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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 21
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1765

Der Vertrag war abgeschlossen, aber noch nicht unterzeichnet, als die »Briefe vom Berge geschrieben« erschienen. Der furchtbare Ausbruch, der sich gegen dieses Höllenwerk und seinen abscheulichen Verfasser erhob, setzte die Gesellschaft in Angst, und das Unternehmen scheiterte. Ich würde die Wirkung dieses letzten Werkes mit der des »Briefes über die französische Musik« vergleichen, wenn mir dieser Brief, obgleich er mir Haß zuzog und mich der Gefahr aussetzte, nicht wenigstens Ansehen und Achtung gelassen hätte. Aber nach diesem letzten Werke schien man in Genf und Versailles erstaunt zu sein, daß man ein Ungeheuer wie mich noch athmen ließe. Der kleine Rath, durch den französischen Geschäftsträger aufgehetzt und von dem Generalprocurator geleitet, erließ über mein Werk eine Erklärung, in welcher er es unter Beilegung der abscheulichsten Namen als unwürdig bezeichnet, vom Henker verbrannt zu werden, und mit einer Schlauheit, die an das Komische grenzt, hinzufügt, daß man nicht, ohne sich zu entehren, darauf antworten könne, ja es nicht einmal erwähnen dürfe. Ich wünschte dieses merkwürdige Dokument hier veröffentlichen zu können, allein leider besitze ich es nicht und erinnere mich nicht eines einzigen Wortes. Ich habe das lebhafte Verlangen, daß einer meiner Leser, vom Eifer nach Wahrheit und Billigkeit beseelt, die »Briefe vom Berge geschrieben«, noch einmal ganz durchlesen möge; er wird, das wage ich zu behaupten, nach den empfindlichen und grausamen Beleidigungen, mit denen mich der Verfasser um die Wette überhäuft hatte, die stoische Mäßigung herausfühlen, die in diesem Werke herrscht. Aber außer Stande auf Schmähungen zu antworten, weil keine darin vorkommen, noch auf die Gründe, weil sie unwiderleglich waren, stellte man sich zu entrüstet, um antworten zu wollen, und wenn sie unbestreitbare Beweise für Beleidigungen nahmen, mußten sie sich allerdings für sehr beleidigt halten.

Weit davon entfernt, sich über diese gehässige Erklärung zu beklagen, folgte die angreifende Partei dem Wege, den jene ihr vorzeichnete; und statt die »Briefe vom Berge« wie eine Siegesfahne triumphirend zu erheben, verhüllte sie sie, um sich einen Schild daraus zu machen, und hatte die Feigheit der zu ihrer Verteidigung und auf ihre Bitten abgefaßten Schrift weder Ehre anzuthun, noch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sich weder auf sie zu berufen, noch sie zu nennen, obgleich sie ihr alle ihre Beweisgründe entnahmen, und die Genauigkeit, mit der sie den am Ende dieses Werkes ausgesprochenen Rath befolgte, die einzige Ursache ihrer Rettung und ihres Sieges gewesen ist. Die Partei hatte mir diese Pflicht auferlegt; ich hatte sie erfüllt, hatte dem Vaterlande und ihrer Sache bis ans Ende gedient. Ich bat sie, die meinige aufzugeben und bei ihren Zwistigkeiten nur an sich zu denken. Sie nahm mich beim Worte, und ich habe mich in ihre Angelegenheiten nur noch eingelassen, um sie unaufhörlich zum Frieden zu ermahnen, da ich nicht bezweifelte, daß sie bei fortgesetzter Hartnäckigkeit von Frankreich vernichtet werden würde. Das ist nicht geschehen; ich verstehe den Grund, allein hier ist nicht der Ort, ihn anzuführen.

Die Wirkung der »Briefe vom Berge« war zu Neufchâtel anfangs sehr friedlicher Natur. Ich sandte Herrn von Montmollin ein Exemplar von ihnen; er nahm es freundlich an und las es, ohne Einwand dagegen zu erheben. Er war eben so leidend wie ich; nach seiner Wiederherstellung besuchte er mich freundschaftlich und erwähnte des Buches nicht. Inzwischen begann der Lärm; man verbrannte das Buch, ich weiß nicht wo. In Paris zugleich mit dem »Philosophischen Wörterbuche« von Voltaire und in Folge desselben Urtheilspruches, gefällt den 19. März 1765. Dieses Urtheil ist wörtlich mitgeteilt in Poincoits Werken. Band XIV. Von Genf, von Bern und vielleicht auch von Versailles, diesen Mittelpunkten der Gährung gegen mich, ging sie bald nach Neufchâtel hinüber und namentlich bis in das Val de Travers hinein, wo man, sogar noch ehe die höheren Stände entschiedene Stellung gegen mich genommen, das Volk durch geheime Schliche aufzuhetzen begann. Ich hätte, wie ich wohl sagen darf, von dem Volke in diesem Lande geliebt werden müssen, wie ich es in allen wurde, in denen ich gelebt habe, da ich mit vollen Händen Almosen austheilte, keinen Dürftigen in meiner Nähe ohne Beistand ließ, niemandem einen Dienst, der in meiner Macht stand und gerecht war, verweigerte, mit aller Welt, vielleicht nur allzu vertraulich umging und mich, so gut es ging, jeder Auszeichnung entzog, die Eifersucht hätte erregen können. Das alles hinderte nicht, daß das im Geheimen, ich weiß nicht von wem, aufgereizte Volk sich allmählich bis zur Wuth gegen mich erhitzte, mich am hellen Tage öffentlich beschimpfte, und zwar nicht allein unter freiem Himmel und auf den Landwegen, sondern auf offener Straße. Am erbittertsten waren die, welchen ich das meiste Gute erwiesen hatte, und sogar Leute, denen ich nach wie vor Gutes erwies und die nicht öffentlich aufzutreten wagten, hetzten die Andern auf und schienen sich für die Demüthigung, mir verpflichtet zu sein, auf diese Weise rächen zu wollen. Montmollin schien nichts davon zu gewahren und zeigte sich noch nicht; als jedoch die Abendmahlszeit herannahte, kam er zu mir, um mir den Rath zu geben, von der Feier fern zu bleiben, während er gleichzeitig versicherte, daß er im Uebrigen kein Verlangen an mich stellen und mich in Ruhe lassen würde. Ich fand diese freundliche Versicherung seltsam; sie erinnerte mich an den Brief der Frau von Boufflers, und ich konnte nicht begreifen, wer denn so großes Gewicht darauf legen könnte, ob ich zum Abendmahl ginge oder nicht. Da ich eine solche Nachgiebigkeit von meiner Seite als einen Act der Feigheit betrachtete und ich dem Volke auch nicht diesen neuen Vorwand geben wollte, über mich Gottlosen zu schreien, so wies ich den Prediger kurz ab, und kehrte unzufrieden heim, indem er mir beim Abschiede zu verstehen gab, daß ich es bereuen würde.

Er konnte mich von der Abendmahlsfeier nicht aus eigener Machtvollkommenheit ausschließen, dazu gehörte die Einwilligung des Consistoriums, das mich zugelassen hatte, und so lange dieses nicht gesprochen hatte, konnte ich dreist zum Tische des Herrn gehend ohne eine Zurückweisung befürchten zu brauchen. Montmollin ließ sich von der Geistlichkeit den Auftrag geben, mich vor das Consistorium zu laden, um vor demselben Rechenschaft über meinen Glauben abzulegen, und mich, falls ich mich weigern sollte, in den Kirchenbann zu thun. Dieser Kirchenbann konnte ebenfalls nur vom Consistorium ausgehen und zwar nach Stimmenmehrheit. Allein unter den Bauern, welche unter dem Namen »Aelteste« diese Versammlung bildeten, führte der Prediger den Vorsitz und lenkte sie, wie man leicht begreift. Daher konnten sie natürlich keiner andern Meinung sein als der seinigen, namentlich über theologische Fragen, von denen sie noch weniger verstanden als er. Ich wurde also vorgeladen und beschloß zu erscheinen.

Welch glücklicher Umstand und welcher Triumph für mich, wenn ich zu reden verstanden und, so zu sagen, meine Feder im Munde geführt hätte. Mit welcher Ueberlegenheit, mit welcher Leichtigkeit würde ich diesen armen Prediger inmitten seiner sechs Bauern zu Boden geschmettert haben! Obgleich die Herrschsucht die protestantische Geistlichkeit alle Grundsätze der Reformation hat vergessen lassen, so brauchte ich, um ihn wieder an sie zu erinnern und zum Schweigen zu bringen, nur meine ersten »Briefe vom Berge« zu erklären, über die er die Dummheit gehabt hatte sich tadelnd gegen mich auszusprechen. Mein Thema war ganz fertig, ich brauchte es nur erschöpfend zu besprechen, und mein Mann war ganz zum Schweigen gebracht. Ich wäre nicht so thöricht gewesen mich nur abwehrend zu verhalten; es war mir leicht, angreifend vorzugehen, sogar ohne daß man es merkte oder sich dagegen schützen konnte. Die Pfäfflein hatten, eben so unbesonnen wie unwissend, mich selbst in die glücklichste Stellung gebracht, die ich hätte wünschen können, um sie nach Herzenslust zu vernichten. Aber wie nun! Ich hätte reden, hätte auf der Stelle reden müssen, mir hätten Gedanken, Wendungen, Worte jeden Augenblick zu Gebote stehen müssen, ich hätte stets Geistesgegenwart, stets kaltes Blut haben müssen, mich nicht eine Minute verlegen zeigen dürfen. Was konnte ich von mir hoffen, ich, der ich so genau meine Unfähigkeit kannte, mich auf der Stelle auszudrücken? Ich war in Genf vor einer mir völlig günstig gestimmten und mir alles zu bewilligen bereiten Versammlung zum demüthigsten Schweigen gebracht worden. Hier war es ganz das Gegentheil. Ich hatte es mit einem Aufhetzer zu thun, bei dem Arglist an die Stelle des Wissens trat, der mir hundert Fallstricke legte, ehe ich einen merkte, und ganz entschlossen war, mich, es koste, was es wolle, auf einem Fehler zu ertappen. Je länger ich diese Lage prüfte, desto gefährlicher schien sie mir, und die Unmöglichkeit einsehend, mich mit Erfolg aus ihr herauszuziehen, sann ich auf ein anderes Auskunftsmittel. Ich überdachte eine Rede, die ich vor dem Consistorio halten wollte, um es für incompetent zu erklären und mich dadurch der Antwort zu überheben. Die Sache war sehr leicht; ich schrieb diese Rede aus und begann sie mit einem Eifer ohne Gleichen auswendig zu lernen. Therese machte sich über mich lustig, wenn sie mich murmeln und unaufhörlich dieselben Redensarten wiederholen hörte, um sie in den Kopf zu bekommen. Ich hoffte, meine Rede endlich zu behalten; ich wußte, daß der Gerichtsverwalter als fürstlicher Beamter dem Consistorium beiwohnen würde und daß mir der größte Theil der Aeltesten trotz Montmollins Kriegslisten und Flaschen Wein günstig gesinnt war. Auf meiner Seite hatte ich die Vernunft, die Wahrheit, die Gerechtigkeit, den Schutz des Königs, den Einfluß des Staatsrats und die Wünsche aller guten Patrioten, für welche die Niedersetzung eines solchen Ketzergerichtes von Wichtigkeit war; kurz, alles trug zu meiner Ermuthigung bei.

Am Tage vor dem Termine wußte ich meine Rede auswendig; ich sagte sie ohne Fehler auf. Ich rief sie mir die ganze Nacht immer wieder ins Gedächtnis zurück; am Morgen wußte ich sie nicht mehr; ich stockte bei jedem Worte, ich wähne mich schon in der erlauchten Versammlung, ich werde verlegen, ich stammle, ich verliere den Kopf; kurz, fast im Augenblicke des Gehens entsinkt mir der Muth gänzlich. Ich bleibe zu Hause und entschließe mich, an das Consistorium zu schreiben, indem ich in aller Hast meine Gründe auseinandersetze und mein Leiden vorschütze, welches bei meinem damaligen Zustande in der That meine Anwesenheit während der ganzen Sitzung schwerlich zugelassen hätte.

Durch meinen Brief in Verlegenheit gesetzt, verschob der Prediger die Angelegenheit auf eine andere Sitzung. In der Zwischenzeit gab er sich persönlich wie durch die Vermittelung seiner Creaturen alle mögliche Mühe, um diejenigen von den Aeltesten zu verführen, die lieber den Mahnungen ihres Gewissens als den seinigen folgten und nicht stimmten, wie die Geistlichkeit und er es haben wollte. Wie mächtig auch seine aus dem Keller hergeholten Beweisgründe auf Leute dieser Art wirken mußten, so konnte er von ihnen doch keine andren gewinnen, als die zwei oder drei, die ihm schon ergeben waren, und die man scherzhafter Weise seine »verdammten Seelen« nannte. Der fürstliche Beamte und der Obrist von Pury, der bei dieser Angelegenheit viel Eifer bewies, hielten die andern fest bei ihrer Pflicht, und als dieser Montmollin zum Kirchenbann schreiten wollte, fiel sein Antrag beim Consistorium mit Stimmenmehrheit durch. Nun zum letzten Auswege, zur Aufreizung der Volkshefe gezwungen, fing er mit seinen Amtsbrüdern und andren Leuten offen darauf hinzuwirken an und zwar mit einem solchen Erfolge, daß ich trotz der entschiedenen und wiederholten Verfügungen des Königs, trotz aller Befehle des Staatsrates schließlich genöthigt wurde, das Land zu verlassen, um nicht den fürstlichen Beamten der Gefahr auszusetzen, bei meiner Verteidigung ermordet zu werden.

