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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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II

1897 in der Clyde-Werft für Rechnung der »Cunard« gebaut, war die »Shanghai«, ursprünglich »Cardigan Bay« genannt, bei ihrem Stapellauf eins der, wenn nicht wichtigsten, so doch zumindest schnellsten Schiffe der alten Gesellschaft; sie maß 127 Meter, verdrängte 6000 Tonnen und machte 17 Knoten in der Stunde.

Das einsetzende Wettrennen um Größen- und Schnelligkeitsrekorde – die »White Star Line« ließ 1908 die »Titanic« und die »Olympic« bauen, die letztere war 271 Meter lang, verdrängte 45 000 Tonnen und lief 21 Knoten – setzte sie zu einem Schiff dritter Ordnung herab. Um diese Zeit kaufte sie Herr Hardant für Rechnung der Transozeanischen Gesellschaft, deren Direktor und gleichzeitiger Hauptaktionär er war.

Bis dahin hatte diese Gesellschaft nur Handelsschiffe ausgerüstet, Segler, kleine Dampfer, größere Küstenschiffe mit Ölmotoren, die kleine Strecken mit einem Maximum an Ladung und einem Minimum an Personal bewältigten. Das Gelingen dieses Versuches, das zunächst von vielen als unsinnig beurteilt wurde, hatte die junge Gesellschaft zu größerem Ehrgeiz angestachelt. Herr Hardant war ein energischer Mensch, das Gelingen seiner Unternehmungen hatte ihn mutig gemacht, und ohne – wenigstens für den Augenblick – Anspruch darauf zu erheben, den großen Schiffahrtsgesellschaften (Hapag, Norddeutscher Lloyd, Hamburg-Süd, Fraissinet usw.) Konkurrenz zu machen, hatte er eine Linie gegründet, welche, von Havre ausgehend, Lissabon, Madeira, die Kanarischen Inseln, St. Helena, das Kap der Guten Hoffnung, die Insel St. Paul berührte und in Melbourne endete. Drei Schiffe, die »Delta«, der »Président Carnot« und die »Shanghai« verrichteten den Dienst.

Ihre bequeme Einrichtung ohne überflüssigen Luxus, ihr ruhiger Gang, ihre mittlere, aber ausreichende Geschwindigkeit ermöglichten es, den Passagieren keine übermäßigen Preise abzufordern, eine leichte, aber einträgliche Fracht zu laden, und denjenigen, die das Meer liebten, die Freuden einer langen Überfahrt auf den schönsten Ozeanen der Welt zu bieten.

Der Verlust der »Shanghai«, zweifellos des besten Schiffes der Transozeanischen Gesellschaft, bedeutete folglich eine Katastrophe für diese. Gewiß, das Schiff war versichert; aber ehe die Versicherung diesen Betrag auszahlte, würden Monate vergehen, während derer große Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen waren und die Durchführung früherer Verträge durch Opfer großer Geldmittel gesichert werden mußte, was besonders schwierig war. Die Gesellschaft, für die Herr Hardant bereits die Möglichkeit erwogen hatte, ein größeres, ganz modernes Schiff bauen zu lassen, war in ihrer Entwicklung gerade in einem Augenblick gehemmt, in dem alle Handelsflotten der Welt die heftigsten Anstrengungen machten, um sowohl die Fracht als auch die Passagiere an sich zu ziehen.

Herr Hardant, dem der Verlust so vieler Menschenleben näher ging als der seines Vermögens, nahm die Nachricht der Katastrophe mit Selbstbeherrschung auf, indem er bis zur letzten Minute hoffte, daß das Unheil weniger groß sei, als die Depeschen anzeigten, und daß Hunderte von braven Menschen dem Untergang entronnen wären.

Über den Schiffbruch selbst, den das Radio bestätigt hatte, erhielt man zunächst nur ziemlich unklare Mitteilungen.

Ein holländisches Schiff, der »Prinz von Oranien«, nach Europa unterwegs, befand sich am Nachmittag des 22. Oktober ungefähr zweihundertfünfzig Meilen von der Insel St. Paul entfernt, als es eine Nachricht von der »Shanghai« empfing: dieses Schiff wolle, nachdem es ein Leck erhalten hatte, ans nächstgelegene Land stoßen; für den Augenblick bestehe zwar keine Gefahr, es bitte jedoch, Radionachrichten aufmerksam zu verfolgen, um im Notfalle Hilfe leisten zu können.

