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Saat auf Hoffnung

Paul Ernst: Saat auf Hoffnung - Kapitel 10
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typefiction
authorPaul Ernst
titleSaat auf Hoffnung
publisherGeorg Müller
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Zehntes Kapitel

Die sozialdemokratische Zeitung brachte einen Aufsatz, in welchem sie rühmend hervorhob, daß wieder ein neuer Schritt getan sei zu der endlichen Befreiung der Menschen von der Arbeit und daß von nun an der Proletarier nicht mehr in die Tiefe der Erde hinabsteigen müsse, um in ungesunder Luft, in übermäßiger Arbeitszeit das Gestein zutage zu fördern, in welchem das lebenerzeugende Gas schlummere; der Verfasser des Artikels hatte aber nicht an die weiteren Folgen für die Arbeiterbevölkerung seines Gebietes gedacht, da er diese eigentlich gar nicht kannte, und so schrieb er denn auch von diesen weiteren Folgen nichts. Die Bergleute lasen den Artikel wohl, machten sich aber auch nicht klar, was aus der neuen Erfindung entstehen werde. Der Verkäufer des Konsumvereins sah die Sache zwar ein, aber da er nicht wußte, was nun eigentlich geschehen sollte, so bekam er Angst und schwieg von seiner Einsicht; der Schneider hatte gleichfalls die Sache verstanden, allein er beschloß abzuwarten, was geschehen werde.

So kam denn alles auf eine ganz unerwartete Weise ins Rollen, nämlich durch die gutgemeinte Schrift des Landrats. In dieser war auseinandergesetzt, daß durch das neue Verfahren in kurzer Zeit das Manganerz nicht mehr nötig sein werde und daß man daher zunächst an eine Verminderung der Belegschaft, dann an eine gänzliche Einstellung der Gruben denken müsse. Aber die betroffenen Bergleute sollten nicht verzagen, denn der verstorbene Herr Steinbeißer habe alles vorausgesehen und seine Maßregeln bereits getroffen. In vierzehn Tagen werde man einen Teil der Bergleute entlassen, welche sogleich im Forst angestellt werden sollten. Es sei zwar nicht möglich, für die Forstarbeit so hohe Löhne zu zahlen wie im Bergwerksbetrieb, aber man werde deshalb auch nur Unverheiratete und Leute mit geringer Familie auswählen. Für später sei die Einführung von zwei neuen Industrien vorgesehen, nämlich Holzwarenfabrikation und mechanische Weberei. Das jetzige Scheidhaus solle mit Sägewerken, Hobel und Drehmaschinen versehen werden, man wolle einige Meister kommen lassen, welche die Arbeiter anlernen sollten, und im Frühjahr wolle man die Holzwarenfabrikation langsam mit einigen Leuten beginnen; man glaube den hier beschäftigten Arbeitern später einen Lohn versprechen zu können, der vielleicht nicht so hoch wie der gegenwärtige, aber doch jedenfalls ganz auskömmlich sei. Gleichzeitig denke man fremde Seidenweber anzunehmen, welche in der Seidenweberei unterrichten sollten. In dem Maße, wie der Bergwerksbetrieb eingeschränkt werde, wolle man die gefaßten Wasserkräfte für eine elektrische Anlage benutzen, deren Kraft in die einzelnen Häuser geleitet werden solle, um dort die Webstühle zu treiben. Im Laufe der Zeit, und wenn die Arbeiter sich geschickt erwiesen, würden hier sehr günstige Löhne möglich sein. Vor allem sollten die Arbeiter die Zuversicht haben, daß alle Unternehmungen in gemeinnützigem Sinne begonnen und geleitet werden würden, wie es ja den Absichten des verstorbenen Herrn Steinbeißer entspreche. Die Arbeiter sollten auch immer bedenken, daß ja für ihre Wohnung und den größten Teil ihrer Nahrung gesorgt sei, so daß eine eigentliche Not auch in den Übergangszeiten nicht entstehen könne. Außerdem könne man mitteilen, daß in der Nähe einige Güter angekauft seien, die zerschlagen werden sollten; die neuen Stellen würden mit sehr geringer Anzahlung abgegeben, die unter Umständen auch gestundet werden könne; wenn einige der gegenwärtig im Bergwerk beschäftigten Arbeiter Neigung und Fähigkeiten hätten, eine derartige Stelle zu übernehmen, so würde man sie zuerst berücksichtigen.

Die Schrift war nicht ganz geschickt abgefaßt; die Leute lasen durch Mißverständnis und Mißtrauen ganz andere Dinge aus ihr heraus, wie gemeint waren, und jedenfalls wurde ihnen durch sie zum ersten Male klar, was sie eigentlich bedrohte.

»Wir sind Bergleute, wir wollen Bergleute bleiben,« sagten einige; »der Bergmannsstand ist ein Ehrenstand, die Fabrikarbeiter sind hergelaufenes Volk,« fügten andere hinzu, trotz ihrer sozialdemokratischen Gesinnung. Es wurde gefragt: »Wozu haben wir denn so lange in die Knappschaftskasse gesteuert?« »Von dem Geld wird dann oben bei den Herrschaften Sekt getrunken,« antworteten einige Freche. »Der alte Herr Steinbeißer hätte so etwas nicht verlangt, der wußte, daß der Bergmann in die Grube gehört, der war selber Bergmann,« wurde gesagt. »Weshalb sind denn früher keine Forstarbeiter eingestellt? Der Forst ist doch schon immer dagewesen!« »Das ist genau so, wie damals in der Eisensteinerzeit. Wer es konnte, der ist nach Amerika gegangen. Aber heute hat jeder sein bißchen Geld in Haus und Acker gesteckt; wer kauft ihm denn das nun ab?« »Brennen kann man auch nicht, denn die Versicherung zahlt nur, wenn man wieder aufbaut.« »Teuer genug hat alles bezahlt werden müssen, geschenkt ist einem nichts; das läßt man doch nicht so einfach hinter sich, da steckt der Schweiß von dreißig Jahren drin, das verschleudert man nicht.« »Die Herrschaften fallen immer auf die Beine, geht's nicht mit den Gruben, so geht's mit den Fabriken, bei denen heckt das Geld, und unsereins kann noch nicht einmal sein sauer verdientes Lohn kriegen.« »Der Alte ist auch schon so ein Geizhals gewesen, nicht einmal einen neuen Überzieher hat er sich gegönnt in den langen Jahren; wenn er nicht mußte, so gab er den Leuten nichts zu verdienen.« »Sie sollen ja das Geld im Keller liegen haben in großen eisernen Kisten, alle drei Jahre kommt eine neue Kiste dazu.« »Du glaubst auch alles, was die alten Weiber erzählen, und wenn sie sagen, daß der feurige Drache nachts zu ihnen durch den Schornstein kommt, so glaubst du es auch. Güter haben sie sich gekauft, und das andere haben sie in Staatspapieren angelegt, wo jedes Vierteljahr die Coupons abgeschnitten werden.« »Da wird ja denn wieder ein Geschäft gemacht, wenn sie die Güter aufteilen. Wo Geld ist, da kommt Geld zu.« »Wenn nun einer invalide ist, soll denn der auch sein Invalidengeld nicht haben?« »Das muß ihm doch werden, hinter der Knappschaftskasse steht ja der Staat.« »Der Schenker ist über den Berg gezogen.« »Versprechen kann jeder, ich glaube an das, was ich in der Tasche habe.«

