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Saat auf Hoffnung

Paul Ernst: Saat auf Hoffnung - Kapitel 4
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typefiction
authorPaul Ernst
titleSaat auf Hoffnung
publisherGeorg Müller
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Viertes Kapitel

Herr Steinbeißer ging mit Kurt in das Dorf, um ihm Einrichtungen zu zeigen. Er setzte seinem Stiefsohn seine Gedanken auseinander.

Nach seiner Ansicht war einer der Grundfehler unserer heutigen Wirtschaftsverfassung die Trennung der Gewerbearbeiter vom Boden, der Landarbeiter vom Gewerbe. Auf dem Lande waren die unheilvollen Ergebnisse schon klar zutage getreten. Mit der Einführung der Maschinen in der Landwirtschaft, besonders der Dreschmaschinen, hatten die Landarbeiter auf den Gütern ihre Winterarbeit verloren. In der Zeit der steigenden Körnerpreise hatten die Landwirte es für vorteilhafter gefunden, ihren Leuten das Land zu entziehen, das sie ihnen früher für den eigenen Bedarf überlassen, und sie nur auf Geldlohn zu setzen; so fiel auch die Arbeit in der eigenen Wirtschaft fort, welche die Leute früher in der toten Zeit etwas beschäftigt hatte; nachdem die Arbeiter sich erst an das reine Geldlohn gewöhnt und dadurch die völlige Unabhängigkeit namentlich für die Unverheirateten kennen gelernt, wollten sie dann selber nicht mehr den eigenen kleinen Betrieb haben. Als nächste Folge kam, daß die verheiratete Frau, die ja in diesen Klassen mit der Kinderzucht und Hauswirtschaft nicht voll beschäftigt wird, kein Arbeitsgebiet mehr hatte, daß die Kinder, welche früher spielend bei den Eltern die schwere landwirtschaftliche Arbeit lernten, nicht mehr angemessen erzogen wurden. Da gleichzeitig das Gewerbe sich mit unerhörter Schnelligkeit entwickelte und hohe Löhne zahlen konnte und, um Arbeiter anzulocken, auch zahlen mußte, so zogen die Leute vom Land in die Stadt, und die Gutsbesitzer waren genötigt, fremde Wanderarbeiter anzunehmen. Dadurch wurde der unterste nährende Boden des Volkes vernichtet. Im Laufe der Zeit stellte sich dann auch heraus, daß die fremden Arbeiter, da sie nur auf das Geld sahen, unzuverlässiger und dadurch teuerer arbeiteten, wie die früheren angesessenen Leute, so daß die Grundbesitzer nun sehr oft die alten Zustände, wenn sie wieder möglich wären, herbeizuführen wünschten.

Das Gewerbe hatte zunächst die tüchtigen, vom Lande gezogenen Arbeiter zur Verfügung gehabt, denn die Landarbeit erzieht nicht nur zu Fleiß, Ordnung und Umsicht, erhält nicht nur den Körper gesund und leistungsfähig, sondern erzeugt auch durch die mannigfaltigen Ansprüche, die sie an den einzelnen Arbeiter stellt, Arbeitsverstand. Im Gewerbe wird der Arbeiter einseitig ausgebildet und dadurch im ganzen beschränkt; man darf sich nicht durch den größeren formhaften Verstand und größere geistige Beweglichkeit täuschen lassen; Freude an seiner Arbeit kann der Gewerbearbeiter nicht haben, da er nur ein Mittel bleibt; die Frau, welche in der kleinen städtischen Wohnung nicht genügend beschäftigt ist, wird gleich ihm von der Fabrik angezogen; die Erziehung der Kinder wird dadurch vernachlässigt, die Haushaltungsbedürfnisse kommen teuerer, dabei wird die Ernährung schlechter und allerhand ungesunde Reizmittel werden nötig. So löst sich schließlich die Familie auf, es wächst eine rohe, zuchtlose, vergnügungssüchtige und schwächliche Generation heran, und der allgemeine Zustand des Volkes sinkt. Die Sozialdemokratie hat eine Zeitlang den Leuten ein sittliches und religiöses Ziel gegeben, mit der niedrigeren Gesittung des jüngeren Geschlechts aber ist die geistige Kraft in ihr zu unverstandenem Geschwätz geworden. Die herrschenden Klassen sehen seit langer Zeit ein, daß die ganze Entwicklung unheilvoll ist, aber sie sind mit ihren Besserungsgedanken ebenso machtlos wie die Arbeiter mit ihrem Umsturzwollen: wahrscheinlich steht uns, in Verbindung mit großen weltpolitischen Ereignissen, ein furchtbarer Zusammenbruch bevor.

Die Geschichte der Menschheit entwickelt sich in derartigen Brüchen, und es wäre töricht, das zu beklagen. Aber der einzelne kann an der Stelle, wo er steht, einiges tun, um aus diesem künftigen Zusammenbruch dieses und jenes zu retten; von solchen Inseln aus, die ihrer Zeit von Menschen gegen die künftige Sturmflut befestigt sind, kann dann später wieder die Erneuerung ausgehen.

»Mag meine Ansicht nun richtig sein oder nicht,« sagte Steinbeißer, »jedenfalls halte ich für meine Person sie für richtig und habe nach ihr gehandelt. Ich betrachte mich für einen Angestellten, der die Aufgabe erfüllt, wegen deren er angestellt ist; die Menschen selber sind mir gleichgültig.«

Er erklärte dann weiter, daß die Manganerzgruben große Ausbeute gegeben haben und daß nach seiner Ansicht auch noch für lange Zeiten Erz vorhanden sei; zudem habe er auch bereits neue Lager entdeckt, die er aber absichtlich nicht in Angriff nehme, um den Betrieb nicht allzusehr zu vergrößern. Alles ruhe nämlich darauf, daß man das Mangan brauche für die Sauerstofferzeugung. Wenn man billigere Arten für diese finde, den Sauerstoff etwa durch Elektrizität aus der Luft ziehe, so seien sämtliche Gruben mit einem Schlag wertlos, und er könne alle seine Arbeiter ablohnen. Nun habe er alles so eingerichtet, daß die Arbeiter im allerschlimmsten Fall immer ein Dach über dem Kopfe hatten und einen großen Teil ihres Nahrungsbedarfs aus ihrer kleinen Wirtschaft decken konnten. Außerdem habe er aber die Einführung von zwei neuen Gewerben vorbereitet. Sollte der allgemeine wirtschaftliche Zusammenbruch kommen, so konnten wenigstens nicht alle zugrunde gehen.

Kurt stimmte ihm in allem zu.

