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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 18
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
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Zwölftes Buch.

1762

Hier beginnt das Werk der Finsternis, in die ich mich seit acht Jahren versenkt fühle, ohne daß es mir aller Anstrengungen ungeachtet möglich gewesen wäre, ihr schreckliches Dunkel zu durchdringen. In dem Abgrund von Elend, der mich verschlungen hat, fühle ich die Schläge, die wider mich geführt werden, gewahre ich das unmittelbare Werkzeug derselben, vermag aber weder die Hand, welche sie leitet, noch die Mittel zu erkennen, welche sie aufbietet. Schmach und Leiden fallen wie von selbst, und ohne daß man es sieht, über mich her. Wenn meinem zerrissenen Herzen Seufzer entschlüpfen, habe ich den Anschein eines Menschen, der grundlos klagt, und die Urheber meines Untergangs haben die unbegreifliche Kunst entdeckt, das Publikum zum Mitschuldigen ihrer Verschwörung zu machen, ohne daß dasselbe es nur ahnt und die Wirkung davon merkt. Indem ich also die sich auf mich beziehenden Ereignisse, die mir zugefügte Behandlung und alles, was mir widerfahren ist, erzähle, bin ich außer Stande, bis auf die bewegende Hand zurückzugehen und bei der Mittheilung der Thatsachen auch die Ursachen anzugeben. Diese ersten Ursachen sind sämmtlich in den drei vorhergehenden Büchern angeführt; alle mich persönlich berührenden Interessen, alle geheimen Beweggründe sind darin auseinandergesetzt. Aber nachzuweisen, wie alle diese verschiedenen Ursachen ineinandergreifen, um meine merkwürdigen Lebensschicksale hervorzurufen, das vermag ich nicht zu erklären, ja nicht einmal zu vermuthen. Sollten sich unter meinen Lesern so edelmüthige finden, daß sie sich gedrungen fühlen, diese Geheimnisse zu ergründen und die Wahrheit zu enthüllen, so mögen sie aufmerksam die drei vorhergehenden Bücher noch einmal lesen, sodann über jede Thatsache, die sie der Reihe nach lesen werden, die ihnen zugänglichen Erkundigungen einziehen, endlich von einem Kunstgriff und von einem Helfershelfer zum andern bis zu den ersten Urhebern von allem zurückgehen, und ich weiß sicher, bei welchem Ziele ihre Nachforschungen anlangen werden; ich jedoch verliere mich auf dem dunklen und krummen Schleichwege, auf dem sie es erreichen werden. Während meines Aufenthalts zu Yverdun lernte ich Roguins ganze Familie kennen, unter andern seine Nichte Frau Boy de la Tour und ihre Töchter, mit deren Vater ich, wie ich gesagt zu haben glaube, einst in Lyon Bekanntschaft gemacht hatte. Sie war nach Yverdun gekommen, um ihren Onkel und ihre Schwestern zu besuchen. Ihre älteste Tochter, die ungefähr fünfzehn Jahre alt war, bezauberte mich durch ihren gesunden Verstand und vortrefflichen Charakter. Ich schloß mich der Mutter und der Tochter mit der zärtlichsten Freundschaft an. Letztere war von Herrn Roguin seinem Neffen, einem Obrist, bestimmt, der schon in einem gewissen Alter stand und mir gleichfalls die größte Freundschaft an den Tag legte; aber obgleich der Onkel sehr eingenommen für diese Heirath war, der Neffe sie ebenfalls sehr wünschte und ich die Erfüllung ihrer beiderseitigen Wünsche mit lebhafter Freude begrüßt hätte, so leistete ich doch im Hinblick auf das große Mißverhältnis im Alter und auf den heftigen Widerstand des jungen Mädchens der Mutter Beistand, diese Heirath, die auch nicht vollzogen wurde, zu verhindern. Der Obrist heirathete darauf Fräulein Dillau, eine Verwandte, von einem Charakter und einer Schönheit ganz nach meinem Herzen, die ihn zum glücklichsten der Gatten und der Väter gemacht hat. Dem ungeachtet hat Roguin nicht vergessen können, daß ich bei dieser Gelegenheit seinen Wünschen hinderlich gewesen bin. Ich habe mich darüber durch das Bewußtsein getröstet, sowohl gegen ihn wie gegen seine Familie die Pflicht der heiligsten Freundschaft erfüllt zu haben, die nicht darin besteht, sich stets angenehm zu machen, sondern zum Besten zu rathen.