Es war jetzt richtiger Winter, mit hohem Schnee, der in der Sonne glitzerte, mit schneidendem Wind, die Tritte der Menschen knirschten. Die Männer ermahnten die Frauen, beim Einheizen zu sparen, denn es wußte keiner, ob man nächsten Winter Holz hatte; die Frauen antworteten, die Männer könnten klug reden, die hätten warm bei ihrer Arbeit, sie aber sollten in den kalten Stuben sitzen und frieren. Einige Weiber fingen auch schon an zu hetzen, und sagten, die Männer hätten keinen Mut und ließen sich alles bieten; wenn die Herrschaft sähe, daß sie nicht gleich ins Mauseloch kröchen, so würde sie schon andere Saiten aufziehen. Alte Leute erzählten vom Jahr achtundvierzig, wenn da ein Vornehmer einem Armen begegnete, dann konnte er schön auf ihn zukommen, ihm die Hand drücken und nach seinem Befinden fragen.

Die Zeitung brachte Aufsätze über die Schrift des Landrats. Es sei ein Kunstgriff des Kapitalismus, die Arbeiter seßhaft zu machen, damit der Unternehmer die Löhne desto besser drücken könne. Es solle Hausweberei mit Hungerlöhnen eingeführt werden. Von einem anderen Mitarbeiter des Blattes wurde ein Artikel abgedruckt, in welchem nachgewiesen wurde, die vorgeschlagene Art der Hausweberei stelle eine neue Arbeitsform dar, welche Marx noch nicht gekannt habe. Der erste Mitarbeiter bestand auf seiner Ansicht, Hausarbeit sei Hausarbeit, auch wenn die Kraft geliefert werde, und Hausarbeit wirke stets verelendend und hindere die Arbeiter, Bildung zu erwerben. Es wurde auf die religiöse Bewegung hingewiesen, welche bereits ein Symptom der gedrückteren Lebenshaltung der Arbeiter sei.

Viele Anfragen wurden an den Verkäufer gerichtet. Er antwortete ausweichend: »Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird«; »nur nicht den Kopf verlieren«; »das Proletariat steht abwartend, aber Gewehr bei Fuß.« Man forderte ihn auf, er solle eine Volksversammlung einberufen; aber er entschuldigte sich immer, er sei noch zu heiser und könne nicht in einem großen Raum reden. Zuletzt schlug er vor, man solle den Reichstagsabgeordneten des Wahlkreises bitten, eine Rede zu halten.

Der Reichstagsabgeordnete kam und hatte eine lange Unterredung mit dem Verkäufer. Die Versammlung fand in einer alten Scheune statt, die neben der Schule stand und noch von dem früheren Gutshof herrührte. Es war eine heftige Kälte, und die Männer froren, trotzdem sie alle sehr vermummt waren. Der Abgeordnete trat in einem dicken Wintermantel auf, wurde durch Hochrufe begrüßt und begann dann seine Rede. Sein Thema war: Die Reichstagswahlen und die besitzenden Klassen. Die Reichstagswahlen standen vor der Tür, die besitzenden Klassen aber hatten sich einen eigenen Katechismus zurechtgemacht, nach dem sie lebten, eigene zehn Gebote, nach denen sie handelten. Das erste Gebot lautete: »Ich bin das Geld, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir.« Die Leute lauschten aufmerksam und gespannt, denn sie erwarteten eine Aufklärung, einen Rat; aber der Abgeordnete sprach nur von den herrschenden Klassen und ihren zehn Geboten, brachte dann wohl einmal die Reichstagswahl hinein, bei welcher das Volk den Ausbeutern seine wahre Ansicht zeigen werde, von dem Manganerz jedoch, der Sauerstofferzeugung aus der Luft durch Elektrizität, der Waldarbeit, der Holzwarenfabrik und der Seidenweberei sagte er nichts. Die Rede war im übrigen sehr begeisternd, sie klang zum Schluß in eine Verherrlichung des Proletariats aus mit den Versen von Herwegh: »Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«; dann sagte er noch, die Zuhörer sollten sich nicht zu Gewalttätigkeiten reizen lassen, und endlich stieg er von der Bühne herab, indessen die Zuhörer ihm Beifall riefen.

Ein alter Bergmann hatte um das Wort gebeten und bestieg letzt die Bühne. Er erzählte, er sei nun an dreißig Jahre eingefahren und habe immer mit Schlägel und Eisen gearbeitet, nun solle er hobeln und weben, das gehe nicht, das seien seine Finger nicht gewohnt. Lauter Zuruf erscholl, als er das sagte. Dann fuhr er fort, was unmöglich sei, das sei unmöglich, das sehe er wohl ein, und für die Halde könne die Herrschaft nicht fördern lassen. Deshalb sei ihnen der Gedanke gekommen, ob ihr Abgeordneter keinen Rat wisse, so hätten sie ihn gebeten, daß er eine Rede halten solle. Aber der wisse wohl auch keinen Rat, nun bleibe ihnen denn nichts übrig, als auf Gott zu vertrauen und zu ihm zu beten, denn eine andere Hilfe sehe er nicht.

Er stieg herunter; die grimmige Kälte wirkte auf die Leute; sie ballten die Hände in den Hosentaschen, manche suchten die Füße durch Stampfen zu erwärmen. Der Abgeordnete wechselte einen Blick mit dem Verkäufer, dieser trat auf und sagte, die Abgeordneten seien die Abgeordneten für das ganze Volk, nicht für die Einzelnen, und deshalb könnten sie sich auch um solche Dinge, die kein allgemeines Interesse hätten, nicht kümmern, sie hätten an Handelsverträge, Militarismus, Bekämpfung der Reaktion, Steuern und dergleichen zu denken. Deshalb könne er sich nur dem Redner anschließen und bitte sie, in den Ruf einzustimmen: »Es lebe das sozialistische, internationale Proletariat.« Nicht alle riefen mit, es meldete sich niemand mehr zum Wort, so erklärte der Vorsitzende die Versammlung für aufgelöst, und alle gingen auseinander.

