha bei sich, weil sie heiter war, sang und lachte. »Weshalb sollt ihr denn traurig sein,« sagte er. »Ihr seid immer ohne mich fertig geworden, so werde ich euch auch nicht fehlen, wenn ich nicht mehr bin; und es ist doch immer ganz gut, wenn es so kommt, als wenn ihr mich als unnützen Esser im Hause hättet.«

Martha faltete und kniffte aus Blättern von alten Schreibheften der jüngeren Schwestern Vögel, die sie vor ihm auf das Deckbett stellte, große und kleine; sie lachte, wie sie da in der Reihe standen, der Vater nahm sie vorsichtig zwischen seine dicken, verarbeiteten Finger und lachte. Jedem Papiervogel gab sie einen Namen: dieser hieß der Große, jener der Vorhahn, andere Naseweis, Würmersucher, Körnerdieb, Ohneschwanz. Sie hatte mit ihrem Vater allerhand Geheimnisse, welche die Papiervögel betrafen: da war einer, der pickte immer die Eier der andern auf und trank sie leer, ein anderer wußte eine Stelle, wo es Kalk gab, und sagte sie den anderen nicht; der konnte keine Regenwürmer vertragen, es wurde ihm übel, wenn er sie nur sah, und jener fraß am liebsten Maikäfer, aber das Männchen durfte es nicht wissen, weil die Eier von den Maikäfern ranzig werden; aber sie sagte sich: was macht das! Meine Jungen sind doch die schönsten.

Dem Vater wurde es schwer, die Vögel auseinanderzuhalten, aber zuletzt kannte er sie doch alle einzeln, und erdachte sich nun auch Geschichten: von einer Gans, die ihre dreizehn Pfund wog, von einem Huhn, das geschlachtet werden mußte, weil es etwas Ungesundes gefressen hatte, von einem anderen Huhn, das seine Eier immer verlegte, und ähnliches, das mehr wirtschaftlich empfunden war.

Einmal legte Martha ihr rotbräunliches Gesicht auf das Kissen neben die eingefallenen Wangen ihres Vaters, die mit langen weißen Stoppeln bedeckt waren, und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich habe Herrn Kurt lieb, und er hat mich lieb.«

Der Vater wendete sein Gesicht zur Wand und schwieg lange, sie saß auf dem Stuhl neben dem Bett, betreten und sich ängstigend, daß sie ihr Geheimnis verraten. Endlich drehte der Vater sein Gesicht wieder um, er faßte ihre Hand, hielt sie in seiner, und sagte für sich hin: »Es geht, wie es geht; du bist ein gutes Kind; was können wir denn tun! Es kommt über uns!« Ihr stiegen die Tränen in die Augen, sie sagte: »Er ist so gut!« »Ja, er ist gut,« antwortete er; »er ist anders wie sein Vater, der war nicht gut.«

Er streichelte ihre Hand, die er gefaßt hatte, und sagte: »Ja, du bist ja nun jung. Die Sorgen kommen noch. Herr Kurt wird dich nicht im Stich lassen, er ist gut. Aber die Sorgen kommen doch, ehe man es denkt, sind sie da. Und sie nützen einem nichts, es wird doch alles anders, wie man es sich gedacht hat.«

Unter Tränen lachte Martha plötzlich auf, die Vögel lagen auf der Bettdecke übereinander, nur einer stand breitbeinig aufrecht. »Das ist der Vorhahn,« rief sie, »der ist Sperling und hat alle anderen weggebissen; jetzt denkt er, er ist der Erste in der Welt.« Nun machte sie an ihr Taschentuch einen Knoten, steckte die Hand hinein, ging damit auf den Papiervogel zu und rief: »Wau, wau, das ist der Spitz, der kann die Sperlinge nicht leiden; nun fliegt Vorhahn fort, setzt sich auf die Stalltür und denkt: Ich habe mich geirrt, der Erste in der Welt ist doch der Spitz. Aber weil er nun sicher sitzt, denkt er: ich lasse mir das nicht gefallen, und schimpft Schülp, Schülp. Dem Spitz ist aber das Schimpfen ganz gleichgültig, er schnüffelt herum, wo der Vorhahn gesessen hat, so« – sie machte es mit dem Taschentuch – »und dann geht er ruhig fort, legt sich in die Sonne, niest und legt den Kopf auf die Pfoten.«

Der Vater lachte und erzählte: »Ich habe einmal gesehen, wie ein Spitz einen Sperling erwischt hat. Ein Spitz ist ein schlaues Tier, der ist klüger wie mancher Mensch. Der Spitz ist der beste Wachhund. Der geht nicht vom Grundstück, und jeden Tag macht er zweimal die Runde. Wenn du einmal einen Wachhund haben willst, so schaffe dir nur einen Spitz an.«

Sie sahen sich ins Gesicht; Martha mußte lachen, der Vater lachte mit, dann sagte er »Ja du bist ein gutes Kind, Herr Kurt ist ja auch gut, er wird dich nicht verlassen. Ich kann ja da nichts tun. Aber Geld ist da bei den Herrschaften, darauf kommt es nicht an.«

