Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

S. O. S.

: S. O. S. - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Level
titleS. O. S.
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid4d4e3c42
Schließen

Navigation:

VIII

Als er die Tür des Ladens hinter sich hatte, raste der Unbekannte geradeaus. Um diese Zeit – es war ungefähr sechs Uhr abends – ist die Rue de la Paix voll von Menschen, die sich auf dem Bürgersteig drängen; auf dem Damm halten die Wagen in zwei langen Reihen, während sie sich in der Mitte Rad auf Rad folgen. Der Mann raste, stieß Frauen an, schlängelte sich durch die Autos, galoppierte, sprang bald hierhin, bald dorthin, wobei er die Kühler streifte, drängte die Köpfe der Pferde durch Fausthiebe zurück, so heftig, so rasch, daß er schon weit weg war, bevor man ihn zurückhalten konnte. Am Platz vor der Oper hielt er plötzlich an. Hier war der Wirrwarr so groß, daß er nicht daran denken konnte, hindurchzukommen; er ging schräg nach links und versuchte wieder, auf den Bürgersteig zurückzugelangen. Hinter ihm mischten sich Schreie in das Getöse der Straße:

»Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!«

Er lief von neuem, verlangsamte dann seinen Schritt und drängte sich in eine Gruppe, die die Straße überquerte. Die Schreie kamen näher, wurden schriller.

»Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!«

Er schien nicht darauf zu achten, richtete eine Dame auf, die ausgeglitten war, erkundigte sich im liebenswürdigsten Ton der Welt, ob sie sich nicht verletzt hätte, spähte scharf umher.

Ein Pfiff ertönte, die Wagenflut hielt plötzlich an, die Straße war frei. Der Augenblick schien ihm zur Flucht günstig, er begann wieder zu rennen; dieser Entschluß wurde ihm zum Verhängnis. In seinem Übereifer hatte Beurke ihn gerade überholt, ohne ihn zu erkennen. Als er ihn laufen sah, wurde er es gewahr, erreichte ihn in zwei Sätzen, packte ihn am Mantelkragen, riß ihn herum, hielt ihm drohend die Faust vors Gesicht und hauchte ihn an:

»Ein Schrei, eine Bewegung, und du bist eine Leiche. Verstanden?«

Dann schob er den Arm unter seinen und machte kehrt. Ein Polizist erkundigte sich.

»Ach nichts«, antwortete Beurke lachend; »dieser Herr ist 'n alter Freund von mir; er hatte Angst, seinen Zug zu verpassen, und da er keine Taxe fand, fing er an, zu rennen; ich lief ihm nach, um ihn zu erwischen.«

Der Unbekannte staunte mit offenem Mund; der Polizist wandte ein:

»Sie riefen aber: ›Haltet den Dieb!‹«

»Ich?« sagte Beurke treuherzig. »Im Leben nicht ... Das waren die Leute, als sie uns rennen sahen ...«

Der Polizist fragte nicht weiter, und Beurke nahm mit seinem seltsamen Begleiter den Weg wieder auf. Das Laufen hatte ihn kaum außer Atem gebracht; anders ging es dem Flüchtling, der alle drei Schritte stehenblieb, um Luft zu holen. Beurke schleppte ihn weiter. Als sie vor der Ladentür angelangt waren, die bereits von Neugierigen umringt war, stieß er ihn mit Gewalt hinein, schlug die Tür hinter sich zu und befahl einem Laufburschen, die Rolläden herunterzulassen. Dann setzte er sich auf den Ladentisch, die Hände in den Taschen, richtete die Augen fest auf die des Diebes, der sich an die Wand lehnte und an allen Gliedern zitterte, und, in der Ruhe des engen Raumes, in dem Solding und Hardant ihn verdutzt anstarrten, höhnte er:

»Na, mein Junge, wolltest uns plötzlich verlassen? Ohne Abschied?«

Der Mann wandte den Blick ab; Beurke fuhr lächelnd fort:

»Hat keinen Zweck; alles ist zu; hast nichts zu erwarten, nichts zu erhoffen: hier heißt's jetzt: raus mit der Sprache, oder ...«

Er rieb sich die Hände mit einer beredten Geste; der Mann protestierte hochmütig:

»Ich fang' an, zu verstehen! ... Ich bin in eine Falle geraten. Ich bin ein alter Mann und ihr drei kräftige Burschen, und da glaubt ihr, mich einschüchtern zu können. Aber, wenn ich auch zuerst Angst gehabt habe, jetzt bin ich wieder beisammen ... und ihr könnt mir nichts mehr vormachen ... Gebt mir meine Steine zurück!«

»Alles zu seiner Zeit«, sagte Beurke.