In der nächsten Nacht erwachte der Verkäufer durch das Klirren seiner Fensterscheiben und Poltern großer Steine in der Stube mit den roten Plüschmöbeln. Er sprang aus dem Bett, seine Frau wollte ihn zurückhalten, da kamen auch Steine durch das Schlafzimmerfenster. Das Ehepaar flüchtete auf den Flur; noch mehrere Steinwürfe waren, dann Pfeifen, Johlen und Schimpfen; man unterschied die Stimmen von vier oder fünf jungen Burschen; sie schimpften ihn »Ausbeuter« und »Blutsauger«. Die Frau beklagte sich gegen ihren Mann, daß man seine Steuern bezahle und von der Polizei keinen Schutz habe; der Mann erwiderte nichts; nur zuletzt sagte er: »Es stehen schwere Zeiten bevor.« Nach einiger Zeit entfernte sich das Tosen der Rotte auf der Straße; endlich wagte sich das Ehepaar wieder in die vorderen Räume und zündete Licht an; da waren die meisten Scheiben zerschlagen, große Steine lagen überall in den Zimmern; die Visitenkartenschale auf dem Sofatisch war zertrümmert, das Öldruckbild von Marx hatte eine Beule, die polierten Möbel hatten Schrammen bekommen; die Frau weinte, der Mann seufzte still. Zuletzt antwortete er auf die Vorhaltungen der Frau: »Ich habe die Stimmen wohl erkannt, aber ich kann doch nicht zur Polizei gehen!« Die Frau erwiderte, ihr sei seine Partei gleichgültig, sie habe die polierten Möbel mit der Aussteuer bekommen, und die Visitenkartenschale sei ein Hochzeitsgeschenk, an dem Bild liege ihr nichts; die Partei ersetze ihr den Schaden nicht, und ihr Mann sei immer der Dumme gewesen, der für andere die Kastanien aus dem Feuer geholt habe, weil er zu gut sei; wenn er ein eigenes Geschäft eröffnet hätte als gelernter Kaufmann, so hätte er das Doppelte von dem verdienen können, was er hier habe; aber auf sie werde nie gehört. So brachten sie unter allerhand bitteren Gesprächen die Nacht hin. Im Herrenhause kam am anderen Tage Anna auf Besuch. Sie erklärte, daß sie in diesen schwierigen Zeiten bei ihrem Verlobten sein wolle.

Irgend etwas schien in der Luft zu liegen. Man bemerkte keine besondere Erregung der Leute; der nächtliche Angriff auf den Verkäufer wurde allgemein gemißbilligt; man wußte, daß er von übel beleumundeten jungen Burschen ausgegangen war; alle gingen zur Arbeit wie sonst, kehrten nach Hause zurück; wenn sie jemandem von der Herrschaft begegneten, so grüßten sie vielleicht etwas verlegen; aber trotz dieser allgemeinen Ruhe drückte doch irgend etwas auf die Gemüter.

Der Landrat erzählte von einem Streik in Oberschlesien, den er als junger Assessor beobachtet hatte; er sprach davon, ob man nicht wenigstens dem Obersten des in der Nähe liegenden Regiments, mit dem er bekannt war, eine vertrauliche persönliche Mitteilung machen solle; wenn Unruhen entständen, so sei es besser, wenn sie sofort und energisch unterdrückt würden, als daß man sie um sich greifen lasse durch schwächliches Verhalten und so nur mehr Menschen in das Verderben ziehe. Kurt mußte die Gründe des Freundes billigen und gab seine Zustimmung; es kam Nachricht zurück, daß auf telephonisches Ersuchen in anderthalb Stunden militärische Hilfe mit der Bahn bei ihnen eintreffen könne; sie gaben sich das Wort, ihre Nerven festzuhalten.

So kam der Letzte des Monats heran, wo ein Teil der Leute ihre Abkehrscheine erhielten und die Weisung, am Ersten sich bei den zwei Förstern einzufinden, um im Königlichen oder im Steinbeißerschen Wald beschäftigt zu werden; dem Privatförster war jede Anweisung gegeben, mit dem königlichen Oberförster war alles abgemacht.

Am Morgen des Ersten aber traten die Leute nicht bei den Förstern an; sie gingen mit den anderen Bergleuten ihren gewohnten Weg zum Förderschacht; sie traten mit den andern in die Zechenstube, mit dem gewohnten »Glückauf«, als sei nichts geschehen, und setzten sich. Frau Maurer und ihre Töchter erstaunten. Der Vorbeter trat hinter das Pult, schlug die Bibel auf, las, stimmte dann das Lied an, alle erhoben sich und fielen ein; als das Lied zu Ende war, beteten alle laut das »Unsern Eingang segne Gott« und gingen dann still und langsam zur Tür.

Der Steiger war mitten unter ihnen und hatte während der Andacht nichts gesagt. Nun blieb er vor der Tür des Gaipelhauses stehen und rief laut: »Ich sehe hier Leute, die nicht zur Belegschaft gehören, die ihren Abkehrschein erhalten haben. Im Gaipelhaus habe ich das Hausrecht. Ich verbiete jedem, der hier nichts zu suchen hat, den Eintritt.«

Die Leute blieben vor der Tür stehen, sahen alle auf einen jungen Mann, welcher bescheiden vortrat, den Steiger mit dem »Glückauf« begrüßte und ihm sagte, sie seien alle Bergleute und wollten an ihre Arbeit gehen. Der Steiger sah ihn nicht an, sondern blickte ins Leere und antwortete: »Wer gegen meinen Willen das Gaipelhaus betritt, der macht sich des Hausfriedensbruches schuldig.«

»Ist das denn so richtig, Steiger?« fragte ein älterer Bergmann, »Hausfriedensbruch wird doch mit Gefängnis bestraft.« »Ja, es ist so,« erwiderte der Steiger. »Macht doch keine Dummheiten, die Herrschaft will doch euer Bestes, aber es kann keiner über seinen Schatten springen.« Zwei junge Burschen, die hinten standen, von den übel beleumundeten, knufften sich gegenseitig in die Rippen und lachten.

»Da sei Gott vor, daß wir etwas Unrechtes begehen,« sagte der ältere Bergmann. Der junge Mann, welcher zuerst vorgetreten war, sah sich um und sagte dann, als er die beistimmenden Gesichter erblickte: »Etwas Verbotenes wollen wir nicht tun, Steiger, wir wollen nur unser Recht haben.«

»Nehmt Vernunft an und meldet euch bei den Förstern,« antwortete begütigend der Steiger. »Ihr seid ja doch fast alle junge Kerls, die Natur setzt sich noch um bei euch, ihr gewöhnt euch bald an die Forstarbeit, und auf die älteren wird Rücksicht genommen.«

Der junge Mann sah unschlüssig zu Boden. Dann wendete er sich zu den andern und sagte: »Wir wollen zur Herrschaft gehen und mit der Herrschaft sprechen.«

»Ja, wir wollen zur Herrschaft gehen,« riefen die meisten; von hinten ertönte ein schriller Pfiff.

