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David Friedrich Weinland: Rulaman - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
titleRulaman
senderKurt Kloeppel
year1972
publisherRainer Wunderlich Verlag -- Hermann Leins
authorDavid Friedrich Weinland
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7

Eine Nacht im Urwald

Nachdem Repo den Boten zur Huhkahöhle abgesandt hatte, um den Angekko für den verwundeten Bruder und Hilfe zur Fortsetzung der Jagd zu holen, machten die ermüdeten und hungrigen Männer auf der Waldwiese ein Feuer an und bereiteten sich aus dem vom Löwen erlegten Pferd, von dem freilich der Löwe schon fast die Hälfte aufgezehrt hatte, ein köstliches Mahl.

Man darf dabei nicht an unsere großen schönen, edlen Pferde denken. Jenes wilde deutsche Urpferd war ein kleineres Tier mit dickem Kopf und dünnen Beinen, jedoch ein echtes Pferd mit Mähne und Schweif. Aber seine Mähne war kurz, kraus und aufrecht stehend, seine ganze Behaarung rauhwollig, dicht, lang; die Farbe war bei allen gleich, fahlgrau mit einem schwarzgrauen Aalstreifen über den Rücken; von der gleichen Farbe waren Mähne und Schwanz. Es war im ganzen dem flüchtigen Tarpang, jenem wilden Pferde, nicht unähnlich, das noch heute in Herden auf den Steppen Mittelasiens, besonders in der großen mongolischen Wüste um den Aralsee lebt und von den Einwohnern gejagt und gegessen wird.

Lange dauerte das Mahl. Diese Naturmenschen ließen sich durch die Sorge um ihren daneben liegenden verwundeten Häuptling nicht sehr beunruhigen. Sie konnten unglaublich viel auf einmal essen, ebensogut aber auch tagelang hungern, wie dies auch von allen Raubtieren, mit denen der damalige Mensch in Leben und Nahrung soviel Ähnlichkeit hatte, bekannt ist.

Wie Kinder begannen sie mit dem Besten zuerst, mit dem Gehirn. Sie schlugen mit Feldsteinen die Schädelkapsel auf und rösteten den Inhalt in dieser knöchernen Schüssel. Dann machten sie sich an einen anderen Leckerbissen, an das Mark der langen Röhrenknochen, die sie sehr geschickt der Länge nach zu spalten verstanden.

Jetzt wurde das Fell, das sie mit Feuersteinmessern und mit Hilfe eines dicken, oben und unten abgerundeten Geweihzapfens abgezogen hatten, sorgfältig zusammengepackt und mit Riemen zum Heimtragen geschnürt. Dann legten sich alle sorglos um den Häuptling herum, unter dem Schutzdach der Fichte, zum Schlafen nieder. Freilich kein Schlaf, wie wir ihn uns denken, wo alle Sinne ruhen. Vielmehr ein Schlaf, wie wir ihn bei unserem Wild, bei Hunden, Naturvölkern und auch vielfach noch beim Landvolk beobachten, mit offenem Ohr, fast mit offenem Auge.

Einer bestieg den Baum als Wache, von dem er nur zuweilen herunterkam, um das Feuer zu unterhalten. In diesem Geschäft lösten sie sich nacheinander ab.

Darüber wurde es Abend.

Noch schliefen Rul und Rulaman. Die Männer begannen unruhig zu werden wegen der Nacht. Man beschloß, für den Notfall eine Hütte über dem Häuptling zu bauen, wie sie es öfters taten, wenn sie auf ihren Jagdzügen von der Nacht überrascht wurden. Die Hütte kam in kürzester Zeit zustande. Die Gewandtheit, mit der sie trotz ihrer mangelhaften Werkzeuge die Sache ausführten, war erstaunlich, ebenso die fast unheimliche Stille, womit es geschah. Kein Wort wurde gesprochen, alles Klopfen absichtlich vermieden. Denn nirgends ihre Gegenwart zu verraten, war eine der ersten Klugheitsregeln dieses Jägervolkes.

