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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 20
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1764

Von ihrer anfänglichen Mutlosigkeit sich erholend, erließen die Angreifer eine Antwort und zeigten sich mit der Zeit ihrer Aufgabe ziemlich gewachsen. Alle aber warfen die Augen auf mich, wie auf den Einzigen, der gegen einen solchen Gegner, mit der Hoffnung ihn niederzuschmettern, in die Schranken treten könnte. Ich gestehe, daß ich eben so dachte; und von meinen früheren Mitbürgern gedrängt, die es mir zur Pflicht machten, ihnen in einer durch mich veranlaßten Bedrängnis mit meiner Feder Beistand zu leisten, unternahm ich die Widerlegung der »Lettres écrites de la Campagne« und parodirte den Titel, indem ich meine Schrift »Lettres écrites de la Montagne« nannte. Ich ging ans Werk und führte es so im Geheimen aus, daß ich bei einer Zusammenkunft, die ich in Thonon mit den Häuptern der angreifenden Partei hatte, um mit ihnen in ihren Angelegenheiten Rücksprache zu nehmen, und in der sie mir den flüchtigen Entwurf ihrer Erwiderung zeigten, ihnen nicht ein Wort von der meinigen, die bereits vollendet war, sagte, weil ich besorgte, der Druck könnte auf ein Hindernis stoßen, wenn den Behörden oder meinen Privatfeinden auch nur das Geringste davon zu Ohren käme. Trotzdem konnte ich es nicht verhindern, daß dieses Werk in Frankreich vor seinem Erscheinen bekannt wurde, aber man wollte es lieber erscheinen als mich zu deutlich merken lassen, wie man mein Geheimnis entdeckt hatte. Das Wenige, was ich darüber erfahren habe, werde ich sagen, über meine Vermuthungen jedoch schweigen.

In Motiers bekam ich fast eben so viele Besuche, wie ich auf der Eremitage und in Montmorency erhalten hatte, aber die meisten waren von einer sehr verschiedenen Art. Meine früheren Besucher, die mit mir in Talent, Neigung und Grundsätzen übereinstimmten, schützten diese als Grund ihres Kommens vor und zogen mich sofort in Gesprächsgegenstände hinein, über die ich mich mit ihnen unterhalten konnte. In Motiers verhielt es sich nicht mehr so, namentlich hinsichtlich der Franzosen. Es waren Officiere oder andere Leute, die kein Gefallen an der Literatur hatten, die sogar größtenteils nie meine Schriften gelesen und stets dreißig, vierzig, sechzig, hundert Meilen zurückgelegt haben wollten, um mich zu sehen und zu bewundern, mich, den ausgezeichneten Mann, den berühmten, den sehr berühmten Mann, den großen Mann. Denn seitdem hat man nicht aufgehört, mir die unverschämtesten Schmeicheleien in plumpester Weise ins Gesicht zu schleudern, vor denen mich bis dahin die Achtung derer, die mir nahten, bewahrt hatte. Da die meisten dieser Besucher nicht geruhten, mir ihren Namen oder ihren Stand anzugeben, da sie mit ihrem Wissen auf ganz anderen Gebieten zu Hause waren als ich und sie meine Werke weder gelesen noch durchblättert hatten, so wußte ich nicht, worüber ich mit ihnen reden sollte; ich wartete, bis sie selbst redeten, da es ja ihre Sache war, den Grund ihres Besuches zu kennen und mir zu sagen. Man sieht ein, daß mir dies keine sehr interessanten Unterhaltungen gewährte, obgleich sie es nach dem, was sie wissen wollten, für sie sein konnten; denn da ich ohne Mißtrauen war, drückte ich mich über alle Fragen, die sie mir vorzulegen für geeignet hielten, rückhaltlos aus und gewöhnlich kehrten sie heim, über alle Einzelheiten meiner Lage eben so klug wie ich.

