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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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III

Als Herr Hardant von diesem Bericht Kenntnis genommen hatte, der durch Korrespondenzen übermittelt und durch die Zeitungen veröffentlicht worden war, rief er seinen Prokuristen und hielt ihm das Blatt vor die Augen.

»Haben Sie gelesen?«

»Ja.«

»Ihre Ansicht?«

Le Goutelier machte eine ablehnende Bewegung.

»Ich ziehe es vor, keine zu äußern.«

Herr Hardant stampfte mit dem Fuß:

»Stillschweigen allein nützt uns nichts. Der Schiffbruch ist unter den Umständen, unter denen er sich zugetragen hat, ohne Explosion, ohne Zusammenstoß, an einer Stelle, wo die Schiffskarten keine Felsenriffe angeben, unerklärlich. Lediglich ein unerhörter Fehler, eine unsinnige Maßnahme könnten ihn erklären. Müßte man nicht, annehmen, und das wäre furchtbar, daß Deherche den Kopf verloren hat, daß er nicht mehr bei vollem Verstand war, als er Havre verließ?«

»Deherche war ein tüchtiger Seemann, der in einer so ernsten Situation sicher nicht den Kopf verloren hätte. Meiner Ansicht nach war er vollkommen bei Verstand. Während der Tage vor der Einschiffung habe ich wiederholt mit ihm gesprochen; nichts in seinen Fragen noch in seinen Antworten ließ den Schluß zu, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne war. Daß er überlastet war, Sorgen hatte, in Geldverlegenheit war, ist eine Sache für sich; daß er Ausgaben gemacht hat, die seinen Einkünften nicht entsprachen ...«

Herr Hardant zuckte die Achseln:

»Wir wollen nicht übertreiben. Wir haben ihm kleine Vorschüsse gegeben; welchem Offizier haben wir keine gegeben?«

Le Goutelier heftete seine Augen unbeweglich auf den Teppich; diese Haltung irritierte den Direktor vollends:

»Ja oder nein, stimmt das, was ich sage?«

»Das ist wahr«, murmelte Le Goutelier, ohne den Kopf zu heben. »... Aber da sind Sachen, die Sie nicht wissen ... Ich hätte sie Ihnen vorher sagen sollen, ich wagte es nicht ... Ich habe mit sträflicher Leichtfertigkeit gehandelt, ich bitte Sie um Verzeihung. Das Debetkonto von Deherche ist weit größer als Sie denken; es beläuft sich auf sechzigtausend Francs.«

Herr Hardant fuhr auf:

»Sechzigtausend Francs? Seit wann? Wieso?«

»Seit einem Jahr. Seine erste Anleihe datiert vom Oktober 1911. Er bat mich, es Ihnen keinesfalls zu sagen und versprach, den Betrag sofort nach seiner Rückkehr zurückzuzahlen; da die Summe verhältnismäßig gering war, erfüllte ich seinen Wunsch. Übrigens hielt er sein Versprechen pünktlich ein. Aber Sie wissen, wie so etwas kommt ... Eine Ausgabe bringt die andere mit sich. Nachdem seine Schuld bezahlt war, war er wieder knapp und verlangte eine neue Anleihe; ich willigte ein. Einige Zeit danach gestand er Ihnen seine Geldverlegenheit; es war die Rede – vielleicht können Sie sich noch daran erinnern – von dreitausend Francs. Auf Ihren Befehl zahlte ich sie ihm aus. Er hatte nicht gewagt, Ihnen alles zu gestehen; es waren nicht dreitausend Francs, die er brauchte, sondern sechstausend. Da ich von seiner Ehrlichkeit überzeugt war und er mir außerdem versprochen hatte, Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen und nicht mehr unbedacht Geld auszugeben, gab ich ihm noch das Fehlende. Dasselbe wiederholte sich nach zwei Monaten. Ich schlug es zunächst ab, er aber bat und flehte so lange, bis ich schwach genug war, ihm nachzugeben. Mißbrauchte er die Sympathie, die ich für ihn hatte? Vielleicht ... Ich neigte eher zu der Ansicht, daß ich's mit einem Unglücklichen zu tun hatte, der auf die schiefe Ebene geraten war. Kurz und gut: Ohne Sie zu benachrichtigen, wie es meine Pflicht gewesen wäre, gab ich ihm nach und nach einen Vorschuß in der Höhe, die ich Ihnen nannte.«

