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David Friedrich Weinland: Rulaman - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
titleRulaman
senderKurt Kloeppel
year1972
publisherRainer Wunderlich Verlag -- Hermann Leins
authorDavid Friedrich Weinland
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20

Der Tur und der Uson im Norgewald

Die schwere Sorge für die tägliche Nahrung verbot unseren Aimats von selbst eine lange, träge Trauerzeit. Schon in jener Nacht im Matetal bei dem Leichenschmaus hatten sie für den ersten tiefen Schneefall eine Tur- und Usonjagd verabredet, eine gefährliche Jagd, obgleich sie nicht einem Raubtier, sondern nur Wiederkäuern galt.

Tulkas, Huhkas und Nallis wollten zusammengehen, das erstemal wieder seit mehreren Jahrzehnten.

Zwei Arten mächtiger, wilder Stiere lebten damals im deutschen Urwald, der langhörnige Ur oder Auer, den die Aimats Tur nannten, ungefähr von der Gestalt unseres Rindes, und der hochschulterige, dickbemähnte, kurzhörnige Wisent, der Uson, den man jetzt fälschlich Auerochs nennt. Beide sind längst in Deutschland ausgerottet. Zu Cäsars Zeiten lebte der »Urus, etwas kleiner als ein Elefant und mit langen Hörnern«, also der Tur, im Herzinischen Wald. Das Nibelungenlied weiß von beiden Arten. Siegfried erlegt sie in den Vogesen:

Darnach schlug er schiere
Einen Wisent und einen Elch,
Starker Ure viere
Und einen grimmen Schelch.

Tur und Uson waren, wie Mammut und Nashorn, in der Nähe der Wohnsitze der Aimats längst sehr selten geworden. Da das Fleisch der Kälber und Kühe und der jungen Bullen ihnen als Leckerbissen galt, hatten sie die Tiere durch ihre häufigen Jagden teils ausgerottet, teils vertrieben. Aber es gab noch große Herden in einem viele Tagereisen breiten und langen Wald jenseits des Norgeflusses.

Wenn man vom Tulkaberg aus dem Lauf des Armibaches in der Richtung nach Mitternacht und Abend folgte, gelangte man nach einer halben Tagereise in das breite Tal des Norge, der bald ruhig, oft zu breiten Seen anschwellend, durch sumpfige Wiesenauen zwlschen Erlen und Weiden dahinfloß, bald zwischen hohen, steilen Hügeln zusammengedrängt schäumend über schiefrige Felshänge hinabstürzte. Jenseits des Norge bedeckte schwarzer Urwald weithin das hügelige Land. Die Kronen der Jahrhunderte alten Eiben und Föhren, Eichen und Birken bildeten meilenweit ein undurchdringllches Laubdach, wo kein Unterholz, kein Kraut aufkommen konnte. Wenn einer der Baumriesen, vor Alter kernfaul oder gipfeldürr geworden, endlich in sich selbst zusammenbrach, vermoderte er an der Stelle und düngte den Boden zu neuem, üppigerem Baumwuchs, der in kurzer Zeit die Lücke im Laubdach wieder schloß. So herrschte dämmerndes Halbdunkel in dieser Waldwüste, deren gespenstige, unheimliche Stille nur durch das Picken der Spechte und den melancholischen Ruf der Wildtauben unterbrochen wurde. Die Niederungen in diesem Urwald waren weitaus gedehnte Moorwiesen; trocken im Sommer, bedeckten sie sich zum großen Teil mit üppigem Graswuchs, während die tiefsten Stellen auch dann Morastsümpfe blieben.

Diese Waldblößen waren es, wo die mächtigen Stiere hausten. Sie beherrschten von hier aus die ganze Wildnis. Kein menschlicher Pfad führte hindurch. Kein Aimat, ja kein Raubtier, kein Burria, kein Höhlenbär, kein Wolf, keine Hyäne wagte sich hinein. Nur der baumkletternde Fjälfraß und der Luchs, denen das zusammenhängende Laubdach als Brücke diente, waren vor den mächtigen und mutigen Tieren sicher.