Von diesem ganzen Vorgange habe ich nur eine so verworrene Erinnerung, daß es mir unmöglich ist, in die Gedanken, die darüber wieder in mir aufsteigen, Ordnung und Zusammenhang zu bringen, und daß ich sie nur planlos und abgerissen mitzutheilen vermag, wie sie sich mir gerade vergegenwärtigen. Ich erinnere mich, daß mit der Geistlichkeit eine Art von Unterhandlungen stattgefunden hatte, deren Vermittler Montmollin gewesen war. Er hatte vorgegeben, man besorgte, daß ich durch meine Schriften die Ruhe im Lande stören könnte und man sie dafür verantwortlich machen würde, wenn man mich frei schreiben ließe. Er hatte mir zu verstehen gegeben, wenn ich mich verpflichtete, der Feder zu entsagen, würde man von der Vergangenheit absehen. Ich hatte diese Verpflichtung mir schon selbst abgelegt; ich trug kein Bedenken, mich zu ihr auch der Geistlichkeit gegenüber zu verstehen, aber freilich nur bedingungsweise und lediglich über religiöse Gegenstände. Er brachte es dahin, daß ich ihm wegen einer Änderung, die er verlangt hatte, dieses Schriftstück doppelt ausstellte. Da die Geistlichkeit die Bedingung verwarf, verlangte ich meinen Revers zurück; er stellte mir nur ein Exemplar wieder zu und behielt das andre, indem er vorschützte, er hätte es verloren. Offen durch die Prediger aufgehetzt, verhöhnte darauf das Volk die Erlasse des Königs, die Befehle des Staatsrates und war aus Rand und Band. Man predigte auf den Kanzeln gegen mich, ich wurde der Antichrist genannt und auf dem Lande wie ein Wärwolf verfolgt. Mein armenisches Gewand diente der Volkshefe als Kennzeichen. Ich fühlte das Unziemliche desselben schmerzlich, aber es unter solchen Verhältnissen abzulegen, schien mir eine Feigheit. Ich konnte mich nicht dazu entschließen und ging auf meinen Spaziergängen ruhig in meinem Kaftan und mit meiner verbrämten Mütze einher, von dem Hohngeschrei der Volkshefe und bisweilen von Steinwürfen verfolgt. Mehrmals hörte ich, wenn ich an den Häusern vorüberging, eine Stimme rufen: »Bringe mir meine Flinte, daß ich ihn niederschieße.« Ich ging deshalb nicht schneller; sie wurden nur noch wüthender, aber es blieb immer bei den Drohungen, wenigstens hinsichtlich der Feuerwaffen.

Während dieser ganzen Gährung hatte ich trotzdem zweimal eine große Freude, die mir sehr wohl that. Die erste bestand darin, daß ich durch Vermittelung des Mylord Marschalls einen Act der Dankbarkeit ausüben konnte. Alle anständige Leute Neufchâtels verabscheuten, empört über die mir zugefügte Behandlung und über das Verfahren, dessen Opfer ich war, die Prediger, da sie wohl einsahen, daß dieselben fremdem Antriebe Folge leisteten und nur die Satelliten anderer Leute waren, die sich verbargen und jene handeln ließen. Dazu kam noch ihre Besorgnis, mein Beispiel könnte die Errichtung einer förmlichen Inquisition nach sich ziehen. Die Behörden und besonders Herr Meuron, der Nachfolger des Herrn von Ivernois als Generalprocurator, machten alle Anstrengungen, um mich zu vertheidigen. Der Obrist von Pury that, obgleich er ein einfacher Privatmann war, noch mehr und hatte bessern Erfolg. Er war es, der es dahin brachte, daß Montmollin in seinem Consistorium zu Kreuze kriechen mußte, indem er die Aeltesten in ihrer Pflicht erhielt. Da er großes Ansehen hatte, benutzte er es nach Kräften, den Aufstand niederzuhalten, aber er hatte der Macht des Geldes und des Weines nur die des Gesetzes, der Gerechtigkeit und der Vernunft entgegenzusetzen; die Partie war nicht gleich, und in diesem Punkte war der Vortheil auf Montmollins Seite. Gleichwohl hätte ich, für seine Mühen und seinen Eifer dankbar, ihm für seine Gefälligkeiten gern einen Gegendienst erwiesen und ihm seine Liebe auf irgend eine Weise vergolten. Ich wußte, daß sein größtes Verlangen nach einer Staatsrathsstelle gerichtet war; allein da er in Sachen des Predigers Petitpierre gegen den Hof Partei genommen hatte, befand er sich sowohl bei dem Fürsten wie bei dem Statthalter in Ungnade. Trotzdem wagte ich seinetwegen an Mylord Marschall zu schreiben, wagte sogar das Ziel seiner Sehnsucht zu erwähnen und mit so glücklichem Erfolge, daß ihm gegen aller Erwartung fast augenblicklich die Stelle eines Staatsrates vom Könige verliehen wurde. So fuhr das Schicksal, das mich gleichzeitig immer zu hoch und zu niedrig gestellt hat, fort, mich von einem Extrem in das andere zu schleudern, und während mich der Pöbel mit Koth bewarf, machte ich einen Staatsrath.

Meine zweite große Freude brachte mir ein Besuch, welchen mir Frau von Verdelin mit ihrer Tochter abstattete, die sie in das Bad Bourbonne gebracht hatte, von wo sie einen Abstecher nach Motiers machte und zwei oder drei Tage bei mir wohnte. Durch Aufmerksamkeit und stetes Entgegenkommen hatte sie endlich mein langes Widerstreben überwunden und mein von ihren Zärtlichkeiten besiegtes Herz erwiderte die echte Freundschaft, die sie mir so lange an den Tag gelegt hatte. Ich war von diesem Benehmen gerührt, vor allem in der Lage, in der ich mich befand, wo ich der Tröstungen der Freundschaft in so hohem Grade bedurfte, um meinen Muth aufrecht zu erhalten. Ich fürchtete, die Beleidigungen, die mir der Pöbel zufügte, würden sie ängstigen, und gern hätte ich ihr den Anblick derselben erspart, um ihr Herz nicht zu betrüben, aber dies war mir nicht möglich und obgleich ihre Gegenwart die Unverschämten auf unsren Spaziergängen ein wenig in Schranken hielt, sah sie doch genug, um sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was sich zu andren Zeiten zutrug. Während ihres Aufenthalts bei mir war es sogar, daß man anfing, mich nächtlicher Weile in meiner eigenen Wohnung anzugreifen. Ihre Kammerfrau fand eines Morgens einen ganzen Haufen Steine vor meinem Fenster, die man während der ganzen Nacht dagegen geworfen hatte. Eine sehr schwere Bank, die auf der Straße neben meiner Hausthüre stand und sehr haltbar befestigt war, wurde losgemacht, aufgehoben und aufrecht gegen die Thüre gestellt, so daß, wäre es nicht bemerkt worden, der Erste, welcher, um herauszugehen, die Thüre geöffnet hätte, erschlagen worden wäre. Frau von Verdelin erfuhr alles, was sich zutrug, sehr genau, denn abgesehen von dem, was sie selbst sah, verkehrte auch ihr vertrauter Diener häufig im Dorfe, machte sich mit aller Welt bekannt und wurde sogar mit Montmollin in Unterhaltung gesehen. Indessen schien sie nichts von dem, was mir widerfuhr, Beachtung zu schenken, redete mit mir weder von Montmollin noch irgend einem andern und erwiderte wenig auf das, was ich ihr bisweilen darüber mittheilte. Nur schien sie überzeugt, daß für mich der Aufenthalt in England passender wäre als irgend ein anderer, und redete mit mir viel von Herrn Hume, der damals in Paris war, von seiner Freundschaft für mich und von seinem Wunsche, mir in seiner Heimat nützlich zu werden. Es ist an der Zeit, etwas über Herrn Hume zu sagen.

Er hatte sich in Frankreich und namentlich unter den Encyklopädisten durch seine Abhandlungen über Handel und Politik und zuletzt durch seine Geschichte des Hauses Stuart, die einzige seiner Schriften, von der ich etwas in der Uebersetzung des Abbé Prévost gelesen hatte, einen großen Ruhm erworben. Da ich seine übrigen Werke nicht gelesen, glaubte ich an das, was man mir von ihm erzählte, daß er nämlich trotz seiner englischen Anschauungen über die Vorzüge des Luxus doch eine echt republikanische Seele hätte. In Folge dieser Ansicht betrachtete ich seine ganze Verteidigung Karls I. als ein Wunder von Unparteilichkeit und hatte eine eben so große Vorstellung von seiner Tugend wie von seinem Genie. Das Verlangen, diesen seltenen Mann kennen zu lernen und seine Freundschaft zu erlangen, hatte die Versuchung, nach England zu gehen, welche die Bitten der Frau von Boufflers, einer aufrichtigen Freundin des Herrn Hume, in mir rege machten, sehr verstärkt. Nach meiner Übersiedelung nach der Schweiz empfing ich von ihm durch diese Dame einen äußerst schmeichelhaften Brief, in welchem er an die größten Lobeserhebungen meines Genies die dringende Einladung anknüpfte, nach England zu kommen, und mir seinen und seiner Freunde ganzen Einfluß versprach, um mir den Aufenthalt daselbst angenehm zu machen. Ich suchte augenblicklich Mylord Marschall, den Landsmann und Freund des Herrn Hume auf, der mir alles Gute, was ich von ihm dachte, bestätigte und nur sogar eine literarische Anekdote über ihn mittheilte, die auf ihn eben so großen Eindruck gemacht hatte, wie sie auf mich machte. Wallace, der über die Bevölkerung bei den Alten gegen Hume geschrieben hatte, war während des Druckes seines Werkes abwesend. Hume übernahm die Correctur der Druckbogen und die Ueberwachung der Herausgabe. Diese Handlungsweise entsprach meiner Denkungsart. Gerade so hatte ich Abschriften eines wider mich verfaßten Liedes das Stück zu sechs Sous verkauft. Ich hatte also jede Art günstigen Vorurtheils für Herrn Hume, als mir Frau von Verdelin bei ihrem Besuche lebhaft von der Freundschaft, die er für mich zu hegen versicherte, und von seinem Eifer sprach, mir, wie sie sich ausdrückte, im Namen Englands Gastfreundschaft zu gewähren. Sie drang lebhaft in mich, diesen Eifer zu benutzen und an Herrn Hume zu schreiben. Da ich England ursprünglich nicht sehr liebte und mich nur in der äußersten Noth dorthin wenden wollte, weigerte ich mich zu schreiben und ein festes Versprechen abzulegen, räumte ihr jedoch das Recht ein, alles zu thun, was sie für angemessen erachten würde, um Herrn Hume in seiner günstigen Stimmung zu erhalten. Als sie von Motiers schied, ließ sie mich nach allem, was sie mir von diesem berühmten Manne erzählt hatte, in der Ueberzeugung zurück, daß er zu meinen Freunden und sie noch weit mehr zu seinen Freundinnen zählte. Nach ihrer Abreise trieb Montmollin seine Schändlichkeiten weiter, und der Pöbel kannte keinen Zügel mehr. In einem langen an Du Peyrou gerichteten Briefe vom 8. August 1765, der ausdrücklich dazu geschrieben war, um veröffentlicht zu werden und es in der That auch bald darauf wurde, schildert Rousseau ausführlich die Geschichte seiner Beziehungen zu dem Pfarrer von Motiers und läßt den Charakter dieses Mannes und die Ungerechtigkeit feiner Handlungsweise gegen ihn in einem noch sonderbareren Lichte erscheinen. Man lese seine Briefe. Ich fuhr indessen fort, inmitten des Hohngeschreies ruhig einherzugehen, und da die Lust an der Botanik, die mir der Arzt d'Ivernois eingeflößt hatte, meinen Spaziergängen ein neues Interesse verlieh, durchstreifte ich Kräuter suchend die Gegend, ohne mich durch das Geschrei dieses ganzen Gesindels beunruhigen zu lassen, dessen Wuth meine Kaltblütigkeit nur noch mehr reizte. Was mich am meisten schmerzte war, daß ich sehen mußte, wie die Familien meiner Freunde Dieses widrige Geschick hatte von meinem Aufenthalte in Yverdun an seinen Anfang genommen, denn als ein oder zwei Jahre nach meiner Abreise aus dieser Stadt der Bannerherr Roguin gestorben, war der alte Papa Roguin so aufrichtig, mir mit Bedauern mitzutheilen, man hätte unter den Papieren seines Verwandten Beweise gefunden, daß auch er sich der Verschwörung angeschlossen hätte, mich aus Yverdun und dem Canton Bern zu vertreiben. Dies bewies ganz deutlich, daß diese Verschwörung nicht, wie man es glauben machen wollte, eine Sache der Frömmelei war, da der Bannerherr Roguin nicht nur nicht zu den Frommen gehörte, sondern den Materialismus und Unglauben bis zur Unduldsamkeit und zum Fanatismus trieb. Uebrigens hatte mich in Yverdun niemand so in Beschlag genommen, hatte mir so viele Verbindlichkeiten, Lobeserhebungen und Schmeicheleien gesagt, als der erwähnte Bannerherr. Er befolgte getreulich den von meinen Verfolgern gutgeheißenen Plan. oder solcher Leute, die sich dafür ausgaben, ganz offen in die Reihe meiner Verfolger eintraten, wie die Ivernois, sogar mit Einschluß des Vaters und Bruders meiner Isabella, Boy de la Tour, ein Verwandter der Freundin, bei welcher ich wohnte, und Frau Girardier, ihre Schwägerin. Dieser Peter Boy war ein solcher Tölpel, ein solcher Dummkopf und betrug sich so ungeschliffen, daß ich mir erlaubte, um nicht in Zorn zu gerathen, meinen Spaß mit ihm zu treiben. Ich schrieb nach Art des »Kleinen Propheten« eine Broschüre von wenigen Seiten unter dem Titel »Die Vision Peters vom Berge, genannt des Sehers«, in der ich Gelegenheit fand, mich zugleich über die Wunder, die einen Hauptvorwand zu meiner Verfolgung bildeten, in scherzhafter Weise zu ergehen. Du Peyrou ließ in Genf diesen Wisch, der in der Gegend nur unbedeutenden Erfolg hatte, drucken, da die Neufchâteler bei all ihrem Geiste attisches Salz und etwas seinen Witz nicht herauszufühlen vermögen.

