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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 8
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1752

Von der Composition dieses Werkes entflammt, hatte ich ein großes Verlangen, es zu hören, und ich würde alles in der Welt darum gegeben haben, es nu r für mich bei verschlossenen Thüren aufführen zu sehen, wie Lulli dem Gerede nach einmal die Armide für sich allein spielen ließ. Da ich dieses Vergnügen nur mit dem Publikum zusammen haben konnte, war es durchaus nöthig, die Annahme meines Stückes bei der Oper durchzusetzen, wenn ich mich daran erfreuen wollte. Leider war es von einer ganz neuen, den Ohren noch völlig ungewohnten Art, und überdies ließ mich der üble Erfolg der »Galanten Musen« den gleichen für den »Wahrsager« voraussehen, falls ich ihn unter meinem eigenen Namen einreichte. Duclos zog mich aus der Verlegenheit, indem er es übernahm, das Werk ohne Angabe des Verfassers zur Probe aufführen zu lassen. Um mich nicht zu verrathen, wohnte ich dieser Probe nicht bei, und die kleinen Violinisten, So nannte man nämlich Rebet und Francœur, die sich schon in ihrer Jugend dadurch einen Namen gemacht hatten, daß sie in den Häusern stets zusammen geigten. welche sie leiteten, erfuhren den Verfasser und Componisten selbst erst, nachdem dem Werke ein allgemeiner Beifall zu Theil geworden war. Alle Zuhörer waren davon bis zu dem Grade entzückt, daß man schon am nächsten Tage in allen Gesellschaften von nichts Anderem sprach. Herr von Cury, der Intendant der Hoflustbarkeiten, der bei der Probe zugegen gewesen war, verlangte das Werk, um es bei Hofe zur Aufführung zu bringen. Duclos, der meine Absichten kannte, schlug es ihm ab, da er dachte, daß ich bei Hofe weniger Herr über meine Arbeit sein würde, als in Paris. Cury verlangte es kraft seines Amtes; Duclos gab nicht nach, und der Streit wurde unter ihnen so lebhaft, daß es eines Tages zwischen ihnen während der Oper beinahe zum Zweikampfe gekommen wäre, wenn man sie nicht getrennt hätte. Man wollte sich an mich wenden; ich legte die Entscheidung wiederum in die Hände des Herrn Duclos. Man mußte sich also abermals an ihn wenden. Der Herr Herzog von Aumont mischte sich hinein. Duclos meinte schließlich der Gewalt nachgeben zu müssen, und das Stück wurde überlassen, um in Fontainebleau gespielt zu werden.

Das, woran mir am meisten gelegen war und worin ich mich am weitesten vom gewöhnlichen Wege entfernte, war das Recitativ. Das meinige war auf ganz neue Weise durch die Betonung hervorgehoben und stimmte mit dem Vortrage der Worte überein. Man wagte nicht, diese entsetzliche Neuerung zu dulden; man befürchtete, sie möchte die Schafsohren empören. Ich genehmigte, daß Francueil und Jelyotte ein anderes Recitativ machten, wollte mich aber damit selbst nicht befassen.

Als alles bereit und der Tag der Aufführung festgesetzt war, schlug man mir die Reise nach Fontainebleau vor, um wenigstens der Generalprobe beizuwohnen. Ich fuhr mit Fräulein Fel, Grimm und. wie ich glaube, auch mit dem Abbé Raynal, in einem Hofwagen hin. Die Probe hatte leidlichen Erfolg; ich war damit zufriedener, als ich erwartet hatte. Das zahlreiche Orchester war aus dem der Oper und der königlichen Kapelle gebildet. Jelyotte spielte Colin, Fräulein Fel Colette, Curilier den Wahrsager; die Chöre waren die der Oper. Ich sagte wenig; Jelyotte hatte alles geleitet; ich wollte seine Anordnungen nicht bekritteln, und trotz meiner angenommenen Verschlossenheit war ich inmitten aller dieser Leute verlegen wie ein Schüler.