Herr Hardant kreuzte die Arme:

»Sie haben sich also erlaubt, mit dem Geld der Gesellschaft freigebig zu sein? Sechzigtausend Francs! Trotzdem Sie besser wußten als irgendein anderer, daß wir nicht in der Lage waren, mit den Banknoten um uns zu werfen! Was gedenken Sie nun zu tun?«

»Das einzige, was ich tun kann: ersetzen.«

»Womit denn? Sind Sie etwa reich', ohne daß ich es wüßte?«

»Ach, Herr Hardant, wenn ich es wäre, so können Sie überzeugt sein, daß ich dieses Geld zurückerstattet hätte, ohne mich der Demütigung auszusetzen, Ihnen meinen Fehler eingestehen zu müssen. Als ehrlicher Mensch bleibt mir nur eines übrig: von meinem Gehalt zurückzuzahlen. Ziehen Sie monatlich denjenigen Betrag ab, der Ihnen angemessen erscheint ... Ich werde mich einrichten, um mit dem Rest auszukommen ... Es sei denn, daß Sie meinen Fehler als so ernst betrachten, daß Sie mich nicht länger im Dienst der Gesellschaft behalten wollen ... Auch in diesem Falle würde ich Sie bis zum letzten Centime entschädigen. Ich würde dann anderswo arbeiten, ins Ausland gehen, falls es nötig ist; aber wo immer ich auch sein sollte, ich würde die Summe abzahlen, die Sie festsetzen.«

Herr Hardant zuckte die Achseln:

»Sie sind ein Narr, wenn Sie glauben, daß ich Sie ins Unglück stoßen würde; es ist genug, daß Sie gezwungen waren, mir ein solches Geständnis zu machen. Wir werden das auf Gewinn- und Verlustkonto buchen.«

»Erlauben Sie mir, Ihren Vorschlag abzulehnen, Herr Hardant; gewisse Dienste ehren diejenigen, die sie leisten, entehren aber diejenigen, die sie annehmen.«

»Wie Sie wünschen; schließlich ist diese Schuld ebensogut die von Frau Deherche wie die Ihre ...«

»Eine Witwe, eine arme Witwe!«

»Arm? Und ihre Schmucksachen, und die Versicherung, die ihr Mann eingegangen ist? ...«

Er hielt plötzlich inne. Dieses Wort »Versicherung«, das seinen Lippen entschlüpft war, beschwor die Erinnerung an eine Unterhaltung herauf, die er vor einigen Tagen gehabt hatte.

Damals, einige Augenblicke, bevor die Nachricht über den Untergang der »Shanghai« eintraf, hatte Frau Deherche vor ihm und seinem Prokuristen zu seiner größten Verblüffung davon gesprochen. Dieses Wort hatte nach seiner Unterredung mit Le Goutelier, der ihm gerade von den üblen Gerüchten sprach, die in Umlauf waren, und die Möglichkeit einer teuflischen Spekulation seitens der Firma Solding und Beurke durchblicken ließ, eine furchtbare Bedeutung angenommen.

In der Tat, was konnte die Veranlassung gewesen sein, daß Deherche, der bis dahin niemals an sein Ende gedacht hatte, mit einemmal so vorsorglich geworden war? Bestand zwischen ihm und den Juwelieren eine geheimnisvolle Verbindung, eine schurkische Abmachung?

Man brauchte nicht über eine besondere Einbildungskraft zu verfügen, um das Komplott zu durchschauen: Solding und Beurke, die ein Vermögen als Entschädigung für einen geringen Verlust erhielten, würden ihm einen Teil davon abgeben. Nachdem er, durch einen letzten Skrupel getrieben, seine Frau und sein Kind mit einem kleinen Kapital versichert hatte, würde er, vom Untergang gerettet und in der Heimat verschollen geglaubt, unter falschem Namen in der Fremde leben.

