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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 6
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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Achtes Buch.

1749

Am Ende des vorhergehenden Buches habe ich eine Pause machen müssen. Mit diesem beginnt von ihrem ersten Anfang an die lange Reihe meiner Leiden.

Da ich in zwei der glänzendsten Häuser von Paris gelebt, hatte ich trotz meines Hanges zur Zurückgezogenheit doch nicht umhin gekonnt, einige Bekanntschaften zu machen. Unter andern war ich bei Frau Dupin mit dem jungen Erbprinzen von Sachsen-Gotha und dem Baron von Thun, seinem Hofmeister, bekannt geworden. Bei Herrn De la Poplinière hatte ich Herrn Seguy, den Freund des Baron von Thun kennen gelernt, der in der literarischen Welt durch seine schöne Ausgabe Rousseau's bekannt ist. Der Baron lud uns, Herrn Seguy und mich ein, einen oder zwei Tage in Fontenay-sous-Bois, wo der Prinz ein Haus besaß, zuzubringen. Wir folgten der Einladung. Als wir auf dem Hinwege durch Vincennes kamen, fühlte ich beim Anblicke des Thurmes eine solche Herzensqual, daß sie mir der Baron am Gesichte anmerkte. Beim Abendessen sprach der Prinz von Diderots Gefangenschaft. Um mich zum Sprechen zu bringen, zieh der Baron Diderot der Unbesonnenheit; ich machte mich ihrer schuldig durch die ungestüme Art, in der ich seine Verteidigung führte. Man verzieh einem Manne, der für einen unglücklichen Freund eintritt, dieses Uebermaß von Eifer und redete von anderen Dingen. In dem Gefolge des Prinzen befanden sich noch zwei Deutsche, der eine, welcher Klüpffell hieß und viel Geist besaß, war sein Kaplan und wurde später, nachdem er den Baron verdrängt hatte, sein Hofmeister, und der andere war ein junger Mann, Namens Grimm, der ihm, bis er eine Stelle fände, als Vorleser diente. Seine äußerst dürftige Ausstattung verrieth, wie dringend er einer solchen bedurfte. Schon an diesem Abende fühlten Klüpffell und ich uns zu einander hingezogen, und wir wurden bald aufrichtige Freunde; mein Verkehr mit Herrn Grimm machte keinen so schnellen Fortschritt; er drängte sich nicht gern in den Vordergrund, und war noch weit von jenem anmaßenden Tone entfernt, den er später im Glücke anzuschlagen für gut fand. Am folgenden Tage sprach man bei der Tafel von Musik; er sprach gut darüber. Es machte mir große Freude zu hören, daß er auf dem Klaviere begleite. Nach Tische ließ man Noten bringen. Wir musicirten den ganzen Tag auf dem Klaviere des Prinzen; und so begann diese Freundschaft, die mir bei ihrem Anfange so angenehm und bei ihrem Ende so verhängnisvoll war, und von der ich von nun an noch so viel werde zu sagen haben.