Der Vater fragte wohl: »Wenn wir den Pastor einmal holen ließen?« Martha antwortete verlegen: »Wir kommen so selten in die Kirche, am Sonntag ist ja doch immer am meisten bei uns zu tun.« Er sagte:»Ja, du hast recht, er kann auch weiter nichts sagen. Man denkt nur zuweilen, es müßte noch gut sein, wenn man einmal etwas anderes hörte. Aber das gibt es wohl gar nicht, das ist wohl nur so eine Sehnsucht. Denn wie soll das denn sein, wenn wir tot sind, so sind wir doch tot, und wenn gesagt wird: wir sollen uns wiedersehen; unsere Augen verwesen doch; und wenn die Seelen gemeint sind, die kennen wir doch gar nicht, wie sollen wir uns denn da wiedererkennen?«

Kurt besuchte den Kranken. Er saß auf dem Stuhl neben dem Kopfende des Bettes, auf dem Martha sonst zu sitzen pflegte, die papiernen Vögelchen hatte Martha schnell unter der Decke versteckt. Margarete saß auf dem anderen Stuhl an der Tür, Martha stand am Fußende des Bettes.

Der Kranke sah Martha an und sprach dann leise, zu ihr und nicht zu Kurt: »Was soll nun mit Martha werden? Ich möchte doch gern ruhig sterben.« Martha wurde über und über rot, dann sagte sie: »Ich habe gefühlt, daß er mich brauchte. Ich will nichts von ihm, denn das wußte ich ja doch, daß er mich nicht heiraten kann. Ich bin doch kein Kind mehr. Er kann überhaupt nicht heiraten, er muß allein sein, das würde ich auch der anderen sagen, die ihn lieb hat. Aber helfen wird er mir schon, wenn ich eine Hilfe brauche, das weiß ich, auch ohne daß er es verspricht. Er wird mich nicht verlassen.« Damit ging sie weinend aus dem Zimmer.

Es klopfte an die Tür und der Metzger trat ein; er hielt die Mütze in der Hand, grüßte mit leichter Verlegenheit zu Kurt hin, trat zu dem Kranken, dann wendete er sich zu Margarete und sagte: »Ich habe mir nun alles überlegt, Fräulein, und ich denke, wenn Fräulein Martha will, so soll es an mir nicht liegen. Und über das andere will ich fortsehen, denn ich weiß ja wohl, wie das ist, wenn so ein vornehmer Herr ein Mädchen gern hat, was nutzt denn da der Verstand, da kann sie sich eben nicht wehren; da sind die seinen Stiefel, und die Brille, und das andere alles. Und das ist doch das einzige, sonst ist ja nichts gegen das Mädchen zu sagen. Und das will ich auch versprechen, daß ich gut zu ihr sein will, ich weiß ja doch, daß sie fleißig, ordentlich und reinlich ist, und die Reinlichkeit ist bei unserem Geschäft ja die Hauptsache. Nur das muß ich sagen, hier will ich dann kein Geschäft aufmachen, denn das paßt mir nicht, wenn die Leute reden über meine Frau, oder wenn es womöglich noch nicht zu Ende ist mit dem Herrn und fortgesetzt wird, ich habe aber eine Aussicht in meiner Heimat, nur brauche ich da noch tausend Mark. Geschenkt will ich sie nicht haben, aber wenn Herr Kurt sie mir borgen will, so will ich sie vierteljährlich verzinsen und in zwei oder drei Jahren kann ich sie auch zurückzahlen, wenn keine Krankheit oder anderes Unglück kommt. So, das ist nun meine Ansicht, und nun kann ja Fräulein Martha entscheiden, wie sie will.«

Kurt schwieg, den Kopf in die Hände gestützt. Der Kranke aber legte schwach seine Hand auf die blaugewürfelte Bettdecke und sagte: »Das ist recht, nicht hier bleiben, so muß es gemacht werden. Wenn die Menschen erst dazwischen kommen, dann geht alles schlecht.«

Martha wurde von Margarete hereingeführt. Sie war verweint und sah niemanden der Anwesenden an. Der Metzger nahm seine Mütze in die andere Hand, wechselte das Standbein; er hatte eine neue Waschbluse angezogen. Martha sah er nicht an, aber er blickte im Einverständnis nach Margarete hinüber.

Plötzlich eilte Martha auf Kurt zu, kniete vor ihm nieder, barg ihr Gesicht auf seinen Knien und weinte; sie weinte still, aber man sah das Zittern der Schulterblätter. Kurt streichelte mit beiden Händen ihr Haar. Der Atem des Kranken ging schwer, seine Hände krallten sich in der Bettdecke fest. Nach langer Pause kam Margarete eilig zu ihr, kniete neben ihr und sagte leise: »Wenn ich unrecht habe, so sage es mir, es ist ja doch alles nur für dich.« Kurt sah auf, blickte ihr ins Gesicht und erwiderte für Martha: »Es wird noch alles gut.«

Der Metzger trat einen Schritt vor und sprach: »Es tut mir leid, daß sie so weint.« Schluchzend rief Martha: »Ihr seid alle gut, ach, weshalb muß ich denn leben!«

Der Kranke richtete sich auf und begann von den Dachziegeln zu sprechen: »Im Frühling muß das ganze Dach nachgesehen werden. Es sind noch andere Firstziegel morsch, aber das ist keine Winterarbeit. Dann wäre es auch gut, wenn man eine Haube auf den Schornstein machte, der Wind ist hier zu arg und treibt den Rauch in die Stuben; man muß aber noch zwei Lagen Ziegel auf den Schornstein bringen, er muß höher werden, er hat auch nicht genug Zug. Ich wollte es ja gern machen, wenn ich gesund wäre, aber bei mir ist jetzt der Knüppel an den Hund gebunden.«

»Der Vater!« schrie Martha und warf sich auf ihn. »Was hast du denn, Marthachen,« fragte er sie, indem er liebkosend über ihr Gesicht strich. »Ich habe ja alle unsere Papiervögelchen aufgehoben.« Er legte sie auf die Bettdecke. »Das ist der Vorhahn, das ist der Große, das ist der Naseweis, das ist der Ohneschwanz.« Er spielte mit den Vögelchen und tat, als ob sie gegeneinander kämpften.