Etwas mehr Fleiß verwandte ich auf eine andere Schrift aus der nämlichen Zeit, von der man das Manuscript unter meinen Papieren finden wird, und deren Inhalt ich hier angeben muß.

Bei der Flut der Erlasse und dem Sturme der Verfolgung hatten sich die Genfer besonders hervorgethan, indem sie ein gewaltiges Zetergeschrei erhoben, und unter andern wählte mein Freund Vernes mit einem wahrhaft theologischen Edelsinne gerade diese Zeit, um gegen mich Briefe zu veröffentlichen, in denen er zu beweisen behauptete, daß ich kein Christ wäre. Diese im Tone großer Selbstgefälligkeit geschriebenen Briefe wurden dadurch nicht besser, daß, wie man versicherte, der Naturforscher Bonnet dabei mit Hand angelegt hatte, denn obgleich Materialist kann sich der genannte Bonnet, sobald es sich um mich handelt, doch nicht enthalten, eine sehr unduldsame Orthodoxie an den Tag zu legen. Ich fühlte mich wahrlich nicht versucht, auf dieses Werk zu antworten, aber da sich mir die Gelegenheit darbot, in den »Briefen vom Berge« ein Wort darüber zu sagen, so schaltete ich in Bezug darauf eine ziemlich geringschätzende Anmerkung ein, die Vernes in Raserei versetzte. Er erfüllte Genf mit seinem Wuthgeschrei, und Ivernois theilte mir mit, daß er wie besessen wäre. Einige Zeit darauf erschien ein anonymes Blatt, das anstatt mit Tinte mit dem Wasser des Phlegethon geschrieben schien. In diesem Briefe klagte man mich an, meine Kinder auf der Straße ausgesetzt zu haben, eine Soldatendirne mit mir umherzuschleppen, von Ausschweifungen abgemergelt und durch und durch venerisch zu sein und andre Liebenswürdigkeiten ähnlicher Art. Es war mir nicht schwer, meinen Mann darin wiederzuerkennen. Mein erster Gedanke bei der Lectüre dieser Schmähschrift war, alles, was man unter den Menschen Ruf und guten Namen nennt, auf seinen wahren Werth zurückzuführen, sah ich doch, wie man einen Mann als Mädchenjäger behandelte, der nie ausgeschweift hatte und dessen Hauptfehler stets war, schüchtern und verschämt wie eine Jungfrau zu sein; mußte ich doch die Erfahrung machen, daß man mich durch und durch für venerisch hielt, mich, der ich nicht allein mein Leben lang nie von einem Leiden dieser Art ergriffen war, sondern den Fachkundige sogar für unfähig hielten, davon behaftet zu werden. Alles wohl erwogen, glaubte ich diese Schmähschrift nicht besser widerlegen zu können, als dadurch, daß ich sie in der Stadt, in welcher ich gelebt hatte, drucken ließe, und ich schickte sie an Duchesne, damit er sie wörtlich nebst einem Vorworte, in dem ich Herrn Vernes als Verfasser nannte, sowie mit einigen kurzen Bemerkungen zur Erläuterung der Thatsachen druckte. Nicht zufrieden mit der Vervielfältigung dieses Blattes sandte ich es auch mehreren Personen und unter andern dem Prinzen Ludwig von Württemberg, der mir mit großer Freundlichkeit entgegengekommen war und mit dem ich damals einen Briefwechsel unterhielt. Dieser Prinz, Du Peyrou und andere schienen zu zweifeln, daß Vernes der Verfasser der Schmähschrift war und tadelten mich, ihn allzu leichtsinnig als solchen bezeichnet zu haben. Auf ihre Vorstellungen hin stiegen Bedenken in mir auf, und ich forderte Duchesne auf, dieses Blatt zu unterdrücken. Guy schrieb mir, mein Geheiß wäre ausgeführt; ich habe ihn aber bei so vielen Gelegenheiten als Lügner erkannt, daß ich mich nicht wundern würde, hätte er diesmal ebenfalls gelogen. Von jener Zeit an umhüllte mich tiefste Dunkelheit, durch welche ich keine Wahrheit irgend einer Art zu erkennen vermochte.

Herr Vernes ertrug diese Bezichtigung mit einer Milde, die bei einem Manne, der sie nicht verdient und vorher eine so große Wuth gezeigt hatte, mehr als auffallend war. Er schrieb zwei oder drei sehr maßvolle Briefe an mich, deren Zweck mir zu sein schien, aus meinen Antworten zu ersehen, wie weit ich unterrichtet wäre und welchen Beweis ich wider ihn hätte. Ich gab ihm zwei kurze, trockne, dem Inhalte nach strenge, aber dem Wortlaute nach nicht unhöfliche Antworten, so daß er sie auch nicht übel aufnahm. Auf seinen dritten Brief antwortete ich nicht mehr, da ich einsah, daß er eine Art Briefwechsel anknüpfen wollte; er ließ mich durch Ivernois ausholen. Frau Cramer schrieb an Du Peyrou, sie wäre überzeugt, daß die Schmähschrift nicht von Vernes herrührte. Dies alles erschütterte meine Ueberzeugung zwar keineswegs, allein da ich mich am Ende doch irren konnte und in diesem Falle Vernes eine unzweideutige Ehrenerklärung schuldig war, so ließ ich ihm durch Ivernois sagen, ich würde ihm eine befriedigende Genugthuung geben, wenn er im Stande wäre, mir den wahren Verfasser anzuzeigen oder wenigstens den Beweis zu liefern, daß er derselbe nicht wäre. Ich that mehr. Da ich sehr gut begriff, daß ich, war er unschuldig, nach allem nicht das Recht zu verlangen hatte, er sollte mir einen Beweis liefern, so entschloß ich mich, in einer ziemlich umfangreichen Denkschrift die Gründe meiner Ueberzeugung darzulegen und sie dem Urtheil eines Schiedsrichters zu unterwerfen, den Vernes nicht zurückweisen könnte. Man wird nicht errathen, wen ich zum Schiedsrichter erwählte: den Genfer Rath. Am Ende der Denkschrift erklärte ich, wenn der Rath nach Prüfung derselben und in Folge der für nothwendig erachteten Untersuchungen, die er mit Erfolg führen könnte, den Urteilsspruch fällte, daß Herr Vernes nicht der Verfasser der Schmähschrift wäre, so würde ich es von dem Augenblicke an in aller Aufrichtigkeit nicht mehr glauben und ihn aufsuchen, um mich ihm zu Füßen zu werfen und so lange um Verzeihung zu bitten, bis ich sie erlangt hätte. Ich wage es auszusprechen: nie hat sich mein glühender Eifer für Billigkeit, nie die Redlichkeit und der Edelsinn meiner Seele, nie mein Vertrauen auf jene Gerechtigkeitsliebe, die allen Herzen angeboren ist, in größerem Umfange und deutlicher gezeigt, als in dieser bescheidenen und rührenden Denkschrift, in der ich ohne Bedenken meine unversöhnlichsten Feinde zu Schiedsrichtern zwischen dem Verläumder und mir einsetzte. Ich las diese Schrift Du Peyrou vor; er gab mir den Rath, sie nicht einzureichen, und ich befolgte ihn. Er rieth mir die Beweise, welche Vernes versprochen hatte, abzuwarten. Ich wartete auf sie und warte noch immer. Er rieth mir, inzwischen zu schweigen; ich schwieg und werde mein Leben lang trotz des Tadels schweigen, daß ich gegen Vernes eine schwere, falsche und unerwiesene Beschuldigung erhoben hätte, werde schweigen, obgleich ich von seiner Verfasserschaft innerlich eben so überzeugt bin wie von meinem Dasein. Meine Denkschrift befindet sich in Du Peyrou's Händen. Wenn sie je an das Tageslicht kommt, so wird man meine Gründe finden und in ihnen, wie ich hoffe, die Seele Jean Jacques erkennen, die meine Zeitgenossen so wenig haben verstehen wollen.

Es ist Zeit, zu dem traurigen Ende meines Aufenthaltes in Motiers und zu meiner Abreise aus dem Val de Travers zu kommen, nachdem ich zwei und ein halbes Jahr daselbst geweilt und acht Monate die unwürdigste Behandlung mit unerschütterlicher Beharrlichkeit erduldet hatte. Es ist mir unmöglich, mich der Einzelheiten dieses unangenehmen Zeitabschnittes deutlich zu erinnern, aber man wird sie in dem Berichte finden, den Du Peyrou darüber veröffentlichte und von dem ich in der Folge noch reden muß.

Seit der Abreise der Frau von Verdelin wurde die Gährung heftiger, und trotz der wiederholten Erlasse des Königs, trotz der zahlreichen Befehle des Staatsrates, trotz der Bemühungen des Gerichtsverwalters und der Behörden des Ortes schien das Volk, welches mich in aller Einfalt als den Antichrist betrachtete und all sein Geschrei vergeblich sah, endlich zur That übergehen zu wollen. Auf den Wegen begannen bereits Kieselsteine hinter mir her zu rollen, allerdings noch immer aus zu großer Ferne geschleudert, um mich treffen zu können. In der Nacht nach dem Jahrmarkt zu Motiers, der im Anfange des Septembers stattfindet, wurde ich endlich in meiner Wohnung dergestalt angegriffen, daß das Leben seiner Bewohner gefährdet war.

Um Mitternacht vernahm ich einen großen Lärm auf der Galerie, welche um die Hinterseite des Hauses lief. Ein Hagel von Steinen wurde gegen das Fenster und die Thüre, welche auf diese Galerie hinausgingen, geschleudert und fiel mit solchem Gepolter dagegen, daß mein Hund, der auf der Galerie schlief und zu bellen angefangen hatte, vor Schrecken verstummte und sich in einen Winkel rettete, worauf er an den Brettern nagte und kratzte, um sich durch sie flüchten zu können. Bei dem Lärm erhebe ich mich; ich wollte eben aus meinem Zimmer in die Küche treten, als ein von kräftiger Hand geschleuderter Stein, nachdem er das Fenster zerschmettert hatte, durch die Küche flog, die Thüre zu meinem Zimmer aufriß und zu Füßen meines Bettes niederfiel, so daß ich, wäre ich eine Sekunde früher herausgetreten, den Stein gegen den Leib bekommen hätte. Ich nahm an, daß man den Lärm erhoben hatte, um mich herbeizuziehen und der Stein zu meinem Empfange geworfen war. Ich stürze in die Küche. Ich finde Therese, die sich ebenfalls erhoben hatte und zitternd auf mich zueilte. Wir stellen uns, um den Steinwürfen zu entgehen, an eine Wand, die nicht in der Richtung des Fensters lag, und überlegen, was wir thun sollten, denn hinauszugehen, um Hilfe herbeizurufen, hätte uns der Gefahr der Ermordung ausgesetzt. Glücklicherweise stand die Magd eines alten Ehrenmannes, der unter mir wohnte, bei dem Lärm auf und lief, den Herrn Gerichtsverwalter, mit dem wir Thüre an Thüre wohnten, herbeizurufen. Er springt aus dem Bette, zieht schnell seinen Schlafrock an und kommt augenblicklich mit der Wache, die des Jahrmarkts wegen diese Nacht die Runde machte und sich ganz in der Nähe befand. Der Gerichtsverwalter sah die Verwüstung mit einem solchen Entsetzen, daß er erblaßte, und schrie bei dem Anblicke der Steine, die aufgehäuft auf der Galerie lagen: »Das ist ja ein wahrer Steinbruch!« Als man unten auf der Straße Nachsuchungen hielt, fand sich, daß das Thor eines kleinen Hofes erbrochen war, und man versucht hatte von der Galerie aus in das Haus einzudringen. Bei der Untersuchung, weshalb die Wache nicht die Verwüstung bemerkt oder verhindert hatte, stellte sich heraus, daß die Leute aus Motiers hartnäckig darauf bestanden hätten, die Wache zu bilden, obgleich nicht die Reihe an ihnen, sondern an einem anderen Dorf war. Am folgenden Tage reichte der Gerichtsverwalter seinen Bericht bei dem Staatsrathe ein, der ihm zwei Tage darauf den Befehl ertheilte, eine Untersuchung über diese Angelegenheit einzuleiten, den Anzeigern der Schuldigen eine Belohnung und Stillschweigen zu geloben und inzwischen vor meinem Hause wie vor dem des Gerichtsverwalters, das daran stieß, auf Staatskosten Posten aufzustellen. Den nächsten Tag statteten mir der Obrist von Pury, der General-Procurator Meuron, der Gerichtsverwalter Martinet, der Steuererheber Guyenet, der Rentmeister von Ivernois und sein Vater, mit einem Worte alle Leute von Einfluß im Orte ihren Besuch ab und vereinigten ihre Bitten, um mich dahin zu bewegen, dem Sturme zu weichen und wenigstens für eine Zeit von einer Pfarrei fern zu bleiben, in der ich nicht mehr in Sicherheit und in Ehren wohnen könnte. Ich bemerkte sogar, daß der Gerichtsverwalter, entsetzt über die Wuth dieses wahnsinnigen Volkes und von der Besorgnis erfüllt, sie könnte sich auf ihn ausdehnen, sehr froh gewesen wäre, mich augenblicklich abreisen zu sehen, damit er mich nicht mehr zu beschützen brauchte und selbst den Ort verlassen könnte, wie er gleich nach meiner Abreise that. Ich gab deshalb nach und sogar ohne große Mühe, denn der Anblick des Volkshasses rief in mir eine Herzbeklemmung hervor, die ich nicht länger auszuhalten vermochte. Diese Steinigung, von der Rousseau eine so ausführliche Erzählung giebt, daß man gar nicht annehmen kann, er habe sich alle diese Umstände nur zu seiner Belustigung ersonnen, ist gleichwohl in Zweifel gezogen, und die, welche die Wahrheit dieses Vorfalls bestreiten, haben ebenfalls Anspruch auf das Vertrauen des Lesers. Herr Servan will von einem glaubwürdigen Manne, der Rousseau den nächsten Tag selbst einen Besuch abstattete, vernommen haben, daß die von dem im Zimmer gefundenen Steinen in den Scheiben herrührenden Löcher kleiner waren als die Steine selbst, und er erblickt darin nur einen Streich von Rousseaus Haushälterin, um ihren Herrn zu bestimmen, ein Land zu verlassen, in dem sie sich langweilte.