»Ich werde mich bei meinem Botschafter beschweren, und ihr werdet schon sehen, was euch das kosten wird.«

»Weniger, als wenn wir Steine zurückkaufen, die uns gehören.«

Der Mann ging hoch, und diesmal war seine Überraschung ungeheuchelt:

»Euch ... diese Steine? Steine, die ich bezahlt habe ...«

»Nicht teuer«, spottete Beurke.

»Ob teuer oder nicht, das ist meine Sache; sie gehören mir.«

»Nehmen wir an, daß sie uns gehören, und reden wir weiter. Zunächst mal, Taschen geleert ... Vor allem die, die Sie so sorgsam festhalten.«

Der Mann verfärbte sich. Seine instinktive Bewegung war Beurke nicht entgangen, dessen Blick ihm ganz eindeutig schien. Ohne Zweifel war er es gewohnt, mit entschlossenen Leuten, die wenig reden und schnell handeln, und mit denen nicht gut Kirschen essen ist, umzugehen, denn er änderte Ton und Haltung, nahm ein Säckchen aus seiner Rocktasche und hielt es ihm hin.

Beurke ergriff es hastig, riß die Schnur, mit der es zugebunden war, auf und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Dann stießen Solding und er einen Triumphschrei aus.

Etwa fünfzig Steine, einer schöner und feuriger als der andere, die lebhaft glitzerten, breiteten sich vor ihnen aus. Der Mann senkte den Kopf, die Fäuste geballt, mit den Zähnen knirschend. Solding, der bald lachte, bald weinte, streichelte die Rubine, die Smaragde, die Diamanten, die Saphire mit der Zärtlichkeit eines Verliebten und stammelte:

»Alle ... Sie sind alle da! ... Beurke! Herr Hardant! Schauen Sie doch! Haben Sie jemals etwas Schöneres gesehen? Nicht ein Fehler. Ach Beurke! Welch Glück!«

Beurke, der weniger mitteilsam war, biß seinen Schnurrbart, was bei ihm das Zeichen einer großen Erregung war.

Herr Hardant, sehr blaß, dachte nach ...

»Jetzt«, sprach Beurke, »werden Sie uns sagen müssen, von wem Sie das alles haben?«

»Was geht Sie das an?« antwortete der Mann anmaßend; »Sie haben sie, das genügt.«

»Eigentlich könnte uns das genügen,« erklärte Solding, »dieser Herr hier aber ist zweifellos anderer Meinung.«

Mit dem Zeigefinger wies er auf Herrn Hardant.

»Nicht wahr, Herr Direktor?«

Herr Hardant nickte bestätigend. Der Unbekannte hatte sich ihm zugewandt und betrachtete ihn. Beurke sagte:

»Der Herr ist der Besitzer der ›Shanghai‹.«

»Was hat das damit zu tun?« antwortete der Mann.

»Meinen Sie?«

»Gar nichts.«

Seine Stimme, die abwechselnd furchtsam oder frech war, hatte nun solch einen natürlichen Ton wiedergefunden, daß Solding, Beurke und Hardant sich gegenseitig ansahen.