Auf diese Weise lernte ich zum Beispiel Herrn von Feins, Stallmeister der Königin und Rittmeister im Regimente der Königin, kennen, der die Ausdauer hatte, mehrere Tage in Motiers zu verweilen und mich sogar zu Fuß, sein Pferd am Zügel führend, bis nach Ferrière zu begleiten, ohne einen andern Berührungspunkt mit mir zu haben als den, daß wir beide Fräulein Fel kannten und beide Bilboquet spielten. Vor und nach Herrn von Feins bekam ich einen andern, noch weit sonderbareren Besuch. Zwei Männer langen zu Fuß an, jeder ein mit seinem kleinen Gepäck beladenes Maulthier führend, quartieren sich im Gasthof ein, füttern ihre Maulthiere selbst und bitten, mich besuchen zu dürfen. Nach ihrem Aufzuge hielt man diese Maultiertreiber für Schmuggler, und sofort ging das Gerücht, daß Schmuggler erschienen, um mir Besuche abzustatten. Aber schon die bloße Art, wie sie sich mir vorstellten, verrieth mir, daß ich es mit Leuten anderer Art zu thun hatte; waren sie nun auch nicht Schmuggler, so konnten sie doch Abenteurer sein, und dieser Argwohn hielt mich eine Zeit lang auf der Hut; sie säumten nicht mich zu beruhigen. Der eine war Herr von Montauban, Graf De la Tour du Pin, ein Edelmann aus der Dauphiné; der andere war Herr Dastier aus Carpentras, ein alter Soldat, der sein Ludwigskreuz in die Tasche gesteckt hatte da er es nicht hinter dem Schwanze seines Maulthiers zur Schau tragen wollte. Diese Herren, beide sehr liebenswürdig, besaßen beide viel Geist; ihre Unterhaltung war angenehm und fesselnd; ihre Art zu reisen, die so sehr nach meinem und so wenig nach dem Geschmacke französischer Edelleute war, erfüllte mich mit einer gewissen Zuneigung für sie, die der Umgang mit ihnen nur befestigen konnte. Diese Bekanntschaft war damit auch nicht zu Ende, da sie noch jetzt währt und sie wiederholentlich zu mir zurückgekommen sind, allerdings nicht mehr zu Fuß, was für den ersten Besuch gut war; allein je öfter ich diese Herren gesehen habe, desto weniger Verwandtschaft habe ich zwischen ihren und meinen Neigungen gefunden, desto weniger Übereinstimmung zwischen ihren und meinen Grundsätzen herausgefühlt und desto mehr mich davon überzeugt, daß sie mit meinen Schriften nicht vertraut waren und keine wahre Sympathie zwischen ihnen und mir herrschte. Was wollten sie also bei mir? Weshalb besuchten sie mich in diesem Aufzuge? Weshalb weilten sie mehrere Tage? Weshalb kamen sie mehrmals wieder? Weshalb sehnten sie sich so sehr danach, mich als ihren Gast bei sich zu sehen? Damals kam es mir nicht in den Sinn, mir diese Fragen vorzulegen. Später habe ich es bisweilen gethan.

Von ihrem freundlichen Entgegenkommen gerührt, gab sich ihnen mein Herz widerstandslos hin, namentlich Herrn Dastier, dessen offeneres Wesen mir noch mehr gefiel. Ich blieb sogar mit ihm in Briefwechsel, und als ich die »Briefe vom Berge« drucken lassen wollte, dachte ich mich an ihn zu wenden, um die, welche erwarteten, ich würde mein Packet nach Holland senden, irre zu leiten. Er hatte mir, und vielleicht absichtlich, viel von der Freiheit der Presse in Avignon erzählt und mir seine Dienste für den Fall angeboten, daß ich dort etwas drucken lassen wollte. Ich benutzte dieses Anerbieten und schickte ihm meine ersten Hefte nach und nach durch die Post zu. Nachdem er sie ziemlich lange behalten hatte, schickte er sie mir mit der Erklärung zurück, daß kein Buchhändler die Herausgabe zu übernehmen gewagt hätte, und so war ich genöthigt, auf Rey zurückzukommen, wobei ich die Vorsicht anwandte, immer nur ein Heft nach dem andern abzusenden und jedes folgende erst nach der Anzeige von dem Empfange des vorhergehenden aus der Hand zu lassen. Vor der Veröffentlichung des Werkes erfuhr ich, daß es in den Bureaux der Minister gesehen worden war und Herr von Escherny aus Neuschâtel erzählte nur von einem Buche, der »Mann vom Berge«, das, wie ihm Holbach gesagt hatte, von mir sein sollte. Ich gab ihm die Versicherung, ich hätte, wie es ja auch richtig war, nie ein Buch geschrieben, welches diesen Titel führte. Als die Briefe erschienen, war er rasend, und zieh mich der Lüge, obgleich ich ihm nur die Wahrheit gesagt hatte. Ich erhielt dadurch jedoch die Gewißheit, daß mein Manuscript bekannt geworden war. Reys Treue sicher, mußte ich meinen Vermuthungen eine andere Richtung geben, und die, an der ich am liebsten festhielt, war, daß meine Packete auf der Post geöffnet waren.

Eine andere Bekanntschaft ungefähr aus der nämlichen Zeit, die ich anfangs nur durch brieflichen Verkehr machte, war die mit einem Herrn Laliand aus Nimes, der von Paris aus an mich schrieb, um mich um die Uebersendung meiner Silhouette zu bitten, die er nach seiner Versicherung für meine Marmorbüste bedurfte, welche er von Le Moine anfertigen ließe, um sie in seiner Bibliothek aufzustellen. War diese Schmeichelei dazu ersonnen, um mich für den Schreiber freundlich zu stimmen, so erreichte sie ihren Zweck vollständig. Ein Mann, der meine Marmorbüste in seiner Bibliothek haben wollte, mußte meines Bedünkens von meinen Werken, folglich auch von meinen Grundsätzen voll sein und mich als eine verwandte Seele lieben. Dieser Gedanke mußte mir selbstverständlich verführerisch erscheinen. Später habe ich Herrn Laliaud gesehen. Ich habe ihn sehr beflissen gefunden, mir viele kleine Dienste zu leisten und sich in meine kleinen Angelegenheiten zu mischen; aber was das Uebrige anlangt, so zweifle ich, daß eine meiner Schriften zu der kleinen Zahl von Büchern gehörte, die er in seinem Leben gelesen hat. Ich weiß nicht, ob er eine Bibliothek besitzt und ein solches Ding zu benutzen versteht; und was die Büste anlangt, so handelte es sich lediglich um einen schlechten, von Le Moine ausgeführten Versuch in Gyps, nach dem er ein scheußliches Porträt hat in Kupfer stechen lassen, das überall unter meinem Namen die Runde macht, als ob es irgend eine Aehnlichkeit mit mir hätte.