Margarete holte die Mutter. Die Mutter band die Küchenschürze ab, warf sie auf einen Stuhl und fragte ihn: »Was ist dir denn? Hast du denn wieder Schmerzen?« Die Sonne spiegelte sich in einem Glase, in welchem Wasser stand, und malte Kringel an die Stubendecke. »Die Fliege ist doch nicht mehr da, meine Fliege,« klagte der Kranke.

»Er erzählte, ihm sei wie dem Vogel im Ei, der ausschlüpfen will,« sagte Martha.

»Ich will das Dach ja gern machen,« klagte der Kranke, »ihr müßt nur Geduld haben, bis ich wieder gesund bin. Jetzt kann ich doch nicht auf die Leiter steigen. Es sind auch keine Kälberhaare mehr da für den Kalk, die muß ich erst besorgen. Da steht ja der Metzger, der kann sie mitbringen.«

»Ja, ich bringe Kälberhaare mit,« antwortete der Metzger bekümmert. Dann fuhr er fort: »Mein Vater hat ja auch einen schweren Tod gehabt, er war auch noch ein kräftiger Mann und wollte sich nicht geben. Einmal müssen wir ja alle sterben, aber jetzt hätte er es doch erst noch ein paar Jahre gut haben können. Er wollte doch noch eine Wiese zupachten. Ein fleißiger Mann ist er immer gewesen, das muß ihm sein Feind lassen.«

Laut jammernd warf sich die Frau vor dem Lager nieder und rief: »Ich habe die Schuld an allem gehabt, durch mich ist er dahin gekommen, er ist ein ruhiger Mann gewesen, keinem Menschen hat er etwas zuleide getan.«

Kurt legte ihr die Hand auf die Schulter und beugte sich über sie, indem er tröstete: »Wir haben alle Schuld und haben alle keine Schuld. Es ist alles miteinander verbunden, wir tun Gutes und Böses, und keiner weiß den Ausgang seiner Taten.«

»Glaubst du, daß es ein Trost für ihn wäre in seiner letzten Stunde?« fragte Martha leise Kurt. Trauer überflog sein Gesicht, als er ihre entschlossene Miene sah; aber er antwortete ihr: »Wenn er es noch versteht, so wäre es ein Trost.«

Nun beugte sich Martha über den Kranken und sprach ihm ins Ohr: »Vater, kannst du mich noch verstehen? Ich bin es, die Martha, über die du Sorgen gehabt hast. Aber du brauchst keine Sorgen mehr zu haben. Der Metzger will mich heiraten, dann ziehen wir fort von hier, in seine Heimat. Du kennst ihn ja, er ist ein fleißiger Mann und hat sein Handwerk gelernt. Und wenn du gesund wirst, dann besuchst du uns einmal.«

Sie richtete sich auf, er sah ihr wirr ins Gesicht und fragte: »Besuchen? Ja, ich muß nur erst wieder gesund sein, das Dach muß auch erst in Ordnung gebracht werden. Ach ja, du bist ja nun verheiratet, nun werden auch bald die Kinder kommen. Kinder machen Freude, wenn sie gut einschlagen. Das ist gut, das freut mich, daß du verheiratet bist, das ist gut.«

Plötzlich ging mit lautem Schellen der Glocke die Haustür. Frau Maurer stand auf, griff eilig nach ihrer Schürze und rief: »Ach, die Pastoren kommen, und das Kaffeewasser kocht noch nicht«; sie ging aus dem Zimmer, draußen hörte man eine wohlwollende Männerstimme sagen: »Guten Tag, meine liebe Frau Maurer,« eine spitze Frauenstimme schloß sich der Begrüßung an. Frau Maurer antwortete, erkundigte sich nach den Kindern des Herrn Pastor, öffnete die Tür zur Zechenstube und lief dann in die Küche. In der Zechenstube war eine lange Tafel aufgeschlagen, mit einem glänzenden weißen Tischtuch bedeckt, Stühle waren aufgestellt und Tassen und Teller auf dem Tisch vor den Stühlen; die Türglocke ging jetzt oft, neue Gäste kamen und begrüßten sich mit den andern. Alle vier Wochen war in der Bergschenke eine Zusammenkunft der Pastorenfamilien der Umgebung, bei der ein Vortrag gehalten, Kaffee getrunken und mitgebrachter Kuchen gegessen wurde. Margarete folgte ihrer Mutter in die Küche, Kurt und der Schlächter gingen in die kleine Stube nebenan, wo Kurt sich an seinen alten Fensterplatz setzte, vor die Alpenveilchen im Fensterbrett. Martha blieb bei dem Kranken, der eingeschlafen schien und leise röchelte.

