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David Friedrich Weinland: Rulaman - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
titleRulaman
senderKurt Kloeppel
year1972
publisherRainer Wunderlich Verlag -- Hermann Leins
authorDavid Friedrich Weinland
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6

Der Angekko und die Huhkahöhle

Nordöstlich von der Tulka, etwa eine Meile von ihr entfernt, im dunklen Grunde einer tiefen Waldschlucht, lag eine andere Höhle, nicht warm und sonnig wie die Tulka, sondern feucht und kalt, aber weit größer als die Tulka, mit mehreren Seen im Hintergrund, aus denen ein kleiner Bach entsprang. In dieser Höhle, Huhka, das heißt Uhuhöhle, genannt, lebte ein den Tulkas nahe verwandter und befreundeter Aimat-Stamm, weit zahlreicher als jene.

Der Häuptling dieses Stammes war ein merkwürdiger Mann, der weniger durch Mut und Kraft, wie Rul, als durch Verstand und Schlauheit herrschte. Als Angekko, das heißt Zauberarzt, war er weit und breit unter dem Urvolk der Aimats berühmt und fast noch mehr gefürchtet.

Auch die Höhle, die er mit seinem Stamm bewohnte, zeichnete sich durch allerlei Merkwürdigkeiten vor allen anderen in der Nachbarschaft aus.

Schon der Eingang war großartig, hoch, gewölbeähnlich, wie das Portal eines Domes, und bot zunächst eine weite, gegen Regen und Sturm geschützte Vorhalle, in der eine große Anzahl Menschen Unterkunft finden konnte. Weiterhin in den Berg hinein führte kein enger Felsenschlitz, wie bei der Tulka, sondern ein breiter, aber niederer Gang. Hier wurde es bald finstere Nacht, und ohne Fackel war es unmöglich, weiter vorzudringen. Dann plötzlich verschmälerte und erhöhte sich der Gang, erweiterte sich aber nie zu einer größeren, trockenen Halle wie in der Tulka. Ein geheimnisvolles, wildes Wasserrauschen tönte aus dem Innern des Felsgebirges. Das Tosen dieses Wasserfalles nahm zu, je weiter man eindrang. Endlich gelangte man zu einem kleinen Bächlein, das durch ein enges Felsloch in unbekannte Tiefen stürzte. Ein schmaler, schlüpfriger Felsenpfad führte am Bächlein aufwärts, weiter ins Innere zu den stillen Seen in ewigem Dunkel. Über den ersten See hat der Angekko einige Baumstämme legen lassen als Brücke; nur er selbst überschritt sie zuweilen, und sein Stamm behauptete, daß die Höhle noch eine Stunde weiter in den Berg hinein sich fortsetze, und daß der Angekko drinnen mit den Erdgeistern verkehre.

Die Höhle lag beinahe unten im Tal. Und über ihr erhob sich ein mächtiger, breiter, senkrecht aufsteigender Fels, in dessen Klüften und Spalten Uhus nisteten, die man öfters, sogar am hellen Tag, vorn am Rande ihrer Löcher sitzen sah. Sie wurden bei den Aimats heilig gehalten, denn man glaubte, daß die Seelen der abgeschiedenen bösen Häuptlinge in ihnen ihren Wohnsitz aufgeschlagen hätten, was bei der natürlichen Würde und Majestät dieses Vogels sehr nahe lag. Sie waren die Lieblingstiere des Angekko. Er hielt streng darauf, daß ihnen kein Leid geschah; er sorgte sogar dafür, daß ihnen in Zeiten, wo sie Mangel litten, verschiedenes Wild, besonders Füchse und Kuder, die die Aimats nicht aßen, an hohen Bäumen in der Nachbarschaft aufgehangen wurde.

