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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 9
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1753

Im nächsten Carneval 1753 wurde der »Wahrsager« in Paris gespielt, und diese Pause gewährte mir Zeit, noch die Ouverture und das Ballet zu componiren. Dieses Ballet mußte in der Form, in der es geschrieben ist, von Anfang bis zu Ende voll Leben sein und eine zusammenhängende Handlung bilden, die nach meiner Ansicht Gelegenheit zu sehr effectvollen Tänzen gab. Aber als ich in der Oper diesen Plan zum Vorschlag brachte, hörte man mich nicht einmal an, und ich mußte die allergewöhnlichsten Lieder und Tänze zusammendrechseln. Die Folge war, daß dieses Ballet, wenn auch voll reizender Ideen, die den Scenen gewiß nicht zur Unzierde gereichen, doch nur einen sehr mäßigen Erfolg hatte. Ich ersetzte Jelyotte's Recitativ wieder durch das meinige, genau in derselben Form, in der ich es zuerst aufgeschrieben hatte und in der es gedruckt ist. Dieses, wie ich offen bekenne, ein wenig französirte, das heißt durch die Darsteller etwas schleppend gesungene Recitativ hat, weit davon entfernt zu mißfallen, nicht weniger Beifall errungen als die Lieder und sogar beim Publikum wenigstens eben so viel Geltung gefunden. Ich widmete mein Stück dem Herrn Duclos, der es protegirt hatte, indem ich erklärte, daß dies meine einzige Widmung sein würde. Trotzdem habe ich mit seiner Zustimmung eine zweite gemacht, allein durch diese Ausnahme hat er sich geehrter fühlen müssen, als wenn ich keine gemacht hätte.

Ich könnte über dieses Stück noch viele Anekdoten erzählen, aber die Mittheilung wichtigerer Dinge läßt mir nicht die Zeit, mich hier weitläuftiger über sie zu verbreiten. Dereinst werde ich vielleicht in dem Ergänzungsbande darauf zurückkommen. Eine kann ich jedoch nicht übergehen, die auf alles, was folgt, wird schließen lassen. Eines Tages nahm ich in dem Cabinette Holbachs die Musikalien desselben in Augenschein. Nachdem ich Stücke aller Art flüchtig überschaut, sagte er zu mir, indem er auf eine Sammlung Clavierstücke zeigte: »Dies sind nur für mich componirte Stücke; sie sind sehr ins Ohr fallend und recht singbar; niemand kennt sie und wird sie sehen als ich allein. Sie sollten sich eines davon zur Aufnahme in Ihr Ballet auswählen.« Da ich weit mehr Motive zu Liedern und Orchesterbegleitung im Kopfe hatte, als ich zu verwenden im Stande war, so fragte ich gar wenig nach den seinigen. Er wurde jedoch so dringend, daß ich aus Gefälligkeit ein Hirtenlied wählte, welches ich verkürzte und für das Auftreten der Freundinnen Collettens in ein Terzett umschrieb. Als ich einige Monate später und zwar zu der Zeit, in der man den »Wahrsager« aufführte, eines Tages Grimm besuchte, fand ich viele Leute um sein Klavier, von dem er sich bei meiner Ankunft schnell erhob. Indem ich mechanisch auf sein Notenpult hinblickte, sah ich, wie dieselbe Sammlung des Barons von Holbach gerade bei dem nämlichen Stücke aufschlagen war, welches er mir unter der Versicherung aufgedrängt hatte, daß es nie aus seinen Händen kommen würde. Etwas später sah ich diese Sammlung noch einmal aufgeschlagen auf dem Klaviere des Herrn von Epinay, an einem Tage, wo bei ihm musicirt wurde. Weder Grimm noch irgend ein anderer hat je von diesem Liede mit mir gesprochen, und ich selbst rede hier davon nur, weil sich einige Zeit nachher ein Gerücht verbreitete, daß ich gar nicht der Verfasser des »Dorfwahrsagers« wäre. Da ich mich nie durch mein Spiel hervortrat, so bin ich überzeugt, daß man, wenn ich mein Musiklexikon nicht herausgegeben, am Ende noch behauptet hätte, daß ich gar keine Musik verstände. Ich sah es damals nicht vorher, daß man es schließlich trotz meines Lexikons behaupten würde.

