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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 4
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1745 – 1747

In dem auf die Schlacht von Fontenoy folgenden Winter fanden in Versailles viele Festlichkeiten statt, unter andern wurden im Theater des Petites-Ecuries mehrere Opern aufgeführt. Zu ihnen gehörte auch Voltaire's Drama »Die Prinzessin von Navarra« zu dem Rameau die Musik geschrieben hatte. Nachdem es vorher vollkommen umgearbeitet und dadurch wesentlich verbessert worden, hatte es den Titel »Das Fest Ramiro's« erhalten. Diese neue Bearbeitung, welche von dem Originale mitunter bedeutend abwich, machte bei den Divertissements, sowohl was die Verse als auch die Musik anlangte, einige Aenderungen nöthig. Es kam nun darauf an, jemanden zu finden, der dieser doppelten Aufgabe gewachsen war. Da Voltaire, der sich damals in Lothringen aufhielt, und Rameau beide mit der Oper »Der Ruhmestempel« beschäftigt waren und es deshalb nicht persönlich übernehmen konnten, so dachte Herr von Richelieu an mich, ließ mir die Arbeit anbieten und sandte mir, damit ich ihren Umfang besser überschauen könnte, das Gedicht und die Musik, jedes für sich. Vor allem wollte ich jedoch nicht ohne Genehmigung des Verfassers an den Worten rühren und schrieb deshalb in dieser Angelegenheit an ihn einen sehr höflichen und sogar ehrerbietigen Brief, wie es sich ziemte. Darauf erhielt ich folgende Antwort, deren Original sich in dem Briefpacket A, Nr. 1 befindet.

Den 15. December 1745.

Sie vereinigen, mein Herr, zwei Talente, die bis zu dieser Zeit stets getrennt gewesen sind. Darin liegen für mich bereits zwei gute Gründe, Sie zu achten und lieb zu gewinnen. Es thut mir um Ihretwillen leid, daß Sie diese beiden Talente an ein Werk wenden, welches ihrer schwerlich würdig ist. Vor einigen Monaten befahl mir der Herr Herzog von Richelieu gebieterisch, im Handumdrehen eine kleine und schlechte Skizze von faden und nicht völlig ausgearbeiteten Scenen zu entwerfen, die zu Divertissements, welche für meine Arbeit gar nicht gemacht sind, zugestutzt werden sollten. Ich gehorchte mit größter Pünktlichkeit; ich arbeitete sehr schnell und sehr schlecht. Diesen elenden Entwurf sandte ich dem Herrn Herzoge von Richelieu, darauf rechnend, daß er davon keinen Gebrauch machen oder ihn mir doch zur Umarbeitung zurückschicken würde. Glücklicherweise ist er jetzt in Ihren Händen; Sie sind unumschränkter Herr darüber; ich habe die ganze Arbeit völlig aus den Augen verloren. Ich zweifle nicht, daß Sie alle Fehler, die bei einer so reißend schnellen Ausarbeitung einer einfachen Skizze unvermeidlich sind, verbessert und überall nachgeholfen haben.

So viel habe ich noch in der Erinnerung, daß, von andern Mängeln ganz abgesehen, in den Scenen, welche die Divertissements verbinden, nicht gesagt ist, wie die Prinzessin Grenadine aus einem Gefängnisse mit einem Male in einen Garten oder in einen Palast versetzt wird. Da ihr kein Zauberer, sondern ein spanischer Grande Feste giebt, so darf meines Bedünkens auch nichts durch Zauberei geschehen. Ich bitte Sie, mein Herr, Ihr Augenmerk recht auf diese Stelle richten zu wollen, von der ich nur noch eine verworrene Vorstellung habe. Sehen Sie, ob es nöthig ist, daß sich das Gefängnis öffne und man unsere Prinzessin aus diesem Gefängnisse in einen schönen goldenen und glänzenden Palast versetze, der besonders für sie hergerichtet ist. Ich weiß recht gut, daß dies alles äußerst nichtig und es unter der Würde eines denkenden Wesens ist, dergleichen unwichtige Dinge ernsthaft zu behandeln; allein da es nun einmal gilt, so wenig Mißfallen wie möglich zu erregen, so muß man ja selbst in ein schlechtes Operndivertissement so viel Vernunft, wie nur irgend möglich ist, hineinbringen.