Am folgenden Tage, an dem der Aufführung, nahm ich im Café du Grand Commun das Frühstück ein. Es hatten sich daselbst viele Menschen zusammengefunden. Man sprach von der gestrigen Probe und der Schwierigkeit, mit der man Zutritt dazu erhielt. Ein anwesender Officier sagte, er wäre ohne Mühe hineingekommen, erzählte weitläuftig alle einzelnen Vorgänge daselbst, schilderte den Componisten und berichtete, was er gethan und gesagt hätte. Was mich aber bei dieser ziemlich langen, mit eben so großer Sicherheit wie Einfachheit vorgetragenen Erzählung Wunder nahm, war der Umstand, daß sich darin auch nicht ein einziges wahres Wort fand. Mir war es eine ausgemachte Sache, daß dieser Mann, der so umständlich von der Probe sprach, gar nicht darin gewesen war, da er den Componisten, den er genau gesehen zu haben behauptete, vor Augen hatte, ohne ihn zu erkennen. Am eigenthümlichsten war bei diesem Auftritte die Wirkung, die er auf mich ausübte. Dieser Mann war von einem gewissen Alter und hatte weder die Miene noch den Ton eines eitlen Gecken; sein Gesicht verrieth Geist und sein Sanct-Ludwigskreuz ließ auf einen alten Officier schließen. Trotz seiner Unverschämtheit und wider meinen Willen erregte er mein Interesse. Während er seine Lügen zum Besten gab, erröthete ich, schlug die Augen nieder, saß wie auf Kohlen; ich fragte mich bisweilen selbst, ob er sich nicht irren und im guten Glauben handeln könnte. Zitternd vor Besorgnis, es möchte mich jemand wieder erkennen und ihn dadurch beschämen, trank ich, ohne etwas zu sagen, meine Chocolade eiligst aus, und mit gesenktem Haupte an ihm vorbeigehend, schritt ich so schnell wie möglich hinaus, während sich die Anwesenden über seine Mittheilungen unterhielten. Auf der Straße bemerkte ich, daß ich schwitzte, und ich bin überzeugt, hätte mich jemand vor meinem Hinauseilen erkannt und genannt, so würde man an mir die Scham und Verlegenheit eines Schuldigen wahrgenommen haben, lediglich in dem Gefühle der Demüthigung, die dieser arme Mann bei der Entdeckung seiner Lüge hätte empfinden müssen.

Da bin ich denn vor einem der kritischen Augenblicke meines Lebens angelangt, wo eine ausführliche Erzählung schwer fällt, weil es fast unmöglich ist, daß nicht der Bericht selbst das Gepräge der Anklage oder der Verteidigung trage. Trotzdem werde ich versuchen darzulegen, wie und auf welche Beweggründe gestützt ich mich hierbei verhielt, ohne weder Lob noch Tadel hinzuzufügen.

Ich erschien an diesem Tage in meinem Aeußern eben so nachlässig wie gewöhnlich, hatte mich nicht rasirt und trug eine ziemlich schlecht gekämmte Perrücke. Diesen Mangel an Anstand als eine muthige That ansehend, trat ich in einem solchen Aufzuge in den nämlichen Saal, in welchem sich ein wenig später der König, die Königin, die königliche Familie und der ganze Hof einfinden sollten. Ich ließ mich in der Loge des Herrn von Cury nieder, in welche er mich selbst führte; es war eine große Prosceniumsloge gerade der kleinen etwas höher gelegenen gegenüber, in der der König mit Frau von Pompadour Platz nahm. Von Damen umringt und der einzige Mann in dem Vordergrunde der Loge, konnte ich nicht daran zweifeln, daß man mich absichtlich dorthin gesetzt hatte, um jedermann sichtbar zu sein. Als ich mich nach dem Anzünden der Lichter inmitten aller dieser Leute in glänzender Galatracht in meinem Aufzuge erblickte, begann es mir unbehaglich zu Muthe zu werden. Ich fragte mich, ob ich an meinem Platze wäre, ob sich mein Aeußeres für ihn schickte, und antwortete mir nach einigen Minuten innerer Unruhe, ja, und zwar mit einer Dreistigkeit, die vielleicht mehr von der Unmöglichkeit, es zu ändern, als von der Gewalt meiner Gründe herrührte. Ich sagte mir: Ich bin an meinem Platze, weil ich mein Stück spielen sehe, weil ich dazu eingeladen bin, weil ich es lediglich zu dem Zweck verfaßt habe, und weil doch wohl niemand ein größeres Recht besitzt, die Frucht meiner Arbeit und meiner Talente zu genießen als ich selbst. Die Kleidung, die ich trage, ist meine gewöhnliche, weder eine bessere noch eine schlechtere; fange ich wieder an, mich in irgend einem Stücke nach der herrschenden Meinung zu richten, so würde ich mich von ihr bald von neuem in allem geknechtet sehen. Um stets ich selbst zu sein, darf ich, wo ich mich auch immer befinden mag, nie über die meinem erwählten Stande angemessene Tracht erröthen; mein Aeußeres ist einfach und nachlässig, aber nicht schmutzig oder unsauber; auch der Bart ist es an sich nicht, weil die Natur ihn uns giebt und er je nach Zeit und Mode bisweilen sogar als Zierde gilt. Man wird mich lächerlich, ungezogen finden; ei, was thut das! Ich muß Spott und Tadel erdulden lernen, wenn er nur nicht verdient ist. Nach diesem kurzen Selbstgespräche gewann ich wieder so viel Fassung, daß ich, wenn es nöthig gewesen wäre, allem Trotz geboten hätte. Aber sei es die Wirkung der Gegenwart des Herrschers, sei es die natürliche Stimmung der Gemüther, ich nahm in der Neugier, deren Gegenstand ich bildete, nur Artigkeit und Höflichkeit wahr. Ich wurde dergestalt davon gerührt, daß ich wieder über mich selbst und das Schicksal meines Stückes unruhig zu werden begann, da ich besorgte, daß ich so günstige Vorurtheile, die nur darauf auszugehen schienen, mir Beifall zu spenden, zerstören könnte. Gegen ihren Spott war ich gewaffnet, aber ihr verbindliches Entgegenkommen, auf das ich nicht gerechnet hatte, überwältigte mich so, daß ich, als man begann, wie ein Kind zitterte.