Für die heutigen Zustände war die Lage so, daß die Leute ein reichliches Geldlohn verdienten und in ihrer Art sehr gut und ordentlich leben konnten; unerwünschte Menschen hatte er im Laufe der Zeit nach Möglichkeit rücksichtslos entfernt; denn ein Unternehmer heute hat ja eine Macht, wie sie in früheren Zeiten nie ein Mensch besaß. Gänzlich fern zu halten waren üble Kräfte freilich nicht. Die Leute selber hatten die Vorstellung, daß sie alles wiederholten Aufständen und ihrer zusammenschließenden Ordnung verdankten, die von dem jetzigen Verkäufer des Konsumvereins geleitet wurde; diese Vorstellung war ihm, was seine Person betraf, gleichgültig, sie schien ihm sogar für die Leute gut zu sein, da diese geglaubten Erfolge ihr sittliches Selbstgefühl stärkten, so daß sie aus ihrer Arbeitsgenossenschaft wenigstens schlechte Bestandteile schon von selber entfernten.

Der Vater ging mit Kurt in das Haus des Konsumvereins, den er für die Arbeiter begründet hatte. Sie traten in eine backsteingepflasterte Diele, wo vor dem Tresen Frauen, Kinder, auch zwei Männer auf Abfertigung warteten; hinter dem Tresen bewegte sich der Verkäufer mit seiner Frau. Als er die Herren sah, schlüpfte er vor und begann, sie in seine gute Stube zu nötigen.

Die Wände des Zimmers waren mit einer roten Tapete beklebt; über dem roten Plüschsofa hingen die Öldruckbilder von Marx und Lassalle. »Den beiden Männern hat das Volk viel zu verdanken,« sagte der Verkäufer zu Kurt und fuhr fort: »Ja, ja, aus eigener Kraft hat das Proletariat sich entwickelt! Die Wissenschaft hat uns freigemacht! Die Wissenschaft und die Arbeiter!« Herr Steinbeißer erkundigte sich nach einigen Familien, welche durch ihre Neigung zum Borgen bekannt waren; der Verkäufer sprach von dem erzieherischen Einfluß des Konsumvereins, Herr Steinbeißer fragte, ob sie noch beim Fleischer borgten.

Der Verkäufer war ein kleiner, beweglicher und fetter Mann mit etwas unruhigen Augen; nach allerhand Umschweifen kam er auf eine Sache, die ihn drückte: es war ein Schneidergeselle zugezogen, der unter den Leuten eine religiöse Bewegung zu erzeugen gedachte und nun in diesen Tagen sogar eine Volksversammlung einberufen wollte. Er sprach von Aberglauben, unwissenschaftlichen Ansichten und überwundener Weltanschauung, und zuletzt fragte er Herrn Steinbeißer, ob man den Mann nicht aus der Gemeinde entfernen könne. Herr Steinbeißer lächelte und erinnerte ihn daran, daß er doch immer für Gedankenfreiheit eingetreten sei; entrüstet erwiderte er, das hier sei doch ganz etwas anderes, das gehe gegen die Aufklärung, das sei eine Verdummung der Masse, und alle freiheitlich Gesinnten müßten gegen solche rückschrittliche Gesinnung zusammenhalten. Herr Steinbeißer erwiderte, daß er kein Mittel wisse, den Mann zu entfernen.

Sie gingen hinaus und sahen sich den Verkauf an. Da waren Kästen mit Kaffee, Kakao, Zucker, Salz, Gewürzen; da standen Tonnen mit Schmierseife, Sirup und Heringen; aus einem blechernen Behälter wurde Petroleum abgelassen; auf Brettern lagen aufgewickelte Zeuge aller Art. Eine Frau stritt darüber, daß ihr Zucker in zu dickes Papier gewickelt sei, sie müsse das Papier doch bezahlen; ein Kind zupfte seine Mutter am Rock und erinnerte sie an den Sirup; eine Frau fragte den Verkäufer, ob das Öl noch nicht abgeschlagen sei; die Männer brummten, sie müßten zur Arbeit und wollten nur ihr Schnapsfläschchen gefüllt haben; in der Haustür stand eine Frau mit einem Stück Biberstoff in der Hand, das sie prüfte. Der Verkäufer war wieder unter dem Tresen durch zurückgeschlüpft und holte flink von allen Seiten her das Verlangte, schrieb mit Kreide auf dem Tresen die Preise auf, zog zusammen, wechselte das gereichte Geld und gab Marken aus, wendete sich dann schnell zum nächsten Käufer, warf den Männern einige Worte zu über die Versammlung des Schneiders; diese spuckten bedächtig aus und zertraten das Ausgespuckte, antworteten dann, daß man sich den Kerl ja anhören könne; eine Frau beteuerte, er habe ihr krankes Kind geheilt durch Handauflegen; der Verkäufer sprang vor Wut fast in die Höhe hinter seinem Tresen und rief Herrn Steinbeißer zu: »Da haben wir es, da haben wir es! An die Gesundheitslehre wird nicht geglaubt, aber an den Schneider!« Der eine Mann sagte: »Was wahr ist, muß wahr bleiben, das Kind ist wieder gesund geworden.« »Schulbildung, Schulbildung!« rief der Verkäufer. Eine Frau erzählte, sie habe ein Gerstenkorn im Auge gehabt und habe bei abnehmendem Mond drei Gerstenkörner über die Schulter hinweg in den Fluß geworfen. Der Verkäufer schrie: »Woher kommt das? Der Arbeiter kann seine Kinder nicht in die gute Schule schicken. Da liegt der Fehler.«

Hier trat plötzlich der besprochene Schneider selber in die Haustür mit einem Töpfchen in der Hand, in welchem er Sirup holen wollte. Alle sahen auf ihn hin, er beugte grüßend demütig das Haupt. Der Verkäufer rief: »Verkauf nur an Mitglieder.« »Ich wollte höflichst ersuchen, als Mitglied aufgenommen zu werden,« sagte der Schneider. Der Verkäufer holte ein großes Buch herbei, die Leute am Tresen machten Platz, und der Verkäufer schrieb nach Angaben des Mannes.

Ein Kind stellte sich vor den Schneider, den Finger im Mund, und sah aufmerksam an ihm in die Höhe. Er legte seine Hand leicht auf das flachshaarige Köpfchen. Man hörte in der schweigenden Menschenmenge nur noch die Schritte der Verkäuferin, das Klappern ihrer Wage und das Knittern und Hinlegen der Tüten. Die Feder des Mannes kritzelte auf dem Papier.