»Schließlich und endlich«, meinte Beurke, »möglich wär's. Immerhin werden Sie uns sagen müssen, wer sie Ihnen verkauft hat. Schwindeln ist zwecklos: wenn Sie's uns nicht sagen, so werden Sie vor dem Untersuchungsrichter weniger diskret sein ...«

Der Mann sah hier eine Möglichkeit um sich aus der Schlinge zu ziehen:

»Wenn Sie versprechen, mich gehen zu lassen, werde ich reden. Wenn nicht, werde ich weder hier noch vor dem Untersuchungsrichter den Mund auftun.«

Ebenso wie sie gefühlt hatten, daß er die Wahrheit sagte, als er behauptete, den Zusammenhang zwischen diesen Steinen und dem Direktor der Transozeanischen Gesellschaft nicht zu begreifen, genau so merkten sie an der Bestimmtheit seines Ausdrucks, an der Entschlossenheit seines Blickes, daß der Wicht Wort halten würde, und so antwortete Hardant, den eine brennende Neugier plagte, im Namen der drei:

»Wir versprechen es Ihnen.«

»Nun gut«, sagte der Mann. »Mein Beruf ist, Steine zu schneiden ... und ebenso, welche zu kaufen und zu verkaufen.«

»Hehler, was?« stellte Beurke fest.

»Wenn Sie wollen. Im übrigen, wer Edelsteine kauft, riskiert mehr oder weniger immer, es zu sein, und alle Vorsichtsmaßregeln der Welt ändern daran nichts. Ein Herr kommt zu Ihnen; er sagt seinen Preis, Sie sagen Ihren; sobald man einig ist, zahlen Sie ...«

»In seiner Wohnung ...«

»Eine Formalität, die nur die Sache kompliziert, ohne Sicherheit zu geben. Man kann immer eine Wohnung und Papiere haben. Das ist was für Anfänger. Aber das, was man verhindern kann, ist, daß gestohlene Edelsteine, besonders solche von so hohem Wert wie diese hier, nicht signalisiert werden. Diese aber – und Sie können mir nicht das Gegenteil beweisen – waren es nicht, – ich erkundigte mich. Was habe ich also gemacht, nichts Ungewöhnliches. Einer, den ich nicht kannte, hat sie mir angeboten; ich habe sie gekauft ... Schon allein die Tatsache, daß ich nach Paris kam, um sie frank und frei anzubieten, beweist meine Gutgläubigkeit ...«

Beurke fing an zu lachen; der Mann fuhr fort, ohne durch diese ungläubige Ironie beleidigt zu sein:

»Daher die Sicherheit, keine Gefahr zu laufen. Eins wundert mich vor allem: wenn Sie bestohlen worden sind, warum haben Sie dann keine Anzeige erstattet?«

»Wir haben keine Anzeige erstattet, weil wir nicht wußten, daß wir bestohlen worden sind. Diese Steine haben wir fortgeschickt, damit sie in den Geldschrank der ›Shanghai‹, die in Havre vor Anker lag, eingeschlossen wurden und ...«

»Sie sind dann also wohl im Postwagen gestohlen worden?«

»Nein, sie sind persönlich herübergebracht worden.«

Durch ein seltsames Vertauschen der Rollen war es nun der Unbekannte, der das Verhör anstellte.

»Persönlich?« rief er aus. »Sind Sie Ihres Boten sicher? ...«

»Ich selbst war's!« schrie Solding, purpurrot im Gesicht.

»Ach, Sie waren's?« sagte der Mann kühl. »Wahrhaftig, der, der sie mir verkauft hat, sah ganz anders aus wie Sie. Er war ebenso groß wie Sie klein, ebenso mager, wie Sie dick sind ... Halt ... meiner Seel' ... ein Mann, so wie Sie, Herr Beurke ... ja, wahrhaftig, ebenso breit in den Schultern, dieselbe Statur und fast dasselbe Gesicht ... So ungefähr war auch sein Bart, ein blonder Bart. Sie werden mir entgegenhalten, daß man sich einen falschen umhängen kann ...«

Solding blieb mit vor Verwunderung weit aufgesperrtem Mund stehen. Er erinnerte sich plötzlich, daß sein Teilhaber damals mit ihm zugleich für drei Tage verreiste, und ein unsinniger Verdacht ging ihm durch den Kopf.

»So so,« rief Beurke, der die Ideenverbindung seines Sozius ahnte, »dieser Schuft wird doch nicht zu verstehen geben wollen? ...«

»Dieser Schuft gibt nichts zu verstehen«, spottete der Hehler; »Sie verlangen, daß ich meine Erinnerungen auspacke, und das tue ich eben. Eine Beschreibung taugt nicht viel; manchmal kann ein Vergleich von großem Nutzen sein, und ich wiederhole, daß der Mann ...«

»Wiederholen, wiederholen Sie«, rief Herr Hardant lebhaft.