Ueber die Aufnahme, die meiner in Genf wartete, falls ich Lust verspüren sollte, dorthin zurückzukehren, war ich nicht lange im Zweifel. Mein Buch wurde daselbst verbrannt, und den 18. Juni, das heißt neun Tage, nachdem es in Paris geschehen war, der Haftbefehl gegen mich erlassen. In diesem zweiten Erlaß waren so viele unglaubliche Albernheiten zusammengehäuft und das Religionsedict war darin so offenbar verletzt worden, daß ich den ersten Nachrichten, die darüber zu mir gelangten, nicht Glauben schenken wollte und bei ihrer Bestätigung zitterte, daß eine so in die Augen fallende und schreiende Verletzung aller Gesetze, um nur gleich mit dem des gesunden Menschenverstandes zu beginnen, alle Genfer Herzen in Aufruhr setzen würde. Ich konnte mich getrost beruhigen; alles blieb still. Wenn sich unter dem gemeinen Volke einiges Murren erhob, so war es nur wider mich gerichtet. Oeffentlich wurde ich von allen Klatschschwestern und von allen Pedanten wie ein Schuljunge behandelt, dem man mit der Ruthe droht, weil er seinen Katechismus nicht wörtlich herzusagen vermag.

Diese beiden Erlasse wurden das Signal zu dem Schrei der Entrüstung, der sich mit einer beispiellosen Wuth in ganz Europa gegen mich erhob. Alle Zeitungen, alle Tagesblätter, alle Flugschriften läuteten die Sturmglocke mit aller Gewalt. Die Franzosen besonders, dieses so entgegenkommende, so höfliche, so edelmüthige Volk, das auf seinen Anstand und seine Rücksichten gegen Unglückliche so stolz ist, zeichnete sich im plötzlichen Vergessen seiner Lieblingstugenden durch die Zahl und Heftigkeit seiner Schmähartikel aus, mit der es um die Wette über mich herfiel. Ich war ein Gottloser, ein Atheist, ein Verrückter, ein Rasender, ein wildes Thier, ein Wolf. Der Fortsetzer des Journals von Trévoux erging sich gegen meine sogenannte Verwolfung in einer Weise, die seine eigene ziemlich klar bewies. Kurz, man hätte meinen sollen, daß man in Paris fürchtete, mit der Polizei in Ungelegenheiten zu gerathen, wenn man es bei der Herausgabe einer Schrift über irgend einen beliebigen Gegenstand verabsäumte, darin irgend eine Schmähung gegen mich anzubringen. Da ich umsonst nach dem Grunde dieser einstimmigen Erbitterung suchte, war ich nahe daran zu glauben, daß die ganze Welt verrückt geworden wäre. Wie, der Herausgeber des »Ewigen Friedens« facht Zwietracht an? Der Schreiber des »Savoyischen Vikars« ist ein Ungläubiger? Der Verfasser der »Neuen Heloise« ist ein Wolf? Der des »Emil« ein Rasender? Ach, mein Gott, was würde ich dann erst gewesen sein, hätte ich das Buch »Ueber den Geist« oder irgend ein ähnliches Werk veröffentlicht? Und trotzdem vereinigte in dem Sturme, der sich gegen den Verfasser dieses Buches erhob, das Publikum nicht nur nicht seine Stimme mit dem seiner Verfolger, sondern rächte ihn noch an ihnen durch sein ihm gespendetes Lob. Man vergleiche sein Buch mit den meinigen, die verschiedene Aufnahme, die diese Werke gefunden haben, die verschiedene Behandlung, die den beiden Verfassern in den Staaten Europas zu Theil geworden ist, und dann suche man nach Gründen zu dieser Verschiedenheit, die einen vernünftigen Mann befriedigen können: das ist alles, was ich verlange; ich persönlich bin darüber still.

Der Aufenthalt zu Yverdun bekam mir so wohl, daß ich auf Herrn Roguins wie seiner ganzen Familie dringendes Bitten daselbst zu bleiben beschloß. Der Amtmann dieser Stadt, Herr Moiry von Gingins, ermuthigte mich ebenfalls durch seine Güte, in seinem Bezirk zu bleiben. Der Obrist bat mich so freundlich, in einem Pavillon, der zu seinem Hause gehörte und zwischen Hof und Garten lag, meine Wohnung zu nehmen, daß ich darauf einging, und sogleich beeilte er sich, ihn auszumöbliren und mit allem zu versehen, was für meine kleine Wirtschaft erforderlich war. Der Bannerherr Roguin, der sich mit am eifrigsten um mich bemühte, verließ mich den ganzen Tag nicht. Ich war für so viele Freundlichkeiten stets sehr dankbar, wenn auch durch sie oft sehr belästigt. Schon war der Tag meines Einzugs bestimmt, und ich hatte Therese aufgefordert, mir nachzukommen, als ich plötzlich vernahm, daß sich in Bern ein Sturm gegen mich erhöbe, der von den Frommen ausgehen sollte und hinter dessen erste Ursache ich nie habe kommen können. Ohne zu wissen von wem aufgehetzt, schien mich der Senat in meinem Zufluchtsorte nicht in Ruhe lassen zu wollen. Bei der ersten Mittheilung, die der Herr Ammann von dieser Gährung empfing, schrieb er für mich an mehrere Regierungsmitglieder, wobei er ihnen ihre blinde Unduldsamkeit vorwarf und es ihnen als Schande auslegte, einem unterdrückten Manne von Verdienst das Asyl verweigern zu wollen, welches so viele Banditen in ihrem Staate fänden. Nach Ansicht kluger Leute hatte die Hitze seiner Vorwürfe die Gemüther mehr erbittert als besänftigt. Wie dem auch sein mochte, so waren doch sein Einfluß und seine Beredtsamkeit nicht im Stande, den Schlag abzuwehren. Von dem Befehl, den er mir anzeigen sollte, in Kenntnis gesetzt, gab er mir vorher einen Wink, und um diesen Befehl nicht abzuwarten, entschloß ich mich, am folgenden Tage abzureisen. Da ich die Erfahrung gemacht, daß mir Genf und Frankreich verschlossen waren, und voraussah, daß sich in dieser Angelegenheit jeder beeifern würde, dem Beispiele seines Nachbarn nachzueifern, war nur die Schwierigkeit zu wissen wohin.