Eine der Frauen faßte sich Mut, trat zu dem Schneider und erzählte: »Mein Mann liegt nun schon seit sechs Wochen, kein Arzt kann ihm helfen; wenn Sie ihn einmal besuchen wollten.« Er sah die verlegene Frau an und sprach: »Ich will kommen.« Dann diktierte er dem Verkäufer zu Ende: » ... geboren zu Bunzlau den sechsten November achtzehnhundertundfünfundachtzig.« Der Verkäufer sah wütend auf die bittende Frau, dann sagte er barsch zu dem Schneider, der nun auch sein Töpfchen auf den Tresen setzte: »Hier wird nach der Reihe bedient.« Der Schneider entschuldigte sich, nahm sein Töpfchen zurück und ging nach hinten, wo Steinbeißer mit seinem Sohne stand.

Da begegnete er dem forschenden Blicke Kurts und senkte betroffen die Augen. Nach einer Weile sagte er zu ihm: »Sie müssen nicht denken, daß ich mich den Menschen aufdränge. Mich jammert die Kreatur.« »Das glaube ich Ihnen schon,« erwiderte trocken Kurt. Erstaunt sah ihn der Schneider an und fragte: »Sie hassen mich nicht?« »Weshalb sollte ich das?« fragte der andere.

Herr Steinbeißer verließ mit seinem Sohne das Haus. Nachdenklich sagte Kurt: »Wir sind ja von diesen Leuten verschieden; aber worin besteht eigentlich die Verschiedenheit? Das will mir nie klar werden.«

»Dieser Schneider ist wirklich ein sonderbarer Mensch,« sagte langsam der Vater. Kurt lachte. »Er hat eingesehen, daß man an sich glauben muß, das ist das Ganze. Ob er wirklich an sich glaubt, weiß ich nicht. Der Verkäufer glaubt gewiß nicht an sich, und die anderen Leute sind noch nicht einmal so weit, daß sie nicht an sich glauben.«

»Bist du ein guter Mensch?« fragte ihn plötzlich stehenbleibend der Vater.

»Ja,« antwortete er ernst.

»Dann bist du also sehr klug?« fragte der Vater weiter.

»Wenn ich denke, dann denke nicht ich, sondern es denkt in mir. Das ist alles,« erwiderte er. »Wer das erreicht hat, der ist frei. Ich bin der einzige freie Mensch von allen, die ich bis nun kennen gelernt habe.«

»Willst du erfahren, wie es war, als ich deinen Vater niederschoß?« fragte Herr Steinbeißer plötzlich. Sie standen auf dem Dorfplatz, vor dem Teiche, welcher durch den Fluß gespeist wurde. Enten schwammen hier, tauchten den Kopf zum Grunde, um im Schlamm zu suchen, ruderten hin und her; eine stand am Ufer, aufgerichtet und schlug die Flügel.

»Es wäre gut für dich, wenn du es erzähltest, du hast sehr lange an schweren Vorstellungen getragen,« erwiderte ihm Kurt. Steinbeißer begann:

»Ich war bei deiner Mutter gewesen. Sie hatte mir etwas erzählt von deinem Vater und mich um Rat gefragt. Sie weinte sehr, ich glaube, sie war verzweifelt. Ich redete ihr so gut zu wie ich konnte, sagte ihr: ›er ist ein Kind, du darfst ihm seine Taten nicht so zurechnen.‹ Im Innern aber empfand ich einen unbändigen Haß gegen ihn. Sie antwortete mir: ›Ich weiß es, er ist ein großes Kind, und was er auch tut, er tut es immer mit gutem Gewissen und denkt, alle Menschen sind nur für ihn da.‹ Mein Geist war zu erregt, ich konnte nicht arbeiten und ging in den Wald. Aber es beruhigte mich nichts. Aber ich wollte doch deinem Vater nichts Böses antun, ich hatte ja gerade zum Guten geredet! Ich dachte wohl: wenn er stürbe, das wäre gut; er könnte irgendeine plötzliche Krankheit bekommen. Nun, solche Gedanken haben viele Menschen. Zuweilen habe ich auch gedacht: es wäre gut, wenn ich selber stürbe. Da sah ich ihn plötzlich vor mir, an einen Baumstamm gelehnt, ich merkte, daß er verwundet war. Ich strauchelte über das Gewehr, das auf dem Weg lag, nahm es in die Hand, zielte ihm aufs Herz und schoß. Ich habe es nicht gewollt, aber mein Gewissen hat mir immer gesagt: ich habe es doch gewollt.«

Gegenüber dem Ententeich lag der alte Gutshof, in dem jetzt die Schule war. Aus dem Tor kamen plötzlich die Kinder; zuerst drei mittlere, die sich jagten; sie ergriffen den ersten am Jackenkragen, zogen ihn von hinten nieder und wollten ihn mit den Fäusten knuffen; aber seine Tafel war ihm bei dem Fall fortgeglitten, auf einen Stein geschlagen und zerbrochen. Er weinte, die anderen ließen ihn bestürzt los, er rieb sich heulend um seine Tafel beide Augen; der eine der beiden hob die Tafel auf, um sie zu besehen, der andere lief fort. Nun drängte sich ein großer Kinderhaufe durchs Tor; sie umstanden den Weinenden und den mit der Tafel. Ein kleines Mädchen wischte dem Weinenden die Tränen ab, die Jungen weissagten dem mit der Tafel Prügel durch den Lehrer. Dann rief plötzlich einer: »Ach was, das geht uns nichts an«; alle waren glücklich, daß sie nicht betroffen waren, und liefen lustig schreiend auseinander, nur das tröstende Mädchen blieb zurück. Plötzlich besann sich der andere Junge, warf die Tafel fort und entlief gleichfalls. Andere Kinder kamen, hoben die Tafel auf und besahen sie, besahen den weinenden Jungen mit dem Mädchen, legten die Tafel wieder hin und gingen gleichgültig pfeifend ihren Weg. Zuletzt blieben die beiden allein; das Mädchen steckte dem Jungen die zerbrochene Tafel unter den Arm, faßte ihn an der Hand und zog ihn vorwärts, der sich weigerte und seine Hand immer wieder losriß, indem er dabei die Tafel unter dem Arm festgepreßt hielt.

»Es war ein furchtbares Unglück für dich,« sagte Kurt.