Martha war vor die Tür gegangen und hatte alles mit angehört. Wie der Beschluß gefaßt war, daß die Leute zur Herrschaft gehen wollten, und wie dann plötzlich der scheußliche Pfiff ertönte, erschrak sie heftig, lief ins Haus, holte ihr Umschlagetuch und machte sich auf den Weg ins Dorf zu ihrem Verlobten. Sie erzählte ihm alles und bat ihn, sie zum Herrenhaus zu begleiten. Er ging bereitwillig mit ihr.

Unterdessen unterhandelte der Steiger weiter. Er sagte, daß er diejenigen, welche noch in Arbeit standen, in Strafe nehmen müsse, wenn sie nicht jetzt einführen.

»Sie müssen Ihre Pflicht tun, Steiger,« antwortete der ältere Bergmann. »Dann kostet es eben fünf Silbergroschen für jeden.«

»Fünf Silbergroschen können wir auch noch bezahlen,« schrie ein Bursche von hinten.

»Bezahle du lieber deinen Kohl,« antwortete ihm der altere Bergmann. Lautes Gelächter erscholl, es wurde von dem jungen Burschen erzählt, daß er einmal aus dem Garten des Nachbarn Wirsingkohl gestohlen hatte.

»Wer hat hier Kohl gestohlen?« rief der Bursche frech und drängte sich vor, die anderen schoben ihn zurück und beruhigten ihn, der sich auch gern beruhigen ließ, indem er nur noch drohende Redensarten von sich gab. Unterdessen ordnete sich der Zug; die beiden Sprecher, der junge und der alte, gingen voran, und alle schritten talwärts. Der Steiger sah ihnen nach; er hielt es nicht für recht, seinen Posten zu verlassen, und so ging er in das Gaipelhaus zu dem Aufseher.

Aus Versehen der ersten hatte der Zug sich nicht auf den kürzeren Weg zum Herrenhaus gemacht, sondern auf den längeren, wo man durch die kleinen Wege zwischen den Häusern und Gärten erst nach der Landstraße hinuntergehen mußte.

Durch Martha hatte sich das Gerücht schnell im Dorf verbreitet. Die Leute stürzten aus den Häusern, sahen zum Förderschacht hin, da erblickten sie auch schon den Trupp von wohl hundert Mann aus dem Wald herauskommen. Alle eilten ihnen entgegen über die Brücke auf die Landstraße, Männer, Frauen und kleine Kinder. Der Trupp marschierte im Takt. Der Verkäufer wartete mitten auf der Landstraße, der Schneider, der Stromer; außer den Schulkindern und ihrem Lehrer war fast niemand im Dorf zurückgeblieben.

Der Schneider ging den Ankommenden entgegen; er wie alle anderen vermuteten viel Schlimmeres, als bis jetzt beabsichtigt wurde, vielleicht auch wirkte schon das kommende Unheil, trotzdem sie selber es gar nicht wollten, aus den finsteren Mienen der Männer in den schwarzen Kitteln.

»Wo sind denn die anderen Belegschaften?« rief plötzlich einer aus der Menge; halbwüchsige Jungen, die eben aus der Schule entlassen waren, liefen nach den anderen Schächten, um die übrigen Belegschaften zu benachrichtigen.

Der Schneider versuchte die Marschierenden aufzuhalten, um mit ihnen zu reden; aber der Strom drängte bergab; er mußte mit ihnen im gleichen Schritt marschieren, wenn er sprechen und verstanden werden wollte. »Macht euch nicht unglücklich,« sagte er. »Wir wollen keinem etwas Böses antun,« antworteten sie. »Die Leute denken, ihr wollt Revolution machen,« rief er, der Weg wurde abschüssiger, er wurde von der marschierenden Masse gedrängt und mitgerissen. »Geh du nach Hause und setze dich auf deinen Schneidertisch,« warf ihm einer aus der Menge entgegen. »Meck, Meck, Meck,« rief ein anderer, und alle lachten. »Es wird Revolution gemacht,« schrien Leute in dem Haufen, der auf der Landstraße wartete; Weiber kreischten, warfen sich die Schürze über den Kopf und nahmen sie dann neugierig wieder ab. Die Herunterkommenden stießen auf die Wartenden, vermischten sich mit ihnen, nun ging der Marsch die Landstraße hinauf nach dem Herrenhaus zu; die Wartenden hatten sich angeschlossen oder marschierten zwischen den Bergleuten, Weiber, Kinder, halbwüchsige Burschen, der Tischler, der Schuster, allerhand andere Leute, die mit dem Bergwerk nichts zu tun hatten. Der Verkäufer schrie und gestikulierte in dem Haufen, gegen seinen Willen mitmarschierend, neben ihm ging der Stromer. Der Verkäufer schrie: »Ihr macht euch unglücklich, das sind Lockspitzel, die euch aufreizen, das geht alles von der Regierung aus, die Organisation soll vernichtet werden, es soll zum Einhauen kommen; das ist doch wegen der Reichstagswahlen, ihr macht mich ja auch unglücklich.« Zufällig entstand eine kurze Stille, »Qualmtute,« rief der Stromer, alle lachten. Nun zeigte sich, wie bei solchen Gelegenheiten plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, ganz neue Menschen erscheinen, an die man bis dahin gar nicht gedacht hat. Ein junger Mensch, ein Tunichtgut aus einem Nachbardorf, von dem erzählt wurde, daß er Hunde schlachte und esse, rief aus: »Der muß kalt gemacht werden!«, zog sein Taschenmesser mit Stehklinge und stieß es dem Verkäufer in den Rücken. »Herr Jesus,« rief der aus und stürzte; es bildete sich ein Kreis um ihn; die Vorderen hatten nichts gemerkt und schritten weiter. »Laßt das Luder liegen, es kommen noch mehr dazu,« schrie der Mörder, eilte den anderen nach; einige folgten ihm, die meisten der Stehengebliebenen verharrten bei dem Verkäufer, dem das Blut aus dem Munde kam. »Meine Frau,« sagte er, verdrehte die Augen, zuckte und starb. Die Leute waren still, sahen sich entsetzt an; die anderen waren schon weit voraus, sie dachten auch nicht mehr an sie, einige gingen ins Dorf zurück, um ein Brett zu holen, auf dem sie den Leichnam tragen konnten, andere blieben; der Tischler kniete nieder in den Schnee und drückte die gebrochenen Augen zu. »Er ist doch mein Nachbar gewesen,« sagte er, »er war ein verträglicher Mann, nur wenn er auf die Politik kam, da verstand er keinen Spaß.« Jammernd und sich das Haar raufend stürzte die Frau des Toten vom Dorfe her; manche der Leute gingen zur Seite und machten sich in ihre Häuser; dann wurde der Leichnam auf das Brett gelegt und ins Dorf gebracht, die Frau wurde geleitet und getröstet.