Frau Boy de la Tour machte mir den Vorschlag, ein völlig leerstehendes, aber ganz ausmöblirtes Haus zu beziehen, das ihrem Sohne im Dorfe Motiers gehörte, welches Val-de-Travers in der Grafschaft Neuchâtel lag. Ich hatte, um es zu erreichen, nur einen einzelnen Bergrücken zu übersteigen. Das Anerbieten war um so zweckentsprechender, als ich in den Staaten des Königs von Preußen gegen die Verfolgungen geschützt war, und die Religion dort wenigstens nicht als Vorwand dienen konnte. Nur eine geheime Schwierigkeit, die ich nicht aussprechen durfte, gab mir zur Unschlüssigkeit gerechten Grund. Die angeborene Gerechtigkeitsliebe, die mein Herz beständig verzehrte, im Verein mit meiner geheimen Neigung für Frankreich, hatte mich mit Widerwillen gegen den König von Preußen erfüllt, der mir durch seine Grundsätze und Handlungsweise alle Achtung vor dem natürlichen Gesetz und allen menschlichen Pflichten mit Füßen zu treten schien. Unter den eingerahmten Kupferstichen, mit denen ich meinen Thurm in Montmorency geschmückt hatte, befand sich ein Porträt dieses Fürsten, unter dem ein Distichon Var. ... unter das ich ein Distichon geschrieben hatte, das ... stand, das mit den Worten endete:

Er denkt als Philosoph und zeiget sich als König.

Dieser Vers, der, wäre er aus jeder andern Feder geflossen, für ein ziemlich schönes Lob gegolten hätte, konnte, aus der meinen kommend, nur einen völlig unzweideutigen Sinn haben, den der vorangehende Vers Dieser Vers lautete:

Der Ruhm, der Eigennutz,
das ist sein Gott, sein Recht.

Er ging dem im Texte angeführten Verse nicht voran. Dieser stand unter dem Porträt; der andre Vers war hinterher geschrieben
noch zum Ueberfluß ganz deutlich aussprach. Von allen, die zu mir kamen, und deren Zahl war nicht klein, war dieses Distichon gesehen worden. Der Chevalier von Lorenzi hatte es sogar, um es d'Alembert zu geben, abgeschrieben, und ich zweifelte nicht, daß sich d'Alembert Mühe gegeben hatte, mich damit diesem Fürsten zu empfehlen. Dieses erste Vergehen hatte ich noch durch eine Stelle im »Emil« verschlimmert, wo man leicht erkennen konnte, wen ich unter dem Namen Adrast, König der Daunier, meinte, und die dort gemachte Bemerkung war den Krittlern, die mich verfolgten, nicht entgangen, da mich Frau von Boufflers mehrmals darüber zur Rede gestellt hatte. Deshalb war ich völlig überzeugt, mit rother Tinte in die Listen des Königs von Preußen eingetragen zu sein; und da ich überdies annahm, daß er die Grundsätze, die ich ihm zuzuschreiben gewagt hatte, wirklich besäße, konnten ihm meine Schriften und ihr Verfasser schon lediglich um deswillen nur mißfallen, denn man weiß, daß mich die Bösen und die Tyrannen, auch ohne mich zu kennen, auf die bloße Lectüre meiner Schriften hin stets gehaßt haben.

Gleichwohl wagte ich mich in seine Gewalt zu begeben und war überzeugt, wenig Gefahr zu laufen. Ich wußte, daß die niedrigen Leidenschaften nur über schwache Menschen Herr werden und über Seelen von hartem Schlage, und für eine solche hatte ich die seinige erkannt, nichts vermögen. Ich glaubte fest, daß seine Regierungskunst es von ihm verlangte, sich bei einer solchen Gelegenheit hochherzig zu zeigen, und daß sein Charakter groß genug wäre, es wirklich zu sein. Ich war überzeugt, daß eine niedrige und leicht auszuübende Rache nicht einen Augenblick die Ruhmliebe in ihm überwiegen könnte, und wenn ich mich an seine Stelle dachte, hielt ich es nicht für unmöglich, daß er die Gelegenheit benutzen würde, um den Mann, der es gewagt hatte, von ihm schlecht zu denken, durch das ganze Gewicht seines Edelmuths niederzubeugen. So übersiedelte ich denn nach Motiers mit einer Zuversicht, deren Werth ich ihn einzusehen für befähigt hielt, und sagte zu mir: »Wird sich Friedrich, wenn sich Jean-Jacques neben Coriolan erhebt, niedriger zeigen als der Feldherr der Volsker?«

Der Obrist Roguin wollte mich durchaus über den Berg begleiten und mich persönlich in Motiers einführen. Eine Schwägerin der Frau Boy de la Tour, eine gewisse Frau Girardier, der das Haus, welches ich in Besitz nehmen wollte, sehr bequem war, sah meine Ankunft keineswegs, mit Freuden; trotzdem übergab sie mir meine Wohnung mit aller Höflichkeit, und ich aß bei ihr, bis Therese angekommen und meine kleine Wirtschaft eingerichtet war.

