Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Ernst >

Saat auf Hoffnung

Paul Ernst: Saat auf Hoffnung - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/ernstp/saathoff/saathoff.xml
typefiction
authorPaul Ernst
titleSaat auf Hoffnung
publisherGeorg Müller
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090116
projectideb463f9e
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

der Landrat war einer von jenen jüngern Beamten, welche auf eine große Laufbahn rechnen. Er stammte aus einer angesehenen und früher auch wohlhabenden Familie, besaß eine Bildung, die weit über die durchschnittliche Bildung seiner Amtsgenossen hinausging; durch seine Familienbeziehungen und persönliche Tüchtigkeit kannten ihn die leitenden Persönlichkeiten auf das beste. Nun hatte er einige Jahre als Landrat in der Gegend unserer Erzählung verharren wollen, um gewisse Verhältnisse gründlicher kennen zu lernen, nämlich sinnlich und nicht durch bloßes Studieren von Akten und Büchern. Er gedachte dann später noch einige Zeit in einer reinen Gewerbegegend des Westens zu bleiben, vielleicht noch mit Hilfe einer kleinen Erbschaft, auf die er hoffen konnte, ein Jahr oder zwei auf Reisen zu verwenden und endlich eine Berufung als Vortragender Rat in einem Ministerium mit der Aussicht auf eine Ministerstellung zu erwarten, wobei er denn entweder unverheiratet bleiben oder nur eine begüterte Frau heimführen mußte. Der Gedanke an eine Ehe war bei diesen Zukunftsplänen also nur nebenbei aufgetaucht; so war die Verlobung, dann die allmähliche, und nunmehr scheinbar endgültige Fesselung an Wittenberg eigentlich nicht Folge eines bewußt leitenden Willens und keine beabsichtigte Stufe in seinem geplanten Lebensgang; sondern das war alles von selber über seinen Kopf gekommen. Es ist zu verstehen, daß unter diesen Umständen nun Bedenklichkeiten in ihm auftauchten und daß er sich überlegte, ob er nicht seine gegenwärtigen Verhältnisse als eine Fessel betrachten müsse, welche ihn hindere, Bedeutenderes zu erreichen.

Während er dergestalt mancherlei bei sich erwog, das den beiden Geschwistern denn nicht unbemerkt bleiben konnte, erhielt er den Besuch eines hochgestellten Gönners angekündigt, von dem er früher manche Förderung in seiner Laufbahn schon erfahren hatte und, wenn er wollte, wohl auch noch erwarten durfte. Der Präsident, so wollen wir ihn kurz nennen, dachte mit seiner Gattin und einzigen Tochter auf der Durchreise nach dem Süden einen Tag bei ihm zu bleiben; die Ärzte hatten verlangt, daß die Tochter den Winter in Ägypten verleben solle; die Mutter wollte die Zeit über bei ihr bleiben, und der Vater hatte sich auf drei Wochen von seinen Geschäften befreit, um die Angehörigen selber angemessen unterzubringen und einen genügenden Eindruck von ihrem Leben in der Ferne zu haben.

Der Landrat hatte zwar einen längeren Urlaub genommen, um in Miltenberg arbeiten zu können, aber er wohnte nach wie vor in seinem Landratsamt, indem er morgens nach Miltenberg fuhr, wo er in einer Stunde ankam, und abends in seine Amtswohnung zurückkehrte; es war auch noch eine alte Haushälterin anwesend, und so konnte er die Freunde einladen, ihren Aufenthalt bei ihm zu nehmen.

Er hatte das Gefühl, daß der Besuch eine wichtige Entscheidung hervorrufen werde; so mochte er denn, als er die Ankündigung erhielt, nicht gleich zu den Geschwistern sprechen; dadurch aber kam er, weil er wegen der Vorbereitungen mehrere Male nicht ganz pünktlich in Miltenberg erschien und den Grund doch nicht sagen konnte, in eine gewisse Verlegenheit, wie denn leicht geschieht, wenn Menschen, die sehr nahe zusammen leben, aus irgendeinem Grunde sich einmal eine Kleinigkeit verheimlichen; aus dieser Verlegenheit aber entstand eine unbedeutende Gereiztheit, die ihm nicht recht zum Bewußtsein kam; besonders störte es ihn, daß er ein leichtes ironisches Lächeln in Kurts Gesicht zu sehen glaubte; so war er nahe daran, einmal ungezogen gegen seinen künftigen Schwager zu werden, und nur seine gesellschaftliche Beherrschung und auch seine Herzensgüte hielten ihn zurück.

Der Präsident, welcher wohl die Lage des Landrats durchschaute und in väterlicher Gesinnung alles kennen lernen wollte, hatte ihn gebeten, die Geschwister zu einer Mahlzeit einzuladen, damit er diese neuen Freunde seines Freundes kennen lerne. Nun kam der Tag des Besuches heran; der Landrat erzählte Kurt und Angelika von allem, lud sie nach der Verabredung ein und erwartete nun seinen Besuch.

Der Präsident stieg als erster aus dem Wagenabteil; er bemerkte den Blick des Landrats, der über die gebückte Haltung erschrocken war. »Scheußlich, das Älterwerden, Sie werden's auch noch spüren,« sagte er zu dem jungen Freunde, indem er ihm leicht die Hand drückte. Jetzt kam die Tochter, errötend und lachend reichte sie dem Landrat die Rechte; der Landrat zog die Hand an die Lippen und küßte sie, sie wurde verlegen und sagte: »Als ich Sie das letztem«! sah, da war ich noch ein Backfisch, ich stand im Korridor, um auf Sie zu passen, weil Sie so feine Bügelfalten in Ihrem Anzug hatten; das machte mir damals solchen Eindruck.« Unterdessen hatte auch die Mutter das Abteil verlassen, der Landrat eilte auf sie zu, sie sah ihn prüfend an und sagte: »Solche Stiefel hätten Sie früher nicht getragen, Sie müssen wieder mindestens für ein halbes Jahr nach Berlin.« Alle lachten, die Tochter sagte zu dem Landrat: »Mutter hat noch immer ihren Stiefelvogel.« »Haben wir weit zu fahren?« fragte der Präsident, das Gespräch abschneidend; der Landrat zeigte mit dem Finger auf das Dach seines Hauses, ein altes Schloßgebäude, das stattlich zwischen den entlaubten Bäumen eines schönen Parkes am Ende des Städtchens lag. Man setzte sich in den Wagen, zwei Gepäckträger brachten die Koffer und übrigen Reisesachen der Fremden.