Vier armdicke Tannenstämmchen wurden in regelmäßiger Entfernung zu einem Viereck in den Boden gesteckt und mit schweren Steinen, die man um sie herumlegte, aufrecht gehalten. Sodann wurden dünnere dazwischen gesteckt und dieses Gerippe mit Tannenzweigen ausgeflochten, auch ein ganz erträgliches Dach durch übergelegte Stämmchen und Zweige hergestellt. Eine Seite, und zwar die nach Osten, blieb offen, denn die ersten Strahlen der Sonne, die sie als eine Gottheit verehrten, sollten in die Hütte hineinfallen.

So schienen Rul und sein Sohn für alle Fälle wohlgeborgen.

Die Nacht brach herein, eine herrliche Sommernacht mit klarem Sternenhimmel wie die vergangene. Nur nach Westen hin begrenzte eine schwere, schwarze Wolke den Horizont; ein frischer Gebirgswind rauschte durch die Wipfel der Föhren, da und dort knarrte und ächzte leise ein Ast. Der Tannenwald und die würzigen Wiesenkräuter verbreiteten einen köstlichen Duft. Ringsum herrschte Totenstille, die nur hin und wieder von dem fernen Geheul eines Wolfs oder einer Hyäne oder dem Johlen einer Nachteule unterbrochen wurde, Laute, die unsere Aimats so gewohnt waren, daß keiner sich darum kümmerte.

»Wir werden Sturm haben«, sagte Repo.

»Ist wohl der Burria tot?« fragte ein anderer zurück.

Das war ein Gedanke, der längst alle im geheimen beschäftigte, aber keiner hatte gewagt, ihn auszusprechen, um nicht seine Furcht zu verraten.

»Er wird nicht zu dir hinaufsteigen auf den Baum, auf den du fliehen wirst«, erwiderte Repo verächtlich und ging in die Hütte hinein, um, wie er schon oft während des Tages getan hatte, sein Ohr auf die Brust des schlafenden Bruders zu legen.

Freudig kam er zurück. »Sein Hauch ist wieder kräftig geworden, Rul wird uns nicht sterben«, flüsterte er den Brüdern zu.

Wieder wurde es still. Da ertönte ein feiner Pfiff der Wache vom Baum herunter und dann rasch hintereinander drei Laute, wie von einem heulenden Wolf.

Dies war das Zeichen für »ein Wolf in der Nähe«, eine übrigens so unbedeutende Erscheinung, daß die Männer kaum ihre Köpfe erhoben und um sich blickten. Aber sonderbar, ehe sie sichs versahen, rannte der Wolf über die Wiese her, in einem Satz über einen der daliegenden Männer hinweg und hinein in die Hütte.

Jetzt sprangen alle auf, dem Wolf nach. Aber schon hörten sie von innen die Stimme Rulamans: »Mein Stalpe, mein guter Stalpe!« Dazwischen heulte das Tier vor Freude, und Rulaman drückte und herzte es und sprang jubelnd mit ihm aus der Hütte, ohne im Augenblick an seinen armen, verwundeten Vater zu denken.

Als der Knabe am Abend nicht zurückgekommen war, hatte sich das treue Tier aus der Tulkahöhle fortgeschlichen, der Fährte seines jungen Herrn nach, und endlich hatte er ihn gefunden.

Über dem Lärm war auch Rul erwacht und aufgesprungen und hinausgerannt. Befremdet sah er um sich. Jetzt erst erinnerte er sich an alles, und jetzt erst fühlte er den furchtbaren Schmerz seiner Wunde.

Unwillkürlich erhoben die Männer ein Freudengeschrei. Repo umarmte seinen Bruder und drückte ihn heftig an sich.

»Wo ist der Burria?« war Ruls erste Frage.

Keine Antwort.

Da fiel sein Blick auf den Wolf. »Wir werden es bald wissen; der Wolf wird es uns sagen!« Da sein rechter Arm gelähmt war, ergriff er mit der linken, gleichgeübten Hand seinen Speer und winkte Repo und Rulaman, ihm zu folgen. Der Wolf ging mit wie ein treuer Hund.