Der einzige Franzose, der mich aus Vorliebe für meine Gesinnungen und Werke zu besuchen schien, war ein junger Offizier vom Regiments Limousin, Namens Seguier von Saint-Brisson, den man durch ziemlich liebenswürdige Talente und durch etwas zur Schau getragene Schöngeisterei in Paris und in der Welt glänzen sah und vielleicht noch sieht. Er hatte mich den Winter vor Eintritt meines Unglücks in Montmorency besucht. Ich entdeckte an ihm eine Lebhaftigkeit der Empfindung, die mich angenehm berührte. Er schrieb später an mich nach Motiers, und sei es, daß er mir schmeicheln wollte, oder daß ihm der »Emil« wirklich den Kopf schwindeln machte, er zeigte mir an, daß er, um unabhängig zu leben, den Dienst verließe und die Tischlerei lernte. Er hatte noch einen älteren Bruder, einen Hauptmann in demselben Regimente, der der Augapfel der Mutter war. Eine überspannte Frömmlerin und völlig unter der Leitung ich weiß nicht welches Tartuffes von Abbé stehend, behandelte sie den jüngeren Sohn sehr schlecht, den sie des Unglaubens und sogar des unverzeihlichen Verbrechens bezichtigte, mit mir in freundschaftlichem Verkehre zu stehen. Das waren die Klaggründe, um deren willen er mit seiner Mutter brechen wollte und den erwähnten Entschluß gefaßt hatte; es war ihm nur darum zu thun, den kleinen »Emil« zu spielen.

Ueber diese Unbesonnenheit bestürzt, beeilte ich mich, an ihn zu schreiben, um ihn zur Aenderung seines Entschlusses zu bewegen, und ich legte in meine Mahnungen alle Kraft, die ich aufzubieten vermochte; er hörte auf sie, kehrte zu seiner Pflicht gegen seine Mutter zurück und nahm aus den Händen seines Obristen das eingereichte Entlassungsschreiben zurück, von dem derselbe klüglicherweise noch keinen Gebrauch gemacht hatte, um ihm zu reiflicher Ueberlegung Zeit zu lassen. Von seiner Thorheit zurückgekommen, beging Saint-Brisson eine weniger anstößige, die mir aber eben so wenig gefiel: er fing an zu schriftstellern. Er gab hinter einander zwei oder drei Flugschriften heraus, welche verriethen, daß ihr Verfasser nicht ohne Talent war, hinsichtlich derer ich mir aber nicht den Vorwurf zuziehen werde, ihm Lobsprüche ertheilt zu haben, die ihn zur Fortsetzung dieser Laufbahn hätten ermuthigen können.

Ewige Zeit darauf besuchte er mich, und wir pilgerten zusammen nach der Insel Saint-Pierre. Auf dieser Reise fand ich ihn verschieden von dem, wie er mir in Montmorency erschienen war. Er hatte etwas eigenthümlich Geziertes, das mich anfangs nicht sehr unangenehm berührte, dessen ich jedoch seitdem oft gedacht habe. Er besuchte mich dann noch einmal auf meiner Durchreise durch Paris nach England im Hôtel Saint-Simon. Da erfuhr ich, was er mir nicht gesagt hatte, daß er sich in den höheren Gesellschaftskreisen bewegte und Frau von Luxembourg ziemlich häufig sähe. In Trye gab er mir kein Lebenszeichen und ließ mir durch seine Verwandte, Fräulein Séguier, die meine Nachbarin war und nie sehr wohlgesinnt gegen mich zu sein schien, nichts sagen. Mit einem Worte, die Schwärmerei des Herrn von Brisson hörte wie der freundschaftliche Verkehr mit Herrn von Feins mit einem Male auf; allein während dieser keine Verpflichtung gegen mich hatte, mußte er sich mir verpflichtet fühlen, falls die Dummheiten, von deren Begehung ich ihn zurückgehalten hatte, von seiner Seite nicht ein Spiel gewesen waren, was im Grunde sehr wohl hätte sein können.

