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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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VI

Therese Hardant trat in ihre Kabine und warf sich aufs Bett; bald zog sich ein seltsamer Traum durch ihren Schlaf.

An einem von Wellen umbrausten Felsen hielt sich ein Mann fest, dessen Gesicht ihr nicht unbekannt war, und schwenkte verzweifelt einen Stofflappen über seinem Kopf. Plötzlich erschien ein von Valmont geführtes Ruderboot über den Wellenkämmen, und Valmont schrie: »Mut! Haltet durch!« Gleich darauf zog ihn ein anderer Mann ins Boot zurück, und Valmont sank auf die Knie, während der Schiffbrüchige hinabglitt, und der Mann im Boot die Ruder ergriff. In diesem Augenblick richtete sich der Körper des Schiffbrüchigen aus dem Wasser hoch, und sie erkannte Zug für Zug den Leutnant Valmont.

Ein Schrei entsprang ihrer Kehle, ein einziger, aber so durchdringend, daß sie aufwachte. Ihr Vater stand aufrecht neben ihr. Sie stammelte:

»Was ist los?«

»Du träumtest, du riefst ... ich bin gekommen ...«

»Ich habe geträumt ... ich habe gerufen? Was habe ich gesagt?«

»Unzusammenhängende Worte.«

Ein Seufzer hob ihre Brust. Einen Augenblick bildete sie sich ein, in ihrem Alpdruck einen Namen ausgesprochen zu haben. Herr Hardant streichelte ihre Stirn.

»Mein Gott, welch Schreck, was war es denn für ein Traum?«

Sie beschrieb ihn. Die Hand ihres Vaters blieb unbeweglich auf ihren Haaren.

»Warum ist dir so kalt, lieber Papa?« sagte sie.

»Es ist die Aufregung, dich so bleich zu sehen. Aber fahre fort: also, dieser Schiffbrüchige sank, der Mann ruderte ... Und dann?«

»Dann? Das war alles.«

Es wurde Tag; Herr Hardant sprach noch einige Minuten, sagte dann: »Schlaf«, und zog sich zurück.

Als sie gegen elf Uhr erwachte, lief Therese zur Funkkabine. Valmont arbeitete. Sie ergriff die Gelegenheit, da sie allein waren und fragte, ob er eine neue Unterredung mit dem »Phantom« gehabt hätte. Er machte ein bejahendes Zeichen und fügte hinzu, daß das Gespräch um sechzehn Uhr dreißig wieder aufgenommen werden sollte. Er schien verklärt, und sein Gesicht spiegelte eine unendliche Freude.

Weit davon entfernt, sich darüber zu freuen, blieb Therese bestürzt. Diese Veränderung schien, genau so wie die Raserei während der Nacht, die Folge irgendeiner Art von Wahnsinn zu sein. Aber dieser seltsam überlegene Irre kümmerte sich weniger um ihre Anwesenheit als um seine Berechnungen. Sie fragte noch, ob er von seinem ... »Freund« – er stellte fest, daß sie »sein Vater« hätte sagen können – keinerlei Aufklärung erhalten hätte.

Mit einer erschütternden Ruhe antwortete er:

»Mein Vater ist auf einer Insel, deren Lage er nicht kennt, da er keine Instrumente besitzt, um sie festzustellen. Das hat aber keinerlei Bedeutung. Ich bin dabei, dieses Hindernis zu überwinden. Es dauert nicht lange, dann werde ich es heraus haben.«

Sie betrachtete ihn; er erklärte ein wenig aufgeregt. »Aber natürlich ... die Radiogonometrie! ...«, dann begann er wieder Ziffern aneinander zu reihen. Das Glockenzeichen zum Mittagessen ertönte; er faltete seine Papiere, sagte: »Lassen wir das«, und schickte sich an, die Hörer abzulegen, beendete die Bewegung aber nicht, sondern horchte.