Das holländische Schiff, durch einen zweiundsechzigstündigen heftigen Sturm selbst hart mitgenommen – seine Steuerung war defekt und eine Schiffsschraube beschädigt – hatte geantwortet, daß es sich möglichst nähern und südlichen Kurs nehmen würde.

Einige Stunden war es still, dann, um die einundzwanzigste Stunde, kam neue Nachricht, diesmal dringend, und nach fast dreißig Minuten der Ruf S. O. S. Der »Prinz von Oranien« war sofort, trotz des hohen Seeganges und der Schwierigkeiten, die er beim Manövrieren überwinden mußte, der »Shanghai« zu Hilfe geeilt und hatte sie unaufhörlich drahtlos angerufen. Die »Shanghai« antwortete aber nicht mehr, und als am nächsten Tage um sechzehn Uhr der »Prinz von Oranien« angelangt war, fand er keine Spur mehr von dem Schiff. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hatte er, unterstützt von drei Schiffen, die seine Hilferufe erst am Morgen des 23. vernahmen, – vergeblich das Meer durchsucht, in der Hoffnung, daß das Schiff durch den Sturm weiter südlich abgetrieben worden wäre. Am 25. aber entdeckte er in einer Entfernung von fünfzig Meilen zahlreiche Trümmer und mehrere Rettungsringe, die den Namen »Shanghai« trugen. Da der Verlust des Schiffes sicher schien, hatte er seine Fahrt wieder aufgenommen.

Nach Eingang dieser Depesche hatte man den Untergang der »Shanghai« offiziell bekanntgegeben. Fünf Tage später folgte eine neue Depesche, die Einzelheiten des Unheils und seiner Schrecken enthielt.

Die »Santa-Fé«, welche diese Küstenstrecken kreuzte, hatte am 30. ein schwer beladenes, abgetriebenes Rettungsboot gesichtet. Als sie sich näherte, fand sie vierzig Menschen darin, die vor Hunger, Müdigkeit und Kälte umgekommen waren. Unter diesen starren Körpern war jedoch einer, der weniger steif schien als die anderen.

Es war ein junger, ziemlich elegant gekleideter Mann, soweit man sich davon noch ein Bild machen konnte, nachdem er so viele Stunden in Todesangst in diesem zur Hälfte mit Wasser gefüllten Boot zugebracht hatte.

An Bord gebracht, erwärmt, massiert, wurde er durch Einspritzungen von Äther, Koffein und Kampferöl ins Leben zurückgerufen.

Nachdem er erklärte, daß er Solding heiße, ein Pariser Juwelenhändler sei und sich an Bord der »Shanghai« mit dem Reiseziel Melbourne eingeschifft habe, um dort einen bedeutenden Posten Edelsteine zu verkaufen, gab er einen ausführlichen Bericht vom Schiffbruch und den Ereignissen, die ihm vorausgegangen waren:

»Da diese Überfahrt die erste war, die ich unternahm, hatte ich von Anfang an großes Interesse für das Schiff und die Besonderheiten des Schiffslebens. Eine davon verblüffte mich ganz besonders. Obwohl das Wetter ruhig war, das Schiff widerstandsfähig schien, und um diese Jahreszeit, so erklärte man mir, die Stürme im Atlantischen und Indischen Ozean selten seien, unterließ der Kommandant nicht, Tag für Tag durch die Passagiere und die Mitglieder der Besatzung das Rettungsmanöver ausführen zu lassen. Diese Vorsorge hatte mich zunächst beunruhigt. Der Kapitän erklärte uns aber, daß er es sich zur Regel gemacht habe, auf diese Weise alles in Training zu halten, ebensosehr, – und er lächelte, als er dies sagte, – um die Eintönigkeit der Tage zu unterbrechen, als um die Passagiere an eine Übung zu gewöhnen, die, mit Ruhe gemacht, äußerst einfach ist, hingegen in der Verwirrung meistens mißlingt.