So hatte sich in diesem und den benachbarten Felsen allmählich eine kleine Kolonie Uhus angesiedelt. Das tiefe, weithin tönende Geheul dieser Vögel, zumal in den Frühlingsmonaten, machte die ganze Talschlucht für jeden Fremden unheimlich. Besonders aber war es ein wunderbares Schauspiel, wenn am Abend die großen Kolk- oder Aasraben, von dem an den Bäumen hängenden Wild angezogen, sich mit jenen mächtigen Raubvögeln um die Beute rissen.

Das freute dann den alten Angekko. Stundenlang saß er oft, den prächtigen, weißen Wolfspelz über die Schultern gehängt, auf einem kleinen Felsthron, den er sich am Eingang der Höhle errichtet hatte, und sah mit Wohlgefallen diesen Kämpfen zu. Während er sonst immer ernst und finster dreinblickte, konnte er dann oft in die Hände klatschen vor Lust, wenn einer seiner Uhus, für die alle er Namen hatte, einen allzufrechen Raben mit den Krallen faßte, rupfte und auffraß.

Einer dieser Uhus stand ihm besonders nahe. Er hatte ihn sich vor Jahrzehnten schon jung aufgezogen, und durch reichliches Futter und gute Pflege war er zu einem außerordentlich großen und prächtigen Vogel geworden. Er hatte ihm eine kleine Grotte, links oben am Eingang in die Höhle, etwa sechzehn Fuß über dem Boden, zur Wohnung angewiesen. Dort saß die majestätische Eule Tag und Nacht, gleichsam als Wächter der Behausung, und blickte mit ihren großen, gelbroten, feurigen Augen ernst und überlegen hinunter auf das Treibe des Menschenvolkes in der großen Vorhalle.

Dabei war das Tier so zahm und anhänglich, daß es auf einen Pfiff seines Herrn die mächtigen, eine Manneslänge spannenden Schwingen ausbreitete und sanft und geräuschlos, wie alle Eulen tun, auf dessen Schulter herunterflog. Wenn ihn der Angekko nach seinem Namen fragte, so antwortete der Vogel mit tiefer Stimme: »Schuhu, Schuhu«, wobei er feierlich den Kopf neigte und die Augen schloß.

Nie ging der Häuptling ohne diesen Vogel aus; gewöhnlich saß er auf seiner rechten Schulter auf dem weißen Wolfspelz. Wenn er aber, wie es oft geschah, als Zauberarzt weite Reisen nach anderen Höhlen machte, so mußte einer seiner Leute ihm den Vogel nachtragen.

Bild: Der Angekko vor seiner Zauberhütte

Der Angekko vor seiner Zauberhütte

Auch seine Zauberhütte hatte er sich in der Nähe dieses Vogels aufgeschlagen. Vorne in der Halle lief längs der Felswand eine Art natürlicher Felsenempore, etwa vier Fuß über dem Boden, hin. Dort oben stand die Hütte, aus Baumstämmen und dichtem Flechtwerk erbaut. Die vier Eckpfosten waren mit Menschenschädeln, die Vorderseite mit einem Renntiergeweih, die Seiten mit Usonköpfen verziert. Sie hatte kein Dach und empfing ihr Licht von oben, so daß der Angekko den Uhu und dieser ihn in nächster Nähe beobachten konnte. Immer war diese Hütte fest verschlossen. Niemand konnte den Häuptling sehen, wenn er darin war; wohl aber hörte und sah er alles, was draußen vorging.

Stets herrschte tiefe Stille drinnen; nur zu bestimmten Zeiten, um Mitternacht, bei Sonnenaufgang, um Mittag und bei Sonnenuntergang, ertönten aus dem Zaubergemach dumpfe Trommelschläge, bald weicher, bald härter, bald langsam, bald rasch hintereinander, oft plötzlich stark und donnerähnlich. Dann sang der Angekko in tiefen Tönen einige Worte, die niemand verstand. Wieder erklang die Trommel, und wieder sang der Angekko. Es war, als ob er eine feierliche Unterredung mit der Trommel hätte. In der Tat deutete er es auch so, indem er behauptete, aus der Trommel spräche sein Gott zu ihm.