Die Damen plauderten von Berliner Bekannten: von Beförderungen, Verlobungen und ähnlichem. Der Präsident schwieg, nur einmal sagte er, den Kopf wendend: »Die Gegend ist ja ganz schön.« »Wie ist es denn mit dem Verkehr hier, lauter Landverkehr, nicht wahr?« fragte die Mutter. »Aber Mama!« warf spottend die Tochter ein; »der Oberförster, der Doktor, der Amtsrichter, der Apotheker – was denkst du denn! Oberlehrer gibt's wahrscheinlich doch auch!« Die frische Schneeluft hatte ihr Gesicht gerötet, ihre Augen blitzten mutwillig.

In der Haustür wurde die Gesellschaft von der Haushälterin begrüßt, die ihr bestes Kleid angezogen hatte; die Damen sprachen liebenswürdig zu ihr, die Tochter lobte den Schnitt des Kleides; die Haushälterin sagte erfreut, die Schneiderin; welche es hergestellt, sei zwar nur eine Schneiderin in einer kleinen Stadt, aber sie verstehe ihre Sache. Dann wurden dem Besuch die Zimmer gezeigt, die Koffer wurden gebracht, die allgemeine Zusammenkunft im Saal verabredet.

Der Landrat war allein im Saal und wartete auf seine Gäste, mit recht gedrückten Gefühlen; ohne daß es ihm klar wurde, wirkte der Gegensatz des Tones zu dem Ton in Miltenberg; er hatte geglaubt, daß er sich heimisch fühlen werde mit den alten Freunden, und nun fühlte er sich fremd.

Der Präsident kam als erster die Treppe herunter. Er ergriff die Hand des Landrats und sprach in freundlichem, väterlichem Ton, daß er mit ihm allein reden wolle.

Im Saal standen die Möbel aus dem elterlichen Hause des Landrats, kostbar und prunkvoll. Zwei große Boulleschränke beherrschten mit ihrer schweren Masse die eine Wand; ihnen gegenüber hingen die lebensgroßen Bilder der Eltern, der Vater in Hoftracht, die Mutter in großer Toilette; unter jedem Bild war ein Tischchen aus geschnitztem und vergoldetem Holz mit schöner Malachitplatte; sie waren ein Geschenk eines russischen Kaisers an einen Vorfahren, wie die Boulleschränke ein Geschenk Louis Philippes an den Großvater gewesen waren. Der große runde Tisch in der Mitte hatte eine Platte aus einem seltenen gelben Marmor, welchen der Vater selber aus Italien mitgebracht, um für die übrigen schönen Stücke seiner Einrichtung eine passende Ergänzung zu haben. Die Fenstervorhänge waren von einem schweren Seidenstoff und stimmten zu den Bezügen der vergoldeten Sitzmöbel.

Der Präsident, welcher nichts Näheres über des Landrats Absichten und die Steinbeißersche Familie wußte, nahm an, daß der Landrat in eine Familie von reichen Gewerbetreibenden heiraten und sein Amt aufgeben wolle, um in ein großes Geschäft einzutreten. Er stellte seinem jungen Freunde vor, daß er durch das Vermögen seiner Verlobten doch voraussichtlich wohlhabend genug sei, um ohne den Zwang des Geldverdienens leben zu können. Es sei aber sehr notwendig, daß unabhängige Männer, welche einerseits durch Familienüberlieferung an den Staat gekettet sind, andererseits durch ihre größere wirtschaftliche Freiheit einen weiteren Blick haben können wie die durchschnittlichen Beamten, die in engen Verhältnissen engherzig werden, ihre Arbeit dem Staat widmen und nicht an die Vermehrung ihrer Reichtümer denken. Durch alle seine Lebensverhältnisse sei er für eine Laufbahn bestimmt, die er nun verlassen wolle, und wenn er nicht sehr wichtige Gründe aufführen könne, so müsse er sich doch fragen, ob er das sittliche Recht dazu habe, einen ihm von Gott angewiesenen Posten zu verlassen. Er solle außerdem bedenken, daß er große Verhältnisse aufgebe, das Leben und Wirken mit den wichtigsten und einflußreichsten Männern seiner Zeit; er könne ihm mitteilen, daß der Kaiser seine Entwicklung verfolgt habe und ihn zu gelegener Zeit hervorzuziehen gedenke; dafür tausche er denn eine Arbeit mit Geschäftsleuten, Berechnen von kleinem persönlichem Gewinn und überhaupt ein Leben in den engsten Gedanken und Wünschen ein.

Hätte der Landrat diese Worte in der bürgerlichen Familienstube seiner Freunde gehört, so hätten sie sicher keinen besonderen Eindruck auf ihn gemacht; aber hier in diesem Saal, zwischen den Möbeln seiner Eltern, die so manche stolze und vornehme Gesellschaft gesehen, erschien ihm plötzlich sein gegenwärtiges Leben in einem ganz neuen Licht. Er stand mit seinem Besuch an einem der hohen Fenster des Saals; durch und über die kahlen Bäume sah er in eine weite, schneebedeckte Ebene, eine Breite von mehreren hundert Morgen, die mit Rüben bestellt gewesen war; fremde Arbeiter hatte er im Sommer in langen Reihen hier hacken sehen; dann hatte er gesehen, wie die Rüben herausgeholt, die Blätter abgeschlagen, die Rüben auf Wagen geworfen wurden, die tief einschneidend in den weichen Boden zu der Zuckerfabrik fuhren; nun arbeiteten andere fremde Arbeiter in der Zuckerfabrik, liefen halbnackt in den übermäßig heißen Sälen und Gängen zwischen den stampfenden Maschinen; das Bild des Tales mit den kleinen Häuschen auf beiden Seiten, den gehenden und kommenden Bergleuten, den gebückt in den Gärten arbeitenden Frauen war verschwunden. Eine feuchte Luft war im Saal, der übermäßig geheizte Ofen sprühte Hitze, ein Frösteln überlief ihn, und er spürte eine merkwürdige Ratlosigkeit, daß er dachte: »Wie ist das? Habe ich denn unter Kurts Herrschaft gestanden, und hat er mich ohne mein Wissen zu Dingen gezwungen, die mir fremd sind?«

Da traten die Damen in den Saal; er eilte ihnen entgegen, begrüßte sie.

