Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo Marti >

Rumänisches Intermezzo

Hugo Marti: Rumänisches Intermezzo - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRumänisches Intermezzo
authorHugo Marti
year1926
firstpub1926
publisherA. Francke
addressBern
titleRumänisches Intermezzo
pages159
created20080707
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

83 Fieber

Ueber den gelben Feldern der Ebene lag die brütende Sommerluft dick und unbeweglich. Der Asphalt in den Straßen von Bukarest schmolz. Vollgepfropfte Züge schleppten keuchend halbe Städte ins Gebirge hinauf.

Auf dem flachen Lande jammerten die Weiber, fluchten die Gutsverwalter: Gerade jetzt, wo jeder Arm nötig war, berief man neue Jahrgänge unter die Fahnen. An der Donau lagen sie, am Pruth lagen sie, in die Karpathen wurden sie gestopft; wo stand denn eigentlich ein Feind, wer war der Feind?

Der Acker versprach eine reiche Ernte. Das Volk hungerte. »Alles haben sie im letzten Herbst um Gold an die Deutschen verkauft«, klagte die Alte. Der Bauer schnallte den Riemen enger und stöhnte: »Schweig, wenn dus nicht besser weißt. Im Speicher liegt das Korn und fault. Der Engländer hat es ihnen noch höher bezahlt, nur damit es nicht über die Grenze geht. Und wir hungern.«

Die Aktentische der Regierung waren Börsenpulte geworden. Sie bogen sich unter dem Geschäftsgewinn. Wer ließ sich davon wegdrängen? In den Straßen brüllte das Mißvergnügen derer, die nicht herankamen, und 85 die erhitzte Wut der aufgestachelten Menge. Russische Kosaken hatten in der Moldau die Grenze überritten. Ließ man sie gewähren, schloß man sich ihnen an, schlug man sie zurück?

Die Wage zitterte. Welche Schale sank?

Am Samstag holten die Kinder ihren Vater am Bahnhof ab. »Du bist müde, Papa. Kannst du nicht hier bleiben, eine Woche wenigstens? Wozu wieder in die schreckliche Stadt zurück?« Er strich ihnen über die Köpfe: »Wollen wir alle auf unser Landgut reisen? Morgen schon?« Sie jubelten: »Ja, reisen wir. In Sinaia ist es nicht mehr lustig. So viele Menschen sind jetzt da.«

Ich fragte, als wir allein waren, den Fürsten: »Reisen wir?« Er wiederholte: »Morgen.« Nach einer Weile sagte er, fast flüsternd und mit raschem Blick zur Tür: »Morgen stehn wir vielleicht im Krieg.« Ich, rasch: »Gegen wen?« Er zuckte die Achseln: »Wie soll man es wissen? Morgen wissen wir es, vielleicht.«

Beim Tisch fragte ich: »Stimmt es, daß die Regierung ein neues Abkommen mit den Zentralmächten getroffen hat, Gemüselieferung?« Der Fürst sah gequält aus. »Ja«, sagte er kurz. Ich schwieg.

86 Am Abend packte ich meinen Koffer. In eine Handtasche schob ich das Nötigste. Das kleine Zimmer war nun kahl. »Nehmt alles mit«, befahl der Fürst den Dienerinnen der Kinder. »Vergeßt die Lehrbücher nicht«, scherzte er. »Ich dachte, wir reisen in die Ferien?«, schmollten sie. »Wir wissen nicht, wann wir zurückkehren«, sagte er und wandte sich ab.

Das Gitter zu unserm hellen Tennisplatz schlossen wir mit einem kleinen Vorlegeschloß. »Soll ich den Schlüssel an mich nehmen?«, fragte ich. Der Fürst blickte über den flimmernden Platz, über die Bäume, die tiefer am Hang standen, über das waldige Tal hin: »Wenn sie hier ein Geschütz postieren wollen, werden sie den Schlüssel nicht erst bei Ihnen holen kommen.« Ich ließ ihn im Schloß stecken.

Am Sonntagvormittag schoben wir die Kinder, ihre Erzieherinnen und die Dienerschaft in einen Zug, der talwärts fuhr. Am Bahnhof herrschte wimmelndes Gewühl; die Ratlosigkeit der Sommerfrischler schrie nach Zügen, nach Meldungen aus der Hauptstadt, nach Entscheidung.

Der Fürst schloß das Haus und bestellte einen Wagen; zusammen fuhren wir das kühle 87 Waldtal hinab. Unter den breiten Baumkronen, zwischen den riesigen Stämmen der Tannen, vorbei an rauschenden, jagenden Wassern klapperten die Hufe der Rosse auf der harten Straße. Der Wald stand ruhevoll im Mittagsglast der sommerlichen Reife. Er schob sich dunkel gebauscht vor die silbern schimmernden Felswände der Berge. Wenn ich zurückblickte, versanken ihre hellgrauen Spitzen tiefer und tiefer im grünen Wipfelmeer.

