Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
Schließen

Navigation:

VII

Man konnte die Crozet-Inseln bereits erkennen, als die »Therese Hardant« geradeaus nach Süden steuerte. Seit der gestrigen Entdeckung hatte Valmont die Funkkabine nicht mehr verlassen. Zweimal hatten drahtlose Mitteilungen, die von der unbekannten Insel kamen, plötzlich aufgehört, ohne daß irgendein äußeres Ereignis den Grund dieser Unterbrechungen hätte erklären können. An Bord durchlebte man Stunden des Fiebers und der Ungeduld. Der Kommandant Craille sprach kaum; Valmont rechnete und rechnete immer wieder; Therese wagte nicht, ihn zu unterbrechen; Hardant schloß sich in seinen Räumen ein. Am Abend des zweiten Tages, als das Meer bewegter wurde und die Passagiere ihre Kabinen aufgesucht hatten, trat Valmont aufs Deck. Er war erst einige Augenblicke da, als Hardant erschien.

»Ach Sie! ...« grollte der Offizier ... »Gehen Sie fort! Gehen Sie fort! ...«

»Leutnant Deherche,« sagte langsam der Direktor, »machen Sie mit mir, was Sie wollen. Seit zwei Tagen ist mir so, als ob ich nicht mehr lebte. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit und ... wenn Sie geneigt sind, es mir zu erlauben, der Art ... In dieser gräßlichen Geschichte gibt es eine Unschuldige, der ich die Schande, die sie nicht verdient, ersparen möchte: meine Tochter ... Wenn Sie aber glauben, daß ihr Unglück zu Ihrer Rache gehört..

»Nein«, betonte der Offizier mit erstickter Stimme.

Hardant ließ den Kopf fallen und fing wieder an:

»Sie haben ein Recht auf mein volles Geständnis; hier ist es. Ich, ich allein, bin es, der den Verlust der ›Shanghai‹ verursacht hat. Durch den unmittelbar drohenden finanziellen Zusammenbruch verwirrt, hatte ich den teuflischen Gedanken, an Bord des Schiffes eine Höllenmaschine mit Zeiteinstellung unterzubringen. Nach meinen Berechnungen mußte sich das Ereignis in der Nähe der Crozet-Inseln abspielen. Die Ladung war nicht ausreichend, um das Schiff sofort zum Sinken zu bringen, so daß die drahtlose Einrichtung mir die Hoffnung erlaubte, das Schiff würde genügend Zeit haben, zu rufen und Hilfe abzuwarten. Ich hoffte gleichfalls, daß die Menschenleben wenigstens geschont werden würden: das Schicksal wollte, daß nichts so eintraf, wie ich es vorausgesehen hatte. Hatte sich' die Einstellung der Höllenmaschine infolge der unruhigen See verschoben? Was weiß ich ... Jedenfalls kam es so, daß die Explosion zu einer Zeit und an einem Ort erfolgte, wo jede Hilfe unmöglich war. Zu feige, um nach der Katastrophe meine Schuld einzugestehen, habe ich im Rahmen des Möglichen versucht, die Verdächtigungen abzulenken von jemand, der ...«

»Sie lügen!« unterbrach Valmont wütend. »Sie haben alles eingefädelt, alles vorbereitet, um ihn mit Argwohn zu überhäufen. Ich weiß noch nicht, durch welche gräßlichen Machenschaften, aber ich ahne sie bereits, ich errate sie! Dieser Diebstahl, diese niederträchtigen Äußerungen, diese Versicherung, diese Schuld ... alles teuflische Ränken ...«

»Bei Gott, mein Herr, all das ist nicht wahr. Mein Verbrechen ist furchtbar genug, als daß man mir noch mehr anhängen müßte! Ich wußte das alles nicht ... Was das übrige anlangt, hier ist mein schriftliches Geständnis: falls Sie wollen, machen Sie davon Gebrauch, sobald Sie nach Frankreich zurückkehren. Verzeihen Sie, wenn ich es wagte, das Wort an Sie zu richten.«

Herr Hardant wandte sich ab und lehnte sich an die Schiffsbrüstung.

Die Nacht ging zu Ende, dann der Tag, bei ungestümem Meer und bewegtem Himmel. Am Mittwoch gegen zweiundzwanzig Uhr erschien im Lichtkreis der Scheinwerfer, die die Dunkelheit durchsuchten, eine Insel. Von Zeit zu Zeit warfen sich die Wellen mit solcher Heftigkeit dagegen, daß sie fast von ihrem Gewicht erdrückt zu werden schien.