Die Damen hatten hochgewachsene Figuren; auch die Mutter war noch schlank und erschien fast noch jugendlich. Er dachte an Angelikas kleine Gestalt und oft heftige Bewegungen; da öffnete sich auch schon wieder die Tür und das Geschwisterpaar trat ein.

Der Landrat fühlte, daß Mutter und Tochter seine Freunde mit kritischem Auge betrachteten und mußte eine leichte Verlegenheit unterdrücken. Plötzlich begegnete er dem ruhigen Blick Kurts, und es war ihm, als sehe er nun wieder alles anders, richtig, so wie es gesehen werden müsse. Eine warme Liebe war plötzlich in seinem Herzen für Angelika; er wußte: jedes Wort ist wahr, das Angelika spricht, jedes Wort ist wichtig, das Kurt sagt; er fühlte beschämt, daß er sich durch eine äußere Anmut hatte blenden lassen, die eine seelische Mittelmäßigkeit verhüllte; und als er den stattlichen Präsidenten mit dem peinlich gescheitelten Haar, der nun straffen Haltung verbindlich sprechend zu dem unscheinbaren Kurt sah, dessen Blick nach innen gewendet schien, der mit jener unmerklich Grenzen setzenden Höflichkeit zuhörte, wie sie in geistiger und nicht verletzender Art nur die ganz seltenen einsamen Naturen haben, da wurde ihm klar: auch der Präsident selber, so tüchtig und achtenswert er sein mochte, war nur mittelmäßig neben Kurt. Nun dachte er an die unbehagliche Stimmung der ganzen letzten Zeit, als er seinen Freunden nichts von dem bevorstehenden Besuch mitteilen wollte, und es war ihm klar, daß doch noch nicht alle Fäden zu seinem Früheren gelöst waren, und zum ersten Male eigentlich wurde ihm bewußt, wie hoch Kurt über ihm stand, daß er nur mit Mühe ihm etwas näherkommen konnte an Wert. Er nahm sich vor: ich will nicht kleinlich sein, ich will mich mühen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, ich will Kurt als meinen Herrn verehren: vielleicht kann ich durch ehrliches Bemühen weiter kommen und höher steigen.

Da fiel sein Auge auf die Malachitplatten unter den Bildern der Eltern, welche seinem Vater so wertvoll gewesen waren als Zeichen fürstlicher Gunst, er sah auf die beiden Boulleschränke, es fiel ihm der Ausspruch eines großen Staatsmannes ein, daß Fürsten, wenn sie untereinander sind, über ihre Minister zu sprechen pflegen, wie andere Leute über ihre Dienstboten; er erinnerte sich, daß er noch gestern, um wegen des Besuches eine Rücksprache zu nehmen, in dem Zimmer der Haushälterin gewesen war; auf einem Schränkchen stand bei ihr eine Uhr im Geschmack der achtziger Jahre, die sie einmal von seinem Vater geschenkt erhalten; und er dachte sich: mit demselben Stolz, wie sein Vater von den Tischen sprach als einem Geschenk des Zaren Nikolaus, wird die Haushälterin von ihrer Uhr sprechen als einem Geschenk Seiner Exzellenz. Plötzlich mußte er lächeln, plötzlich erschien ihm das liebenswürdig-verbindliche Gesicht des Präsidenten, die unbefangene Freundlichkeit der beiden Damen gegenüber Angelika komisch.

Man ging im Eßzimmer zu Tisch; der Landrat führte die Präsidentin, der Präsident Angelika und Kurt die Tochter.