Unserm Wagen entgegen stob ein Reiter das stille Tal herauf. Ein Bauernbursche, ohne Hut, in der einen Hand die Zügel, in der andern einen Brief. Der Fürst ließ unsern Wagen halten, hob den Arm; der Reiter trieb das Pferd an den offenen Schlag. »Wohin?«, fragte der Fürst. Der Bursche musterte uns, dann sagte er kurz: »Hinauf ins Tal.« »Was für einen Brief trägst du da?«, forschte der Fürst. Der Reiter drängte das Tier einen Schritt zur Seite. »Ich weiß nicht, was er enthält«, sagte er mürrisch und unsicher. »Zeig her«, befahl der Fürst und nannte, etwas verlegen, seinen Namen; er streckte die Hand aus. Der Bursche blickte uns starr in die Augen; auf seinem Gesicht kämpfte die gehorsambereite Willfährigkeit mit 88 der Erinnerung an einen scharfen Befehl; er schüttelte kaum merklich den dunkeln Kopf, stieß plötzlich seinem Pferd die Fersen in die Weichen und jagte davon, geduckt, um die verlorene Zeit einzuholen. Der Fürst lächelte vor sich hin und murmelte: »Krieg – eine andere Zeit.« Nach einer Weile, als wir weiterfuhren, sagte er: »Der Bursche hat ganz recht gehandelt. Aber wagt man nicht mehr, das Telephon zu benutzen? Was für ein Land –.«

Wir fuhren den ganzen Tag. In der heißen Mittagsstunde, als wir aus dem Waldtal hinaus in die rotsandigen Hügel gekommen waren, rasteten wir im schmalen Schatten einer Dorfschenke; dann fuhren wir weiter. Die Weinberge leuchteten hellgrün hinter den buschigen Kronen der Obstbäume, vor den Holzzäunen der niederen Lehmhütten standen hochgewachsene Männer im Gespräch, Frauen schleppten an wippendem Tragjoch in matten Eimern das Wasser aus dem versickernden Fluß in das Dorf, fern ragten, wie ernste dunkle Friedhofbäume, die schwarzen Bohrtürme über dem aufgerissenen, versengten, unfruchtbaren Erdölboden. Wir bogen von der Straße in die holprigen Feldwege ab, fuhren zwischen Mauern von 89 raschelnden Maisstauden, hinter denen die Fluten des Korns atmend wogten, verloren uns tief in der Grenzenlosigkeit des flachen Landes. Staub und Hitze schlossen uns die Lippen und brannten in den Augen. Die Sonne sank am unendlichen Himmel; es war, als ob alle Glut des Tages in einem feurig schmelzenden Tropfen, den die dunstige Luft nicht mehr halten konnte, den fernen dunkelvioletten Höhen zurolle.

Aus den schimmernden Aeckern hob sich das verstaubte Baumgetümmel eines alten tiefschattigen Parks, eine bröckelnde Mauer schob sich an die Straße heran, Schuppen und Ställe umschlossen einen graslosen, zerstampften Hofplatz. Wir fuhren an ihm vorbei; sogleich entstand Bewegung unter den bäurischen Arbeitern, die herumlagen, sie sprangen auf, traten zur Straße, schauten unserm Wagen nach, der langsam durch ein hohes, baufälliges Gittertor in das Dämmerlicht der gewaltigen Bäume tauchte. Das Eisenwerk, ein zierliches Gebilde, war vom Roste braun; die Prellsteine schienen von manchem Rad angefahren worden und von der Zeit verwittert zu sein. Aus dem nahen Busch, der die Wegkanten wild überwucherte, 90 traten zwei Männer raschen Schrittes hervor; lange Flinten ragten quer hoch über ihre breiten Schultern, im roten Gürteltuch staken klobige Pistolen; sie verbeugten sich tief, indem sie die Hände über der Brust zusammenlegten. Es waren die zwei Wächter, die Tag und Nacht das Haus umspähten und den Park durchstreiften, Türken, dem rumänischen Gesinde des Gutes fremd in Sprache und Sitte, dem Herrn ergeben wie seine Augen.

Unter dem dunkeln Laubgang hervor glitten wir auf den hellen Kiesplatz. Nieder, breit und schwer lag das Haus; die hohen Fenster beinah zu ebener Erde standen weit offen hinter starken Gittern; flache Stufen führten über eine dunkel umwachsene Vorhalle zur eisenbeschlagenen Bogentüre. Im hohen, kühlen Flur jubelnd empfingen uns die Kinder und wiesen uns stolz die Zimmer, die sie bezogen und notdürftig wohnlich ausgestattet hatten.

Rasch sank der Abend. Dunkel säumten die Bäume das letzte Licht auf der Wiese; mit erregtem Gekrächz tobten Schwärme von Krähen über den zackigen Wipfeln; im hohen verwilderten Gras weideten die Rosse. Vom Hof her kamen, auf nackten Füßen, die Bauern, 91 scharten sich bei der Treppe, wünschten den Fürsten zu sprechen, wurden vom Verwalter der Ländereien, der rasch erschienen war, grob angefahren und in die Nacht zurückgetrieben. Dann traten die beiden Männer abseits, zu langem Gespräch, und spät und müde setzte sich der Fürst zu uns an den Abendtisch.