Ruhig weideten auf jenen Auen den ganzen Sommer hindurch die in großen Rudeln lebenden Rinder. Sorglos grasten die Kühe, und mutwillig hüpften und blökten die Kälber um sie her, während die Bullen wachten und die Herden fest zusammenhielten. Versuchte es je der hungergepeinigte Burria, vom Wald gedeckt, sich anzuschleichen, so witterte ihn bald der nächste Stier. Hochauf richtete sich sein Kopf, er horchte und äugte, er scharrte mit den Vorderfüßen, schlug seine Flanken mit dem Schweif, brummte wütend, senkte seinen Kopf zu Boden und stürzte wie toll auf den Feind los, ein zweiter, dritter, vierter ihm nach. Nur eiligste Flucht konnte den Löwen retten, oder er sank, selbst wenn er den ersten Stier niederschlug, von den stahlharten Hörnern der zu Hilfe eilenden Bullen durchbohrt, nieder und wurde mit den Füßen zerstampft und zermalmt. So kämpft heute noch der starke Kaffernbüffel im südlichen Afrika gegen den mächtigen Kaplöwen. So kämpfte dort im Norgewald der noch viel stärkere Tur gegen den riesigen Burria.

Weit lästiger aber und beunruhigender als die großen Raubtiere waren für jene wilden Rinder die kleinen, fliegenden Feinde, die Stechmücken und die Bremsen, die sie in den heißen Sommermonaten quälten. Wurden diese, wie bei herannahendem Gewitter, besonders aufdringlich und blutdürstig, so stürzte oft plötzlich das ganze Rudel der gefolterten Rinder in toller Flucht nach den morastigen Sümpfen hinunter, um sich dort zu wälzen und bis zum Kopf unterzutauchen. Über die schwüle Mittagszeit der heißesten Monate steckten sie stundenlang in diesen Suhlen und verschafften sich, wenn sie denselben entstiegen, in dem auf ihrem Fell hängengebliebenen Schlamm für geraume Zeit einen schützenden Mantel gegen ihre Peiniger.

Streng hielt sich der Tur vom Uson gesondert. Jede Art hatte ihre eigenen Weideplätze. Die Herden lebten im Sommer ein friedliches Dasein. Nur zu Zeiten gab es innerhalb der Herden einen harten Kampf der eifersüchtigen Bullen untereinander. Dröhnend stießen dann ihre breiten Stirnen zusammen, und oft stürzten jüngere Tiere, von einem riesigen Hauptstier getroffen, tot nieder.

Noch zwei andere Wiederkäuer lebten in diesem weit nach Mitternacht ausgedehnten deutschen Urwald. Es waren der Schelak und der Elak der Aimats, der Schelch und der Elch der Nibelungen, ungeheure Hirsche. Zwei Klafter spannte das Geweih der breitstirnigen Schelaks. Dieses Geweih war nicht rund, wie das unseres Edelhirschs, sondern nach den Enden zu verflacht, schaufelförmig und zackig wie das des Renntiers und des Damwilds. Der Elak aber ist das heute noch in Nordeuropa, in Ostpreußen und auch in Kanada lebende Elen, das den Schelak an Größe noch übertraf, dessen Geweihe bedeutend kürzer aber sehr breit sind. Diese Hirsche banden sich im Sommer nicht an bestimmte Weideplätze wie die Rinder, sondern durchstreiften in kleinen Familien die lichteren Waldgründe und ästen Zweige, Laub, Rinde und Flechten im Unterholz.

Das war das Tierleben im Sommer im Norgewald. Anders im Winter.

Wenn der Schnee mehrere Fuß hoch die gewohnten Weiden bedeckte, trieb der Hunger die Rinder zur Wanderung. Notgedrungen verließen sie den sicheren Urwald und stiegen von den Hügeln hinunter nach den Schilfauen des Norgetales. Die Hirsche, die auch jetzt noch im Wald ihre Nahrung fanden, rotteten sich zu großen Rudeln zusammen und rückten in die verlassenen Waldblößen ein. Dort stampften sie, in regelmäßigen Reihen schreitend, wie heute noch in Kanada, den tiefen Schnee nieder und machten sich so weithin feste Plätze, auf denen sie sich frei tummeln konnten und die sie mutig gegen etwaige Angriffe von Menschen und Raubtieren verteidigten. Ihre Äsung bestand, ähnlich wie im Sommer, in Flechten, Baumknospen und Rinde von jungen Bäumen.

Es gelang den Aimats nur selten, dem Schelak und dem Elak nahe zu kommen; denn sie blieben jahraus, jahrein im sicheren Hort des Waldes. Wohl aber siegte die menschliche List über den ins Freie hinausgetretenen Tur und Uson. Auch diese hielten sich zwar im Winter bei Tag im Vorwald verborgen, aber gegen Abend wagten sie sich hinaus an die Wasser des Norge, um das kümmerlich dort wachsende Gras und halbwelkes Schilf abzuweiden. Hier machte der Aimat Jagd auf sie.