Bei meiner Rückkehr nach Paris vernahm ich die angenehme Nachricht, daß Diderot aus dem Thurme entlassen wäre und man ihm das Schloß und den Park von Vincennes zum Gefängnis auf Ehrenwort angewiesen hätte, zugleich mit der Erlaubnis, seine Freunde bei sich zu sehen. Wie schwer es mir fiel, nicht auf der Stelle hineilen zu können! Aber bei Frau Dupin zwei oder drei Tage durch dringend nothwendige Arbeiten zurückgehalten, flog ich nach drei oder vier Jahrhunderten der Ungeduld in die Arme meines Freundes. Unaussprechlicher Augenblick! Er war nicht allein; d'Alembert und der Schatzmeister von Saint-Chapelle waren bei ihm. Beim Eintreten gewahrte ich nur ihn; mit einem lauten Aufschrei eilte ich auf ihn zu; ich lehnte mein Gesicht gegen das seine, drückte ihn fest an mich und redete nur durch meine Thränen und mein Schluchzen zu ihm; ich erstickte fast vor Zärtlichkeit und Freude. Seine erste Bewegung, nachdem er sich meinen Armen entwunden hatte, war, sich an den Geistlichen zu wenden und zu ihm zu sagen: »Sie sehen, mein Herr, wie meine Freunde mich lieben.« Noch in voller Erregung dachte ich über diese Art, daraus Nutzen zu ziehen, damals nicht nach; aber wenn ich später bisweilen daran dachte, bin ich stets der Ansicht gewesen, daß mir an Diderots Stelle dieser Gedanke nicht zuerst gekommen wäre. Ich fand ihn von seiner Gefangenschaft sehr angegriffen. Der Thurm hatte einen schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht; und obgleich es ihm im Schlosse ganz gut erging und er in einem nicht einmal mit Mauern umschlossenen Parke frei spazieren gehen konnte, so hatte er doch die Gesellschaft seiner Freunde nöthig, um nicht in Trübsinn zu versinken. Da ich sicherlich am meisten Antheil an seinem Kummer nahm, so glaubte ich auch, daß ihm mein Anblick am trostreichsten sein müßte, und trotz sehr dringender Beschäftigungen ging ich deshalb spätestens jeden zweiten Tag entweder allein oder mit seiner Frau nach Vincennes, um den Nachmittag mit ihm zuzubringen.

Dieses Jahr 1749 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Hitze aus. Von Paris nach Vincennes rechnet man zwei Wegstunden. Nicht gut im Stande, Droschken zu bezahlen, machte ich mich, wenn ich allein war, nachmittags zwei Uhr auf den Weg und ging schnell, um früher anzukommen. Die Bäume am Wege, nach Landessitte stets ausgeästet, gaben fast keinen Schatten, und von Hitze und Müdigkeit ermattet, legte ich mich oft, wenn ich nicht weiter konnte, der Länge nach auf die Erde. Um meinen Schritt zu mäßigen, gerieth ich auf den Einfall, irgend ein Buch mitzunehmen. Eines Tages nahm ich den französischen Merkur, und ihn beim Wandern überfliegend, fiel mir die von der Akademie zu Dijon für das nächste Jahr aufgestellte Preisfrage in die Augen, »ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zum Verderben oder zur Veredelung der Sitten beigetragen hat?«

Beim ersten Durchlesen dieser Worte sah ich eine andere Welt vor mir und wurde ich ein anderer Mann. Obgleich ich eine lebhafte Erinnerung an den dadurch empfangenen Eindruck habe, sind mir die Einzelheiten desselben entschwunden, seitdem ich sie in einem meiner vier Briefe an Herrn von Malesherbes niedergeschrieben habe. Es ist eine der Eigenthümlichkeiten meines Gedächtnisses, die der Erwähnung verdient. Wenn es mir dient, so geschieht es nur, so weit ich mich darauf verlasse; sobald ich dagegen das im Gedächtnis Aufbewahrte zu Papier bringe, verläßt es mich; sobald ich etwas einmal aufgeschrieben habe, erinnere ich mich seiner gar nicht mehr. Diese Eigentümlichkeit macht sich auch in der Musik bemerkbar. Ehe ich sie lernte, wußte ich eine Menge Lieder auswendig; sobald ich verstand, Melodien nach Noten zu singen, habe ich kein Lied behalten können, und ich zweifle, daß ich von denen, die mir am liebsten waren, heute auch nur eine einzige ganz hersagen könnte.

Wessen ich mich bei dieser Gelegenheit noch ganz deutlich erinnere, ist, daß ich mich bei meiner Ankunft in Vincennes in einer wahnsinnartigen Aufregung befand. Diderot nahm sie wahr; ich sagte ihm die Ursache und las ihm die Prosopopoe des Fabricius vor, zu der ich den ersten Entwurf unter einer Eiche geschrieben hatte. Er spornte mich an, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, und mich um den Preis mitzubewerben. Ich that es und war von diesem Augenblicke an verloren. Mein ganzes übriges Leben mit allen meinen Leiden war die unvermeidliche Folge dieses Augenblickes der Verirrung.