Der Vater faßte wie außer sich seine Hand und rief: »Ein Unglück, sprichst du, ein Unglück? Ja, du hast recht, ein Unglück war es. Das habe ich immer gesagt. Ja, du bist ein guter Mensch. Es war ein Unglück. Bin ich denn ein Mörder? – Ja, aber ich habe doch den Willen im Innern gehabt!«

»Ich denke, daß deine Auffassung falsch ist,« erwiderte der Sohn. »Aber es ist freilich schwer, da etwas zu sagen, für einen, der das nicht selber erlebt hat. Jetzt steht die Sonne fast über uns, und der Schatten zu unsern Füßen ist ganz klein; wenn sie sich neigt, so wächst er, und wenn sie untergeht, so ist er riesengroß. Wir wissen, daß wir unseren Schatten nicht größer machen können. Wie geschehen unsere Handlungen? Wir glauben, daß wir sie tun, und wir müssen das ja wohl glauben. Du hast einen Mord begangen, würde ich sagen, wenn ich Richter wäre; denn der Richter ist ja eingesetzt, um dafür zu sorgen, daß die menschliche Gesellschaft bestehen kann in der Art, wie sie heute besteht; aber wenn ich Priester wäre, so würde ich sprechen: du hast den Mord nicht begangen. Ich will dir ein Bild sagen. Der Weltlauf wird von Gott regiert zu einem Endzweck, welchen wir nicht kennen, da wir nur die unwissenden Diener sind, welchen befohlen wird. Dein Plan, den du mit den Menschen hier ausgeführt hast, scheint mir gut. Gott wollte ihn, und er brauchte einen Menschen, der ihn ausführte. Deshalb ließ er dich das Verbrechen begehen, denn nur ein Mensch, der so litt wie du, konnte so gleichgültig gegen sich selber seine Arbeit machen. Hier verschlingen sich aber noch mehr Fäden. Er wollte aus dir selber einen wesentlichen Menschen machen, deshalb hat er dir das Leid zugefügt. Er wußte, daß mein Vater innerlich sein Leben beendet hatte, deshalb ließ er es ihn auch äußerlich beenden. Er wollte meine Mutter durch Leiden bilden, meine Schwester durch Kämpfe. Aber das alles ist ein Bild, denn ›wozu‹ und ›warum‹ sind menschliche Fragen, auf die Gott uns nicht antwortet, denn die Sprache der Menschen ist nicht die Sprache Gottes. Wenn wir bei dem Bilde bleiben, so gelangen wir zu der Lüge, in welcher jener Schneider lebt, der noch viele verstricken wird. Nur kann ich, was ich meine, nicht anders ausdrücken, wie durch dieses Bild.«

»Ja,« murmelte der Vater, »du hast recht. Ich bin meinen Weg gegangen und habe getan, was mir richtig schien, ohne auf Lob und Tadel zu achten, ohne an mich zu denken oder an andere, ohne an Glück zu denken oder an Leid. Ich bin diesem Lande wie der Regen gewesen, der niederfällt auf alle Äcker und Frucht hervorbringt für alle Menschen, und ich habe mir gedacht: was kümmern mich die Menschen, ob sie gut sind oder nicht gut; ich muß sie nur so haben, daß sie auch säen und ernten. Und das hätte ich nicht gekonnt, wenn ich nicht verzweifelt gewesen wäre.«

»Du hast etwas Großes gesagt,« erwiderte der Sohn, »und du hattest recht, es zu sagen. Aber weshalb hältst du deinen Nacken gebeugt und wendest deinen Blick auf die Erde? Kannst du dich jetzt nicht befreien von deiner Tat? Das Korn ist gewachsen, wird gemahlen und gegessen von Menschen, und du selber bist ein Mensch wie die anderen; du atmest, weil es Lust ist zu atmen, die Sonne bescheint dich, es ist eine Lust, die bewegte, sonnendurchwärmte Luft zu spüren, an diesem herbstlichen Mittag an dem Dorfteich zu gehen, wo Enten schreien und die Flügel schlagen, weil sie die Lust des Lebens spüren. Weshalb willst du traurig sein, da du doch lebst! Wenn auch dieses dein Leben nicht tiefe Lust wäre, so würdest du ja nicht leben. Dein Leid war ja nur ein Gedanke; hättest du im Kriege getötet, so hättest du nicht gelitten, denn im Kriege mag es selbst vorkommen, daß der Sterbende stolz ist auf den Mann, der ihm den Todesstoß gab. Dein Gedanke hat gewirkt, was er wirken mußte, er hat dich zu einem Mann gemacht, der frei sein kann von sich selbst. Nun laß ihn, öffne deine Augen und sieh, wie die Berge sich jubelnd breiten, um die Ebene zu empfangen, die Ebene sich jubelnd in die Arme der Berge stürzt, wie diese alten Bäume sich recken, um den Himmel zu tragen, wie der Fluß schäumend sich wild zum Tale drängt: Bist du nicht mehr wie Berge, Ebene, Bäume und Fluß? Diese Leute, welche wir eben im Krämerladen sahen, sorgen für ihre tägliche Notdurft, geduldig und heiter wie das Vieh auf der Weide, wie die Pflanze, welche durch Wurzeln und Blätter sich nährt. Bist du nicht mehr wie diese Menschen, dieses Vieh auf der Weide, diese Pflanze? Um mehr zu werden, mußtest du leiden; aber nun ist dein Leiden nicht mehr notwendig, nun stehst du ja auf der Höhe, welche dir angemessen.« »Du weißt eines noch nicht,« sprach der Vater. »Ich habe es nicht erzählt, weil es an sich ein gleichgültiges äußeres Geschehen ist, auch in den Folgen, die es haben kann, denn daß ich mich nicht fürchte vor den Folgen, das wirst du ja wissen. Als ich damals in den Wald ging, begegnete ich dem verstörten Maurer, wie er eben von dem Ort kam, wo er auf meinen Bruder geschossen hatte. Ich sah ihn und er sah mich. Nun hat er sich selber angezeigt, man wird ihn verhören und er wird die Begegnung erzählen. Dann wird man auch mich vorladen und fragen. Ich kann doch nicht lügen, ich muß sagen: Ja, ich habe den Verwundeten ermordet.«

»Wenn du gefragt würdest, so müßtest du das sagen,« erwiderte Kurt. Dann besann er sich; er sah zur Erde und fuhr mit leiser Stimme fort: »Aber du weißt ja, was du zu tun hast.« Mit sehr leiser Stimme sagte Kurt das. Eine Pause entstand.

»Ich weiß es seit kurzem,« erwiderte der Vater. »Ich weiß, daß niemand das von mir glauben darf.«

*

Kurt saß in dem kleinen Gaststübchen der Bergschenke, auf dem erhöhten Tritt am Fenster, vor dem sauber gedeckten Tischchen, welches die Kanne und Tasse trug. Im Fenster stand eine Reihe Blumentöpfe mit blühenden Alpenveilchen, draußen hinter den Scheiben dehnte sich der Wald aus mit goldbraun gefärbten Blättern der Bäume.

