Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
Schließen

Navigation:

IV

Eine Krankheit seines Töchterchens hielt Herrn Hardant in Havre zurück, so daß er nicht drei, sondern fünf Wochen später reiste. Die Geburt dieses Kindes, das er innig liebte, hatte der Mutter das Leben gekostet. Er behütete es mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Nichts gab es sonst für ihn auf der Welt: für sie hätte er die schwersten Arbeiten auf sich genommen, und die Vermehrung seines Vermögens erstrebte er nur, um sie später mit Luxus umgeben zu können.

Obwohl sie erst neun Jahre alt war, behandelte er sie wie eine kleine Prinzessin, ebenso besorgt ihre Launen zu erfüllen, als wären es Wünsche einer Braut. War sie ein wenig blaß oder übermüdet, so war es unmöglich, mit ihm über ernste Dinge zu sprechen, und je nachdem seine Miene lächelnd oder mürrisch war, konnte man fast mit Sicherheit den Schluß ziehen: Therese ist zufrieden, oder: Therese ist schlechter Laune.

Eben deswegen verwunderte es seine Umgebung sehr, daß er, sobald der Arzt der Kleinen gestattet hatte, aufzustehen, sich entschloß, nach Paris zu fahren, ohne die vollständige Genesung abzuwarten. So kam es, daß er am 6. Februar in Begleitung Le Gouteliers den Bahnhof betrat. Sobald er seinen Platz im Abteil des Zuges, der ihn nach Paris bringen sollte, belegt hatte, stieg er aus und begann mit großen Schritten den Bahnsteig entlang zu gehen.

Fast bereute er schon, sich zu diesem Schritt in der Angelegenheit Solding entschlossen zu haben. Nicht, daß sich etwa seine Meinung in bezug auf seinen Offizier und den Steinhändler geändert hätte, vielmehr war er sich seit mehreren Stunden klar geworden, daß für ihn, den Direktor der Transozeanischen Gesellschaft, wichtigere Geschäfte zu erledigen waren, als das Andenken eines Verschwundenen von jedem Verdacht reinzuwaschen.

Le Goutelier hatte die wenigen Tage vor der Reise benutzt, um ihn in seiner vorsichtigen und genauen Art über die laufenden Geschäfte zu informieren. Die Arbeit war nämlich so eingeteilt, daß Hardant sich nur um die bedeutenderen Transaktionen und wichtigen Verträge kümmerte und den Verkehr mit den Konstrukteuren aufrecht erhielt, sich aber im übrigen in bezug auf die Buchführung ganz auf seinen Prokuristen verließ.

So schmeichelhaft auch dieses Vertrauen für Le Goutelier schien, so lästig war es ihm oft, und wie er manchmal seinem Direktor sagte, fürchtete er die fast grenzenlose Macht, die man ihm gegeben hatte, mehr als er sie liebte. Indem sie am Zug entlang gingen, kam er darauf zurück:

»Sehen Sie, Herr Hardant, sobald Sie zurück sind, werden wir das alles ändern müssen. In dem Maße wie unsere Gesellschaft wächst und mit den Gewinnen auch die Lasten, fühle ich meine Schultern schwächer werden. Nicht etwa, daß es mir an Unternehmungsgeist mangelt oder daß die Zukunft mir ungewiß erschiene, aber gerade in der letzten Zeit wurde mir klar, daß ich' jemand neben mir haben müßte, dem man sich anvertrauen könnte, auf den ich einen Teil meiner Macht übertragen könnte, jemand, der, in meine Buchführung vollkommen eingeweiht, in gewissem Sinne mich selbst überprüfte und sozusagen mein Zeuge würde ...«

Herr Hardant hob die Brauen:

»Nehmen Sie sich zu Ihrer Hilfe so viel Angestellte, wie Sie brauchen, sprechen Sie mir aber nicht von Überprüfern, Zeugen, Sie, die Klugheit selber. Ihre Redlichkeit ist mir Sicherheit genug ...«