In seinem Briefe an Malesherbes fügt Rousseau dieser Erzählung noch weit auffallendere Umstände hinzu. Sie erregen die Vorstellung einer Eingebung und einer Anwandlung von Verzückung, von der sich, wie man behaupten kann, in den Jahrbüchern der Literatur kein ähnliches Beispiel findet. »Ich fühle meinen Kopf von einem rauschähnlichen Taumel ergriffen. Krampfhafte Zuckungen erfaßten mich... Da ich beim Gehen nicht mehr zu athmen vermag, sinke ich unter einen Baum am Wege hin und verharre dort eine halbe Stunde in einer solchen Erregung, daß ich erst beim Aufstehen bemerkte, wie die ganze Vorderseite meiner Weste von Thränen benetzt war, während ich mir gar nicht bewußt geworden, geweint zu haben.«

Diesem mit so beredten Worten beschriebenen exstatischen Zustande stellt Marmontel das gegenüber, was er die Thatsache in ihrer nackten Einfachheit nennt, so wie sie ihm nach seiner Erklärung Diderot selbst mitgetheilt hat. »Eines Tages,« (es sind Diderots Worte) »als wir zusammen spazieren gingen, sagte er mir, die Akademie von Dijon hätte eine interessante Preisfrage ausgestellt, und er fühlte Lust, sich an sie zu wagen. Diese Preisfrage lautete: ...›Wofür werden Sie sich entscheiden?‹ fragte ich ihn. – »Daß sie zur Veredelung der Sitten beigetragen haben.« – »Das ist die Eselsbrücke. Alle mittelmäßige Geister werden diesen Weg einschlagen. Der entgegengesetzte bietet der Philosophie und der Beredtsamkeit ein neues, reiches und fruchtbares Feld dar.« – »Sie haben Recht,« sagte er nach augenblicklichem Ueberlegen. »Ich werde Ihren Rath befolgen.«

Wäre die Anekdote wahr, so muß man gestehen, daß die Folgen für Rousseau's Namen und Werke furchtbar sein würden, da sie nichts weniger herbeiführen müßten, als seine Leser über die Grundsätze seiner Philosophie, ja selbst über seinen Charakter und über alles, was ihn vor seinen Zeitgenossen so hervorragend auszeichnet, vollkommen zu enttäuschen. Wie? Von jenem Augenblicke an sollte er sein ganzes Leben lang eine Larve getragen haben! Diese Annahme ist zu gräßlich, um nicht zu verdienen, daß man ihre Wahrscheinlichkeit ernstlich bestreitet.

Meine Gefühle richteten sich mit der erstaunlichsten Schnelligkeit nach dem Schwunge meiner Gedanken. Alle meine kleinen Leidenschaften wurden von der Begeisterung für Wahrheit, Freiheit und Tugend erstickt; und noch wunderbarer ist, diese Gährung erhielt sich in meinem Herzen länger als vier oder fünf Jahre in einem so hohen Grade, wie es vielleicht in dem Herzen keines andren Menschen je vorgekommen ist.

Ich arbeitete diese Abhandlung in einer höchst sonderbaren Weise aus, die ich bei meinen andern Werken fast immer beibehalten habe. Ich widmete ihr die schlaflosen Stunden meiner Nächte. Ich überlegte im Bette mit geschlossenen Augen und wendete meine Perioden im Kopfe mit unglaublicher Mühe hin und her; wenn ich dann endlich mit ihnen zufrieden war, behielt ich sie so lange im Gedächtnisse, bis ich sie aufschreiben konnte. Aber während der Zeit des Aufstehens und Anziehens verlor ich alles wieder aus dem Gedächtnisse, und wenn ich mich vor mein Papier gesetzt hatte, fiel mir von all dem so mühsam Eingeprägten fast nichts mehr ein. Ich gerieth auf den Einfall, mir Frau Le Vasseur zum Secretär zu nehmen. Ich hatte sie mit ihrer Tochter und ihrem Manne in meiner Nähe untergebracht, und um mir einen Dienstboten zu ersparen, kam sie jeden Morgen, mir Feuer anzumachen und meine kleinen häuslichen Geschäfte zu besorgen. Bei ihrer Ankunft diktirte ich ihr von meinem Bette aus meine nächtliche Arbeit, und dieses Verfahren, dem ich lange treu blieb, hat mir bei meiner Vergeßlichkeit gute Dienste geleistet.