Ich hatte die Wahl unter mehr als einem Zufluchtsorte. Seit der Rückkehr der Frau von Verdelin nach Paris hatte sie mir in mehreren Briefen von einem von ihr als Lord bezeichneten Herrn Walpole erzählt, der, von Begeisterung für mich erfüllt, mir ein Asyl auf einem seiner Güter anbot, von dem sie mir die freundlichste Schilderung machte und dabei in Bezug auf Wohnung und Unterhalt in Einzelheiten einging, die mich erkennen ließen, in wie hohem Grade der erwähnte Lord Walpole sich im Verein mit ihr mit diesem Plane beschäftigte. Mylord Marschall hatte mir stets zu England oder Schottland gerathen und bot mir daselbst ebenfalls eine Zuflucht an, aber er bot mir auch eine an, die mich noch weit mehr in Versuchung führte, nämlich bei ihm in Potsdam. Er hatte mir eine Aeußerung des Königs über mich mitgetheilt, in der eine Art Einladung lag, mich zu ihm zu begeben; und die Frau Herzogin von Sachsen-Gotha rechnete so zuversichtlich auf meine baldige Abreise nach Potsdam, daß sie mich dringend einlud, sie auf der Durchreise zu besuchen und mich einige Zeit bei ihr aufzuhalten. Aber ich hatte eine solche Anhänglichkeit an die Schweiz, daß ich mich sie zu verlassen nicht entschließen konnte, so lange es mir möglich sein würde, in ihr zu leben, und ich benutzte diese Zeit, ein Vorhaben auszuführen, mit dem ich mich seit einigen Monaten trug und von dem ich noch nicht reden konnte, um den Faden meiner Erzählung nicht abzubrechen.

Mein Vorsatz bestand darin, mich auf der mitten im Bieler See gelegenen Insel Saint-Pierre, die zu dem Grundeigenthume des Berner Armen- und Krankenhauses gehörte, niederzulassen. Auf einer Fußreise, die ich den vorhergehenden Sommer mit Du Peyrou gemacht, hatten wir diese Insel besucht, und ich war von ihr so entzückt gewesen, daß ich seitdem nicht aufgehört hatte, über den Weg nachzudenken, auf welchem ich es dahin bringen konnte, mich auf ihr häuslich einzurichten. Das größte Hindernis war, daß die Insel den Bernern gehörte, die mich vor drei Jahren schändlicherweise aus ihrem Gebiete getrieben hatten, und außerdem daß sich mein Stolz dagegen sträubte, zu Leuten zurückzukehren, die mich so übel aufgenommen hatten, mußte ich auch befürchten, daß sie mich auf dieser Insel nicht mehr in Ruhe lassen würden als in Yverdun. Ich hatte den Mylord Marschall darüber um Rath gefragt, der gleich mir der Ansicht war, die Berner würden sehr froh sein, mich auf dieser Insel in der Zurückgezogenheit zu sehen und mich dort als Geißel für die Schriften festzuhalten, zu deren Abfassung ich mich noch versucht fühlen könnte, und hatte deshalb durch einen Herrn Sturler, seinen alten Nachbar in Colombier, die bei ihnen darüber herrschende Gesinnung sondiren lassen. Herr Sturler wandte sich an verschiedene hohe Staatsbeamte und auf ihre Mittheilungen hin versicherte Mylord Marschall, daß die Berner, voller Scham über ihr früheres Benehmen, nichts Besseres verlangten, als mich auf der Insel Saint-Pierre ansässig zu sehen, und mich dort in Ruhe zu lassen. Ehe ich meinen Wohnsitz daselbst aufzuschlagen wagte, ließ ich im Uebermaß der Vorsicht neue Erkundigungen durch den Obrist Chaillet einziehen, der mir dasselbe versicherte; und da der Steuererheber der Insel von seiner Behörde die Erlaubnis erhalten hatte, mich bei sich aufzunehmen, so glaubte ich bei der stillschweigenden Genehmigung sowohl der Regierung wie der Eigenthümer nichts zu wagen, wenn ich mich bei ihm niederließ, denn ich konnte doch unmöglich hoffen, daß die Herren von Bern die Ungerechtigkeit, die sie mir zugefügt, offen anerkennen und dadurch gegen den unverletzlichen Grundsatz aller Regierenden sündigen würden.

Die mitten im Bieler See gelegene Insel Saint-Pierre, in Neufchâtel Mothe genannt, hat einen Umfang von ungefähr einer halben Stunde; aber auf dieser kleinen Fläche bringt sie alle zum Leben nöthigen Haupterzeugnisse hervor. Sie hat Felder, Wiesen, Obstgärten, Waldungen, Weinberge, und das alles bildet in Folge eines abwechselnden und gebirgigen Terrains eine mir so angenehmere Vertheilung, als die Schönheiten der Gegend nicht alle auf einmal hervortreten, sondern sich gegenseitig hervorheben und die Insel größer erscheinen lassen, als sie in Wahrheit ist. Eine sehr hochgelegene Terrasse bildet die nach Gleresse und Bonneville hinauslegende Westseite der Insel. Man hat diese Terrasse mit einer langen Allee bepflanzt, die man in der Mitte durch einen großen hallenartigen Raum unterbrochen hat, in dem man sich während der Weinlese des Sonntags von allen Ufern der Nachbarschaft versammelt, um zu tanzen und sich zu unterhalten. Es giebt auf der Insel nur ein einziges, aber geräumiges und bequemes Haus, in dem der Steuererheber wohnt und das in einer Vertiefung liegt, welche es gegen die Winde schützt.

Fünf- oder sechshundert Schritt südlich von der Insel liegt eine andere, noch weit kleinere, unbebaute und wüste Insel, die von der großen einst durch Stürme losgerissen zu sein scheint und auf ihrem Kiessande nur Weiden und Pfirsichkraut hervorbringt, auf der sich aber sehr rasige und freundlich gelegene Hügelketten finden. Die Form dieses Sees ist ein fast regelmäßiges Oval. Seine Ufer sind, wenn auch weniger reich als die des Genfer und Neufchâteler Sees, trotzdem ziemlich schön und freundlich, namentlich auf der sehr bevölkerten Westseite, die am Fuße einer Bergkette ähnlich wie bei Côte-Rôtie von Weinbergen eingefaßt ist, welche allerdings keinen eben so guten Wein liefern. Geht man von Süden nach Norden, so liegt dort das Amtsgericht von Saint-Jean, Bonneville, Biel und am äußersten Ende des Sees Ridau, die von zahlreichen sehr freundlichen Dörfern getrennt sind.

So war der Zufluchtsort, den ich mir ausersehen hatte. Hier war ich entschlossen, mich niederzulassen, wenn ich Val de Travers verließ. Es ist vielleicht nicht unnütz, darauf hinzuweisen, daß ich dort einen persönlichen Feind in einem Herrn Du Terraux, dem Bürgermeister von Verrières zurückließ, einen Mann, der in sehr geringer Achtung im Lande stand, aber einen als echten Biedermann ausgeschrienen Bruder in den Bureaux des Herrn von Saint-Florentin hat. Der Bürgermeister hatte ihn einige Zeit vor Eintritt meines Unglückes besucht. Solche kleine Wahrnehmungen ähnlicher Art, die an sich bedeutungslos sind, können in der Folge zur Entdeckung vieler Schleichwege führen. Diese Wahl stand mit meiner Friedensliebe, mit meinem Hange zur Einsamkeit und Muße so sehr in Einklang, daß ich sie zu den süßen Träumereien rechne, für die ich mich am lebhaftesten begeisterte. Es schien mir, ich würde auf dieser Insel mehr von den Menschen geschieden, mehr gegen ihre Beleidigungen geschützt, mehr von ihnen vergessen, kurz mehr den Süßigkeiten der Muße und des beschaulichen Lebens hingegeben sein. Ich hätte auf dieser Insel so abgesperrt sein mögen, daß ich gar keinen Verkehr mit den Sterblichen mehr gehabt hätte, und ich ergriff in der That alle nur denkbare Maßregeln, um mich der Notwendigkeit zu seiner Weiterführung zu entziehen.

Es handelte sich darum, wovon ich leben wollte, denn sowohl wegen der Theuerung der Lebensmittel als auch wegen der Schwierigkeit ihrer Herbeischaffung ist auf dieser Insel, auf der man überdies völlig in der Gewalt des Steuererhebers ist, der Unterhalt gar kostspielig. Diese Schwierigkeit wurde durch ein Übereinkommen mit Du Peyrou gehoben, das er freundlicher Weise mit mir abschloß; er trat nämlich an die Stelle der Gesellschaft, die von der ursprünglich übernommenen Gesammtausgabe meiner Werke zurückgetreten war. Ich überließ ihm alle Materialien zu dieser Ausgabe, entwarf ihre Eintheilung und Reihenfolge, übernahm die Verpflichtung, ihm die Denkwürdigkeiten meines Lebens zu übergeben und vertraute ihm ausnahmslos alle meine Papiere an, mit der ausdrücklichen Bedingung, von ihnen erst nach meinem Tode Gebrauch zu machen, da es mir lediglich darum zu thun war, meine Lebensbahn ruhig zu beenden, ohne mich ferner dem Publikum in Erinnerung zu bringen. Die Leibrente, zu deren Zahlung er sich dafür verpflichtete, genügte für meinen Unterhalt. Als Mylord Marschall alle seine Güter zurückerhalten, hatte er mir eine Rente von 1200 Franken angeboten, die ich zur Hälfte angenommen hatte. Er wollte mir das Kapital derselben zusenden, das ich im Hinblick auf meine Unfähigkeit, es richtig anzulegen, ablehnte. Er ließ dieses Kapital deshalb Du Peyrou zustellen, in dessen Händen es geblieben ist und der mir nach Vereinbarung mit dem Stifter die Leibrente auszahlt. Rechne ich zu dem mit Du Peyrou abgeschlossenen Vertrage die Pension Mylord Marschalls, von der nach meinem Tode zwei Drittel auf Therese übergingen, sowie die mir von Duchesne ausgesetzte Rente von 300 Franken, so konnte ich sowohl für mich wie auch nach meinem Tode für Therese auf ein anständiges Auskommen rechnen. Letzterer hinterließ ich theils aus der Pension Neys, theils aus der Mylord Marschalls eine Rente von siebenhundert Franken; so brauchte ich nicht mehr zu fürchten, daß ihr oder mir je das Brot fehlen könnte. Aber es stand geschrieben, daß die Ehre mich zwingen sollte, alle Hilfsquellen zurückzuweisen, die mir das Glück wie mein Fleiß eröffnet hatten, daß ich eben so arm sterben sollte, wie ich gelebt. Man wird sich selbst ein Urtheil bilden, ob ich, wollte ich nicht ganz ehrlos handeln, Vereinbarungen einhalten konnte, die man für mich stets schmachvoll zu machen sorgte, während man mir zugleich mit aller Sorgfalt jede andre Hilfsquelle raubte, um mich zu zwingen, in meine Entehrung zu willigen. Wie hätten sie bei einer solchen Wahl zweifeln sollen, wofür ich mich entscheiden würde? Sie haben mein Herz stets nach dem ihrigen beurtheilt.