Gellende Hornstöße riefen ferneher durch die Nacht. Die Kinder sahen uns fragend an, eilten hinaus, kehrten angstvoll zurück. Der Fürst sagte leise, ohne aufzublicken: »Der Krieg.« Alle schwiegen. Klagend schrien die Hörner über das reife Land, durch die dunkle Einsamkeit. Wir würgten das Brot hinunter, schluckten durstig den Wein; er schmeckte uns nicht.

Die Kinder wurden zu Bett gebracht. Eifrig, doch flüsternd unterhielten sie sich auf der Schwelle ihrer Zimmer, berieten mit den verängstigten Mägden darüber, ob sie die Kleider nicht am Leibe behalten und eines jähen Alarms gewärtig sein mußten, fügten sich nur widerstrebend in die gewohnte Regel, stets hinaus lauschend nach Hornruf und Marschschritt, und schliefen, überwältigt von ihrer Müdigkeit und dem Nachhall des erregten Tages, plötzlich 92 mit der letzten Frage auf den Lippen ein, während Stine, die deutsche Kinderfrau, weinend von Bett zu Bett ging.

»Ja, da ist nun Stine«, sagte der Fürst zu mir und blickte durch das Fenster in die Nacht hinaus. »Soll sie hier bleiben? Sie sollte fort, weg, solange noch Zeit ist. Ist noch Zeit? Ich habe sie selber angestellt und ihr versprochen, sie über die Grenze zu senden, ehe der Krieg ausbräche. Ich glaubte nicht an diesen Krieg. Nun ist er da. Was soll mit Stine geschehen?«

Er sah bekümmert aus.

»Es kann ja rasch zu Ende gehn. Es kann lange dauern. Unser Schicksal ist einem größern angehängt worden. Wir wissen gar nichts mehr.«

Wir schritten zusammen hinüber zu den Ställen. Noch immer standen die Bauern herum. Der Fürst rief ihnen zu: »Wer muß einrücken?« »Ich – ich – und ich«, antworteten dumpfe, rauhe Stimmen aus der Dunkelheit.

»Und ich«, sagte der Fürst leise zu mir und zog mich weiter. »Sie werden hier die Aufsicht übernehmen müssen. Der Verwalter bleibt. Aber im Haus. Im Park. Die Türken, sie werden morgen als unsere Feinde abgeführt 93 werden; die treusten Diener! – Würden Sie den Versuch wagen, Stine an die Grenze zu bringen, ihr fortzuhelfen?«, fragte er plötzlich und blieb stehen. »Morgen früh müßten Sie fahren, noch diese Nacht.«

Ich zögerte nicht. »Ist es noch möglich?«, fragte ich nur. Der Fürst zuckte die Achseln.

 

94 Ehe der Tag graute, bestiegen wir den Wagen und fuhren durch die Felder davon. Der junge Kutscher saß gebeugt vor uns auf dem Bock; wenn er aus seinem Schlummer erwachte, trieb er die Pferde an, die ruhig ausgriffen. Stine, in ein dunkles Tuch gehüllt, weinte still vor sich hin; ihre Schulter stieß leise bebend gegen mich. Sie klagte ihre dumpfe Sorge, das wirre Leid einer Nacht: »Die Kinder, was werden sie sagen, wenn ich am Morgen nicht da bin? Ach, dieser Krieg; aber ich fühlte, daß er kam. Er ist ein großes Unglück für das Land. Was will es ohne unsere Hilfe? Und die Kinder, was wird aus ihnen ohne mich?« Starr, aus weinenden Augen blickte sie in das graue Land. Der Morgen rang sich strahlend empor.

Wir ratterten über das holprige Pflaster der kleinen Stadt, die langsam im Frühlicht erwachte. Am Bahnhof war lautes Getue; lange Züge mit Truppen standen auf jedem Geleise; Feldküchen dampften. In einer Nebenstraße ließ ich vor einem hellen Hause halten, sprang aus dem Wagen und trat in den Garten. Vor der Tür, die das österreichische Konsulatsschild krönte, standen ratlos und verlegen einige Männer und Frauen. Ihre Gesichter 95 wandten sich erschreckt mir zu, als ich zwischen sie trat. »Ist niemand hier?«, fragte ich in deutscher Sprache. Keiner antwortete. Ich drückte auf den Knopf der Klingel; sie schrillte durchs Haus, durch die kühle Frühstille.

Ein Diener riß die Tür auf, in Hemd und Hose, und flüsterte barsch: »Hab ich euch nicht gesagt, es nützt nichts? Wer schellt schon wieder, zum Teufel?«

Ich fragte ruhig nach dem österreichischen Konsul. »Schläft«, erwiderte der Diener. »Kommen Sie später, wenn Tag ist.« Er schob die Türe zu. Ich stieß meinen Schuh zwischen Schwelle und Holz: »Dringende Paßangelegenheit. Ich muß ihn sofort sprechen.« Erstaunt maß mich der Kerl: »Was erlauben Sie sich? Wer sind Sie? Ist jetzt Kanzleistunde?«

Ich fuhr zurück. »Wissen Sie nicht –? Krieg?« Rings um mich stieg das Murmeln ungeduldig und höhnisch: »Hier weiß man von nichts. Uns hat man aus Haus und Bett gejagt, in die Nacht. Der Herr Konsul schläft.« Zorniges Gelächter. Der Diener drückte die Tür ins Schloß.