Kurt und der Schlächter hörten durch die Türen das Klappern der Tassen und Teller und verworrenes Gespräch von der Zechenstube her, von der anderen Stube gelegentlich einmal eine Bewegung des Sterbenden. Kuchen wurde ausgepackt und auf die Teller gelegt, nach einem Messer gerufen, eine der Pastorenfrauen sagte mit ganz hoher Stimme: »Und dabei ist die Butter wieder fünf Pfennige aufgeschlagen«; Frau Maurer und Margarete brachten die großen Kaffeekannen, wurden begrüßt, man fragte nach dem Kranken, eine tiefe Stimme sagte: »Zur rechten deutschen Gemütlichkeit gehört doch eine recht große Kanne Kaffee,« jemand antwortete, daß Tacitus in seiner Germania merkwürdigerweise nichts vom Kaffee erwähne, eine Frau erzählte, ihre Sechserstückchen seien von dem neuen Bäcker, mit dem sie alle sehr zufrieden seien, ein Mann erwiderte, der Fortschritt dringe auch in diese entlegenen Gebiete; dicht neben der Tür waren zwei Frauen in ein wirtschaftliches Gespräch verwickelt; die eine sprach von den Gänsen, mit denen sie dieses Jahr kein Glück gehabt habe; die andere fand die Ursache in den heutigen Dienstboten; ein Mann seufzte und sprach: »Ja, ja, die leidige Dienstbotenfrage«; man berichtete von einem neu erfundenen Selbstkocher, vermittels dessen man sich mit einer Aufwärterin behelfen könne; von einem Pastor wurde erzählt, der krank war, und jemand erklärte: »Auch von ihm gilt: der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt«; es entstand ein Stühlerücken, Räuspern, dann war Stille, und einer der Pastoren begann seinen Vortrag: »Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.« Er teilte seinen Vortrag in drei Teile: Christi Blut, Christi Gerechtigkeit und unser Schmuck und Ehrenkleid. Zuerst erklärte er aber die Ausdrücke Schmuck und Ehrenkleid; damit waren nämlich nicht weltliche Kostbarkeiten gemeint, wie Samt und Seide, oder Perlen und Diamanten; auch nicht in übertragenem Sinne Ruhm und Ehre der Welt durch hohe Stellung, Klugheit oder vieles Wissen. Nein, auf solche Dinge kam es vor Gott nicht an, denn Gott sah tiefer in die Menschen, er sah ins Herz; der innere Schmuck, das innere Ehrenkleid war gemeint. Damit war die Einleitung zu Ende, eine kleine Pause entstand, ein Seufzen ging durch die Versammlung, der erste Teil begann: Christi Blut. Gott war Fleisch geworden, Gott hatte den Kreuzestod erlitten. Jemand stieß wohl aus Versehen an eine Tasse, es klirrte, Ausrufe des Bedauerns ertönten: »Das schöne reine Tischtuch.« »Es war eine Ausschußtasse, die stehen immer wackelig.« »Lassen wir diese Unterbrechung auf sich beruhen, meine Lieben«; der Redner räusperte sich und begann von neuem: »Christi Blut ...«

Von der anderen Seite her kam das unterdrückte Schluchzen Marthas. Der Schlächter sah Kurt an, erhob sich und ging leise auf den Fußspitzen durch die Tür in das Sterbezimmer. Kurt blieb allein; er drückte die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe, und es ging in ihm herum, daß nun der Schlächter neben Martha stand bei dem Sterbenden, und nicht er; und wie hätte er denn auch neben Martha stehen können? Das wäre doch keine Erleichterung für den Sterbenden gewesen. Er fühlte, wie überall die Menschen sich zusammenschlössen für sich und ihn draußen ließen, sie wollten ihn ja nicht von sich stoßen, sie liebten ihn, wie sie sagten; aber in Wirklichkeit war es doch so, daß er überall zu viel war. Nun ging auch hier das Leben seinen Gang: Sterben und Heiraten, er aber wurde nur geduldet als Zuschauer.

Der Vortrag war beendet, jemand dankte dem Redner für den erhebenden Beitrag zur Feier, es begann wieder ein allgemeines Gespräch, neben der Tür wurde weiter über den Selbstkocher gesprochen, daß das Gemüse in ihm besser werde wie auf dem Herd, es komme freilich alles darauf an, daß man es ordentlich ankoche, ehe man es einsetze. Einige der Herren gingen hinaus, vor dem Fenster hörte Kurt ein Gespräch über einen versetzten Amtsbruder: »Es ist Weizenboden, Boden erster Klasse, die beste Pfarre in der ganzen Diözese... Ja, die Kinder kosten auch! Übrig wird er nichts haben.«

Durch das Aus« und Eingehen wurde die Hausklingel öfter in Bewegung gesetzt, das Gespräch war immer lebhafter geworden, der Zigarrenrauch drang durch die Tür bis zu Kurt. Plötzlich wurde alles still, das Gespräch war wie abgeschnitten, es war ein nicht zugehöriger Gast eingetreten. Kurt hörte, wie er die Störung entschuldigte; die Stimme kam ihm bekannt vor, er besann sich: das war der Verkäufer aus dem Konsumverein. Er hörte ihn auch nach den Entschuldigungen weiterreden, in dem Volksversammlungston, der ihm eigentümlich war:

... »Der Fortschritt und die Wissenschaft« ...