»... groß und sehr kräftig war. Seine Haarfarbe weiß ich nicht, denn er hatte seinen Hut aufbehalten; sein Bart aber war blond, seine Hautfarbe dunkel ...«

»Unmöglich! Das ist unmöglich!« rief Herr Hardant.

Er preßte seine Stirn mit beiden Händen und schien von einer ungeheuren Erregung gepackt. Er überwand sie jedoch und fragte:

»Wo wohnen Sie?«

»In Amsterdam.«

Er atmete auf:

»Ach! ... Ich, ich sagte mir auch ...«

Ein Lächeln glättete sein Gesicht. Aber sofort danach nahm es wieder einen besorgten Ausdruck an, und er betonte mit einem Zittern in der Stimme:

»An welchem Tag kam dieser Mann zu Ihnen?«

Der Unbekannte antwortete, ohne zu zögern:

»Am zweiten Oktober.«

»Am zweiten Oktober!« wiederholte Hardant.

»Es war der erste, als ich meine Steine dem Kommissar und dem Kapitän der ›Shanghai‹ übergab«, sagte Solding.

Hardant wandte ihm sein Gesicht zu, es war ganz fahl. Seine Knie schlotterten; er mußte sich gegen das Schaufenster lehnen. Auch Solding zitterte, denn das gleiche Gesicht richtete sich vor ihren Augen auf: das Gesicht von Deherche, groß, kräftig und blond! ...

Und eine noch aufregendere Übereinstimmung erschütterte Herrn Hardant, der sich erinnerte, daß der Kapitän an jenem zweiten Oktober, obwohl die Ladung seines Schiffes noch nicht beendet war, einen dreitägigen Urlaub verlangt hatte, um nach Paris zu fahren, wohin er, wie er sagte, einer dringenden Angelegenheit wegen mußte. Er war nur wenige Stunden vor der Abfahrt der »Shanghai« zurückgekehrt, müde, zerstreut und so nervös, daß Le Goutelier – die geringsten Details und die Erinnerungen stiegen jetzt aus der Tiefe seines Gedächtnisses herauf und verdichteten sich – ihm gesagt hatte:

»Deherche muß einen Kummer haben.«

Worauf er selbst, Hardant, geantwortet hatte:

»Aber nein, nicht doch; das ist nur die Traurigkeit, daß er seine Frau verlassen muß; er hatte gehofft, erst in einem Monat zu fahren. Es ist ein kleiner Anfall schlechter Laune.« – –

»Damit Sie auch alles wissen,« schloß der Unbekannte, »und das wird vielleicht für Sie von Nutzen sein, ich hatte den Eindruck, daß mein Kunde trotz betont nachlässiger Kleidung ein eleganter Mensch sein mußte, und daß er trotz seines frechen Tones nicht gewohnt war, diese Art von Geschäften zu machen.«

Herr Hardant zuckte bei jedem Wort zusammen. Ohne den Grund dieser Unruhe zu erkennen, hatte der Hehler, der ahnte, daß im Hirn dieses Mannes sich ein Kampf abspielte, und der sich durch das dreifache Schweige-Versprechen sicher fühlte, begonnen, das Vergnügen auszukosten, nun seinerseits Unruhe hervorzurufen. Und diese Freude war so groß, daß er zu lachen anfing.

»Ach, Sie Schuft, seien Sie ruhig!« zischte Beurke, der ihm nicht verzieh, daß er ihn einen Augenblick verdächtigt hatte.

Der Mann lachte aber noch immer.

»Sehen Sie sich vor! Noch sind Sie nicht draußen!« sagte Beurke.

»Wenn das Ihre Art ist, Wort zu halten ...« warf der Mann verächtlich hin.

