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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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II

Die Nacht verdichtete sich, die Gesichter und die Gestalten hüllten sich in einen bläulichen Schimmer, und die Sirene heulte zweimal.

»Das ist der richtige Hintergrund für Geistergeschichten«, bemerkte Herr Hardant

Therese hüllte sich fester in ihren Schal und sagte:

»Nun? ...«

»Nun,« begann Valmont, »stellen Sie sich vor, daß eines Abends, es sind gerade siebenunddreißig Tage her – die ›Therese Hardant‹ hatte die letzten Oberprüfungen hinter sich –, ein Kamerad, den ich jetzt vertrete und damals zufällig getroffen hatte, mir sagte, er habe zwei Tage vorher, während er den Dienst in der Funkkabine versah, einen seltsamen Ruf empfangen. Es war zehn Uhr abends, alles still; plötzlich: ›Tack! Tack!‹; einige kurze Geräusche von ungewöhnlichem Klang, denen fast unmittelbar das Rufzeichen folgte: › An alle.‹ Wenige Sekunden Ruhe, dann wieder der Ruf: › An alle.‹ Er verdoppelt seine Aufmerksamkeit, wartet; nichts kommt mehr. Nun sendet er: ›Ich höre. Wer dort?‹ Antwort: Drei Punkte, drei Striche, drei Punkte: S. O. S. Ich brauche Ihnen dies Zeichen nicht zu erklären.«

»Teufel nochmal,« lächelte Herr Hardant, sich in seinem Liegestuhl rekelnd, »das wird ja interessant!«

»Ich muß Ihnen sagen, gnädiges Fräulein, daß dieser Ruf solange wiederholt wird, bis eine klare Antwort zur Sendestation gelangt. Mein Kamerad antwortet also sofort: der Ruf bleibt aus. Bis hierher ist nichts Ungewöhnliches. Eine Stimme ruft: ›Zu Hilfe!‹ Eine andere antwortet etwa: ›Aushalten, ich komme.‹ Menschen, die sich aneinander wenden, tun's immer so, und – um bei unserem Vergleich zu bleiben – nun fügt derjenige, der Hilfe verlangt hat, zur Orientierung seines Retters hinzu: ›Ich bin an dem und dem Ort.‹ Tatsächlich, ebenso spielen sich die Dinge bei der drahtlosen Télégraphie ab. Mein Kamerad wartet auf den unerläßlichen, ergänzenden Aufschluß: Schweigen. Er fragt seinerseits: Schweigen. Er beharrt: Schweigen, oder genauer gesagt, erkennt er in den zahllosen, sich jagenden Zeichen nicht mehr diejenigen, die er soeben gehört hatte, und deren Klang, wie ich erwähnte, so eigenartig war.

Dieses Nachforschen dauert zwölf Minuten; er übergibt die Hörer seinem Gehilfen, um sicher zu sein, daß er sich nicht täuscht; der zweite hört auch nichts weiter. Zehn Uhr dreißig: das schrille Zeichen des deutschen Senders von Norddeich, der, wie allabendlich, die neuesten Nachrichten sendet, dann nichts mehr. Also, ein Verzweiflungsschrei, man weiß nicht woher; und er wird nicht wiederholt.«

»Sonderbar«, murmelte Fräulein Hardant.

»Nicht sonderbar, vielmehr traurig«, verbesserte ihr Vater; »irgendein Schiff in Gefahr, welches gerade noch Zeit hatte; seinen Hilferuf zu senden, und in einigen Sekunden sank ...«

»Wenn ein Schiff nicht auf eine Mine stößt, sinkt es nicht so schnell. Ich weiß wohl, daß man den Fall der ›Shanghai‹ hiergegen anführt ...«

Das Gesicht des Herrn Hardant verfinsterte sich; der Offizier fuhr fort:

»Jedoch abgesehen davon, daß man aus einer Ausnahme keine Regel ableiten kann, werden wir niemals die geringste Gewißheit über die Ursachen und die Umstände des Untergangs dieses Schiffes haben. Immerhin war das die Meinung meines Kameraden, und da man für jedes Ereignis eine Ursache angeben muß, begnügte er sich mit dieser und vermerkte sie in seinem Dienstbuch. Zweifellos hätte er sich nicht mehr darum gekümmert, wenn er nicht am folgenden Tage um ein Uhr dreißig – die englische Station Poldhu am Kap Lizard hatte gerade ihre neuesten Nachrichten gesendet – den gleichen Ruf ›An alle‹ wie am Vortage erhalten hätte, dem sofort das Signal S. O. S. im gleichen tiefen Ton folgte. Er antwortete wieder unmittelbar: ›Verstanden. Wer dort?‹ Wie am Tage vorher hörte auch diesmal der Ruf sofort auf.

Sie müssen zugeben, daß dies das ruhigste und beherrschteste Gemüt in Aufregung versetzen konnte. Mein Freund ging am nächsten Tag an Land. Heftig erregt, erkundigte er sich bei den Kameraden, die die gleichen Küstenstrecken durchkreuzt hatten: Alle hatten den Ruf vernommen; er setzt sich mit dem Eiffelturm in Verbindung, mit der Croix d'Hins: dieselbe Antwort. Und man kommt zu dem Schluß, daß ein Schiff – nach der Entfernung, bis zu welcher seine Nachrichten gelangten, muß es ein sehr großes Schiff gewesen sein – in Gefahr ist, daß aber die Apparate einen Schaden erlitten haben, der sie hindert, weitere Zeichen zu geben.«

»Diese Erklärung scheint mir einleuchtend, und ich dachte schon daran, während Sie erzählten«, sagte Herr Hardant.

»Was aber weniger einleuchtet, ist, daß alle Schiffsgesellschaften der Welt und alle Kriegsmarinen von ihren auf See befindlichen Schiffen beruhigende Antworten erhielten.«

»Handelt es sich nicht vielleicht um eine Art von Massenhalluzination?« wandte Fräulein Hardant ein. »Neulich erklärten Sie mir, Herr Valmont, daß die geistige Anspannung der Funker manchmal so groß ist, daß ...«

»Gnädiges Fräulein,« erwiderte der Offizier, »man könnte zur Not annehmen, daß ein Funker, daß zwei im gleichen Augenblick derselben akustischen Täuschung unterliegen, daß aber alle, und zwar zweimal die gleichen Tatsachen feststellen, das übersteigt doch die Möglichkeiten dieser Art. Ich versichere Ihnen, daß für uns Leute vom Fach darin etwas unerhört Aufregendes liegt. Mein Kamerad war davon so erschüttert, daß er sich am gleichen Abend, nachdem er mir seine Geschichte erzählt hatte, hinlegte, von einem Fieber ergriffen, das seine Überführung ins Marinehospital notwendig machte. Durch diesen unglücklichen Zufall bin ich hier.«

»Kurz und gut, Ihre Schlußfolgerung? Denn, selbst im Reich der Phantasie muß man Schlüsse ziehen«, sagte Herr Hardant.

»Die ist: Entweder handelt es sich um eine verbrecherische Mystifikation, – und daran kann ich nicht glauben – oder in irgendeinem vergessenen Ort dieser großen Erde, oder des unendlichen Meeres sind Menschen in Gefahr gewesen und haben um Hilfe gerufen, und ein Drama, dessen Ursache und Art wir nicht kennen, hat sich abgespielt, dauert vielleicht noch an inmitten der menschlichen Machtlosigkeit. Hatte ich nicht recht, gnädiges Fräulein, als ich Ihnen sagte, daß dieses Ereignis eine lebhafte Phantasie entfesseln könnte?«

Der Kommandant, der sich bis dahin mit Passagieren unterhalten hatte, näherte sich jetzt der Gruppe.

»Sie kommen gerade recht, Kapitän,« rief der Direktor, »Herr Valmont erzählt meiner Tochter und mir eine Geschichte, die dazu angetan ist, uns heute nacht nicht schlafen zu lassen!«

»Ich wette, die Geschichte der geheimnisvollen Botschaft?« lächelte der Offizier. »Ah! Valmont, Sie sind 'n Dichter! Was nicht hindert, daß Sie ein tüchtiger Seemann sind.«

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