Nach Vollendung dieser Abhandlung zeigte ich sie Diderot, der mit ihr zufrieden war und mir einige Verbesserungen angab. Trotzdem mangelt es diesem schwungreichen und gewaltigen Werke völlig an Logik und Ordnung; unter allen, die aus meiner Feder geflossen sind, ist es im Folgern das schwächste und an Wohlklang und Harmonie das ärmste; aber mit welchem Talente man auch geboren sein mag, die Kunst zu schreiben lernt sich nicht auf einmal.

Ich handle diese Arbeit ab, ohne mit irgend einem andern davon zu reden, wenn nicht etwa mit Grimm, mit dem ich seit seinem Eintritt bei dem Grafen von Friesen in innigster Freundschaft zu leben begann. Unser Vereinigungspunkt bildete sein Klavier, an welchem ich alle freie Augenblicke mit ihm zubrachte, um italienische Lieder und Barcarolen unermüdlich und rastlos vom Morgen bis zum Abend, oder vielmehr vom Abend bis zum Morgen zu singen; und sobald man mich nicht bei Frau Dupin fand, war man sicher mich bei Herrn Grimm oder wenigstens in seiner Gesellschaft, sei es auf dem Spaziergange oder im Theater, zu finden. Ich hörte auf, die italienische Komödie zu besuchen, zu der ich freien Eintritt hatte, die er aber nicht leiden konnte, um mit ihm für mein Geld in die französische Komödie zu gehen, für die er leidenschaftlich eingenommen war. Kurz, dieser junge Mann übte auf mich eine so mächtige Anziehungskraft aus, und ich wurde so unzertrennlich von ihm, daß selbst die arme Tante darüber vernachlässigt wurde, das heißt, daß ich sie seltener sah, denn meine Liebe zu ihr hat auch nicht einen Augenblick meines Lebens abgenommen.

Diese Unmöglichkeit, die wenige Zeit, die ich frei hatte, zwischen meinen Neigungen zu theilen, erneuerte lebhafter als je den Wunsch, den ich längst hegte, mit Therese nur einen gemeinschaftlichen Haushalt zu führen; aber die Verlegenheit, die durch ihre zahlreiche Familie hervorgerufen wurde, und besonders der Mangel an Geld zum Ankauf der Möbel, hatten mich bis jetzt zurückgehalten. Die Gelegenheit zur Durchführung dieses Planes bot sich dar, und ich benutzte sie. Da Herr von Francueil und Frau Dupin sehr wohl einsahen, daß acht- bis neunhundert Franken jährlich für mich nicht ausreichen konnten, so erhöhten sie aus eigenem Antriebe mein jährliches Honorar auf fünfzig Louisd'or; ja noch mehr, als Frau Dupin vernahm, daß ich die Absicht hatte, mir eigene Möbel anzuschaffen, kam sie mir auch hierbei zu Hilfe. Wir legten nun das alles mit den Möbeln, welche Therese bereits besaß, zusammen, und nachdem wir eine kleine Wohnung im Hotel de Languedoc, in der Straße Grenelle Saint-Honoré, bei sehr guten Leuten gemiethet hatten, richteten wir uns darin, so gut wir konnten, ein und haben dort sieben Jahre lang bis zu meiner Uebersiedelung nach der Eremitage friedlich und angenehm gewohnt.