So furchtbar auch eine derartige Vermutung schien, – war nicht alles dazu angetan, ihn darin zu bestärken? Die düstere Miene von Deherche, die Unruhe, die er seiner Frau nicht hatte verbergen können, die Ratschläge für die Zukunft ihres Kindes, diese falschen Gerüchte, die er absichtlich ausgestreut hatte, – der üble Zustand des Schiffes, seine mangelhafte Seetüchtigkeit –; diese Vorsicht, die Anzahl der Rettungsboote zu verdoppeln, die durch nichts gerechtfertigt war ...

Trotz all dem war schon der Gedanke an ein derartiges Verbrechen so furchtbar, daß er ihn mit Abscheu von sich wies.

Und nun gab ihm die Erzählung des einzigen Überlebenden – Solding! – nicht nur neue Nahrung, sondern auch eine unheimliche Kraft. Nicht ein Wort dieses Rapports – welch anderen Namen konnte man dieser Aufzählung von Begebenheiten, die der Katastrophe voraufgegangen waren, geben? – das nicht den Kapitän anklagte: schlechte Laune, Vorahnungen, andauernde Nervosität, seltsames Bemühen, alles vorauszusehen, vor allem das Schlimmste, die Passagiere auf die gräßlichsten Möglichkeiten vorzubereiten, das Wort »Schiffbruch« auszusprechen, dieses Wort, das kein Kommandant irgendeines Schiffes ohne unmittelbare Gefahr ausspricht, diese Übungen, die geeignet waren, die Angst hervorzurufen, die brutale Art, Soldings Bitte abzuschlagen, ihm fast zu drohen, das Verbot, sein Depot an sich zu nehmen oder es nur zu versuchen, und schließlich, daß er erst in letzter Minute den Räumungsbefehl gab, als das Schiff bereits im Sinken und die Rettung der Passagiere und Mannschaft fast unmöglich war ...

Aber all diese Vermutungen, all diese Übereinstimmungen verflüchtigten sich: das Wort »Versicherung«, das sie erzeugt hatte, erschien nach dem Geständnis Le Gouteliers einfach und natürlich.

Durch den Skrupel eines Ehrenmannes getrieben, wollte Deherche, was immer auch geschehen mochte, die Rückzahlung seiner Schuld sicherstellen; da er wußte, daß seine Frau unter keinen Umständen eine Summe für sich behalten würde, die eigentlich der Transozeanischen Gesellschaft zukam, hatte er sie auf ihren Namen aufgenommen.

Herr Hardant empfand eine wirkliche Erleichterung bei dem Gedanken, daß sein Offizier ein Unglücklicher war und kein Verbrecher. Da er aber sein Gewissen vom letzten Zweifel befreien wollte, sagte er:

»Bevor wir über diese Angelegenheit für immer einen Schleier werfen, noch ein letztes Wort: wie standen Sie mit Deherche, als er sich einschiffte?«

»Ausgezeichnet.«

»Verstehen Sie mich recht: Haben Sie nicht, als Sie sich Ihrer großen Verantwortung bewußt wurden, Deherche Vorhaltungen gemacht, die geeignet waren, ihn zu erregen?«

»Ich habe in der Tat ernsthaft mit ihm gesprochen, denn er hatte sich verpflichtet, vor seiner Abreise zurückzuzahlen, und hat sein Versprechen nicht gehalten.«

»Haben Sie ihm damals nicht suggeriert, eine Lebensversicherung einzugehen?«

»Nein, er hat es von sich aus plötzlich vorgeschlagen. Da diese Lösung mir die notwendige Sicherheit bot, willigte ich ein.«

Herr Hardant machte eine freudige Bewegung, unterdrückte sie aber sofort. Ein letzter Zweifel beschäftigte ihn noch. Er fuhr fort:

»Weshalb denn, wenn es so ist, lautete die Versicherung auf den Namen seiner Frau und nicht zu Ihren Gunsten? Dieser Punkt bleibt geheimnisvoll, zumindest verwirrend.«

