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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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Und Joachim Halz erschien. Jetzt nahm der Richter das Wort.

»Dieser Zeuge hier ist ein Hehler, dem man die Steine, die an Bord der ›Shanghai‹ deponiert waren, verkauft hat.«

Frau Deherche betrachtete Halz, dann lächelte sie verächtlich.

»Ein Hehler! Das ist alles, was man findet, um einen Mann zu beschuldigen, der nicht da ist, um sich zu verteidigen.«

»Es ist wahr, daß die Aussage eines Angeklagten nur unter äußerstem Vorbehalt aufgenommen wird.«

Halz zuckte die Achseln; der Richter schloß:

»So wie sie nun mal ist, bleibt nichts anderes übrig, als sie bis zu einem gewissen Grade in Betracht zu ziehen.«

Durch eine Verbeugung seines Oberkörpers gab Halz zu verstehen, daß er mit dem ersten Teil des Satzes durchaus nicht einverstanden war, dem zweiten aber zustimmte.

»Sagen Sie alles, was Sie wissen«, sagte der Richter.

»Zunächst muß ich bemerken, daß ich die Bezeichnung Hehler zurückweise. Ein Hehler ist jemand, der Gegenstände, von denen er weiß, daß sie gestohlen sind, kauft und verbirgt. Ich aber kannte nicht die Herkunft der Steine, die ich erworben habe.

Es mag sein, daß das Gesetz mir vorwerfen kann, ich hätte mir nicht genügend Garantien verschafft; dies aber ist nur ein Verstoß und kein Verbrechen. Was aber ...«

Der Richter unterbrach ihn:

»Sie sind nicht hier, um sich zu verteidigen, und ich bin nicht befugt, Ihnen auf diesem Gebiet zu folgen. Sagen Sie, was Sie wissen, nichts weiter.«

»Wenn es so ist, dann fragen Sie mich«, versetzte Halz, ohne sich zu ereifern.

»Wann hat ein Unbekannter Ihnen die Steine vorgelegt?«

»Am zweiten Oktober.«

»Konnte der Preis, den er forderte, vermuten lassen, daß er den wirklichen Wert nicht kannte?«

»Nein, im Gegenteil; er schien ihn sehr wohl zu kennen.«

Frau Deherche griff ein.

»Diese Antwort allein würde schon genügen, um meinen Mann zu entlasten, der nicht die geringste Ahnung von Edelsteinpreisen hatte.«

»Wenn Sie die Güte hätten, Herrn Solding hereinrufen zu lassen,« sagte der Versicherungsdirektor, »so würde er dem Einwand der gnädigen Frau besser begegnen, als ich es könnte.«

Solding trat ein; der Richter wiederholte die Frage, die er Halz vorgelegt hatte, dessen Antwort und die Bemerkung von Frau Deherche.

»Ich betrachte die Aussage des Herrn Solding als äußerst wichtig«, bemerkte der Versicherungsdirektor.

»Ich ersuche Sie, in nichts seine Aussage zu beeinflussen«, entgegnete heftig der Richter; »haben Sie gehört, Herr Solding?«

»Herr Deherche kannte den Wert des Depots, das ich ihm anvertraut hatte, denn ich kann mich erinnern, ihm bei der Übergabe gesagt zu haben: ›Das ist Millionen wert.‹ Ich glaube sogar, das möchte ich aber nicht mit Bestimmtheit behaupten, daß ich ihm meinen Versicherungsvertrag gezeigt habe.«

Frau Deherche senkte die Augen; Solding drehte den Kopf zur Seite. Der Richter fuhr fort, indem er sich an Halz wandte:

»Hatten Sie den Eindruck, daß der Mann vom Fach war?«

»Nicht einen Augenblick; aber es braucht nicht gleich ein Dieb zu sein, wer nicht vom Fach ist.«

Es war zu offensichtlich, daß der Hehler die geringste Gelegenheit benutzte, um das, was er seine Gutgläubigkeit nannte, zu unterstreichen. Er wollte übrigens einen neuen Beweis durch vollständige Aufrichtigkeit geben.

»Erst vierundzwanzig Stunden später kam mir der Gedanke, daß ich vielleicht mit einem Spitzbuben zu tun hatte. Da ich in der Tat nicht den ganzen Betrag bei mir hatte, zahlte ich nur sechzigtausend Francs; er sollte am nächsten Tag den Rest abholen ... am nächsten Tag kam er aber nicht. Dieser Rest betrug sechzigtausend Francs. Es ist nicht üblich, daß ein ehrlicher Verkäufer solche Geschenke macht; ich folgerte daraus, daß mein Mann aus sehr persönlichen Gründen keinen Wert darauf legte, sich mir bei Tageslicht zu zeigen ...«

»Oder seine Erholungsreise nach Amsterdam zu verlängern«, lächelte der Richter.

»Was aufs selbe herauskommt«, folgerte Halz. »Desungeachtet wartete ich noch einige Wochen darauf, daß er sich bei mir meldete, oder daß eine Anzeige bekanntgab, die Steine wären gestohlen. Da ich nichts mehr hörte, durfte ich mich für berechtigt halten, sie meinerseits zu verkaufen ...«

»Sie werden das dem Untersuchungsrichter, der Ihren Fall bearbeitet, erklären, sobald die Zeit gekommen ist«, sagte der Richter.