Wir standen im Garten, unter den Büschen, deren Blüten in der frühen Sonne schimmerten. 96 Alle redeten auf mich ein. Es waren Arbeiter aus dem Erdölgebiet, Techniker, Ingenieure, Kaufleute. Frauen saßen müde auf der Bank, klaubten Brot aus ihren Handtaschen, boten es den Kindern. Neue kamen herzu, ein paar Juden, ein bärtiger Förster mit Hornknöpfen auf der braunen Jacke und einem wippenden Gamsbart am grünen Hut. Viele kannten sich, erzählten ihre Schicksale, jammerten laut, fluchten. Auf der Straße, vor dem hölzernen Zaun, rottete sich rumänisches Volk, höhnte und drohte. Stine wickelte sich aus ihrer Decke, verließ den Wagen und trat unter ihre Landsleute. Ich versuchte sie zu bewegen, weiterzufahren, der Grenze zu – doch dies schien mir aussichtslos – oder zurück aufs Landgut. Wir näherten uns zögernd der Gartenpforte. Zwei rumänische Soldaten standen davor – wir hatten sie nicht anrücken sehen – und wehrten den Weg. Andere vertrieben das neugierige Volk. Ein Trupp stand im Garten, verteilte sich rasch um das Haus. Ein Offizier klingelte an der Tür, lang, ungeduldig. Er drehte sich um, bevor ihm geöffnet wurde, sagte zu uns allen: »Keiner verläßt den Garten; ihr seid gefangen«, und schritt an dem 97 sprachlosen Diener vorbei in die Wohnung. »Der Herr Konsul schläft!«, brüllte ihm eine Stimme höhnisch warnend nach.

Neues Klagen erhob sich unter den Leuten. Das Wort von der Gefangenschaft, rauher Kriegssprache entlehnt und hier dem Sinne nach gewiß nicht am Platze, riß mit einemmal die grauenvolle Not des angebrochenen Tages in das Bewußtsein aller. Was war denn geschehen? War nicht der Himmel hoch und klar wie seit Wochen schon in diesem gesegneten Sommer? Wartete nicht der Acker auf die braunen Hände, der Markt auf die gellen Rufe der Händler, der schwarze Bohrturm auf die Tagschicht, – mein Zögling auf die Rechenaufgabe, die ich ihm in die widerborstige Feder diktierte? Alles stockte; so stockt das Blut im kranken Leib. Alles war verwirrt, verknäuelt, unübersehbar; so schlägt das Fieber den gequälten Leib. Höhnisch glich der Tag allen andern; grausam verschieden von ihnen war er zugleich. Und wir Menschen, alle, gleich wie gestern und doch anders; Gefangene alle, hüben und drüben von diesem wackelnden Gartenzaun, den Soldaten im feldgrünen Kleide mürrisch bewachten.

98 Der Vormittag verging rasch. Neue Häftlinge wurden eingeliefert; sie füllten den Garten und man lagerte sich auf dem Rasen, unter den Bäumen, im Schatten der Büsche. Man sprach mit den Soldaten, mit dem Polizisten, den manche kannten und der gegen Entgelt bereit war, die Nahrungsmittel in der Stadt einzukaufen. Man teilte das Mittagsbrot mit ihm; er tröstete uns dafür. Am Nachmittag sandte ich ihn mit meinem Paß zum Polizeikommandanten; auf einen Zettel schrieb ich mein Begehren, unverzüglich freigelassen zu werden. Heulend kam er zurück; der Kommandant habe ihn wegen der Störung seiner Mittagsruhe geprügelt.

Rasch sprach es sich unter den Gruppen im Garten herum, daß ich nur aus Versehen oder Zufall in der Haft weile und daß ich ohne Zweifel freigelassen würde, sobald sich die Obrigkeit mit uns zu befassen geruhe. Ich wurde mit Aufträgen bestürmt, sollte Angehörige, Freunde und Gönner unterrichten; mein Notizbuch füllte sich mit Adressen.

Unterdessen waren die untern Räume des Konsulats den Häftlingen erschlossen worden. Vor dem Ofen kauerten Beamte, die in den 99 versengten Resten hastig vernichteter Papierstöße herumstocherten. Die Frauen und Kinder richteten sich hier für die Nacht ein.

Ueber den Zaun hinweg, von den Soldaten nicht behindert, gab ich dem immer noch harrenden Kutscher Befehle. Er führte den Wagen in die Stadt, die Pferde in einen Stall; sollte ich am nächsten Morgen nicht frei sein, so fuhr er eilig aufs Landgut zurück, wo er, so hoffte ich schwach, den Fürsten noch finden würde.

Es kam die Nacht. Niemand kümmerte sich um uns. Die Wachmannschaft verblieb unabgelöst auf ihrem Posten; doch schritt sie nun reger ums Haus und dem Zaun des Gartens entlang, um jeden Fluchtversuch zu verhindern. Ihre Gewehre wurden vor unsern Augen geladen; im Dunkel blitzten ihre Bajonnette auf.