Ich schenke Ihnen und Herrn Ballod in allem mein ganzes Vertrauen und rechne darauf bald die Ehre zu haben, Ihnen, mein Herr, meinen Dank aussprechen und die Versicherung geben zu können, wie sehr ich bin etc. etc.

Die große Höflichkeit dieses Briefes im Vergleiche zu seinen späteren, ziemlich stolzen Briefen an mich darf übrigens nicht Wunder nehmen. Er glaubte mich bei Herrn von Richelieu in großer Gunst, und die höfische Geschmeidigkeit, die man an ihm kennt, bewog ihn zu großer Rücksicht gegen einen Neuling, bis er die Höhe seines Ansehens besser kannte.

Von Herrn von Voltaire bevollmächtigt und aller Rücksichten gegen Rameau, der mir nur zu schaden suchte, überhoben, machte ich mich nun an die Arbeit und in zwei Monaten war mein Werk vollendet. Die Verse hatten nicht viele Aenderungen nöthig gemacht. Ich bemühte mich vor allem, daß man die Verschiedenheit des Stils nicht merkte, und war dünkelhaft genug zu glauben, daß mir dies gelungen wäre. Der musikalische Theil hatte mir dagegen längere und schwierigere Arbeit gemacht. Außerdem daß ich mehrere besondere Ausstattungsstücke und unter andern die Ouvertüre zu componiren hatte, zeigten sich auch alle Recitative, die mir überwiesen wurden, von ungemeiner Schwierigkeit, da ich oft in wenigen Versen und in sehr schnellen Uebergängen Symphonien und Chöre von sehr verschiedenen Tonarten mit einander verbinden mußte; denn damit mir Rameau nicht den Vorwurf machen könnte, seine Melodien verschlechtert zu haben, wollte ich keine ändern oder transponiren. Die Recitative gelangen mir. Sie waren durch den Ton gut hervorgehoben, voller Kraft und namentlich von vortrefflicher Modulation. Der Gedanke an die beiden großen Männer, denen man mich an die Seite zu stellen gewürdigt, hatte meine Geisteskraft gesteigert, und ich kann sagen, daß ich mich bei dieser undankbaren und ruhmlosen Arbeit, von der das Publikum nicht einmal etwas erfahren konnte, mit meinen Vorbildern fast immer auf gleicher Höhe hielt.

In dieser meiner Bearbeitung gelangte das Stück in der großen Oper zur Probeaufführung. Von den drei Verfassern war ich allein zugegen. Voltaire weilte in der Ferne, und Rameau kam nicht oder hielt sich verborgen.

Die Worte des ersten Monologes hatten etwas Trauerartiges; der Anfang lautete:

»Komm, Tod, und ende meines Lebens bittre Leiden!«

Die Musik hatte dem Inhalt natürlich angepaßt werden müssen. Trotzdem ergoß Frau De la Poplinière gerade darüber eine sehr abfällige Kritik, indem sie mich mit großer Bitterkeit beschuldigte, eine Begräbnismusik gemacht zu haben. Herr von Richelieu erkundigte sich klüglicherweise erst, von wem die Verse dieses Monologes herrührten. Ich legte ihm das mir übersandte Manuscript vor, welches den Beweis lieferte, daß sie von Voltaire wären. »In diesem Falle,« sagte er, »ist Voltaire allein der Schuldige.« Während der Probe erhielt alles, was von mir herrührte, der Reihe nach den schärfsten Tadel der Frau De la Poplinière und den Beifall des Herrn von Richelieu. Allein meine Gegner behielten doch das Uebergewicht, und ich wurde aufgefordert, einige Theile einer Umarbeitung zu unterziehen, über die ich mich mit Herrn Rameau in Einvernehmen setzen sollte. Durch ein solches Ansuchen um so mehr gekränkt, da ich Lobsprüche erwartet und sicherlich auch verdient hatte, kehrte ich heim, den Tod im Herzen. Von Anstrengung erschöpft, von Aerger verzehrt, sank ich auf das Krankenlager und war sechs Wochen lang außer Stande auszugehen.