Nach kaum einem Augenblick stampfte er mit dem Fuß auf:

»Nichts zu machen! Man spricht ringsumher!«

Sie verstand nicht; während er sie begleitete, erklärte er seine Worte:

»Stellen Sie sich vor, daß Sie sich in einem riesigen Saal befinden, wo Hunderte von Leuten sprechen: Sie hören gleichzeitig das verworrene Gemurmel ihrer Unterhaltungen und die klaren Sätze Ihres Partners. Plötzlich werden die Stimmen stärker: ohne eine besonders lebhafte Aufmerksamkeit und selbst mit ihrer Hilfe wird Ihre eigene Unterhaltung unmöglich. – Die gleiche Erscheinung findet in der drahtlosen Telegraphie statt, wenn mehrere starke Sendestationen gleichzeitig Zeichen senden.«

Während des Essens zeigte er sich voller Heiterkeit, und um zwei Uhr kehrte er zu seinen Apparaten zurück. In diesem Augenblick erklang von neuem der Ruf des »Phantoms«. Dieses Mal konnte der Zeichenaustausch ohne Hindernis vor sich gehen. Als er aus seiner Kabine heraustrat, kündigte er Therese an:

»Binnen kurzem werden Sie, gnädiges Fräulein, von Ihrem Versprechen entbunden sein. Heute abend werde ich mein Aktenstück dem Kommandanten unterbreiten; er wird den Befehl geben, den Kurs des Schiffes zu ändern, und in achtundvierzig Stunden, wenn man die Maschinen anstrengt – in sechzig, wenn man mit normaler Geschwindigkeit weiterfährt, werden wir in Sicht der Insel ohne Namen sein!«

Sie betrachtete ihn mit einer gewissen Angst; er lächelte:

»Beruhigen Sie sich nur. Ich bin vollkommen bei Verstand. Vertrauen Sie mir nur noch einige Stunden; wollen Sie?«

Man rief ihn in die Funkkabine; nach kaum einem Augenblick erschien er wieder, sehr besorgt:

»Da ist schon wieder einer, der sich zwischen uns stellt; die Zeichen sind verwirrt ... Schließlich wird dieser Schwätzer doch nicht ewig sprechen! Es sei denn, daß irgendeiner ...«

Er beendete seinen Satz nicht; Therese, an seine geheimnisvollen Reden gewöhnt, wagte nicht, weiter in ihn zu dringen. Als er sich entfernte, näherte sich ihm ein Matrose:

»Eine Nachricht, Herr Leutnant.«

Valmont las die Nachricht, zog die Brauen zusammen und sagte:

»Was soll das bedeuten? ... ›Transozeanische Gesellschaft an › Therese Hardant‹. Mit Volldampf Melbourne anlaufen. Unter keinen Umständen vom Kurs abweichen.‹ Na, das ist ja gut!«

Ohne sich von Fräulein Hardant zu verabschieden, lief er zur Kabine des Kapitäns.

»Ach sieh da, Valmont!« rief Craille, »klopfen Sie wenigstens, ehe Sie hereinkommen.«

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Kommandant, aber es ist etwas derart Phantastisches vorgefallen! ... Lesen Sie lieber ... Was halten Sie davon?«

»Ich verstehe nicht. Man kann mir meinetwegen befehlen, die Geschwindigkeit zu erhöhen, schön; aber daß man mir untersagt, vom Kurs abzuweichen ... na! ... Um so mehr, als niemals davon die Rede war ...«

»Doch«, antwortete Valmont heftig.

Craille betrachtete ihn von Kopf bis Fuß.

