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Saat auf Hoffnung

Paul Ernst: Saat auf Hoffnung - Kapitel 3
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typefiction
authorPaul Ernst
titleSaat auf Hoffnung
publisherGeorg Müller
year1919
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Drittes Kapitel

Kurt, der Stiefsohn Herrn Steinbeißers und Bruder Angelikas, wohnte im Osten Berlins in einem großen alten Mietshause, dessen unendlich viele Zimmer, Gänge und Flure mit armen und verkommenen Leuten angefüllt waren, welche hier als Mieter und Untermieter, Schlafburschen und zufällige Nachtgäste durcheinander wimmelten. Die Bohlen des Haupteinganges waren halb verfault, auf den ausgetretenen Treppenstufen ragten die Aststückchen und Nagelköpfe heraus, das Geländer war schmierig, die Wand schmutzig, neben der Treppe auf jedem Absatz befand sich ein Bedürfnisort, welcher halb offen stand und widerliche Gerüche von sich gab, indessen Menschen- und Küchendunst aus einer etwa geöffneten Gangtür strömten. Der Wohnraum Kurts war ein Teil eines größeren Zimmers, den man durch eine Papierwand abgeteilt hatte, die Papierwand ging zur Mitte des Fensters, damit beide Räume Licht bekommen sollten, und so konnte das Fenster nicht mehr geöffnet werden. Der Raum war so eng, daß nur ein Bett stand; dahinter, beim Fenster, war ein schmaler Tisch mit einem Stuhl.

Kurt, der eben in der Genesung von einer langen Krankheit begriffen war, saß auf dem Stuhl am Fenster und sah auf die gegenüberliegende Wand, wo zwei Fenster in Zimmer gingen, die abgeteilt waren wie das seine. Sie waren weiß verhängt. Wie ein Schacht lief der Hof tief nach unten, von allen Seiten durch Mauern mit Fenstern eingeschlossen; Kurt konnte nur bis zur Hälfte eines zweiten unteren Fensterpaares gegenüber sehen, aber unter diesem Fensterpaare waren noch einige, bis der Erdboden kam.

Es war Sonntag früh, viele der Leute im Hause schliefen wohl noch, müde durch die Vergnügungen des Sonnabends; so blieb es eine Weile ganz still in dem menschenerfüllten Gebäude. Die Sonne stand wohl am Himmel und spiegelte sich in irgendeinem Scherben auf dem Dach, denn ein Streifen mit Regenbogenfarben zog sich über den oberen Teil des einen weißverhängten Fensters gegenüber. Dann drang plötzlich das Trappeln von Kinderfüßchen aus dem gepflasterten Hof nach oben, zwei Kinder sprachen eifrig miteinander. »Hast du ihn gesehen?« »Ja, und du auch?« »Ja, ich habe ihn gleich gesehen.« Eine Frauenstimme rief von oben den Kindern zu und sie trappelten eilig wieder fort. Dann war es wieder still. Unbewegt lag der bunte Streifen gegenüber auf dem verhängten Fenster.

Nach einer langen Zeit fuhr draußen auf der Straße eine eilige Droschke vorbei, auf dem Erdpech rollten die Räder, klappten die Hufe; es klang während eines Augenblicks durch das offene Haustor in den Hof hinein, und klang nach oben, an dem geschlossenen Fenster des Genesenden vorbei.

Die Zimmerwirtin klopfte an und trat ein. Sie blieb an der Tür stehen, wischte sich die Nase mit dem Schürzenzipfel, legte dann die Hände übereinander unter der Schürze und blickte stumm auf Herrn Kurt hin. Dieser lächelte und sagte nach einer Weile: »Nun, Sie wollen mir doch etwas sagen, gute Frau.«

Die Frau verschwor sich, daß sie ihm nichts sagen wollte, denn wie sollte sie denn wohl dazu kommen, sich um die Angelegenheiten ihrer Herren zu bekümmern! Mag ein jeder zusehen, wie er im Leben fertig wird, sie hatte auch fertig werden müssen. Dann kam sie weiter ins Zimmer hinein, setzte sich auf den Bettrand, und fuhr zuletzt zutraulich fort: »Ich meine nur, daß Sie es doch besser gewohnt sind, und wenn Sie wollten, so könnten Sie es doch auch feiner haben. Ich nehme immer nur anständige Leute, aber wenn auch, das ist doch keine Wohnung hier für einen Herrn wie Sie sind. Es ist ja nicht, daß ich Angst hätte um mein Geld, weil Sie in der Krankheit nichts haben verdienen können; Sie sind mir schon sicher, und wenn ich mein Geld bei Ihnen verlieren sollte, so wollte ich auch zufrieden sein, denn so einen Herrn wie Sie gibt es ja gar nicht wieder.« Hier brach sie in Weinen aus und wischte sich mit der Schürze die Augen. Dann fuhr sie fort: »Aber ich weiß es doch, Sie brauchen nur nach Hause zu schreiben, so bekommen Sie doch so viel geschickt wie Sie nur wollen, und können sich pflegen, denn die Pflege ist ja nun die Hauptsache, so weit haben wir es ja gebracht, daß die Krankheit vorüber ist.«

Kurt antwortete lächelnd: »Liebe Frau, Sie meinen es ja gut mit mir, aber ein Mensch muß tun, was nötig ist, und Essen und Trinken kommt schon irgendwie von selber.« »Ja, ja, das sage ich ja auch immer,« erklärte die Frau, »aber weshalb wollen Sie denn nur nicht schreiben! So ein Herr wie Sie, der kann ja doch gar nichts Böses getan haben, daß die Eltern ihn nicht wieder annehmen sollten!«

»Aber wenn die Eltern nun von ihm verlangten, daß er etwas tun solle, das für ihn böse wäre!« antwortete Kurt.