Eben so viele und wohl noch mehr Besuche hatte ich auch aus Genf. Die Delucs, Vater wie Sohn, wählten mich nach einander zu ihrem Krankenwärter: der Vater wurde unterwegs krank, und der Sohn war es schon bei seiner Abreise von Genf; beide richteten sich häuslich bei mir ein. Prediger, Verwandte, Frömmler, Personen allerlei Gattung kamen aus Genf und der Schweiz, nicht wie die Besucher aus Frankreich, um mich zu bewundern und zu verspotten, sondern um mich auszuschelten und mir etwas vorzupredigen. Der Einzige, über den ich mich freute, war Moultou, der drei oder vier Tage bei mir zubrachte und den ich gern noch länger bei mir behalten hätte. Der Beharrlichste von allen, derjenige, der am meisten Ausdauer besaß und mich durch seine Aufdringlichkeit geradezu beherrschte, war ein Herr von Ivernois, ein Großhändler in Genf und französischer Refugié und zugleich ein Verwandter des Generalprocurators von Neufchâtel. Dieser Herr von Ivernois aus Genf hielt sich jährlich zweimal in Motiers auf, lediglich um mich zu besuchen, blieb dann mehrere Tage hintereinander vom Morgen bis zum Abend bei mir, begleitete mich auf meinen Spaziergängen, brachte mir tausenderlei kleine Geschenke mit, schlich sich trotz meines Widerstrebens in mein Vertrauen ein und mischte sich in alle meine Angelegenheiten, ohne daß zwischen ihm und mir irgend eine Uebereinstimmung der Ideen, der Neigungen, der Gefühle oder der Kenntnisse stattgefunden hätte. Ich zweifle, daß er in seinem ganzen Leben je ein Buch irgend einer Gattung völlig bis zu Ende gelesen hat und auch nur weiß, wovon die meinigen handeln. Als ich mich auf die Kräuterkunde zu verlegen begann, begleitete er mich auf meinen botanischen Ausflügen, ohne Lust an diesem Zeitvertreibe, ohne daß er mir oder ich ihm etwas zu sagen gehabt hätte. Er besaß sogar den Muth, drei volle Tage mit mir ganz allein in einem Wirthshause in Goumoins zuzubringen, aus dem ich ihn durch Langeweile zu vertreiben oder wo ich ihm wenigstens verständlich zu machen gehofft hatte, wie sehr er mich langweilte, und das alles, ohne daß es mir möglich gewesen ist, seine unglaubliche Ausdauer zu besiegen oder ihren Grund zu durchschauen.

Unter all diesen Bekanntschaften, die ich nur gezwungenerweise anknüpfte und unterhielt, darf ich die einzige nicht unerwähnt lassen, die mir angenehm war und mein wirkliches Herzensinteresse in Anspruch nahm, nämlich die eines jungen Ungarn, der sich in Neufchâtel angesiedelt hatte und von dort nach Motiers verzogen war, einige Monate nachdem ich meinen Wohnsitz daselbst aufgeschlagen hatte. Man nannte ihn in der Gegend den Baron von Sauttern, unter welchem Namen er von Zürich aus empfohlen worden war. Er war groß und von schönem Wuchse, hatte ein angenehmes Aeußere und war im geselligen Verkehre anziehend und sanft. Er erzählte aller Welt und gab es mir selbst zu verstehen, daß er nur um meinetwillen nach Neufchâtel gekommen wäre, um durch den Umgang mit mir seine Jugend zur Tugend zu bilden. Sein Gesicht, sein Ton, sein Benehmen schienen mir mit seinen Reden in Einklang, und ich würde geglaubt haben, gegen eine der größten Pflichten zu verstoßen, hätte ich mich eines jungen Mannes nicht angenommen, an dem ich nur Liebenswürdiges wahrnahm, und der mich aus einem so achtungswerthen Grunde aufsuchte. Mein Herz versteht nicht sich nur halb hinzugeben. Binnen kurzem besaß er meine ganze Freundschaft, mein ganzes Vertrauen; wir wurden unzertrennlich. Er war mein Begleiter auf allen meinen Wanderungen und gewann Lust an ihnen. Ich nahm ihn zu Mylord Marschall mit, der ihm tausend Freundlichkeiten erwies. Da er sich noch nicht im Französischen auszudrücken vermochte, so bediente er sich mir gegenüber im mündlichen wie im schriftlichen Verkehre der lateinischen Sprache; ich antwortete ihm französisch, und diese Vermischung der beiden Sprachen machte unsere Unterhaltungen in keinerlei Weise weniger fließend und lebhaft. Er sprach mit mir von seiner Familie, von seinen Geschäften, von seinen Abenteuern, von dem Wiener Hofe, dessen innerste Angelegenheiten er genau zu kennen schien. Kurz, fast zwei Jahre lang, die wir mit einander in innigster Vertrautheit verlebten, fand ich an ihm eine über alle Probe erhabene Sanftheit des Charakters, ein nicht nur ehrenwerthes, sondern auch feines Benehmen, eine ungemeine Sauberkeit an seiner ganzen Person, eine außerordentliche Ehrbarkeit in allen seinen Aeußerungen, kurz lauter Merkmale eines Mannes von vornehmer Geburt, die ihn mir zu schätzenswerth machten, um ihn mir nicht theuer zu machen.

Mitten in meinem freundschaftlichen Verkehre mit ihm schrieb mir Herr von Ivernois aus Genf, ich sollte vor dem jungen Ungarn, der sich in meiner Nähe niedergelassen hätte, auf der Hut sein; man hätte ihm die Versicherung gegeben, daß er ein Spion wäre, den das französische Ministerium zu meiner Überwachung unterhielte. Diese Warnung konnte um so beunruhigender erscheinen, als mich in der hiesigen Gegend alle Welt warnte, mich zu hüten, da man mir auflauerte und mich auf französisches Gebiet hinüberzulocken suchte, um mir dort übel mitzuspielen.