»Abgesehen von einer Schwäche, Herr Hardant, von dieser Schwäche ... Ich kann mich nicht so leicht wie Sie über die trösten, die ich im Falle Deherche gezeigt habe. Wenn ich, statt frei in der Kasse zu wühlen und nur Ihnen alle drei Monate Rechenschaft ablegen zu müssen, – wobei Sie sich noch weigern, einen Blick in meine Bücher zu werfen – einen Untergebenen über meine Handlungen zu unterrichten hätte, glauben Sie, daß ich mich dann jetzt auch fragen müßte, auf welche Art und Weise ich die Transozeanische Gesellschaft entschädigen könnte? ...«

»Ich habe es Ihnen gesagt, Gewinn- und Verlustkonto«, unterbrach Herr Hardant.

»Leicht gesagt, Herr Direktor. Unsere Buchführung ist unübersichtlich, der Ausgleich zwischen Einnahmen und Ausgaben schwer herzustellen; unsere Kasse hat sich in letzter Zeit geleert, unser Bankkonto ist sehr geschwächt infolge der Zahlungen, die wir durch das Unglück haben machen müssen, um das zurückgegangene Vertrauen wiederzugewinnen, all dies und neue Schwierigkeiten, die ich voraussehe, verbieten uns solche übermäßige Freigebigkeit ...«

»Sie sprechen von der Gesellschaft wie von einem Grünkramladen.«

»Ob klein, ob groß, Herr Direktor, Zahlen sind Zahlen.«

Herr Hardant zuckte die Achseln.

»Das ist ja lächerlich, Le Goutelier.«

»Ich will Sie nicht übermäßig ängstigen, aber wenn Sie, so wie ich, den Stand unserer Passiven und Aktiven kennen würden, würden Sie nicht lachen, Herr Hardant. Das sind unangenehme Sachen. Aber was erzähle ich Ihnen da? Sie sind ebensogut auf dem laufenden, wie ich selber. Unsere Schwierigkeiten datieren nicht von heute und gestern! ...«

»Auch bei den besten Unternehmungen gibt es ein Auf und Nieder. Ohne dieses Unglück würde unsere Lage glänzend sein ... Wer konnte diesen Schiffbruch voraussehen?«

»Niemand, wirklich' niemand ...«

»Und trotzdem garantiere ich Ihnen, wir werden uns herausrappeln. Sobald wir die siebzehn Millionen von der Versicherung ausgezahlt erhalten ...«

»Wenn die Versicherungsgesellschaft zahlt ...«

»Weshalb, in Teufels Namen, sollte sie denn nicht zahlen?«

»Es handelt sich nicht darum, daß sie nicht zahlt, sondern nur, wann sie zahlt, ob früher oder später ... Und selbst, wenn sie sofort zahlt, hilft uns das nur über einen Monat hinweg, über einen Monat, währenddessen wir allerdings ein bißchen knapp sein werden. Denn es sind gerade diese dreißig Tage, die mir Sorge machen, und gerade deswegen wollte ich mit Ihnen in Ruhe sprechen, nicht so in Hast auf einem Bahnsteig. Freilich, es gibt immer Mittel, um ins reine zu kommen, aber es ist gut, wenn man darüber einig ist.«

»Knapsen Sie hier, knapsen Sie dort, wie Sie's machen, wird's mir recht sein.«

»Gut, ja, ich glaub' schon, Herr Direktor. Aber ich habe genug Verantwortung, deren Last mich erdrückt. Das Gleichgewicht unseres Kredits ist so unsicher, daß der geringste Fehler, das geringste Zögern, das leiseste Anzeichen genügen würden, um ihn in einer Weise zu erschüttern, die nicht wieder gutzumachen ist. Wenn eine Tratte bei Vorlage nicht bezahlt würde, wenn wir fünf Minuten zögerten, einen Wechsel zu regulieren, – alles Sachen, die unter normalen Verhältnissen keine Bedeutung hätten, – würde man sich nicht genieren, zu sagen: ›Die Transozeanische Gesellschaft ist in Zahlungsschwierigkeiten ...‹ Von da bis zur Schlußfolgerung, daß sie vor dem Ruin steht, ist nur ein Schritt ...«