Die Frau sah ihn betroffen an, dann schüttelte sie den Kopf und sprach: »Ach, das sind nun so wieder Ihre Reden, die kenne ich schon, das ist gar nicht so schlimm.«

Hier klopfte es nun von neuem, und die Tochter der Wirtin trat ein. Sie fragte Kurt demütig, ob sie kommen dürfe, dann stellte sie sich neben ihre Mutter und sprach zu dieser: »Du kennst den Herrn immer noch nicht. Er kann alles, was er will, denn wenn er zu den Leuten spricht, so müssen sie ihm folgen, wie ich ihm gefolgt bin.« Kurt erhob die Hand abwehrend, sie brach in Tränen aus und kniete vor ihm nieder; er schüttelte leise den Kopf und befahl ihr aufzustehen, dann sagte er: »Sie sind ja immer noch krank, Ihre Seele ist noch nicht beruhigt, deshalb gehen Ihre Gedanken und Gefühle so auf und nieder; ruhig müssen Sie sein, vergessen Sie die Reue, vergessen Sie die Scham; was gewesen, kann niemand ändern, nur für die Zukunft haben wir Macht.«

Die Mutter sagte bekümmert: »Sprechen Sie nur so zu ihr, ich spreche auch so; das ist doch nun einmal, kann denn ein Mädchen unschuldig bleiben heute? Ich habe sie ja getröstet, wie ich nur konnte, und habe ihr erzählt, daß ich mich doch auch nicht habe so halten können, wie ich jung war; es wird ja den armen Leuten zu schwer gemacht, weil sie doch keinen haben, der ihnen hilft, und sie wollen sich doch putzen und wollen ihr Vergnügen haben, solange sie jung sind; das habe ich ihr alles gesagt, und habe gesagt: die Hauptsache ist, daß du nun wieder ordentlich bist und nicht mehr auf die Straße gehst, nun wird schon alles gut werden, und deine Hüte und deine Kleider hast du ja auch verkauft, und wer weiß, ob du nicht noch einmal einen ordentlichen Mann bekommen kannst.« So und in ähnlicher Weise sprach die Mutter.

Plötzlich lachte das Mädchen auf, zeigte nach dem Regenbogenstreifen auf dem weißverhängten Fenster gegenüber und rief: »Draußen scheint die Sonne, der Herr muß hinunter und auf die Straße gehen.« Die Mutter sah sie erstaunt und erschrocken an, Kurt stützte die Stirn in die Hand. Mit hysterischer Begeisterung fuhr sie fort: »Mir hat er gesagt, du kannst alles, was du willst, darum habe ich auch meine Hüte und Kleider verkauft und sitze nun und nähe für Levysohn Hemden, wo ich es doch besser haben könnte und mit feinen Herren gehen. Einmal habe ich einen Rechtsanwalt gehabt. Er kann alles, was er will, er soll auf die Straße in den Sonnenschein gehen, er wird nicht ohnmächtig, wenn er die Treppe hinuntersteigt.«

Kurt ergriff ihre Hand und hielt sie fest; dann sagte er mit eindringlicher Betonung: »Sie wissen, was aus Ihnen spricht, es ist der Hochmut.« Die alte Frau schüttelte verwundert den Kopf; das Mädchen sah ihn wie irr an. Er fuhr fort: »Sie kennen mein Leben nicht, vielleicht bin ich einmal noch tiefer gesunken gewesen wie Sie; aber ich spreche nicht davon; denn wenn wir uns an unsere schlechten Taten erinnern, so wollen wir uns und andere quälen; Ihnen sage ich es jetzt, damit Sie es wissen und sich nicht mehr vor mir zu schämen brauchen. Denn das brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen, daß wir nicht aus leerem Dünkel spielen sollen mit solchen Dingen. Wenn ich meine Natur zwingen müßte für irgendeinen vernünftigen Zweck, so würde ich tun, was Sie wollen, und vielleicht gelänge es mir, wenn ich einen reinen Willen hätte; so aber würde es mir nicht gelingen, das wissen Sie auch. Deshalb hüten Sie sich vor dem Hochmut, der aus dem Leiden eines bösen Herzens kommt.«

Als er dies gesagt hatte, öffnete sich stürmisch die Tür und ein junger Arbeiter trat ein. In wirren Worten begann er, daß er die Nacht durch mit seinen Freunden zusammengesessen habe und habe mit ihnen geredet und ihnen klargemacht, wie alles nichtig sei, das sie erstrebten; und zwar könne er selber ja niemanden überzeugen, denn seine Worte seien zu schwach, aber sie seien aufmerksam geworden; und wenn Kurt erst wieder gesund sei, so solle eine Versammlung einberufen werden, und da solle Kurt zu allen sprechen. In dem übernächtigen, eingefallenen und durch flüchtige Röten überglühten Gesicht brannten zwei halbirre Augen; er fuhr fort: »Sie sind unser Meister, Sie sagen den Menschen, was sie tun müssen, und heute weiß ja niemand, was er tun muß, deshalb sind die Menschen so verzweifelt. Aber wenn Sie sprechen, dann folgen Ihnen alle, denn sie haben keinen, dem sie sonst folgen könnten, und alle sehnen sich nach einem solchen Mann wie Sie sind, wenn sie es auch nicht wissen, daß sie sich sehnen. Dann können Sie befehlen, wie Sie wollen, und alle tun, was Sie befohlen haben, wie ich alles tue, was Sie mir befohlen haben, dann haben Sie die Macht, niemand kann Ihnen widerstehen, und durch Ihre Befehle wird das Gute getan.«

Mit schwermütigem Lächeln erwiderte ihm Kurt: »Nun wollen auch Sie mich versuchen? Habe ich Ihnen je gesagt, daß ich Macht will, daß ich Menschen befehlen will? Ich weiß ja nicht, wie es in den anderen menschlichen Verhältnissen geht, ob da die Macht und das Befehlen nicht gut ist, denn in den anderen menschlichen Verhältnissen habe ich keine Arbeit zu tun. Aber das weiß ich: die menschlichen Seelen müssen frei sein, und jeder, der über sie Macht ausübt und ihnen befiehlt, tut Böses; denn ein jeder Mensch muß seine Seele so gehen lassen, wie seiner Seele Art ist.«

Betroffen und niedergeschlagen erwiderte der junge Mann: »Aber ich gehorche Ihnen doch, über mich haben Sie doch Macht.«