Kaum eine Woche war verflossen seit dem Tod des tapferen Rul, als ein tiefer Schneefall, weithin das Land deckend, die Aimats an die Jagd auf die Urstiere mahnte, eine gefährliche Jagd, freilich auch die nutzbringendste im ganzen Jahr. Noch war die Zeit nicht gekommen. Zuvor mußte sich der Schnee fest gelagert haben und eine hartgefrorene Decke bilden.

Nach einer weiteren Woche – das Wetter war indessen hell und eisig kalt geworden – sandte Repo Boten nach der Huhka- und nach der Nallihöhle. An der Stelle, wo der Armibach in den Norge fließt, sollten die Jäger sich treffen. Unsere Männer waren ausgerüstet wie sonst; aber unter die Sohlen der Renntierstiefel hatten sie sich jetzt Schneesandalen gebunden, flache Weidengeflechte, mit steifem, geglättetem Leder überzogen, zwei Fuß lang und einen halben Fuß breit, auf denen sie frei, ohne einzusinken, wie auf Schlittschuhen mit Windeseile über die Schneefläche dahingleiten konnten.

Repo, Rulaman, Obu und die vier anderen Tulkas waren als erste zur Stelle. Es war ein frischer, sonniger Wintermorgen, die Luft klar, der Blick weithin offen. Bäume und Gebüsche glitzerten blendendweiß von gefrorenem Reif. Im jenseitigen Vorwald lagerten vermutlich die wilden Rinder, die den Aimat und die Gefahr wohl kannten. So mußten die Männer behutsam durch das steif gefrorene, knisternde Röhricht sich durchwinden, um nicht vor der Zeit von dem Wild entdeckt zu werden.

Den Norge deckte spiegelglattes, festes Eis bis auf eine wenige Klafter breite Strömung am jenseitigen Ufer, wo der wilde Fluß im letzten Sommer sein tiefes Bett gerissen hatte.

Eine Notbrücke über den Strom zu schlagen, auszuspähen, wo die Rinder in der Nacht im Freien geäst, von wo aus man sie am Abend überfallen und wohin man sie endlich treiben müsse, das war die Aufgabe des Tages, und damit wurde sofort begonnen.

Möglichst leise fällten sie einige Weidenbäume, legten sie über die Strömung und banden sie zu einem Steg zusammen. Sieben Zweige wurden in den Schnee gesteckt zum Zeichen für die Nachfolgenden. Dann ging es hinüber über die Brücke und, vom Röhricht gedeckt, am anderen Ufer hinauf bis an eine Stelle, wo der Wald hart an den Fluß herantrat, dort hinein in den Forst, und auf einem ungeheuren Umweg durchforschte man in aller Stille den ganzen Vorwald. Nirgends fanden sie die ersehnten tiefen Fußstapfen der Rinder. Sollten sie den gewohnten Wechsel verlassen haben, etwa weil der Fluß nach der Waldseite hin sein tiefes Bett gerissen hatte und so die besten Winterweiden jenseits des Flusses lagen?

Endlich ertönte ein Klopfen in bestimmtem Takt an einem Baumstamm, ähnlich wie das des Spechtes und den Aimats wohlbekannt.

Einer der streifenden Männer hatte die Spur gefunden und das verabredete Zeichen gegeben. Alle kamen zur Stelle. Es war der Lagerplatz einer kleinen Turherde; die Formen der kleinen und großen Tiere waren deutlich im Schnee abgedrückt. Nach diesen Lagerstätten im Schnee zählten sie einen erwachsenen Bullen, sechs Kühe und einige zwanzig junge Tiere, glückliche Vorzeichen, denn vor allem die alten Bullen machten die Jagd gefährlich und hier war nur einer. Doch dieser eine war ein riesiges Tier. Hoch an einem Baumstamm entdeckte Obu Haare, wo der Stier sich die Stirn gerieben hatte.

Es war offenbar die Lagerstätte des gestrigen Tages. Wo lagen sie heute? Schon jetzt waren unsere Tulkas zwei Stunden von der verabredeten Stelle am Einfluß des Armibaches entfernt. Sollten sie ohne die anderen weiterpirschen? Sie machten halt, wagten aber kein Feuer anzuzünden, weil das Wild den Rauch weithin wittern konnte. Hungrig kauten sie an getrockneten Fischen, die sie mitgebracht hatten. So verflossen eine, zwei Stunden; es war Mittag geworden.