Rameau, dem nun die von Frau De la Poplinière bezeichneten Aenderungen übertragen wurden, ließ mir die Ouvertüre zu meiner großen Oper abverlangen, um sie mit der von mir für jenes Stück umcomponirten zu vertauschen. Glücklicherweise merkte ich den Fallstrick und verweigerte ihre Herausgabe. Da bis zur Aufführung nur noch fünf oder sechs Tage waren, hatte er keine Zeit mehr, selbst eine zu machen, und mußte deshalb die meine lassen. Sie war im italienischen Stile gehalten, der damals in Frankreich noch ganz fremd war. Indessen fand sie Beifall, und ich erfuhr von Herrn von Valmalette, dem Haushofmeister des Königs, der als Schwiegersohn des Herrn Mussard mir verwandt und befreundet war, daß die Kenner mit meinem Werke sehr zufrieden gewesen wären, und es das Publikum nicht von Rameaus Arbeit hätte unterscheiden können. Dieser ergriff jedoch im Einverständnisse mit Frau De la Poplinière Maßregeln, damit man nicht einmal meinen Antheil an der Arbeit erführe. Auf dem zur Vertheilung an die Zuschauer bestimmten Textbuche, auf welchem sonst immer die Verfasser angegeben werden, wurde nur Voltaire genannt; Rameau wollte lieber seinen Namen unterdrücken, als ihn neben dem meinigen erblicken.

Sobald ich im Stande war auszugehen, wollte ich Herrn von Richelieu meine Aufwartung machen. Ich hatte die günstige Zeit verabsäumt, er war eben nach Dünkirchen abgereist, wo er die Einschiffung des nach Schottland bestimmten Corps anordnen und überwachen sollte. Nach seiner Rückkehr sagte ich mir zur Beschönigung meiner Trägheit, daß es nun zu spät wäre. Da ich ihn seitdem nicht wiedergesehen, so bin ich um die Ehre, die mein Werk verdiente, wie um das Honorar gekommen, das es mir hätte einbringen müssen; und ich hatte nichts davon als Zeitverlust, Mühe, Aerger, Krankheit und Kurkosten, ohne auch nur einen Sou Gewinn oder vielmehr Entschädigung zu erhalten. Es ist mir jedoch immer so vorgekommen, als ob Herr von Richelieu eine aufrichtige Zuneigung zu mir gehegt und von meinen Talenten günstig gedacht hätte; aber mein Unglück und Frau De la Poplinière brachten mich um die Früchte seines guten Willens.

Die Abneigung dieser Frau, der ich zu gefallen mich bestrebt und ziemlich regelmäßig die Aufwartung gemacht hatte, war mir unbegreiflich. Gauffecourt erklärte mir die Gründe. »Sie bestehen erstlich,« sagte er, »in ihrer Freundschaft für Rameau, dessen anerkannte Beschützerin sie ist und der keinen Nebenbuhler dulden will, und dann vor allem in einer Erbsünde, die Sie in ihren Augen verdammenswerth erscheinen läßt und die sie Ihnen nie verzeihen wird, nämlich, daß sie ein Genfer sind.« Darauf setzte er mir auseinander, daß der Abbé Hubert, ebenfalls ein Genfer und ein aufrichtiger Freund des Herrn De la Poplinière, sich bemüht, ihn von der Verheirathung mit dieser Frau, die er genau kannte, zurückzubringen, und sie deshalb nach der Heirath ihm wie allen Genfern einen unversöhnlichen Haß gelobt hätte. »Obgleich,« fügte er hinzu, »Herr De la Poplinière Sie lieb gewonnen hat, wie ich bestimmt weiß, so verlassen Sie sich doch nicht auf seinen Beistand. Er ist in seine Frau verliebt; sie haßt Sie, ist bösartig und listig: in diesem Hause werden Sie nie etwas ausrichten.« Ich ließ es mir gesagt sein.