»Wir werden's halten, unglücklicherweise, und wäre es nur, um einem Gauner zu zeigen, was ehrliche Leute sind.«

Herr Hardant mischte sich ein:

»Wie heißen Sie?«

Der Mann zögerte zunächst, überlegte aber dann, daß dieses Detail ohne Bedeutung war, ganz gleich, ob man ihn festhalten wollte oder laufen ließ. Systematisch wie er dachte, überschlug er, was für eine Strafe er wohl für das Verbrechen der Hehlerei zu erwarten hätte, und, da er sie gering einschätzte, wählte er das kleinere Übel. Wenn er keine Schwierigkeiten machte, zog er sich die Nachsicht der Richter zu. Was die verlorenen sechzigtausend Francs anbelangt, ... er würde sie schnell wieder verdienen, sobald er frei war; es gibt Behältnisse, die so schlecht schließen und gewisse Sauerstoffgebläse, die sie so leicht öffnen ...

Er antwortete daher mit ruhiger Stimme:

»Joachim Halz, Utrechtschedwarsstraße, Amsterdam.«

Dann aber, trotz allem vorsichtig, fügte er hinzu mit verschmitztem Lächeln und zusammengekniffenen Augen:

»Gewiß, ich habe das größte Vertrauen zu Ihrer Ehrlichkeit ... trotzdem, es wäre mir lieb, wenn ich einen Wisch bekäme ... eine kleine Erklärung ... nennt man das so? ... Eine Entlastung ...«

»Durch Fußtritte!« brummte Beurke und öffnete die Tür.

Er bückte sich bereits, um das eiserne Gitter hochzuheben, das sie nach außen schützte, als Solding einen Schrei ausstieß:

»Halt! Halt! Diesmal sind wir bestohlen und zwar richtig bestohlen. Es fehlt ein Stein: der Rubin!«

»Donnerwetter!« schrie Beurke, Halz plötzlich zurückzerrend, »der schönste vom ganzen Posten!«

Durch die Heftigkeit der Bewegung bestürzt, blieb Halz unbeweglich; Solding jammerte immerzu:

»Der Rubin! Dieser einzige Rubin, von dem ich mich nicht trennen konnte, so schön war er, so wunderbar durchsichtig! Wem hast du ihn verkauft, du Lump? Wem?«

Halz war wieder zur Besinnung gekommen:

»Ein Rubin? Aber Sie haben ihn ...«

»Nein, nein, nicht dieser, du weißt es ja selbst, Schuft! Sprich oder ich bringe dich um!«

»Töten Sie mich, wenn Sie wollen: ich kann Ihnen nicht etwas zurückgeben, was ich niemals gehabt habe ... Da ist der Posten so, wie ich ihn bekommen habe ...«

»Du lügst«, schrie Beurke. »Los, steh auf, auf die Wache!«

Halz schäumte vor Wut.

»Sie lügen selbst! Jetzt, nachdem ihr mich zum Reden gebracht habt, wollt ihr nicht mehr euer Wort halten, ihr Verräter, ihr Feiglinge! Schämt ihr euch nicht?«

Er versuchte sich loszureißen, zu beißen; aber Beurke, der ihn mit starker Faust festhielt, befahl:

»Solding, ruf die Polizeiwache an. Ein Glück, daß wir den Kniff bemerkt haben!«

Herr Hardant allein nur blieb wie festgenagelt. Halz zeigte auf ihn und kreischte:

»Du alter Spitzel, du bist der feigste von allen! Wir werden uns schon wiedersehen! Du Dieb!«

Beurke kläffte:

»Na, das ist ja noch schöner!«

Hardant schwang einen Stuhl in die Höhe, ließ ihn dann fallen. Zwei Polizisten traten ein; Beurke sagte ihnen:

»Da ist der Kerl! Aber geben Sie acht, das ist ein schlauer Spitzbube, er ist kräftiger, als er aussieht.«

Dann, als er sich gefangen sah, fing Halz an zu jammern:

»Meine Herren, ich schwöre Ihnen, daß diese Herren hier sich irren ... Es kann sein, daß nicht alles, was ich gemacht habe, in Ordnung war, aber was diesen Rubin anbelangt, ich habe ihn niemals gehabt, ich habe ihn niemals gesehen ...«

»Glauben Sie ihm nicht!« schrie Solding, den der Verlust seines schönsten Edelsteines rasend machte; jetzt weint er, eben hat er noch gedroht ...«

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!« stöhnte der Alte.