»Valmont, mein Freund, Sie überanstrengen sich; Sie müßten sich ausruhen ...«

Der Offizier unterließ es, darauf zu antworten und fuhr fort:

»Doch, Herr Kommandant, doch, und Sie selbst werden den Befehl geben, südöstlich zu steuern. Ein Mann erwartet uns ... ein Schiffbrüchiger, den zu retten unsere Pflicht ist ... Wenn wir in achtundvierzig Stunden nicht eine Insel in Sicht haben, wenn Sie nicht einen Mann an Bord hochgezogen haben, einen Mann, dessen Schicksal das merkwürdigste ist, das sich ein Seemann vorstellen kann, so soll man mich beim nächsten Hafen ins Gefängnis stecken.«

»Was erzählen Sie da? ... Eine Insel? ... Wo sehen Sie sie? ... Auf welcher Karte? ...«

»Auf keiner ... Gerade die Tatsache, daß sie nicht drauf ist – weit davon entfernt, sie zu erschüttern – bestätigt nur meine Gewißheit: die Insel existiert! Ist es danach verwunderlich, daß niemand sie kennt – in einem Teil des Ozeans, wo niemals Schiffe vorbeikommen? Ja, Herr Kommandant, auf mein Wort, sie existiert, und ein Mensch ist dort in den letzten Zügen! ...«

Craille wollte ihn in Verlegenheit bringen:

»Da Sie über soviel Punkte so gut unterrichtet sind, hat Ihnen der Mann wohl auch seinen Namen verraten. Sagen Sie ihn doch ...«

»Südöstlichen Kurs nehmen, Herr Kommandant, und in achtundvierzig Stunden werden Sie ihn, wenn Gott will, selbst ausrufen! Denken Sie daran, daß ich seit fünfzehn Tagen mit demjenigen, den wir das »Phantom« nennen, in Verbindung stehe. Fräulein Hardant hat neben mir seine Nachrichten erhalten. Fragen Sie sie doch ... Wenn Sie dann noch darauf beharren, vom Kurs nicht abzuweichen, bitte ich Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, mir ein Boot anzuvertrauen; ich werde allein auf der unbekannten Insel landen; ich werde den Gefangenen allein befreien.«

»Gut«, sagte der Kommandant, um seine Erregung zu dämmen; »bitten Sie Fräulein Hardant, hierherkommen zu wollen.«

Valmont ging hinaus und kam nach kaum einem Augenblick in Begleitung des jungen Mädchens wieder zurück.

Craille machte ihnen ein Zeichen, einzutreten; der Leutnant entschuldigte sich:

»Meine Anwesenheit hier ist überflüssig; gnädiges Fräulein, haben Sie die Güte, dem Herrn Kommandanten das zu sagen, was Sie sagen können.«

Es läutete sechzehn Uhr dreißig; Valmont kehrte zu seinem Posten zurück, gerade als ein Funker sich anschickte, eine Nachricht aufzunehmen.

»Er?«

»Er.«

Dieses Mal war's der entscheidende Augenblick; Valmont schnallte sich die Kopfhörer um und sandte:

»Hier hört derjenige, den Sie kennen.«

Eine Pause; dann die Antwort:

» Beeilt euch. Ernste Ereignisse ...«

In diesem Augenblick verwirrten sich die Zeichen. Eine Unzahl kleiner Explosionen folgten einander, vermengten sich zu einem Chaos, in dem das geübte Ohr Valmonts die vom anderen gesandten Zeichen von den übrigen, die durcheinander, stoßweise, bald lang, bald kurz, aber ohne Unterbrechung platzten, nicht mehr zu unterscheiden vermochte.

»Schon wieder diese Unglücksmenschen, die sich zwischen uns stellen!« brummte Valmont.

Er hörte auf zu telegraphieren. Das »Phantom« tat das gleiche. Fast unmittelbar darauf hörten auch die anderen Zeichen auf. Er sandte:

»Ich höre. Beenden Sie.«

Antwort:

» Ernste Ereignisse bereiten sich vor

Sofort begann das Knistern von neuem, stoßweise, unzusammenhängend. Valmont preßte die Zähne aufeinander. Fast konnte man glauben, daß etwas anderes als der reine Zufall die Hand im Spiele hatte. Verfolgte irgendwo jemand die Unterredung und machte sie mit Absicht unverständlich? Das hielt einige Minuten an, dann wurde es wieder still. Er benutzte die Gelegenheit, um die Unterredung wieder aufzunehmen. Es kam die Antwort: » Schweig«, die bei dem letzten Buchstaben durch ein neues Hervorsprudeln von Zeichen gestört wurde. Da riß er, von Wut gepackt, die Hörer herunter, befahl seinem Gehilfen, mit einer Unterbrechung von vierzig Sekunden zwischen jedem Satz zu senden: »Dableiben. Wir werden sprechen. – Dableiben. Wir werden sprechen«, und stürzte zum Kommandanten.