Im Herrenhaus hatten inzwischen Martha und der Metzger alle vorbereitet.

Kurt war sehr blaß geworden und hatte gesagt: »Ich glaube nicht, daß es dazu kommt. Aber ich will nicht dagegen sein, wenn ihr euch schützen wollt.« Die festen Eichenläden der unteren Fenster wurden geschlossen. Die Tür wurde verriegelt, die Eisenstangen quer vorgelegt, die seit Jahrzehnten unberührt in der Ecke gestanden hatten. Der Landrat verteilte Gewehre und Patronen; es waren an Menschen im Haus: Kurt, der Landrat, der Kutscher, der Metzger, die Mutter, Angelika, Anna, Martha und die beiden Dienstmädchen.

Auf Kurts Bitte telephonierte der Landrat noch nicht; Kurt stellte ihm vor, daß die Absicht der Leute sicher zunächst friedlich sei, daß man sie schon jetzt vielleicht durch das gezeigte Mißtrauen reizen werde, und daß durch das Erscheinen von Soldaten sicher ein Unglück erzeugt werden müsse. Zuweilen sagten sich auch die andern, daß doch eigentlich aar kein Grund zu Befürchtungen vorliege, daß die Leute ja nur in ihrer Unwissenheit einen ungeschickten Versuch machen wollten, die Herrschaft umzustimmen; aber stärker als alle Vernunftgründe war dann plötzlich die unbestimmte Angst, die eigentlich so gänzlich sinnlos schien; denn seit Menschengedenken waren Roheiten oder Gewalttätigkeiten in der gutgesinnten und ordentlichen Bevölkerung nicht vorgekommen, und die Leute schienen doch eingesehen zu haben, daß es der verstorbene Stiefvater gut mit ihnen gemeint hatte, und mußten vertrauen, daß auch die jetzigen Besitzer nach ihren Kräften für sie einstehen würden.

Man hörte den Tritt der Herankommenden auf der Landstraße und sah aus den oberen Fenstern zwischen den Bäumen Teile der bunten Menschenmasse. Nun kamen alle auf den Hof; die Vorderen gingen die Freitreppe hinauf, blieben dann vor der verschlossenen Tür stehen.

Kurt, der Landrat und die übrigen sahen aus den oberen Fenstern. Die beiden Führer, der alte und der junge Bergmann, blickten nach oben, grüßten; man verstand in dem allgemeinen Geräusch, daß sie die Herrschaft sprechen wollten.

»Ich gehe hinunter,« sagte Kurt.

Man sah, wie einige der Leute, meistens Weiber, in den Ställen verschwanden, welche noch von früher her zwei Seiten des Hofes umgrenzten. »Das Stehlen fängt schon an,« sagte der Landrat, »ich kenne die, das sind die Bedenklichen; aber die ordentlichen Leute scheinen doch noch die Herrschaft zu haben.«

Als Kurt sich gewendet hatte, schloß sich ihm Angelika an und sprach: »Meine Stelle ist an deiner Seite.«

»Hol mich der Teufel, es ist eine Verrücktheit, aber dann gehe ich auch mit hinaus,« rief der Landrat. Neben ihn trat Anna und bat: »Nehmen Sie mich mit. Es ist richtig so. Wir haben doch zusammen die Verantwortung.«

Die Vier gingen hinunter, von dem Metzger geleitet, dem der Landrat Anweisung gab, wie er im Falle der Not ihren Rückzug decken sollte. Dann hoben sie die quer vorgelegten Eisenstangen ab, schoben die schweren Riegel zurück und traten hinaus, zuerst Kurt und Angelika, dann der Landrat und Anna.

Die beiden Führer nahmen die Schachthüte ab und begannen sich zu entschuldigen; der junge Mann sagte: »Wir sind nur dumme Bergleute, darum verstehen wir nicht alles, was in der Schrift geschrieben ist; und es wäre eigentlich richtiger gewesen, wir wären schon früher gekommen und hätten gefragt...«

Hier wurde der Redner unterbrochen durch eine Stimme von hinten, welche schrie: »Der alte Herr Steinbeißer hat doch uns das ganze Bergwerk vermacht; wir haben bis jetzt stillgeschwiegen, aber das Testament muß da sein, wenn es nicht über die Seite gebracht ist; und nun sollen wir sogar abgelohnt werden.«

Die beiden Führer kehrten um und geboten Ruhe. Grelle Pfiffe ertönten, freches Gelächter, der Mörder des Verkäufers drängte sich nach vorn, der Stromer, der Schneider und andere.

Während dieses alles geschah, waren Leute von den anderen Gruben aufgebrochen, welche dunkle Gerüchte gehört hatten von Revolution, durch Jungen, die überall im Wald herumliefen; ihnen hatten sich noch andere Leute angeschlossen, Waldarbeiter, Steinklopfer; auch der alte Köhler war bei ihnen, der eine große Schaufel trug, der Halbirre, welcher mit Maurer zusammengelebt hatte. Von denen kam in diesem Augenblick ein größerer Trupp durch das Hoftor herein, stießen auf die gestauten Massen und erzeugten eine Bewegung, so daß die Vordersten auf die Freitreppe vorgeschoben wurden; so befand sich Kurt mit einem Male inmitten der bewegten Menschen; an seinem Arm hing Angelika, die ihn nicht losgeben wollte. »Geh ins Haus,« flüsterte er ihr zu. »Wir sterben zusammen,« sagte sie und sah ihn mit glänzenden Augen an.

Der Sprecher der Bergleute stand vor ihnen und suchte ihnen Platz zu machen, indem er die Leute ermahnte, sie sollten sich anständig betragen. Plötzlich erblitzte über Kurts unbedecktem Haupte eine Art, eine mittelgroße Axt mit kurzem Stiel, wie man sie zum Splitterschlagen verwendet; der Stromer schwang sie mit beiden Händen; Kurt schrie laut auf, er fiel nicht um, da er durch das Gedränge aufrecht gehalten wurde. Angelika sah entsetzt dem Menschen in die Augen; er faßte seine Art und stieß sie ihr mit aller Kraft gegen die Brust; sie wurde ohnmächtig; der Schneider stand bei ihnen; er wollte sie noch retten und schlug mit einem Schlagring, den er im Augenblick aus der Tasche geholt, dem Stromer ins Gesicht, daß ihm die Nase zertrümmert wurde und das Blut über die Augen schoß; der Stromer ließ die Axt fallen, aber es war schon zu spät gewesen. Der Mörder des Verkäufers stieß dem Schneider das blutige Messer in den Leib und zog es mit aller Kraft hoch. Alles das geschah blitzschnell in einem Augenblick, das Schreien der Verwundeten ging ineinander über, ein Entsetzen packte die Leute, alle wichen einige Schritte zurück; da lagen die drei Schwerverwundeten; der verletzte Stromer eilte heulend durch die Menge ab; im ersten Augenblick erregte er mit seinem blutüberströmten Gesicht bei den andern das meiste Aufsehen.

