Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
Schließen

Navigation:

III

Ein Matrose blieb einige Schritte vor Valmont stehen:

»Der Herr Leutnant wird in der Funkkabine verlangt.«

»Sie gestatten?« fragte Valmont.

»Ich begleite Sie«, erklärte Herr Hardant.

»Und sollte es wieder Ihre Verbindung aus dem Geisterreich sein,« zog ihn Craille auf, »so versuchen Sie diesmal, Licht in die Sache zu bringen.«

Wir sind ja zwei!« rief Hardant.

»Komischer Kauz, dieser Valmont«, sagte der Kommandant, indem er ihnen nachblickte. »Heute lustig, morgen stumm, bald schüchtern wie ein junges Mädchen, bald hart wie Stein. Es gibt Tage, wo er eine Art hat, das Meer zu betrachten, daß es einem kalt über den Rücken läuft. Wenn man ihn in solchen Augenblicken ruft, schnellt er plötzlich auf, errötet und läßt ein Lachen hören, das falsch klingt und weh tut.«

»Ob er einen Kummer hat? ...« warf Therese Hardant träumerisch ein.

»Mehr als einen Kummer, gnädiges Fräulein; etwas viel Tieferes, von dem er ganz besessen ist – außerhalb der Dienststunden, in denen er nur seine Pflicht kennt. Da muß irgendein Geheimnis in seinem Leben sein; und das schleppt er mit sich herum ...«

Therese lachte nervös.

»Sind Sie etwa auch durch das Übersinnliche angesteckt, Herr Kommandant? Niemals habe ich soviel von unheimlichen Dingen reden hören wie an Bord dieses Schiffes ...«

Craille fuhr fort:

»Es ist wahr, daß auch ich seit der Einschiffung mich schwer dieser Gedanken erwehren kann. Das hängt damit zusammen, daß dieses Schiff zuerst ›Shanghai‹ heißen sollte ... wie das andere; ... daß eine Frau, die niemand kannte, und die keiner heraufkommen sah, eines Morgens hier an dieser Stelle, wo Sie gerade stehen, betend aufgefunden wurde ... daß zwei Tage vor unserer Abreise diese seltsame Nachricht kam, daß von unserem jungen Offizier irgend etwas Beunruhigendes ausgeht ... Denn es geht etwas Seltsames vor. Niemand kennt ihn hier, und doch, als er sich unserem Offizierskorps vorstellte, haben wir uns alle dasselbe gefragt: ›Wo haben wir dieses Gesicht schon gesehen?‹

Dieses Gesicht, dieser Blick, der bald unfaßbar ist, bald durchdringend, diese Stimme, die, als er soeben mit Ihnen sprach, von einer für ihn ungewöhnlichen Sanftheit war, alles an ihm ist uns vertraut! Das geht so weit, daß, wenn wir alte Erinnerungen auskramen, wenn wir den oder jenen der verschwundenen Kameraden heraufbeschwören, wir manchmal plötzlich innehalten, weil wir befangen sind durch die seltsame Stille, die seine Aufmerksamkeit hervorruft, und überrascht, weil er die angefangene Geschichte nicht zu Ende führt.«

»Ein Rätsel also!«

»Ganz wie Sie sagen. Wo kommt er her? Wer ist er? Geheimnis. Bis 1914 dient er als Fähnrich in der amerikanischen Marine. Im Krieg kehrt er nach Frankreich zurück, tut dort bis zum Frieden seine Pflicht, wird naturalisiert, kommt in den Eildampferdienst, verläßt ihn und gelangt nach Havre, gerade als man einen Kameraden wegen Krankheit ausschifft. Zwanzig Anwärter melden sich. Durch sein gutes Aussehen, seine Zeugnisse, diese Art von Überzeugungskraft, die ihm eigen ist, bewogen, zog ihn Ihr Vater vor. Er wurde hier zunächst mit einer gewissen Kälte aufgenommen, eroberte uns aber bald durch seine korrekte Art und durch die beachtenswerten Kenntnisse in seinem Fach. Im übrigen wissen wir nichts Genaues, nur daß der Name Valmont vermutlich nicht der richtige ist ... Aber was ich Ihnen erzähle, scheint Sie zu beunruhigen? ...«

Therese schickte sich an, zu antworten, als Herr Hardant und Valmont oben auf der Treppe erschienen.

»Da ist ja mein Vater«, sagte sie und ging ihm entgegen.

»Nun, Valmont,« rief Craille, »war es Ihr Phantom?«

Herr Hardant antwortete an seiner Stelle:

»Jawohl.«

Hardant, der einen Augenblick vorher so ruhig war, schien nun verwirrt und seine Stimme klang seltsam.

»Du bist ja ganz außer Atem, Papa?« wunderte sich Therese.

»Das ist nur, weil ich so schnell heraufgestiegen bin.«

»Wie blaß Sie sind, Herr Valmont! ...«

Der Offizier senkte den Kopf; dann sah er sie plötzlich an:

»Haben Sie mich gemeint, gnädiges Fräulein?«

Therese zwang sich zu einem Lächeln:

»Wahrhaftig, dieses Phantom ist unerträglich! Jetzt vergessen Sie gar Ihren Namen? ...«

Sie bereute sofort diesen Scherz, denn Valmont begann so heftig zu zittern, daß er sich am Geländer festhalten mußte. Er nahm sich aber zusammen.