Der Kommandant war nicht in seinem Raum. Er lief zum Salon: Niemand. Er durchlief das Schiff in allen Richtungen, treppauf, treppab und gelangte schließlich an die Räume des Herrn Hardant. Er schickte sich gerade an, seinen Weg fortzusetzen, als ein sonderbares Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte. Die Gänge waren leer. Er streckte den Arm aus mit gekrümmtem Zeigefinger, um an die Tür zu klopfen, besann sich dann plötzlich, faßte den Griff, drehte ihn und öffnete. Der erste Raum war leer; der zweite, ein Bibliothekszimmer, gleichfalls. Rechts ein halboffener Vorhang, der zu Thereses Zimmer führte. Links eine verschlossene Tür. Er öffnete sie vorsichtig, wie er die erste geöffnet hatte. Das Geräusch, das ihm vorhin aufgefallen war, hörte er hier deutlicher, so deutlich, daß er einen Augenblick unbeweglich blieb. Schwarze Vorhänge überdeckten die Bullaugen und erzeugten ringsum eine Dunkelheit, in der er sich nur mit Mühe zurechtfinden konnte. Er ging auf den Punkt zu, von dem das Geräusch auszugehen schien, erkannte hinter einem dicken Behang eine zweite Tür, öffnete sie und befand sich in einem finsteren Raum. Bald konnten seine Augen die Finsternis durchbrechen. Er unterschied zusammengeschobene Zwischenwände und in einer Ecke, hinter einem Sessel versteckt, eine Gestalt, deren Kopf und Schultern pendelten. Gleichzeitig erkannte er das charakteristische Klappern eines mit großer Geschwindigkeit betätigten Störungssenders. Mit einem Blick maß er die Entfernung, die erforderliche Kraft, stürzte sich auf den niedergekauerten Schatten, ergriff ihn und rief:

»Mach Licht, oder ich bringe dich um!«

»Ach was!« schrie der Mann und versuchte sich loszureißen, »wer wagt es?«

Beim Klang dieser Stimme lockerte Valmont die Umklammerung. Der Mann stieß ihn zurück und drehte das elektrische Licht an.

Valmont stieß einen Schrei aus:

»Herr Hardant!«

»Ja, ich!« antwortete Hardant. »Was machen Sie hier?«

»Und Sie, was machten Sie?«

Ihre Gesichter berührten sich fast; Hardant fing an zu zittern, seine Knie schlotterten; er stammelte: »Verzeihung! ...«

Valmont zog ohne ein Wort einen Revolver aus seiner Tasche, hob ihn hoch. Hardant verfolgte die Bewegung der Waffe. Im Bruchteil einer Sekunde wäre der Schuß losgegangen. In diesem Augenblick erscholl die Stimme Thereses. Valmont ließ die Waffe fallen; Hardant wollte sie aufheben, er setzte aber den Fuß darauf. Therese trat ein, außer Atem:

»Endlich finde ich dich, Papa! Ach hier waren Sie, Herr Valmont! Freut euch: der Kommandant hat den Befehl gegeben. Darf ich nun meinem Vater den Namen desjenigen nennen, der Sie seit so vielen Tagen rief?«

»Überflüssig ... ich weiß ...«, sagte Hardant mit einer Stimme, die sich von Wort zu Wort festigte; »es ist in der Tat der Name eines Märtyrers ...«

Valmont verneigte sich und ging hinaus; zwei Tränen rannen über seine Wangen.

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