Man rief: »Paris, einsteigen!«

Beim Einsteigen zögerte Herr Hardant:

»So haben Sie noch niemals mit mir gesprochen. Was ist denn eigentlich geschehen. Was beunruhigt Sie denn so?«

»Nichts, Herr Direktor, nichts. Ich lege aber Wert darauf, meine Verantwortung zu schützen und will mich nicht mit der moralischen Blankovollmacht begnügen, die Sie mir geben, ohne die Dinge von Grund auf zu kennen. Wenn ich weiß, daß ich in vollkommener Übereinstimmung mit Ihnen handle, wenn ich weiß, daß Sie alle Schwierigkeiten, die uns bevorstehen, richtig wägen, so werde ich in meiner Ergebenheit für Sie den notwendigen Mut und die guten Einfälle finden.«

»Ich gebe Ihnen absolute Vollmacht.«

»Ich würde es vorziehen, wenn Sie sagten: ›Ich bleibe‹.«

Mit einem Satz schwang Herr Hardant sich auf das Trittbrett.

»Ich habe mich entschlossen, zu fahren: also fahre ich.«

Le Goutelier verneigte sich und sagte mit einer gewissen Bitterkeit:

»Sie sind der Chef, Herr Direktor, und wissen sicher besser als ich, was Sie zu tun haben.«

Dann fügte er mit ruhiger Stimme hinzu, so, als ob kein ernstes Wort zwischen ihnen gefallen wäre:

»Ich werde also, ohne zu prolongieren, die Wechsel von Halleville und Fortegère einlösen?«

»Um Gottes willen!«

Ein unmerkliches Lächeln glitt über die Züge von Le Goutelier. Es entging Herrn Hardant nicht:

»Wird Ihnen etwa das Geld fehlen?«

Le Goutelier beruhigte ihn.

»Ich werde es haben.«

Ein Schaffner lief am Zug entlang und schloß die Türen. Herr Hardant lehnte sich heraus und fragte:

»Haben Sie noch sonst irgendwas?«

»Nein ... Oh, doch. Falls jemand von der Versicherungsgesellschaft kommen sollte? ... In dieser Sache sind Sie nur allein befugt, zu verhandeln; wann soll ich sagen, daß Sie zurück sind?«

»In achtundvierzig Stunden ... drei Tagen ... Übrigens, ich rufe Sie von Paris aus an. Im Augenblick ist der Wechsel das wichtigste ...«

»Er wird eingelöst.«

»Dann ist ja alles in Ordnung. Auf Wiedersehen, mein lieber Le Goutelier. Und vor allem vergessen Sie nicht, mir jeden Tag telephonisch Nachricht über Therese zu geben.«

»Ich verspreche es Ihnen, Herr Hardant.«

»Kümmern Sie sich auch mal um diese arme kleine Madame Deherche. Wir dürfen sie in einem solchen Augenblick nicht im Stich lassen. Es würde mir leid tun, wenn sie sich verlassen fühlte.«

»Seien Sie unbesorgt.«

»Und sagen Sie ihr, bitte ...«

Ein Pfiff, ein Dampfstrahl, und das Geräusch der Lokomotive, die sich in Bewegung setzte, verschlangen das Ende des Satzes. Le Goutelier winkte zum Abschied. Einen Augenblick noch sah er den Kopf des Herrn Hardant, der dann verschwand. Dann, noch immer unbeweglich, mit verächtlich verzogenem Mund, murmelte er, die Schultern hochziehend:

»Das will ein Mann sein? Jämmerlich! ...«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.