»Wir müßten uns doch wohl vorerst über die Begriffe einigen,« unterbrach ihn ein Pastor. »Was verstehen wir unter Fortschritt, was verstehen wir unter Wissenschaft? Auch wir sind für Fortschritt, auch wir sind für Wissenschaft...«

»Das sage ich ja auch,« warf der Verkäufer ein, »deswegen komme ich ja eben. Wo will es denn der Schneidergeselle herhaben! Ich habe die Nächte durch aufgesessen, ich habe mir gesagt: Bildung macht frei! Und sie macht auch frei, meine Herren.«

»Die christliche Bildung,« warf eine liebevolle tiefe Stimme ein.

»Herr Müller trinkt gewiß eine Tasse Kaffee mit,« ließ sich eine Dame vernehmen. Der Verkäufer hüstelte verlegen, er machte offenbar Bücklinge, sprach von »Erlauben« und »so frei sein«, man hörte, daß er sich setzte.

»Ja, die Schwarmgeister haben schon manches Unheil über die Menschheit gebracht,« wurde mit ernstem Tonfall gesagt. »Nicht umsonst verließ Luther die Wartburg und predigte gegen sie vierzehn Tage lang in der Schloßkirche zu Wittenberg. Sie stirbt nicht aus, die Schwarmgeisterei. Sie ist wie ein Unkraut, das der Böse einmal zwischen den Weizen gesäet hat, und das sich nun jedes Jahr von neuem besamt.«

Der Verkäufer sprach mit erstickter Stimme, wahrscheinlich aß er Kuchen: »Die Sozialdemokratie kämpft gegen die christliche Kirche, sie sagt: Religion ist Privatsache, das ist eine Geistesschlacht. Aber der Schneider, das ist das Mittelalter.«

»Sie betonen, sehr richtig die Gegensätze,« sagte eine sehr scharfe Stimme. »Die christliche Kirche hat gegen den Unglauben zu kämpfen; aber freilich, sie hat auch zu kämpfen gegen den Aberglauben.«

»Meine Herren, was geht ihn denn das an,« schrie der Verkäufer, »er wühlt gegen mich im Konsumverein.! Er sagt, es solle keine Politik in die Genossenschaftsbewegung getragen werden! Wer hat denn den Konsumverein großgemacht! Müller hat ihn großgemacht! Das sagt Ihnen jeder, wenn Sie ihn fragen!«

Es wurde von den segensreichen Wirkungen des Konsumvereins gesprochen, einzelne erklärten, daß sie ihrer Stellung zu den Gemeindegliedern wegen nicht am Konsumverein teilnehmen könnten, und ein allgemeines Gespräch entspann sich.

Wieder standen zwei Herren vor dem Fenster und unterhielten sich.

»Er hat Angst,« sagte der eine, »seine Stellung wird unsicher.«

»Was sollen wir denn dabei tun? Ich begreife den Menschen nicht,« erwiderte der andere; »die Verzweiflung muß ihn offenbar zu den verrücktesten Versuchen treiben.«

»Meine Frau kauft unter der Hand einiges aus dem Konsumverein, sie ist sehr zufrieden.«

»Haben Sie denn den Schneider einmal sprechen hören? Wenn das alles wahr ist, was einem zugetragen wird, so müßte man ja wohl etwas unternehmen, aber wir können doch nicht mit den Sozialdemokraten Arm in Arm losziehen.«

»Eine wunderliche Zeit,« schloß der erste, »ich denke, wir warten ab.«

»Das scheint mir auch das Richtigste zu sein. Das Reich Gottes ist doch schließlich nicht von heute auf morgen.«

Langsam ballte sich in den Winkeln das Dunkel und stieg in die Höhe. In der Zechenstube rüstete man sich zum Aufbruch; Stühle wurden gerückt, man sagte Lebewohl, »Auf Wiedersehen«; »In vier Wochen, so Gott will«, »So Gott will, Herr Amtsbruder«; im Flur wurde gesprochen, truppweise entfernten sich alle; eine Weile war es still, aber der Verkäufer schien noch im Zimmer zu sein. Kurt hörte, wie er mit der Faust auf den Tisch schlug und etwas schimpfte wie »verdammte Pfaffenbrut« oder ähnliches, den Stuhl schwerfällig zurückschob; dann schien er an der Wand nach seinen Kleidungsstücken zu tasten, zuletzt ging auch er.

Nun erklang aus dem anderen Zimmer in Zwischenräumen das Stöhnen des Sterbenden; Martha und ihr Verlobter schienen ganz still zu sitzen. Leise stand Kurt auf, ging zur Tür, aber er wagte nicht einzutreten; es war, als ob ihn etwas zurückhalte, als ob er nicht zu den anderen gehöre. Er setzte sich wieder an seinen Fensterplatz.

In der Zechenstube räumten Margarete und ihre Mutter ab; sie stellten die Tassen zusammen auf das Brett, die Kannen, das Tischtuch wurde gefaltet; die Mutter sprach über den Flecken, den es bekommen hatte.