»Ich habe wohl Macht über Sie, aber Sie gehorchen mir, weil ich Sie genau kenne und Ihnen sagen kann, was Ihnen fehlt, und weil ich nicht um meinetwillen Macht über Sie haben will, das wissen Sie genau. Doch es wird einmal die Zeit kommen, und sie muß bald kommen, wo Sie selbständig sind und nicht auf mich zu hören brauchen und nicht auf einen anderen Menschen. Dazu will ich Sie führen, wenn Sie mir so lange folgen wollen, – folgen können, das wissen Sie auch. Aber Sie wollen ja anderes, Guter, ohne daß Sie es denken. Sie sehen in der Welt, wie immer einer über dem anderen steht und herrscht, und wie das verwickelte Getriebe unserer Gesellschaft überall im Grunde durch Gehorsam und Befehl geht, und nun wollen Sie, es soll eine Sekte geschaffen werden oder eine Partei, ich soll das Haupt werden und Sie ein Jünger, ein unterer Befehlshaber, Redner, Zeitungsschreiber oder ähnliches. Ist es nicht so?«

Er sah ihn scharf, aber gütig an. Der andere senkte die Augen und sprach: »Es ist so.«

»Und meinen Sie,« fuhr Kurt fort, »daß unsere Partei oder Sekte oder Kirche, gesetzt ich hätte die Fähigkeit, derartiges zu gründen, durch ein Wunder eine Ausnahme machen würde von dem allgemeinen Zustand der Menschen? Wunder gibt es nicht und hat es nie gegeben. Wenn ich zu Tausenden spreche, so kann ich nicht die Wahrheit sagen, wie ich sie Ihnen sage, denn ich kenne nicht die einzelnen, und Wahrheit ist das Sprechen einer Seele zu einer vertrauten Seele; ich könnte die Tausende aber vielleicht zu einem Rausch bringen, wenn ich unehrlich genug wäre, so, daß sie mir glauben, denn der Mensch in seiner natürlichen Trägheit will ja gar nicht die Wahrheit; denn Wahrheit ist kein Ding, sondern ein Vorgang, sie ist das Einsehen, sie muß also jeden Augenblick neu von uns geschaffen werden; sondern er will den Rausch; er will nicht die Freiheit, sondern die Knechtschaft.«

»Aber was soll ich denn tun?« rief der junge Mensch.

»Trachten Sie nach dem Frieden Ihrer Seele, so werden Sie nicht mehr tun wollen, sondern durch das, was Sie sind, werden Sie den Menschen nützen, nämlich dadurch, daß die Leute sagen: Hier ist ein Mensch, der immer nach der Wahrheit suchte. Und daß ihnen klar wird: auch wir müssen unsere Trägheit abwerfen und uns mühen, daß wir Einsicht gewinnen.«

Auf dem offenen Gesichte des jungen Mannes drückte sich der innere Kampf aus. »Ich will nicht,« sprach er, wie von etwas Fremdem getrieben, wie als Erwiderung auf einen inneren Befehl.

»Ich wußte, daß Sie das antworten mußten,« entgegnete ihm lächelnd Kurt. »Aber besinnen Sie sich, wer sagte eben noch zu mir: Sie haben die Macht, ich tue alles, was Sie befohlen haben.« Der junge Mann stutzte; dann nahm er den Hut in die andere Hand, rief aus: »Ich bin kein Kind mehr,« und lief erregt aus dem Zimmer.

»Er sitzt am Angelhaken, er kommt wieder,« sagte das Mädchen. »Ich weiß es von mir.«

»Vielleicht kommt er wieder, vielleicht kommen auch Sie immer wieder,« sprach leise Kurt. »Aber wenn er nicht wieder kommt, so wollen wir ihm nicht grollen, er ist einer von denen, welche suchen, aber nicht jeder findet, der da sucht.«

»Und ich, werde ich finden?« fragte sie.

»Ich will mir alle Mühe geben, die ich kann,« antwortete er.

In lohendem Zorn schrie sie: »Sie glauben, daß Sie ein Heiliger sind und daß Sie alles können, was Sie wollen. Aber auch Sie sind nur ein Mensch. Ich kann Sie ja nicht mit mir vergleichen, aber vielleicht kommt es auch einmal über Sie, und ist stärker wie alles, so wie mich damals der Ekel an diesem elenden Leben ergriffen hat, und ich habe mir gesagt: ein Vierteljahr Glück, und dann alles zu Ende. Denken Sie an mich, daß ich Ihnen das vorhergesagt habe.«

»Sie sagen mir nichts Neues,« erwiderte er schwermütig, »ich weiß doch, daß es schon einmal über mich gekommen war, und ich bin noch jung, und vielleicht kommt noch einmal etwas über mich, das stärker ist wie meine Einsicht. Ich bin ja nur ein Mensch.«

»Ja,« sagte kopfschüttelnd die alte Frau, »ich bleibe doch bei meiner Rede, der Herr sollte an seine Eltern schreiben. Wenn man so lange im Leben gestanden hat wie ich, dann weiß man, worauf es ankommt; es ist doch zuletzt immer wieder das liebe Geld.«

»Nun, so gehen wir denn alle zu unserem Anfang zurück,« erwiderte heiter Kurt, »und jeder von uns vier ist bei seiner Rede geblieben.« Das Mädchen biß sich auf die Lippen und herrschte die Mutter an: »Komm, der Herr ist müde.« Damit verließen sie das Zimmer, und es war wieder der vorige Friede. Kurt blickte durch die Fensterscheiben auf die Wand gegenüber, die weißverhängten Fenster und den Regenbogenstreifen, der sich indessen verschoben hatte. »Vielleicht ist es ein Scherben von einer schmutzigen alten Flasche, der oben auf dem Dache liegt,« sagte er leise.

Das Befinden Kurts besserte sich sehr schnell. Da erhielt er einen Brief seiner Schwester, welche ihn mit dringenden Bitten nach Hause rief. Wie er sich seiner ganzen Familie entfremdet, so war auch zu der Schwester lange keine nähere Beziehung gewesen. Nun erfuhr er, daß seine Rückkehr notwendig war, daß wichtige Aufklärungen und Entschlüsse bevorstanden, bei denen man seine Betätigung wünschte. So entschloß er sich denn zur Reise.

Mit einem kleinen dürftigen Handkoffer, welcher seine ganze Habe barg, betrat er ein Wagenabteil der vierten Klasse.