In dem Augenblick stürzte der Landrat vor und zog Angelika in den Hausflur; seine Bewegung veranlaßte, daß die Menge wieder nach vorn flutete; da ertönte aus dem Fenster ein Schuß; der Kutscher kam seinem Herrn zu Hilft; der junge Sprecher der Bergleute stürzte, ein sinnloser Schrei: »Sie schießen, sie schießen!« ertönte; die Treppe war im Augenblick frei; der Landrat und der Metzger holten noch Kurt, den Schneider, den verwundeten Bergmann herein, glücklich gelang es, die Tür wieder zu schließen und die Eisen vorzulegen; die Menge prallte gegen das Tor, ein neuer Schuß von oben kam.

Martha war die Treppe herabgestiegen. Der Landrat und der Metzger überließen die Verwundeten ihr und Anna und eilten nach oben. Der Metzger nahm eine Flinte und trat neben den Kutscher, der Landrat lief ins Arbeitszimmer, um zu telephonieren, dann ergriff auch er eine Flinte.

In den Fensterecken oben standen gedeckt die den Männer; die beiden Dienstmädchen liefen weinend und schreiend im Haus herum, zerrten ihre Koffer vom Dachgeschoß herab auf den Flur des Stockwerks; als sie die Koffer auch die andere Treppe hinunterbringen wollten, sahen sie die Verwundeten liegen, erschraken, blieben oben und setzten sich händeringend auf ihre Koffer.

Die Mutter Kurts und Angelikas ging langsam die Treppe hinunter und setzte sich auf die unterste Stuft; zu ihrer rechten Seite lag Kurt, zur linken Angelika. Martha und Anna hatten Kurt Rock und Hemd ausgezogen; Anna hielt ihn in ihrem Schoß, Martha verband die furchtbare Wunde. Er war ohnmächtig. Auch Angelika war ohnmächtig; an ihr war keine Verletzung zu sehen, aber Blut war aus ihrem Mund gekommen und hatte das schneeweiße Gesicht besteckt. Der Schneider hielt sich seine Wunde mit beiden Händen zu; um ihn hatte sich niemand gekümmert. Er war bei voller Besinnung, sagte einmal: »Mit mir ist es aus.« Der junge Bergmann hatte nur eine Kugel ins Bein bekommen; er saß ruhig da, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Als die Mutter die Treppe herabkam mit unbewegtem Gesicht und sich auf die unterste Stufe setzte zwischen ihre beiden sterbenden Kinder, da sagte er: »Das haben wir ja nicht gewollt, das ist alles das fremde Volk gewesen.«

Die Leute auf dem Hof standen ratlos; es war ihnen nicht klar geworden, was geschehen war. Die meisten hatten auch keine Gewalttat gewollt: die einen wollten mit der Herrschaft sprechen – was, das hatten sie selber nicht gewußt; die anderen waren so mitgelaufen, weil sich eine Erregung ihnen mitgeteilt hatte; so waren doch auch viele Weiber und Kinder in der Menge. Nun wußte niemand recht, was geschehen sollte: wenn der alte Bergmann, welcher den ersten Zug mit geleitet hatte, oder irgend ein anderer ihnen zugerufen hätte: »Mir wollen gehen,« so wären fast alle gegangen, und die fünf oder sechs verbrecherisch Gestimmten in der Menge wären mit ihnen gegangen, hätten vielleicht nur noch einige Schimpfworte gerufen. Aber alle waren so bestürzt, daß niemand auf einen solchen Gedanken kam.

Der Mensch, welcher den Verkäufer und den Schneider gestochen hatte, lief die Freitreppe hinauf; da lag noch das Beil, welches der Stromer hatte fallen lassen, als ihm der Schneider mit dem Schlagring ins Gesicht schlug; er bückte sich, um das Beil aufzuheben; der Landrat, welcher annehmen mußte, daß der Mensch mit dem Beil gegen die Tür losgehen wollte, schoß und traf den Gebückten in den Kopf, so daß er über das Beil hinfiel. Die Erstarrung der Menge löste sich in einem furchtbaren allgemeinen Schrei, Frauen stürzten heulend aus dem Haufen zum Ausgang des Hofes, schreiende und weinende Kinder folgten ihnen.

Der alte Köhler mit seiner großen Schaufel, welcher alle überragte, schrie laut: »Das sind ja Bluthunde,« und stürmte vorwärts. Er wußte gar nicht, wie alles zusammenhing, er hatte nur den Knall gehört und den Mann stürzen sehen, und handelte nun ganz ohne Besinnung. Ihm folgten andere die Stufen der Freitreppe hinauf, ebenfalls ohne Überlegung, unter ihnen der schreiende und mit den Armen fuchtelnde Halbirre; gleichzeitig stauten sich die Menschen im Hoftor, denn den flüchtenden Weibern und Kindern kamen andere Leute entgegen, die von einer weiter gelegenen Arbeitsstätte her angelangt waren. »Was ist denn?« wurde gerufen; »Mord und Totschlag,« schrien die Weiber. Die drei Männer oben hielten die Anstürmenden, welche von dem alten Köhler geführt wurden, naturgemäß für Angreifer, waren auch selber schon so im Rausch, daß sie gar nicht mehr dachten; der Landrat kommandierte, der Metzger schoß, er kommandierte wieder, der Kutscher schoß, der Metzger lud inzwischen; dann schoß er selber, der Kutscher lud, er kommandierte wieder, und der Metzger schoß das zweite Mal. Die Schüsse hatten getroffen, in dem Geschrei wurden sie nicht beachtet, Schlage hämmerten gegen die Haustür. Der Kutscher schoß das zweite Mal; die Getroffenen schrien, sie fielen nicht und wurden durch das Gedränge gehalten; der Landrat schoß; sie schossen nun, wie einer gerade geladen hatte; plötzlich sah ein Kopf durch eines der unbesetzten Fenster in der Ecke ins Zimmer, ein Arm kam hoch, ein Bein, der Mensch saß rittlings auf der Fensterbrüstung; der Kutscher lief hin, schlug ihm mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, der nach vorn geneigt war, weil der Mensch eben ins Zimmer gleiten wollte; der Mensch sackte zusammen, dann schob er ihn mit beiden Händen hinaus, daß er auf das Pflaster stürzte.