Endlich kamen die Huhkas und Nallis, die sich auf dem Weg getroffen hatten. Sie waren über die vorbereitete Brücke gegangen und den Spuren der Tulkas gefolgt. Da sich weder der Angekko noch der alte Nargu eingefunden hatten, fiel Repo die Führung der Jagd zu. Er zählte ohne seine eigenen Leute dreißig Männer, für die damalige Zeit eine ansehnliche Macht. Sofort entwarf er einen großartigen Jagdplan, gegründet auf die Anzahl der Männer und die Turherde, die nicht weit entfernt sein konnte.

Groß war die Freude der neuen Ankömmlinge über die gefundene Lagerstätte der Tiere. Man brach sofort auf und verfolgte den Weg, den die Herde von hier aus gemacht hatte.

Die Fährten führten immer im Vorwald weiter, am Fluß abwärts, dann, nach etwa einer Stunde Wegs, aus dem Wald heraus, hinunter an den Norge. Mit äußerster Vorsicht traten zuerst Repo, Rulaman und Obu ins Freie hinaus und schlichen sich auf den Fährten, möglichst durch Gebüsch gedeckt, weiter bis ans Wasser. Hier verlor sich die Spur; also waren die Rinder hinübergeschwommen.

Jenseits breitete sich eine weite, mit Röhricht bedeckte Morastfläche aus. Nach rechts hin erhob sich in einiger Entfernung ein sanft ansteigender Hügel, mit dunklem Föhrenwald bedeckt, wie eine kleine schwarze Oase in der weiten Schneewüste.

Also hier hatten die Tiere gestern den Fluß überquert und im Röhricht, wo der Sumpf nicht zu tief war, geäst. Zweierlei war möglich. Entweder sie waren zurückgeschwommen über den Fluß nach dem großen Urwald, oder sie lagen dort drüben in der einsamen Waldinsel.

Repo und den beiden Jünglingen zitterte das Herz vor Freude bei dem Gedanken, daß das letztere das Wahrscheinlichere war. Denn obgleich der Tur ein vortrefflicher Schwimmer war, mied er das eiskalte Wasser im Winter. Auch war die Strömung des zusammengedrängten Flusses, besonders für die Kälber, gefahrdrohend.

»Die Sonne steht schon tief am Himmel«, sagte Repo; »ehe sie hinuntersinkt, müssen wir wissen, wo die Ture liegen, und wie wir sie zu treiben haben; wenn nicht, so müssen wir die Nacht umsonst frieren und verscheuchen weithin das Wild durch unser Feuer. Also zurück so schnell als möglich zu den anderen und weiter suchen!«

Unbedingt glaubten und folgten alle Männer dem jagdkundigen Tulkahäuptling. Sechs Leute mit Obu ließ er am diesseitigen Ufer hinabstreifen, soweit als jenseits das Rohrfeld sich erstreckte. Waren die Rinder auf dieser Strecke nicht ausgetreten, so steckten sie zweifellos in dem kleinen Föhrenwald. Die sichere Hoffnung darauf bewog ihn, mit der ganzen übrigen Mannschaft innerhalb des Vorwaldes so rasch als möglich stromaufwärts zu laufen, um hoch oben den Fluß zu überqueren und den Tieren in den Rücken zu kommen. Der Wind war ungünstig. Er blies heftig aus Mitternacht, gerade von ihnen nach dem Wäldchen. So mußten sie in einem weiten Umkreis dieses umgehen, um von der anderen Seite, von Süden her, dem lagernden Wild zu nahen.

Rasch war der neue Steg gelegt. Mann hinter Mann, in langer Reihe, wie eine dunkle, im Schnee hinkriechende Schlange, schlichen sie sich tief duckend möglichst geräuschlos hinüber, dann immer durch das Röhricht, alle Deckungen benützend, wohl eine Stunde lang bis zu einem großen Weidengebüsch, das, tausend Schritte von dem kleinen Föhrenwald nach Süden entfernt, ihnen Deckung und zugleich alle Gelegenheit zur Beobachtung und zur Vorbereitung auf den Abend bot.