Im Handumdrehen hatte ihm einer der Polizisten Handschellen angelegt:

»Vorwärts!«

Halz stieß eine Flut holländischer Flüche aus; Beurke höhnte:

»Schade, daß wir nichts verstehen, das wäre lehrreich.«

Aber schon hatten die Polizisten Halz fortgeschleppt.

Die drei Männer waren wieder allein. Solding, niedergeschlagen, untröstlich, betrachtete seine Steine und seufzte ununterbrochen; Beurke, vernünftiger, gab ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter:

»Überleg' dir doch, zum Teufel! Wenn man dir vor einer Stunde gesagt hätte, du würdest dies alles wiederkriegen, so wärst du vor Freude hochgesprungen.«

Solding seufzte noch, dann wurde er etwas heiterer, versuchte zu lächeln. In ihrer Bestürzung, der darauf folgenden Freude und schließlich in ihrer Wut hatten die beiden Teilhaber ihren Besucher fast vergessen. Solding war es, der sich zuerst entschuldigte:

»Verzeihen Sie, mein Herr, aber soviel Aufregungen ... Und seien Sie sicher, daß ich an mein Versprechen denken werde. Gleich heute abend werde ich diese kleine Berichtigung, über die wir sprachen und die Ihren Offizier entlasten wird, aufsetzen. Sowenig Kenner Sie auch sein mögen, nun haben Sie die Möglichkeit, sich Ihrerseits zu vergewissern, daß mein Sozius und ich den Wert dieser Steine nicht überschätzt haben ...«

Durch eine Kopfbewegung gab Herr Hardant zu verstehen, daß er überzeugt sei; dann, den Hut in der Hand und bereit, sich zu verabschieden, besann er sich:

»Ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen, die letzte ... Daß diese Steine Ihnen gehören, darüber besteht für mich kein Zweifel ... Aber daß sie aus dem Tresor der ›Shanghai‹ verschwinden konnten, ... dies ... grenzt an Zauberei, an Taschenspielerei ... Wie ist es möglich, daß Gegenstände, die hinter einer Stahltür verschlossen und durch ein dreifaches geheimes Sicherheitsschloß geschützt sind ...«

»Wir sind ebenso verblüfft wie Sie«, antwortete Beurke.

Nach kurzem Schweigen fuhr Herr Hardant fort, jedes Wort genau wägend:

»Waren Sie dabei, Herr Solding, als man die Steine in den Geldschrank einschloß?«

»Ich war dabei.«

»Können Sie mir sagen, aus welchem Grunde diese Deponierung drei Tage vor der Abreise vorgenommen wurde?«

»Da ich wenig Lust hatte, ein derartiges Vermögen in einem Hotelzimmer aufzubewahren, und da ich es unvorsichtig fand, es bei mir zu tragen, schickte ich mich gerade an, es beim Crédit Lyonnais zu deponieren, als ...«

Er hielt mitten in seinem Satz inne, beendete ihn mit kaum vernehmbarer Stimme:

»... Als der Kapitän Deherche, dem ich meinen Entschluß mitteilte, während ich meine Kabine besichtigte, mir den Rat gab, sie an Bord zu hinterlegen ... Da diese Steine ohnehin während der Überfahrt in den Tresor kommen mußten, erschien mir der Vorschlag ganz natürlich ...«

»War jemand bei dieser Unterredung zugegen?« fragte Herr Hardant.

»Nein.«

»Und Sie sprachen mit niemand darüber?«

»Mit wem hätte ich in einer Stadt, in der ich keine Seele kannte, sprechen sollen?«

»Folglich war außer Ihnen und Deherche niemand über dieses Depot unterrichtet?«

»Ganz recht.«

Herr Hardant nahm seinen Hut, den er auf den Tisch gelegt hatte, und wandte sich zur Tür.

»Wünschen Sie noch immer, daß ich den Wortlaut meines Berichts abschwäche?« fragte Solding.

»Ich weiß nicht mehr ...«, murmelte Herr Hardant.

