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S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
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IX

»Also,« sagte der Richter zu Frau Deherche, »bestehen Sie auf der Forderung, daß die von Ihrem Mann eingegangene Versicherung ausgezahlt wird?«

»Ja, Herr Richter.«

»Und Sie, Herr Direktor, bestehen darauf, diese Zahlung zu verweigern?«

»Ja, Herr Richter. Ich bin sehr betrübt, Frau Deherche die Gründe dieser Weigerung angeben zu müssen, wir sind aber im Interesse der Gesellschaft und der öffentlichen Moral gezwungen, das, was wir als unser Recht betrachten, zur Geltung zu bringen. Der Paragraph 6 unserer Police sieht die Ungültigkeit des Vertrages im Selbstmordfalle vor ...«

Frau Deherche versuchte zu lächeln; der Direktor berichtigte:

»Wir sagen nicht, daß der Kapitän Deherche Selbstmord begangen hat, behaupten aber, den Beweis liefern zu können, daß er an dem Verlust seines Schiffes nicht unbeteiligt war.«

»Ich warte auf Ihre Beweise«, sagte die junge Frau; »die Vergangenheit meines Mannes, die Zeugnisse seiner Vorgesetzten ...«

»Diese Argumente sprechen für ihn, wir können es nicht bestreiten. Aber es gibt andere, die ich bitte, dem Herrn Richter vorbringen zu dürfen. Alle Techniker sind sich darin einig, daß nur eine Explosion den Untergang der ›Shanghai‹ hätte hervorrufen können: das Schiff aber führte keine explosiven oder feuergefährlichen Stoffe mit sich, und der Zustand der Kessel, die unmittelbar vor der Abfahrt untersucht wurden, erlaubt uns, die Annahme eines Maschinendefektes abzulehnen. In unserem Bestreben um Gerechtigkeit haben wir Sachverständige darüber befragt, ob das Schiff nicht auf eine treibende Mine gestoßen sein könnte, ein Fall, der sich vor einigen Jahren im Gelben Meer, einige hundert Meilen westlich der koreanischen Küste zugetragen hat. Damals wurde das Vorhandensein der Mine durch die relative Nähe der Stelle erklärt, wo etwa zwölf Monate früher die Schlacht von Tsao-Shima stattgefunden hatte. Jetzt aber, nach fünf Jahren, in einer Entfernung von Hunderten und aber Hunderten von Meilen! ... Wir stehen jedoch Frau Deherche zur Verfügung, um eine Diskussion zwischen den Sachverständigen, die sie wählt, und unseren herbeizuführen.«

»Ich erkenne die Berichte, auf die Sie sich stützen, an.«

»Die Frage der Maschinen wurde in dem eben angeführten Sinne gelöst«, fuhr der Versicherungsdirektor fort. »Trotzdem stehen wir sowohl hier als auch dort Frau Deherche zur Verfügung.«

»Ich kann in dieser Hinsicht keine Einzelheiten anführen; ich kann nur die Gerüchte wiedergeben, die, als der Schiffbruch sich ereignete, in Umlauf waren, und die Besorgnisse, die mir mein Mann mitteilte«, sagte Frau Deherche.

Der Versicherungsdirektor fuhr fort:

»Herr Hardant, den wir darüber befragten, übermittelte uns die Berichte der Ingenieure, die die ›Shanghai‹ untersucht hatten: alle stellen den tadellosen Zustand des Schiffes fest. Bleibt die Annahme eines wissentlich an Bord untergebrachten Explosivstoffes: Wir machen uns anheischig, zu beweisen, daß der Kapitän selbst ihn an Bord gebracht hatte.«

Frau Deherche sprang auf.

»Wer wagt es, eine so furchtbare Beschuldigung vorzubringen? Wenn es erwiesen wäre, daß dies die Ursache des Unheils gewesen ist, warum soll dann gerade mein unglücklicher Mann der Schuldige sein?«

»Herr Richter,« sagte der Versicherungsdirektor ziemlich geniert, »der Widerspruch von Frau Deherche zwingt mich, unsere Gründe darzulegen. Warum verlangte Deherche im Augenblick der Einschiffung einen Urlaub von achtundvierzig Stunden? Warum riet er Herrn Solding, seine Steine in den Geldschrank der ›Shanghai‹ einzuschließen? Warum nahm er eine Versicherung über hundertdreißigtausend Francs auf, obwohl er nur sechzigtausend schuldete? Warum wurde diese Versicherung auf den Namen seiner Frau und nicht auf den der Transozeanischen Gesellschaft ausgestellt?«

»Auf die erste Frage«, sagte Frau Deherche, »antworte ich, daß mein Mann einen Urlaub verlangt hatte, um nach Draguignan zu einem Onkel, Herrn Lobre, zu fahren. Da er ihn nicht antraf und die Zeit drängte – er verfügte nur über drei Stunden zwischen zwei Zügen – fuhr er wieder ab. Der Herr Richter, dem ich diese Erklärung bereits gegeben habe, konnte sie nachprüfen lassen.«

»In der Tat war am angegebenen Tage der Onkel von Herrn Deherche nicht anwesend«, stellte der Richter fest. »Andererseits aber läßt sich die Spur dieser Reise nicht verfolgen; die Bahnhofsbeamten können sich an einen Reisenden, der seinem Signalement entspricht, nicht entsinnen, und die Bedienstete des Herrn Lobre, eine Piemontesin, mit der er damals sprach, hat acht Tage später Frankreich verlassen.«

»Es ist nicht das erstemal, daß der Zufall in dieser Angelegenheit eine Rolle gespielt hätte«, bemerkte dumpf Frau Deherche.