Um diesen albernen Warnern ein für alle Mal den Mund zu schließen, schlug ich Sauttern, ohne ihn etwas merken zu lassen, eine Wanderung nach Pontarlier vor; er willigte ein. Als wir in Pontarlier angekommen waren, gab ich ihm Ivernois' Brief zu lesen, und ihn darauf leidenschaftlich umarmend, sagte ich zu ihm: »Sie bedürfen nicht, Sauttern, daß ich Ihnen erst mein Vertrauen beweise, aber das Publikum hat den Beweis nöthig, daß ich es nur der rechten Person zu schenken weiß.« Diese Umarmung war sehr süß; es war eine jener Seelenfreuden, deren die Verfolger unfähig sind, und die sie den Unterdrückten nimmer rauben können.

Ich werde nie glauben, daß Sauttern ein Spion war oder mich verrathen hat; aber er hat mich hintergangen. Während ich ihm mein Herz rückhaltlos ausschüttete, hatte er den Muth, mir beharrlich das seine zu verschließen und mich durch Lügen zu täuschen. Um mich zu betrügen, ersann er, ich weiß nicht was für eine Geschichte, die mich zu dem Wahne brachte, daß seine Gegenwart in seiner Heimat nöthig wäre. Ich forderte ihn auf, augenblicklich abzureisen; er brach auf, und als ich ihn bereits in Ungarn glaubte, erfuhr ich, daß er in Straßburg war. Es war nicht das erste Mal, daß er dort gewesen. Er hatte daselbst eine junge Ehe gestört. Der Gatte, welcher wußte, daß ich mit ihm verkehrte, hatte an mich geschrieben. Ich hatte nichts unterlassen, um die junge Frau zur Tugend und Sauttern zu seiner Pflicht zurückzubringen. Während ich sie vollkommen von einander getrennt wähnte, hatten sie sich wieder genähert, und der Gatte selbst hatte die Gefälligkeit, den jungen Mann wieder in sein Haus aufzunehmen; von da an hatte ich nichts mehr zu sagen. Ich vernahm, daß mir der vermeintliche Baron ein ganzes Lügengewebe weis gemacht hatte. Er hieß nicht Sauttern, sondern Sauttersheim. Was seinen Barontitel anlangt, den man ihm in der Schweiz beilegte, so konnte ich ihm denselben nicht zum Vorwurf machen, weil er ihn nie angenommen hatte; allein ich zweifle nicht, daß er wirklich ein Edelmann war, und Lord Marschall, der sich auf Menschen verstand, und in seiner Heimat gewesen war, hat ihn stets als einen solchen angesehen und behandelt.

Sobald er abgereist war, erklärte sich die Magd des Wirthshauses, in dem er zu Motiers speiste, für schwanger von ihm. Sie war eine so häßliche alte Vettel und Sauttern, überall in der ganzen Gegend wegen seines Benehmens und sittlichen Verhaltens geachtet und geschätzt, war auf seine Anständigkeit so stolz, daß diese schamlose Aufführung jedermann Aergernis gab. Die liebenswürdigsten Damen im Orte, die vergeblich alle ihre Reize gegen ihn aufgeboten hatten, waren wüthend; ich war vor Unwillen außer mir. Ich gab mir alle Mühe, diese freche Dirne verhaften zu lassen, indem ich mich erbot, alle Kosten zu zahlen und für Sauttersheim zu bürgen. Ich schrieb an ihn in der festen Ueberzeugung, daß diese Schwangerschaft nicht allein nicht von ihm herrührte, sondern überhaupt nur erdichtet und alles lediglich ein von seinen und meinen Feinden angestiftetes Spiel wäre. Ich verlangte, er sollte nach Motiers zurückkehren, um das ehrlose Weibsbild und die, welche sie zum Reden veranlaßt hatten, zu Schande zu machen. Ich war über die Unentschiedenheit seiner Antwort überrascht. Er schrieb an den Geistlichen, zu dessen Pfarrei die Dirne gehörte, und brachte die Geschichte zum Schweigen. Als ich dies wahrnahm, hörte ich auf, mich hineinzumischen, sehr erstaunt, daß sich ein solcher Wüstling dergestalt hatte beherrschen können, um mir bei aller Vertraulichkeit durch sein zurückhaltendes Benehmen Achtung einzuflößen.

Von Straßburg begab sich Sauttersheim nach Paris, um dort sein Glück zu suchen, und fand daselbst nur Elend. Er schrieb an mich und bekannte mir seine Schuld. Bei dem Andenken an unsere frühere Freundschaft wurde mein Herz von Rührung ergriffen; ich schickte ihm etwas Geld. Im folgenden Jahre sah ich ihn bei meiner Durchreise durch Paris fast in dem nämlichen Zustande wieder, aber mit Herrn Laliand sehr befreundet, ohne daß ich in Erfahrung bringen konnte, woher diese Bekanntschaft rührte, und ob sie alt oder neu war. Zwei Jahre später kehrte Sauttersheim nach Straßburg zurück, von wo aus er an mich schrieb und wo er gestorben ist. Das ist in kurzen Umrissen die Geschichte unserer Verbindung und alles dessen, was ich von seinen Abenteuern weiß; aber wenn ich auch das Schicksal dieses unglücklichen jungen Mannes bedaure, werde ich doch nie aufhören zu glauben, daß er von vornehmer Geburt und alles Tadelhafte in seiner Aufführung die Folge der Lage war, in der er sich befand.