»Das, was andere erzählen, läßt immer Zweifel zu; das, was man selbst hört, berührt viel tiefer, und jetzt könnte ich, selbst wenn ich wollte, nicht mehr daran zweifeln: Man ruft um Hilfe ... Ich weiß, daß, wenn ich Ihnen das sage und wie ich es Ihnen sage, Sie mich für einen Irren halten können ... Fragen Sie aber Herrn Hardant, ob er nicht ebenso starr war wie ich, als er, die Kopfhörer umgeschnallt, die Hand auf dem Taster, ebenso deutlich wie bei einem Experiment vernahm: S. O. S., S. O. S.«

»Ich muß es zugeben«, bestätigte Herr Hardant.

»Sehen Sie! Sehen Sie!« triumphierte der Offizier.

»Valmont, Valmont, beruhigen Sie sich«, sagte Craille und klopfte ihm auf die Schulter. »Mehr als irgendeiner, bin ich der Mensch, der Gott weiß was anstellen würde, um seinen Nächsten zu retten; die Ungenauigkeit dieser Rufe nimmt ihnen aber gerade das Beunruhigende, das sie sonst hätten ...«

»Verzeihen Sie,« unterbrach Valmont, »ich hab' Ihnen noch nicht alles gesagt. Die Stimme, nennen wir sie vorläufig so, hat sich heute nicht auf die gewöhnliche Formel beschränkt, und dem Signal S. O. S. folgte ein Wort oder genauer gesagt, der Anfang eines Wortes. Herr Hardant hat es ebensogut gehört wie ich.«

»Und dieses Wort? ...«

»Ein einziger Buchstabe ist sicher: ein D, das man absolut zuverlässig erkennen konnte; dann ein Punkt, nachher verwirren sich die Zeichen und hören nach Verlauf einiger Sekunden auf.«

»Unbestimmt, sehr unbestimmt ...« lächelte der Kommandant.

»Sehr, wenn man bedenkt, daß dieser Punkt nur der Anfang eines Buchstabens ist – A, E, H, I, J, P, R, S, U, V, W beginnen alle so –; weniger, wenn man bedenkt, daß E nur durch einen einzigen Punkt ausgedrückt wird.«

»De? ... De? ...« wiederholte der andere; »ich sehe nicht, daß man der Lösung des Problems näherkommt.«

»So gering der neue Anhaltspunkt auch ist, so ist es eben doch einer.«

»Eine Blume macht noch nicht den Frühling, mein Lieber!«

»Man darf nichts außer acht lassen; nach einem Zahn hat Cuvier ein Skelett wiederhergestellt.«

»Gewiß, Sie bleiben bei Ihrer Meinung. Nun gut, geben Sie doch zu, daß Ihre Einbildungskraft Sie mit sich fortreißt, und es Ihnen Spaß macht, ihr zu folgen ...«

»Ich kann Ihnen versichern, Herr Kommandant, daß ich nicht empfindsam und gefühlsduselig bin.«

»Sie sind wie alle Menschen aus dem Norden so eine Art Mystiker ...«

»Ich, ein Nordländer? Seit zehn Generationen sind wir in Poitiers zu Hause!«

Er unterbrach sich plötzlich; noch niemals hatte er soviel über seine Herkunft gesagt, und er bereute es bereits. Therese, Craille und Hardant blickten ihn an. Er sagte aber kein Wort mehr, und Craille begnügte sich zu antworten:

»Ich wußte es nicht.«

Der Wind hatte sich gelegt; das Schiff glitt jetzt auf einer fast unbeweglichen See, unter einem mit Sternen besäten Himmel. Nur das dumpfe Geräusch der Maschinen unterbrach die nächtliche Stille. Ein Orchester begann im Salon erster Klasse zu spielen. Herr Hardant rieb sich die Hände und sagte:

»Wie wär's mit einem Glas Sekt, um uns nach diesen unheimlichen Geschichten zu erheitern? ...«

Valmont entschuldigte sich:

»Wenn Sie gestatten, Herr Direktor, so möchte ich mich zurückziehen. Ich habe eine ganze Menge Aufzeichnungen in Ordnung zu bringen.«

»Gestehen Sie doch lieber, daß Sie in die Funkkabine zurückkehren wollen«, stichelte der Kommandant.

Therese Hardant war hartnäckig, sie sagte:

»Kommen Sie doch zuerst mit uns, Herr Valmont; nachher haben Sie ja noch Zeit genug, um die Unterhaltung mit Ihrem Phantom wieder aufzunehmen, wenn es sich in den Kopf gesetzt hat, Sie heute nacht wachzuhalten.«

Valmont weigerte sich noch ein wenig; Craille legte ihm die Hand auf die Schulter:

»Mein Junge. – Ich kann ja noch ruhig so zu Ihnen sagen; ich bin schon fast fünfzig und Sie sicherlich nicht halb so alt ... Übrigens, wie alt sind Sie wirklich?«

Zweiundzwanzig Jahre.«

»Sieh' da, ich hätte auf mehr geschätzt ...«

»Für manche zählen die Jahre doppelt«, meinte Valmont.

»Bah, jeder hat seine Sorgen! ... Auf jeden Fall, in Ihrem Alter hätte ich sämtliche Phantome der Erde gern verlassen, wenn mich ein so reizendes junges Mädchen wie Fräulein Hardant darum gebeten hätte.«

»Sie haben recht, Herr Kommandant, ich bin in der Tat so 'n halber Wilder«, sagte lächelnd der Leutnant.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.