Da saßen und standen die Menschen; der Schaffner schlug die Türe zu, der Zug fuhr, bei dem Ruck wurden alle zusammengerüttelt, Gelächter und mißmutiges Schelten war; einer öffnete ein Fenster, ein anderer schloß es brummend; Streit entstand, Vermittlung; ein polnischer Arbeiter schloß seinen Kasten auf, holte eine Ziehharmonika hervor und spielte; in der Mitte des Abteils versuchte sich ein Paar im Tanz zu drehen; hohe Häuserreihen zogen an den Fenstern vorbei, die unratbedeckten Felder vor der großen Stadt, der Zug hielt an dem kleinen Bahnhof eines vornehmen Vorortes, eilig lief ein Mann zur Tür mit einem großen Packen, schrie aus dem Fenster, daß der Schaffner öffnen solle, die anderen lachten über seine ungeduldige Angst, die Tür wurde geöffnet, der Mann kroch hinaus, die Tür wurde wieder zugeschlagen, dann war wieder der Ruck; die anmutigen Häuserchen des Vorortes zwischen behängten Obstbäumen verschwanden, Felder kamen, die langen verschiedenfarbigen Streifen des Ackerlandes tanzten vorüber; die Leute wurden still im Abteil.

Durch die weite Ebene klapperte und rasselte der Zug; da waren flache Seen mit leise sich kräuselndem Wasser, dort stand noch Hafer in Mandeln, ein Flug Spatzen schwirrte hoch, irgendwo lagen die Dörfer zu diesen Äckern, in denen Menschen lebten, gleich diesen hier in dem Wagen, die von diesen nicht wußten wie diese nicht von ihnen, die Telegraphendrähte gingen hoch und nieder; jeder der Menschen in dem Wagen dachte: ich fahre hierhin, oder dorthin, und er dachte nicht, daß er gefahren wurde, wie ein Warenballen oder eine Kiste; jeder dachte: ich will und ich werde, und dieses wird schön werden und jenes wird mir Freude machen, aber der Zug fuhr mit ihm von einer Station zur anderen, wie das Geleis leitete, die Lokomotive zog, der Führer den Dampf regelte und der Heizer heizte; und der Führer dachte: an dieser Stelle muß ich Dampf ablassen, der Heizer: nun muß ich Kohlen einschaufeln.

Kurt lachte: wer das eingesehen hatte, daß die Reisenden wollen und sich freuen, und daß die unbelebte Lokomotive sie zieht auf den stählernen Schienen, der war befreit. Aber schwer ist die Einsicht, schwer zu erlangen und schwer zu erhalten.

Der Zug hielt, Leute stiegen aus und Leute stiegen ein; frische kühle Luft kam in den stickigen Wagen und machte den üblen Geruch für eine Weile noch mehr bemerkbar; dann fuhr der Zug wieder weiter; die Leute sprachen miteinander; die, welche zusammen eingestiegen waren, von Geschäften oder von dem Leben und den Schicksalen ihrer Bekannten; die, welche einander fremd waren, erzählten von sich, von ihrer Reise, von ihren Leiden; merkwürdig, nie erzählten sie von Freuden; aber was sie in der Gegenwart fühlten, das war entweder Gleichgültigkeit oder Freude, wie diese jungen Burschen dort, welche mit dem Mädchen scherzten, wie der Alte, der sich schmunzelnd seine Pfeife stopfte, wie die Handelsfrau, welche streng und zufrieden ihre Groschen in der Hand zählte.

Das Aussehen der Gegend veränderte sich; Kurt verließ an einer Haltestelle das Abteil und löste sich ein Billett dritter Klasse, um seine Angehörigen nicht zu kränken. Da war ein Beamter seines Vaters, der ihn kannte und liebedienernd zu ihm allerhand schwatzte. Kurt dachte bei sich: »Liebe ich denn die Menschen? Mir scheint, sie sind mir lästig; auch die Menschen in Berlin waren mir doch lästig. Dennoch lieben mich viele; sie merken wohl, daß ich nichts von ihnen will, und das genügt ihnen, sie sind so bescheiden.«

Die letzte Strecke kam, die Kleinbahn, welche an der Landstraße entlang, neben dem Fluß, der sich in Windungen schlängelte, das Tal in die Höhe fuhr, zwischen den vielen kleinen Häusern und Gärten, den verschlungenen schmalen Wegen, unter den beiden waldigen Bergen, zum Stationshaus und zu dem Hause der Eltern.

Das eine Dienstmädchen des Elternhauses erwartete Kurt und wollte ihm sein Köfferchen abnehmen; er wehrte ab, sie sagte: »Aber das schickt sich doch nicht, daß Sie das tragen, und ich gehe nebenher«; lachend gab er ihr das leichte Stück. Vor der Tür empfingen ihn Mutter und Schwester; er küßte der Mutter die Hand, sie nahm seinen Kopf in die Hände und blickte ihm ins Gesicht, dann sagte sie: »Er ist gut«, seine Schwester küßte er auf die Stirn; als er sich wieder zur Mutter wendete, merkte er, daß sie verlegen war über die Worte, welche sie gesprochen; er streichelte ihr freundlich über die Backen und sprach: »Laß, ich bin ja doch dein Sohn.« »Du bist so – anders geworden,« sagte sie; sie fand das richtige Wort nicht; dann fügte sie hinzu: »Aber ich glaube, du kannst uns allen helfen, ich will dir auch folgen.« Erstaunt sah Angelika ihre Mutter an; einen solchen Ton hatte sie von ihr noch nie gehört.