Der Tisch war sehr schön angerichtet mit altem Porzellan, auf welchem das Familienwappen gemalt war, geschliffenem Kristall, Silber und Blumen. Die Präsidentin bewunderte laut die Anordnung und die schönen Sachen, die Tochter fragte nach dem Wappen, und ließ es sich von dem Landrat erklären; der Präsident nickte ihm freundlich zu und sagte: »Sie können ein Haus machen; das ist ein Erbteil von Ihrer schönen und geistreichen Mutter; Sie wissen doch, ich war ein alter Verehrer von ihr, aber Ihr Vater stach mich aus.« Der Landrat erzählte, daß das Geschirr seit drei Geschlechtern immer bei allen hohen Festen: Hochzeiten, Taufen, Silberhochzeiten und ähnlichem in der Familie gebraucht sei; Angelika sagte: »Wie rührend, zu denken, daß vor diesen Tellern und Schüsseln Mutter, Großmutter und Urgroßmutter an ihrem Hochzeitstage gesessen, daß die Kinder längst alte Leute wurden und gestorben sind, deren Taufe man mit ihnen gefeiert, und daß diese scheinbar toten Dinge nun immer noch den Nachkommen dienen.« Das Gefühl dieser Worte erzeugte eine leichte Befangenheit, denn Menschen, welche in der großen Welt leben, drücken ja ungern ihre Gefühle aus. So änderte der Präsident mit leichtem Ton die Unterhaltung, indem er von einem höheren Beamten sprach, dessen Name damals gerade viel in den Zeitungen genannt wurde; er sagte bedauernd, daß der Mann sich seine Laufbahn selber durch zu täppisches Vorgehen verscherzt habe, denn es verstimme natürlich nach oben nichts so sehr, als wenn der Eindruck erweckt werde, jemand habe sich die Schätzung der öffentlichen Meinung erworben. Kurt erwiderte, man werde in solchem Fall doch gewiß unterscheiden, ob bei dem Betreffenden ein unerfreuliches Einschmeicheln bei der Presse vorliege oder ob die Öffentlichkeit ihn mit Recht hervorziehe; der Präsident schien plötzlich seine Wohlgezogenheit zu vergessen, die alle Ausfälle verbietet, und sprach scharf gegen die demokratischen Strömungen der Zeit; Kurt erwiderte, daß man allerdings gegen diese demokratischen Strömungen die schärfsten Vorwürfe erheben könne, daß diese aber doch nicht den Grundsatz treffen, sondern seine noch unzulängliche Verwirklichung. Der Präsident horchte verwundert auf, Kurt vergaß die ganz anders gesinnten Menschen, und sprach, allmählich sich immer mehr begeisternd, etwa folgendes: »Im absoluten Königtum ist zum letztenmal der Versuch geglückt, die Gesellschaft zu ordnen durch eine Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten; als die bürgerliche Gesellschaft sich weiter entwickelte, hat sie in ihren neuen frommen und gedanklichen Gefühlen von Menschenwürde, dann auch in den Umwälzungen und Umstürzen, welche aus den neuen Anschauungen erfolgten, das absolute Königtum vernichtet; seitdem gibt es Könige im früheren Sinne gar nicht mehr; die Bedeutung der heute noch vorhandenen Fürsten ist rein verneinend, daß sie nämlich durch ihr Dasein die großen Nachteile verhüten, welche sich aus freistaatlichen Verfassungen ergeben. Der eigentliche Herrscher des Volkes, wenn man den alten Ausdruck gebrauchen will, ist heute das Beamtentum; das kann aber nur immer der Willensvollstrecker des Volkes sein; durch gewisse Vorsichtsmaßregeln, durch welche besonders in den ja am besten regierten sogenannten monarchischen Ländern ein Eindringen demagogischer Gesinnung in das Beamtentum verhütet wird, ist die Tatsache, daß es nur der Diener des Volkes ist, freilich verhüllt ...«

Der Präsident räusperte sich, der Landrat blickte lächelnd auf seinen Teller und dachte, daß er ihm sagen werde, sobald er mit ihm allein wäre: »Lieber Freund, Ihr künftiger Schwager ist ja der waschechte Sozialdemokrat.«

Die Präsidentin klingelte an ihr Glas, erhob sich, machte den Herren heitere Vorwürfe, daß keiner von ihnen daran denke, einen Trinkspruch auszubringen; so müsse denn sie, als Dame, reden; und nun dankte sie in anmutigen Worten dem Landrat für die gewählte Gastfreundschaft und ließ ihn hochleben. Die Gläser klangen zusammen und ein allgemeines nicht bei allen Anwesenden ungezwungenes Gespräch über das Kaufen in den Warenhäusern entspann sich.

Kurt verspürte wohl, daß er leicht entgleist war, denn das Schonen harmloser Vorurteile unserer Mitmenschen wird doch mit Recht als Forderung der Höflichkeit und des Anstandes, ja, des Sittengesetzes betrachtet; als dann nach mancherlei Gesprächen und nach einigen Trinksprüchen in der allmählich wieder aufgeheiterten Gesellschaft die Tafel aufgehoben war, und einzelne sich zusammenfinden konnten, trat er zu dem Präsidenten, bot ihm die Hand, und sagte, ihn heiter anschauend: »Es tut mir leid, daß ich mich im Gespräch Ihnen gegenüber zu sehr hinreißen ließ; Sie werden mir nicht verübeln, daß ich bestimmte Ansichten habe, die vielleicht nach anderer Richtung gehen wie die Ihrigen, aber es war unrecht von mir, daß ich sie, als Ihnen fast ganz fremd, so schroff ausdrückte.« Der Präsident ergriff seine Hand und sagte lachend: »Sie haben ja ganz recht, Lieber. Wozu nimmt man denn die Schinderei auf sich, man will doch seinem Volke dienen! Wenn es das nicht wäre, so müßte ich doch ein Narr sein, wenn ich nicht auf meinem Gute lebte, wo ich selber gesund und ruhig meine Tage verbringen kann und die Frauen eine vernünftige Beschäftigung haben statt des dummen Gesellschaftstrubels.« Der Landrat gesellte sich zu ihnen. Der Präsident fuhr fort: »Die Ausdrucksweise in unseren Kreisen stammt ja noch vielfach aus früheren Zeiten, wie man doch auch in der amtlichen Sprache noch in vielen Fällen das Wort›königlich‹ gebraucht, wo man eigentlich sagen sollte ›staatlich‹, daher rührt manche falsche Vorstellung bei uns.« Der Landrat sprach: »Wir können den Gedanken noch weiter denken. Wie das absolute Königtum den Beamtenkörper geschaffen und dadurch das Königtum im alten Sinn selber überflüssig gemacht hat, so wird der Beamtenkörper eine neue Gestaltung der Nation schaffen und sich dadurch selber aufheben: wie wir, die Beamten, zur Pflicht gegen die Gesellschaft als erstem Beweggrund unseres Handelns erzogen sind, so sollen wir, die Volksgenossen, wirken, daß jeder einzelne sich als verantwortlich für das Ganze fühlt. Wenn dieses sittliche Wunschziel erreicht ist, welches ja allein die Volksherrschaft berechtigt, dann wird unsere Aufgabe gelöst sein, wie heute die Aufgabe des Fürsten gelöst ist: jeder Mensch ist dann ein König, weil jeder Mensch ein Diener des Staates ist.« Der Präsident stutzte, dann sagte er lächelnd zu dem Landrat: »Sie haben sich sehr verändert.«