Uns hatte man zur Nachtruhe die Rasenflächen des Gartens angewiesen. Ein paar Decken waren da; viele hatten ihre Mäntel gleich mitgebracht. Zum Kopfkissen erhielten wir in der Kanzlei gewichtige Stöße bedruckten Papiers. Beim Schein des flackernden Streichholzes, das die letzte Zigarette des Tages 100 entzündete, sahen wir, daß wir auf den offiziellen Todes- und Verlustlisten der k. k. österreichisch-ungarischen Armee ruhten. Ueber uns funkelten die Sterne des ewigen Himmels.

Die Morgenkühle weckte uns vor Tagesanbruch. Mit steifen Gliedern erhoben wir uns, stampften uns warm und schlugen die Arme um den Leib.

Mir war am Abend unter den eingebrachten Häftlingen ein derbknochiger Bursche aufgefallen, der ohne Kopfbedeckung, in groben Schuhen scheu durch die Gruppen gegangen war und sich abseits gelagert hatte, einen kleinen Lederkoffer zwischen die Knie gepreßt und starr vor sich hinbrütend. Nun, am Morgen, trug er einen weißen Leinenkittel, wie ihn etwa Aerzte im Krankenhaus überziehen, wenn sie von einem Krankenbett zum andern gehen. Keiner schien ihn zu kennen. Er trat hier zu einer Gruppe, lauschte, redete ein Wort mit, wandte sich weg und mischte sich dort in ein anderes Gespräch. Seine Stimme klang rauh und heiser, seine Hände zeigten die Spuren grober Arbeit; ich hätte ihn für einen Mechaniker aus den Erdölwerken gehalten, wenn er nicht diesen lächerlichen Operationsmantel getragen hätte.

101 Plötzlich fühlte ich, daß er mich beobachtete. Er stand in einem Winkel des Gartens, den offenen Lederkoffer in der Hand, so, als ob er sich nächstens auf die Reise zu begeben gedächte, mit dem Aussehen des vergeßlichen Professors aus dem Witzblatt. Er starrte mich an, kam langsam einige Schritte näher, wandte sich wieder ab und stand mit einemmal, als ich allein war, neben mir. »Wollen Sie mir helfen – mir auch einen Dienst erweisen?«, flüsterte er. Ich wich zurück. Sein verwirrtes, drohendes Wesen beunruhigte mich. Er drängte sich näher an mich. »Ich werde in ein Lager geschleppt werden, wie alle hier. Gott weiß wohin, in die Donausümpfe. Man wird uns alles abnehmen. Ich habe Geld bei mir –«, er hob den offenen Koffer empor. Ich sah sofort, daß sein Schloß erbrochen war. Er wühlte mit der Hand in seinem Inhalt.

»Hier – das sind Instrumente; ich bin Zahnarzt, wie Sie sehen – alles in der Eile zusammengepackt – hier ist das Geld.« Er griff nach einem Bündel Banknoten und streckte es mir zu. »Bewahren Sie es für mich auf. Senden Sie mir ab und zu einen Schein ins Lager; ich werde ihn brauchen können. Aber ich will 102 mir nicht alles stehlen lassen. Nehmen Sie das Geld an sich. Nehmen Sie!« Er wollte es mir aufdrängen.

Ich wehrte ab, brachte Ausflüchte vor. Er ließ nicht locker.

»Warum wollen Sie mir nicht helfen?«, knurrte er. »Soll ich alles verlieren? Hier, sehen Sie: ich habe auch einen Paß, einen rumänischen Geburtsschein. Ein Freund hat ihn mir gegeben, vorgestern abend. Wir saßen beisammen, am Sonntagabend, und tranken und waren vergnügt. Kommt einer und sagt: ›Krieg!‹ Ich, auf und davon, packte zusammen, was mir unter die Hände geriet – ich bin Zahnarzt, wie Sie sehen –, und mein Freund leiht mir seinen Geburtsschein. Mit dem wollte ich reisen. Ach, wohin? Es ist ja alles zu- und abgesperrt. Ich kann doch nicht nach Rußland! Der Fetzen hat gar keinen Wert mehr, nachdem sie mich gestern aufgegriffen haben. Ich kann ihn vernichten.«

Seine klotzigen Hände zerrissen den rumänischen Geburtsschein; spähend, mit dem Häuflein Papier in der hohlen Hand, blickte er rund um sich, wohin er es werfen könne, und schob es dann in die Hosentasche.

103 »Es ist gefährlich, diese Fetzen in der Hosentasche zu tragen«, warnte ich ihn. »Man wird Sie untersuchen.«

Er fuhr jäh zurück, warf mir unter buschigen Brauen einen ängstlich bösen Blick zu und griff mit der Hand rasch in die Tasche.

»Warum tragen Sie diesen Mantel?«, fragte ich ihn und versuchte zu lächeln. »Hier sind doch keine Patienten.«

»Darf ich nicht tragen, was mir beliebt?«, schrie er mich an. »Hier haben doch nicht Sie zu befehlen!« Ich zuckte die Achseln. Er bückte sich nach seinem Koffer, versuchte ihn zu schließen ; es gelang ihm nicht, und er murmelte: »Den Schlüssel habe ich verloren, mußte das Schloß heute aufbrechen.«

»Haben Sie sich verletzt?«, fragte ich. Ueber seinen Handrücken lief eine rote Schramme; die Wunde klaffte noch, doch blutete sie nicht mehr. Er stieß hervor: »Am Schloß, ja, – wenn es Sie interessiert.« Wieder blitzte mich sein Auge böse an, mit dunkelm, wirrem Blick. »Heute?«, fragte ich erstaunt.