»Deherche tat es auf mein Verlangen. Da ich trotz seiner Unvorsichtigkeit, seiner Leichtfertigkeit die größte Achtung, ja noch mehr, die größte Freundschaft für ihn empfand, sein bedauernswertes Ende nicht voraussehen konnte und sicher war, daß er mich im ganzen oder zum Teil aus seiner Jahresgratifikation entschädigen würde, wollte ich nicht, daß man in dieser oder jener Weise seine Situation ahnen konnte, was nicht ausgeblieben wäre, wenn man erfahren hätte, daß er diese Transaktion auf meinen Namen vollzogen hatte. Auch in diesem Falle muß ich meine Unvorsichtigkeit zugeben.«

»Entschuldigen Sie sich nicht, mein bester Le Goutelier«, rief Herr Hardant; »Sie haben wieder einmal wie ein braver Mann gehandelt, und ich wäre der letzte, Ihnen deswegen Vorwürfe zu machen. Im Gegenteil, ich bin Ihnen sogar dankbar, denn Sie haben mir eine Zentnerlast vom Herzen genommen. Nun ist alles verständlich. Diese Versicherung läßt sich erklären, ohne daß man nötig hätte, scheußliche Vermutungen anzustellen. Und ich hätte diesen Unglücklichen fast beschuldigt! Ich habe die schmerzlichsten Tage meines Lebens hinter mir. Sollte ich schweigen und einen Schuldigen oder sein Andenken der Gerechtigkeit entziehen? Sollte ich sprechen, eine arme Frau und ihr armes Kind zur Verzweiflung treiben? ... Schrecklicher Zwiespalt, aus dem mich Ihre aufrichtige Erklärung befreit.«

Die Hände auf dem Rücken durchmaß er sein Büro mit großen Schritten. Er bückte sich über den Tisch, wo die Zeitungsnummer, die den Bericht über das Unheil enthielt, lag, nahm sie in die Hand, las aufmerksam, faltete die Zeitung, steckte sie in die Tasche, durchblätterte sein Notizbuch, machte noch einige Schritte und blieb plötzlich stehen:

»Mir gefällt dieser Bericht von Solding nicht; ich muß diesen Mann sehen, mit ihm sprechen; nein wahrhaftig, er gefällt mir nicht.«

Er blieb einen Moment sinnend stehen und fuhr fort:

»Vielleicht war auch das nur ein falscher Eindruck, ein quälender und ungerechter Gedanke ähnlich dem, der mich Deherche verdächtigen ließ? ... Aber ich möchte reinen Tisch machen ... Ich fahre noch heute abend nach Paris.«

Le Goutelier verneigte sich. Er war wieder der ordentliche Angestellte, der vorsichtige Berater dieses energischen Mannes geworden, dieses Mannes, der schnell bereit war, zu schnell fast, übereilte Entschlüsse zu fassen, aber leicht geneigt, alles umzuwerfen, was sich seinem Willen, einer plötzlichen Eingebung seines Hirns entgegenstellte.

»Tun Sie, was Sie wollen, Herr Direktor, aber glauben Sie nicht, daß sich diese Reise aufschieben ließe? Ihre Anwesenheit hier kann notwendig, ja unerläßlich sein in diesem Augenblick.«

Herr Hardant schüttelte den Kopf:

»In den kommenden Tagen brauche ich einen ruhigen Kopf, und den kann ich mir nur auf diese Art und Weise verschaffen. Solange mich noch der Schatten eines Zweifels quält, werde ich zu nichts recht taugen.«

»Was werden Sie in Paris jetzt schon erfahren«, beharrte Le Goutelier. »Warten Sie wenigstens, bis Solding zurück ist; das dauert noch mindestens drei Wochen. Nur er allein könnte Ihnen die Aufklärung geben, die Sie wünschen.«

»Sie haben recht, mein Freund. In welcher Ungeduld werde ich aber bis dahin leben!«

»Es werden inzwischen so viele Geschäfte Ihre Tätigkeit erfordern, daß Ihnen die Zeit schnell vergehen wird«, seufzte Le Goutelier.

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