Die drei Damen, welche in der Zwischenzeit mochten anderes besprochen haben, traten zu den Männern, die Tochter des Präsidenten hatte Angelika unter den Arm gefaßt und sprach zu dem Vater: »Wenn ich aus Ägypten zurückkomme, dann mußt du mir erlauben, daß ich unsere Freunde in Miltenberg besuche. Ich mag keine Ballgespräche mehr hören. Was wird einem denn da erzählt? Der macht Karriere, das Quattrocento ist der Höhepunkt der Kunst, die verlobt sich und die lernt malen oder wird Gärtnerin, Schiller ist überwunden, und der hat einen guten Schneider.« Alle lachten. Die Mutter sagte: »Auf die Äußerlichkeit kommt im Leben viel an«; die Tochter erwiderte lebhaft: »Aber ich will wissen, wozu ich eigentlich lebe.«

Der Präsident wendete sich zu Angelika und Kurt und sagte ihnen, soviel er aus wenigen Andeutungen des Landrats verstanden, faßten sie bereits ihr Leben so auf, wie der Landrat eben die Richtung der Entwicklung dargestellt habe. »Wenigstens unsere Arbeit möchten wir so auffassen können,« erwiderte ihm Kurt, »denn unser Leben liegt ja in Gottes Hand, wir wissen nicht, was es bedeutet.« Der Präsident wehrte mit der Hand ab und schloß das Gespräch: »Nun, mögen die Meinungen im einzelnen sein, wie sie wollen, ich sehe, daß hier gute Pläne sind, und ich will es unserem Freund nicht mehr verdenken, wenn er seine Aussichten aufgibt und bei Ihnen bleibt.« Kurt verbeugte sich leicht, mit etwas zurückhaltendem Ausdruck des Gesichtes. Die Gesellschaft ging in das Nebenzimmer, im Gehen klopfte der Präsident Kurt auf die Schulter und sagte zu ihm: »Sie sind verdammt stolz, Herr Steinbeißer.« »Ich glaube, wir leben nur in verschiedenen Welten,« erwiderte Kurt lächelnd.

Der Besuch reiste ab und hinterließ den dreien den Eindruck der aufgeregten, neuigkeitsbedürftigen Welt, die suchen will, aber nicht finden. Nun waren die Freunde wieder in Miltenberg, sie saßen am Nachmittag bei der Mutter, zur Teestunde, in der Art, wie es in der letzten Zeit Steinbeißers bei ihnen Gewohnheit geworden war: die Mutter am Fenster, Angelika erzählte lächelnd von der warmen Heiterkeit des jungen Mädchens, ihrer Begeisterung und Freude, wünschend, daß sie einen feilen Plan für ihr Leben zu verfolgen imstande wäre; dann sagte der Landrat zu Kurt: »Auch ich war früher in innerer Unruhe, hatte mir wohl ein allgemeines Ziel für mein Leben ausgedacht, aber das war doch nur von außen gekommen; erst durch dich bin ich ruhig geworden. Nun könnte die eigentliche Arbeit hier durch uns geschehen, ohne dich, wir würden nur deine Einsicht und deinen Rat zuweilen gebrauchen, du aber solltest etwas tun, das eigentlich deiner Begabung entspricht, nämlich eine Art von Seelsorge unter den Menschen treiben, welche uns anvertraut sind. Alles, was wir tun, scheint mir wohl nützlich und notwendig, aber es ist doch nicht das Wichtige; das Wichtige wäre, daß die Menschen beruhigt würden. Sie suchen nach dem, das du hast und ihnen geben kannst, denn sie folgen ja dem Schneider, der sie doch nur immer tiefer in die Unruhe führen kann, trotzdem er gute Absichten hat, wie ich glaube.«

Kurt schwieg lange, die Mutter nahm für ihn das Wort und sagte: »Ihr seid das Licht der Welt. Es mag eine Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzet es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter. So leuchtet denn allen denen, die im Hause sind.«

Kurt ging zu seiner Mutter, küßte sie auf die Stirn und sprach: »Ich habe schon selber solche Gedanken gehabt. Als ich nach hier kam und unser Vater wollte, daß ich seine Arbeit auf mich nehme, da weigerte ich mich zuerst, weil ich dachte, ich müsse anderes tun. Nun aber unser Freund meine Stelle einnimmt, bin ich frei, und ich will mir Mühe geben in einer neuen Arbeit an den Seelen der Menschen, wennschon ich einsehe, daß sie nicht so leicht sein wird, wie ich früher dachte, denn vielleicht ist meine Art euch angemessen gewesen, die ihr schon immer waret, die ihr seid und nur einen Menschen brauchtet, der euch euer eigenes Wesen sagte, und sie genügt nicht den Geringeren, welche Hilfe ersehnen und zufrieden sind mit einem Selbstbetrug.«

Angelika sah zu dem leeren Stuhle hin, auf welchem der Vater zu sitzen pflegte, und erwiderte: »Es ist doch vielleicht noch etwas anderes, wie du denkst, die Menschen sind auch wohl nicht so verschieden, wie wir meinen; und sicher geht nichts verloren in der Welt, das in redlicher Absicht geschieht.«

*

Kurt ging in den Wald oberhalb des Hauses; ohne es zu wissen, ging er denselben Weg, welchen damals der Stiefvater gegangen war, als er den alten Köhler traf. Der lockere Schnee lag nicht mehr auf den Bäumen, wie an dem Tage, wo er Martha getroffen; der Weg war festgetreten durch die Fußgänger, der Schnee war zusammengesunken; aber es war noch dieselbe Stille im Walde wie an dem Tage mit Martha, wie an dem Tage, da sein Vater ging.

Als er auf der Höhe des Berges war, wendete sich der festgetretene Weg nach links, er folgte ihm ohne besonderes Nachdenken. So kam er in ein kleines Dorf von kaum einem Dutzend Häusern, in welchen Waldarbeiter wohnten, ein Förster, und jener alte Köhler mit seiner Familie.