Theresens Vater war ein ältlicher, gutmüthiger und sehr freundlicher Herr, der sich vor seiner Frau außerordentlich fürchtete und ihr den Spitznamen Kriminallieutenant gegeben hatte, eine Benennung, die Grimm späterhin scherzweise auf die Tochter übertrug. Der Frau Le Vasseur fehlte es nicht an Geist; sie war sogar auf ihre Bildung und ihr vornehmes Wesen stolz; aber sie hatte etwas Geheimthuerisches und Einschmeichelndes an sich, das mir unerträglich war, da sie ihrer Tochter ziemlich schlechte Rathschläge ertheilte, sie zur Verstellung gegen mich anhielt und meinen Freunden, einem jeden allein und immer auf meine und der andern Kosten, zu gefallen suchte. Im Uebrigen war sie eine ziemlich gute Mutter, da sie ihre Rechnung dabei fand, es zu sein, und verdeckte die Fehler ihrer Tochter, weil sie von ihnen Nutzen hatte. Diese Frau, die ich mit Aufmerksamkeiten, Zuvorkommenheiten und kleinen Geschenken überhäufte, und deren Liebe zu erwerben ich mir außerordentlich angelegen sein ließ, war in Folge der deutlichen Unmöglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, die einzige Ursache von Unbehaglichkeit, die ich in meiner kleinen Wirtschaft empfand. Uebrigens kann ich sagen, daß ich während dieser sechs oder sieben Jahre das vollkommenste häusliche Glück, welches die menschliche Schwäche gestattet, genossen habe. Das Herz meiner Therese war das eines Engels; unsere Neigung nahm mit der Innigkeit unserer Verbindung zu, und wir fühlten von Tage zu Tage mehr, wie sehr wir für einander geschaffen waren. Wenn unsere Freuden geschildert werden könnten, würden sie durch ihre Einfachheit Lachen erregen: unsere Spaziergänge im traulichen Zwiegespräche außerhalb der Stadt, wo ich in irgend einer Schenke großartig acht oder zehn Sous verthat; unsere kleinen Abendessen in der Fensternische, bei denen wir auf zwei kleinen Stühlen einander gegenüber saßen. Sie standen auf einem Koffer, der gerade in die Nische hineinpaßte. Das Fensterbrett mußte uns hierbei als Tisch dienen, und bei stetem Essen athmeten wir die frische Luft ein, konnten die Umgegend überschauen, die in ihr Umherwandernden sehen und, obwohl wir im vierten Stock wohnten, auf die Straße hinabblicken. Wer vermag den Reiz dieser Mahlzeiten zu schildern und zu empfinden, deren sämmtliche Gerichte aus einem Viertellaib groben Brotes, einigen Kirschen, einem Stückchen Käse und aus einem halben Schoppen Wein, den wir gemeinschaftlich tranken, bestanden? Freundschaft, Vertrauen, Innigkeit, Seelenruhe, wie lieblich sind eure Reize! Bisweilen blieben wir bis Mitternacht dort, ohne daran zu denken und auch nur zu ahnen, wie spät es wäre, wenn uns nicht die alte Mama daran erinnert hätte. Aber übergehen wir diese Einzelheiten, die zu thöricht oder lächerlich erscheinen werden; ich habe es stets gefühlt und behauptet: der wahre Genuß läßt sich nicht schildern.