Möglichst leise stiegen sie die Schlucht hinab. Diesmal folgten alle Männer in einiger Entfernung. Plötzlich erhob der Wolf unruhig seinen Kopf und knurrte. Er witterte den Löwen, denn dieser war auch ihm der gefürchtetste Feind.

Rul sah ihn aufmerksam an, ging dann einige Schritte weiter, der Wolf folgte.

»Der Burria ist tot«, sagte jetzt Rul; »sonst hätte der Wolf geheult und wäre schon davon.«

»Glaubst du, Vater?« sagte Rulaman.

»Kein Wolf kämpft für seinen Herrn«, erwiderte Rul.

Das tat Rulaman weh, doch schwieg er still.

Plötzlich trottete der Wolf voraus, immer windend, die Schnauze hoch in der Luft, und so sicher war Rul seiner Sache, daß er sofort dem Wolf, so schnell er konnte, folgte.

Ihm nach die anderen.

Der Wolf wandte sich nicht hinauf nach der Felsgrotte zu, in der sich der verwundete Löwe verkrochen hatte, und wo sie ihn noch vermuteten, sondern lief immer weiter hinunter an dem Gießbach. Ein jäher Felsabsturz, über den der Bach rauschend hinabfiel, hielt sie hier auf.

Dort stand der Wolf still und stierte knurrend in die schwarze Tiefe.

»Der Burria ist hinuntergestürzt. Der Abgrund ist tief, aber wir müssen hinunter. Wir brauchen einen Baum von acht Manneslängen«, sagte Rul zu Repo, der ihm auf den Fersen gefolgt war.

Indes waren auch die anderen Brüder sowie die beiden Burschen zur Stelle gekommen. Die Männer gingen in den Wald, um mit den Steinbeilen einen Baum zu fällen, notdürftig zu entästen und ihn dann an die Kante des Felsens heranzuschaffen.

Mit Steinbeilen den Baum umzuhauen, das war kein Kleines und ist schwer zu begreifen für uns, die wir an Metall und an die besten Werkzeuge gewöhnt sind. Und doch, denken wir einmal nur einige Jahrhunderte zurück, mit wie geringen mechanischen und chemischen Hilfsmitteln die prächtigsten Kunstprodukte des Mittelalters, Gemälde mit fast unvergänglichen Farben, Geschmeide von Gold und Silber hergestellt wurden! Mit wie einfachen Werkzeugen arbeitete noch vor einigen Jahrzehnten der Chinese, der Japaner, und wie ausgezeichnet waren oft ihre Leistungen! Durch Übung, tägliche Übung, Fleiß und Beharrlichkeit lernt man, wie der Amerikaner Franklin sagte, »mit Sägen schneiden und mit Messern sägen«.

Einige Stunden waren über der Arbeit vergangen und der Wolf indes verschwunden. Auf einmal ertönte aus der Tiefe ein Gebrüll, Gestöhne und Gekläff wie von kämpfenden Tieren.

Rulaman erkannte die Stimme seines Lieblings; »Stalpe, Stalpe!« rief er und jammerte laut, denn er glaubte seinen Wolf im Kampf mit dem Löwen. Der Vater, der neben ihm stand, tröstete ihn.

»Der Burria ist tot. Dein Wolf rauft sich nur mit einer feigen Dabba und einem Rudel Nials um die Beute. Ich kenne sie an der Stimme. Er wird alle zusammen leicht meistern.«

Bald hörte man in der Tat nur noch das Knurren des Wolfes, dann aber ein plötzliches Heulen desselben, das sich immer weiter entfernte und allmählich weit unten im Tal verlor.

»Das ist sonderbar«, flüsterte Rul vor sich hin und schüttelte den Kopf.

Die Nacht war stockfinster geworden. Der Himmel hatte sich umwölkt, ein sausender Sturm erhob sich auf einmal im Wald und riß die morschen Äste krachend von den Bäumen herunter. Von fern her ertönte mächtiges Donnerrollen.