Die Straße war fast leer. Er schwankte zwischen den Boulevards, wo Lichtreklamen und elektrische Bogenlampen ein festliches Licht verbreiteten, und den Tuilerien, die, jenseits der Place Vendôme und der Rue de Castiglione, in Dunkel getaucht waren. Die Dunkelheit schien ihm beruhigend und sanft. Er durchquerte den Garten, ging an den Kais entlang, lief lange, kehrte dann um, ging in sein Hotel zurück, warf sich aufs Bett und schlief ein. Gegen neun Uhr morgens klopfte ein Page an die Tür und übergab ihm eine Depesche.

Seit gestern abend hatte er sein Töchterchen fast vergessen; plötzlich überfiel ihn der Gedanke an die Möglichkeit eines Unglücks. Er sprang aus dem Bett, las:

»Liebster Papa tausend Küsse Therese« und atmete erleichtert auf. Aber seine Freude verminderte sich sogleich; er blätterte im Kursbuch, sah, daß 10,45 ein Zug abging, warf seine Reiseutensilien und sein Pyjama durcheinander in den Koffer, und da es höchste Zeit war, zum Bahnhof zu eilen, sagte er, als er seine Rechnung beglich, im Büro:

»Verlangen Sie Havre zweihundertsiebenundvierzig, die Transozeanische Gesellschaft, und sagen Sie, daß Herr Hardant Herrn Le Goutelier bittet, sich am Bahnhof einzufinden.«

Die Reise schien ihm furchtbar lang. Le Goutelier, der ihn bei seiner Ankunft erwartete, fiel die Veränderung seiner Züge sofort auf, und er erkundigte sich:

»Haben Sie Ärger gehabt?«

Hardant zog ihn zum Ausgang, ohne zu antworten. Hier, wo jeder ihn kannte, hatte er Angst, ein Wort auszusprechen, das mit gehört werden konnte. Später, in seinem Auto, legte er jeden Zwang ab und sagte, die Hand auf das Knie seines Prokuristen legend:

»Wissen Sie, was ich soeben erfahren habe? Die Juwelen, die Juwelen von Solding und Beurke, welche an Bord der ›Shanghai‹ waren ... Also diese Juwelen sind in Paris!«

Le Goutelier fuhr auf:

»In Paris? ...«

»Sie sind erstaunt und fragen sich, ob ich nicht meinen Verstand verloren habe? Ich hab' es mich selbst gefragt, und, obwohl ich sie mit eigenen Augen gesehen und mit meinen Fingern berührt habe, würde ich noch an meinem Verstand zweifeln, wenn der Dieb, in flagranti ertappt, jetzt nicht hinter Schloß und Riegel wäre.«

In wenigen Worten berichtete er, was sich bei den Juwelieren abgespielt hatte. Le Goutelier hörte zu, ohne zu unterbrechen. Nur zwei- oder dreimal zog er kaum merklich seine Brauen zusammen. Hardant war beim Augenblick angelangt, wo Solding das Fehlen eines Steines festgestellt hatte. Le Goutelier verdoppelte seine Aufmerksamkeit, sagte nur: »Oh! Oh!« Dann fragte er:

»Nur ein Wort: was für ein Stein war es?«

»Ein Rubin.«

Das Auto hielt vor dem Geschäftshaus der Transozeanischen Gesellschaft; Herr Hardant schickte sich an, auszusteigen, Le Goutelier zog ihn am Ärmel zurück:

»Herr Hardant, dieser Stein ist hier.«

Hardant zuckte zusammen.

Dann schloß Le Goutelier im gleichen Ton, in dem der Direktor seine Zusammenkunft mit den beiden Juwelieren erzählt hatte, indem er die gleichen Sätze sprach, dieselben Worte betonte:

»Sie sind erstaunt und fragen sich, ob' ich nicht meinen Verstand verloren habe? Ich hab' es mich selbst gefragt, als ich Ihnen zuhörte, und obwohl ich ihn mit eigenen Augen gesehen und mit meinen Fingern berührt habe, würde ich noch an meinem Verstand zweifeln, wenn ich den Namen desjenigen, der ihn gestohlen hat, nicht wüßte.«

»Dieser Name?«

Er holte tief Atem und hauchte:

»Deherche.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.