Da ich seit meiner Abreise von Montmorency das Gefühl in mir trug, daß ich von nun an auf Erden flüchtig und unstät sein würde, trug ich Bedenken, ob ich ihr gestatten sollte, wieder zu mir zu kommen und das umherirrende Leben, zu dem ich mich verurtheilt sah, zu theilen. Ich fühlte, daß unsere Beziehungen durch diesen Wendepunkt eine Aenderung erleiden müßten und daß, was bis dahin meinerseits Gunst und Wohlthat gewesen war, es von nun an ihrerseits werden würde. Bestand ihre Neigung zu mir die Prüfung meiner Leiden, so mußte sie von Trauer ergriffen werden und ihr Schmerz mein Elend nur erhöhen. Erkaltete dagegen mein Unglück ihr Herz, so mußte sie mir ihre Beständigkeit als ein Opfer anrechnen, und anstatt die Freude zu empfinden, die ich darüber hatte, mein letztes Stückchen Brot mit ihr zu theilen, konnte sie nur das Verdienst fühlen, welches sie sich durch den Wunsch erwarb, mir überall hin zu folgen, wohin mein Schicksal mich trieb.

Ich muß alles sagen. Da ich weder die Fehler meiner armen Mama noch meine eigenen verschwiegen habe, darf ich auch Theresen nicht mehr Gnade erweisen; und wie große Freude es mir auch macht, einer Person, die mir so theuer ist, alle Ehre anzuthun, so will ich doch auch ihr Unrecht nicht verhüllen, wenn anders ein unwillkürlicher Wechsel in den Neigungen des Herzens ein wirkliches Unrecht ist. Schon längst nahm ich eine Erkaltung des ihrigen wahr. Ich fühlte, daß sie mir nicht mehr das war, was sie mir in unsern schönen Jahren gewesen, und fühlte es um so mehr, als ich ihr stets derselbe war. Es trat bei mir derselbe Uebelstand ein, dessen Wirkung ich bei Mama empfunden hatte, und bei Therese war die Wirkung die nämliche. Suchen wir keine Vollkommenheiten, die die Grenzen der Natur überschreiten; bei jeder andern Frau, wer sie auch sein möchte, würde sich dasselbe zeigen. So überlegt mir auch meine Handlungsweise gegen meine Kinder vorgekommen war, so hatte sie mir doch nicht immer das Herz ruhig gelassen. Als ich über meine »Abhandlung über die Erziehung« nachdachte, fühlte ich, daß ich Pflichten verabsäumt hatte, von denen mich nichts befreien konnte. Meine Reue wurde endlich so groß, daß sie mir gleich am Anfange des »Emil« beinahe das öffentliche Geständnis meines Fehlers entriß, und die Stelle selbst ist so klar, daß es nach einer solchen Wunder nimmt, daß man den Muth gehabt hat, mir den Fehler Die Stelle findet sich im ersten Buche des Emil und beginnt: Wenn ein Vater Kinder erzeugt und aufzieht, so thut er damit erst den dritten Theil seiner Aufgabe. vorzuwerfen. Meine Lage war damals jedoch dieselbe und in Folge der Erbitterung meiner Feinde, die mich nur auf frischer That zu ertappen suchten, noch schlimmer. Ich fürchtete eine Wiederholung, und da ich mich dieser Gefahr nicht aussetzen wollte, so verurtheilte ich mich lieber zur Enthaltsamkeit, als Therese in die Gefahr zu bringen, sich abermals in derselben Lage zu sehen. Ueberdies hatte ich bemerkt, daß der Umgang mit Frauen meinen Zustand augenscheinlich verschlimmerte, Var. ... verschlimmerte. Das dafür Ersatz gebende Laster, von dem ich mich nie habe vollkommen heilen können, schien mir weniger nachtheilig; dieser doppelte Grund etc. dieser doppelte Grund hatte mich zu einem Entschlusse gedrängt, dem ich allerdings nicht immer treu geblieben bin, den ich jedoch seit drei oder vier Jahren mit größerer Festigkeit befolgte; und gerade seit dieser Zeit hatte ich auch bei Therese Erkaltung wahrgenommen; aus Pflichtgefühl hatte sie noch immer die gleiche Anhänglichkeit an mich, aber sie besaß sie nicht mehr aus Liebe. Dies nahm unserm Umgange einen Theil seiner Annehmlichkeit, und ich wähnte, daß sie meiner fortdauernden Fürsorge überall sicher, es vielleicht vorziehen würde, in Paris zu bleiben, anstatt mit mir umherzuirren. Gleichwohl hatte sie bei unsrem Scheiden so viel Schmerz gezeigt, so feste Versprechungen unserer Wiedervereinigung verlangt, sprach sie den Wunsch danach sowohl gegen den Prinzen von Conti wie gegen Herrn von Luxembourg so lebhaft aus, daß ich nicht nur nicht den Muth hatte, mit ihr von Trennung zu reden, sondern nicht einmal den, auch nur selbst daran zu denken; und nachdem ich in meinem Herzen gefühlt hatte, wie sehr es mir unmöglich war, mich ohne sie zu behelfen, dachte ich nur noch daran, sie sofort herbeizurufen. Ich forderte sie deshalb brieflich auf abzureisen, und sie kam. Ich hatte sie vor kaum zwei Monaten verlassen; aber es war seit so vielen Jahren unsere erste Trennung. Wir hatten sie beide bitter empfunden. Welche Ergriffenheit, als wir uns umarmten! Wie süß doch die Thränen der Zärtlichkeit und der Freude sind! Wie mein Herz sich darin badet! Weshalb hat man mir ihrer so wenige entlockt?