Mit einem Male übertönte mit unvergleichlicher Plötzlichkeit ein Rollen, das furchtbarer war als das des heftigsten Gewitters, das Getöse des entfesselten Sturmes. Valmont, neben dem Kommandanten an die Kommandobrücke gelehnt, brüllte, den Arm ausgestreckt:

»Da ist sie! Sehen Sie!«

Jeden Augenblick wurde das Deck durch eine wütend brandende Woge überschüttet; bald waren die Wellenbrecher losgerissen, die Brückenstege in Stücke zerschlagen, die eisernen Pfosten verbogen. Um ein Uhr morgens schien es unmöglich, vor Anbruch des Tages irgend etwas zu unternehmen. Im Licht der Blitze konnte man die schroffen Randklippen der Insel unterscheiden, Felsen von überraschender Höhe, senkrecht wie Wände, auf denen zerstreut Gebüsche wild wuchsen. Dann ließ der Sturm nach; der Himmel, den keine Blitze mehr durchzogen, wurde undurchdringlich. Nun erschien etwas am Horizont, das zwar noch nicht die Morgendämmerung war, aber bereits die Schatten auflöste; das rieselnde Deck bevölkerte sich mit Passagieren, die an Masten sich anklammernden Matrosen durchsuchten mit ihren Blicken die Weite, in der Nebel in baumwolligen Knäueln schwebte; dann erhellte sich der Dunst, und die Sonne tauchte plötzlich aus den Wellen und zerriß mit einem Male alles, was von der Nacht übriggeblieben war.

Da löste sich ein Schrei aus allen Kehlen: die Insel war verschwunden.

Dem Fieber der letzten zwei Tage folgte plötzlich die Bestürzung. Selbst diejenigen, die die Insel deutlich gesehen hatten, fragten sich nun, ob sie nicht der Spielball einer Sinnestäuschung gewesen waren. Die einen sprachen von Wunder, die anderen von Hexerei; die unsinnigsten Gedanken fanden Verbreiter und Verfechter. Einzig und allein Valmont und Hardant verloren nicht ihre Kaltblütigkeit.

»Hier handelt es sich weder um ein Wunder noch um ein Trugbild,« sagte der Leutnant: »sondern ganz einfach um eine vulkanische Insel, die ins Meer versunken ist, so wie sie aus dem Meer gekommen war.«

Diese Annahme, schließlich und endlich die einzig annehmbare, beeinträchtigte nicht seinen Mut und seinen Glauben an die Befreiung des Märtyrers. Es erschien ihm so grauenhaft, die Vorsehung solle, nachdem sie diesem Unglücklichen gestattet hatte, einer Rettung so nahe zu kommen, ihn plötzlich verlassen, daß er an diese Möglichkeit überhaupt nicht denken wollte.

»Wenn mein Vater zwölf Jahre ausgehalten hat, wenn er es durch seine Begabung fertiggebracht hat, mit der Welt der Lebenden wieder in Berührung zu kommen, so ist es nicht deshalb geschehen, damit er im entscheidenden Augenblick scheitert.«

Und dann, bedeutete nicht dieser dreimal gesandte und dreimal unterbrochene Satz: ›Beeilen Sie sich, wichtige Ereignisse bereiten sich vor‹, daß maritime oder territoriale Phänomene ihm das unmittelbar drohende Erdbeben angezeigt hatten? Die Einsamkeit gibt den Menschen den wunderbaren Instinkt wieder, den das Leben in der Gemeinschaft und das Wohlergehen sie verlieren läßt. Sein Vater hatte das zweifellos gefühlt und den ungastlichen Fels verlassen, ehe das Unglück sich vollzogen hatte.

Auf diese Gewißheit gestützt, verlangte er, daß man ihm ein Boot anvertrauen solle; zehn Männer boten sich an, ihn zu begleiten.

An die Brüstung gedrängt, verfolgten die Passagiere die Vorbereitungen zum Herablassen des Bootes. Da trat Hardant vor:

»Leutnant,« sagte er, »erlauben Sie mir, dabei zu sein.«

Valmont drehte sich um mit verzerrtem Gesicht; Hardant fuhr fort:

»Auf einem Boot, so klein es auch immer sei, ist derjenige, der kommandiert, der Herr; ich verlange nur, unter Ihren Befehlen ein mutiger Mann sein zu dürfen, nichts anderes.«

»Kommen Sie!« sagte Valmont mit barscher Stimme.