Ohne darauf zu achten, arbeiteten die Männer weiter. Eine schwere Arbeit war es, den Baum herauszuschleppen aus dem finsteren, überall mit Gestrüpp verwachsenen Urwald. Grelle Blitze, die von Zeit zu Zeit die ganze Gegend erhellten, halfen ihnen.

Rulaman lag regungslos, lang ausgestreckt, am Rande des Abgrunds und blickte mit überhängendem Kopf hinunter nach seinem treuen Wolf, freilich, ohne das geringste sehen zu können.

Jetzt zuckte ein Blitz gerade vor seinen Augen jäh in den Abgrund, und zugleich ertönte ein furchtbarer Donnerschlag. Der Knabe schauerte zusammen, aber bei der hellen Beleuchtung durch den Blitz hatte er die ganze Lage in der Schlucht mit einem raschen Blick überschaut.

Er schrie laut auf: »Der Burria liegt unten, und auf ihm steht ein riesiger Änak. Wo ist mein armer Stalpe?«

»Hoho«, sagte Rul, »Altväterchen«, so nannten sie den Höhlenbären scherzweise, »du bist in eine Falle geraten, du willst unsere Beute stehlen wie eine elende Dabba! Rulaman, freue dich, wir schmoren heute noch Bärenpfoten!«

Damit lief er rückwärts zu den Männern und berichtete ihnen mit wenig Worten über den Stand der Sache.

»Wieviel Wurfspieße habt ihr noch?« fragte er.

»Nur drei«, antwortete Repo; »die anderen stecken im Burria. Aber Pfeile noch genug.«

»Es ist gut. Kommt alle!«

Mit einem Zeichen der Hand bedeutete er sie, ihm so still als möglich zu folgen. Gleich einem Heerführer stellte er jeden auf seinen Posten am Rande des jäh abstürzenden Felsens.

Wie der verwundete Falke oft seine Beute festhält und alles, selbst die nächste Todesgefahr, darob vergißt, so zitterte dieser schwerverletzte, wilde Jäger vor Jagdlust und fühlte keinen Schmerz mehr. Er ergriff einen Wurfspieß mit seiner Linken, Repo und ein dritter Mann die zwei anderen. Die übrigen, auch Rulaman und die Burschen, legten Pfeile auf die Bogen, und so knieten sie alle mit übergeneigter Kopf schußbereit am Felsrand und durchbohrten mit ihren Blicke in atemloser Spannung den finsteren Abgrund.

»Beim ersten Blitz lugt scharf, beim zweiten schießt«, flüsterte Rul. Kaum hatte er dies gesagt, so war ein Blitz heruntergefahren. Nur ein leises »Ah« der Freude ließen die Männer hören. Alle hatten jetzt deutlich den Bären gesehen und konnten genau auf ihn zielen.

Aber offenbar hatte der Bär auch schon die Nähe seines Todfeindes, des Menschen, gewittert. Denn er stand nicht mehr auf dem Löwen, sondern etliche Schritte weiter ab von der Felswand. Dort hatte er sich hoch aufgerichtet und schnüffelte und windete hinauf nach den oben lauernden Männern. So hatten sie ihn gesehen, und wenn er bei dem folgenden Blitz noch so stand, bot er ihren Wurfspießen und Pfeilen seine ganze kolossale Größe und seine günstigste Seite als Zielscheibe dar.

Das wußten alle. Es folgten zwei lange, bange Minuten der Finsternis. War das Gewitter vorüber? Kam kein Blitz mehr ihnen zu Hilfe? Hatte der Bär indes eine andere, weniger schußgerechte Stellung eingenommen oder gar, wie er meist pflegte, vor den Menschen die Flucht ergriffen?

Endlich zuckte ein zweiter Blitz, und nieder sausten in einem Augenblick die Wurfspieße und Pfeile in den Abgrund. Ein fürchterliches Gebrüll, das Wald und Felsen erdröhnen machte, war die Antwort aus der Tiefe.

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