Martha, die zweite Tochter, war im Zimmer geblieben, um dem Gast Gesellschaft zu leisten. Sie saß auf dem Stuhl neben dem runden Tisch, im Schoß eine braune Schüssel, in welche sie mit geschwinden Fingern Bohnen schnitzelte; in einer anderen großen Schüssel auf dem Tisch lagen die Bohnen.

Das bräunliche und anmutige Gesicht war auf die Arbeit gerichtet, in den heiteren Zügen zuckte es von jenem heimlichen Lachen, das junge Mädchen so oft haben ohne weiteren Grund als die Freudigkeit des jungen und gesunden Lebens. Das dunkle Haar war in schweren, glatten Zöpfen auf dem Kopf aufgewunden.

»Ach, was ein armes Mädchen alles glauben soll,« sagte sie. »Uns wird viel weisgemacht.« Dabei sah sie lachend mit klaren braunen Augen zu Kurt hin.

»Ihr Mädchen seid Kinder,« antwortete er, und seine Stimme bebte leise. Sie vernahm das Beben, und ohne zu wissen, was es bedeutete, ohne daß die inhaltlosen und spielenden Worte des Gespräches eine Veranlassung gaben, errötete sie plötzlich.

»Sie erröten bis hinter die Ohren,« rief er; »das macht, weil ich hier sitze und es sehen kann, säßen wir uns gegenüber, so würden Sie nur im Gesicht erröten.«

»Pfui!« sagte sie und machte ein schmollendes Mündchen. »So sind alle Männer! Wenn sie nur den Mädchen etwas aufhängen können!« Dann lachte sie plötzlich wieder ganz ohne Grund, die Schüssel wollte ihr vom Schoß gleiten, sie ergriff sie aber noch rechtzeitig und sagte: »Nun wären mir fast alle meine schönen Bohnenschnitzel auf die Erde gefallen. Das wollen Sie aber nur.« Und wieder lachte sie.

»Ach, wenn Sie wüßten, wie hübsch Sie aussehen! Bleiben Sie so sitzen!« sagte er, aber sie rückte sich mit gemachtem Unwillen um und antwortete: »Jetzt machen Sie sich schon wieder über mich lustig, ich gehe gleich aus dem Zimmer.«

»Das sagen Sie ja nur, Sie gehen ja nicht,« scherzte er.

Sie nahm ihre Schüssel in die Hand, stand auf, ergriff die andere Schüssel und wendete sich rot und mit beleidigtem Gesicht zur Tür. Er sprang auf und sagte: »Ach, liebes Fräulein Martha, bleiben Sie doch.« Seine Stimme klang warm und bittend, sie wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Auge, lachte dann heiter auf. setzte sich wieder und sagte: »Nun müssen Sie aber auch nicht mehr so sein.« Ernsthaft fuhr sie fort: »Ich bin ein richtiges Schaf, daß ich Ihnen nicht böse bin.«

Eine sehr lange Pause entstand, die heiter und ruhig war. Er freute sich über das zierliche Ohrläppchen, das blutdurchströmt war, das anmutige Handgelenk, die leicht geöffneten Lippen und jenen Gesichtsausdruck, der so erstaunt und fragend ist, noch kindlich und schon weiblich; über die Güte und harmlose Heiterkeit des Gesichtchens, ja über den zierlichen kleinen Fuß. Sie verspürte, daß er ihren Fuß gesehen hatte, zog ihn zurück und zupfte an ihrem Kleid, ohne eine Überlegung. Sie dachte nur: Er kann doch gewiß schön erzählen, wenn er doch nur erzählen wollte! »Ich sehe ja nur die Bäume aus dem Fenster,« entschlüpfte es ihr unbeabsichtigt mit einem kleinen Seufzer. Sie wurde verlegen, daß sie das gesagt hatte, und sprach dann: »Daran haben Sie schuld, daß man solchen Unsinn sagt. Ich bin zufrieden, was soll ich mir wohl wünschen!« Und sie dachte sich dabei, wenn nun plötzlich ein wunderschöner reicher und vornehmer Jüngling käme, draußen seinen Wagen mit Kutscher und Diener hätte und sie heiraten wollte.

»Ich bin ja erst sechsundzwanzig Jahre alt,« sagte plötzlich Kurt laut; er antwortete auf einen inneren Vorwurf.

»Ach? Und ich hielt Sie fast für vierzig,« erwiderte Martha. »Dann könnten Sie ja ...« sie sprach nicht fertig, aber jetzt zum ersten Male sah sie sich Kurt heimlich genauer an. Er hielt sich gebückt, auch war ihm das Haar vorn an der Stirn schon etwas licht geworden.

»Was könnte ich denn?« fragte Kurt.

Sie erhob sich plötzlich mit ihrer Schüssel, ging zur Tür und rief im Hinausgehen: »Ich muß schnell in die Küche gehen.«

Nun war es ganz still in der Stube. Eine Fliege summte. »Da summt eine Fliege,« dachte er, und er empfand das Glück des lebenden Tieres. Dann lachte er laut auf, behaglich und zufrieden, und trällerte eine Melodie vor sich hin.

Martha machte sich unbewußt ein Gewerbchen im Zimmer. Es war ihr eingefallen, daß im Glasschrank die Flaschen unordentlich standen. Sie kam, schloß den Glasschrank auf und stellte die Flaschen richtig in die Reihe, mit den Aufschriften nach vorn; die ganze Zeit sah sie nicht nach Kurt hin und war ganz in ihre Flaschen vertieft.

Da ging es wie ein elektrischer Strom zwischen den beiden. Kurt fühlte eine gedankenlose Seligkeit in seinem ganzen Wesen, wie eine Auflösung, wie ein Bach fühlen mag, der sich mit dem Flusse vereint; er stand auf und fast schwankte er; Martha schien auf nichts zu achten wie auf ihre Flaschen; laufend kam er zu ihr, hatte sie im Arm und küßte sie; sie hatte die Augen geschlossen und lag willenlos in seinem Arm, plötzlich richtete sie sich auf, ihre Augen sprühten, sie holte aus und gab ihm mit aller Kraft eine Ohrfeige. Er prallte zurück, hielt sich mit beiden Händen die Backe; sie weinte laut auf und stürzte aus dem Zimmer.