Niemand hätte es gewagt, diese Hütte zu betreten, die ihre Türe hinten nach der Felswand zu hatte. Oft blieb der Angekko mehrere Tage und Nächte hintereinander darin. Dann mußte man ihm auf ein bestimmtes Zeichen geröstetes Fleisch und Wasser durch ein kleines Türchen reichen, das er von innen öffnen und schließen konnte. Seine Trinkschale war ein Totenschädel. Man sagte, es sei der Schädel seines Oheims, der vor ihm Häuptling gewesen und eines Tages auf unerklärliche Weise verschwunden war.

Dieser Mann führte eine strenge Herrschaft über seine Leute. Er sprach selten oder nie mit ihnen, außer wenn er Befehle erteilte.

Zwölf Männer mit ihren Familien, wohl über achtzig Menschen, lebten in der Höhle zusammen. Weil sie im Innern feucht und eng war, so hatte der Angekko eine Reihe von Hütten in der Vorhalle und seitwärts im Schutz des überhängenden Felsens, auch auf Bäumen der Nähe der Höhle errichten lassen, in denen die Leute den größte Teil des Jahres, zumal im Sommer, lebten.

So nahe die Huhkas den Tulkas verwandt waren, so war doch ihr Charakter und sogar ihre Lebensweise vielfach verschieden. Dies rührte hauptsächlich von dem Häuptling, dem Angekko, her, der sie nun schon seit dreißig Jahren beherrschte.

Da er selbst an der gefahrvollen und mühsamen Jagd auf größere Tiere keine Freude hatte, zog er es vor, kleinere Tiere, wie Eichhörnchen, Flugeichhörnchen, Murmeltiere, Hasen, auch wohl Lemminge und Mäuse, sodann die verschiedensten Vögel und besonders auch Fische fangen zu lassen. Unerschöpflich war er in der Erfindung von Fallen für diese Tiere. Hierin unterrichtete er auch sein Volk, daher die Huhkas von den anderen Aimats spöttisch »Sniäramate«, das heißt Mausbesieger, oder auch »Nomelmate«, Hasenbesieger, genannt wurden, mit Anspielung auf den größten Ehrennamen der damaligen Zeit, »Burriamate«, Löwenbesieger.

Auch für Bären hatte er stets eine Anzahl Fallen gerichtet. Sobald er oder einer seiner Leute einen Bärenwechsel ausgekundschaftet hatten, legte er eine Menge Schlingen. Jedoch die Bären der ganzen Nachbarschaft schienen diese zu kennen, und es fingen sich darin mehr Menschen als Bären.

Nur an einer Art Bärenjagd hatte er Gefallen. Wenn man ein solches Tier in der Winterruhe – denn es ist bei den Bären kein dauerhafter, fester Schlaf – in seiner Höhle aufgespürt hatte, so ließ er seine Leute möglichst geräuschlos eine Menge Holzstangen vor der Grotte zusammentragen, sodann eine Stange nach der anderen dem schläfrigen Bären vorhalten. Dieser griff sofort danach, zog sie in die Höhle hinein und verbarrikadierte sich allmählich so vollständig, daß er sich nicht mehr rühren konnte. Dann erstachen sie das Tier in seiner hilflosen Lage mit Lanzen. An dieser Jagd nahm hie und da der Angekko selbst teil, und der alte Mann hüpfte vor Freude, wenn er den Bären so überlistet hatte.

Übrigens sorgte er für sein Volk vortrefflich. In keiner Höhle fand man solche Vorräte an Baumfrüchten, Beeren, eßbaren Pilzen und Wurzeln wie in der Huhka. Von getrockneten Fischen brachte er den Winter ungeheure Massen zusammen. Ja, er trieb sogar im Winter einen bedeutenden Handel mit den anderen Berg-Aimats, indem er ihnen Fische, wenn sie in Not kamen, gegen Bären und Raubtierfelle und Geweihe, von denen die Huhkas selbst nur wenige erbeuteten, eintauschte.

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