Seit Monaten schon hatte der Köhler den Wald verlassen müssen und wohnte nun in seinem Hause; aber die Gewohnheit des Lebens in der freien Luft ließ ihn nicht viel in der Stube sitzen; in Hemdsärmeln ging der hochgewachsene alte Mann zwischen Haus und Stall herum, im Schuppen, auf dem Hof, immer mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, am Haus, am Arbeitszeug oder an den Vorräten. So stand er denn eben jetzt in der Tür des Kuhstalls, aus dessen Halbdunkel das behagliche Kettenklirren der Kühe erscholl; die Hand über die Augen gelegt, sah er über die hügelige Dorfstraße Kurt herankommen: er ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und begrüßte ihn.

Er führte ihn durch die Vordertür ins Haus; im Flur hinten huschte flüchtig die Enkelin durch, welche zu Ehren des Gastes eine neue Schürze vorbinden wollte; die Tür zu der guten Stube wurde geöffnet; alte Möbel aus schön poliertem Eschenholz mit schwarzen Einlagen standen da; ein behagliches Sofa mit einem viereckigen Tisch davor, ein Schreibpult, eine Kommode, Stühle, die hohe Standuhr mit ruhigem Tacken des Pendels war in der Ecke; über dem Sofa hing in blankem Rahmen ein farbiger Stich, den Aufbruch zur Jagd darstellend; Kästen mit ausgestopften Vögeln waren an den übrigen Wänden verteilt. Kurt mußte auf dem Sofa sitzen, der alte Köhler zeigte ihm mit Freude die schöne, saubergehaltene, Einrichtung und erzählte, wie er sie gekauft vor mehr als zwei Menschenaltern, damals war ein alter unverheirateter Landrat gewesen, der seine Freude gehabt hatte an allerhand schönen Sachen; wie er gestorben war, ließen die Erben den ganzen Nachlaß versteigern, und da hatte der alte Mann, welcher sich eben verheiraten wollte, die Möbel gekauft. »Sie sind immer geschont,« sagte er, »es hat sich nie einer im Arbeitsanzug auf das Sofa gesetzt, deshalb sieht auch alles noch so aus wie neu. Meine selige Frau hatte auch ihre Freude an diesen Sachen. Am Sonntag nachmittag, in den Monaten, wo ich zu Hause war, haben wir immer hier zusammen auf dem Sofa gesessen, und ich habe ihr aus der Bibel vorgelesen. Wie dann die Kinder groß wurden, haben sie zuhören dürfen, sechs Kinder haben wir gehabt, auf jedem Stuhl hat ein Kind gesessen, aber keines hat mit den Beinen baumeln dürfen, denn das Wort Gottes sollen wir mit Ehrfurcht anhören, und es hätten auch Schrammen in die Stuhlbeine kommen können. Heute werden keine guten Möbel mehr gearbeitet, das ist alles Fabrikware jetzt, da hat keiner mehr Achtung vor seinen Sachen.« Dann deckte er das weiß und rot gewirkte Tischtuch ab und zeigte Kurt die schöne und leuchtende Maserung der Platte. »Früher hat der Tischler das Furnier selber geschnitten,« fuhr er fort, »da ließ er seinen Stamm jahrelang auf dem Boden liegen, ehe er ihn verarbeitete, da hatte man auch die starken Furniere. Aber heute wird das alles mit der Maschine gemacht, und wenn am Morgen noch der Vogel von einem Baum gepfiffen hat, so ist am Abend schon der Tisch fertig und wird auf Abzahlung gekauft, und wenn das erste Kind kommt, so hat sich das Furnier schon abgezogen.«

Die Enkelin rief vor der Tür »Großvater!«; der alte Köhler stand auf und öffnete die Tür; da trat die Frau mit einem großen Schankbrett herein, auf dem stand eine hohe Kanne mit Schokolade, zwei Tassen, und eine Schale mit Zwiebäcken. »Das habe ich alles im Hause, wenn ein Besuch kommt,« sagte der Köhler, indessen die Frau die Tassen aufstellte und eingoß. »Trinken Sie denn nicht mit uns?« fragte sie Kurt; »das schickt sich doch nicht,« erwiderte errötend die Frau. »Alles, was recht ist,« sagte der Alte »aber die Frau hat genug in der Küche zu tun.«

Der Mann der Enkelin, bei welcher der Alte wohnte, hatte ein Fuhrwesen von drei Gespannen und besorgte mit zwei Knechten allerhand Fuhren, wie sie in der Waldwirtschaft vorkommen; so war er denn auch jetzt nicht zu Hause, denn an manchen Stellen an den Bergen muß das Holz bei Schnee abgefahren werden. »Das hätte ich nicht gedacht, daß meine Enkelin noch einmal einen Fuhrherrn heiratet,« sagte der Köhler; »von alten Zeiten her ist immer eine Feindschaft zwischen den Köhlern und den Fuhrleuten gewesen, weil nämlich die Köhler früher, wie das Kohlen noch im Schwünge war, selber Fuhrwerk gehabt haben, und die Fuhrleute haben immer gesagt, das ist gegen die Gesetze, jedes Gewerbe will sein Brot haben.« Die Frau lachte, ihre schönen weißen Zähne blitzten in dem freundlichen, braunen Gesicht, und sie sagte: »Ja, wenn wir den Großvater ließen, der kaufte sich gleich ein leichtes Pferd und setzte sich noch auf den Kohlenkarren, in seinen alten Tagen.« »Nein, nein, dafür sind die Knochen schon zu steif,« wehrte der Alte ab, »das gibt die Natur nicht mehr her. Der Mensch muß auch vernünftig sein, und muß seinem Körper nicht zu viel zumuten.« Damit goß er Kurt die Tasse wieder voll aus der großen Kanne; das Kind schrie, schnell lief die Frau nach dem Kind und ließ die beiden allein.