Einige Zeit vor den Aufführungen des »Dorfwahrsagers« waren italienische Opernsänger in Paris angekommen, die man auf der Bühne der Oper spielen ließ, ohne die Wirkung vorherzusehen, die sie dort machen würden. Obgleich sie abscheulich waren, und das damals noch sehr ungeübte Orchester die Stücke, die sie gaben, nach Herzenslust versudelte, fügten sie der französischen Oper gleichwohl einen Schaden zu, den diese nie hat wieder gut machen können. Der Vergleich dieser beiden Musikarten, die sich an demselben Tage auf dem gleichen Theater hören ließen, öffnete die französischen Ohren; nach dem lebhaften und leidenschaftlichen Rhythmus der italienischen Musik konnte keines mehr das Schleppende der eigenen aushalten; nach dem Schlusse der italienischen Oper ging alles fort. Man war gezwungen, die Reihenfolge zu ändern und die italienische Oper an das Ende zu stellen. Man gab »Eglea«, »Pygmalion«, »Die Sylphide«, nichts schlug an. Der »Dorfwahrsager« allein hielt den Vergleich aus und etwas später gefiel namentlich die »Serva Padrona«. Als ich mein Zwischenspiel, wie ich es nannte, componirte, war mein Geist von den italienischen Opern erfüllt; sie waren es, die mir den Gedanken dazu eingaben, und ich war sehr weit davon entfernt vorherzusehen, daß es mit ihnen gleichzeitig zur Aufführung kommen würde. Wäre ich wirklich ein Plagiator gewesen, wie viele Entlehnungen wären dann zum Vorschein gekommen, und wie viele Mühe würde man sich gegeben haben, sie ans Tageslicht zu bringen! Aber nichts von dem allen; vergeblich war alle Mühe; man hat in meiner Musik nicht die geringste Reminiszenz aus einer andern gefunden, und bei dem Vergleiche mit den angeblichen Originalen haben sich alle meine Lieder neu gezeigt wie der von mir geschaffene Charakter der Musik. Hätte man Mondonville oder Nameau einer solchen Probe unterzogen, wären sie nur in Fetzen daraus hervorgegangen.

Die komischen Opern gewannen der italienischen Musik sehr begeisterte Anhänger. Ganz Paris theilte sich in zwei Parteien, die sich hitziger bekämpften, als wenn es sich um eine staatliche oder kirchliche Angelegenheit gehandelt hätte. Die eine, mächtiger und zahlreicher, welche von den Großen, den Reichen und den Frauen gebildet wurde, trat für die französische Musik in die Schranken; die andere, leidenschaftlicher, stolzer und schwärmerischer, bestand aus den wahren Kennern, den geistreichen und genialen Leuten. Ihre kleine Schaar versammelte sich in der Oper unter der Loge der Königin. Die andere Partei füllte den ganzen Rest des Parterre und des Saales aus, aber ihr Haupttreffen stand unter der Loge des Königs. Daher rührten die in jener Zeit so berühmten Parteinamen: »die Ecke des Königs« und »die Ecke der Königin«. Der immer lebhafter entbrennende Streit rief Broschüren hervor. Die Ecke des Königs wollte spotten; der »Kleine Prophet« machte sie lächerlich; sie machte den Versuch, sich auf eine eingehende Besprechung zu verlegen; sie wurde durch den »Brief über die französische Musik« vernichtet. Diese beiden kleinen Schriften, die eine von Grimm und die andere von mir, sind die einzigen, welche diesen Streit überlebt haben; alle übrige sind längst vergessen.