Nach meiner Ankunft in Motiers hatte ich an Lord Keith, Marschall von Schottland und Statthalter von Neufchâtel geschrieben, um ihm meine Flucht in die Staaten Seiner Majestät anzuzeigen und ihn um seinen Schutz zu bitten. Er antwortete mit dem Edelmuthe, den man an ihm kennt und ich von ihm erwartete. Er lud mich ein, ihn zu besuchen. Ich stellte mich ihm in Begleitung des Herrn Martinet vor, des Gerichtsverwalters im Val-de-Travers, der bei Seiner Excellenz sehr in Gnaden stand. Das ehrwürdige Aeußere dieses berühmten und tugendhaften Schotten rührte mein Herz mächtig, und sofort begann zwischen ihm und mir jene lebhafte Zuneigung, die von meiner Seite stets gleich geblieben ist und auch von der seinigen geblieben sein würde, wenn sich nicht die Verräther, die mir jeden Lebenstrost geraubt haben, meine Entfernung zu Nutze gemacht hätten, um sein Alter zu mißbrauchen und mich in seinen Augen in ein übles Licht zu setzen.

Georg Keith, Erbmarschall von Schottland und Bruder des berühmten General Keith, der glorreich lebte und auf dem Bette der Ehre starb, hatte sein Vaterland schon in seiner Jugend verlassen, weil er aus ihm wegen seines Anschlusses an das Haus Stuart verbannt worden war. Bald jedoch wandte er sich von demselben wieder ab in Folge des ungerechten und tyrannischen Geistes, der sich in jenem Hause bemerkbar machte und beständig dessen vorherrschenden Charakter bildete. Er hielt sich lange in Spanien auf, dessen Klima ihm sehr wohl bekam, und schloß sich endlich eben so wie sein Bruder dem Könige von Preußen an, der sich auf Menschen verstand und sie aufnahm, wie sie es verdienten. Für diese Aufnahme wurde er durch die großen Dienste, die ihm der Marschall Keith leistete, und durch etwas noch weit Kostbareres, nämlich durch die aufrichtige Freundschaft des Lord Marschall reichlich belohnt. Die große Seele dieses würdigen Mannes, der den ganzen republikanischen Stolz besaß, vermochte sich nur unter das Joch der Freundschaft zu beugen, beugte sich aber so vollkommen darunter, daß er bei völlig verschiedenen Grundsätzen von dem Augenblicke an, da er sich Friedrich angeschlossen hatte, ihn nur noch allein sah. Der König beauftragte ihn mit wichtigen Geschäften, schickte ihn nach Paris, nach Spanien und gab ihm endlich, als er ihn in seinem Alter der Ruhe bedürftig sah, als Ruheposten die Statthalterschaft über Neufchâtel mit der dem Herzen wohlthuenden Aufgabe, dort seine letzten Lebenstage damit zuzubringen, dieses kleine Völkchen glücklich zu machen.