Einige Augenblicke stand er verdutzt da, plötzlich lachte er heiter und glücklich; er wollte ihr nacheilen, dann besann er sich, kehrte langsam um und setzte sich mit glückseligem Gesicht an seinen Platz. Langsam erhob er die Kaffeekanne, und den Deckel festhaltend goß er den nicht allzu dunklen Trank in die Tasse. »Sechsundzwanzig Jahre bin ich alt,« dachte er, »o Gott, wie herrlich ist die Welt. Vor mir liegt das Leben, über Klippen und an Abgründen, zwischen Wiesen und Feldern, an reißenden Strömen und durch gefährliche Wälder geht mein Weg – wie herrlich ist die Welt!«

Hier öffnete sich die Tür und der Schneider trat ein, in seinem Sonntagsanzug, bescheiden grüßend, und sich mit einer Entschuldigung an den Tisch setzend, an welchem Martha vorhin die Bohnen geschnitten hatte. Er erzählte, da Sonntag sei und er nun stundenlang im Walde umhergegangen, so wolle er sich hier etwas erholen und erfrischen. Kurt antwortete einsilbig, der andere betrachtete ihn verstohlen neugierig. Martha brachte still, mit niedergeschlagenen Augen, dem neuen Gast den bestellten Kaffee und verließ gleich wieder das Zimmer. In der Stille vergaß Kurt beinahe den Menschen, er saß in gedankenlosem Träumen am Fenster, in das goldbraune Laub hinaussehend, dessen Schein sich in der schnell wechselnden Herbstsonne fast zusehends änderte, indem er stumpfer und dunkler wurde.

»Ich denke, daß ich den Herrn in Berlin gesehen habe,« begann plötzlich der Schneider, »in einer Heilsarmeeversammlung.« Kurt blickte auf und entsann sich nun dunkel eines Ereignisses aus der Zeit seiner inneren Unruhe.

Das war ein niedriger Raum gewesen voller Menschen, mit stickiger Luft, mit vieler tieferregter Seelen aufreizenden Einflüssen, die wir mit dem ganzen Körper aufzunehmen scheinen, daß wir ihre Wirkung bis in die Fingerspitzen fühlen. Auf einer Erhöhung stand ein Mann mit listigem Gesicht und redete, immer wenige Sätze nur, die er immer mit demselben Satze schloß: »Wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen.« Er sah einen zerlumpten Menschen an, der in der vorderen Reihe saß, und wendete sich zu ihm: »Woher kommst du, Bruder? Du hast mit wüsten Gesellen getrunken, um zu vergessen dein Leid, denn dein Glück hast du dir vertrunken, deine Ehre, dein Gewissen.« Zwei Menschen in der Tracht der Armee setzten sich neben ihn und sagten zu ihm: »Das Himmelreich ist nahe gekommen.« »Du hast Eltern gehabt,« fuhr der Redner fort, »sie sind gestorben, vielleicht waren sie schon in Schande und Schmutz verkommen. Vielleicht hast du ein Weib gehabt, und sie ist in Verzweiflung von dir gegangen, vielleicht hast du Kinder, die jetzt frierend und hungernd auf der eisigen Straße sind«; – erfragte einen anderen Mann: »Bruder, wie hoch steht das Thermometer?« – Fünfundzwanzig Grad. – »Bei fünfundzwanzig Grad Kälte sind deine Kinder auf der Straße, in zerrissenen Schuhen, durch welche der Schnee an die bloßen Füße dringt« – – »Wache und bete, denn das Himmelreich ist nahe gekommen,« sagten die beiden Männer, welche dem Menschen zur Seite saßen, einer faltete seine willenlosen Hände, das gedunsene Trinkergesicht sank kraftlos nach vorn – der Redner schrie plötzlich auf: »Ich sehe deine Tochter, geputzt und geschmückt, in einer hellen Straße, zwei Polizisten haben sie gefaßt und ziehen sie durch den Straßenkot zu einer Droschke; ihre feinen Stiefelchen, ihre seidenen Kleiderchen schleifen im Schmutz, sie schreit: »Helft mir, helft mir!« »Helft ihm, helft ihm!« schrien die beiden Männer neben dem Trunkenbold, »Helft ihm, helft ihm!« schrie die ganze Versammlung. Einige stürzten auf die Knie und hoben die Hände hoch, und von oben donnerte der Redner herab: »Wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen.« Ein Weib kreischte auf, stürzte vor, kniete vor dem Redner und schrie: »Ich will Buße tun,« ein Knabe drängte sich schreiend vor und jammerte: »Buße, Buße;« der Trunkenbold wackelte gedankenlos mit dem Kopf, riß die verblödeten Augen auf; die beiden unterstützten ihn, schwerfällig erhob er sich, ging unterstützt die Schritte und kniete neben den beiden, indem er murmelte: »Buße, Buße.« »Tut Buße und bekehret euch, wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen!« schrie der Redner, indem er, die Hände in den Hosentaschen, auf seiner Erhöhung auf und ab ging. Plötzlich blieb er stehen, zog eine Hand aus der Tasche, machte eine befehlende Bewegung zur Versammlung und begann zu singen: »Halleluja!« »Halleluja!« stimmte die Versammlung ein, und in einem furchtbar rasenden Tempo, in aufregender Melodie, kreischend und heulend sangen alle eine Weile das Wort. Dann streckte der Redner seine Hand wieder aus, plötzlich entstand Totenstille. Da löste sich aus der Masse ein Arbeiter, ein gesunder und ordentlich gekleideter Mann, ging mit festen Schritten nach vorn, zögerte einen Augenblick und kniete dann mit kräftigem Entschluß zu den andern, die vor dem Redner knieten. »Keiner mehr?« rief dieser in die Versammlung, indem er, wieder die Hände in den Taschen, auf und ab ging. Sein langer grauer Bart bewegte sich, seine listigen grauen Augen funkelten. »Keiner mehr?« schrie er. »Auktion wird gehalten. Vier Seelen sind geboten. Keiner mehr? Wer bietet die fünfte?« Überall sprachen Heilsarmeeleute auf die Neuen ein. »Wer bietet, wer bietet, wer bietet dem Herrn Jesus?« schrie der Redner. »Wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen.« Er sah nach seiner Uhr. »Noch fünf Minuten, und das Himmelreich geht vorüber.« Ein furchtbarer Schrei ertönte aus dem Hintergrunde, ein junger Mensch mit verlebtem Gesicht, rotumränderten Augen, kotbespritzt, den Hut hinten auf dem Kopf, stürzte vor und warf sich krachend mit dem ganzen Körper zur Erde.