Aber der »Kleine Prophet«, den man mir zum Trotze mir lange Zeit hartnäckig zuschrieb, wurde als Scherz aufgefaßt und hatte für seinen Verfasser nicht die geringste Unannehmlichkeit zur Folge, während der »Brief über die Musik« die ganze Nation, die sich in ihrer Musik für beleidigt hielt, gegen mich aufregte. Die Schilderung der unglaublichen Wirkung dieser Broschüre wäre der Feder eines Tacitus würdig. Es war gerade die Zeit der großen Zwistigkeit zwischen dem Parlamente und dem Klerus. Das Parlament war eben verwiesen worden; die Gährung hatte ihren Höhepunkt erreicht; alles ließ einen nahen Aufstand befürchten. Meine Broschüre erschien; im Augenblick waren alle andern Streitigkeiten vergessen; man dachte nur noch an die der französischen Musik drohende Gefahr, und es gab keinen andern Aufstand mehr als gegen mich. Er war dergestalt, daß die Nation ihn nie ganz vergessen hat. Bei Hofe schwankte man nur zwischen Bastille und Verbannung, und der Haftbefehl wäre ausgefertigt worden, wenn Herr von Voyer nicht das Lächerliche eines solchen Vorgehens gezeigt hätte. Wenn man vernehmen wird, daß diese Broschüre vielleicht eine Revolution im Staate verhindert hat, wird man zu träumen glauben. Und gleichwohl ist es eine vollkommen zuverlässige Wahrheit, welche ganz Paris noch bezeugen kann, da zwischen diesem wunderlichen Ereignisse und heute erst fünfzehn Jahre liegen.

Wenn man sich an meiner Freiheit nicht vergriff, so ersparte man mir wenigstens Beleidigungen nicht, selbst mein Leben war in Gefahr. Das Orchester der Oper machte eine förmliche Verschwörung, mich beim Verlassen des Schauspielhauses zu ermorden. Man theilte es mir mit; ich besuchte die Oper nur desto fleißiger und erst lange nachher erfuhr ich, daß Herr Ancelet, Officier bei der adeligen Leibwache, der mich liebgewonnen, die Ausführung der Verschwörung verhindert hatte, indem er mich auf dem Rückwege von dem Schauspielhause ohne mein Wissen begleiten ließ. Die Stadt hatte vor kurzem die Leitung der Oper übernommen. Die erste Heldenthat des Oberbürgermeisters bestand darin, mir den freien Eintritt entziehen zu lassen, und noch dazu auf die möglichst unhöfliche Art, indem er ihn mir nämlich bei meinem Kommen öffentlich verweigern ließ, so daß ich mich genöthigt sah, ein Amphitheaterbillet zu kaufen, um nicht die Schande zu haben, an diesem Tage umkehren zu müssen. Die Ungerechtigkeit war um so schreiender, da ich mir bei Abtretung meines Stückes den lebenslänglichen freien Eintritt als einzige Entschädigung ausgemacht hatte, denn obgleich dies ein Recht für alle Verfasser der angenommenen Stücke war und es mir aus doppeltem Grunde zustand, so unterließ ich doch nicht, es mir ausdrücklich in Gegenwart des Herrn Duclos auszubedingen. Allerdings sandte man mir durch den Kassirer der Oper fünfzig Louisd'or, die ich gar nicht verlangt hatte, als Honorar; aber ganz abgesehen davon, daß diese fünfzig Louisd'or nicht einmal die Summe ausmachten, die mir dem Brauche nach zustand, so hatte diese Zahlung mit dem ausdrücklich vorbehaltenen Eintrittsrechte, das davon völlig unabhängig war, nichts gemein. Aus dieser Handlungsweise leuchtete eine solche Verbindung von Unbilligkeit und Rohheit hervor, daß sich das Publikum trotz seiner damals großen Erbitterung gegen mich doch einmüthig dadurch verletzt fühlte, und mancher, der mich Tags zuvor noch verhöhnt hatte, rief am folgenden Tage ganz laut im Saale aus, es wäre eine Schande, einem Autor, der den freien Eintritt so wohl verdient hätte und sogar für zwei Personen beanspruchen könnte, denselben auf solche Weise wieder zu entziehen. So ist das italienische Sprichwort, daß ogn'un ama la giustizia in casa d'altrui.

Mir blieb in dieser Angelegenheit kein anderer Ausweg übrig, als mein Werk, da man mich um den verabredeten Preis für dasselbe brachte, zurückzuverlangen. Ich schrieb in dieser Absicht an Herrn von Argenson, dem die Leitung der Oper übertragen war, und fügte diesem Briefe eine unwiderlegliche Denkschrift bei, die eben so wie mein Brief ohne Antwort und Erfolg blieb. Das Schweigen dieses ungerechten Mannes kränkte mich empfindlich und trug nicht dazu bei, die sehr geringe Achtung, die ich immer für seinen Charakter und seine Talente empfand, zu erhöhen. So hat man mein Stück bei der Oper behalten, während man mich um die Entschädigung, für die ich es hingegeben, betrog. Thäte der Schwache dergleichen dem Starken, würde man es Diebstahl nennen; verfährt aber der Starke so gegen den Schwachen, so heißt es lediglich Aneignung fremden Gutes.