Margarete seufzte und sagte: »Der Vater tut mir leid. Nun hätte er doch noch ein paar Jahre leben können; zur Last fiel er uns nicht; es war ganz gut, daß wir einen Mann in der Wirtschaft hatten.«

»Ja, ja, wer weiß, wozu es gut ist,« antwortete die Mutter. »Es geht nicht nach unserem Kopf. Ich hatte mich ja auch wieder eingelebt mit ihm. Wenn Herr Kurt nicht mit mir gesprochen hätte, dann hätte ich ihn ja nicht hergenommen. Ich weiß immer nicht, was Herr Kurt dabei gehabt haben mag, daß er mir so zugeredet hat. Ich denke mir immer, es war wegen der Martha, daß er freien Paß bei der haben wollte.«

»Pfui, Mutter,« erwiderte Margarete, »wer wird immer gleich das Schlimmste von den Menschen denken! Herr Kurt ist gut.«

»Ja, ja, das glaube ich ja schon,« sagte die Mutter; »aber mit der Martha, das ist doch nun auch gewesen; und wenn man alt wird und hat etwas erlebt, so ist man nicht mehr so treuherzig und glaubt alles so, wie es die Leute sagen. Wie ich so alt war wie du, habe ich auch keinem mißtraut. Hoffentlich borgt er nun das Geld, damit der Schwiegersohn sein Geschäft einrichten kann; es wird ihm ja doch verzinst, und der Schwiegersohn muß einen Schuldschein ausstellen. Ich kann nicht mehr tun, als daß ich die Aussteuer gebe, ich habe schließlich vier Mädchen.«

Es war Kurt, als müsse ihm das Herz stillstehen bei diesem Gespräch, aber er sagte bei sich: »Ich muß mich schämen; was verlange ich denn? Weshalb soll die Frau dir denn vertrauen? Es ist Feigheit, wenn ich mich ausgeschlossen fühle.« Da schellte wieder die Glocke der Haustür, Schritte kamen auf dem Flur, eine Stimme sprach zu Margarete, die aus der Zechenstube herausgetreten war; dann öffnete sich die Tür zu dem Zimmer, in welchem Kurt saß, und der Schneider trat ein.

Kurts Nerven waren so gereizt, daß er erschrak; der andere erkannte ihn nicht gleich, da er ja in dem schon verdunkelten Zimmer gegen das Licht saß; er grüßte gleichgültig, erst als Kurt antwortete, hörte er an der Stimme, wer er war, und grüßte dann nochmals dienstbeflissener.

Margarete brachte ihm das Bier und setzte es vor ihm auf den Tisch. Die beiden saßen wieder genau so wie das erste Mal bei ihrer Begegnung in der Bergschenke. Nach langem Schweigen begann der Schneider mit einem Gespräch über das Tauwetter, fragte, ob im Forst Schneebruch gewesen sei, Kurt antwortete einsilbig; endlich kamen sie auf die Dinge, welche ihnen beiden auf dem Herzen lagen. Aber heute war der Schneider schon weniger schmeichlerisch, er war fester und bewußter. Kurt spürte das genau, und ein merkwürdiges Unbehagen ergriff ihn.

Der Schneider sprach von den Fortschritten, die er gemacht; die Leute waren durch das einseitige Betonen des Äußerlichen wohl wirtschaftlich vorwärts gekommen, aber um ebensoviel waren sie im Wesentlichen zurückgegangen. Sie entwickelten sich zu zufriedenen Kleinbürgern, die nichts Höheres kannten wie ihre Behaglichkeit. Da war es nötig gewesen, die Brandfackel in dieses Gebäude zu werfen. Den Leuten fehlte das Leiden, denn erst durch das Leiden erfährt der Mensch, daß er göttlichen Ursprungs ist und nicht ein Tier. Denn der Herr spricht: »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden, ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert; denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider die Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen Feinde werden seine eignen Hausgenossen sein.«

Kurt sah ihn an und fragte: »Was soll mir das? Sind das Ihre Ansichten?«

»Ansichten!« höhnte der Schneider, »Ansichten!« Was dem Menschen das Herz verbrennt, das sind keine Ansichten. Ich habe ja auch nachgedacht, aber was nutzt alles Nachdenken! Ich bin nur dümmer geworden durch das Denken.« Er unterbrach sich plötzlich und fragte unvermittelt: »Haben Sie denn Frieden?«

Kurt antwortete ihm langsam: »Und Sie selber, haben Sie Frieden?«

»Ich brauche ihn nicht und will ihn nicht. Aber Sie brauchen ihn und wollen ihn.«

»Brauche ich Frieden? Will ich Frieden?« dachte Kurt und legte die Stirn auf das Fensterbrett. »Weshalb scheint es mir denn plötzlich, daß alle Menschen meine Feinde sind? Oder ist auch dieses Gefühl nur ein anderer Ausdruck für Feigheit?«

»Sie haben sich in der Heilandsrolle gefallen,« fuhr höhnisch der Schneider fort, »und Sie wundern sich, daß alle Menschen Ihre Feinde sind? Vorausgesetzt, Christus hat gelebt; war es denn anders möglich, als daß alle Menschen seine Feinde waren? Was hat er denn getan? Er hat schöne Worte gesprochen und erwartet, daß die Leute ihm nachfolgen sollen. Wenn sie ihm aber nicht nachfolgen können? Ich spreche nicht von Ihnen; daß Sie kein nachahmungswertes Beispiel sind, das wissen Sie selber. Was Sie von den andern Menschen unterscheidet, das ist nur, daß Sie kein Gewissen haben. Ich rede von Christus.«

Kurt fragte sich: »Sollte es wirklich so sein, daß ich kein Gewissen habe? Wenn ich zurückdenke, so scheint mir, daß ich nie Reue gefühlt, und ich habe doch viel getan, das unrecht war. Ist es das, was diesen so erbittert? Dann litte er wohl an seinem Gewissen?«

»Ich werde etwas für die Menschen tun, Sie aber nicht,« sagte der Schneider.