Der Schneider hatte damals neben Kurt gesessen, Kurt erinnerte sich jetzt des Gesichtes, das gierig nach vorn starrte, so daß ihm schauderte vor seinem Ausdruck. Da sah er durch die Züge die Seele des Menschen, er war ein Mörder, einer von denen, die morden müssen. Der Mensch ekelte ihn an, das Geschrei, die Aufregung; er erhob sich, um zu gehen. Der Schneider hatte sich mit erhoben und hatte ihn begleitet.

Sie gingen durch den Hof, durch die Torfahrt auf die Straße. Die Sterne glitzerten am kalten Himmel, vom schneidenden Winde zusammengewehter Schnee lag in den Ecken, hinter den Laternenpfählen; in zwei Reihen liefen die Laternen die öde Straße hinunter, Schutzleute schritten vor dem Hause auf und ab, mit den Füßen stampfend und klopfend. Kurt ging seinen Weg, frierend in seinem dünnen Überzieher, der Schneider neben ihm her. –

Kurt hatte aus jenen schweren Zeiten viel vergessen; er wußte nicht mehr, was der Schneider ihm damals gesagt hatte. Nun sah er nachdenklich nieder auf ihn, der da vor ihm saß; er hatte schon seit einer Weile gesprochen.

»Einen Glauben suchen die Menschen,« sagte der Schneider, »es ist ihnen einerlei, was es für ein Glaube ist; sie wollen nur glauben. Deshalb müssen sie Einen haben, dem sie folgen, und sie folgen, wenn sie Einer führt.«

»Sie sind ein sehr kluger Mensch, daß Sie es eingesehen haben,« erwiderte ihm Kurt. »Wer das eingesehen hat, der kann viel leisten.«

»Nicht wahr?« sagte der Schneider erfreut. »Ich wußte ja, daß Sie mich verstehen würden. Es gibt ja für mich sonst immer nur zweierlei. Entweder die Leute glauben mir gleich, und dann kann ich mit ihnen machen was ich will; oder sie verstehen mich gar nicht und verachten mich. Aber Sie verstehen mich und glauben mir doch nicht. Das ist das Neue.«

»Sie waren früher Trinker?« fragte ihn unvermittelt Kurt.

»Woher wissen Sie das?« entschlüpfte es dem Schneider.

»Man spürt es so,« sagte der andere; und er fühlte einen haßerfüllten Blick des Menschen.

»Sie sind sehr klug,« erwiderte er, und lachend fügte er hinzu: »Ich gebe Ihnen Ihre Höflichkeit zurück.«

»Ja, die Klugen haben miteinander viel gemein, hat ein Dichter gesagt,« entgegnete ihm gleichgültig Kurt.

»Hat das ein Dichter gesagt? Ei, wie sonderbar! Auch ein kluger Mann, nicht wahr?« antwortete der Schneider kichernd.

»War es nicht merkwürdig,« fuhr er ernsthaft nach einer Pause fort, »wie der Redner beschrieb, er sehe das Mädchen, das mit den Füßen durch den Kot gezogen wurde; und es war doch alles gefroren auf der Straße, dennoch machte es so starken Eindruck auf die Menschen.«

»Er glaubte es eben selber,« erwiderte Kurt.

»Ja, er glaubte es selber. Das ist der Punkt. Man muß selber glauben. Wie schön Sie das wieder gesagt haben.«

»Es gibt Menschen, welche diese Fähigkeit haben.«

Der Schneider sah ihn mit haßerfülltem Blick an. Dann sagte er:

»Wissen Sie schon, daß Maurer erzählt hat, daß Ihr Vater ihm begegnet ist, wie er von dem Ermordeten weglief? – Weshalb hat Ihr Vater den Mörder damals nicht angezeigt?« fuhr er frech fort. Kurt war erschüttert durch die Mitteilung, erschreckt durch den Ausdruck und vergaß die Antwort; Martha trat ins Zimmer; er stand auf, wollte gehen, riß sich zusammen, bezahlte an Martha und ging mit kurzem Gruß.

Martha stand sinnend im Zimmer; ein eigener Glanz lag in ihren Augen. Dann besann sie sich, seufzte unbewußt glücklich und räumte Kurts Geschirr ab.

Der Schneider fing ein Gespräch an über die Ernte, dann fragte er nach Kurt, und zuletzt sagte er: »Er soll ja wohl sehr für die Mädchen sein, heißt es?«

Sie erwiderte unschuldig, sie habe nichts davon gehört, aber man könne sich ja wohl denken, daß so ein reicher und vornehmer junger Herr sich schon ein lustiges Leben machen werde.

»Der wäre kein Bräutigam für Sie!« sagte der Schneider.

Sie sah ihn verwundert an und antwortete: »Ach, wie kann denn wohl ein armes Mädchen an so etwas denken, und die so einen Vater hat.« Damit wischte sie sich eine Träne aus dem Auge.

»Es geschehen zuweilen wunderliche Dinge in der Welt,« erwiderte der Schneider ablenkend.

Andere Besucher kamen; die Gaststube füllte sich, die Zechenstube; nach einer Weile brach auch der Schneider auf.

Der Landrat besuchte in dieser Zeit oft Herrn Steinbeißer, und nach kurzem schien der ruhige und verständige Mann unentbehrlich geworden zu sein. Er war viel mit Angelika im Arbeitszimmer; und wenn Angelika ihm gegenübersaß am Tisch und auf den runden Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar vor ihr blickte, die festen Hände beobachtete beim Umwenden der Blätter, Einkniffen, Schreiben, die energischen Bewegungen der Arme, die Ruhe und Gleichmäßigkeit seines ganzen Arbeitens, so dachte sie oft: hier wäre eine Möglichkeit zu leben; arbeiten, müde werden, schlafen und wieder arbeiten; so müßte das Leben angemessen verfließen.