Ueber mein Auskommen beruhigt, war ich auch nach jeder andren Seite hin ohne Sorgen. Obgleich ich meinen Feinden das Feld in der Welt frei ließ, hinterließ ich in der edlen Begeisterung, die mir meine Schriften eingegeben hatten, wie in der beharrlichen Gleichmäßigkeit meiner Grundsätze ein Zeugnis für meine Seele, welches dem entsprach, das mein ganzer Wandel für meinen Charakter ablegte. Ich bedurfte keiner andern Vertheidigung wider meine Verleumder. Sie waren im Stande, unter meinem Namen einen andren Mann zu schildern; aber sie waren nur im Stande, diejenigen zu täuschen, welche getäuscht sein wollten. Ich konnte ihrer Kritik mein Leben von einem Ende zum andern unterbreiten; ich war sicher, daß man hinter meinen Fehlern und Schwächen, hinter meiner Unfähigkeit, ein Joch zu ertragen, doch immer einen gerechten, guten, von Bitterkeit und Haß freien Menschen finden würde, bereit, sein eigenes Unrecht anzuerkennen und noch bereitwilliger, das Anderer zu vergessen, kurz einen Menschen, der sein ganzes Glück in liebenswürdigen und gefälligen Leidenschaften sucht und bei allen Dingen die Aufrichtigkeit bis zur Unklugheit, ja bis zur unglaublichsten Selbstverläugnung treibt.

Gewissermaßen nahm ich also von meinem Jahrhundert und meinen Zeitgenossen Abschied und sagte der Welt Lebewohl, indem ich mich für meine übrigen Lebenstage auf diese Insel zurückzog, denn dies war mein Entschluß, und dort hoffte ich endlich meinen großen Plan, in voller Muße zu leben, ausführen zu können. Vergeblich hatte ich ihm bisher die geringe Thatkraft geweiht, die mir der Himmel verliehen hatte. Diese Insel sollte für mich das selige Eiland werden, wo man schläft,

und mehr noch thut, nichts thut in Zeit und Ewigkeit.

Dieses »mehr noch« war für mich alles, denn ich habe mich immer wenig nach dem Schlaf gesehnt; die Muße genügt mir, und wenn ich nur nichts zu thun brauche, träume ich lieber im Wachen als im Schlafe. Da das Alter romantischer Pläne vorüber war und mich der Dunst des Ruhmes mehr betäubt als erhoben hatte, so bestand meine letzte Hoffnung darin, ein zwangloses Leben in einer ewigen Muße zu führen. Das ist das Leben der Seligen in der andern Welt, und ich bildete mir daraus schon den Anfang meiner Seligkeit in dieser hier.

Die, welche mir so viele Widersprüche zum Vorwurf machen, werden nicht verabsäumen, hier einen neuen gegen mich zu erheben. Ich habe gesagt, daß mir die Unthätigkeit in den gesellschaftlichen Zusammenkünften dieselben unerträglich machte, und nun suche ich mit einem Male die Einsamkeit nur deshalb auf, um mich der Unthätigkeit zu überlassen. So bin ich nun aber; liegt ein Widerspruch darin, so trägt die Natur daran die Schuld und nicht ich; allein er liegt so wenig darin, daß ich gerade dadurch immer der gleiche bin. Der Müßiggang in den Gesellschaften ist, weil von der Notwendigkeit erzwungen, tödtend; der in der Einsamkeit ist, weil frei und der Ausfluß des eigenen Willens, entzückend. In einer Gesellschaft ist es mir grausam, nichts zu thun, weil es der Zwang erfordert. Ich muß auf meinem Stuhle wie angenagelt sitzen oder steif wie ein Pflock dastehen, ohne Hand und Fuß zu rühren, darf nicht laufen, nicht springen, nicht singen, nicht schreien, nicht gesticuliren, wenn ich Lust dazu habe, ja, darf nicht einmal träumen. Ich empfinde gleichzeitig alle Langeweile des Müßigseins und alle Qual des Zwanges; ich bin genöthigt, auf alle Albernheiten, die gesprochen, und auf alle Höflichkeiten, die erwiesen werden, zu merken, und unaufhörlich mein Gehirn anzustrengen, um meinerseits meinen schlechten Witz und meine Lüge vorbringen zu können. Und das nennt ihr Muße! Das ist eine Sträflingsarbeit Der Müßiggang, den ich liebe, ist nicht der eines Faulenzers, der mit gekreuzten Armen in völliger Unthätigkeit verharrt und nicht mehr denkt, als er handelt. Es ist zugleich der eines Kindes, das unaufhörlich in Bewegung ist, um doch nichts zu thun, wie der eines Schwätzers, der den Faden verliert, sobald seine Arme einen Augenblick ruhen. Ich beschäftige mich gern mit allerlei Kleinigkeiten, beginne hunderterlei Dinge und vollende keines, gehe und komme, wie es mir einfällt, ändere jeden Augenblick mein Vorhaben, folge einer Fliege in ihrem Fluge, versuche einen Felsen umzustürzen, um zu sehen, was darunter ist, beginne mit Feuereifer eine zehnjährige Arbeit und gebe sie schon nach zehn Minuten ohne Bedauern auf, kurz vertändle den ganzen Tag ohne Plan und Ordnung und folge in allem nur der Laune des Augenblicks.

Wie ich die Botanik immer betrachtet habe und wie sie meine Leidenschaft zu werden begann, war sie auch nur ein müßiges Studium, geeignet, die ganze Leere meiner Muße auszufüllen, ohne den Ausschweifungen der Einbildungskraft oder der Langeweile einer völligen Unthätigkeit Platz zu gewähren. Behaglich durch Wald und Flur umherstreifen, mechanisch hier und da bald eine Blume sammeln, bald einen Zweig abbrechen, auf gutes Glück eine Blüte nach der andern aussaugen, tausend und tausend Mal dieselben Dinge und immer mit gleichem Interesse beobachten, weil ich sie beständig vergaß, das war, womit ich die Ewigkeit hätte zubringen können, ohne auch nur einen Augenblick Langeweile zu empfinden. Wie zierlich, wie bewunderungswürdig, wie verschieden der Bau der Pflanzen auch sein möge, so ist er für ein ungeschultes Auge doch nicht so auffallend, um es anzuziehen. Diese unwandelbare Aehnlichkeit und doch diese wunderbare Verschiedenheit, die in ihrer Organisation herrscht, entzückt nur die, welche bereits eine gewisse Vorstellung von der Pflanzenkunde haben. Die Andren haben beim Anblick aller dieser Schätze der Natur nur eine stumpfsinnige und einförmige Bewunderung. Sie gewahren nichts im Einzelnen, weil sie nicht einmal wissen, was sie anblicken müssen, und sie sehen eben so wenig das Ganze, weil sie keine Vorstellung von dieser Verkettung der Beziehungen und Verbindungen haben, welche den Geist des Beobachters mit ihren Wundern überwältigt. Bei meinem schwachen Gedächtnisse erhielt ich mich auf der glücklichen Stufe, wenig genug zu wissen, so daß mir alles neu blieb, und genug, so daß mir alles verständlich war. Die verschiedenen Bodenarten, die auf der Insel trotz ihrer Kleinheit hervortraten, boten mir eine hinreichende Abwechselung von Pflanzen zum Studium und zur Unterhaltung für meine ganze Lebenszeit dar. Kein Grashälmchen wollte ich ununtersucht lassen und ich schickte mich bereits an, um unter Hinzufügung einer ungeheuren Sammlung merkwürdiger Beobachtungen die Flora Petrinsularis zu schreiben.

Ich ließ Therese mit meinen Büchern und Sachen kommen. Wir gaben uns bei dem Steuererheber der Insel in Pension. Seine Frau hatte Schwestern in Nidan, welche der Reihe nach zum Besuch erschienen und Theresen Gesellschaft leisteten. Ich empfand da die ganze Würze eines süßen Lebens, das ich immerdar hätte genießen mögen; aber die Lust, die es mir gewährte, diente nur dazu, mir die Bitterkeit des Lebens, welches so bald darauf folgen sollte, nur desto fühlbarer zu machen.

Ich habe das Wasser immer leidenschaftlich geliebt, und sein Anblick versenkt mich in eine köstliche Träumerei, wenn auch oft ohne bestimmten Gegenstand. Ich verabsäumte nie, wenn es schönes Wetter war, unmittelbar nach dem Aufstehen auf die Terrasse hinauszueilen, um die gesunde und frische Morgenluft einzuathmen, und die Blicke über den Horizont dieses schönen Sees schweifen zu lassen, dessen Ufer mit den ihn umringenden Bergen mein Auge entzückten. Meines Erachtens giebt es keine der Gottheit würdigere Huldigung als diese stumme Bewunderung, welche die Betrachtung ihrer Werke erregt und sich nicht in äußeren Handlungen zu erkennen giebt. Ich begreife, wie die Bewohner der Städte, die nichts als Straßen, Mauern und Schlechtigkeiten sehen, wenig Glauben haben, aber ich kann nicht begreifen, wie Landleute, und namentlich einsam wohnende, keinen haben können. Wie erhebt sich ihre Seele nicht täglich hundertmal mit Begeisterung zum Schöpfer der Wunderwerke, die sich ihren Augen darbieten? Mich persönlich treibt namentlich nach dem Aufstehen, wenn ich von Schlaflosigkeit ermattet bin, eine lange Gewohnheit zu solchen Herzenserhebungen, die mir keine Anstrengung des Denkens auferlegen. Aber meine Augen müssen sich dazu an dem entzückenden Schauspiele der Natur weiden können. In meinem Zimmer bete ich seltener und weniger warmen Herzens; aber bei dem Anblick einer schönen Landschaft fühle ich mich bewegt, ohne sagen zu können wodurch. Ein frommer Bischof soll beim Besuche seiner Diöcese eine alte Frau gefunden haben, die statt jedes Gebetes nichts als immer wieder »O« zu sagen wußte. Zu ihr sagte er: »Gute Mutter, fahret so zu beten fort; euer Gebet ist Gott angenehmer als unseres.« Solches Gott angenehmere Gebet ist auch das meinige.

Nach dem Frühstücke beeilte ich mich, unlustig einige mir widerwärtige Briefe zu schreiben, mich leidenschaftlich nach dem glücklichen Zeitpunkte sehnend, wo ich keine mehr zu schreiben brauche. Ich machte mir einige Augenblicke etwas um meine Bücher und Papiere zu schaffen, mehr um sie auszupacken und zu ordnen, als um sie zu lesen; und diese Beschäftigung, die für mich zur Arbeit der Penelope wurde, gewährte mir das Vergnügen, eine kurze Zeit zu vertändeln, worauf ich mich langweilte und mit ihr aufhörte, um die drei oder vier Morgenstunden, die mir noch blieben, unter dem Studium der Botanik und besonders des Linnéischen Systems zuzubringen, für welches ich eine Leidenschaft faßte, von der ich mich nie vollkommen habe heilen können, selbst nachdem ich das Lückenhafte in demselben erkannt hatte. Dieser große Beobachter ist meines Erachtens nebst Ludwig der einzige, der die Botanik bis jetzt vom Standpunkt des Naturforschers wie des Philosophen betrachtet hat, aber er hat sie zuviel nach den Herbarien und Gärten und nicht genug nach der Natur selbst studirt. Was mich anlangt, der die ganze Insel als seinen Garten benutzte, so eilte ich, sobald ich eine Beobachtung machen oder ihre Richtigkeit bestätigen wollte, mein Buch unter dem Arme in die Wälder oder auf die Wiesen. Dort legte ich mich neben der fraglichen Pflanze auf die Erde, um sie in aller Ruhe zu untersuchen. Diese Methode hat mir viel geholfen, die Pflanzen in ihrem natürlichen Zustande kennen zu lernen, bevor sie durch Menschenhand angebaut und dadurch entartet sind. Fagon, Ludwigs XIV. erster Leibarzt, der im Jardin Royal alle Pflanzen nach ihrem Namen und ihren Eigenschaften auf das Genaueste kannte, soll auf dem Lande von solcher Unwissenheit gewesen sein, daß er keine wiedererkannte. Bei mir findet gerade das Gegentheil statt. Von dem Werke der Natur kenne ich etwas, von dem des Gärtners nichts.

Was die Nachmittage anlangt, so widmete ich sie gänzlich meiner Vorliebe für Müßiggang und meinem Hange, mich regellos dem Antriebe des Augenblickes zu überlassen. Bei ruhigem Wetter warf ich mich oft unmittelbar nach dem Mittagsessen allein in ein kleines Boot, das mich der Steuererheber gelehrt hatte mit einem einzigen Ruder zu führen, ich fuhr auf die Höhe des Sees hinaus. Der Augenblick, in dem ich vom Ufer abstieß, bereitete mir eine Freude, die bis zum Zittern ging, und deren Ursache ich außer Stande bin mir zu erklären oder einigermaßen zu begreifen, wenn es nicht vielleicht ein geheimes Glücksgefühl war, hier gegen die Angriffe der Bösen geschützt zu sein. Ich streifte dann allein auf diesem See umher und näherte mich bisweilen dem Ufer, ohne jedoch je zu landen. Oft ließ ich mein Boot auf den Wellen im Winde dahintreiben und gab mich ziellosen Träumereien hin, die, wenn auch thöricht, trotzdem nicht weniger köstlich waren. Oefters rief ich mit Rührung aus: »O Natur, o meine Mutter, hier stehe ich unter deinem Schutz allein, hier tritt kein listiger und schurkischer Mensch zwischen dich und mich!« Ich blieb so wohl eine halbe Stunde vom Lande entfernt; ich hätte gewünscht, der See wäre der Ocean gewesen. Meinem armen Hunde zu Liebe, der nicht ein eben so großer Freund von Wasserfahrten war wie ich, wählte ich mir indessen für meine Lustfahrten gewöhnlich ein bestimmtes Ziel. Dies pflegte die kleine Insel zu sein; an ihr landete ich, um auf ihr zwei oder drei Stunden zu lustwandeln oder mich auf dem Gipfel des Hügels auf den Rasen zu legen, in entzückender Bewunderung dieses Sees und seiner Umgebungen einzuschlummern, um alle Pflanzen, zu denen ich gelangen konnte, zu untersuchen und zu zergliedern und um mir wie ein zweiter Robinson in der Einbildung eine Wohnung auf diesem kleinen Eilande zu bauen. Dieser Erdhügel nahm mein ganzes Herz ein. Wie stolz war ich, wenn ich die Frau Steuererheberin und ihre Schwestern dorthin führen konnte, ihren Pilot und Wegweiser abzugeben! In feierlichem Aufzuge brachten wir Kaninchen nach der Insel, um sie zu bevölkern; ein Fest mehr für Jean-Jacques. Diese Bevölkerung machte mir die kleine Insel noch anziehender. Ich ging seitdem öfter und mit größerem Vergnügen dorthin, um Spuren von der Vermehrung der neuen Bewohner aufzusuchen.