Er wurde in das Zimmer geführt, das er als Knabe und Jüngling bewohnt hatte. Alles stand noch so, wie er es damals verlassen, vor Jahren, und plötzlich überkam ihn Erinnern und Vergleichen. In dem großen Bücherbrett, welches die eine Wand völlig einnahm, waren aufgereiht beieinander alle seine Bücher, in denen er damals gesucht: die Dichter und Denker. Jetzt wußte er, was er damals in den Dichtern und Denkern gesucht hatte, ohne es zu wissen. Und zuweilen hatte er Glück gefunden in dem Selbstvergessen durch die schönen Worte und Bilder eines Dichters, durch den klaren Aufbau der Gedanken eines Denkers. Da hatte er gedacht: »Nichts will ich sonst, wie hier sitzen in meinem Stübchen, durch das Fenster sehen zum bewaldeten Kohlberg, wo die eisernen Räder des Förderschachtes, sich im Gegensinne drehend, aus den Bäumen aufragen; und träumen über schönen Bildern, den Klang schöner Worte hören, den Bau der Gedanken eines Denkers verfolgend, unbekümmert um Wahr oder Falsch.« Aber dann war die furchtbare Schwermut gekommen, das Grauen gleich dem Grauen eines Gespenstergläubigen in der dunklen Nacht, der gedankenlose und unsinnige Schwindel, wie der Schwindel eines Mannes, der am Abgrund steht. Wie er die Schwermut hatte bekämpfen wollen, das wollte er nicht mehr wissen; das waren die Jahre der Betäubung und des Lasters gewesen; die wollte er vergessen, denn die Erinnerung demütigte ihn. Dann hatte er eingesehen, daß das ein falscher Weg für ihn gewesen war, daß er das Glück suchen wollte, daß er einen anderen Weg gehen mußte. Nun hatte er den anderen Weg gefunden, er hatte die Einsicht; so war ihm Glück und Leid nun gleichgültig geworden, er war sich selber wie ein anderer, der sich selber zur Seite stand.

Er ging zu seinem Stiefvater. Der alte Mann erhob sich, reichte ihm gleichgültig die Hand, sah dann in sein Gesicht und stutzte. Er zog ihn zum Fenster und betrachtete ihn prüfend. »Du bist ein anderer geworden,« sagte er. »Ja,« antwortete der Sohn, »vielleicht verstehen wir uns heute besser wie damals« – er stockte, dann fuhr er fort: »ich wenigstens denke, daß ich dich heute verstehe, damals verstand ich dich nicht.« »Du warst damals ein verworfener Mensch,« sagte mit finsterem Gesicht der Vater. Kurt sah ihn mit hellem Gesicht an, dann schüttelte er den Kopf und sprach: »Ich hatte meinen Weg noch nicht gefunden.« Wieder blickte ihm der Alte prüfend in die Augen; lächelnd hielt Kurt den Blick aus, bis der Vater verwirrt die Augen senkte.

»Wir stehen uns heute als Gleiche gegenüber, ich bin nun in meiner Art ein Mann, wie du einer bist in deiner Art,« sagte Kurt, um ihm in seiner Verlegenheit zu helfen.

Sie setzten sich einander gegenüber an dem großen Schreibtisch. Der Vater begann: »Deine Schwester hat dich gerufen; du wirst den Grund von ihr wohl im Lauf der nächsten Tage erfahren; sie hat offenbar Dinge erkundet, die ich für gänzlich unbekannt hielt. Wie du alles auffassen wirst, weiß ich ja nicht; aber wenigstens bist du ein Mann und wirst dich von vernünftigen Überlegungen leiten lassen, nicht von törichten Antrieben. Jetzt aber muß ich dich um eines fragen: wenn ich plötzlich abberufen werden sollte« – er sagte »abberufen«, Kurt wunderte sich über den Ausdruck bei ihm –, »würdest du dann die Leitung der Werke übernehmen?« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Du wirst mich verstehen. Es muß ein Mensch da sein, es darf nicht ein gemeiner Geschäftsmann sein. Alles Geschäftliche ist ganz einfach, in einem halben Jahre beherrschest du es. Aber es muß ein Mensch sein. Ich bin ein Mensch gewesen. Willst du deine Pflicht tun?«

»Ich tue meine Pflicht. Aber die Leitung werde ich nicht übernehmen.«

Herr Steinbeißer sprang erregt auf. »Ich dachte es mir ja doch vorher,« rief er aus.

Ruhig erwiderte der Sohn: »Ich bleibe eine Weile hier. Vielleicht verstehst du, was ich meine, wenn wir länger zusammen waren; jetzt kannst du es nicht verstehen, denn du kennst mich nicht.« Damit stand er auf und verabschiedete sich vom Vater.

Am anderen Morgen forderte Angelika den Bruder auf, mit ihr in den Wald zu gehen. Als sie allein zwischen den Bäumen waren, begann sie zu sprechen.

»Du weißt, wie uns der Tod unseres Vaters erzählt wurde. Man sagte, er sei im Wald von einem Wilderer erschossen. Er wurde gefunden, an einen Stamm gelehnt, neben ihm die geladene Büchse; einige Schritte von ihm lag ein abgeschossenes zweiläufiges Gewehr, das dem Großvater gehört hatte. Er war von zwei Kugeln aus diesem Gewehr getroffen, von denen die eine tödlich gewesen war.

Zwischen unserem Stiefvater und unserer Mutter war es nicht so, wie es sein sollte. Jahrelang habe ich unsere Mutter gehaßt um diese Heirat – du hast ja auch unter ihm gelitten.«

Der Bruder schüttelte den Kopf und sprach nachdenklich: »Vielleicht unter ihm, aber nicht durch ihn, wenigstens nicht so, daß ich ihm einen Vorwurf machen dürfte. Er war ein anderer Mensch wie ich.«

»Gut,« fuhr die Schwester ungeduldig fort. »Seit Jahren schon habe ich meine Spur verfolgt. Du weißt, der Stiefvater hat den Zweiläufer in seinem Zimmer an der Wand aufgehängt; er ist kein Jäger, und schon das fiel mir auf, wie ich noch beinahe Kind war. Einmal hatte ich bei ihm zu tun, da kam die Frau des Maurer, der damals sein Kind ermordet hatte; er hat sie immer unterstützt; sie sah den Doppelläufer an der Wand und rief erstaunt aus: »Ach, das ist das Gewehr meines Mannes, das ihm damals gestohlen ist.« Ich schrak zusammen, unser Stiefvater wurde blaß, die Frau empfand, daß sie etwas Bedenkliches gesagt hatte, und verstummte; unser Stiefvater sprach gleichgültig von der Angelegenheit, die sie hergeführt, ohne auf den Ausruf einzugehen. Da wurde mir plötzlich alles hell, aber ich deutete es mir noch falsch; ich fühlte wohl, aber ich wußte noch nichts Bestimmtes.

Nun machte ich mich mit Maurer bekannt, indem ich öfter zu ihm ging, ihn nach allerhand fragte, Fallen von ihm kaufte und ihm Aufträge gab. Mit großer Geduld brachte ich es so weit, daß er mir vertraute.«

Kurt sah seine Schwester an. Sie fragte heftig: »Weshalb siehst du mich so mitleidig an? Was denkst du von mir?«

»Daß wir uns selbst unsere Leiden schaffen, und andere quälen, damit wir selber gequält werden,« erwiderte er ernst.