Was den baaren Ertrag dieses Werkes anlangt, so war er, obgleich es mir nur den vierten Theil dessen einbrachte, was ein anderer von ihm erzielt hätte, doch immerhin groß genug, um mich in den Stand zu setzen, mehrere Jahre zu leben und zu dem Verdienst von dem Notenabschreiben, das stets ziemlich schlecht ging, einen hübschen Zuschuß zu gewähren. Ich bekam vom König hundert Louisd'or, von Frau von Pompadour fünfzig für die Aufführung in Belle-Vue, in der sie selbst die Rolle des Colin spielte, fünfzig von der Oper und fünfhundert Franken von Pissot für die Druckerlaubnis, so daß mir dieses Zwischenspiel, welches mich nur fünf oder sechs Wochen Arbeit kostete, trotz meines Mißgeschickes und meiner Dummheit fast eben so viel Geld eintrug, als später der »Emil«, an dem ich nach zwanzigjährigem Nachdenken drei Jahre gearbeitet hatte; aber den pecuniären Wohlstand, in den mich dieses Stück versetzte, mußte ich durch die endlosen Verdrießlichkeiten, die es mir zuzog, theuer bezahlen; er war der Keim der geheimen Mißgunst, die erst später zu Tage trat. Seit dem Erfolge meines Stückes zeigte mir weder Grimm noch Diderot noch irgend einer der Schriftsteller meiner Bekanntschaft mehr jene Herzlichkeit, Offenheit und Freude, mich zu sehen, die ich bisher an ihnen wahrzunehmen geglaubt hatte. Sobald ich bei dem Baron erschien, hörte das Gespräch auf allgemein zu sein. Man trat in Gruppen zusammen, man zischelte sich heimlich in die Ohren, und ich blieb allein, ohne zu wissen, mit wem ich sprechen sollte. Lange hielt ich diese verletzende Vernachlässigung aus, und da ich bemerkte, daß mich Frau von Holbach, die sanft und liebenswürdig war, stets freundlich aufnahm, ertrug ich die Ungeschliffenheiten ihres Gemahls, so lange sie zu ertragen waren; aber eines Tages griff er mich ohne Grund, ohne Vorwand in Gegenwart Diderots, der nicht ein Wort sagte, und Vargencys, der mir nachher oft seine Bewunderung über die Milde und Mäßigung meiner Antworten ausgesprochen hat, mit einer solchen Rohheit an, daß ich endlich, durch diese unwürdige Behandlung verjagt, sofort sein Haus mit dem Entschlusse verließ, es nie wieder zu betreten. Dies hielt mich nicht ab, von ihm und seinem Hause stets ehrenvoll zu reden, während er sich über mich immer nur in kränkenden und verächtlichen Ausdrücken erging. Er nannte mich nie anders als »dieser kleine Schulfuchs« und war doch nie im Stande auch nur das geringste Unrecht irgend einer Art bestimmt anzugeben, das ich je ihm oder irgend jemandem, an dem er Antheil nahm, zugefügt hätte. So machte er mir am Ende doch die Wahrheit meiner Ahnungen und Befürchtungen fühlbar. Ich persönlich bin überzeugt, daß mir meine erwähnten Freunde die Herausgabe von Büchern, und sogar von vorzüglichen Büchern verziehen hätten, da ihnen dieser Ruhm gleichfalls zu Theil werden konnte; aber sie vermochten mir nicht die Composition einer Oper und den glänzenden Erfolg dieses Stückes zu verzeihen, weil keiner von ihnen im Stande war, mit mir auf diesem Gebiete zu wetteifern und nach denselben Ehren zu streben. Duclos allein schien, über diese Eifersucht erhaben, seine Freundschaft für mich noch zu vermehren und führte mich bei Fräulein Quinault ein, bei der ich eben so viele Aufmerksamkeiten, Freundlichkeiten und gütiges Entgegenkommen fand, wie ich bei Herrn von Holbach das Gegentheil davon gefunden hatte.