Dies waren die neuen Verbindungen und Bekanntschaften, die ich in Motiers anknüpfte. Wie vieler hätte es doch bedurft, um die schmerzlichen Verluste zu ersetzen, die ich in derselben Zeit erlitt!

Der erste war der des Herrn von Luxembourg, der, nachdem er lange von den Aerzten gequält worden war, endlich ihr Opfer wurde, da sie die Gicht, die sie nicht erkannten, wie ein heilbares Leiden behandelten.

Darf man dem Berichte, den mir La Roche, der Vertrauensmann der Frau Marschall darüber schrieb, Glauben schenken, so hat man nach diesem eben so traurigen wie bemerkenswerthen Beispiele alle Ursache, die Beschwerden der Größe zu bedauern.

Der Verlust dieses hohen und guten Würdenträgers war mir um so schmerzlicher, als er der einzige wahre Freund war, den ich in Frankreich hatte; die Sanftmuth seines Charakters war der Art, daß sie mich seinen Rang völlig hatte vergessen lassen, um mich an ihn wie an meines Gleichen anzuschließen. Unsere Verbindung hörte in Folge meiner Entfernung nicht auf, und er fuhr fort, wie sonst an mich zu schreiben. Gleichwohl glaubte ich zu bemerken, daß die Trennung oder mein Unglück seine Liebe erkaltet habe. Für einen Hofmann ist es sehr schwer, die Anhänglichkeit an einen in Ungnade Gefallenen in gleicher Stärke zu bewahren. Ueberdies ist mir meines Erachtens der große Einfluß, welchen Frau von Luxembourg auf ihn hatte, nicht günstig gewesen; gewiß hatte sie meine Entfernung benutzt, um mir bei ihm zu schaden. Was sie angeht, so verhehlte sie trotz einiger erheuchelten und immer seltener werdenden Freundschaftsversicherungen die Veränderung ihrer Gesinnung gegen mich von Tage zu Tage weniger. Vier- oder fünfmal schrieb sie von Zeit zu Zeit an mich, so lange ich in der Schweiz war und nachher nie mehr. Es bedurfte all der Voreingenommenheit, all des Vertrauens, all der Blindheit, worin ich noch immer verharrte, um ihr nicht mehr als blose Erhaltung gegen mich anzumerken.

Der Buchhändler Guy, Duchesnes Geschäftstheilnehmer, der das Hotel Luxembourg, durch mich eingeführt, fleißig besuchte, schrieb mir, daß der Marschall meiner in seinem Testamente gedacht hätte. Es war dies etwas ganz Natürliches und ganz Glaubhaftes, und ich zweifelte deshalb nicht daran. Das veranlaßte mich zur Ueberlegung, wie ich mich in Bezug auf dieses Vermächtnis verhalten sollte. Alles wohl erwogen, entschloß ich mich zur Annahme desselben, worin es auch bestehen möchte, und einem Ehrenmanne, der in einem Range, in den die Freundschaft nicht leicht hineindringt, doch eine wahre für mich gehabt hatte, diese Ehre zu erzeigen. Dieser Pflicht bin ich jedoch überhoben worden, da ich von diesem wirklichen oder nur fälschlich angenommenen Legate nichts mehr gehört habe; und in der That würde es mir peinlich gewesen sein, gegen einen der großen Grundsätze meiner Moral dadurch zu verstoßen, daß ich aus dem Tode jemandes, der mir theuer gewesen war, Nutzen zog. Während der letzten Krankheit unseres Freundes Mussard schlug mir Lenieps vor, die Dankbarkeit, die er für unsere Pflege an den Tag legte, zu benutzen, um ihn zu einigen Vermächtnissen zu unseren Gunsten zu vermögen. »Ach, theurer Lenieps,« sagte ich zu ihm, »beschmutzen wir nicht die traurigen, aber geheiligten Pflichten, die wir gegen unseren sterbenden Freund üben, durch eigennützige Gedanken. Ich hoffe nie in dem Testamente irgend einer Person genannt zu werden, wenigstens nie in dem Testamente eines meiner Freunde.« Dies trug sich ungefähr um dieselbe Zeit zu, in der Mylord Marschall von dem seinigen und von dem erzählte, was er darin für mich zu thun beabsichtigte, und ich ihm die Antwort gab, deren ich in dem ersten Theile erwähnt habe.