Sie warf den Kopf zurück und erwiderte: »Ich verstehe dich nicht. Aber ich denke, du bist ein Mann und wirst deine Pflicht tun.« Er lächelte, wie er wiederum das Wort »Pflicht« hörte, das die Menschen so gerne anwenden, wenn sie von uns verlangen, wir sollen tun, was sie wollen; und sie fuhr fort:

»Es ist wohl nicht richtig, wenn ich sage: er vertraute mir. Sein Gewissen trieb ihn um. Er kam mir immer vor wie eine Maus, die sich in der Falle gefangen hat und nicht weiß, wie das alles zusammenhängt, daß sie plötzlich von Drahtgitter umgeben ist. Er gestand mir, daß er beim Wildern von unserm Vater überrascht sei und auf ihn geschossen habe; dann habe er das Gewehr fortgeworfen und sei geflohen, ohne sich umzusehen nach dem Gefallenen. Das Gewehr habe er früher einmal bei uns gestohlen, und es sei dasselbe, das man bei dem Toten gefunden. Aber, und nun kommt das Wichtige, er habe nur einmal geschossen. Unser toter Vater hatte aber zwei Schüsse erhalten, und in der gefundenen Waffe waren beide Läufe leer.

Ich weiß jetzt nicht mehr, wie mir plötzlich die Überzeugung kam: der andere Schuß, der tödliche, wurde von unserem Stiefvater abgefeuert.

Ich ging zu ihm auf sein Zimmer, während er über seinen Papieren saß, nahm das Gewehr von der Wand und machte mir allerlei mit ihm zu schaffen, indem ich die Hähne spannte und wieder zuschnappen ließ, in die Rohre sah und ähnliches, wie ein kindliches junges Mädchen wohl in Gedankenlosigkeit tut. Er schrieb weiter und gab sich den Anschein, als bemerke er mich nicht. Ich wendete ihm den Rücken, spielte weiter mit dem Gewehr und drehte mich dann plötzlich um; da überraschte ich ihn, daß er mich mit angstvollen Blicken angesehen hatte. Ja, ich hasse ihn, ich habe ihn immer gehaßt, ich weiß nicht, weshalb. Scheinbar verwundert fragte ich ihn: ›Weshalb siehst du mich so sonderbar an?‹ Er antwortete, indem er sich zusammennahm: ›Du wirst das Piston zersprengen.‹ ›Was ist das? Zeige es mir,‹ bat ich ihn, indem ich ihm das Gewehr in die Hand legte. Seine Hand zitterte etwas. ›Deine Hand zittert ja,‹ sagte ich. Er antwortete nicht, zeigte mir das Piston und befahl mir, das Gewehr wieder an die Wand zu hängen.«

»Bist du ein Weib?« fragte Kurt seine Schwester. Sie zog die Augenbrauen in ihrem blassen Gesicht in die Höhe und fragte zurück: »Bist du ein Mann?« Er lächelte und sprach: »Seit Jahrtausenden ist das die Formel, durch welche die Frauen die Männer zum Bösen aufreizen.«

Sie fuhr fort: »Von meinem Fenster aus sah ich, wie er in den Wald ging. Da wußte ich, daß er Maurer aufsuchen werde. Er blieb lange fort, als er wiederkam, hatte er also erfahren, daß Maurer mir gestanden. Aber er fragte mich nie.«

Sie schwieg eine Weile. Dann sagte Kurt: »Woher kommt dein Haß gegen ihn?«

Sie erwiderte: »Ich habe oft darüber nachgedacht, aber ich kann keine klare Antwort geben. Ich kann nur sagen: ich habe den Blutgeruch gewittert, der von ihm ausging.«

»Ja, er hat es in seinem Gesicht, in seiner Haltung,« stimmte Kurt ihr nachdenklich bei. »Er ist ein furchtbar unglücklicher Mensch.«

»Der Mörder deines Vaters tut dir leid?« fragte sie.

»Ja,« entgegnete er. »Fast alle Menschen haben mir leid getan, die ich getroffen. Auch du tust mir leid, du noch mehr wie unser Stiefvater.«

»Wenn das so ist, so denke, daß ich auch ein Opfer bin, wie es unser Vater war. Was soll aus einem Kinde werden, dessen Mutter den Mörder seines Vaters geheiratet hat!«

»Auch ich bin ein solches Kind. Aber ich bin freilich ein Mann, und vielleicht hat jener dumpfe Druck in unserm Elternhaus bei mir die andere Wirkung hervorgebracht, daß ich nun so geworden bin, wie ich bin. Aber weshalb hast du mir plötzlich jetzt geschrieben, denn alles das ist doch schon früher geschehen; was ist das Neue?«

Sie blieb stehen und sah ihn an: »Darf ein Weib, wie ich bin, einen Ehrenmann heiraten und ihm Kinder gebären?«

»Nein,« antwortete er.

»Du hast recht,« sprach sie, »ich habe mir selber diese Antwort gegeben. Aber eher finde ich nicht Ruhe, bis ich diesen Menschen vernichtet habe.«

»Auch dann findest du nicht Ruhe, denn dein Leiden sitzt in deiner Seele,« sagte er. »Vielleicht fändest du Ruhe, wenn du ihm verzeihen könntest.«

»Verzeihen?«

»Verzeihen, ja, von Herzen verzeihen, so, daß du seine Tat gar nicht mehr sähest. Aber du müßtest dir nicht sagen: ich will ihm verzeihen; sondern du müßtest dir sagen: ich werde durch eine Leidenschaft umhergetrieben, welche sinnlos und zerstörend ist; ich will suchen, ihre Ursachen zu erforschen, die ja in mir sind; und wenn ich eingesehen habe, daß die Ursachen in einer falschen Auffassung seiner Handlung liegen, so wird meine Leidenschaft schwinden. Du sprachst von Maurer. Er ist ein dumpfer Mensch, der bewegt wird von bloßen Antrieben, in die er nie Einsicht gewinnen kann. Unendlich hoch stehst du über ihm, denn dich treibt eine bewußte Leidenschaft. Nun gibt es eine dritte Stufe...«