Zu diesen Vergnügungen trat noch eine hinzu, die die Erinnerung an das süße Leben in den Charmettes wieder in mir wach rief, und zu der mich die Jahreszeit ganz besonders einlud. Sie bestand in einer Reihe ländlicher Beschäftigungen, die das Einernten der Gemüse und des Obstes erforderte und die wir, Therese und ich, mit Freuden mit der Frau Steuererheberin und ihrer Familie theilten. Ich entsinne mich, daß mich ein Berner, Namens Kirchberger, bei seinem Besuche auf einem hohen Baume sitzend fand, mit einem Sacke um den Leib, der bereits so voller Aepfel war, daß ich mich gar nicht mehr rühren konnte. Ich war gar nicht unzufrieden mit dieser und einigen ähnlichen Begegnungen. Ich hoffte, daß die Berner, die so Zeugen gewesen waren, mit welchen Beschäftigungen ich meine Muße ausfüllte, nicht mehr daran denken würden, mich in meiner Ruhe zu stören, und mich in meiner Einsamkeit in Frieden lassen würden. Ich wäre hier lieber nach ihrem Willen als nach dem meinigen verbannt geblieben; ich hätte dadurch eine größere Sicherheit gewonnen, meine Ruhe nicht gestört zu sehen.

Und nun bin ich wieder eines jener Geständnisse schuldig, bei denen ich im voraus von dem Unglauben der Leser überzeugt bin, die mich fortwährend nach sich selber beurtheilen, obgleich sie gezwungen worden sind, in dem ganzen Laufe meines Lebens tausend innere Regungen zu sehen, die den ihrigen nicht gleichen. Noch seltsamer ist dabei, daß sie mir zwar alle gute oder gleichgiltige Gefühle, die sie nicht haben, absprechen, dagegen mit der größten Bereitwilligkeit mir so böse anheften, daß sie gar nicht einmal fähig wären, sich Eingang in ein Menschenherz zu verschaffen. Sie finden es also ganz einfach, mich in Widerspruch mit der Natur zu setzen und aus mir ein Ungeheuer zu machen, wie gar keines existiren kann. Nichts Albernes scheint ihnen unglaublich, sobald es darauf ankommt, mich anzuschwärzen; nichts Außerordentliches scheint ihnen möglich, sobald es mir zur Ehre gereichen könnte.

Was sie jedoch auch glauben oder sagen mögen, so werde ich deshalb nicht weniger fortfahren, getreulich auseinanderzusetzen, was Jean Jacques Rousseau war, that und dachte, ohne die Sonderbarkeiten seiner Gefühle und Gedanken zu erklären oder zu rechtfertigen, oder Forschungen darüber anzustellen, ob andere gedacht haben wie er. Ich gewann die Insel Saint-Pierre so lieb, und der Aufenthalt auf ihr sagte mir so zu, daß ich alle meine Wünsche auf diese Insel übertrug und sie in den einen zusammenfaßte, nie von ihr zu scheiden. Die Besuche, die ich in der Nachbarschaft abzustatten, die Ausflüge, die ich nach Neufchâtel, Biel, Yverdun und Nidau zu machen hatte, ermüdeten mich schon in dem blosen Gedanken daran. Ein fern von der Insel verlebter Tag schien mir eine Schmälerung meines Glückes; und ein Heraustreten aus dem Umfange dieses Sees kam mir wie das Heraustreten aus meinem Elemente vor. Dazu kam, daß mich die Erfahrung ängstlich gemacht hatte. Sobald nur irgend ein Gut mein Herz angenehm berührte, so befürchtete ich schon, es zu verlieren, und das sehnliche Verlangen, meine Tage auf dieser Insel zu beschließen, war von der Furcht unzertrennlich, daß ich gezwungen werden könnte, sie zu verlassen. Ich hatte die Gewohnheit angenommen, mich des Abends, vor allem wenn der See erregt war, an das Ufer zu setzen. Ich fühlte ein eigenthümliches Vergnügen, die Wellen zu meinen Füßen sich brechen zu sehen; ich erblickte in ihnen das Bild des Aufruhrs in der Welt und des Friedens meines Wohnorts, und ich versetzte mich bei diesem süßen Gedanken oft in eine solche Rührung, daß ich fühlte, wie mir die Thränen über die Wangen hinabrollten. Diese Ruhe, an der ich mich mit Leidenschaft erfreute, wurde nur durch die Beunruhigung gestört, sie zu verlieren; aber diese Beunruhigung ging bis zu dem Grade, mir die ganze Süßigkeit der Ruhe zu verkümmern. Ich fühlte meine Lage so bedroht, daß ich auf ihre Fortdauer nicht zu zählen wagte. »Ach,« sagte ich zu mir selbst, »wie gern würde ich die Freiheit, von hier fortzugehen, an der mir nichts gelegen ist, gegen die Gewißheit vertauschen, beständig hier bleiben zu können! Weshalb bin ich nicht, anstatt hier aus Gnaden geduldet zu werden, mit Gewalt hier zurückgehalten? Ich werde hier nur geduldet und kann jeden Augenblick von hier vertrieben werden; kann ich wohl hoffen, daß meine Verfolger, wenn sie mich hier glücklich sehen, mir mein Glück länger gönnen werden? Ach, es ist wenig, daß man mir gestattet, hier zu leben; ich wünschte, man verurtheilte mich dazu, und möchte gezwungen sein, hier zu bleiben, um nicht gezwungen zu werden, fortzugehen!« Mit neidischem Auge blickte ich auf den glücklichen Michael Ducret, der, ruhig auf seinem Schlosse Arberg, nur den Willen zu haben brauchte, glücklich zu sein, um es wirklich zu sein. Kurz, dadurch daß ich mich solchen Betrachtungen und den beunruhigenden Vorahnungen von neuen Stürmen, die gegen mich heranzogen, überließ, gelangte ich zu dem unglaublich sehnlichen Wunsche, daß man mich auf dieser Insel nicht nur dulden, sondern sie mir zum ewigen Gefängnisse geben möchte; und ich kann schwören, wäre es nur auf mich angekommen, mich hierher verurtheilen zu lassen, so hätte ich es mit der größten Freude gethan, da ich den Zwang, meine übrigen Lebenstage hier zubringen zu müssen, tausendmal der Gefahr vorzog, von hier vertrieben zu werden. In seinen »Träumereien« (fünfter Spaziergang) giebt er eine noch ausführlichere Schilderung der Insel Saint-Pierre und ergeht sich mit großer Befriedigung über das köstliche, reine und volle Glück, welches er während der zwei Monate seines dortigen Aufenthalts beständig genossen hat.

Diese Furcht erwies sich bald als nicht ungegründet. In dem Augenblicke, wo ich es am wenigsten erwartete, erhielt ich einen Brief von dem Herrn Landvogt zu Nidau, zu dessen Verwaltungsbezirk die Insel Saint-Pierre gehört, in dem er mir den Befehl ihrer Excellenzen ankündigte, die Insel und ihre Staaten zu verlassen. Beim Lesen desselben glaubte ich zu träumen. Nichts war weniger natürlich, weniger vernünftig, weniger vorausgesehen als ein solcher Befehl, denn ich hatte meine Ahnungen mehr für die Beängstigungen eines durch sein Unglück erschreckten Mannes gehalten als für eine Voraussicht, die auch nur den geringsten Grund hatte. Die Maßregeln, die ich ergriffen hatte, um mir die stillschweigende Einwilligung der Staatsbehörde zu verschaffen, die Ruhe, mit der man meine Niederlassung mitangesehen hatte, die Besuche mehrerer Berner und des Landvogts selber, der mich mit Freundschaftsbeweisen und Zuvorkommenheiten überhäuft, die Strenge der Jahreszeit, in der die Landesverweisung eines kränklichen Mannes barbarisch war, alles ließ mich mit vielen andren Leuten glauben, daß es sich bei diesem Befehle um ein Mißverständnis handelte und die Uebelgesinnten gerade die Zeit der Weinlese und der Unvollständigkeit des Senats gewählt hätten, um mir diesen Schlag plötzlich zu versetzen.

Hätte ich auf meine erste Entrüstung gehört, so wäre ich auf der Stelle abgereist. Aber wohin gehen? Was sollte beim Eintritt des Winters ohne Ziel, ohne Vorbereitung, ohne Führer, ohne Wagen aus mir werden? Wollte ich nicht alles, meine Papiere, meine Habseligkeiten, alle meine Angelegenheiten in Stich lassen, so bedurfte ich Zeit, um dafür zu sorgen, und in dem Befehle war nicht ausgesprochen, ob man mir eine Frist gewährte oder nicht. Die Fortdauer meines Unglücks begann meinen Muth mehr und mehr zu schwächen. Zum ersten Male fühlte ich, wie sich mein angeborener Stolz unter das Joch der Notwendigkeit beugte, und trotz der Einsprache meines Herzens mußte ich mich zu der Bitte um Aufschub erniedrigen. Denselben Herrn von Graffenried, der mir den Befehl zugesandt hatte, ersuchte ich um genauere Auslegung desselben. In seinem Antwortsbriefe redete er über diesen Befehl, den er mir nur mit größtem Bedauern mitgetheilt, sehr mißbilligend; und die Bezeigungen des Schmerzes und der Achtung, von denen das Schreiben erfüllt war, schienen mir eben so viele gar freundliche Einladungen zu sein, mich ganz offen gegen ihn auszusprechen; ich that es. Ich zweifelte gar nicht daran, daß mein Brief diesen unbilligen Menschen die Augen über ihre Grausamkeit öffnen würde, und daß, falls man einen so barbarischen Befehl auch nicht widerriefe, man mir doch wenigstens eine vernünftige Frist und vielleicht den ganzen Winter bewilligte, um mich zu meinem Abzuge vorzubereiten und eine andere Zufluchtsstätte zu wählen.

In Erwartung der Antwort begann ich über meine Lage und den Entschluß, den ich zu fassen hatte, nachzudenken. Nach allen Seiten hin sah ich so viele Schwierigkeiten, der Kummer hatte mich so hart angegriffen, und ich befand mich in diesem Augenblicke so leidend, daß ich mich ganz niederbeugen ließ, und meine Entmuthigung die Wirkung hatte, mir die wenigen Hilfsquellen zu rauben, die noch in meinem Geiste lagen, um mich so gut als möglich meiner traurigen Lage zu entreißen. Wohin ich mich auch immer flüchten wollte, so viel war klar, daß ich mich den beiden Arten, deren man sich zu meiner Vertreibung bedient hatte, nie entziehen konnte; die eine bestand darin, die Volksmasse im Geheimen gegen mich aufzuhetzen, die andere darin, mich mit offener Gewalt ohne Angabe eines Grundes zu vertreiben. Ich konnte folglich auf keinen gesicherten Zufluchtsort zählen, falls ich ihn nicht in größerer Ferne suchen wollte, als es mir meine Kräfte und die Jahreszeit zu gestatten schienen. Da mich dies alles auf die Gedanken zurückführte, mit denen ich mich zu beschäftigen begonnen hatte, wagte ich den Wunsch auszusprechen, man möchte mich lieber zu lebenslänglichem Gefängnisse verurtheilen, als mich unaufhörlich auf Erden umherirren lassen, indem man mich nach und nach aus allen Asylen vertriebe, die ich mir irgend wählen möchte. Zwei Tage nach meinem ersten Briefe schrieb ich einen zweiten an Herrn von Graffenried, um ihn zu bitten, ihren Excellenzen diesen Vorschlag zu machen. Die Antwort aus Bern auf beide war ein in den bestimmtesten und härtesten Ausdrücken erlassener Befehl, die Insel und das ganze mittelbare wie unmittelbare Gebiet der Republik innerhalb vierundzwanzig Stunden zu verlassen und zur Vermeidung der schwersten Strafen nie wieder dahin zurückzukehren.

