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David Friedrich Weinland: Rulaman - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
titleRulaman
senderKurt Kloeppel
year1972
publisherRainer Wunderlich Verlag -- Hermann Leins
authorDavid Friedrich Weinland
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19

Ruls Begräbnis

Es war beinahe Mitternacht, als unsere Tulkakrieger mit dem gefallenen Häuptilng unten an ihrem Berg ankamen. Nur Rulaman und die alte Parre wachten noch oben bei der Höhle. Das bekannte Zeichen der Männer ertönte. Der brave Junge eilte hinüber nach der Quelle und wie einst, dieses Mal aber mit schwerklopfendem Herzen, rief er: »Rulaba! Rulaba!« durch den finsteren Wald. Niemand antwortete ihm heute. Angstbeklommen rannte er die Zickzackpfade hinab. Da lag der Vater auf einer Bahre von Lanzen. Mit einem gräßlichen Schrei stürzte er über ihn hin. Schweigend standen die Männer. Endlich richtete er sich auf: »Ist er tot?«

»Er ist tot«, antwortete Repo.

»Tot!« schrie der Arme verzweiflungsvoll, »und ihr lebt noch!«

Obu fiel ihm um den Hals und rief: »Rulaman, töte mich als Racheopfer an deines Vaters Grab. Mein ist alle Schuld.«

Rulaman riß sich los, warf sich über den toten Häuptling und schrie: »Rulaba! Rulaba!« und legte sein Ohr an die kalten Lippen, als müßte er noch ein Wort von dem Helden hören. Doch der Vater blieb stumm. Plötzlich erhob sich der Jüngling wieder und rief:

»Wer hat ihn gemordet?«

»Der erste Pfeil der Nallis traf ihn«, antwortete Repo. Er erzählte ihm den Hergang, wie Rul unten am Bach gestorben, des Vaters letzte Worte des Abschieds von Rulaman und überreichte ihm das schöne Schwert.

Rulaman ergriff es schweigend, drückte Obu noch die Hand und verschwand im Wald.

Als die Männer mit dem toten Häuptiing vor der Tulka ankamen, fanden sie die alte Parre bewußtlos vor der Höhle liegen. Mit schlimmer Ahnung hatte sie die Krieger entlassen, und als sie den Schmerzensschrei Rulamans vom Tal herauf vernommen hatte, wußte sie alles. Wie wahnsinnig wollte sie ihnen entgegeneilen, brach aber zusammen. Man trug sie und den Toten in die Höhle.

Die Tage der Trauer für unseren Tulkastamm sollten jetzt nicht mehr aufhören.

Am anderen Morgen wurde die Kriegsstange vor der Höhle niedergelegt. Männer, Frauen und Kinder färbten sich Gesicht und Hände schwarz. Ein Gerüst wurde errichtet in der Mitte des Platzes, vier mannshohe Pfähle mit einem Dach aus dünnen Baumstämmen und Zweigen. Darauf legte man den toten Häuptiing, angetan mit seinen kostbarsten Kleidern, seine besten Waffen neben ihn; das gute Steinbeil in seine Rechte, die Lanze in die Linke.

Indes hatten die Huhkamänner die traurige Mär in ihre Höhle gebracht. Schon am Nachmittag erschien der Angekko mit seinem ganzen Stamm.

Wie ein Steinbild saß die alte Parre auf ihrem Platz unter der Eibe; teilnahmslos und schweigend starrte sie vor sich hin. Neben sie zu ihrer Rechten setzte sich der Angekko, zu ihrer Linken Repo.

Die anderen, Männer, Weiber und Kinder, bildeten einen weiten Kreis um das Gerüst. Sie unterhielten sich flüsternd und von Zeit zu Zeit, auf ein gegebenes Zeichen, stimmten sie einen eintönigen, schauerlichen Klagegesang an.

Am Abend zogen alle Männer aus, um das Wild für den Leichenschmaus, einen Bären, zu erlegen. Der Angekko bezeichnete ihnen den Schlupf eines solchen nicht weit von seiner Höhle. Schon am anderen Morgen schleppten sie die schwere Beute herbei.

Nach alter Sitte mußte am dritten Tag die feierliche Beisetzung stattfinden.