»Die du erreicht hast?«

»Ja.«

»Dich wird nie eine Leidenschaft treiben?«

»Das habe ich nicht gesagt. Wer sich vor der Leidenschaft fürchtet, der fürchtet sich vor dem Leben, der soll ein Asket werden und in seine Zelle gehen. Aber wenn ich eine sinnlose und zerstörende Leidenschaft in mir spüre, wie es die Rache ist, so werde ich aus allen Kräften gegen sie arbeiten.«

»Also auch du bist mein Feind,« rief sie aus, »du stehst zu dem Mörder deines Vaters gegen deine Schwester.«

Er ergriff ihre Hand und sprach zu ihr: »Liebst du den Mann, von dem du fragtest, ob du ihn heiraten darfst? Du liebst ihn nicht, sonst hättest du alles andere vergessen, du bist ja Weib, und die Natur hat dich zur Mutter bestimmt. Aber denke an ihn; ich weiß nichts von ihm, aber er wird allein sein und sich nach einem Weib sehnen, das ihn mit freundlichem Lächeln empfängt, wenn er in sein Haus kommt; könntest du dir nicht denken, daß du ihn freundlich lächelnd erwartest? Er sehnt sich danach, daß in seinem Zimmer leichte Tritte einer gütigen Frau sind, er möchte ein frohes und glückliches Wesen haben, für dessen Frohsinn und Glück er sorgen kann; er möchte denken können: dies wird ihr Freude machen, mit dem will ich sie überraschen; er denkt: die tiefste Sehnsucht des Weibes ist das Kind, sie wird mein Kind liebhaben, es im Arm halten, seine Füßchen leiten bei den ersten Schritten und ihm die ersten Worte vorsprechen. Und wenn du an alles solches denkst, kannst du dann nicht vergessen, daß ein Mensch einen andern Menschen ermordet hat; daß er gelitten unter seiner Tat fast ein Menschenleben lang, gebückt und weißhaarig geworden ist; daß er die Mordwaffe in sein Zimmer gehängt, um sie immer vor Augen zu haben als eine stetige Erinnerung an seine Tat; und vielleicht, wenn du selber recht liebst, dann kommst du auf den letzten Grund in der Seele dieses Mannes: er muß unsere Mutter unendlich geliebt haben.«

Sie riß ihre Hand aus der seinen, hielt die Hände schluchzend vor ihr Gesicht und entfloh vor ihm in den Wald hinein. Da begegnete ihr der arme Irre, der mit Maurer zusammen gelebt hatte; er suchte seinen Freund, und immer kamen ihm wieder seine alten Erlebnisse vor die verfinsterte Seele; er redete sie an mit undeutlichen Worten: »Wo ... wo ... ich habe es nicht gestohlen, Böttcher zwei ist kein Dieb, aber es kommt noch an den Tag, es kommt noch an den Tag.«

Da sah sie ihren eigenen Wahnsinn in dem Bild dieses Unglücklichen, wie sie selber jahrelang über dem einen gebrütet, und sie schrie entsetzt auf, daß dem Mann der Mund offen stehen blieb und die Mütze aus der Hand fiel. Sie eilte weiter, an ihm vorbei, in den Buchenwald hinein, wo der Weg sich hinaufzog zwischen den hohen, glatten Stämmen, auf dem blätterbedeckten Grund. Ihr Herz klopfte, der Atem stockte ihr, sie blieb stehen.

Was dieser Mann nicht vergessen konnte, das war sein Unglück; und was sie nicht vergessen konnte, das war ihr Haß. »Bin ich denn so schlecht?« rief es in ihr. Sie dachte an die gramverzehrten Augen ihres Stiefvaters, an die traurigen Augen ihrer Mutter, an die tiefen Mundwinkel, den müden Gang. Was war denn das in ihr gewesen, das sie gezwungen hatte, diesen Kummer zu vermehren, das sie verhindert hatte zu sehen: sie mußte diese leidenden Menschen lieben?

»Er muß unsere Mutter unendlich geliebt haben,« hatte der Bruder gesagt; und nun hatte ihre Mutter erzählt: »es war etwas zwischen uns,« sie hatte sich selber gegrollt mit Vorwürfen; und was zwischen ihnen gewesen, das war die Tat des Mannes, die er so lange Jahre in seiner Seele verschlossen hatte, täglich das Gewehr an der Wand anblickend, versuchend, der geliebten Frau, die nun ihm gehörte, die Hand zu reichen; und beständig sich sorgend und mühend für fremde Menschen. Wie hatte sie nur dieses Leiden nicht sehen können; und sie hatte sich noch rächen wollen!

»Ich will versuchen an das zu denken, was ein Mann von mir erhofft, der mich liebt; ich hatte gedacht, auch ich liebe ihn, aber mein Bruder hat recht, ich liebe ihn noch nicht. Ich will es versuchen.« So sprach sie vor sich hin und stieg weiter hinauf in den stillen Wald.

Als sie nach Hause zurückgekehrt war, ging sie in ihres Stiefvaters Arbeitszimmer. Das Zimmer war verlassen; da hing an der Wand das Gewehr; sie nahm es herunter; merkwürdig, es war nur ein altes Gewehr, wie irgendeine andere alte Waffe; nichts war an ihm davon zu spüren, daß aus diesen Läufen die Kugeln gekommen waren, die ihren Vater getötet hatten, daß ein Bruder mit ihm den Bruder erschossen. Damals, als sie es von der Wand nahm, um den Stiefvater zu einer Äußerung zu bringen, hatten ihre Hände gezittert, ja, sie hatte sich zwingen müssen, daß ihre Zähne nicht klapperten. Heute hielt sie die alte Waffe gleichgültig in der Hand, und sie fragte sich erstaunt: was waren denn eigentlich meine leidenschaftlichen Gefühle, wenn sie durch die wenigen Worte meines Bruders dergestalt völlig verstummt sind? Sollte ihre Ursache nur in den Gedanken gewesen sein? Die Gedanken, welche wir denken, sind vielleicht oft die Gedanken anderer Leute? Ist denn wirklich alles so einfach und klar?