Dieser Augenblick war entsetzlich. Ich habe mich öfter in schlimmeren Aengsten, aber nie in größerer Verlegenheit befunden. Was mich jedoch am meisten mit Kummer erfüllte, war die Notwendigkeit, auf den Plan zu verzichten, der es mir wünschenswerth machte, den Winter auf der Insel zuzubringen. Es ist an der Zeit, die verhängnisvolle Begebenheit zu berichten, die meinem Unglück die Krone aufgesetzt und ein unglückliches Volk, dessen aufsprießende Tugenden verhießen, daß sie eines Tages denen Spartas und Roms gleichkommen würden, in mein Verderben mit hineinzog. In dem » Contrat social« hatte ich von den Corsen wie von einem neuen Volke, dem einzigen in Europa geredet, das noch nicht unter der Gesetzgebung gelitten hatte, und auf die große Hoffnung hingewiesen, die man auf ein solches Volk setzen müßte, wenn es das Glück hätte, einen weisen Lehrer zu finden. Mein Werk wurde von einigen Corsen gelesen, die für die ehrenvolle Art, in der ich mich über sie aussprach, dankbar waren; und die Nothwendigkeit, in der sie sich befanden, an dem Aufbau ihrer Republik zu arbeiten, brachte ihre Anführer auf den Gedanken, mich um meine Ideen über dieses wichtige Werk zu bitten. Ein Herr Buttafuoco, aus einer angesehenen Familie des Landes und Capitain in dem französischen Regimente Royal-Italien, schrieb hierüber an mich und besorgte mir mehrere Aktenstücke, um die ich ihn ersucht hatte, um mich mit der Geschichte und dem Zustande des Landes vertraut zu machen. Auch Herr Paoli schrieb mehrmals an mich, und obgleich ich einsah, daß ein solches Unternehmen über meine Kräfte ging, glaubte ich sie bei einem so großen und schönen Werke nicht vorenthalten zu dürfen, sobald ich alle dazu nöthigen Anleitungen erhalten haben würde.

Genau um dieselbe Zeit erfuhr ich, daß Frankreich Truppen nach Corsica sandte und einen Vertrag mit den Genuesen abgeschlossen hätte. Dieser Vertrag und diese Truppensendung versetzten mich in Unruhe; und ohne mir einzubilden, daß ich in irgend einer Beziehung zu dem allen stehen könnte, hielt ich es doch für unmöglich und lächerlich an einem Werke, das wie die Constituirung eines Volkes eine so tiefe Ruhe verlangt, in dem Augenblicke mitzuwirken, wo es vielleicht auf dem Wege war unterjocht zu werden. Ich verhehlte Herrn Buttafuoco meine Befürchtung nicht, der mich durch die Versicherung beruhigte, daß, wären wirklich in diesem Vertrage Dinge vorhanden, die mit der Freiheit seiner Nation in Widerspruch ständen, ein so guter Bürger wie er nicht im Dienste Frankreichs bleiben würde, wie er doch thäte. In der That konnte sein Eifer für das Verfassungsleben Corsikas sowie seine enge Verbindung mit Herrn Paoli in mir keinen Argwohn gegen ihn aufkommen lassen, und als ich vernahm, daß er häufige Reisen nach Versailles und Fontainebleau unternahm und mit Herrn von Choiseul Beziehungen unterhielt, so schloß ich daraus nichts anderes, als daß er über die wirklichen Absichten des französischen Hofes Bürgschaften hätte, die er mir zu verstehen geben wollte, wenn er sich auch nicht brieflich darüber offen erklären konnte.

Dies alles beruhigte mich theilweise. Da ich indessen diese Sendung französischer Truppen nicht begriff und vernünftigerweise nicht annehmen konnte, daß sie zum Schütze der corsikanischen Freiheit da wären, weil die Bewohner der Insel sehr wohl im Stande waren, sich allein gegen die Genueser zu vertheidigen, so konnte ich mich nicht völlig beruhigen, noch mich freudig an der mir vorgelegten Verfassungsarbeit betheiligen, bis ich genügende Beweise hätte, daß dies alles nicht ein bloses Spiel zu meiner Verhöhnung wäre. Mir wäre eine Zusammenkunft mit Herrn Buttafuoco sehr erwünscht gewesen; es war das einzige Mittel, von ihm die Aufklärungen zu erhalten, die ich bedurfte. Er ließ sie mich hoffen, und ich hoffte auf sie mit größter Ungeduld. Ich weiß nicht, ob er die Absicht wirklich gehabt hatte; aber wäre es der Fall gewesen, so hätte mich mein Unstern verhindert, die Gelegenheit zu benutzen.

Je mehr ich über das vorgeschlagene Unternehmen nachdachte, je weiter ich in der Prüfung der sich in meinen Händen befindlichen Aktenstücke vorrückte, desto mehr fühlte ich die Notwendigkeit, das Volk, für welches die Verfassung bestimmt war, sowie den Boden, auf dem es wohnte, und alle Verhältnisse, welchen eine solche Verfassung angepaßt werden mußte, aus der Nähe zu studieren. Ich begriff jeden Tag mehr, daß es mir unmöglich wäre, aus der Ferne alle zu meiner Leitung nöthigen Aufklärungen zu erlangen. Ich schrieb darüber an Buttafuoco: er sah es selbst ein; und wenn ich auch noch nicht völlig fest entschlossen war, mich nach Corsika zu begeben, so beschäftigte ich mich doch viel mit den Mitteln, diese Reise zu machen. Ich sprach davon mit Herrn Dastier, der unter Herrn von Maillebois früher auf dieser Insel gedient hatte, und sie deshalb kennen mußte. Er unterließ nichts, um mich von diesem Vorsatze abzubringen; und ich gestehe, daß das gräßliche Gemälde, welches er mir von den Corsen und ihrem Lande entwarf, meinen Wunsch, in ihrer Mitte zu leben, gewaltig abkühlte.

Als jedoch die Verfolgungen, in Motiers mich daran denken ließen, die Schweiz zu verlassen, erwachte in mir von neuem dieser Wunsch in der Hoffnung, endlich bei diesen Insulanern die Ruhe zu finden, die man mir nirgends lassen wollte. Nur eins machte mir diese Reise bedenklich: meine Untauglichkeit zu dem thätigen Leben und mein Widerwille gegen dasselbe, zu dem ich in Folge dessen verurtheilt sein würde. Ich war dazu geboren, in der Einsamkeit mit Muße nachzudenken, aber nicht um unter Menschen zu reden, zu handeln, Geschäfte abzuschließen. Die Natur, die mir zu jenem Talent verliehen, hatte es mir zu diesem versagt. Gleichwohl sah ich ein, daß ich, ohne mich unmittelbar an den öffentlichen Angelegenheiten zu betheiligen, von meiner Ankunft in Corsika an genöthigt sein würde, mich der Aufregung des Volkes zu überlassen und sehr häufig mit seinen Führern zu berathschlagen. Sogar der Zweck meiner Reise erheischte, daß ich mich nicht in die Einsamkeit zurückzog, sondern vielmehr mitten im Volke die Aufklärungen suchte, die ich nöthig hatte. Es war klar, daß ich nicht mehr über mich selbst würde verfügen können, daß ich, wider meinen Willen in einen Wirbel mit hineingerissen, für den ich nicht geschaffen war, ein meinem Geschmacke völlig widerstrebendes Leben führen und mich nur in ungünstigem Lichte zeigen würde. Ich sah voraus, daß ich die Ansicht von meiner Fähigkeit, welche meine Werke den Corsen einzuflößen vermocht, durch meine Gegenwart schwerlich aufrecht erhalten könnte, daß ich mich bei ihnen um alle Achtung bringen und zu ihrem wie zu meinem Schaden das in mich gesetzte Vertrauen verlieren würde, ohne das ich das von mir erwartete Werk nicht auszuführen im Stande war. Ich hatte die Ueberzeugung, daß ich, wenn ich so aus meinem Kreise herausträte, ihnen unnütz werden und mich unglücklich machen würde.

Gequält, herumgeschleudert von Stürmen jeglicher Art, ermattet von Reisen und Verfolgungen seit mehreren Jahren, fühlte ich lebhaft das Bedürfnis nach Ruhe, die mir meine barbarischen Feinde mit Schadenfreude raubten. Mehr als je seufzte ich nach dieser erquickenden Muße, nach dieser süßen Ruhe Leibes wie der Seele, nach der mein ganzes Verlangen ging, und auf die mein von den Hirngespinsten der Liebe und der Freundschaft zurückgekommenes Herz seine höchste Seligkeit beschränkte. Nur mit Schrecken stellte ich mir die Arbeiten vor, die ich unternehmen, und das stürmisch erregte Leben, dem ich mich überlassen wollte, und wenn die Größe, die Schönheit und der gute Zweck des Gegenstandes meinen Muth belebten, benahm ihn mir wieder völlig die Unmöglichkeit, mit meiner Person erfolgreich einzutreten. Zwanzig Jahre tiefen Nachsinnens hätten mich weniger angegriffen als sechs Monate eines thätigen Lebens inmitten von Menschen und Geschäften und mit der Ueberzeugung, dabei keinen Erfolg zu erzielen.

Ich verfiel auf ein Auskunftsmittel, welches mir geeignet schien, alles mit einander in Uebereinstimmung zu bringen. Aus allen meinen Zufluchtsstätten durch die heimlichen Ränke meiner geheimen Verfolger verscheucht, und nur noch in Corsika das Land erblickend, in dem ich auf Ruhe für meine alten Tage rechnen konnte, die sie mir sonst nirgends gönnen wollten, war ich entschlossen, mich nach den Anweisungen des Herrn Buttafuoco dorthin zu begeben, sobald sich mir die Möglichkeit dazu zeigen würde; aber um dort ruhig zu leben, wenigstens dem Anscheine nach auf die Arbeit an der Verfassung zu verzichten und mich, um mich meinen Wirthen für ihre Gastlichkeit einigermaßen dankbar zu erweisen, darauf zu beschränken, an Ort und Stelle ihre Geschichte zu schreiben, wobei ich mir vorbehielt, ganz im Stillen die nöthigen Forschungen anzustellen, um ihnen nützlicher zu werden, wenn sich mir die Gelegenheit zu einer erfolgreichen Wirksamkeit darbieten würde. Indem ich also zunächst keine Verbindlichkeit übernahm, hoffte ich im Stande zu sein, im Stillen und in größerer Gemächlichkeit einen Plan auszusinnen, der ihnen gefallen könnte, und zwar ohne allzu sehr meiner lieben Einsamkeit zu entsagen, oder mich in eine Lebensweise zu fügen, die mir unerträglich war und zu der ich keine Anlage besaß.

Aber diese Reise war in meiner Lage keine leicht ausführbare Sache. Nach den Mittheilungen des Herrn Dastier über Corsika fand ich dort nicht die einfachsten Bequemlichkeiten des Lebens, wenn ich sie nicht mitbringen würde; Wäsche, Kleider, Geschirr, Küchengeräth, Papiere, Bücher, alles mußte man mit sich nehmen. Um mich mit Therese dort anzusiedeln, mußte ich die Alpen übersteigen und auf einer Fahrt von zweihundert Stunden einen ganzen Heereszug hinter mir herschleppen; ich mußte die Staaten mehrerer Souveraine durchkreuzen und bei dem in ganz Europa nach meinem Unglück gegen mich angeschlagenen Ton natürlich gewärtigen, überall Hindernisse zu finden und jedermann bereit zu sehen, es sich zur Ehre anzurechnen, wenn er mir irgend ein neues Weh bereitete und in mir alle Rechte der Völker und der Menschheit verletzte. Die grenzenlosen Kosten, die Beschwerden und Gefahren einer solchen Reise verlangten im voraus Berücksichtigung und ernstliche Erwägung aller Schwierigkeiten. Der Gedanke, mich schließlich allein, ohne Hilfsmittel in meinem Alter und fern von allen meinen Bekannten in der Gewalt dieses barbarischen und wilden Volkes, wie es Herr Dastier mir schilderte, finden zu können, war wohl geeignet, mich einen solchen Entschluß vor der Ausführung ernstlich überlegen zu lassen. Ich sehnte mich leidenschaftlich nach der Zusammenkunft, die mir Buttafuoco in Aussicht gestellt hatte, und wartete auf sie, um mich nach ihrem Ausfalle zu entscheiden.

Während ich noch so schwankte, ereigneten sich die Verfolgungen zu Motiers, die mich zum Rückzuge zwangen. Auf eine lange Reise war ich nicht vorbereitet und namentlich nicht auf die nach Corsika. Ich wartete auf Nachrichten von Buttafuoco und nahm meine Zuflucht nach der Insel Saint-Pierre, von der ich, wie gesagt, beim Beginn des Winters vertrieben wurde. Die mit Schnee bedeckten Alpen machten mir diese Auswanderung für den Augenblick unausführbar, besonders bei der mir befohlenen Schnelligkeit. Die Uebertriebenheit eines solchen Befehls machte seine Ausführung allerdings unmöglich; denn mitten in dieser von Wasser eingeschlossenen Einsamkeit, wo mir von Einhändigung des Befehls an nur vierundzwanzig Stunden blieben, um mich zur Abreise zu rüsten und Boote und Wagen zum Fortkommen von der Insel und aus dem ganzen Staatsgebiete zu finden, das hätte ich kaum bewerkstelligen können, selbst wenn ich Flügel gehabt hätte. Ich schrieb dies dem Herrn Landvogt zu Nidau in Beantwortung seines Briefes und beeilte mich aus diesem Lande der Ungerechtigkeit zu scheiden. Auf diese Weise mußte ich meinen Lieblingsplan aufgeben, und da ich es in meiner Entmuthigung nicht hatte durchsetzen können, daß man über mich verfügte, so entschloß ich mich auf die Einladung Mylord Marschalls hin zur Reise nach Berlin, während ich Therese den Winter über mit meinen Sachen und Büchern auf der Insel Saint-Pierre ließ und meine Papiere den Händen Du Peyrous anvertraute. Ich betrieb alles so eilig, daß ich schon am folgenden Morgen von der Insel abreiste und noch vor Mittag in Biel anlangte. Wenig hätte gefehlt, so hätte meine Reise durch einen Zwischenfall, den ich nicht übergehen darf, schon hier ihr Ende erreicht.