Wundervoll ruhig war jetzt auch die kurze Zeit, während die Familie im Zimmer der Mutter zusammensaß. Die Mutter hatte ihren Lehnstuhl in der Fensternische, ihre Teetasse auf der Fensterbank neben sich. Dann war der große, runde Tisch; da saß der Vater, oft heiter und gesprächig, allerhand Scherze erzählend, die man von dem ernsten Mann nie erwartet hätte; der Bruder, ruhig und mit freundlichem Gesicht, wenig sprechend, aber seine Gegenwart allein erzeugte schon ein Gefühl der Freiheit; man spürte, daß man sich nicht vor Mißverständnissen zu fürchten brauchte; der Landrat, zuweilen etwas geräuschvoll und zu laut lachend, aber immer fest und sicher in klaren, vorurteilslosen Gedanken; und endlich Angelika, noch oft ungleich in ihrer Stimmung, aber allmählich ruhiger und gleichmütiger werdend. Es war ein merkwürdiges Gefühl der Zusammengehörigkeit entstanden, als sei hier eine Insel im Meer. Vor den Fenstern hingen weiße Vorhänge von alters her, Stühle, Tische und Schränke waren alte Familienstücke; nun mit einem Male schien aus alledem Behaglichkeit zu strömen. Die Abende wurden länger, man sprach davon, daß man in einigen Wochen werde die Lampe brennen müssen bei der Teestunde. Da lag auf dem Tisch eine gehäkelte Decke, eine Handarbeit der Großmutter, oft gewaschen und an manchen Stellen geflickt; das Teekästchen stand da; Angelika spürte, wie der Landrat ihre Bewegungen oft heimlich mit den Augen verfolgte, aber nun freute sie sich über seine Zuneigung. »Was ist das alles?« fragte sie sich oft. »Ist es meines Bruders Persönlichkeit, die so wirkt? Was sagt er denn? Er scheint doch nicht anders wie andere Menschen; aber vielleicht ist es, daß man wahrer wird und natürlicher durch ihn. Ob mein Leiden nicht in Unnatur und Unwahrheit seinen Ursprung hatte? Habe ich denn meinen Vater gekannt? Dieser ist mir doch Vater gewesen und ist immer gut zu mir gewesen. Weshalb habe ich ihn denn gequält? Bin ich vielleicht denn schlecht? Würde ich vielleicht auch meinen Gatten quälen? Das wäre ein großes Unrecht, er ist ein guter Mensch, und ein Mann, den man achten muß.« Da überraschte sie sich, daß sie an den Landrat dachte als an ihren Gatten, erschrak und wurde rot; sie sah ihn sitzen, etwas zu ruhig und selbstbewußt, etwas zu breitschultrig; plötzlich verspürte sie einen Haß gegen ihn. Sie hörte den Schluß eines Gespräches von ihm: »... wenn sie nicht im guten wollen.« Er war ja in Wirklichkeit etwas, wie man es nennt, schneidig; ihr erschien er plötzlich plump und gewöhnlich; sie dachte gar nicht mehr daran, daß solche Reden nur eine üble Angewohnheit waren; sie verspürte mit einem Male einen Haß gegen ihn und erhob sich; wie durch einen magnetischen Einfluß schien plötzlich alles geändert, der Frieden zerstört.

Da begann der Vater zu sprechen, wie er sich alles gedacht habe, wenn er sterben sollte. Er wollte den Kindern nur hinterlassen, was den Wert der beiden Güter betragen mochte, wie er etwa heute wäre; diese Summen hatte er festgelegt, indem er zwei andere Güter gekauft hatte. Das war für jedes Kind ein Vermögen, welches sie freimachte von der Notwendigkeit des sklavischen Broterwerbs, wenn sie ihr Leben für höhere Aufgaben verwenden wollten, und ihnen doch nicht erlaubte, nach der Art vornehmer Müßiggänger mit gesellschaftlichen Ansprüchen ein inhaltloses Leben zu führen; sondern wenn sie nicht einer höheren Leistung ihre Tage opfern und dann auch äußerlich auf vieles, was sonst als nötig gilt, Verzicht leisten wollten, so mußten sich Kurt sowohl wie Angelikas künftiger Gatte eine Berufsarbeit wählen. Die großen Summen, welche er mit dem Bergwerk erworben, wollte er für die Aufgaben verwenden, welche ihm die wichtigsten schienen, nämlich in einem weiteren Kreise Leute ansässig machen; die Verwaltung dieses Vermögens und seine Verwendung gedachte er dem Landrat zu übertragen.

»Nicht auch mir?« fragte Kurt.

»Wolltest du denn?« erwiderte ihm verwundert der Vater.

»Ich könnte jetzt noch nicht darauf antworten,« sprach Kurt. »Ich weiß noch nicht, ob eine solche Arbeit richtig für mich wäre, so daß ich sie gut machen könnte. Vielleicht kann ich andern Menschen doch nicht helfen.« Er sah seine Schwester an.

Die wurde rot und rief: »Du kannst ihnen helfen, du kannst.« Dann ging sie schnell zum Flügel und öffnete ihn. Der Landrat liebte eine Sonate von Mozart besonders; sie stellte das Notenheft auf, der Landrat zündete die Lichter an, da es in dem Winkel schon dunkel war; sie setzte sich und spielte; der Landrat blieb hinter ihr stehen, um die Notenblätter umzuwenden.

Nun löste sich alles auf in den Verschlingungen der Klänge: ihrem Suchen und Finden, Erwarten, Hoffen und Vorbereiten, Ausweichen, Entgegenkommen und Entfliehen; alle wurden heiter und sorgenlos, sie fühlten ihr Blut anders rollen, und das Gewöhnliche, das sie bis dahin gespürt, fiel von ihnen ab. Wenn Seligkeit möglich wäre, so müßten wir sie uns vorstellen. Aber sie ist nicht möglich, und das ist gut, denn nun erstreben wir Höheres, und nur kurze Minuten wollen wir Rast machen auf unserer Wanderschaft an einem sprudelnden Quell, dem heiteren Rasen und den schönen Bäumen, welche ihn umgeben.

Die Sonate war beendet, Angelika schlug den Deckel des Flügels zu und nickte dankend, wie der Landrat ihr behilflich war. Herr Steinbeißer stand auf, um das Zimmer zu verlassen, die anderen beiden folgten ihm; draußen sagte der Landrat zu ihm: »Fast hätte ich es vergessen, heute sprach ich mit dem Untersuchungsrichter; er wird Sie bitten müssen, aufs Gericht zu kommen, um eine Aussage abzugeben im Prozeß Maurer.«

Herr Steinbeißer nickte still. Kurt fragte nach dem Stand der Untersuchung.

»Es ist ja kein Geheimnis, das gewahrt werden müßte,« sagte der Landrat. »Maurer geht von seiner Behauptung nicht ab, daß er nur einen Schuß abgegeben habe, und es ist kein Beweis zu führen, daß er die Unwahrheit sagt, so märchenhaft seine Erzählung auch klingt. Der Staatsanwalt wird natürlich trotzdem die Anklage auf Mord erheben, aber die Geschworenen müssen ihn ja freisprechen. Eine Anklage wegen schwerer Körperverletzung ist nicht mehr möglich, da für diese die Verjährungsfrist abgelaufen ist. So wird man ihn also in kurzem wieder freilassen müssen. Die Vernehmung des Herrn Steinbeißer ist eine reine Formsache.«

»Eine reine Formsache,« sagte Herr Steinbeißer, indem er die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufstieß.

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