Der Kapitän hatte auch ein besonderes Interesse für die radiotelegraphische Station und betonte die unermeßlichen Dienste, die diese fabelhafte Erfindung den Seereisenden zu bringen berufen war. Die Sorge um die Sicherheit derjenigen, die an Bord des Schiffes waren, schien ihn fortwährend zu erfüllen. Nicht selten sprach er das Wort ›Schiffbruch‹ aus, zu einer Zeit, wo jeder nur an Zerstreuung dachte, und als jemand scherzend eines Tages bemerkte, daß man an einem Freitag, den 13., die Anker gelichtet hätte, schnitt er ihm kurz das Wort ab und bat, man möge nicht das Unglück auf sein Schiff heraufbeschwören.

Die ersten drei Wochen der Überfahrt waren glänzend verlaufen, und man dachte nur an die Freude der Landung in Australien, als der Himmel, der bis dahin ganz besonders schön gewesen war, sich plötzlich, zwei Tage, nachdem man die Insel St. Paul angelaufen hatte, verdunkelte. Gleichzeitig wurde das Meer stürmisch, ein dichter Nebel stieg auf, und der Horizont wurde unsichtbar.

Einige empfindsame Passagiere waren durch diese Anzeichen besorgt; der Kapitän beruhigte sie, so gut er konnte, verdoppelte seine Aufmerksamkeit und ließ die Rettungsübungen vormittags und abends ausführen, diesmal aber nicht mehr zum Zeitvertreib, sondern mit einer vollkommen militärischen Disziplin, indem er fortwährend an die Maßnahmen erinnerte, die im Fall einer Gefahr erforderlich wären.

Alsbald herrschte auf dem Schiff ziemliche Nervosität. Dazu kam, daß das Unwetter sich in Sturm verwandelt hatte und das Schiff stampfte und schlingerte; der Himmel verstopfte sich, wie die Seeleute sagten, von Stunde zu Stunde und war schließlich fast schwarz.

Am Morgen des 21., als die Wogen über die Schiffsbrücke hinwegfegten, befahl der Kapitän, die Passagiere sollten im Salon oder in ihren Kabinen bleiben. Dieser Befehl war überflüssig, denn niemand wagte es, sich diesen furchtbaren Wassermengen auszusetzen.

In der Nacht vom 21. zum 22. hörte man ein Krachen oder vielmehr ein Dröhnen, das weder vom Wind noch von den Wellen herrührte. Ich erhob mich in Hast und stieg, gegen den Befehl, auf die Brücke. Der Kapitän empfing mich barsch:

›Sie haben hier nichts zu suchen, Herr; Sie sehen, daß Sie mich und meine Leute stören.‹

Ich bemerkte höflich, daß mich weder Angst noch eine dumme Neugierde getrieben hätten, sondern die Sorge um die wichtige Aufgabe, mit der ich betraut sei.

›Ich habe im Tresor Ihres Schiffes etwas liegen, das mein ganzes Vermögen und das meines Teilhabers darstellt‹, sagte ich. ›Wenn ein Unglück geschehen sollte, hätten Sie und Ihre Besatzung selbstverständlich andere Sorgen, als sich um die Rettung meiner Kassette zu kümmern; das seltsame Geräusch, das ich soeben hörte, läßt mich ein derartiges Ereignis befürchten und an den Fall denken, wo es notwendig wäre, das Schiff zu verlassen. Aus diesem Grunde bitte ich Sie, mir das Ihnen anvertraute Depot wieder auszuhändigen.‹

Bei meiner Bitte zögerte er zunächst, dann antwortete er:

›Es besteht keinerlei Gefahr; das Geräusch, das Sie erschreckt hat, rührt von einer Sturzwelle her, die sich an der Schiffswand brach ...‹

Und, da seine Erklärung mich nicht zu überzeugen schien, – man hörte ununterbrochen ein ganz eigentümliches schnarrendes Geräusch, wie ich es noch nie vernommen hatte, – fügte er hinzu, indem er die Hand auf meine Schulter legte:

›Nun, wenn Sie denn alles wissen wollen, eine unserer Schiffsschrauben dreht sich nicht mehr; die andere arbeitet infolge des Schlingerns bald im Wasser, bald außerhalb des Wassers; dieser neue Rhythmus verletzt Ihre Ohren; im übrigen ist keine Gefahr vorhanden. Nun wissen Sie alles; gehen Sie schlafen.‹

Ich versuchte, das Gespräch wieder auf mein Depot zu bringen, da unterbrach er mich kurz:

›Ihr Vermögen ist in Sicherheit; ich bitte Sie nun, freiwillig herunterzugehen und mich nicht zu zwingen, es Ihnen befehlen zu müssen.‹

Ich gehorchte und verließ bis zum nächsten Tag um siebzehn Uhr meine Kabine nicht. Da sich in diesem Augenblick der Sturm gelegt zu haben schien, ging ich wieder auf Deck. Oben angelangt, sah ich den Kapitän in heftiger Unterredung mit seinem zweiten Offizier. Beide schienen sehr erregt, ihre Hände und ihre Gesichter waren schwarz von Öl und Kohle, ihre Lederjoppen zerrissen. Sie gingen an mir vorüber, ohne mich zu bemerken; der Kapitän stieg auf die Kommandobrücke, der zweite Offizier eilte zur radiotelegraphischen Station, und unmittelbar darauf vernahm ich wieder merkwürdige Geräusche.

Aus dem Aussehen der Offiziere und diesem Vorfall zog ich den Schluß, daß die Lage nicht so günstig war, wie man mir am Tag vorher versichert hatte, und, darauf gefaßt, mich ein zweites Mal anschnauzen zu lassen, folgte ich dem Kapitän.

Aber er ließ mir nicht Zeit, ein Wort zu sprechen.

›Ja, ja! ich weiß schon, was Sie mir erzählen wollen; Ihre Kassette und Ihre Millionen! Ich habe jetzt andere Sorgen im Kopf!‹

Ich ließ es mir gesagt sein und traf meine Reisegefährten im Salon. Ich frage mich auch jetzt noch, durch welches Wunder an Sorglosigkeit sie sich um nichts kümmerten. Was mich anbelangt, so konnte ich nicht einen Augenblick still sitzen. Das Schiff – ich versuchte mir einzureden, daß es nur Einbildung wäre – neigte sich stark nach rechts, als zwänge es ein riesiges, stets wachsendes Gewicht dazu.

Dieser Hund von einem Kapitän hatte allen außer mir ein derartiges Vertrauen eingeflößt, daß eine junge Frau, die auf einem Sofa lag und die ich auf dieses Sichneigen des Schiffes aufmerksam machte, mir lachend erwiderte:

›Um so besser, das stützt mich' gegen die Lehne, das ist dann bequemer zum Lesen!‹

Und andere, die mich und ihre Antwort gehört hatten, riefen dem Steward zu, um mich zu verulken:

›Kellner, bitte einen Korkgürtel für diesen Herrn!‹

Übrigens waren es dieselben, die, als der Kommandant um einundzwanzig Uhr dreißig erschien und sagte: ›Meine Damen und Herren, ein Unglück ist geschehen; ich bitte Sie, ruhig zu bleiben‹, ein solches Geheul ausstießen und sich mit solcher Heftigkeit auf die Ausgänge stürzten, daß man sie durch die Mannschaft am Kragen packen lassen mußte. So festgehalten, zappelnd, hörten sie weiter:

›Es besteht keine unmittelbare Gefahr; schnallen Sie sich bitte Ihre Rettungsgürtel um, begeben Sie sich ordnungsgemäß an die Ihnen bekannten Stellen und führen Sie das Rettungsmanöver mit der gleichen Ruhe und Sicherheit aus wie jeden Tag; dann stehe ich für alles ein.‹

Reden Sie aber wildgewordenen Tieren von Ruhe und Vernunft! In einem Augenblick waren die Matrosen weggeschoben, umgeworfen, mit Füßen getreten.