Als die Neufchâteler, die nur Glanz und Flitter lieben und sich auf den wahren, innern Werth nicht verstehen und lange Redensarten für Geist halten, einen kalten Mann sahen, der von Förmlichkeiten nichts wissen wollte, nahmen sie seine Einfachheit für Stolz, seine Offenheit für bäurisches Wesen, seine gedrängte Kürze für Dummheit und verhielten sich gegen seine wohlwollende Fürsorge abwehrend, weil er in dem Streben nützlich zu sein und nicht um die Gunst des Volkes zu buhlen, den Leuten, vor denen er keine Achtung hatte, nicht zu schmeicheln verstand. In der lächerlichen Angelegenheit mit dem Prediger Petitpierre, der von seinen eigenen Amtsbrüdern vertrieben war, weil er nicht hatte zugeben wollen, daß sie ewig verdammt würden, sah der Lord, der den Anmaßungen der Prediger entgegengetreten war, wie sich das ganze Land, für das er Partei nahm, gegen ihn erhob; und als ich dort anlangte, hatte sich dieses wahnsinnige Wuthgeschrei noch nicht gelegt. Er galt wenigstens für einen Mann, der sich im voraus gewinnen ließ, und von allen Anschuldigungen, mit denen man ihn überhäufte, war diese vielleicht die am wenigsten ungerechte. Als ich diesen ehrwürdigen Greis erblickte, wurde ich zuerst von Rührung über die Magerkeit seines Körpers ergriffen, den die Jahre schon abgezehrt hatten; aber als ich die Augen zu diesem belebten, offenen und edlen Gesichte aufschlug, bemächtigte sich meiner eine mit Vertrauen gemischte Ehrfurcht, die jedes andre Gefühl zurückdrängte. Auf eine sehr kurze Höflichkeit, die ich ihm, als ich vor ihn hintrat, sagte, antwortete er, indem er von andern Dingen sprach, als ob ich schon acht Tage dagewesen wäre. Er forderte uns nicht einmal auf, uns zu setzen. Der wohlbeleibte Gerichtsverwalter blieb stehen. Ich für meine Person sah in des Lords durchdringendem und feinem Auge etwas so eigenthümlich Freundliches, daß ich mich augenblicklich heimisch fühlte und an seiner Seite auf dem Sopha Platz nahm. Dem vertraulichen Ton, den er sofort anschlug, merkte ich es an, daß er sich über diese Ungezwungenheit freute und daß er bei sich selber sagte: das ist kein Neufchâteler.

Merkwürdige Wirkung der großen Übereinstimmung der Charaktere! In einem Alter, in dem das Herz bereits seine natürliche Wärme verloren hat, erwärmte sich das dieses guten Greises für mich in einer alle Welt überraschenden Weise. Unter dem Vorwande Wachteln zu schießen, kam er nach Motiers, um mich zu besuchen, und blieb dort zwei Tage, ohne eine Flinte anzurühren. Es entstand zwischen uns eine solche Freundschaft, denn das ist das richtige Wort, daß wir nicht mehr ohne einander leben konnten. Das Schloß Colombier, welches er im Sommer bewohnte, lag sechs Stunden von Motiers. Spätestens alle vierzehn Tage ging ich hinüber, um dort vierundzwanzig Stunden zu weilen und pilgerte darauf, das Herz stets voll von ihm, in gleicher Weise zurück. Die leidenschaftliche Erregung, die ich ehemals auf meinen Ausflügen von der Eremitage nach Eaubonne empfand, war sicherlich eine ganz andere, aber sicherlich nicht süßer, als die, mit der ich mich Colombier näherte. Wie viele Thränen der Rührung habe ich oft auf meinem Wege vergossen, wenn ich der väterlichen Güte, der liebenswürdigen Tugenden und der milden Philosophie dieses ehrwürdigen Greises gedachte! Ich redete ihn Vater an, er mich Kind. Diese süßen Namen geben eine schwache Vorstellung von unserer gegenseitigen Zuneigung, aber noch keine davon, wie sehr wir einander nöthig hatten, und von dem unaufhörlichen Verlangen, uns nahe zu sein. Er wollte mich durchaus im Schlosse Colombier bei sich haben und bestürmte mich lange, die Wohnung, die ich dort einnahm, für immer zu behalten. Ich sagte ihm endlich, daß ich bei mir unabhängiger wäre, und daß es mir lieber wäre, wenn ich mein Leben lang zu ihm käme. Er billigte diese Offenherzigkeit und sprach mit mir nicht mehr davon. O guter Mylord! O mein würdiger Vater! Ach, die Barbaren! Welchen Schlag haben sie mir beigebracht, als sie dich mir entfremdeten! Aber nein, nein, großer Mann, du bist und wirst mir immer derselbe sein, wie ich immer derselbe bin. Sie haben dich hintergangen, aber sie haben dich nicht geändert.