Bald sollte ich jedoch Grund erhalten, mich zu beruhigen. Was die Schauspieler anlangt, wurde das Stück zwar sehr schlecht gespielt, dafür aber der musikalische Theil vortrefflich gesungen und ausgeführt. Schon beim ersten Auftritte, der in der That von einer rührenden Natürlichkeit und Anmuth ist, vernahm ich, wie sich ein bei derartigen Stücken bisher unerhörtes Gemurmel der Ueberraschung und des Beifalls in den Logen erhob. Die zunehmende Aufregung stieg bald zu einem solchen Grade, daß sie in der ganzen Versammlung wahrnehmbar war, und, um mit Montesquieu zu reden, ihre Wirkung durch ihre Wirkung selbst steigerte. Bei der Scene der beiden braven kleinen Leute erreichte diese Wirkung ihren Höhepunkt. In Gegenwart des Königs wird nicht geklatscht; um so deutlicher kam alles zu Gehör; das Stück wie der Verfasser gewannen dabei. Ich vernahm rings um mich her ein Geflüster von Frauen, die mir schön wie Engel vorkamen und sich halblaut zuriefen: »Das ist reizend, das ist entzückend; jeder Ton spricht zum Herzen.« Die Freude, so viele liebenswürdige Personen zu rühren, rührte mich selbst bis zu Thränen, und beim ersten Duett vermochte ich sie nicht zurückzuhalten, als ich sah, daß sie mir nicht allein die Augen füllten. Ich versenkte mich einen Augenblick in die Vergangenheit, indem ich jenes Concertes bei Herrn von Treitorens gedachte. Diese Rückerinnerung wirkte auf mich ähnlich wie der Sklave, der die Krone über dem Haupte der Triumphatoren hält, auf diese; aber sie währte kurz, und ich überließ mich der Lust, meinen Ruhm zu genießen, bald voll und rückhaltslos. Trotzdem bin ich überzeugt, daß hierbei in diesem Augenblicke mehr das geschlechtliche Verlangen im Spiele war als die Autoreitelkeit, und wären nur Männer zugegen gewesen, würde ich gewiß nicht von der Begierde, die mich unaufhörlich quälte, verzehrt worden sein, die köstlichen Thränen, die ich fließen machte, mit meinen Lippen aufzusaugen. Ich habe Stücke lebhaftere Bewunderung erregen, aber nie eine so vollständige, so süße, so rührende Trunkenheit in einem ganzen Theater herrschen sehen und noch dazu am Hofe, am Tage einer ersten Vorstellung. Die Zuschauer derselben müssen sich ihrer noch erinnern, denn der Erfolg war einzig.

Noch an demselben Abende ließ mich der Herr Herzog von Aumont auffordern, mich am nächsten Morgen um elf Uhr im Schlosse einzufinden, da er mich dem Könige vorstellen sollte. Herr von Cury, der diesen Auftrag an mich ausrichtete, fügte hinzu, daß es sich angeblich um eine Pension handelte, deren Verleihung mir der König selbst ankündigen wollte.