Mein zweiter Verlust, der noch empfindlicher und entsetzlicher war, betraf die beste der Frauen und Mütter, die, schon von Jahren und noch mehr von Gebrechen und Elend beschwert, dieses Thränenthal verließ, um in die Wohnung der Seligen überzugehen, wo die freundliche Erinnerung an das Gute, das man hienieden gethan hat, seinen ewigen Lohn bildet. Geh, sanfte und wohlthätige Seele, zu den Fénelon, den Berner, den Catinat, und zu denen, die in einem niedrigeren Stande wie diese ihre Herzen der wahren Liebe geöffnet haben! Geh, den Lohn der deinigen zu genießen, und bereite deinem Zöglinge den Platz, den er eines Tages an deiner Seite einzunehmen hofft, glücklich in deinem Mißgeschick, daß dir der Himmel durch Beendigung des deinigen den schmerzlichen Anblick des seinigen erspart habe. In der Befürchtung, ihr Herz durch die Erzählung meiner ersten Unglücksfälle zu bekümmern, hatte ich seit meiner Ankunft in der Schweiz nicht an sie geschrieben; allein ich schrieb an Herrn Conzié, um mich nach ihr zu erkundigen, und er war es, der mir die Mittheilung machte, daß sie aufgehört hätte, die Leidenden zu trösten und selbst zu leiden. Bald werde auch ich aufhören zu leiden, aber wenn ich glaubte, sie in dem andern Leben nicht wiederzusehen, so würde sich meine schwache Einbildungskraft gegen den Gedanken an ein vollkommenes Glück, das ich mir dort verspreche, auflehnen.

Mein dritter und letzter Verlust, denn seitdem sind mir keine Freunde zum Verlieren mehr geblieben, war der Mylord Marschalls. Er starb nicht, aber müde, Undankbaren zu dienen, verließ er Neufchâtel, und seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen. Er lebt und wird mich, wie ich hoffe, überleben; er lebt und Dank ihm, sind nicht alle meine Liebesbande auf Erden zerrissen; es bleibt auf ihr noch ein meiner Freundschaft würdiger Mann zurück, denn ihr wahrer Werth liegt ja weit mehr in der Freundschaft, die man fühlt, als in der, welche man einflößt; aber ich habe die Annehmlichkeiten verloren, die mir die seinige so reichlich gewährte, und ich kann ihn nur in die Reihe derer stellen, die ich noch immer liebe, mit denen ich aber nicht mehr in Verbindung stehe. Er ging, nachdem er begnadigt war, nach England zurück, um seine ehedem eingezogenen Güter zurückzukaufen. Wir schieden von einander nicht ohne Pläne einer späteren Wiedervereinigung, die ihm fast eben so angenehm zu sein schienen wie mir. Er wollte seinen Wohnsitz in dem Schlosse Keith-Hall bei Aberdeen aufschlagen, und ich sollte ihm dorthin folgen; aber dieser Plan war für mich zu bezaubernd, als daß ich auf seine Verwirklichung hätte rechnen können. Er blieb nicht in Schottland. Die zärtlichen Bitten des Königs von Preußen riefen ihn nach Berlin zurück, und man wird bald sehen, wie ich verhindert wurde, dort mit ihm wieder zusammenzutreffen.

Da er den Sturm, den man gegen mich zu erregen begann, voraussah, sandte er mir vor seiner Abreise aus eigenem Antriebe einen Naturalisationsschein, der eine sehr sichere Vorsichtsmaßregel gegen den Versuch, mich des Landes zu verweisen, zu sein schien. Die Gemeinde Couvet, im Val de Travers folgte dem vom Gouverneur gegebenen Beispiele und gab mir den Heimatsschein unentgeltlich, wie mir ersterer bewilligt war. Auf diese Weise in jeder Hinsicht Bürger des Landes geworden, war ich gegen jede gesetzliche Ausweisung, selbst von Seiten des Fürsten, geschützt; aber freilich hat man den unter allen Menschen, der die Gesetze stets am gewissenhaftesten geachtet hat, auf gesetzlichen Wegen nie verfolgen können.

Unter die Zahl der Verluste, welche ich um die gleiche Zeit erlitt, glaube ich den des Abbé von Mably nicht rechnen zu dürfen. Als ich bei seinem Bruder wohnte, hatte ich in einiger, wenn auch nicht sehr vertrauter, Verbindung mit ihm gestanden, und ich habe Grund zur Annahme, daß seine Gefühle für mich ihre Natur verändert hatten, seitdem ich eine größere Berühmtheit erlangt als er. Aber bei dem Erscheinen der »Briefe vom Berge« erhielt ich das erste Zeichen seiner Abneigung gegen mich. Man zeigte in Genf einen ihm zugeschriebenen Brief an Frau Saladin umher, in welchem er dieses Werk als das aufrührerische Geschrei eines zügellosen Demagogen bezeichnete. Die Achtung, die ich für den Abbé von Mably hegte, und das Gewicht, das ich auf seine Einsicht legte, gestatteten mir nicht einen Augenblick zu glauben, dieser ungereimte Brief könnte von ihm sein. Ich entschloß mich deshalb zu einem Schritte, den mir meine Freimütigkeit eingab; ich sandte ihm eine Abschrift des Briefes mit der Mitteilung, daß man ihn ihm zuschriebe. Er gab mir keine Antwort. Dieses Schweigen setzte mich in Staunen; aber man denke sich meine Ueberraschung, als mir Frau von Chenonceaux schrieb, der Brief wäre wirklich von dem Abbé, und der meinige hätte ihn sehr in Verlegenheit gesetzt. Denn wie konnte er, hätte er auch Recht gehabt, einen Aufsehen erregenden und öffentlichen Schritt entschuldigen, den er ohne Grund, ohne Verpflichtung, ohne Nothwendigkeit bloß zu dem Zwecke gethan hatte, einen Mann, dem er stets Wohlwollen erzeigt und der sein Vertrauen nie gemißbraucht, inmitten seines Unglücks niederzuschmettern? Einige Zeit später erschienen die »Gespräche des Phocion«, in denen ich nichts als eine unerlaubte und schamlose Compilation aus meinen Schriften erblickte. Bei der Lectüre dieses Buches erkannte ich, daß der Verfasser gegen mich feste Stellung genommen hatte und ich von nun an keinen unnachsichtigeren Feind haben würde. Ich glaube, daß er mir den » Contrat social«, der seine Kräfte zu sehr überstieg, und den »Ewigen Frieden« nie verziehen hat und er einen Auszug aus den Schriften des Abbé von Saint-Pierre von mir nur zu wünschen schien, weil er vermuthete, ich würde dieser Aufgabe nicht gewachsen sein.