Indem erscholl draußen ein lautes Geheul, die Angreifer wichen zurück, auf der Freitreppe blieben sechs Menschen liegen; die Leute drängten sich in den Winkel, der durch den Stall und die Hofmauer gebildet wurde; plötzlich hörte man das Belfern des Hundes, der an seiner Kette riß.

»Wir müssen die Runde um die Fenster machen,« sagte der Landrat, »vielleicht sind noch andere eingestiegen.« Er ließ den Kutscher an seinem Platz und ging mit dem Metzger in entgegengesetzter Richtung durch die Zimmer; sie kamen zurück; es war kein anderer Versuch gemacht. Plötzlich kam Rauch aus einem Stallfenster gegenüber. »Sie haben Feuer angelegt über dem Pferdestall, wo das Stroh liegt,« schrie der Kutscher; da klirrten auch schon Fensterscheiben, spitze Flammen kamen heraus, schlugen dann leckend in die Höhe, ein Teil der Schneeschicht auf dem Dache riß ab, rutschte herunter und schlug dumpf auf die Erde; zwischen den Ziegeln wurde es feurig, die Dachlatten brannten. Der Wind wirbelte den Rauch herum, trieb ihn in die Fenster, wo die drei Männer mit ihren Flinten standen, trieb ihn dann in den Hof, Funken sprühten nieder, die Leute unten quietschten; die Menschenmenge war sehr klein geworden, es schienen viele durch das Hoftor geflohen zu sein. Die Pferde des Landrats im Stall wurden unruhig, stampften und flirrten mit den Ketten. »Die Schinder verbrennen die Pferde bei lebendigem Leibe,« sagte der Kutscher. »Das kann ich nicht mit ansehen.« Er hängte seine Flinte über den Rücken, ging zu dem Fenster, durch das der Mensch vorhin einsteigen wollte, erschwang sich auf die Brüstung und kletterte langsam an einem Spalier hinunter. Die Leute in der Ecke sahen ihm untätig zu. Er ging über den Hof, die gespannte Flinte in der Hand, kettete die Pferde los; die Pferde stürmten hinaus, umkreisten zweimal im Galopp den Hof; die Leute liefen vor ihnen auseinander, dann rasten die Pferde aus dem Hoftor ins Freie. Der Kutscher kam aus dem Stall heraus, ging wieder zurück, die Flinte in der Hand, kletterte wieder hoch und kam zu den beiden anderen, die ihn erwarteten. »Pferdeschinder, verfluchte,« sagte er, wie er wieder bei ihnen war.

Von den Leuten, welche auf der Freitreppe liegen geblieben waren, schienen zwei tot zu sein, der Messerstecher und der alte Köhler, der Köhler lag da auf dem Gesicht, mit weit ausgebreiteten Armen, die Schaufel unter sich. Ein anderer hatte sich aufgesetzt und sah um sich. Drei krochen, es sah wunderlich von oben aus, wie sie krochen, wie Fliegen, die in saure Milch gefallen waren und nun auf dem Rand der Satte kriechen; dem Landrat kam der Gedanke, daß man gar nicht daran dachte, daß es Menschen waren. Sie suchten wohl die anderen zu erreichen, die sich in dem Winkel zusammengedrängt hatten, und wagten doch nicht, sich die Stufen hinabzulassen.

»Was ist denn das nun eigentlich?« dachte der Landrat. »Warum stehen wir hier mit den geladenen Flinten, starren die Leute dort im Winkel auf uns?« Er sah die Toten und die Verwundeten unten, verspürte den Rauch und das Feuer, dennoch kam ihm alles lächerlich vor. Mechanisch blickte er nach der Uhr. »Bald können die Soldaten hier sein,« sagte er zu den anderen.

»Wenn wir noch einmal unter sie schießen, so laufen sie alle fort,« rief der Metzger. »Die wollen uns hier ausräuchern.«

Der Landrat überlegte es sich; vielleicht war es besser, den Versuch zu machen. Er befahl den beiden anderen, die Patronen aus den Gewehren zu nehmen und die Kugeln aus ihnen zu entfernen; dann trat er an das Fenster und rief laut zu den wartenden Leuten, wenn nicht alle gingen, so solle wieder geschossen werden. Niemand antwortete; da schossen auf das Zeichen des Landrats die beiden anderen ihre leeren Patronen ab; die Leute schrien und stürmten in wilder Flucht zu dem Tor; der Landrat schoß noch einmal über ihnen hin, die beiden anderen hatten wieder geladen und schossen in die Luft; der Hof war leer, der Hund winselte und bellte, an seiner Kette ziehend; die Verwundeten krochen auf der Freitreppe, das Feuer fauchte und knisterte. Der Landrat befahl dem Kutscher, auf seinem Posten zu bleiben, stellte den Metzger an ein Fenster auf der anderen Seite des Hauses, und ging nun selber an den zitternden, auf ihren Koffern sitzenden Mägden vorbei die Treppe hinunter zu den anderen. Da hörte er Trommelwirbel und den taktmäßigen Schnellschritt der anmarschierenden Soldaten.

Martha und Anna hatten Kurt verbunden gehabt und sich dann zu Angelika gewendet; Angelika aber lag bewußtlos, eine äußere Verletzung war nicht zu spüren, nur ein großer blauer Fleck war auf der Brust. So gingen sie denn zu dem Schneider, um ihm Hilfe zu bringen.

Der Schneider wehrte sie ab und sagte: »Mir hilft nichts mehr, es ist auch gut, wenn ich aus der Welt komme.«

»Weshalb sagen Sie das?« sprach mit leiser Stimme Kurt; »es ist nicht nötig, daß Sie das sagen.«

»Ich hatte Sie eigentlich ermorden wollen, deshalb hatte ich den Schlagring in der Tasche. Aber wie dann der andere auf Sie schlug, da wußte ich – da wurde mir mit einem Male klar, daß ich ganz im Bösen stehe.«

Kurt schüttelte leise den Kopf und erwiderte ihm mit stockender Stimme: »Jeder von uns ist ein Teil von Christus, wir sind alle die Söhne Gottes, wir sehnen uns nach Erlösung von dem Leiden und dem Bösen, und die Erlösung ist doch so einfach: sie besteht darin, daß wir das einsehen, daß wir die Söhne Gottes sind. Nur dadurch, daß wir uns als Mittelpunkt des Alls vorkommen, erscheint uns eine Tat als böse; wir sind immer noch Kinder, die sich am Tisch stoßen und sagen: der Tisch ist schlecht.«

»Sie werden sterben an Ihrer Wunde; der Mann, der Sie ermordet, wäre ein Sohn Gottes?« fragte der Schneider.