Wird man glauben, daß die Nacht, welche auf einen so glänzenden Tag folgte, für mich eine Nacht voller Angst und Unschlüssigkeit war? Nächst dem Gedanken an diese Vorstellung beschäftigte mich der Gedanke an ein häufig wiederkehrendes Bedürfnis, das mich an demselben Abend in peinigender Weise zum öftern Verlassen des Schauspielhauses genöthigt hatte und mich auch am nächsten Morgen quälen konnte, wenn ich mich inmitten aller dieser Großen, die auf das Vorüberschreiten seiner Majestät warteten, in der Galerie oder in den Gemächern des Königs befand. Diese Krankheit war der Hauptgrund, der mich von Gesellschaften fern hielt und mir ein längeres Zusammensein mit Frauen unmöglich machte. Der blose Gedanke an die Lage, in welche mich dieses Bedürfnis versetzen konnte, ließ es mich in einem Grade empfinden, daß ich auf das schmerzlichste darunter litt, wollte ich nicht ein Aufsehen erregen, dem ich den Tod vorgezogen hätte. Nur Leute, die diesen Zustand kennen, sind im Stande, sich die Angst auszumalen, von demselben befallen zu werden.

Dann erblickte ich mich im Geiste vor dem Könige, wie ich seiner Majestät vorgestellt wurde, die anzuhalten und das Wort an mich zu richten geruhte. Da kam es auf Schlagfertigkeit im Antworten und Geistesgegenwart an. Würde meine verwünschte Blödigkeit, die mich vor dem geringsten Unbekannten in Verlegenheit bringt, vor dem Könige von Frankreich von mir gewichen sein oder mir gestattet haben, augenblicklich die richtige Antwort zu finden? Ich beabsichtigte, ohne den einmal angenommenen strengen Ernst in Miene und Ton aufzugeben, mich doch für die Ehre, die mir ein so großer Monarch anthat, dankbar zu zeigen. Ich mußte irgend eine große und nützliche Wahrheit in ein angenehm klingendes und verdientes Lob einhüllen. Um im voraus eine glückliche Antwort bereit zu halten, wäre es nöthig gewesen, das, was er mir sagen konnte, genau vorauszusehen; und ich war trotzdem überzeugt, daß mir selbst dann in seiner Gegenwart nicht ein einziges Wort von dem, was ich überlegt, wieder einfallen würde. Was hätte in diesem Augenblicke aus mir werden sollen, wenn ich unter den Augen des ganzen Hofes in meiner Verlegenheit mit einer meiner gewöhnlichen Dummheiten herausgeplatzt wäre? Diese Gefahr beunruhigte und entsetzte mich, ja erfüllte mich mit solcher Angst, daß ich mich dadurch bewegen ließ, mich ihr, koste es, was es wolle, nicht auszusetzen.

Allerdings verlor ich dann die Pension, die mir gewissermaßen in Aussicht gestellt war: allein ich entzog mich auch dem Joche, welches sie mir auferlegt hätte. Vorbei wäre es dann gewesen mit Wahrheit, Freiheit, Muth. Wie hätte ich dann noch die Dreistigkeit haben können, von Unabhängigkeit und Uneigennützigkeit zu reden? Nach Annahme der Pension durfte ich nur schmeicheln oder schweigen. Wer leistete mir über dies Bürgschaft, daß sie mir ausgezahlt werden würde? Wie viel Laufereien hätte ich gehabt, bei wie viel Leuten als Bittsteller erscheinen müssen. Es hätte mir größere und unangenehmere Sorgen bereitet, sie mir zu sichern, als sie zu entbehren. Es erschien mir deshalb der Verzicht auf sie als das folgerichtige Ergebnis meiner Grundsätze, und ich glaubte dabei nur den Schein der Wirklichkeit zu opfern. Grimm, den ich von meinem Entschluß in Kenntnis setzte, hatte nichts gegen ihn einzuwenden. Den Andern gegenüber berief ich mich auf meinen Gesundheitszustand und reiste noch denselben Morgen ab.