Halz machte eine Geste, die etwa besagen sollte: Wie's Ihnen beliebt, und öffnete nicht mehr den Mund. Frau Deherche schwieg; der Richter wandte sich ihr zu:

»Genau so wie ich die Zeugen der Versicherungsgesellschaft vernehme, genau so bin ich bereit, auch Ihre zu hören.«

»Meine oder besser gesagt, meiner ist von vollkommener Unbescholtenheit. Er wird Ihnen mit der Autorität, die ihm seine Stellung verleiht, wiederholen, was ich selbst gesagt habe.«

»Wünschen Sie, daß ich ihn vernehme?«

»Ich wünsche es. Es ist Herr Hardant, der Direktor der Transozeanischen Gesellschaft; er hat mich hierher begleitet.«

»Lassen Sie Herrn Hardant eintreten.«

Herr Hardant war so bewegt, daß er zunächst mit kaum vernehmlicher Stimme sprach. Langsam jedoch fand er seine Ruhe wieder:

»Sie werden meine Aufregung, in einer Sache aussagen zu müssen, die die Ehre eines Offiziers meiner Gesellschaft in Frage stellt, begreifen ... Ich kannte Deherche seit seinen Anfängen in der Marine. Seine Haltung war stets die eines ehrlichen Mitarbeiters, eines untadeligen Beamten, den seine Untergebenen und seine Vorgesetzten liebten. Weder seine Führung noch sein Besen, nehmen gaben jemals Anlaß zur geringsten Klage, und ich war höchst erstaunt, von seinen Geldverlegenheiten zu hören ... Daß er sich eines solch furchtbaren Verbrechens schuldig gemacht haben sollte ... das glaube ich nicht, das kann ich unter keinen Umständen glauben ...«

Er wischte sich die Stirn und wiederholte:

»Nein, nein, das ist er nicht, ... oder vielmehr, ich muß mich weigern, zuzugeben, daß ein Verbrechen dabei war.«

»Die Sachverständigen jedoch gelangen immerhin zu diesem Schluß«, wandte der Versicherungsdirektor ein.

»Oh! ... Die Sachverständigen! Die Sachverständigen! Das Meer ist erfinderisch in der Veränderung seiner Tücken ... In Schifffahrtsdingen ist alles geheimnisvoll, unvorhergesehen ...«

»Es handelt sich jedoch nicht um Schifffahrt, sondern um nachprüfbare Tatsachen,« sagte verbindlich der Versicherungsdirektor, »und ich möchte Ihnen eine Frage stellen, auf die Sie leicht antworten können: wer besitzt die Schlüssel und die Chiffre des Tresors auf einem Schiff wie die ›Shanghai‹?«

»Der Kommissar ... auch der Kapitän ...«

»Das ist alles, was ich wissen wollte.«

»Ich klage nicht an«, rief Frau Deherche; »Gott soll mich davor beschützen, den Namen eines anderen Unglücklichen in die Debatte ziehen zu wollen und eine andere Witwe zu quälen! Ich habe aber das Recht, ja die Pflicht, um, falls man aus der Antwort des Herrn Hardant den Schluß ziehen will, den Sie ziehen wollen, zu entgegnen: Wenn es erwiesen ist, daß dieser Diebstahl begangen wurde, warum soll man dann, obwohl zwei verdächtigt werden können, nur einen beschuldigen? Haben Sie gegen meinen Mann auch nur einen einzigen Beweis vorgebracht? Alle, die Sie bis jetzt anführten, können sich ebensogut auch auf einen Zweiten beziehen! Seit fünfzehn Tagen warte ich auf den entscheidenden Beweis, und ich warte noch immer darauf, seit einer Stunde, in der Sie alle möglichen Zeugen heraufbeschwören. Suchen Sie also andere und immer noch andere, bis einer von ihnen aufsteht und sagt: ›Ich habe den Schuldigen gesehen, und dieser Schuldige ist der Kapitän Deherche!‹«

»Der Mann, der den Schuldigen gesehen hat, ist hier«, antwortete der Richter. »Halz, sagen Sie uns doch, wie sah der Mann aus, der am Abend des zweiten Oktobers zu Ihnen kam? Damit hätte man anfangen müssen, Herr Versicherungsdirektor, und damit muß man enden. Haben Sie verstanden, Halz?«

»Der Mann, der am zweiten Oktober zu mir kam, war sehr groß. Er hatte kräftige, aber sehr gepflegte Hände, blaue Augen, eine gerade Nase, einen Schnurrbart und einen blonden Bart, den er sich bemühte, hinter dem Kragen seines Regenmantels zu verbergen, wie er auch sein Gesicht unter der Krempe seines Hutes zu verstecken suchte. Trotzdem aber habe ich ihn gesehen, wie ich Sie sehe, und würde ihn unter Tausenden erkennen.«

Während er sprach, hielten der Richter, der Versicherungsdirektor und Solding ihre Augen auf Frau Deherche gerichtet; Hardant, heftig atmend, fuhr immer und immer wieder mit der Hand über seine Stirn.