Und das Boot entfernte sich. Man sah es noch sehr lange, zwischen den Wellen schaukelnd, gegen eine mächtige Woge kämpfen; dann war es nur noch ein kleiner bewegter Punkt und verschwand schließlich ganz und gar.

Man ruderte bis um fünfzehn Uhr, ohne etwas zu erblicken. Um siebzehn Uhr wurde der Takt der Ruderer durch Müdigkeit und Mutlosigkeit langsamer. Valmont beschloß, daß die Männer sich schichtweise ablösen sollten; Hardant weigerte sich, seine Bank zu verlassen. Plötzlich gegen achtzehn Uhr streckte Valmont den Arm gegen Osten aus:

»Da unten! ... Irgendwas ... man könnte sagen ... Hurtig! Los!«

Bald konnte man ein Floß unterscheiden, das aus paarweise durch Bretter verbundenen Fässern bestand und eine Art von Segel, das an einem improvisierten Mast befestigt war. Valmont brüllte:

»Mut! Halte durch!«

Aber keine Stimme antwortete auf seinen Ruf. Dreimal wiederholte er ihn, dreimal dasselbe Schweigen. Die Wogen erschwerten die Annäherung. Ein Matrose glitt beim Versuch, anzulaufen, fast ins Wasser. Hardant drängte ihn beiseite und sagte:

»Lassen Sie mich machen.«

Seine Energie verzehnfachte seine Kraft. In einer Sekunde war man am Floß, Seite an Seite. Mit einem Satz sprang Valmont hinüber und Hardant folgte ihm. Man sah, wie sie sich auf den Knien schleppten, krochen; dann stieß Hardant ein Triumphgebrüll aus, hob über seinen Kopf den Körper eines Mannes, als ob es der eines kleinen Kindes wäre und rief:

»Er ist's!«

Das Wasser rieselte von den Fetzen, mit denen der Schiffbrüchige bekleidet war, herab. Das Salz klebte an seinem Barte. Valmont hielt ihn zuerst für tot, bald aber öffnete er die Augen, sah mit einem glotzenden Blick rings um sich und konnte nur sagen: »Hardant!« Von all den über ihn geneigten Gesichtern verband nur dieses die Vergangenheit mit der Gegenwart. Hardant machte einen Schritt rückwärts und sagte, auf Valmont zeigend:

»Da ist Ihr Sohn.«

Vater und Sohn umarmten sich innig; Hardant fragte noch:

»Wo sind die anderen?«

»Welche anderen? ...« stammelte Deherche.

»Diejenigen, die mit Ihnen beim Untergang der ›Shanghai‹ gerettet wurden? ...«

»Ich war der einzige«, murmelte Deherche ...

»Mein Gott!« Hardant verbarg sein Gesicht in den Händen.

Dann betrachtete er dieses arme Wesen, aus dem zwölf Jahre der Einsamkeit ein solches Skelett gemacht hatten, wich zurück, erreichte den Rand des Floßes; sein Fuß trat ins Leere ... er fiel hintenüber.

Sein Arm streckte sich noch einen Augenblick aus dem Wasser empor, dann aber, sei es, das Meer habe ihn mit einem Male erstickt, sei es, daß er den Lebensinstinkt überwunden hatte, der auch die zum Sterben Entschlossenen kämpfen macht, und sich' nun bewußt preisgab – er verschwand ...

*

Deherche war erst einige Tage vor Antritt der Rückreise wieder ganz zu Kräften gekommen. Die Schilderung, die er dann gab, schien der ausschweifenden Phantasie eines kranken Hirns entsprungen zu sein. Seine Erinnerungen waren aber so deutlich, die Einzelheiten so genau, daß alle Zweifel verstummen mußten.

Zu allererst erklärte er, wie der Schiffbruch sich zugetragen hatte.

Die »Shanghai« war bei ihrer Abfahrt wirklich in schlechtem Zustande gewesen, und alles, was man in dieser Hinsicht damals sagte, hatte sich als berechtigt erwiesen. Er hatte sich trotzdem eingeschifft im Vertrauen auf seine Seemannseigenschaften und die Tüchtigkeit seiner Besatzung. In der Nacht vom 21. zum 22. Oktober war das Wetter schlecht geworden; plötzlich ertönte ein heftiges Krachen, das von einem furchtbaren Heulen begleitet war. Er war sofort in den Schiffsraum geeilt und fand ein Leck, durch das Wasser einströmte. Damals hatte er seinen ersten Hilferuf gesandt, denn das Wasser überschwemmte die Maschinen. Trotzdem hielt sich aber die »Shanghai« noch, und er bewahrte die Hoffnung, das Eintreffen der Hilfe abwarten zu können. Eine zweite Explosion jedoch, viel furchtbarer als die erste, hatte in der Nacht des 23. das Schiff buchstäblich entzweigerissen, und die »Shanghai« war in wenigen Minuten gesunken.