Sie nahm das Gewehr nach oben in eine Kammer zu anderem alten Gerät und verschloß es in einer großen Truhe. Dann ging sie mit ruhigem Herzen die Treppe hinab. Wie, wäre es möglich, daß sie einmal als Frau diese Treppe hinabging so ruhigen Herzens, an Mann und Kinder dachte, wie sie die erfreuen wollte? Eine heiße Welle von Glück durchflutete sie; sie blieb stehen und wußte, daß sie jetzt dankbar war.

Später ging sie zu dem Stiefvater, als er an seiner gewohnten Stelle saß; und beide Hände hinten am Kopf, um eine lose gewordene Haarnadel festzustecken, sagte sie in gleichmütigem Ton: »Entschuldige, Vater, daß ich das alte Gewehr fortgenommen; ich habe es zur Seite gestellt; du bist ja doch nicht Jäger, und es wirkte nur störend in deinem Zimmer.« Er sah sie an, mit aufeinandergepreßten Lippen, und nickte zu ihren Worten; er verstand sie nicht.

Am Nachmittag aber, als er wieder allein saß, rechnete und schrieb, kam sie zum zweiten Male und sprach: »Vater, ich glaube, die Mutter würde sich sehr freuen, wenn du zu uns kämest in das Wohnzimmer und eine Weile bei uns bliebest.« Da schlug er sein Buch zu und ging mit ihr. Die Frau stand verwirrt auf, wie er kam; Angelika aber schob einen großen Stuhl mit Rückenlehne zu dem Tisch, auf dem die Teemaschine brannte, holte ihm Tasse, Löffel und Mundtuch und legte alles auf seinen Platz; die Eltern setzten sich, und sie goß dem Stiefvater Tee ein, reichte ihm die Schale mit Backwerk, goß der Mutter ein und reichte ihr und setzte sich dann zu ihnen.

Da hing an der Wand ein altes abgeblaßtes Bildchen von ihm in schwarzem, eirundem Rahmen, mit einer vertrockneten Blume unter dem Bildchen. Das sah er und sprach zu der Mutter: »Damals war ich fünfzehn Jahre alt, als ich dir das schenkte, hast du das aufgehoben?« Die Mutter nickte. »Vierzig Jahre ist das nun her,« sagte sie.

»Ja, wir sind nun alte Leute,« erwiderte er.

»Erkennst du nicht auch das Teekästchen?« fragte ihn Angelika. »Die Mutter hat uns erzählt, daß du es ihr einmal geschenkt hast.«

»Das ist nun auch länger her wie ein Menschenalter. Hast du das nicht vergessen? Es freut mich, daß du es nicht vergessen hast,« sprach er. »Damals war ich Student, und hoffte so viel. Ich wollte zu Weihnachten nach Hause fahren; weißt du noch, wir kamen immer am ersten Feiertag zu euch und freuten uns über euren Weihnachtsbaum. Ich wollte dir etwas recht Schönes schenken und war so ungeschickt, ich wußte nicht, was ich dir kaufen sollte. Da sah ich in einem Schaufenster dieses Kästchen. Ich kaufte es, nahm es mit und stellte es heimlich unter den Weihnachtsbaum auf den Platz, wo deine Geschenke lagen. Du sahst es nach einer Weile und riefst aus: »Ach, das ist von Heinrich!«

Eine lange Zeit schwiegen die drei, dann sagte Angelika zu dem Vater: »Möchtest du nicht öfters zu uns kommen um diese Zeit? Du bist so viel allein.« Die Lippen der Mutter öffneten sich zaghaft und sie sprach: »Auch ich bitte dich darum.«

»Ich komme gern,« erwiderte er. »Wir sind ja nun alte Leute. Vielleicht sind uns nicht viele Jahre mehr übriggeblieben.«

»Ich habe gedacht,« begann Angelika, »daß deine Arbeit sich immer vermehrt hat. Ich habe so viele müßige Zeit. Wenn du wolltest, könnte ich dir vielleicht einiges abnehmen? Ich will mir Mühe geben, es dir recht zu machen.«

»Ihr seid gut zu mir, ihr seid gut zu mir,« murmelte er. Dann erhob er sich, küßte Angelika auf die Stirn, dann küßte er seine Gattin auf die Stirn. Als er sich schon zum Gehen gewendet hatte, drehte er sich noch einmal um und sprach zu der Tochter: »Wäre es dir recht, wenn du mit mir kämest?« Sie ging mit ihm aus dem Zimmer; die Mutter blieb allein zurück, faltete die Hände und betete leise.

Auf dem Wege fragte er die Tochter: »Du hast mit Kurt gesprochen?« Sie bejahte. Er sagte sehr nachdenklich: »Ich kenne ihn doch nicht.« »Wir kennen ihn alle nicht,« erwiderte sie.

Als sie im Zimmer sich allein gegenübersaßen, begann sie: »Du weißt, der Landrat hat um meine Hand angehalten. Aber ich sehe nicht in mein Inneres, ich weiß nichts von mir. Was soll ich tun?«

Er antwortete: »Es gibt nur eine Art für uns, zu leben, nämlich so, als ob wir das Leben eines anderen Menschen lebten, nicht unser eigenes. Das gilt für dich und mich, für andere Menschen gilt etwas anderes. Aber du kannst dies Leben nicht anders ertragen.«

Sie sagte zögernd zu ihm: »Ich kann nicht zu ihm sprechen. Aber willst du ihm nicht schreiben und ihn bitten, daß er oft kommen soll in seiner freien Zeit und dir zur Hand gehen? Ich will dann mit ihm zusammen arbeiten, was du uns aufträgst, und ich will mir Mühe geben in allem.« Er versprach zu schreiben.

Sie ließ sich ein Aktenheft von ihm reichen und erklären; es mußten Rechnungen durchgesehen und mit einem Kostenanschlag verglichen werden; die Überschreitungen sollte sie auf einem besonderen Bogen vermerken. Bald saß sie eifrig an ihrer Arbeit, spähend, zusammenzählend und vergleichend. Er sah auf den Kopf vor ihm, das glattgescheitelte Haar, hörte das ganz leise Flüstern bei ihrer Arbeit. Ungewollt sagte er: »Ich habe ja doch keine anderen Kinder, ihr seid immer meine Kinder gewesen. Ein Vater liebt doch seine Kinder.« Sie beugte sich tiefer auf ihre Papiere; er erhob sich und ging aus dem Zimmer.

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