»So gut wie ich und wie Sie. Wissen Sie denn nicht, daß er ein verzweifelnder Sucher ist?«

»Ach, ich kann das nicht verstehen,« sagte der Schneider.

»Sie haben schon viel verstanden, Bruder, und wenn auch Sie nun Ihr Leben hier abschließen, dann werden Sie noch mehr verstehen,« erwiderte Kurt.

»Sie nennen mich Bruder, Sie vergeben mir?« fragte der Schneider.

»Ich brauche niemandem zu vergeben, denn niemand hat mir ein Leid zugefügt, jeder hat mich nur gefördert; auch Sie haben mich gefördert,« sagte Kurt.

»Du hast auch mich getröstet,« sprach die Mutter, welche zwischen ihren sterbenden Kindern saß.

»Habe ich dich getröstet, gute Mutter,« antwortete er, »es gibt ja immer nur einen Trost: die Wahrheit. Ach, die Menschen sind eine verirrte Herde; aber einst werden sie sich noch zurechtfinden.«

»Nun denn, so kann auch ich ruhig sterben,« sagte der Schneider. Er nahm die Hände von seiner Wunde, sein Kopf fiel vornüber.

Unterdessen war vor der Tür auf dem Hofe Geschrei und Tosen gewesen, es wurde geschossen. Das Stöhnen der Sterbenden und Verwundeten drang durch die Tür. Man hörte das Jagen der Pferde. Dann hörte man wieder schießen. Dazwischen kam das sinnlose Jammern der beiden Dienstmädchen oben an der Treppe.

Nun war es, wo der Landrat die Stufen herunterstieg.

Kurt winkte ihm mit den Augen, zu ihm niederzuknien; dann winkte er Anna. Beide kamen zu ihm und knieten, jeder auf einer Seite. Er nahm ihre Hände, legte sie ineinander und sprach: »Wir beide sterben, ihr beide bleibt am Leben; so will ich für mich und für meine Schwester, daß ihr einander zur Ehe nehmt; ihr sollt unsere Erbschaft haben, und ihr werdet nach eurem Gewissen handeln mit dem Gut.« Dann winkte er Martha; auch Martha kam. Er sagte: »Wenn Martha von meiner Liebe ein Kind haben sollte, so sollt ihr es später zu euch nehmen und erziehen; es soll euch nachfolgen wie eines von euren eigenen Kindern.«

Vom Hofe her ertönte jetzt das Marschieren der Soldaten, Kommandoruf und Rasseln der Gewehre. Der Landrat erhob sich, nahm die Eisenstangen von der Tür, schob die Riegel zurück und öffnete. Draußen standen die Soldaten, ein Mann neben dem andern, das Gewehr über der Schulter; das Metall blitzte, unbeweglich standen die wohl zweihundert Mann, eines jeden Befehles gewärtig.

Ein hochgewachsener, schlanker Offizier ging die Freitreppe herauf, zwischen den Verwundeten durch, trat in die Türöffnung, grüßend die Hand zum Helm hebend, als er im Halbdunkel der Diele den Landrat, die Gruppe an der Treppe und die andern Menschen erblickte. Er stand dunkel gegen das Licht.

»Ich bin zu spät gekommen,« sagte er.

Alle schwiegen; nach einer Zeit kam zitternd die Stimme Kurts: »Kauft man nicht zween Sperlinge um einen Pfennig? Noch fällt derselbigen keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählet. Darum fürchtet euch nicht, denn ihr seid mehr wert wie viele Sperlinge.«

Der Offizier hatte seinen Helm abgenommen. Die zitternde Stimme des Sterbenden drang aus der Türöffnung. Atemlos standen die Soldaten und hörten jeden Laut der zitternden Stimme.

Der Offizier trat jetzt näher zu der Gruppe. Kurt sprach nun zu ihm: »Üben Sie Barmherzigkeit, denn auch gegen Sie ist Barmherzigkeit geübt. Bringen Sie die Mannschaften auf dem Gutshof unter, lassen Sie sie nicht in Berührung mit den Leuten kommen, damit keine neue Gereiztheit entsteht.« Er wendete sich zum Landrat und fuhr fort: »Reise zum Minister, erkläre alles, sage, daß da Mißverständnisse waren, nur Mißverständnisse.«

Der Landrat sprach: »Hier ist viel zerstört.«

»Nein, Lieber,« antwortete lächelnd Kurt, »nichts ist zerstört, es wird nur gesät, damit einmal geerntet werden kann. Auch das Unglück, das durch diesen Aufruhr unter den Leuten geschehen ist, wird vergessen werden. Die Toten wird man begraben, die Verwundeten heilen; wenn der Staat Strafen verlangt, so werden die Betroffenen sie abbüßen; aber für die Toten werden neue Kinder geboren werden, und Schmerz und Gefängnis werden ihre Wirkung haben, gute und schlechte, wie die Menschen sind; und alles das ist nötig gewesen: wir müssen glauben, daß es nötig gewesen ist, wie auch die Erde glauben muß, daß es nötig ist, wenn ihr der Pflug das Fleisch zerreißt; es muß ja gesät werden, damit geerntet werden kann.«

Der verwundete junge Bergmann sagte: »Ich habe alles verstanden. Die Schuld liegt auf mir, denn wie ich sah, daß die Leute mir folgten, da hatte ich mir sagen sollen: nun muß ich die Überlegung für sie haben. Wenn ich dafür bestraft werde, dann ist die Strafe verdient. Aber ich will allen Kameraden erzählen, was der Herr eben gesprochen hat, denn solche Worte haben sie noch nicht gehört. Und weil wir so schwer arbeiten müssen und müssen immer an des Tages Notdurft denken, so können wir sie nicht selber finden, sondern sie müssen uns gesagt werden.«

Der Landrat ging zu ihm und sprach: »Auch ich habe sie nicht in mir selber finden können, deshalb mußten sie auch mir gesagt werden. Und doch stehen sie in eines jeden Menschen Herzen geschrieben, ein jeder könnte sie in sich selber lesen. Aber daß wir das nicht tun, daß wir sie erst von einem anderen Menschen hören müssen, das ist die Schuld unserer Trägheit und Gedankenlosigkeit.«

»Ja, ich glaube, Sie haben recht,« sagte der Bergmann zu dem Landrat; »auch in meinem Herzen stehen sie geschrieben, und nicht die Arbeit und Sorge haben mich bis nun verhindert, sie zu denken, sondern Trägheit und Gedankenlosigkeit. Aber ich will ein anderer Mensch werden.«

»Wir wollen es alle,« sprach der Landrat, und »Amen« schloß der Offizier, hinter dem auf dem Hofe unbewegt die glänzenden Reihen der Soldaten standen mit den blitzenden Waffen.

 

Geschrieben 1912 und 1913.

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