Während sich die Huhkas und Nallis an gedörrtem Bärenfleisch erholten, kletterten Repo und Rulaman auf eine hohe Weide, um von ihr aus die ganze Gegend auszukundschaften. Mit durchbohrenden Blicken spähten sie vor allem in das schwarze Föhrenwäldchen hinein. Es war die vor dem Wind geschützte Seite des Hügels, und dazu die sonnige, südliche, die sie sahen. Hier lagen zweifelsohne die Tiere, wenn sie überhaupt da waren. In der Tat glaubte Rulaman einen Augenblick, einige dunkle Formen sich am Boden bewegen zu sehen.

Repo war noch höher an der Weide emporgestiegen und hatte oben einen weit über den Wipfel des Baumes hinausreichenden langen Ast mit einer Renntiermütze darauf an den Stamm gebunden, zum Zeichen für Obu, wo sie seien. Kaum war die Mütze hoch in der Luft erschienen, da sah Rulaman deutlich drüben zwischen den Föhren eine schwarze Masse sich erheben, und da stand er, der mächtige Turbulle, in seiner ganzen Größe, starr zu ihnen herüber auf die Weide äugend. Wenn er jetzt das geringste Geräusch hörte oder wenn er sie witterte, so rannte sicher das ganze Rudel im nächsten Augenblick in wilder Flucht auf und davon. Die Jagd wäre verloren und alle Mühe umsonst gewesen. Denn außerhalb seines gewohnten Waldreviers war der Tur ein schüchternes Tier und floh vor dem Menschen, wo er ihn erblickte, solange ihn dieser nicht angriff und in die Enge trieb.

Es war ein Glück für unsere Jäger, daß der stark wehende Wind alle Wachsamkeit des Tieres täuschte. Doch blieb es noch eine Weile unruhig; es schüttelte seinen schweren Kopf, riß, wie um den fernen Feind herauszufordern, mit seinem fast klafterlangen Gehörn den Boden auf und schleuderte Gras und Moos und Gebüsch in die Luft.

Während Rulaman auf seinem Wachtposten blieb, stieg Repo rasch hinunter, um alles zum Angriff fertig zu machen. Sein Plan war, die ganze Herde in einen tiefen, mit Schnee bedeckten Sumpf zu treiben, der sich, wie er wußte, hinter dem Hügel, nicht weit vom Norge, hinzog. Dort konnten die Jäger auf ihren Schneeschuhen die tief einsinkenden Rinder leicht überwältigen. Eilig ließ er aus Rohr und Weiden dicke, lange Fackeln binden. Die eine Hälfte der Jäger, die mutigsten und stärksten, sollten die Lanze und den scharf zugespitzten Dolch, die anderen die Fackeln tragen.

Obu traf ein; wie erwartet, hatte er keine Spuren von den Rindern in den Wald zurück gefunden.

Längst war die Sonne hinter den Hügeln des schwarzen Norgewaldes verschwunden, als sie mit den Vorbereitungen zu Ende waren. Ein dicker, grauer Nebeldunst stieg vom Norge auf, lagerte sich über das Tal und verdeckte auch den Blick auf den Föhrenwald. Rulaman stieg herunter von seinem Wachtposten. Das letzte, was er sah, war, daß auch einzelne Turkühe sich schon erhoben hatten.

Noch schien es Repo nicht dunkel genug zum Beginn des Treibens. Wenigstens konnten die Fackeln noch nicht ihre volle Wirkung tun. Unruhig und brennend vor Jagdlust schlich er sich mit Obu und Rulaman, vom Nebel gedeckt, so nah an den Hügel heran, daß sie die Tiere schnauben hören konnten, ohne sie noch zu sehen. Offenbar war das ganze Rudel schon auf den Beinen. Sie lauschten mit angehaltenem Atem.

Jetzt setzte sich die Herde in Bewegung, in der Richtung nach Mittag, dem Albgebirge zu. Dies war ungünstig. Auf diesem Weg konnten ihnen alle entrinnen. Also auf der Stelle mußte das Treiben beginnen.