Während man in der Oper den »Dorfwahrsager« spielte, war von seinem Verfasser in der Comedie Française ebenfalls die Rede, aber freilich in etwas weniger vorteilhafter Weise. Nachdem ich in der italienischen Oper meinen »Narciß« seit sieben oder acht Jahren nicht hatte zur Aufführung bringen können, war ich dieses Theaters wegen des schlechten Spiels der Schauspieler in französischen Stücken überdrüssig geworden, und hätte das meinige lieber von Franzosen als von ihnen aufführen sehen. Ich sprach diesen Wunsch dem Schauspieler La Noue aus, mit dem ich Bekanntschaft angeknüpft hatte und der bekanntlich ein sehr begabter Mann und Schriftsteller war. »Narciß« gefiel ihm; er übernahm es, ihn ohne Nennung des Verfassers aufführen zu lassen und einstweilen verschaffte er mir freien Eintritt, der mir große Freude bereitete, denn ich habe das Theater Français stets den beiden andern vorgezogen. Das Stück wurde beifällig angenommen und ohne Angabe des Dichters aufgeführt; aber ich habe Grund zu glauben, daß ihn die Schauspieler und viele andere recht gut kannten. Die Fräulein Gaussin und Grandval spielten die Rollen der Liebhaberinnen; und obgleich es meines Erachtens an Verständnis für das Ganze fehlte, so konnte man das Spiel doch nicht geradezu schlecht nennen. Trotzdem wurde ich von der Nachsicht des Publikums, welches die Geduld besaß, von Anfang bis zu Ende ruhig zuzuhören und sogar eine zweite Vorstellung über sich ergehen zu lassen, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld zu geben, überrascht und gerührt. Ich meinestheils langweilte mich schon bei der ersten dergestalt, daß ich es nicht bis zu Ende aushalten konnte. Ich verließ das Theater und begab mich nach dem Café Procop, wo ich Boissy und einige andere traf, die sich vermuthlich eben so wie ich gelangweilt hatten. Dort sagte ich laut mein peccavi, indem ich mich demüthig und doch auch stolz als Verfasser des Stückes bekannte und über dasselbe sprach, wie jedermann dachte. Dieses öffentliche Geständnis, der Dichter eines schlechten, Fiasco machenden Stückes zu sein, wurde sehr bewundert, obwohl es mir durchaus nicht schwer vorkam. In dem Muthe, mit dem es abgelegt wurde, fand ich sogar eine Entschädigung meiner Eigenliebe, und bei dieser Gelegenheit lag, wie ich glaube, mehr Stolz darin, zu sprechen, als falsche Scham darin gelegen hätte, zu schweigen. Da sich indessen mit Sicherheit annehmen ließ, daß das Stück, einen so frostigen Eindruck es auch bei der Aufführung machte, beim Lesen besser gefallen würde, ließ ich es drucken; und in der Vorrede, die ich zu meinen guten Schriften rechne, begann ich meine Grundsätze ein wenig offener und klarer, als ich es bisher gethan, darzulegen.

Ich bekam bald Gelegenheit, sie in einem Werke von größerem Belange vollständig zu entwickeln, denn in eben diesem Jahre 1753 erschien, wie ich denke, das Programm der Akademie von Dijon über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen. Von dieser großen Frage angeregt, war ich überrascht, daß die Akademie den Muth gehabt, sie aufzugeben; aber da sie ihn einmal gehabt hatte, konnte ich auch wohl den haben, sie zu behandeln, und ich unternahm es.

Um über dieses große Thema in Ruhe nachzudenken, machte ich mit Therese, unserer Wirthin, einer höchst gutmüthigen Frau, und mit einer ihrer Freundinnen eine Reise von sieben oder acht Tagen nach Saint-Germain. Ich rechne diesen Ausflug zu den angenehmsten meines Lebens. Das Wetter war sehr schön; die guten Frauen sorgten für alles und trugen die Kosten; Therese war mit ihnen heiter und glücklich, und ich, der ich mich von allen Sorgen frei fühlte, kam, um mich in den Stunden der Mahlzeiten zwanglos zu erheitern. Den ganzen übrigen Tag mitten im Walde weilend, suchte und fand ich das Bild der Urzeit, deren Geschichte ich in kühnen Umrissen entwarf; ich deckte die kleinen Lügen der Menschen auf; ich wagte ihre Natur bis zur Nacktheit bloß zu stellen, ihre fortschreitende Entstellung durch Zeiten und Dinge darzuthun, und indem ich den Menschen, wie er durch seine Mitmenschen geworden, mit dem Menschen der Natur verglich, hatte ich den Muth, ihm gerade in seiner vermeintlichen Vervollkommnung die eigentliche Quelle seines Elends zu zeigen. Meine durch diese erhabenen Betrachtungen beschwingte Seele erhob sich an die Seite der Gottheit und von dort sehend, wie meine Mitgeschöpfe in der Blindheit ihrer Vorurtheile immer auf dem Wege ihrer Irrthümer, ihrer Leiden und ihrer Verbrechen blieben, rief ich ihnen mit einer schwachen Stimme, die sie nicht zu vernehmen vermochten, zu: »Wahnsinnige, die ihr unaufhörlich über die Natur klagt, lernet, daß alle eure Uebel in euch selber ihre Quelle haben.«