Kurt fragte den Köhler noch allerhand aus seinem Leben und seiner jetzigen Einrichtung. Der sah ihn schlau an und erwiderte: »Der Mensch soll sich nicht eher ausziehen, als bis er sich zu Bette legt. Meine Kinder habe ich alle ihr Handwerk lernen lassen, sie sind durch die Welt gekommen, und kommen noch weiter durch die Welt; die Enkel haben auch ihr Brot, das Kapital ist hier«; dabei klopfte er auf die Hosen, da wo man die Geldtasche zu tragen pflegt, »und das behalte ich, bis ich sterbe. Weniger wird es nicht, es wird mehr, und wenn ich tot bin, so kriegt jeder, was ihm zukommt. Das Geld wird geteilt, und das andere wird versteigert; wer etwas davon haben will, der kann es sich auf der Versteigerung kaufen. Meine Kinder sind gut, die Enkel auch, ich will ja nichts gegen sie sagen, aber wie oft habe ich erlebt, daß die Alten übel behandelt werden, wenn sie alles weggegeben haben. Es ist schon manche Schlechtigkeit geschehen um das liebe Geld, geschieht noch alle Tage; und heute erst recht, wo keiner weiß, wer Koch und wer Kellner ist, wo keiner mehr gehorchen will und keiner mehr befehlen kann, weil die Menschen alle gleich sein wollen.« Kurt senkte den Kopf, der Alte merkte, daß seine Rede, die nicht ganz ohne Absicht war, auf ihn Eindruck machte. Er fuhr fort: »Alte und Junge sind nun einmal nebeneinander in der Welt, und die Alten haben mehr Verstand wie die Jungen, deshalb sollen sie auch von den Jungen geehrt werden. Aber das verstehen die Leute nicht, und wenn die Alten nicht selber aufpassen, daß sie das Heft in der Hand behalten, so fallen sie in Verachtung. Und nun nehmen Sie es mir nicht übel, Herr, daß ich es so dumm heraussage, aber Reiche und Arme sind auch in der Welt und sind auch nebeneinander, und der Arme soll auch den Reichen ehren, denn der Reiche muß den Armen leiten; aber wenn der Reiche nicht aufpaßt, so geht es ihm wie dem Alten, der sein Brot den Kindern gibt und für sich selber leidet Not, den schlägt man mit dem Schlägel tot.«

»Dennoch steht geschrieben –« begann Kurt.

»Herr, ich weiß, was in unserm heiligen Evangelium geschrieben steht,« sagte der Alte und richtete sich in seiner Größe auf, »daß wir sollen den Mantel lassen und sollen zwei Meilen gehen.« Hier schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, dann fuhr er fort: »Dieses alles habe ich von meinen Vorfahren geerbt, die es mit ihrem sauern Schweiß erworben haben, und bis zu meinem fünfzigsten Jahre habe ich meinem Vater als Knecht gedient; darum, was nicht durch meiner Vorfahren Arbeit erworben ist, das ist erworben durch meine Arbeit. Manche Nacht bin ich im Wald herumgelaufen im Sturm von Meiler zu Meiler, ich habe nicht viel in Federbetten geschlafen. Eine Sünde ist es, was Sie tun, Herr. Sie wollen die Welt anders einrichten, wie sie ist, aber Gott hat die Welt eingerichtet, und Gott läßt seiner nicht spotten. Der Stein wird auf Ihr Haupt fallen, den Sie in die Luft werfen.« Die Tür öffnete sich, die Enkelin trat ein mit dem Kind auf dem Arm, sie sagte: »Was ist dir denn, Großvater, man hört dich ja in der Küche!« Das Kind begann zu schreien und versteckte sein Köpfchen, die Mutter beugte sich über und begütigte das Kind. »Du erbst nicht mehr, wie die andern,« rief ihr der Großvater zu; das Kind schrie laut, die Mutter sagte: »Schrei doch nicht so, das Kind erschrickt ja, und was soll denn der Herr von uns denken! Wir haben noch vor keinem die Hand hohl gemacht, vor dir auch nicht, Großvater. Aber du bist wunderlich und traust keinem Menschen. Du sollst dich vor dem Herrn schämen, daß du so schreist. Glaubst du, das ist um die paar Groschen Kostgeld, die du uns bezahlst, daß wir dich bei uns haben? Mein Mann sagt immer: Habe Geduld mit ihm, er ist wunderlich, aber er meint es nicht so schlimm; du bist doch von seinem Stamm, und wenn wir einmal so alt werden, dann werden wir auch wunderlich.« Hier kamen ihr die Tränen, sie nahm mit der freien Hand den Schürzenzipfel und wischte sich die Augen. Der Alte zog eine Geldtasche vor, kramte darin, gab ihr ein Geldstück und sagte: »Das ist ein Pfennig, stecke ihn dem Jungen in die Sparbüchse.« Das Gesicht der Frau erheiterte sich, noch glänzten die Tränenspuren auf ihren Wangen, und sie lächelte schon, als sie zu dem Kinde sprach: »Sage danke schön, Urgroßvater, danke schön.« Dann wendete sie sich zu dem Alten und sagte zu ihm: »Ich habe es ja auch nicht böse gemeint, aber manchmal muß man dir grob kommen, sonst kann man es mit dir nicht aushalten.«

Kurt ging zurück auf dem Wege, den er gekommen; der festgetretene Schnee des Weges war hier und da gebräunt, an einigen Stellen vereist; die Spuren der Nägelschuhe waren oft deutlich zu sehen. »Ein Mensch mit genagelten Schuhen geht doch anders wie wir,« dachte Kurt. Alles war richtig, was der Köhler gesagt hatte, und doch war es falsch. Eine heiße Sehnsucht nach Martha überkam ihn, ein Gefühl der Wärme stieg aus seinem Herzen auf, und er dachte an ihre freundlichen braunen Augen, ihr gutes Gesicht, ihre Stimme, welche so beruhigend wirkte.

Nun saß er in der Gaststube auf seinem gewohnten Platz am Fenster, Martha schneiderte am Tisch an einer Jacke; sie hatte das aus Zeitungspapier ausgeschnittene Muster mit weiten Stichen auf den Stoff geheftet und schnitt nun mit einer großen Schere, auf der Tischplatte gleitend, die Stücke aus dem Stoff aus, sie bewegte sich rasch und entschieden, es war kein Zögern und Bedenken in ihr.