Mylord Marschall ist nicht ohne Fehler; er ist ein Weiser, aber er ist ein Mensch. Bei dem durchdringendsten Geiste, bei dem feinsten Tacte, den man haben kann, bei der tiefsten Menschenkenntnis läßt er sich bisweilen täuschen und giebt dann nie wieder seine Ansicht auf. Er hat seltsame Launen und in seiner Sinnesart etwas überaus Wunderliches und Absonderliches. Er scheint die Leute, die er täglich steht, zu vergessen und erinnert sich ihrer in dem Augenblick, da sie es am wenigsten denken: seine Aufmerksamkeiten erscheinen dann unzeitig; seine Geschenke geschehen aus Laune und richten sich nicht immer nach den üblichen Rücksichten. Er schenkt oder schickt ohne Unterschied, und augenblicklich was ihm gerade einfällt, es mag von hohem Werthe oder ganz werthlos sein. Ein junger Genfer, der in den Dienst des Königs von Preußen zu treten wünschte, stellt sich ihm vor. Anstatt eines Briefes giebt ihm Mylord ein Säckchen voll Erbsen mit dem Auftrage, es dem Könige zu überbringen. Nach Entgegennahme dieser sonderbaren Empfehlung giebt ihm der König sofort eine Anstellung. Diese erhabenen Genies haben untereinander eine Sprache, die gewöhnliche Geister nie verstehen werden. Diese kleinen Seltsamkeiten, die den Launen einer hübschen Frau ähneln, machten mir den Lord Marschall nur noch interessanter. Ich war fest überzeugt und habe es in der Folge zur Genüge erfahren, daß sie auf seine Gesinnungen und auf die Pflichten, die ihm die Freundschaft bei ernsten Gelegenheiten vorschrieb, keinen Einfluß ausübten. Wahr ist jedoch, daß er in seine Art zu verpflichten, dieselbe Sonderbarkeit wie in sein Benehmen legte. Ich will zum Beweise nur eine einzige Anekdote anführen, bei der es sich um eine Kleinigkeit handelte. Da mir die Reise von Motiers nach Colombier für einen Tag zu lang war, theilte ich sie gewöhnlich, indem ich nach dem Mittagsessen aufbrach und auf dem halben Wege in Brot übernachtete. Als der Wirth, Namens Sandoz, in Berlin um eine Gnade eingekommen, die für ihn von äußerster Wichtigkeit war, bat er mich, ihm die Fürsprache Seiner Excellenz zu verschaffen. Gern. Ich nehme ihn mit mir; ich lasse ihn im Vorzimmer und spreche über seine Angelegenheit mit Mylord, der mir nichts antwortet. Der Vormittag vergeht; als ich, um mich nach dem Eßzimmer zu begeben, das Vorzimmer durchschreite, sehe ich den armen Sandoz, der immer noch wartet. In der Meinung, Mylord hätte seiner vergessen, fange ich, ehe wir uns zu Tische setzen, noch einmal davon an; wieder kein Wort wie vorher. Ich fand diese Art, mir verständlich zu machen, daß ich ihm lästig fiele, ein wenig rücksichtslos und schwieg, indem ich den armen Sandoz im Stillen beklagte. Auf dem Rückwege am andern Tage war ich über die Danksagungen äußerst überrascht, die er mir wegen der guten Aufnahme und des guten Mittagsessens abstattete, welche er bei Seiner Excellenz erhalten hatte. Selbst seine Papiere hatte derselbe an sich genommen. Drei Wochen später sandte ihm Mylord das erbetene Rückschreiben, vom Minister ausgefertigt und vom König unterschrieben, und das geschah, ohne daß er mir oder dem Wirthe auch nur ein einziges Wort über eine Angelegenheit hatte sagen oder antworten wollen, mit der er, wie ich glaubte, nichts zu schaffen haben wollte.

Ich möchte gar nicht aufhören von Georg Keith zu reden, sind doch an ihn meine letzten glücklichen Erinnerungen geknüpft; alle meine übrigen Lebenstage sind Trübsal und Herzenskummer gewesen. Das Andenken daran ist so traurig und steigt so wirr in mir auf, daß es mir unmöglich ist, Ordnung in meine Erzählungen zu bringen; von nun an bin ich gezwungen, die Ordnung dem Zufall zu überlassen, je nachdem meine Erlebnisse mir vor der Seele vorüberziehen.