Ungefähr um die nämliche Zeit hatte ich einen gröberen, den letzten dieser Art, den ich mir vorzuwerfen gehabt habe. Ich habe erwähnt, daß der Prediger Klüpffell liebenswürdig war; meine Verbindung mit ihm war nicht weniger innig als die mit Grimm und nahm einen gleich vertraulichen Charakter an. Beide speisten mitunter bei mir. Diese etwas mehr als einfachen Mahlzeiten wurden durch die feinen und tollen Späße Klüpffells und die drolligen Germanismen Grimms, der noch nicht Purist geworden war, erheitert. Die sinnlichen Genüsse herrschten bei unsern kleinen Orgien nicht vor; aber die Fröhlichkeit gewährte Ersatz, und wir befanden uns zusammen so wohl, daß wir nicht mehr ohne einander sein konnten. Klüpffell hatte einem jungen Mädchen eine Wohnung ausmöblirt, das sich trotzdem Var. ... das sich trotzdem nach Uebereinkunft etc. nach wie vor jedermann hingab, da er nicht im Stande war, es allein zu unterhalten. Als wir eines Abends in ein Café traten, fanden wir ihn eben im Begriff, es zu verlassen, um mit ihr zum Abendessen zu gehen. Wir zogen ihn auf; er rächte sich artigerweise dadurch, daß er uns gleichfalls zu dem Abendessen einlud und uns darauf seinerseits aufzog. Dieses arme Wesen kam mir ziemlich gutmüthig, sehr sanft und für ihr Geschäft, zu dem sie eine Hexe, die sie bei sich hatte, nach Kräften anlernte, wenig geschaffen vor. Das Gespräch und der Wein erheiterten uns bis zu dem Grade, daß wir uns vergaßen. Der gute Klüpffell wollte den gefälligen Wirth nicht halb spielen, und wir verweilten alle drei hinter einander mit der armen Kleinen, die nicht wußte, ob sie lachen oder weinen sollte, eine Zeit lang in dem Nebenzimmer. Grimm hat stets behauptet, daß er sie nicht berührt hätte; dann kann er blos, um sich an unserer Ungeduld zu belustigen, so lange mit ihr fortgeblieben sein. Enthielt er sich ihrer wirklich, so ist es schwerlich aus Gewissensbedenken geschehen, da er vor seinem Eintritt bei dem Grafen von Friesen in demselben Stadtviertel Saint-Roche bei Mädchen wohnte.

Ich schied aus der Straße Des Moineaux, in der dieses Mädchen wohnte, so beschämt, wie Saint-Preux aus dem Hause schied, in dem man ihn berauscht hatte, und ich gedachte meiner Geschichte recht lebhaft, als ich die seinige schrieb. An irgend einem Zeichen und besonders an meiner verlegenen Miene merkte Therese, daß ich mir etwas vorzuwerfen hatte; ich erleichterte mein Gewissen durch eine offene und augenblickliche Beichte. Ich that wohl daran, denn schon am folgenden Tage erschien Grimm im Triumphe, um ihr unter vielen Uebertreibungen meine Schandthat zu erzählen, und seitdem hat er nie verabsäumt, die Erinnerung daran boshafterweise immer wieder in ihr wachzurufen, was um so unverzeihlicher war, da ich, nachdem ich ihm meine Verhältnisse frei und offen bekannt hatte, mit Recht von ihm erwarten durfte, daß er mich dies nicht würde bereuen lassen. Niemals überzeugte ich mich besser von der Herzensgüte meiner Therese als bei dieser Gelegenheit, denn sie war durch Grimms Betragen mehr gekränkt als durch meine Untreue beleidigt, und sie machte mir ihrerseits nur rührende und zärtliche Vorwürfe, in denen ich nie die geringste Spur von Unwillen wahrnahm.

Die Geisteseinfalt dieses ausgezeichneten Mädchens war eben so groß wie ihre Herzensgüte, damit ist alles gesagt; ein Beispiel derselben, das mir gerade einfällt, verdient jedoch erzählt zu werden. Ich hatte ihr gesagt, Klüpffell wäre Prediger und Kaplan des Prinzen von Sachsen-Gotha. Ein Prediger war für sie ein so ausgezeichneter Mann, daß sie in komischer Verwechselung der einander widerstreitendsten Begriffe sich einfallen ließ, Klüpffell für den Papst zu halten. Ich glaubte, sie wäre toll geworden, als sie mir beim Nachhausekommen zum ersten Male sagte, der Papst hätte mir einen Besuch machen wollen. Ich ließ sie sich erklären und hatte dann nichts Eiligeres, als diese Geschichte Grimm und Klüpffell zu erzählen, dem unter uns der Name Papst blieb. Dem Mädchen in der Straße Des Moineaux legten wir den Namen Päpstin Johanna bei. Wir brachen dabei in ein so heftiges Gelächter aus, daß wir fast erstickt wären. Die, welche mich in einem Briefe, den es ihnen beliebt hat, mir zuzuschreiben, haben behaupten lassen, ich hätte nur zweimal in meinem Leben gelacht, haben mich weder in jener Zeit noch in meiner Jugend gekannt, sonst hätte ihnen dieser Gedanke sicherlich nicht kommen können.

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