Er riß den Koffer vom Boden empor und verließ mich. Er mied meine Nähe und sprach nicht mehr mit mir.

104 Am späten Nachmittag – ich hielt am Zaune Ausschau, ob nicht der Fürst oder ein von ihm bewirkter Befehl mich befreien kam – erschien ein Zug Soldaten, mit ihm ein Zivilbeamter, geckenhaft sommerlich gekleidet, in weißen Segeltuchschuhen und hellem Gewand, mit einem seidenen Sonnenschirm am Arm. Er trat in den Garten ein, musterte verächtlich die Herumlagernden und verschwand in der Kanzlei. Ich schritt ihm nach, wies mich aus, ersuchte um sofortige Freilassung. Er hörte meinem Wort mit halbem Ohr zu. »Wir leben jetzt im Krieg«, sagte er zierlich. »Verstehen Sie nicht, daß so etwas im Krieg vorkommen kann?« »Ich beschwere mich nicht«, erwiderte ich, »aber ich wünsche, unverzüglich freigelassen zu werden.« Er, scharf: »Sie werden sich der Mühe unterziehen müssen, uns in die Polizeikaserne zu begleiten. Sie werden mich begleiten«, fügte er mit süßlichem Lächeln hinzu.

Die Ankunft des tänzelnden Zivilkommissärs und der neuen Soldaten, die, Gewehr bei Fuß, vor der Gartenpforte auf der Straße verharrten, hatte große Aufregung in die Schar der Häftlinge gebracht. Die Bündel wurden geschnürt, 105 die Kinder gesammelt, die Frauen blickten ängstlich auf die Männer.

Nach einer Weile erschien der Kommissär wieder auf der Treppe. Ein Unteroffizier gab Befehle: alle, Männer, Weiber und Kinder, hatten sich, je vier und vier, zum Abmarsch aufzustellen. Ein lockeres Netz von Soldaten umspann den Zug; sie trugen die Gewehre schußbereit im Arm.

»Eintreten«, schnarrte der Kommissär und wies mit der Spitze seines Sonnenschirms auf mich, der ich abseits stand. »Ich werde Sie begleiten«, sagte ich rasch, ihm freundlich beruhigend zulächelnd. Seine Züge versteiften sich. Die ganze Schar blickte auf ihn, auf mich. Das Blut stieg ihm in die Stirne. Er zischte dem Unteroffizier ein Wort zu. Vier Mann traten zu mir, umschlossen mich mit vorgereckten Waffen. Ich fügte mich lachend. Lange konnte die Komödie nicht mehr dauern.

So zogen wir durch das Städtchen, voraus die Schar der Häftlinge, die weinenden Frauen neben den stummen Männern, die Kinder mit bleichen Gesichtern, und am Schluß, unter besonderer Bewachung, ich allein. Der tiefe Staub der Straße wirbelte unter unsern Schritten 106 empor; er lag im Sonnenlicht wie eine silberne Wolke über den Häuptern der Unglücklichen, und in seinem wehenden Schimmer sah ich, weit vorn, den Gamsbart des stämmigen Försters lustig wippen. Neugieriges Volk betrachtete uns aus Fenstern und Türen und vom Fußsteig herab. Kein Wort, kein Ruf wurde laut. Der Schritt unserer Schuhe im Staub und auf dem holprigen Pflaster klang wie ein müdes, eintöniges Lied.

Vor dem Hof der Polizeikaserne erblickte ich, hoch auf dem Bock seines Wagens, unsern Kutscher. Er nickte mir zu und reckte den Stil seiner Peitsche gegen das helle Gebäude hinüber.

Man stellte uns in langer Reihe auf. Einer nach dem andern wurde in die Kaserne geschickt; keiner verließ sie wieder. Mitten in unsere zaghaft gewechselten Vermutungen über das bevorstehende Verhör und den Weitertransport der Internierten scholl lauter Lärm aus den offenen Fenstern der Kaserne, und ich vernahm die maßlos erregte und stürmisch wetternde Stimme des Fürsten. Unser Zivilkommissär kam im Eilschritt aus dem Tor gefahren, spähte die Front seiner Gefangenen 107 ab und eilte auf mich, der ich am äußersten Ende stand, zu, schon im Laufen keuchend: »Kommen Sie rasch! Bitte sofort. Was haben Sie mir eingebrockt!« Ich verharrte still. Er beschwor mich: »Haben Sie die Güte, mir zu folgen! Ich kann Sie doch nicht mit Waffengewalt in die Freiheit führen.« Verzweifelt blickte er auf die Soldaten, die mit glotzenden Augen neben mir standen. Ich schüttelte lachend den Kopf.

Aus dem Tor trat nun, gefolgt von einigen Offizieren, der Fürst. Sein Gesicht war finster vor Wut. Ich ging ihm rasch entgegen. Er gab mir die Hand. »Esel«, sagte er zu dem Kommissär, laut vor der Front. Dann winkte er Stine, und wir verließen den Hof. Unsere Gefährten blickten uns aus stumpfen, erloschenen Augen nach.