An eine Planke geklammert, trieb er zwei Nächte und zwei Tage auf dem Wasser und war schließlich auf einem felsigen Eiland gestrandet, wo, wie durch ein Wunder, auch das, was von der »Shanghai« übriggeblieben war, gleichfalls angetrieben wurde. Der Grund war an dieser Stelle sehr flach und ließ während der Ebbe das Schiff fast frei; zunächst hatte er nur daran gedacht, diesen göttlichen Zufall auszunutzen, um sich mit Nahrung zu versorgen. Nach und nach hatte das Meer, das in diesen Strichen stets stürmisch ist, den Schiffskörper bis auf eine Art von Strand geworfen; so konnte er feststellen, daß noch eine große Menge Proviant, Holz, Decken und merkwürdigerweise die radiotelegraphische Einrichtung, wenigstens was die hauptsächlichen Apparate anlangt, fast unbeschädigt erhalten geblieben waren. Sogleich war ihm der Gedanke gekommen, sich ihrer zu bedienen, um seine Notlage bekanntzugeben. Aber bevor er mit den primitiven Hilfsmitteln, die ihm zur Verfügung standen, die Apparate instandgesetzt hatte, vergingen Monate. Als es so weit war, gab er sich Rechenschaft, daß er zwar die durch das All kommenden Zeichen hören, aber seine eigenen nicht bis zu einer ausreichenden Entfernung senden konnte, um von einem Schiff aufgenommen zu werden.

Auf diese Weise, durch Tausende von Kilometern von jeder menschlichen Seele entfernt, durchlebte er das Martyrium, alles was auf der Welt vorging, zu erfahren, ohne selbst um Hilfe rufen zu können; so hörte er Tag für Tag die furchtbaren Ereignisse, die die Welt erschütterten: den Krieg, das Sterben der Millionen und den Frieden. Dann, aufs Leben erpicht, begann er das fast übermenschliche Werk, eine so hohe Antenne zu bauen, daß seine Stimme die Unendlichkeit des Himmels durchbrechen konnte. Eine vierhundert Meter hohe Klippe erhob sich kerzengerade wie eine Mauer: er schlug Stufen in den Granit, er kletterte von Stiege zu Stiege, von Spalt zu Spalt bis zum Gipfel hinauf: diese Titanenarbeit erforderte vier Jahre. Er arbeitete, so gleichgültig der Flucht der Monate und dem langsamen Fortschreiten einer Aufgabe gegenüber, die in grellem Mißverhältnis zu seinen Kräften stand, als ob für ihn die Zeit ewig wäre. Schließlich mußte er das erforderliche Material bis zum Gipfel heraufbefördern. Er schaffte auch das. Aber zwei weitere Jahre vergingen darüber.

Viele lange Monate waren noch notwendig, um seine Arbeit bis zu der von ihm erstrebten Vollkommenheit zu bringen. Er verwendete dafür alles, was vom Schiff übriggeblieben war: verbogene Werkzeuge, losgelöste Bretter, halbverfaulte Taue, Eisen- und Kupferdraht ... Schließlich sandte er seine erste Nachricht, diesen Ruf »Zu Hilfe«, den alle Stationen der Welt vernommen hatten, und dessen Wiederholung unvorhergesehene Zwischenfälle verhinderten, bis zu dem Tage, an dem er über alle Tücken seines Apparates triumphieren konnte.

Diese Erzählung zeigte das wundersame Leben, das er während dieser Jahre geführt hatte, aber nichts, was imstande war, die juristische Seite des Dramas aufzuklären. Das Stillschweigen der Zuhörer im allgemeinen und der Offiziere im besonderen war in dieser Hinsicht von einer seltsamen Beredsamkeit. Mit einem Wort hätte Valmont, indem er die Beichte Hardants wiedergab, die Angelegenheit klären können; aus Mitleid für das unglückselige junge Mädchen, das durch den Tod ihres Vaters niedergeschmettert war, konnte er sich nicht dazu verstehen. Seine eigene Ehre und die seines Vaters erforderten aber, daß nicht der mindeste Verdacht bestehen blieb ...

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.