»Merkwürdig, daß dieser Mensch das behauptet,« dachte Kurt. »Er tut in seiner Art etwas; aber er lügt ja doch, er lügt durchaus.«

»Ach, wie ist es denn nur möglich, daß Sie ein so ruhiges Gewissen haben?« fragte ihn fast flehend der andere. »Mich quält mein Gewissen Tag und Nacht, es jagt mich, es treibt mich.«

»Sie glauben nicht an Ihre Worte?«

»Nein, ich glaube nicht an sie, und ich weiß doch, daß sie nötig sind für das Volk. Erinnern Sie sich an den Redner bei der Heilsarmee; er glaubte auch nicht; aber er wußte: was ich sage, das ist nötig für das Volk, und er wirkte Gutes.«

Kurt dachte nach, dann sprach er: »Goethe sagt einmal: ›der Handelnde muß gewissenlos sein‹.«

»Er hat recht!« rief der Schneider, »ich habe nicht gewußt, daß so ein Mann das gesagt hat.«

»Weshalb spielen Sie vor mir Komödie?« fragte ihn Kurt in trockenem Ton.

Der Schneider war schluchzend an seinem Tisch zusammengebrochen. Margarete brachte die brennende Lampe herein, blickte erstaunt auf die beiden, setzte die Lampe auf den Tisch; dann verließ sie das Zimmer. Das Bier des Schneiders schaukelte leise durch die Bewegung des Körpers beim Schluchzen.

Kurt zog die Stirn hoch und sprach: »Sind wir beide eigentlich wahnsinnig, daß wir solche Gespräche führen? Halten Sie mich für einen ehrgeizigen Schneidergesellen? Was wollen denn nur alle Menschen von mir? Man soll mich doch in Ruhe lassen. Wenn ich jemandem behilflich sein kann, will ich mich gewiß nicht weigern, aber ...«

Er wollte sagen: »Aber ich bin nicht für die andern Menschen auf der Welt.« Da fiel ihm ein, was Martha gesagt hatte: »Ich fühlte, daß er mich brauchte«; das Blut schoß ihm zum Herzen; er konnte nicht weitersprechen und setzte sich. Der Schneider stand auf und ging.

Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich. Margarete kam auf Kurt zu, nickte und sprach: »Kommen Sie.« Zögernd stand er auf und folgte ihr. Da standen alle mit gefalteten Händen vor dem Bett. Der Kranke, aufgerichtet und durch Kissen unterstützt, atmete schnell, zuweilen setzte der Atem aus. Seine Augen waren gerade nach vorn gerichtet, aber man merkte, daß er nichts von der Umgebung sah. Das Gesicht hatte einen fragenden und erstaunten Ausdruck. Immer häufiger wurden die Pausen, in denen der Atem aussetzte. Die Frau trat neben ihn und legte seine Hände zusammen; die Finger wollten sich nicht mehr recht falten, dann schob sie die eine Hand hinter seinen Rücken. Das Gesicht veränderte sich nicht, die Augen blieben in ihrer Richtung. Eine längere Pause entstand, dann war ein Röcheln. Leise sagte die Mutter zu Margareten: »Nimm die Kissen fort«; Margarete nahm die Kissen fort, die Frau legte den Toten sanft nieder und drückte ihm die Augen zu.

War das denn der Tod? Die beiden jüngeren Kinder sahen dem Vater ängstlich ins Gesicht, die anderen blickten sich fragend an. Die Mutter öffnete das Fenster. Da brach Martha in Schluchzen aus, ihr Verlobter faßte sie an der Hand, sie legte sich an seine Brust und weinte. Er sagte leise zu ihr: »Komm« und führte sie aus dem Zimmer. Die beiden Kinder weinten laut, Margarete nahm jedes an eine Hand und folgte den beiden; hinter ihnen ging Kurt.

Kurt ging talwärts auf dem gewohnten Fahrweg. Das Wasser in den Hufspuren und Gleisen begann an den Rändern Eis anschießen zu lassen. Er ging nicht nach Hause, sondern bog links ab auf die Landstraße. Heimkehrende Bergleute überholten den langsam Schreitenden und begrüßten ihn mit dem Glückauf. Er ging weiter, über die Brücke, durch das Dorf, an dem Weiher vorbei, wo damals die Enten gewesen waren und die Schulkinder; mechanisch beantwortete er alle Grüße. »Es ist kein Glück bei den Steinbeißers«, hörte er einen alten Mann hinter sich zu jemandem sagen; vielleicht hatte der sein Gesicht gesehen. Kurt mußte lächeln, wie doch jeder Mensch den andern immer aus seinen eigenen Vorstellungen erklärt – und er dachte, daß er selber das ja auch tat. Immer weiter ging er in der Dunkelheit, die Straße wurde menschenleer.