Alles stand bereit. In wenigen Augenblicken hatte man Feuer, und bald brannten die Fackeln. Rasch ordnete Repo die Fackelträger in zwei Häuflein. Die einen schickte er zum Norgeufer, links am Föhrenhügel vorbei, um die etwa nach dem Fluß und dem Urwald durchbrechenden Tiere zurückzuscheuchen. An die Spitze der anderen stellte er den klugen Obu. Diese sollten, so schnell als sie auf Schneeschuhen konnten, nach rechts, dem Gebirge zu, der Stierherde den Weg abschneiden und sie auf den Sumpf hinter dem Hügel zurückwerfen. Repo mit Rulaman und allen Bewaffneten rückte rasch zu dem Föhrenwäldchen vor, um von dort aus je nach Erfolg einzugreifen, zunächst um die Tiere, falls sie in das Wäldchen zurückfliehen würden, zu empfangen. Weiter hatte Repo angeordnet, daß die Tulkamänner den Kampf mit dem Bullen auf sich allein nehmen sollten, um auch die anderen zur Tatkraft aufzumuntern.

Es dauerte nicht lange, und ein Höllenlärm erhob sich seitens der Fackelträger.

Dann vernahmen die Jäger im Wäldchen von fernher das Stampfen und Pusten der schwer im Schnee arbeitenden, in wahnsinniger Angst vor dem Feuer rückwärts fliehenden Rinder. Näher und näher zog sich das wilde Getöse. Offenbar flohen sie nach dem Wäldchen. Dort war der Kampf für die Aimats ungleich schwerer als im Sumpf, aber es war keine Zeit mehr zu langem Besinnen. Nichts fruchtete das Schreien der Jäger. Schon drangen einige junge Rinder in den Wald, dann einige Kühe und zuletzt der schwere Bulle. Die Männer mußten zur Seite springen, um nicht von der ungestümen, alles zu Boden werfenden Herde niedergetreten zu werden.

Nun folgte eine grauenvolle Szene in dem kleinen Föhrenhain. Laut erscholl in der Nacht das wilde Kriegsgeheul der kämpfenden Männer, die, hinter Baumstämmen gedeckt, mit Speeren und Dolchen auf die Rinder losstießen, das dumpfe Wutgebrüll der Tiere, die sobald sie in dem dunklen Wald angekommen, verzweifelt sich zur Wehr setzten, dazwischen ertönten gellende Schmerzensschreie der Jäger, die von den in der Dunkelheit toll hin und her rennenden Tieren niedergeworfen wurden, dann wieder das ängstliche Blöken der Kälber, die nach ihren Müttern, und das breite, tiefe, langgedehnte Braigen der Kühe, die nach ihren Jungen schrieen. Dieses ganze tobende Schlachtgetümmel aber war nur halb erleuchtet von dem Helldunkel einer sternklaren, mondlosen Nacht und von den bald da, bald dort am Rande des Gehölzes aufblitzenden Fackeln.

Schon nach kurzer Zeit hatte sich das ganze Rudel der Ture, so viele ihrer noch lebten, auf den mittleren, höchsten Punkt des Hügels zurückgezogen. Dort war eine größere Lichtung, und dort hatte sich der erfahrene Bulle gestellt, weil ihn sein langes Gehörn zwischen den Bäumen an freier Bewegung hinderte, neben ihm seine Herde. Klug und kampfbereit bildeten die mutigen Tiere einen Kreis um die Kälber und Jungen, die Köpfe und Hörner nach außen gerichtet.

Eine Zeitlang trat Ruhe ein.

Repo, von dessen Seite der kühne Rulaman keinen Augenblick gewichen war, rief alle Männer zusammen. Nur zehn folgten dem lauten Befehl. Einige lagen stöhnend am Boden, viele waren mutlos auf die Bäume geklettert. Was tun?

Sie konnten sich mit einiger Beute zurückziehen; wollten sie weiter kämpfen, so hatten sie schwere und gefährliche Arbeit vor sich. Noch in voller Kraft, obgleich aus vielen Wunden blutend, stand dort oben der wütende Turbulle. Er brüllte dumpf und wühlte, jetzt selbst den Angriff herausfordernd, mit seinen Hörnern und Vorderfüßen den Boden auf; um ihn her die ebenso todesmutigen, für ihre Kälber kämpfenden Kühe. Ihnen gegenüber stand das kleine Häuflein der Aimats mit den armseligen, meist schon unbrauchbar gewordenen Waffen.

Repo rief Obu herbei, dem es schwer genug gefallen war, tatenlos außen am Waldrand bei den Fackelträgern zu weilen, um sie zu festem Ausharren zu ermutigen. Er brannte vor Kampfbegier.