Als wir in den Wagen stiegen, flüsterte er in weicher Scham: »Küssen Sie die Kinder von mir. Wann werde ich sie wiedersehen?« Er hob die Hand zum Gruß.

Wir fuhren in den stillen Abend hinaus. Bald war die goldene Weite der Felder um uns.

 

108 Wäre nicht der Gedanke an den Krieg in unsern Sinn verkrallt gewesen, wir hätten ihn in der Einsamkeit unseres alten Landhauses auf Stunden und Tage hinaus vergessen müssen.

Ein Morgen wie der andere hob sich licht aus dem Düster der Bäume, die das Haus umrauschten; jeder Mittag brannte in verströmender Glut auf die flimmernden Felder herab; der Abend ging müd und zögernd über die Wiese zum See, der fern heraufblitzte. Wir badeten, wir ritten – doch nahm man uns eins ums andere die Pferde weg – und wir zwangen unsere Gedanken zum täglichen Unterricht. Brach die Nacht herein, so traten wir still in die Kapelle, die wie der Kern in der Frucht im Innersten des Hauses lag, lichtlos, vom schalen Geruch verglommener Kerzen erfüllt, und eines der Kinder sprach das Gebet, das unser Ohr jedes in seiner Weise hörte. Dann begab ich mich, die Faust in der Hosentasche um den Revolver gelegt, auf meinen Rundgang durch die dunkeln Alleen des Parks und hinüber auf den Hof, wo die Ställe und Arbeitsschuppen standen. Jedes Fenster mußte dicht verhängt sein, kein blitzendes Licht durfte die finstere Nacht durchstoßen. Denn hoch am sternklaren 109 Himmel surrten spähende Flugzeuge, und aus weiter Ferne krachten dumpf die Schläge fallender Bomben, die den Erdöllagern und Bohrtürmen galten.

Ab und zu kamen Nachrichten von der Front, kurze Notizen auf zerknüllten Karten, in spärlicher Rast während dem eilenden Vormarsch geschrieben, mit Mühe nur zu entziffern, mit kindlichem Jubel begrüßt. Die Zeitung schrie einen Sieg nach dem andern in unsere Stille, Namen von Ortschaften, Flüssen und Bergen im Siebenburgenland, die plötzlich aus ungarisch harter Form in rumänischen Klanglaut wechselten. Bis dann der jähe Einbruch im Süden, an der Donau und in der Dobrudscha bekanntgegeben wurde und das Land den zähen Griff der Klammer in seinen weitgezogenen, schwachen Fronten spürte.

Einen vergessenen Koffer mit Leinenzeug aus Sinaia zu holen, reiste ich eines Tages mit der Bahn nordwärts den Bergen zu, unsicher schon zu Beginn der Fahrt, wie weit ich auf der Strecke, die dem Nachschub von Militär nun fast ausschließlich diente, kommen würde.

Die Soldaten, unter denen ich mit wenigen andern Zivilisten saß, erzählten von ihren 110 Kämpfen, ohne Klage über das, was sie schon durchgemacht, doch mit mürrischen Bedenken für die Zukunft. Sie überblickten nicht die Gefahr der militärischen Lage, sie wußten nicht, in welche Lücke, an welche schwache Naht des eisernen Ringes sie so eilig geworfen wurden, aber sie fragten bang: »Wird uns wohl diesmal Munition nachgeschickt werden, so daß wir nicht mit nacktem Bajonett gegen die Maschinengewehre vorgehen müssen?« Und sie fürchteten, wieder tagelang ohne Speise in ihren Gräben zu verharren. In ihren Säcken trugen sie das geliebte Brot der Heimat mit sich, schonten es ängstlich, wenn sie schmale Streifen davon abschnitten, und rollten sich lieber, aus herumliegendem Zeitungspapier und den Resten meines Tabaks, schlanke Zigaretten, die stinkend qualmten und den knurrenden Magen betrogen.

Ruckweise und langsam keuchte der Zug durch das Tal empor. An den Hügelhängen kochte die Sonne den Wein. Auf den Stationen drängten sich die Soldaten um die Wassereimer, schöpften und tranken durstig aus hohler Hand. Im ratternden, rumpelnden Wagen sank ihnen der Kopf auf die hochgezogenen Knie, müde schliefen sie in der dumpfen Hitze des Mittags.

111 In einem kleinen Bahnhof drangen, kaum war der Zug kreischend zum Halten gebracht, Soldaten der Wache in die Wagen und hießen uns aussteigen. Wir traten neben die Geleise, standen auf dem rauhen Schotter herum, blickten zum Himmel empor, ob ein Fliegerangriff drohe, und zum Bahnsteig hinüber, wo ein beleibter Offizier aus heiserem Hals Befehle schrie. Die Wache durchsuchte den Zug, von der Lokomotive bis zum letzten Wagen.