»Nein, ich gebe das Kind nicht her,« sagte sie, »wenn es geschehen sollte, was du denkst. Deinen Namen nenne ich nicht, eher will ich sterben; sollen vielleicht die Mädchen sagen: da sieht man, was sie für eine ist, daß der sie nicht heiratet, das hat sie doch gewußt! Aber ich will alles andere tragen und das Kind bei mir behalten.« Sie trocknete sich eine unerwartete Träne. »Gut, wenn es ein Sohn ist, so wäre ich ja eine Rabenmutter, wenn ich seinem Glück im Wege stehen wollte. Du sollst ihn haben, wenn er so alt ist, daß er auf die Schule kommen muß; aber früher lasse ich ihn nicht von mir. Vielleicht wird er sich dann seiner Mutter schämen, wenn er studiert und groß ist, aber wenn er nach dir schlägt, so schämt er sich meiner vielleicht auch nicht.«

Sie hatte ihre Zuschneiderei beendet; nun legte sie die Stücke auf die eine Ecke des Tisches, wickelte die größeren Flicken zusammen und tat sie in ein Körbchen, setzte sich dann auf den Stuhl, um die Stiche aufzutrennen und auszuziehen, durch welche das Papiermuster auf den Stoff geheftet war; dann wickelte sie auch das Papiermuster zusammen, umwand es mit einem Fädchen und legte es in den Korb.

»Ich muß dir noch etwas sagen,« begann sie plötzlich. »Du weißt, der Metzger wollte gern meine Schwester zur Frau haben, aber meine Schwester hat keinen Willen zur Ehe. Nun meint sie« – sie wischte sich wieder leicht über die Augen – »er wäre ein Mann für mich. Sie hat mich erst gefragt, was ich meine, ehe sie mit ihm spricht, und ich muß es dir doch sagen.«

Kurt erhob sich rasch von seinem Stuhl. »Mache mich nicht schwach,« sagte sie zu ihm, »wir müssen da unsern Verstand fragen.« »Du hast recht,« erwiderte er und setzte sich, indem er sich bezwang, »sprich, was du dir gedacht hast.« »Dich habe ich lieb, und seinen Menschen sonst,« sagte Martha; »und der Metzger ist ein braver Mann, ich will ihn nicht betrügen, er soll alles wissen. Aber wenn er dann will, so meine ich, hätte das Kind doch einen ehrlichen Namen. An mich will ich ja gar nicht denken, aber es wäre doch für mich auch besser, wenn das Gerede nicht wäre. Und einen Widerwillen habe ich ja nicht gegen ihn, er ist ein junger, gesunder Mann, und er ist gut.«

Kurt sagte: »Ich muß mich vor dir schämen.«

Sie antwortete: »Das ist nur, weil du nicht weißt, was du mir gegeben hast, und weil du zu hoch einschätzest, was ich dir gegeben habe.« Sie ließ ihre Arbeit auf dem Tisch, setzte sich auf den Schemel zu seinen Füßen, legte die Arme auf seine Knie und fuhr fort: »Sieh, ich weiß ja wohl, daß ich mehr nachgedacht habe wie andere Mädchen und habe nicht so in den Tag hineingelebt. Aber das hätte mir ja alles nichts genützt. Ich weiß gar nicht, was du mir eigentlich gesagt hast, vielleicht hast du mir gar nichts gesagt; aber durch dich habe ich erst einen Grund bekommen. Glaube nicht, daß ich eine unglückliche Frau werde, wenn ich den Metzger heirate; wenn das so wäre, dann wollte ich es nicht tun, denn wenn eine Frau unglücklich ist, so macht sie den Mann auch unglücklich, und das ist ein Unrecht. Unsere Liebe ist der Festtag in meinem Leben gewesen, ich freue mich, daß der Festtag gewesen ist, und will gern meine Wochentage durcharbeiten. Deshalb kannst du mir das glauben, meine Liebe zu dir hätte ich doch zu keinem andern Mann haben können; und deshalb werde ich jetzt vielleicht dem Metzger eine bessere Frau, wie ich ohne dich geworden wäre.«

Er beugte sich über sie und küßte sie auf die Stirn. Sie schloß die Augen, und eine tiefe Seligkeit war in ihrem Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete, sahen sie schwarz aus, so sehr hatte sich die Pupille vergrößert.

Dann stand sie auf und sagte: »Ich weiß, daß du jetzt in bittern Zweifeln herumgehst. Aber du hast mir einmal selber gesagt: alle Menschen sind gleich in ihrem Innersten, du hast mir auch einmal gesagt, daß ich nicht anders empfinde und spreche, als wenn ich hochgeboren wäre, und ich weiß, daß das richtig ist. Aber du mußt nicht vergessen, wie du tust, daß über den Seelen der Menschen Schutthaufen liegen, und diese Schutthaufen sind bei den Vornehmen anderer Art wie bei den Niedrigen.«

»Du hast wohl recht,« sagte er. »Die Niedrigen hängen mehr am Geld und sind argwöhnischer wie die Vornehmen, dafür sind die Vornehmen dümmer wie die Niedrigen und mehr zur Albernheit geneigt. Das Schlimmste aber unter diesem allem ist der Argwohn, der dadurch entsteht, daß die Niedrigen wohl mehr lügen wie die andern und deshalb denen leicht Lügen zutrauen. Aber ich will versuchen, und will tun, was ich kann. Es wird nicht leicht sein, mit dem Schneider zu kämpfen.«

Er stand auf, reichte Martha die Hand, sagte Lebewohl und ging aus dem Zimmer. Martha stand eine kurze Weile, sah auf die geschlossene Tür und sagte leise: »Er sah sich nicht noch einmal an der Tür um nach mir, sein Schritt zauderte nicht einen Augenblick. Ach, wenn er einen Menschen lieben könnte, das wäre ja ein zu großes Glück!«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.