Danach begann sie mit klarer Stimme:

»Auf die zweite Frage werde ich erwidern, daß sein Rat, die Edelsteine an Bord unterzubringen, nichts Ungewöhnliches zu bedeuten hatte. Fragen Sie die Kommandanten von Schiffen: alle werden Ihnen antworten, daß so etwas häufig vorkommt.«

»Es kann sein«, gab der Versicherungsdirektor zu, »aus diesem Grunde machen wir nur einen nebensächlichen Gebrauch hiervon.«

»Auf die dritte Frage antworte ich folgendes: Ist es nicht natürlich, daß mein Mann, der der Gesellschaft gegenüber verschuldet, aber die Rechtschaffenheit in Person war, die Rückzahlung, was auch geschehen mochte, sicherstellen wollte? Ebenso natürlich war es, daß er daran dachte, uns, sein Kind und mich, zu versorgen. Was die Tatsache anbelangt, daß er diese Versicherung zu meinen Gunsten und nicht zugunsten der Transozeanischen Gesellschaft aufgenommen hatte, so ist das noch natürlicher: wozu Dritte über seine Geldverlegenheiten ins Vertrauen ziehen, wo er mich genügend kannte, um zu wissen, daß ich, selbst in der größten Not, nicht einen Centime behalten würde, der anderen gehört.«

»Mag sein; und diese Schuld? ... Ich bin wieder betrübt, Ihnen verraten zu müssen ...«

»Sie können mir nichts verraten. Ich war verschwenderisch, eitel, sorglos; ich hatte hohe Schneiderrechnungen; ich schuldete dem Kürschner, der Wäschenäherin; ich liebte teure Reisen, Juwelen. Ich könnte keine genaue Rechnung über meine Ausgaben aufstellen; wenn es aber sein muß, so würde ich mich erinnern und aus meinen Rechnungen ...«

Sie log, und die Röte stieg ihr ins Gesicht. Der Richter und der Versicherungsdirektor waren gerührt durch den Mut, mit dem sie sich selbst anklagte, und der letztere sagte:

»Ich bin von der Richtigkeit Ihrer Angabe überzeugt.«

Sie war gerührt, daß er sie so schonte und dankte ihm mit einem traurigen Lächeln. Er aber mißverstand dessen Bedeutung und beeilte sich fortzufahren:

»Soviel ich weiß, ist Herr Hardant geneigt, die Schuld Ihres Mannes auf Gewinn- und Verlustkonto zu setzen. Es handelt sich also Ihrerseits nur um einen Verzicht auf siebzigtausend Francs; außerdem beabsichtigt Herr Hardant, wie ich gehört habe, Ihnen diese Summe, sei es unmittelbar, sei es über eine Abstimmung des Verwaltungsrates zukommen zu lassen ...«

Frau Deherche richtete sich auf:

»Entweder erhalte ich diesen Betrag von demjenigen, der ihn mir schuldet, oder ich weise ihn zurück. Ich suche kein Geschäft zu machen, indem ich darauf bestehe, diese Summe zu erhalten. Ich füge hinzu, daß, so arm ich auch bin, ich bereit wäre, falls ich den Prozeß gewinne, den gesamten Betrag einem Wohltätigkeitszweck zuzuführen, den der Herr Richter bestimmt. Es handelt sich für mich nicht darum, einige tausend Francs herauszuschlagen; ich ließ es mit Absicht zu diesem Prozeß kommen, denn etwas viel Ernsteres steht für mich auf dem Spiel, ich meine die Ehre desjenigen, dessen Namen ich trage. Bis zum Beweis des Gegenteils bin ich die Witwe eines anständigen Mannes. Auf das, was ich als mein Recht betrachte, verzichten, mich der Auseinandersetzung entziehen, würde dem Eingeständnis gleichkommen, daß ich die Witwe eines Piraten bin. Setzen Sie also das Verfahren fort; ich bin bereit, Ihnen auf diesem Gebiet zu folgen.«

»Noch ein Wort, gnädige Frau. Der weit unangenehmste Teil dessen, was ich zu enthüllen habe, bleibt mir noch zu sagen. Ich gebe zu, daß die bis jetzt angeführten Argumente eine Diskussion zulassen. Es gibt aber eins, das Sie ohne Zweifel ebensosehr verblüffen wird wie uns selbst. Die Edelsteine, die in den Tresor der ›Shanghai‹ eingeschlossenen Edelsteine, verschwanden nicht mit dem Schiff.«

»Hat man sie gerettet? ...« stammelte Frau Deherche, indem sie die furchtbare Gefahr mehr ahnte als begriff.

»Nein. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht mehr an Bord waren, als das Schiff die Anker lichtete.«

»... Da hat also jemand ...«

»... sie in den achtundvierzig Stunden vor der Abfahrt entwendet und verkauft.«

»Achtundvierzig Stunden? Das ist unmöglich! ... Nein, nein, das ist nicht wahr ...«

Mit gespreizter Hand durchschnitt sie die Luft vor ihren Augen, als wollte sie die zahllosen Visionen, die sie überkamen, verscheuchen.

»Führen Sie den Zeugen herein«, befahl der Richter.

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