Ich behaupte, nicht mutiger zu sein als irgendein anderer, im Gegenteil, ich bin sogar ziemlich feige, denn während sich niemand mit dem Unglück beschäftigte, hatte ich seit dreißig Stunden an nichts anderes gedacht. Die vorhergesehene Katastrophe verliert einen Teil ihres Schreckens, und sicherlich konnte ich nur deswegen inmitten der allgemeinen Verwirrung einige Selbstbeherrschung bewahren, weil ich sie eben erwartet hatte; so war es nicht mein Verdienst, daß ich eine einigermaßen erträgliche Figur machte.

Der Kapitän betrachtete diese Masse von Männern und Frauen, die von Panik ergriffen waren. Sein Gesicht, in der vorigen Nacht so verzerrt, war nun vollkommen ruhig. Er drehte sich auf den Absätzen herum, zuckte mit den Achseln, besann sich eines anderen und sagte mit einer Stimme, in der nicht die geringste Erregung zitterte, so etwa wie man jemand, der bei strömendem Regen, den Stock in der Hand, aus dem Hause tritt, fragen würde: ›Nehmen Sie denn keinen Schirm mit?‹:

›Nun, mein Herr, wo bleibt denn Ihr Rettungsgürtel?‹

Diese Ruhe machte mich vollends sicher, und mich verneigend, sagte ich:

›Herr Kommandant, ich werde ihn holen; vorher aber wünsche ich, daß Sie mir die Kassette zurückgeben ...‹

Er sah mich fest an, zog die Uhr aus seiner Tasche und sagte:

›Jetzt ist es 21 Uhr 34 Minuten; augenblicklich steht das Wasser vierundzwanzig Zentimeter hoch in den Kabinen; um 21 Uhr 39 Minuten wird es ein Meter sein; in einer Viertelstunde wird die ›Shanghai‹ auf dem Meeresgrund liegen.‹

Worauf er ging. Ich lief ihm nach:

›Herr Kommandant! Um's Himmels willen, lassen Sie mich herunter! Sagen Sie mir die Chiffre!‹

›Nein,‹ erwiderte er, ›Sie werden nicht heruntergehen, ich verbiete es Ihnen; alle Ausgänge sind bewacht; meine Leute haben Befehl, auf jeden zu schießen, der versuchen würde, die Sperre zu durchbrechen.‹

Ich flehte ihn an.

›Lassen Sie mich ... Ich riskiere nur mein Leben, während das, was versinken wird, mehr als mein Leben ist.‹

›Es gibt nichts, was mehr wäre als das Leben,‹ sprach er mit eisiger Stimme, ›es sei denn die Ehre.‹

Das war das letzte Wort, das er aussprach, soviel ich weiß. Ich sah ihn erst wieder, als das Ende kam, das nicht auf sich warten ließ, denn alles, was er angekündigt hatte, ereignete sich Punkt für Punkt. Soweit man in einem derartigen Augenblick überhaupt in der Lage ist, die Zeit zu messen, dürften kaum fünf Minuten vergangen sein, bis das Schiff auseinanderkrachte. Durch welchen Zufall ich in ein Boot gehoben oder geworfen wurde, kann ich nicht sagen.

Dann schwammen wir auf dem Meere während fünf endloser Tage und fünf endloser Nächte, in der Hoffnung, einem Schiff zu begegnen. Die Strömung trieb uns aber unwiderstehlich gegen Süden, in eine Gegend, die wenig von Schiffen befahren war, wie uns ein Matrose, der sich in unserem Boot befand, erklärte. Alle anderen waren Passagiere, so daß er zunächst das Kommando übernahm. Solange er es ausübte, bewahrten wir einige Hoffnung und etwas Disziplin, er hatte sich aber beim Schiffbruch verletzt und starb am Abend des zweiten Tages. Da fühlten wir uns hoffnungslos verloren; zwei Männer begannen zu streiten und fielen während der Schlägerei ins Meer; eine Frau wurde irrsinnig; der Hunger, die Erschöpfung und die Kälte kamen hinzu, und ich verlor mein Bewußtsein am dritten oder vierten Tag, ich weiß es nicht mehr ... Was den Rest der Besatzung anbelangt, so glaube ich, daß er umgekommen ist. Niemals sichteten wir das kleinste Boot, die geringste Planke.«

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