Eine der vielen kleinen Grotten, wie sie sich überall in den Albfelsen finden, diente seit alter Zeit als Totengruft für die im Kampf gefallenen Männer. Sie lag in einem Winkel des Gebirges zwischen der Tulka und Huhka, am Ende des Mate, das heißt Heldentals, einer kalten nördlichen Waldschlucht. Vor ihr war ein großer freier Platz geebnet und in dessen Mitte ein mächtiger Felsblock aufgerichtet

Bild: Im Matetal

Im Matetal

Reste früherer Leichenmahle – Asche, Kohlen, zerschlagene Tierknochen, zerbrochene Steinmesser – lagen zerstreut umher. Alte Eiben, im Kreise gepflanzt, beschatteten mit dunkelgrünen Blättern die einsame, düstere Stätte. Eine große Steinplatte, senkrecht aufgerichtet, verschloß den Eingang der Felsgrotte, damit kein Raubtier zu den Toten gelangen konnte. In der Höhle waren zwei Räume, ein großer, weiter, niederer und ein kleiner, enger, aber höherer, letzterer den Häuptlingen vorbehalten. Dort im großen Raum lagen die Leichen, nach Mumienart zusammengeschnürt, neben- und aufeinander.

Die Häuptlinge im kleinen Gemach setzte man aufrecht auf Felsblöcke, den Rücken gegen die Wand gelehnt, das Zepter aus Renntiergeweih in der Hand.

Am dritten Tag gegen Mittag erschien der alte Nargu mit zehn seiner Männer vor der Tulka. Obu und Ara, von Repo gesandt, hatten ihn abgeholt. Die alte Parre erhob sich vor ihm. Seit dreißig Jahren zum erstenmal wieder blickte sie in das Gesicht ihres Bruders.

Am Morgen desselben Tages war auch Rulaman aus der Waldeinsamkeit zurückgekehrt, blaß, abgehärmt und ernst. Kein Laut verriet seinen tiefen Schmerz.

Ein langer Trauerzug setzte sich am Nachmittag von der Tulka aus nach dem Matetal in Bewegung. Voran vier Nallimänner mit der Tragbahre, der tote Häuptling mit einem Bärenfell bedeckt. Hinter ihnen in ihrem Reisekorb wurde die alte Parre von zwei Huhkaleuten getragen. Dann folgten der Nargu, der Angekko, Repo und Rulaman, alle im Feiergewand und in Kriegerrüstung. Nach ihnen die übrigen Männer, von denen vier den zum Leichenmahl bestimmten Bären auf Stangen trugen. Zuletzt die Weiber und Kinder unter erschütterndem Klagegesang.

Vor der Grabhöhle wurde der Häuptling aufrecht auf den Fels in die Mitte gesetzt, und feierlich, wie einen Lebenden, redeten ihn nun nach alter Sitte die Häuptlinge der anderen Höhlen an. Zuerst der Nargu:

»Komm zurück aus der Walbahöhle, du Edler, und höre mich!
Ich habe dich gehaßt dein Leben lang; was war der Grund?
Dein Ahn stahl mir die Schwester, und der Zorn meines Vaters fraß fort in mir.
Warum kamet ihr nicht und versöhntet euren Ohm, ihr Tulkavettern?
Oftmals zitterte mein Herz vor Freude, wenn ich deine Taten hörte, du Mutiger:
Wie du in raschem Sprung einholtest die flüchtige Kadde,
Wie dein Pfeil nie fehlte den Adler hoch in den Lüften,
Wie du den Dolch einbohrtest ins Herz dem riesigen Anak,
Wie du niederschlugst mit mächtigem Faustschlag den Uson,
Wie du, dem kühnen Raben gleich, der den Habicht anfällt,
Auge in Auge bekämpftest den furchtbaren Burria.
Denke nicht mehr des alten Haders. Empfange freundlich
Mit den andern Häuptlingsgeistern den alten Nargu,
Wann er bald niedersteigt zu der warmen, hellen Walbahöhle,
Wo ewiger Friede! Nimm zum Pfande den Ring aus Sonnenstein!
Seh ich ihn leuchten einst dort in der Walba, so erkenn ich daran
Den Tulkahelden, Rul, den Kühnen.«

Dann trat der Angekko dem toten Rul gegenüber und sprach:

»Warum verläßt du uns in des Lebens Vollkraft,
Herrlicher Rul, du Rabe an Mut, du Numba an Stärke!
Ja, kurz ist, wir sehen es, das Leben des Helden,
Denn der Gefahren für den Kühnen sind zu viele.
Aber aller Gefahren schrecklichste ist der feindliche Bruder;
Denn nicht aus der Nähe nur, wie der Änak und Burria,
Nein, schon von fern her trifft er auch den stärksten Gegner,
Und nicht immer ist der heilende Arzt zur Seite.
So nimm nun auf den Weg diesen Dolch, meine schönste Waffe,
Und sprich Gutes von mir in der Walbahöhle,
Denn auch ich bin alt und werde bald folgen.«

Wildstürmende Kriegstänze der Männer, begleitet von Schlachtgesängen und Trommelschlägen, wechselten jetzt mit ruhigeren Tänzen der Weiber und schwermütigen Klagen. Das dauerte bis in die Nacht hinein. Dann wurde vor dem Felsblock ein großer Holzstoß aufgeschichtet und angezündet.

Plötzlich, auf ein Zeichen des alten Nargu, ward es still. Die ganze Schar hatte sich dem toten Häuptling gegenüber aufgestellt. Hochauf loderten die Flammen des Holzstoßes und beleuchteten grell die bleichen Züge des Helden.

Als das Feuer herabgebrannt war, wurden Kienfackeln angezündet, die schwere Steinplatte vom Eingang der Grabesgrotte weggewälzt, die Leiche auf die Bahre gelegt und von vier Tulkamännern in die Häuptlingsgrotte hineingetragen. Nur die Häuptlinge, die alte Parre und Rulaman folgten.

Mittlerweile war der Bär zum Leichenschmaus zerlegt und geröstet, eine ganze Keule abgetrennt und zu den Füßen des Häuptlings gelegt worden, als Zehrung auf dem Weg in die Walbahöhle.

Die Beisetzung war beendet. Die Häuptlinge und die Tulkamänner kamen zurück aus der Höhle, nur die alte Parre und Rulaman verweilten noch länger darin.

Wie mit einem Schlag schien jetzt eine Wandlung über die ganze Versammlung gekommen zu sein. Da und dort wurden Feuer angemacht, um die man sich gruppenweise lagerte. Fast schien alle Trauer vergessen, denn lautes, munteres Gespräch erscholl von allen Seiten.

Der Bär wurde verteilt, das Gehirn aus der aufgeschlagenen Schädelkapsel den Häuptlingen dargeboten, die Markknochen an den Enden aufgeschlagen und von den Männern ausgesaugt.

Der Schmaus dauerte bis nach Mitternacht. Da erschien die alte Parre unter dem Eingang der Grotte und rief mit lauter Stimme den Nargu den Angekko und Repo und Rulaman zu sich hinein.

Bild: Eine Totengrotte aus der Aimatzeit

Eine Totengrotte aus der Aimatzeit, wie sie im Jahre 1852 ausgegraben wurde

Dort, in der von außen nur spärlich erleuchteten Totenkammer, gönnte sie zum erstenmal ihrem Bruder Nargu das Wort.

»Nargu, deine Schuld ist groß«, sprach sie, »denn durch deinen Haß ist dieser Held, der beste Aimat, ermordet. Aber er spricht durch mich, der edle Rul: leget eure Hände in meine kalte Rechte, ihr Häuptlinge der Aimats, und schwört, daß dies der letzte Brudermord sein soll. Wer hinfort einen Aimat tötet, der soll nie kommen in die Walbahöhle.« Ernst, fast bitter erwiderte darauf der Nargu: »Rul ist nicht ermordet, er ist als Krieger gefallen. Hätten wir nicht gewacht lange Nächte hindurch, so säße wohl ich jetzt hier an seiner Stelle. Ist es meine Schuld, daß er das schwarze Los zog beim Todeswürfeln? Darum ehre auch du, Schwester, des Toten Willen. Vergib und vergiß endlich den alten Hader.«

Einer nach dem anderen ergriff die Rechte Ruls, zuletzt Rulaman. Dann nahmen die Häuptlinge feierlich Abschied von der alten Parre, herzlichen Abschied voneinander und brachen auf, jeder in seine Heimat.

In der Tulka mußte, so forderte es der strenge Brauch, ein ganzes Jahr um den toten Häuptling getrauert und kein Freudenfest, keine Hochzeit durfte gefeiert werden.

So wurde auch Obus Hochzeitsfeier um ein Jahr verschoben, doch blieb Ara fortan in der Tulka.

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