Der nämliche Gauffecourt erwies mir ungefähr um dieselbe Zeit einen großen Liebesdienst. Ich hatte meinen tugendhaften Vater, der etwa sechzig Jahre alt geworden war, vor Kurzem verloren. Ich fühlte diesen Verlust weniger, als es zu einer andern Zeit der Fall gewesen wäre, wo mich die Verlegenheiten meiner Lage weniger beschäftigt hätten. Bei seinen Lebzeiten hatte ich die Auszahlung meines mütterlichen Erbtheiles, dessen geringen Zinsenertrag er für sich verwandte, nicht verlangt; nach seinem Tode hatte ich darüber keine Bedenklichkeiten mehr. Aber der Mangel an gerichtlichen Beweisen vom Tode meines Bruders machte eine Schwierigkeit, die Gauffecourt zu heben übernahm und durch die Vermittelung des Advocaten de Lolme auch wirklich hob. Da ich diese kleine Summe äußerst nöthig brauchte und die Eintreibung zweifelhaft war, so erwartete ich die entscheidende Nachricht darüber mit der lebhaftesten Ungeduld. Als ich eines Abends nach Hause kam, fand ich den Brief, der diese Nachricht enthalten mußte, und nahm ihn, um ihn zu öffnen, mit einem Zittern von Ungeduld, deren ich mich innerlich schämte. »Ach was,« sagte ich verächtlich zu mir, »sollte sich Jean-Jacques bis zu dem Grade von Eigennutz und Neugier unterjochen lassen?« Ich legte ihn auf der Stelle wieder auf den Kamin, entkleidete mich, legte mich ruhig zu Bett, schlief besser als gewöhnlich und erhob mich am folgenden Tage erst ziemlich spät, ohne weiter an meinen Brief zu denken. Beim Anziehen bemerkte ich ihn; ich öffnete ihn ohne Eile und fand einen Wechsel darin. Mehrerlei machte mir dabei Freude, aber ich kann schwören, daß ich mich am lebhaftesten darüber freute, mich besiegt zu haben. Zwanzig ähnliche Züge würde ich aus meinem Leben noch zu erzählen haben, aber ich habe es zu eilig, um alles berichten zu können. Einen kleinen Theil dieses Geldes schickte ich meiner armen Mama, wobei ich mit Thränen die glückliche Zeit zurückersehnte, wo ich ihr die ganze Summe zu Füßen gelegt hätte. Aus allen ihren Briefen ging ihre Noth hervor. Sie schickte mir Haufen von Recepten und Geheimmitteln, mit denen ich, wie sie behauptete, mein und ihr Glück machen könnte. Schon schnürte ihr das Gefühl ihres Elendes das Herz zusammen und machte ihren Geist beschränkter. Das Wenige, was ich ihr sandte, wurde die Beute der Schufte, die sich um sie drängten. Sie hatte keinen Nutzen davon. Das benahm mir die Lust, meine schon an sich dürftigen Mittel noch mit diesen Elenden zu theilen, zumal nach dem vergeblichen Versuche, den ich, wie ich später erzählen werde, machte, sie ihnen zu entreißen.

Die Zeit verging und das Geld mit ihr. Wir waren unser zwei, sogar vier, oder genau genommen, waren wir unser sieben oder acht; denn obgleich Therese von einer Uneigennützigkeit war, der sich wenige Beispiele zur Seite stellen lassen, so war doch ihre Mutter nicht wie sie. Sobald sie sich durch mich wieder mit dem Nöthigsten versehen sah, ließ sie ihre ganze Familie kommen, um, was für sie abgefallen war, mit ihr zu theilen. Schwestern, Söhne, Töchter, Enkelinnen, alles kam mit Ausnahme ihrer ältesten Tochter, die mit dem Vorsteher der Wagenfabrik zu Angers verheirathet war. Alles, was ich für Therese that, wurde ihr von ihrer Mutter für diese Hungerleider entzogen. Da ich es nicht mit einer habgierigen Person zu thun hatte und nicht unter der Gewalt einer wahnsinnigen Leidenschaft stand, machte ich auch keine Thorheiten. Zufrieden, Therese anständig, aber ohne Aufwand, gegen drückende Sorgen geschützt, zu unterhalten, duldete ich, daß alle Erträge ihrer Arbeit ihrer Mutter zu Gute kamen, und ich beschränkte mich nicht darauf; aber in Folge eines Verhängnisses, das mich verfolgte, wurde Therese von ihren Verwandten gerade eben so ausgebeutet wie Mama von ihren Gaunern, und ich konnte auf keiner Seite etwas thun, das der, für welche es bestimmt, Nutzen gebracht hätte. Es war eigenthümlich, daß die Jüngste unter den Kindern der Frau Le Vasseur, die einzige, die keine Ausstattung erhalten, die einzige war, die ihre Eltern ernährte, und daß diese Aermste, nachdem sie lange Zeit von ihren Brüdern, ihren Schwestern, ja selbst von ihren Nichten geschlagen worden war, jetzt von ihnen ausgeplündert wurde, ohne daß sie sich gegen ihre Diebereien besser vertheidigen konnte als gegen ihre Schläge. Eine einzige ihrer Nichten, Namens Goton Leduc, war ziemlich liebenswürdig und von einem ziemlich sanften Charakter, obgleich sie durch das Beispiel und den Unterricht der andern verdorben wurde. Da ich sie häufig beisammen sah, legte ich ihnen die Namen bei, die sie sich unter einander gaben; ich nannte die Nichte »meine Nichte« und die Tante »meine Tante«. Alle beide nannten mich ihren Onkel. Daher der Name Tante, mit welchem ich Therese seitdem beständig anredete, und den meine Freunde mitunter zum Scherze ebenfalls gebrauchten.