Aus diesen Betrachtungen entstand die Abhandlung über die Ungleichheit, ein Werk, das Diderot besser gefiel als alle meine andern Schriften und für das mir seine Rathschläge äußerst nützlich waren, Als ich dies schrieb, ahnte ich das große Complot Diderots und Grimms noch nicht, sonst würde ich leicht erkannt haben, einen wie großen Mißbrauch ersterer mit meinem Vertrauen trieb, um meinen Schriften diese harte Sprache und das düstere Colorit zu geben, die sie nicht mehr hatten, als er mich zu leiten aufhörte. Das Bild des Philosophen, der sich bei seinen hochtrabenden Schlußfolgerungen die Ohren zustopft, um sich gegen die Klagen eines Unglücklichen zu verhärten, hat er mir eingegeben; und auch andere noch stärkere hatte er mir anempfohlen, zu deren Benutzung ich mich jedoch nicht entschließen konnte. Aber da ich seine düstere Stimmung als eine Nachwirkung seines Aufenthaltes im Thurm zu Vincennes betrachtete, von der man noch in seinem Clairval eine ziemlich starke Beigabe findet, so fiel es mir nicht ein, die geringste böse Absicht dabei zu argwöhnen. das aber in ganz Europa nur wenige Leser fand, die es verstanden, und unter diesen keinen, der davon reden mochte. Es war zur Preisbewerbung verfaßt; ich sandte es also ein, wenn auch im voraus dessen sicher, daß es den Preis nicht bekommen würde, und in dem Bewußtsein, daß für derartige Arbeiten die Preise der Akademien nicht gestiftet sind.

Dieser Ausflug und diese Beschäftigung wirkten auf meine Stimmung wie auf meine Gesundheit vorteilhaft. Bereits seit mehreren Jahren hatte ich mich, von meiner Urinverhaltung gequält, den Aerzten völlig überlassen, die, ohne mir Linderung zu verschaffen, meine Kräfte erschöpft und meinen Körper geschwächt hatten. Nach der Rückkehr von Saint-Germain merkte ich eine Zunahme meiner Kräfte und fühlte mich weit wohler. Ich folgte diesem Winke und entschlossen, ohne Aerzte und ohne Heilmittel zu genesen oder zu sterben, verzichtete ich auf sie für immer und behalf mich, so gut es gehen wollte, blieb still im Winkel, wenn ich nicht gehen konnte, und ging, sobald ich Kraft dazu hatte. Das Pariser Treiben unter den anspruchsvollen Leuten behagte mir so wenig, die Ränke der Schriftsteller, ihre schmachvollen Zänkereien, ihre Unaufrichtigkeit in ihren Werken, ihr anmaßendes Wesen im gegenseitigen Verkehr waren mir so verhaßt, so meiner Natur widerstrebend, ich fand, sogar im Umgange mit meinen Freunden, so wenig Freundlichkeit, Offenherzigkeit und Freimüthigkeit, daß ich, von diesem lärmenden Leben widerwärtig berührt, mich leidenschaftlich nach einem Aufenthalte auf dem Lande zu sehnen begann, und da ich einsah, daß mir mein Geschäft ihn nicht gestattete, beeilte ich mich, wenigstens meine Freistunden daselbst zuzubringen. Mehrere Monate lang ging ich, anfangs gleich nach Tische, allein im Boulogner Walde spazieren, wobei ich die Stoffe zu meinen Arbeiten überdachte, und kehrte erst mit einbrechender Nacht zurück.

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