Meine Abreise erregte Aufsehen und wurde allgemein getadelt. Nicht jeder konnte für meine Gründe Verständnis haben; mich eines albernen Stolzes zeihen war leichter und befriedigte besser die Eifersucht eines jeden, der sich dessen bewußt war, daß er nicht eben so gehandelt hätte. Am nächsten Morgen schrieb mir Jelyotte ein Billet, in dem er mir den Erfolg meines Stückes und das Entzücken des Königs über dasselbe lebhaft betheuerte. Den ganzen Tag, hieß es darin unter anderen, hört Seine Majestät nicht auf mit der falschesten Stimme in seinem Königreiche zu singen: »Meinen Diener find' ich nirgends, all mein Glück ist mir geraubt«. Er fügte hinzu, daß der »Wahrsager« in vierzehn Tagen zum zweiten Male aufgeführt werden sollte, wobei sich das ganze Publikum von dem vollen Erfolge der ersten Vorstellung würde überführen können.

Als ich mich zwei Tage später abends gegen neun Uhr zu Frau von Epinay begab, bei der ich zu Nacht speisen wollte, kreuzte unmittelbar vor ihrer Hausthür ein Fiaker meinen Weg. Der darin sitzende Fahrgast winkte mir zu ihm hineinzusteigen; ich stieg ein; es war Diderot. Er redete mit mir von der Pension mit einem Feuer, das ich in Betreff eines solchen Gegenstandes von einem Philosophen nicht erwartet hätte. Er legte es mir nicht als Verbrechen aus, daß ich dem Könige nicht hatte vorgestellt werden wollen, erblickte aber ein ganz erschreckliches in meiner Gleichgiltigkeit gegen die Pension. Er erklärte mir, daß, wenn ich auch für meine Person uneigennützig wäre, ich es doch im Hinblick auf Frau Le Vasseur und ihre Tochter nicht sein dürfte; daß ich ihnen schuldig wäre, kein ehrliches Mittel zu ihrem Unterhalte unbenutzt zu lassen, und da man nach allem nicht behaupten könnte, ich hätte die Pension abgelehnt, so beharrte er dabei, daß ich bei der offenbaren Geneigtheit, sie mir zu bewilligen, mich um sie bewerben und sie um jeden Preis zu erlangen suchen müßte. Obgleich ich von seinem Eifer gerührt wurde, konnte ich seinen Grundsätzen doch nicht beistimmen, und wir hatten hierüber einen sehr lebhaften Streit, den ersten, den ich mit ihm hatte. Alle unsere späteren Zwistigkeiten entstanden übrigens auf dieselbe Weise, indem er mir vorschreiben wollte, was ich seiner Ansicht nach thun müßte, während ich mich dagegen verwahrte, weil ich es nicht thun zu müssen glaubte.

Es war spät, als wir von einander schieden. Ich wollte ihn zu Frau von Epinay mitnehmen, um dort zu speisen, doch weigerte er sich. Welche Mühe ich mir auch in dem Verlangen, alle, welche ich liebe, zu Freunden zu machen, in verschiedenen Zeiten gegeben habe, um Diderot zu einem Besuche bei jener Dame zu bewegen, wobei ich sie sogar bis vor seine Thüre führte, die er uns aber verschlossen hielt: er hat es stets abgelehnt und nur in den verächtlichsten Ausdrücken von ihr gesprochen. Erst nach meinem Bruche mit ihr und ihm traten sie einander näher, und er begann mit Ehrfurcht von ihr zu reden.

Seit jener Zeit schienen es sich Diderot und Grimm zur Aufgabe zu machen, mir Therese und ihre Mutter zu entfremden, indem sie ihnen zu verstehen gaben, daß es, wenn sie nicht in angenehmeren Verhältnissen lebten, lediglich in meinem üblen Willen läge, und daß sie von mir nie etwas zu hoffen hätten. Sie suchten sie zu veranlassen, sich von mir zu trennen, indem sie ihnen unter Hinweis auf den Einfluß der Frau von Epinay einen Salzverschleiß, einen Tabakladen und ich weiß nicht was sonst noch versprachen. Sie wollten sogar Duclos eben so wie Holbach in ihr Bündnis ziehen; aber der erstere lehnte dergleichen Aufforderungen beständig ab. Ich bekam damals zwar Wind von allen diesen Vorgängen, erfuhr sie aber ganz genau erst lange nachher, und ich hatte oft den blinden und wenig besonnenen Eifer meiner Freunde zu beklagen, die bei ihrem Bestreben, mich in meinem leidenden Zustande der traurigsten Vereinsamung zu überliefern, daran zu arbeiten wähnten, mich gerade durch die Mittel glücklich zu machen, welche in Wahrheit am geeignetsten waren, mich elend zu machen.

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