Sobald sich das Gerücht verbreitete, daß ich den Befehl erhalten hatte, mein Asyl zu verlassen, empfing ich einen Strom von Besuchen aus der Nachbarschaft und namentlich von Bernern, die mit der verabscheuungswürdigsten Falschheit kamen, um mir den Hof zu machen, mich zu besänftigen und mir zu betheuern, man hätte sich den Augenblick der Ferien und der Unvollständigkeit des Senats zu Nutze gemacht, um diesen Befehl durchzusetzen und mir zuzustellen, über den nach ihrer Behauptung die »Zweihundert« entrüstet wären. Unter dieser Schaar von Tröstern erschienen auch einige aus der Stadt Biel, einer kleinen, rings von Berner Gebiet umgebenen Freistadt, und unter andern ein junger Mann, Namens Wildremet, dessen Familie den höchsten Rang einnahm und den Haupteinfluß in dieser kleinen Stadt besaß. Wildremet beschwor mich lebhaft im Namen seiner Mitbürger, mein Asyl unter ihnen zu nehmen, indem er mir die Versicherung gab, daß sie mich eifrig aufzunehmen wünschten, daß sie es sich zur Ehre anrechnen und eine Pflicht daraus machen würden, mich in ihrer Mitte die Verfolgungen vergessen zu lassen, die ich erlitten; daß ich bei ihnen keinen Einfluß der Berner zu befürchten hätte, daß Biel eine freie Stadt wäre, die sich von niemandem Gesetze vorschreiben ließe, und daß alle Bürger einstimmig entschlossen wären, auf kein gegen mich gerichtetes Gesuch zu hören.

Als Wildremet sah, daß er mich nicht unschlüssig machte, ließ er sich von mehreren andren Personen unterstützen, sowohl aus Biel und Umgegend, wie auch aus Bern selbst und unter andern von dem nämlichen Kirchberger, der mich, wie bereits erwähnt, nach meinem Rückzuge in die Schweiz aufgesucht, und dem ich um seiner Talente und Grundsätze willen meine Theilnahme zugewandt hatte. Allein unerwarteter und deshalb mehr in das Gewicht fallend waren die freundlichen Aufforderungen des Herrn Barthès, eines französischen Gesandtschafts-Secretärs, der mich mit Wildremet besuchte, mir dringend zuredete, seiner Einladung nachzukommen, und mich durch den lebhaften und zärtlichen Antheil, den er an mir zu nehmen schien, in Erstaunen setzte. Ich kannte Herrn Barthès gar nicht; ich sah ihn jedoch in seine Worte die Wärme und den Eifer der Freundschaft legen und nahm wahr, daß es ihm wirklich am Herzen lag, mich zu der Uebersiedlung nach Biel zu überreden. Er sprach sich gegen mich in der belobigendsten Weise über diese Stadt und ihre Bewohner aus, mit denen er sich so innig verbunden zeigte, daß er sie in meiner Gegenwart mehrmals seine Patrone und Väter nannte.

Dieser Schritt des Herrn Barthès machte mich in allen meinen bisherigen Vermuthungen irre. Ich hatte stets Herrn von Choiseul als den verborgenen Urheber aller Verfolgungen, die ich in der Schweiz erduldet, in Verdacht gehabt. Das Benehmen des französischen Residenten in Genf und des Gesandten in Solothurn bestärkten diesen Verdacht nur allzu sehr; ich bemerkte Frankreich im Geheimen auf alles Einfluß ausüben, was mir in Bern, in Genf, in Neufchâtel widerfuhr, und ich glaubte in Frankreich keinen andren mächtigen Feind zu besitzen als den Herzog von Choiseul Es ist auffallend, daß Rousseau alle Verfolgungen, die er erduldet, lediglich dem Herzog von Choiseul zuschreibt, und daß er ihm nicht Voltaire beigesellt, dessen er in diesem ganzen Buche nicht einmal erwähnt. allein. Was konnte ich demnach von dem Besuche des Herrn Barthès und von dem zärtlichen Antheile denken, den er an meinem Loose zu nehmen schien? Mein Unglück hatte diese meinem Herzen angeborene Vertrauensseligkeit noch nicht zerstört, und die Erfahrung mich noch nicht gelehrt, unter den Liebkosungen überall Fallstricke zu sehen. Voll Erstaunen suchte ich nach dem Grunde dieses Wohlwollens des Herrn Barthès; ich war nicht thöricht genug zu glauben, daß er diesen Schritt aus eigenem Antriebe thäte; ich gewahrte darin eine Offenkundigkeit und sogar eine Absichtlichkeit, die eine geheime Absicht verrieth; und überdies hatte ich noch nie bei diesen untergeordneten Agenten jene edelmüthige Unerschrockenheit gefunden, die mir in einer ähnlichen Stellung oft mein Herz geschwellt hatte.

Bei Herrn von Luxembourg hatte ich einst den Chevalier von Beauteville ein wenig kennen gelernt; er hatte mir einiges Wohlwollen bewiesen; seit seiner Gesandtschaft hatte er mir auch noch Zeichen des Andenkens gegeben und mich sogar einladen lassen, ihn in Solothurn zu besuchen. Diese Einladung hatte mich, ohne daß ich ihr Folge leistete, doch gerührt, da ich von hohen Beamten eine so höfliche Behandlung nicht gewohnt war. Ich nahm deshalb an, daß Herr von Beauteville, wenn auch gezwungen, die ihm in Bezug auf die Genfer Angelegenheiten ertheilten Aufträge auszuführen, mich doch meines Unglücks halben bedauerte und mir durch seine persönliche Bemühung diese Zuflucht in Biel verschafft hätte, um dort unter seinem Schutze ruhig leben zu können. Ich war für diese Aufmerksamkeit dankbar, wenn ich sie auch nicht zu benutzen gedachte, und zur Reise nach Berlin fest entschlossen, sehnte ich mich leidenschaftlich nach dem Augenblicke, wo ich mit Mylord Marschall wiedervereinigt sein sollte, überzeugt, daß ich nur an seiner Seite eine wahre Ruhe und ein dauerhaftes Glück finden würde.

Bei meiner Abreise von der Insel begleitete mich Kirchberger bis nach Biel. Dort fand ich Wildremet und einige andere Bieler, die mich beim Aussteigen aus dem Boote erwarteten. Wir speisten im Wirthshause alle zusammen, und unmittelbar nach meiner Ankunft war es meine erste Sorge, einen Wagen zu bestellen, da ich am nächsten Morgen abreisen wollte. Während des Essens drangen die Herren von neuem mit Bitten in mich, um mich in ihrer Mitte zurückzuhalten, und zwar mit so großer Wärme und so rührenden Verheißungen, daß sich mein Herz, welches Zärtlichkeiten nie zu widerstehen vermochte, von den ihrigen trotz aller meiner Beschlüsse bewegen ließ. Sobald sie mich erschüttert sahen, verdoppelten sie ihre Bemühungen mit solchem Erfolge, daß ich mich endlich besiegen ließ und einwilligte, in Biel zu bleiben, wenigstens bis zum nächsten Frühlinge. Sofort beeilte sich Wildremet, mir eine Wohnung zu verschaffen, und rühmte mir als einen ganz besonders glücklichen Fund ein nach dem Hofe hinaus gelegenes häßliches Kämmerlein im dritten Stocke an, von dem aus ich mein Auge an dem Gerüste stinkender Häute eines Weißgerbers weiden konnte. Mein Wirth war ein kleiner Mann mit gemeinem Gesichte und ein vollkommener Schurke, der mir am folgenden Tage als Wüstling, Spieler und als eine in dem ganzen Stadtviertel übel berüchtigte Persönlichkeit geschildert wurde. Er hatte weder Weib noch Kinder noch Dienstleute, und in mein einsames Zimmer kläglich eingesperrt, war ich in der lachendsten Landschaft von der Welt so eingepfercht, daß ich in wenigen Tagen hätte vor Schwermuth sterben können. Was mich am meisten schmerzte, war, daß ich trotz allem, was man mir von dem freundlichen Entgegenkommen der Einwohner gesagt hatte, beim Durchschreiten der Straßen nichts von Höflichkeit gegen mich in ihrem Benehmen, von Zuvorkommenheit in ihren Blicken gewahrte. Trotzdem war ich fest entschlossen, da zu bleiben, als ich bereits den folgenden Tag hörte, sah und begriff, daß in der Stadt eine furchtbare Aufregung gegen mich herrschte. Mehre dienstfertige Leute kamen außerordentlich höflich, um mir mitzutheilen, schon am andern Tage würde man mir einen in härtester Form erlassenen Befehl zufertigen, auf der Stelle den Staat, das heißt die Stadt, zu verlassen. Ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Alle, die mich zurückgehalten, hatten sich zerstreut. Wildremet war verschwunden, von Barthès hörte ich nicht mehr reden, und es schien nicht, daß mir seine Empfehlung bei den Patronen und Vätern, die er sich in meiner Gegenwart beigelegt hatte, sehr vorteilhaft gewesen wäre. Ein Herr von Vau-Travers, ein Berner, der ein niedliches Haus vor der Stadt besaß, bot mir jedoch ein Asyl darin an, in der Hoffnung, wie er sagte, daß ich mich darin der Steinigung entziehen könnte. Diese Aussicht schien mir nicht verführerisch genug, um mich in Versuchung zu bringen, meinen Aufenthalt bei diesem gastfreundlichen Volke zu verlängern.

Da ich dadurch jedoch drei Tage verloren, so hatte ich die mir von den Bernern zur Räumung ihrer Staaten festgesetzten vierundzwanzig Stunden bedeutend überschritten, und da ich ihre Härte kannte, konnte ich mich nicht einiger Sorge über die Art entschlagen, wie sie mich hindurchlassen würden, als mich der Landvogt von Nidan rechtzeitig aus meiner Verlegenheit riß. Da er die Gewaltmaßregel ihrer Excellenzen laut gemißbilligt hatte, glaubte er mir in seinem Edelmuthe ein öffentliches Zeugnis schuldig zu sein, daß er daran keinen Antheil hätte, und nahm keinen Anstand, seinen Amtsbezirk zu verlassen, um mir in Biel einen Besuch abzustatten. Er kam den Tag vor meiner Abreise, und zwar nicht etwa incognito, sondern seinen Secretär neben sich in der Kutsche und in vollem Staate und brachte mir einen von ihm amtlich unterschriebenen Paß, um das Berner Gebiet, wo ich wollte, und ohne Furcht einer Belästigung durchreisen zu können. Der Besuch rührte mich mehr als der Paß. Ich würde ihm kaum weniger dankbar gewesen sein, wenn dieser Besuch einem andern als mir gegolten hätte. Ich kenne nichts, was einen so mächtigen Eindruck auf mein Herz ausübt, als eine Handlung des Heldenmuths im rechten Augenblicke zu Gunsten eines Schwachen gethan, der ungerechterweise unterdrückt wird.

Nachdem ich mir mit Mühe einen Wagen verschafft hatte, reiste ich endlich am folgenden Morgen aus diesem mörderischen Lande ab, noch vor der Ankunft der Abgeordneten, die man mir zu Ehren an mich absenden wollte, ja noch ehe ich Therese wiedersehen konnte, die ich in dem Glauben, in Biel zu bleiben, mir zu folgen aufgefordert hatte, und der ich kaum in einigen flüchtigen Worten, in denen ich ihr mein neues Unglück anzeigte, Gegenbefehl ertheilen konnte. Aus meinem dritten Theile wird man, wenn ich je die Kraft ihn zu schreiben habe, ersehen, wie ich in dem Wahne nach Berlin zu reisen, in Wahrheit nach England reiste, und wie die beiden Damen, die über mich verfügen wollten, nachdem sie mich aus der Schweiz, wo ich mich nicht genug in ihrer Gewalt befand, durch ihre Ränke vertrieben hatten, mich schließlich doch noch an ihren Freund auslieferten.

Bei der Vorlesung dieser Schrift, die ich vor dem Grafen und der Gräfin Egmont, dem Prinzen von Pignatelli, der Frau Marquise von Mesmes und dem Herrn Marquis von Juigné hielt, habe ich das Folgende hinzugefügt:

Ich habe die Wahrheit gesagt; wenn jemand etwas weiß, was dem so eben Erzählten widerspricht, und sollte er tausend Beweise dafür beibringen, so ist es Lüge und Betrug; und wenn er sich weigert, die Sache mit mir, so lange ich noch am Leben bin, zu untersuchen und aufzuklären, so liebt er weder die Gerechtigkeit noch die Wahrheit. Ich für meine Person erkläre laut und ohne Scheu: Wer, sogar ohne meine Werke gelesen zu haben, mit eigenen Augen meine Natur, meinen Charakter, meine Sitten, meine Neigungen, meine Vergnügungen, meine Gewohnheiten prüft und mich gleichwohl für einen unrechtlichen Menschen zu halten im Stande ist, der ist selber werth, ausgerottet zu werden.

So schloß ich meine Vorlesung, und jedermann schwieg; Frau von Egmont schien mir allein bewegt; sie zitterte sichtlich, faßte sich aber bald wieder und beobachtete wie die übrige Gesellschaft Schweigen. Das war die Frucht, die ich aus dieser Vorlesung und aus meiner Erklärung erntete.

 

Ende des zweiten Theils.

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