Halz nahm sich Zeit, um seinen letzten Worten mehr Kraft zu verleihen, ließ einen bösen Blick über die Versammlung gleiten und endete:

»Außerdem hinkte er ein wenig.«

Derselbe Schrei entfuhr den Lippen des Herrn Hardant und der Frau Deherche; Solding stammelte: »Ich hätte drauf gewettet!« Der Versicherungsdirektor sagte:

»Herr Richter, wenn der Schatten eines Zweifels noch vor einem Augenblick bestehen konnte, so haben ihn die letzten Worte des Zeugen verjagt: Deherche hatte einige Monate vorher den Fuß gebrochen und litt noch unter der Nachwirkung seiner Verletzung. Herr Hardant wird mir nicht widersprechen?«

»Nein«, stammelte Herr Hardant.

Frau Deherche hatte sich erhoben. Es schien kaum glaubhaft, daß ein lebendiges Wesen derart bleich sein konnte. Ihr Gesicht war starr vor Entsetzen und ihr Mund halb offen seit dem Augenblick, wo sie geschrien hatte.

Mit einer mechanischen Bewegung reichte sie die Hand, ohne zu wissen, wem; ein kaum merkbares leises Schwanken bewegte sie hin und her. Furchtbares Schweigen umgab sie; Halz' Stimme zerriß es:

»Ich möchte noch ein Wort sagen. Ich bin glücklich, daß meine Aussage die französische Justiz auf die Spur des Verbrechers geführt hat, und ich würde es noch mehr sein, wenn man die Güte hätte, in Anbetracht der Hilfe, die ich der Untersuchung geleistet habe, mit der größtmöglichsten Aufmerksamkeit eine Frage zu verfolgen, die mich angeht und die vielleicht zur restlosen Aufklärung des Falles beitragen würde. Denn schließlich, Herr Richter, trotz aller Achtung, die ich Ihrem Amte schuldig bin, werde ich mir zu bemerken erlauben, daß Sie vorläufig nur zwei Schuldige kennen: denjenigen, der die Steine stahl, Deherche, und denjenigen, der sie kaufte, mich. Oder aber, es gibt noch einen Dritten, den zu kennen für mich ebenso wichtig ist, als es für die Versicherungsgesellschaft war, denjenigen zu ermitteln, der den Tresor der ›Shanghai‹ geöffnet hat: ich meine den, der den Rubin besitzt, welcher aus dem Posten, den ich erwarb, unterschlagen worden ist ... Dieser könnte besser als ich, der den Mann nur im Halbdunkel meines Ladens gesehen hat, die Identität des Schuldigen bestätigen.«

Frau Deherche zog ihren Handschuh ab, streifte einen goldenen Ring, dessen Fassung der Handfläche zugedreht war, ab, stellte vor dem Richter den wundervollen Rubin hin und sagte zu Solding gewendet:

»Ist es Ihrer?«

»Er ist's!« rief der Juwelier.

Die Bewegung war so überraschend, so schnell, daß Hardant nicht die Zeit gehabt hatte, ein Zeichen zu geben. Frau Deherche wandte sich an den Richter:

»Ich verzichte auf meine Klage gegen die Versicherungsgesellschaft ... Wenn es Ihnen nötig erscheint, mich in Gewahrsam zu nehmen ...«

»Nein, gnädige Frau, nein ... Ich bin ebenso überzeugt wie diese Herren, daß Sie nicht vermuteten ...«

Sie konnte nur noch stammeln:

»Nein ... nein ...«

Hardant stützte sie und begleitete sie zur Tür. Ihre Knie wankten, sie wiederholte wie im Traum:

»Mein armer Kleiner ... Mein armer kleiner Junge ...«

»Wir werden Sie nicht verlassen ... wir werden Sie niemals verlassen ... ich schwöre es ...«

Sie dankte mehr durch einen Blick als durch einen Laut. Der Wagen Hardants wartete vor dem Justizpalast. Er half ihr hinein und wiederholte, indem er sich so tief neigte, daß er fast vor ihr zu knien schien:

»Ich werde morgen zu Ihnen kommen. Ich will wenigstens die Sorge um die Zukunft von Ihnen nehmen, damit Sie weinen können, damit Sie Ihr Kind erziehen können, ohne sich um etwas anderes kümmern zu müssen ... Werden Sie mutig sein? ... Versprechen Sie es mir? ...«

»Ja«, sagte sie noch.

Und der Wagen setzte sich in Bewegung.

*

Am nächsten Tag, als Herr Hardant vor der Villa in Sainte-Adresse anlangte, fand er das Tor geschlossen, die Fensterläden zu, und eine Nachbarin, bei der er sich erkundigte, antwortete ihm:

»Frau Deherche ging gestern mit ihrem kleinen Jungen fort. Es war gegen Abend. Sie stiegen zum Meer hinab. Das Dienstmädchen fand heute morgen alles verriegelt. Man hat sie nicht wiedergesehen.«

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