»Obu, wir brauchen Pfeile. Wo sind die Waffen der Fackelträger?«

»Droben im Weidengebüsch«, antwortete dieser. Drauf Repo:

»Schafft sie rasch herbei!« Dann schrie er mit Donnerstinme nach den Bäumen hinauf: »Herunter, ihr feigen Dabbas!«

Einer nach dem andern näherte sich ängstlich und beschämt. Darauf sandte Repo einen Boten zu den Fackelträgern, die unten am Norge im Hinterhalt lagen. Jetzt wichen die Tiere nicht mehr aus dem Wald, das wußte er.

Bild: Auf dem Turhügel

Auf dem Turhügel

Die Waffen kamen – Bogen und Pfeile, Wurfspieße und Dolche in Mengen. Alle Männer bis auf die verwundeten waren jetzt zusammen.

Repo zählte wieder dreißig kampffähige Jäger für den nächsten Angriff. Er stellte sie im Kreis rings um die Waldblöße. Auf ein Zeichen flog aus nächster Nähe ein Hagel von Pfeilen auf die in der Mitte zusammengedrängten Rinder. Das Ziel war leicht und sicher zu treffen und dennoch gering die Wirkung. Es folgte ein zweiter, dritter, vierter Pfeilhagel. Immer noch standen die Tiere, an deren dickem Fell die meisten Pfeile abprallten. Dumpf brummend behaupteten sie ihren Platz.

Repo flüsterte Obu und Rulaman einige Worte zu. Dann riß er den weißen Wolfspelz von der Schulter und warf ihn gerade dem Turbullen entgegen. Dieser, blind vor Wut, stürzte allein darauf zu. Da schossen blitzschnell die drei vom Waldrand auf ihn los, und während der Bulle das Wolfsfell mit seinem langen Gehörn zerzauste und in die Luft warf, bohrte ihm Repo von der einen, Obu von der anderen Seite hinter dem Schulterblatt den Dolch in die Brust. Mit dumpfem Gebrüll sank das ungeheure Tier in die Knie. Jetzt sprang Rulaman vor und stieß ihm sein Messer in den vorwärts gebeugten Nacken. Wie vom Blitz getroffen stürzte der mächtige, schwarze Riese zusammen.

Lautes Freudengeschrei der Männer erhob sich ringsum. Als wären sie durch das Beispiel der wenigen Tapferen plötzlich mit deren Mut beseelt, stürmten sie alle zusammen auf die führerlose Herde in der Mitte zu. Noch standen die Rinder; nur einige junge Bullen brachen durch und flohen zwischen den Bäumen zum Norge hinunter. Keine Kuh wich von der Stelle, und in blutgierigem Schlachten metzelten die Männer erbarmungslos alle samt den Kälbern nieder.

Es war eine reiche Beute, wie sie die Aimats in Jahrzehnten vielleicht nur einmal machten; ein Bulle, sechs Kühe, neun halberwachsene Rinder und sechs Kälber lagen erlegt am Boden. Nur jene vier jungen Bullen, die durchgebrochen, waren dem Schicksal der armen Herde entronnen und hatten sich wohl bereits jenseits des Norge im Urwald in Sicherheit gebracht.

In toller Ausgelassenheit tanzten die Jäger um das erlegte Wild herum und stampften freudetrunken den von Blut geröteten und erweichten Boden. Bei dem nachfolgenden fetten Mahl brauchten sie diesmal nicht zu sparen. Sie zündeten auf dem Gipfel des Hügels ein mächtiges Feuer an, setzten sich auf die noch warmen, toten Rinder und verzehrten unter Scherzen und Reden drei große Turkälber, ließen auch nichts davon übrig als Knochen und Häute. Auch die Verwundeten konnten am Schmaus teilnehmen, denn keiner war für ihre Begriffe erheblich verletzt. Die gefährliche Jagd war außerordentlich glücklich verlaufen. Repo hatte seine neue Häuptlingswürde in großartiger Weise eingeweiht. Sein Ansehen auch bei den anderen Aimats war sicher fortan ein unbestrittenes. Dies freute ihn sehr. Er durfte nach diesem Erfolg auf der Jagd auch fernerhin auf treues Zusammenhalten der drei Höhlenstämme rechnen.

Nur einer vermochte nicht einzustimmen in den allgemeinen Jubel. Es war Rulaman. Kühn und eifrig war er stets der Vordersten einer gewesen, solange es Mut und Anstrengung galt. Jetzt saß er allein unter einem Baum, weit ab von den anderen, und blickte in stillem Träumen vor sich hin. Bald vermißte ihn Repo, suchte und fand ihn. Dann kam auch Obu, und so saßen sie lange dort, fern der wilden Lustbarkeit, und sprachen von dem kühnen Rul und seinen Taten.