Man wird begreifen, daß ich keinen Augenblick zu verlieren hatte, um mich aus einer solchen Lage zu reißen. Da ich überzeugt war, daß mich Herr von Richelieu vergessen hatte, und ich von Seiten des Hofes nichts mehr hoffte, machte ich einige Versuche, meine Oper in Paris zur Aufführung zu bringen; allein mir traten Schwierigkeiten entgegen, deren Beseitigung viel Zeit erforderte, und ich gerieth von Tage zu Tage in größere Bedrängnis. Da kam ich auf den Gedanken, mein kleines Schauspiel »Narciß« beim italienischen Theater einzureichen. Es wurde angenommen, und ich erhielt dafür freien Eintritt, was mir große Freude gewährte; das war jedoch auch alles. Es gelang mir nie die Aufführung meines Stückes durchzusetzen, und überdrüssig, Schauspielern den Hof zu machen, sagte ich mich von ihnen los. Ich griff endlich zu dem letzten Mittel, das mir noch blieb, und zu dem einzigen, das ich hätte ergreifen sollen. Während meines Umganges mit dem Hause des Herrn De la Poplinière hatte ich das des Herrn Dupin vernachlässigt. Obgleich die beiden Damen verwandt waren, herrschte doch ein schlechtes Verhältnis zwischen ihnen, und sie besuchten sich nicht; es fand kein geselliger Verkehr zwischen den beiden Häusern statt, und Thieriot allein lebte in dem einen wie in dem andern. Er übernahm meine Wiedereinführung bei Herrn Dupin. Herr von Francueil beschäftigte sich damals mit Naturgeschichte und Chemie und legte eine Sammlung an. Ich glaube, er strebte nach einem Sitze in der Akademie der Wissenschaften; zu dem Zwecke beabsichtigte er ein Buch zu schreiben und hielt mich für geeignet, ihm bei dieser Arbeit hilfreich zu sein. Frau Dupin, die ihrerseits den Plan zu einem andern Buche entworfen, hatte auf mich ungefähr ähnliche Absichten. Sie hätten mich gern gemeinschaftlich zu einer Art Secretär haben wollen, und das war der Gegenstand der Unterhandlungen Thieriots. Ich verlangte vorher, Herr von Francueil sollte mir durch seinen und Jelyotes Einfluß eine Probevorstellung meines Stückes in der Oper erwirken. Er ging darauf ein. Die Proben meiner »Galanten Musen« fanden zuerst mehrmals in dem dazu bestimmten Saale, dann im großen Theater statt. Der Generalprobe wohnten viele bei, und einigen Stücken wurde lebhafter Beifall zu Theil. Trotzdem merkte ich während der von Rebel sehr schlecht dirigirten Vorstellung selbst, daß das Stück keine Aufnahme finden würde und daß es sogar ohne große Verbesserungen nicht aufführungsfähig wäre. Deshalb zog ich es, ohne ein Wort zu sagen und ohne mich einer Zurückweisung auszusetzen, zurück; aber aus mehreren Anzeichen erkannte ich deutlich, daß mein Stück, wäre es auch vollkommen gewesen, doch nicht durchgekommen sein würde. Herr von Francueil hatte mir wohl versprochen, die Probe desselben durchzusetzen, aber nicht die Annahme. Er hielt mir genau Wort. Bei dieser Gelegenheit wie bei vielen anderen habe ich immer wahrzunehmen geglaubt, daß weder ihm noch der Frau Dupin daran gelegen war, mich in der Welt einen gewissen Ruf erlangen zu lassen, vielleicht in der Besorgnis, daß man ihren Büchern sonst nachsagen könnte, sie hätten darin ihre Talente auf die meinigen gepfropft. Da mir Frau Dupin jedoch stets nur sehr mittelmäßige zugetraut und mich immer nur zum Aufschreiben ihrer Dictate oder zu gelehrten Forschungen benutzt hatte, so wäre dieser Vorwurf, namentlich in Bezug auf sie, sehr ungerecht gewesen.

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