»Die Soldaten, einsteigen!«, brüllte der Offizier. Sein gedunsenes Gesicht quoll rot und zuckend aus dem Uniformkragen. Seine Hand zerrte an der Revolvertasche. »Die Zivilisten, hinter den Bahnhof, an die Wand!«, befahl er. Wir wurden, ein halbes Dutzend, abgeführt.

An der grellweißen Wand des Gebäudes stellte man uns auf: einen Bauer, der die schwarze Mütze vom Kopf gerissen hatte, dann zwei junge Männer, die auf einer Station des Erdölgebietes in den Zug gestiegen waren und ihrem Aussehen nach Ingenieure oder Arbeiter sein mochten, einen jüdischen Handelsmann, einen alten Bauer und mich. Der kleine Platz vor dem Haus, von spärlich grünenden Bäumen umgeben, wurde nun von der Bahnwache in 112 lockerer Kette umzäunt. In den Ring trat der Offizier; sein Revolver funkelte stahlschwarz im Licht der Sonne, das steil und sengend auf unsre Gesichter fiel.

»Ihr habt euch,« schrie er, »in einen Militärtransport eingeschlichen, in einen Militärzug eingeschmuggelt. Ihr wußtet, dies ist verboten. Spione – werden erschossen. Kriegsrecht!«

Mir wurde dunkel vor den Augen. Im Gewölk kreisender Lichtwirbel sah ich den Mann erregt und fuchtelnd hin und her rasen, hinter ihm die Gewehre in den Armen der feldgrünen Soldaten, die aus braunen Gesichtern starr auf uns blickten, und brennend scharf in der Ferne die bewaldeten Höhen der andern Talseite, tiefe Schluchten, graue Kuppen, Steingeröll in einer Mulde.

Hoch fuhr der Arm mit der blitzenden Waffe. Die Stimme gellte über den glutheißen Platz: »Krieg! Feinde ringsum, und Feinde im eigenen Land, am Herzen der Mutter. Bin ich ein Mensch? Ich bin ein Soldat. Wer ist mein Weib? Die Schlacht! Wer mein Kind? Diese Waffe hier!« Sie zielte auf uns, ihre kleine schwarze Mündung glitt von einer Stirne zur 113 andern. Der alte Bauer beugte den Kopf, der Jude stürzte in die Knie.

Mit der Linken schlug der Offizier auf seine Brust. »Hier trage ich meinen Befehl; ihm muß ich gehorchen. Er ist geheim, an mich gerichtet. Er befiehlt mir zu tun, was ich tue.«

Das Getöse seiner Stimme wirbelte in meinem Ohr. Diesen Ton, herrisch und ängstlich zugleich, gefährliche Prahlerei und blumige Phrase verbindend, hatte ich schon gehört; er war mir aus der Umgangssprache ruhigerer Stunden, aus dem Disput des Salons, aus dem Trubel der Straße bekannt. Mit einem innerlichen Ruck gewann ich die Beherrschung über mich selbst zurück. Ich maß den Mann.

Sein Gebahren schien wahnvoll. Reizte ihn eine Bewegung, ein Wort von uns, der Versuch zu fliehen oder ihm in den Arm zu fallen, so geschah das Unglück; hinter seinem zuckenden Finger drohten zwölf Gewehrläufe. Einzige Rettung lag in der Möglichkeit jäher Erschlaffung. Auf sie zählte ich; oft genug hatte ich sie im Wesen dieses Volkes schon erlebt.

Und langsam sank sein Arm. Seine linke Hand nestelte an der Tasche des Rockes, riß 114 ein zerknülltes Papier hervor und entfaltete es, während er stammelte: »Ihr glaubt mir nicht, daß ich euch erschießen darf? Ihr wollt es nicht glauben, ihr Hunde, ihr Zivilisten . . . Hört, was der Befehl sagt! Eigentlich darf ich ihn nicht lesen, er ist geheim, ein Geheimbefehl. Nun gut, ihr steht da vor dem Tode; hört ihn gleichwohl.« Und er las ihn vor, einen einfachen und durchaus verständlichen Befehl, wie er wohl an alle Bahnwachen erlassen worden war: über den Transport von Truppen, über die Verpflegung, über die Schutzmaßnahmen bei Fliegerangriffen, über die Spionengefahr. Die sachliche Knappheit des militärischen Stils schien seine Wallung zu brechen; seine Stimme wurde über den robusten Sätzen beinahe weich, überschlug sich und glitt in ein weinerliches Stöhnen, das den Juden sich wieder aufrichten, mich still für mich lächeln ließ.

Mit einer wegwerfenden Handbewegung, während sein Blick aus feuchtem Auge über uns ging, schloß er sanft: »Steigt ein! Beeilt euch, daß wir abfahren können. Ihr habt uns zu lange schon aufgehalten. Aber denkt nicht, so glimpflich kommt ihr jedesmal davon. Es ist eine schwere Zeit«, murmelte er.

115 Wir stiegen in die Wagen. Aechzend zog die Lokomotive an. Die Soldaten lachten und winkten aus den Fenstern dem Offizier zu: »Fettschwein, wann kommst du zu uns in den Schützengraben?« Er stand, mit gebeugtem Kopf, sinnend auf dem Bahnsteig, ein trauriger Mensch, hilflos in der unbarmherzig herniederstürzenden Lichtflut des Mittags.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.