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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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VIII

Jeder Tag, der verging, brachte sie dem Land und dem Augenblick näher, in dem Deherche alle Verdachtsmomente, die noch auf ihm lasteten, zerstreuen mußte. Durfte sein Sohn sich vorher zum Untersuchungsrichter einsetzen? Im Bewußtsein seiner Verantwortung, der Unschuld seines Vaters sicher, begriff er, daß dies seine Pflicht war. Die geringsten Einzelheiten eines Aktenstückes, das er hundertmal durchblättert hatte, waren ihm gegenwärtig geblieben. Er erörterte sie eine nach der anderen mit Zärtlichkeit und Ehrerbietung.

»Du mußt wissen, Papa, daß man dich eines so furchtbaren Verbrechens beschuldigt hat, daß Mama und ich unseren Namen ändern mußten ... daß ich selbst mein Vaterland verließ und erst im Augenblick des Krieges nach Frankreich zurückkehrte ...«

»Das ist eine Niederträchtigkeit!« schrie Deherche.

»Ich zweifle nicht daran. Aber die anderen sind es, die man überzeugen muß. Der Schein war gegen dich, gegen uns. Zunächst diese Schuld der Schiffahrtsgesellschaft gegenüber ...«

Deherche betrachtete ihn verdutzt:

»Eine Schuld? ... Ich? ...«

Der Offizier runzelte die Brauen: diese Verneinung einer feststehenden Tatsache tat ihm weh; er erklärte nun, etwas unruhig geworden:

»Ja ... Erinnere dich doch ... sechzigtausend Francs.«

»Sechzigtausend Francs? Das ist eine Lüge! Alles, was ich jemals schuldete, übertraf niemals einige hundert Francs, die ich im übrigen jedesmal nach kurzer Zeit zurückzahlte ...«

»Die Bücher sind aber da, die das Gegenteil zu beweisen scheinen ... Deine Unterschrift ...«

»Hat Le Goutelier das nicht erklärt? ... Aus Gefälligkeit habe ich diese Quittungen unterschrieben. Er brauchte den Betrag für drei Monate – gerade für die Dauer meiner Reise – und da er seine Verlegenheit Herrn Hardant nicht eingestehen wollte, bat er mich, für ihn bis zur Rückzahlung einzustehen.«

»Le Goutelier hat nichts gesagt«, betonte der Leutnant. »Aber es ist noch etwas anderes. Die Edelsteine, die die ›Shanghai‹ mit sich führte, wurden vor der Abfahrt verkauft. Man hat sie bei einem Hehler aus Amsterdam wiedergefunden ...«

»Wie konnte man mich für diesen Diebstahl verantwortlich machen?«

»Weil ein einziger Stein fehlte, ein Rubin, den du Mama geschenkt hast ...«

Deherche stieß ein richtiges Wutgebrüll aus:

»Der Rubin, den ich deiner Mutter gab? ... Ein falscher Stein, den mir Le Goutelier anbot, und von dem er mir versicherte, ihn aus einer Erbschaft zu besitzen! ...«

»Er war nicht falsch und hatte um die Zeit einen Wert von mehr als sechzigtausend Francs.«

»Mit was für Unmenschen hab' ich bloß zu tun gehabt?« ... stammelte Deherche. »Hardant, so feige, daß er mich beschuldigen ließ, Le Goutelier, so verbrecherisch, daß er aus mir seinen Mittäter machen konnte! ...«

Seine Erregung wuchs; wie ein Irrsinniger ging er in der Kabine hin und her; der Sohn versuchte, ihn zu beruhigen.

»Laß mich dir alles sagen ... In der Tatsache, daß du eine Versicherung aufgenommen hattest, wollte man deine Vorsorge sehen, mich und meine Mutter nach der Katastrophe zu schützen ...«

»Das ist wieder Le Goutelier!« brummte Deherche. »Auf seinen Rat hin hab' ich sie aufgenommen!«

»Schließlich deine Abwesenheit von achtundvierzig Stunden kurz vor der Abfahrt, die mit einem Besuch zusammentraf, den ein Mann, dessen Signalement dem deinen glich, einem Spitzbuben in Amsterdam machte ...«

Dieses Mal sann Deherche lange nach, bevor er antwortete. Plötzlich schlug er sich auf die Stirn:

»Meine Abwesenheit? Stimmt, ich fuhr nach Draguignan, meinen Onkel Lobre zu besuchen. Aber noch jemand reiste am gleichen Tag ab, und dieser andere war Le Goutelier! Le Goutelier, der meine Figur hat, meine Breite; Le Goutelier, den man im Halbdunkel hundertmal mit mir verwechselt hat! Ach, der Schuft! Der Halunke! Er ist es, der die Steine gestohlen Hat! ... Er wußte, wo sie waren und kannte die Chiffre des Tresors! Wie hätte ich ihn verdächtigen können? Einen Vorgesetzten! Einen Freund! ... Le Goutelier! ...«

Nun vertiefte sich der Leutnant in seine Gedanken. Von allen Begebenheiten, die während dieser Reise geschahen, war die seltsamste der drahtlose Befehl, der im Augenblick, als Deherche und er selbst sich erkannt hatten, eintraf, und der vom Kommandanten Craille verlangte, er solle sein Schiff südlich steuern: »Mit Volldampf Melbourne anlaufen. Unter keinen Umständen vom Kurs abweichen.« Ohne Zweifel hatte die drahtlose Station von Havre das Gespräch zwischen Vater und Sohn registriert, ein für alle unverständliches, für Le Goutelier aber sehr beunruhigendes Gespräch. Da hatte Le Goutelier, seinen Unstern ahnend, diesen Befehl erlassen.

Die Beschuldigungen fielen eine nach der anderen in sich selbst zusammen, alles klärte sich im Lichte der Wahrheit. Deherche schüttelte den Kopf und sagte:

»Du glaubst mir, mein Kleiner, ich fühle es ... Aber die anderen? ... Damit der Beweis vollkommen sei, müßte man uns gegenüberstellen, diesen Schuft und mich! Oh, ich werde ihn schon zum Geständnis zwingen ... Wenn er sich aber dem entzieht? ... wenn er flieht? Wer kann sagen, ob er nicht schon das Weite gesucht hat? ...«

»Auch die Flucht würde in gewisser Weise ein Geständnis bedeuten«, murmelte der Offizier. »... Trotzdem muß man etwas tun ... Mit Genehmigung des Kommandanten werde ich eine Nachricht senden, daß der, Kapitän Deherche, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben, gestorben ist. Diese Nachricht wird Le Goutelier sicher machen; er wird seiner Straflosigkeit gewiß sein und bleiben ... Du wirst erscheinen ... Du, und dann! ...«

»Ach, bis dahin nur leben!« rief Deherche aus; »nachher ist mir alles gleich!«

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