»O, wie wird sich der Edle freuen«, rief Repo aus, »wenn er in der Walba die Kunde von diesem großen Tage vernimmt, der den Bund der drei Höhlen besiegelt!« Dann setzte er ernst hinzu: »Und wer wird ihm zuerst diese Nachricht bringen?«

Es war lange nach Mitternacht. Endlich legte sich alles zur Ruhe nieder. Tiefe Stille herrschte über dem Hügel, wo kurz vorher, wie auf einem Schlachtfeld, wildes Morden gewütet hatte. Man stellte Wachen aus, und es dauerte nicht lange, so machten diese Lärm. Ein Rudel hungriger Wölfe, von dem weithin dampfenden Blutgeruch angezogen, war vom Albgebirge herangetrabt, aber ebenso bald wieder verscheucht; einige davon, die zu frech in das Wäldchen eingedrungen waren, mußten ihre Gier mit dem Leben büßen. Auch ein prächtiger Farka war unter dem Rudel. So nannten die Aimats den seltenen weißen Wolf, der ihnen das kostbarste Pelzwerk lieferte. Die Wachen hatten nach ihm geschossen, aber gefehlt. Auch Hyänen erschienen, schlichen aber nur scheu in einiger Entfernung um das Lager, heißhungrig nach dem leckeren Mahl winselnd.

Die müden, satten Jäger schliefen lange in den Tag binein. Nun galt es, die Beute aufzubrechen und heimzuschaffen, eine lange, mühevolle Arbeit.

Wenn nur die Kälte andauerte, damit das Fleisch nicht verdarb! Der Schnee war fest genug, um Schlitten zu tragen, und trefflich verstanden sich die Aimats darauf, solche im Notfall zu bauen.

Die großen Tiere mußten ganz zerlegt werden, denn nur mit einer Last von etwa dem Gewicht eines Mannes pflegte man die Schlitten zu beladen. Der Bulle wog wohl zwölfmal, eine Kuh siebenmal dieses Gewicht.

Um die Heimschaffung zu erleichtern, auch um den Weibern und Kindern ein Vergnügen zu bereiten, sandte Repo Boten zu den drei Höhlen. Alle sollten kommen, denen der Weg nicht zu weit wäre.

Prächtige Stücke von Kälbern schickte er der alten Parre, dem Nargu und dem Angekko voraus.

Während die eine Hälfte der Männer unter Obu die Schlitten baute, begannen die anderen damit, die Tiere auszuweiden und das von den Eingeweiden Brauchbare auf die Seite zu packen. Dahin gehörten außer dem Fett besonders noch die langen, dünnen Därme, welche gedreht treffliche Schnüre und Seile lieferten, die sofort beim Packen Verwendung fanden. Dann wurde die Abhäutung des Bullen vorgenommen. Er hatte ein schönes, schwarzes Fell mit einem gelblichen Längsstreifen über den Rücken, und, als es ausgebreitet dalag, war es so groß, daß sechs Männer hätten auf ihm lagern können. Einmütig bestimmte man es zum Ehrengeschenk für den glücklichen neuen Häuptling. Das Fleisch des ganzen Bullen und der kolossale Kopf mit den ungeheuren Hörnern sollten der Tulkahöhle als Beuteanteil zum Voraus gehören, alles übrige auf Repos Anordnung, nach der Anzahl der Männer, die jede Höhle zur Jagd gestellt hatte, gleich verteilt werden.

Am Abend erschienen die Huhka- und Tulkaweiber mit ihren Kindern. Ihr Jubel, als sie die Väter bei der großen Beute wiedersahen, war grenzenlos. Sie hatten, wie Repo durch die Boten befohlen, Zelte mitgebracht, und so wurde der kleine Föhrenberg für eine halbe Woche ein buntes Zeltlager, belebt von über hundert glücklichen, im Überfluß schwelgenden Menschen. Anderen Tages am Mittag kamen auch die Nallis in großer Menge angerückt. Drei Tage jubelte und arbeitete man in diesem Winterlager. Erst am vierten Tag war alles zum Aufbruch vorbereitet, die Beute verteilt, und Männer,Weiber und Kinder zogen in langem Zuge die reich beladenen Schlitten ihren Höhlen zu.

Der kleine Föhrenhügel, auf dem sie so reiche Beute gemacht hatten, hieß fortan bei unseren Aimats der Turhain.

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