Je mehr ich in meiner Erzählung vorschreite, desto weniger vermag ich Ordnung und Reihenfolge innezuhalten. Die Unruhe meiner übrigen Lebenszeit hat den Ereignissen nicht Zeit gelassen, sich in meinem Kopfe zu ordnen. Sie sind zu zahlreich, zu sehr mit einander verwebt, zu unangenehm gewesen, um ohne Verwirrung erzählt werden zu können. Der einzige starke Eindruck, den sie in mir zurückgelassen haben, ist der von einem entsetzlichen Geheimnisse, das ihre Ursache verschleiert, und von dem bedauerlichen Zustande, in den sie mich versetzt haben. Meine Erzählung kann nur noch auf gut Glück und je nach den in mir auftauchenden Erinnerungen vorwärts schreiten. Ich entsinne mich, daß ich mich in der Zeit, von der ich rede, lebhaft mit dem Gedanken an meine Bekenntnisse trug und von ihnen sehr unvorsichtiger Weise mit aller Welt sprach, da ich nicht einmal daran dachte, daß jemand ein Interesse oder den Willen oder die Macht hätte, dieses Unternehmen zu verhindern; und hätte ich es geglaubt, so würde ich bei der völligen Unmöglichkeit, in der ich mich nach meiner Natur befinde, meine Gefühle und Gedanken zu verhehlen, schwerlich verschwiegener gewesen sein. Das Bekanntwerden dieses Unternehmens war, so weit ich darüber zu urtheilen im Stande bin, die wahre Veranlassung des Sturmes, den man erregte, um mich aus der Schweiz zu vertreiben und mich Händen zu überliefern, die die Ausführung verhindern sollten.

Ich beschäftigte mich noch mit einem andern Unternehmen, das die, welche das erstere fürchteten, nicht mit günstigeren Augen anblicken konnten, nämlich mit einer Gesammtausgabe meiner Schriften. Diese Ausgabe schien mir nöthig, um unter den Werken, die meinen Namen führten, diejenigen festzustellen, die wirklich von mir waren, und das Publikum in den Stand zu setzen, sie von den pseudonymen Schriften zu unterscheiden, die meine Feinde für die meinigen ausgaben, um mich um die Achtung zu bringen und zu demüthigen. Außerdem war diese Ausgabe ein einfaches und anständiges Mittel, mir mein Brot zu sichern, und noch dazu das einzige, da ich der Schriftstellerei entsagt hatte, meine Denkwürdigkeiten bei meinen Lebzeiten nicht erscheinen konnten, ich auf andere Weise keinen Heller verdiente, während ich beständige Ausgaben hatte, und ich mich folglich am Ende meiner Hilfsmittel sah, sobald die Erträge meiner letzten Schriften verbraucht waren. Dieser Grund hatte mich gedrängt, mein »Musikalisches Wörterbuch« hinzugeben, obgleich es noch nicht die letzte Feile erhalten hatte. Es hatte mir hundert Louisd'or baar und eine Leibrente von hundert Thalern eingebracht; aber das Ende von hundert Louisd'or ließ sich leicht berechnen, wenn man jährlich sechzig verausgabte, und hundert Thaler Leibrente waren nichts für einen Mann, den allerlei Gesindel und Bettler schaarenweise umdrängten.

Zu der Veranstaltung der Gesammtausgabe meiner Werke erbot sich eine Gesellschaft Neufchâteler Kaufleute, und ein Lyoner Buchdrucker oder Buchhändler, Namens Reguillat, hatte sich, ich weiß nicht wie, in ihre Mitte eingedrängt, um das Unternehmen zu leiten. Der Vertrag wurde unter so vernünftigen und befriedigenden Bedingungen abgeschlossen, daß ich meinen Zweck vollkommen erreichte. Ich hatte sowohl an gedruckten Werken wie an noch ungedruckten Arbeiten hinreichenden Stoff für sechs Quartbände und verpflichtete mich überdies zur Ueberwachung der Ausgabe; dafür mußten sie mir eine Leibrente von sechszehnhundert französischen Livres aussetzen und ein einmaliges Geschenk von tausend Thalern machen.

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