Auf einem Steinhaufen saß ein Landstreicher, eine noch jugendliche Figur, und erneuerte seine Fußlappen. »Ist es noch weit bis ins Dorf?« fragte er; Kurt kam die Stimme merkwürdig bekannt vor, er antwortete zögernd. Der andere fragte weiter, ob eine Herberge im Dorfe sei. Jetzt erkannte ihn Kurt; es war jener junge Arbeiter, der damals vor Monaten in Berlin bei ihm gewesen. Er redete ihn an, nun erkannte der ihn auch und sagte mürrisch: »Ja, ich bin's«; dabei schlüpfte er in den Schuh und band die Senkel zur Schlinge. Absichtlich zögerte er dabei, damit er Kurt nicht ins Gesicht zu sehen brauchte.

Endlich richtete er sich auf und sagte: »Nun, weshalb fragen Sie denn nicht, wenn Sie es wissen wollen? Ich bin eben auf der Walze.«

Kurt ahnte wohl, was der Mann sagen würde, aber er fragte dennoch: »Haben Sie Ihre Arbeit verloren?« Der andere zuckte die Achseln, dann antwortete er: »Arbeit gibt es ja doch wohl, man weiß doch Bescheid, wo sie noch Leute brauchen.« Plötzlich fuhr er gereizt fort: »Das ist alles Unsinn, was Sie mir sagen wollen. Ich bin nun einmal so ein Mensch, der es nicht an einem Posten aushalten kann. Es gibt viele solche, das habe ich früher nicht so gewußt. Fragen Sie nur einen alten Kunden, der wird Ihnen schon Bescheid geben. Weshalb haben Sie mich denn nicht zufrieden gelassen? Ich wußte es nicht besser. Was habe ich denn nun von Ihren Redensarten? Wenn Sie einmal in der Zeitung lesen, daß ich einem Bauern seine Scheune angesteckt habe, dann wissen Sie, wer schuld daran ist.«

Kurt fragte nach dem Mädchen, der Tochter der Wirtin. Der andere erwiderte: »Was soll sie denn machen? Was sie vorher gemacht hat. Sie hat mir ja versprochen, wenn ich ihr Bräutigam werden wollte, sie wollte mir täglich sechs Mark geben. Zu so etwas bin ich mir denn doch zu gut.« Er pfiff einen Gassenhauer, Kurt ging neben ihm her dem Dorf zu.

»Schämen Sie sich denn nicht, so neben mir einzuziehen?« fragte der Mann ihn höhnisch. »Sie haben mich noch nicht bei Licht gesehen. Zu einem Ball bei einem Kommerzienrat lassen sie mich nicht ein, dafür bin ich nicht fein genug.«

»Trinken Sie?« fragte ihn Kurt.

»Was denken Sie sich denn eigentlich,« erwiderte der Stromer. »Vom Wasser erkältet man sich den Magen.«

»Sie verstellen sich ja nur, weil Sie eine innere Angst haben,« redete ihm nun Kurt zu, »ich weiß doch, daß Sie kein Trinker sind, daß Sie immer Bücher gelesen haben.«

Der Mann blieb stehen und sagte: »Die Bücher habe ich gelesen, weil ich mein Elend vergessen wollte, ich trinke nicht, weil es mir gut schmeckt, sondern weil ich dann lustig werde. Glauben Sie denn nicht, daß einer das satt kriegt, das – das alles! Ich bin gelernter Mechaniker, ich kann meine fünfzig Mark verdienen die Woche. Was habe ich denn davon? Heiraten? Ich wollte zur Fremdenlegion, da hat mir einer davon erzählt, der dabei gewesen ist; das ist auch nichts. Sehen Sie, hier frißt es,« dabei schlug er sich auf die Brust.

Die beiden gingen stumm nebeneinander. Nach einer Weile begann der Mann wieder: »Wenn der Mensch nicht weiß, wozu er lebt, dann hat das Leben eben keinen Zweck für ihn. Und da kann man nicht an einer Stelle sitzen bleiben, da muß man eben losziehen. Denken Sie etwa, das tut man zum Vergnügen, wenn man fühlt, wie die Bienen einen bei lebendigem Leibe auffressen? Mein Vater war noch Sozialdemokrat. Er hat mir immer vorgepredigt: ich erlebe es nicht mehr, aber du erlebst es. Mit dem Glauben ist er gestorben. Wenn einer nun nicht so dumm ist, daß er das glaubt? Und wenn schon, was habe ich denn vom Zukunftsstaat? Wenn ich arbeiten will, kann ich immer verdienen, was ich brauche, und unterdrückt hat mich noch keiner, und hinter den Tippelschicksen sind auch im Zukunftsstaat die Blauen her, sonst würden zuviel in dem Beruf. Das ist ja alles Unsinn, das ist nur, damit die Abgeordneten ihre Gelder bekommen.«

Kurt schwieg und ging mit dem Manne weiter. Da kamen die Lichter des Dorfes, der Mann beklagte sich über das Pflaster. Kurt sagte zu ihm: »Ich werde Sie zu jemandem bringen, der Ihnen vielleicht helfen kann.«

»Ich danke,« erwiderte der andere trocken.

»Er ist ganz anders wie ich,« sagte Kurt.

»Soll mich wundern. Es ist mir auch alles eins,« sprach der Stromer.

Kurt ging mit ihm zu einem Hause, öffnete die Haustür, ein altes Weib sah aus der Stubentür und wies die beiden auf seine Frage nach oben; sie stiegen eine steile Treppe hoch, die unter das Dach führte, klopften an eine Tür; die Tür öffnete sich, und der Schneider kam ihnen entgegen.

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