Es dauerte nicht lange, so wurde ich aus meiner Unruhe über mein Asyl durch die Antwort des Königs an Mylord Marschall gerissen, an dem ich, wie man denken kann, einen guten Fürsprecher gefunden hatte. Seine Majestät war nicht allein mit seiner Handlungsweise einverstanden, sondern beauftragte ihn auch, (denn ich muß alles sagen), mir zwölf Louisd'or auszuzahlen. Verlegen über einen solchen Auftrag und nicht wissend, wie er denselben in anständiger Form ausrichten sollte, bemühte sich der gute Mylord, das Beleidigende darin abzuschwächen, indem er dieses Geld als einen Zuschuß zu meinem Unterhalte erklärte und mir anzeigte, er hätte Befehl, mir Holz und Kohlen zu liefern, damit ich meine kleine Haushaltung beginnen könnte. Er fügte sogar und vielleicht aus eigenem Antriebe hinzu, der König würde mir gern ein Häuschen nach meinem Geschmacke bauen lassen, wenn ich mir eine Stelle dazu auswählen wollte. Dieses letzte Anerbieten rührte mich sehr und ließ mich die Kargheit des andern vergessen. Obgleich ich keines von beiden annahm, betrachtete ich Friedrich als meinen Wohlthäter und Beschützer und war ihm so aufrichtig zugethan, daß ich mich von da an eben so sehr für seinen Ruhm interessirte, als ich bisher in seinen Erfolgen Ungerechtigkeit erblickt hatte. Bei dem Frieden, den er kurz darauf schloß, legte ich meine Freude durch eine höchst geschmackvolle Illumination an den Tag; sie bestand in gewundenen Lampenreihen, mit denen ich das von mir bewohnte Haus schmückte, wobei ich allerdings den rachsüchtigen Stolz hatte, fast eben so viel Geld auszugeben, wie er mir hatte schenken wollen. Nach geschlossenem Frieden glaubte ich, er würde, da sein kriegerischer und politischer Ruhm seinen Gipfel erreicht hatte, es sich nun angelegen sein lassen, sich einen andern zu erwerben, indem er seine Staaten wieder belebte und Handel und Ackerbau in ihnen in Aufschwung brächte, gleichsam einen neuen Boden mit einer neuen Bevölkerung schaffte, den Frieden unter all seinen Nachbarn aufrecht erhielte und sich zum Schiedsrichter Europas machte, nachdem er der Schrecken desselben gewesen war. Er konnte ohne Gefahr den Degen niederlegen, vollkommen sicher, daß man ihn nicht zwingen würde, von neuem nach ihm zu greifen. Als ich sah, daß er nicht entwaffnete, besorgte ich, daß er seinen Vortheil übel anwendete und nur halb groß wäre. Ich wagte in Bezug darauf an ihn zu schreiben, wobei ich jenen vertraulichen Ton, der Männern von seinem Schlage zu gefallen pflegt, anschlug und die heilige Stimme der Wahrheit, die so wenige Könige zu hören fähig sind, bis zu ihm dringen zu lassen. Nur im Geheimen, allein zwischen ihm und mir, nahm ich mir diese Freiheit. Nicht einmal Mylord Marschall machte ich zum Mitwisser, sondern sandte ihm meinen Brief an den König versiegelt. Mylord schickte den Brief ab, ohne sich nach seinem Inhalte zu erkundigen. Der König gab mir keine Antwort und sagte nur einige Zeit später zum Mylord Marschall, der nach Berlin gereist war, ich hätte ihn tüchtig ausgescholten. Daraus ersah ich, daß mein Brief übel aufgenommen und der Freimuth meines Eifers für die Ungeschliffenheit eines Pedanten ausgelegt worden war. Eine solche konnte mein Brief auch möglicher Weise sein; vielleicht sagte ich nicht, was ich hätte sagen müssen, und schlug den Ton nicht an, der sich geziemt hätte. Ich kann nur für die Gesinnung einstehen, die mir die Feder in die Hand gedrückt hatte.

Bald nach meiner Niederlassung in Motiers-Travers, wo ich alle nur mögliche Gewähr hatte, daß man mich dort in Frieden lassen würde, legte ich die armenische Tracht an. Dies war keine neue Idee; sie war im Laufe meines Lebens wiederholentlich an mich herangetreten und stellte sich namentlich in Montmorency wieder häufig bei mir ein, wo ich durch die öftere Anwendung der Sonden, die mich nicht selten zum Hüten des Zimmers verurtheilte, alle Vortheile der langen Kleidung besser würdigen lernte. Die mir durch einen armenischen Schneider, der einen in Montmorency wohnenden Verwandten oft besuchte, dargebotene Gelegenheit führte mich in Versuchung, dieselbe zu benutzen, um diese neue Tracht allem Gerede zum Trotz, um das ich mich sehr wenig kümmerte, anzunehmen. Ehe ich sie jedoch anlegte, wollte ich die Ansicht der Frau von Luxembourg darüber hören, die mir sehr zu ihrer Annahme rieth. Ich ließ mir deshalb eine kleine armenische Garderobe anfertigen; aber in Folge des gegen mich erregten Sturmes verschob ich die Benutzung auf ruhigere Zeiten, und erst einige Monate später, als ich durch neue Anfälle gezwungen war, wieder meine Zuflucht zu den Sonden zu nehmen, glaubte ich diese neue Tracht ohne Gefahr in Motiers annehmen zu können, namentlich nach einer Berathung mit dem Ortspfarrer, der mir erklärte, daß ich sie selbst in der Kirche ohne Anstoß tragen könnte. Ich legte also das orientalische Unterkleid, den Kaftan, die verbrämte Mütze und den Gürtel an, und nachdem ich in dieser Tracht dem Gottesdienste beigewohnt hatte, erblickte ich nichts Unziemliches darin, sie bei Mylord Marschall zu tragen. Als mich Seine Excellenz so gekleidet sah, war ihr ganzer Gruß »Salamaleki«, damit war alles zu Ende, und ich trug keine andre Kleidung mehr.

Nachdem ich von der Literatur völlig Abschied genommen hatte, dachte ich nur noch daran, ein ruhiges und angenehmes Leben zu führen, soweit es von mir abhängen würde. Für mich allein habe ich nie die Langeweile kennen gelernt, nicht einmal bei dem vollkommensten Müßiggange; meine jede Leere ausfüllende Einbildungskraft reichte schon allein hin, um mich zu beschäftigen. Nur das unthätige Geschwätz, wenn man im Zimmer einander gegenüber sitzend nur immerfort die Zunge bewegt, habe ich niemals ertragen können. Beim Gehen, beim Lustwandeln mag es noch sein; die Füße und die Augen thun doch wenigstens etwas; aber mit gekreuzten Armen dasitzen, vom Wetter und den umherschwirrendeu Fliegen reden oder, was noch schlimmer ist, sich gegenseitig Schmeicheleien sagen, ist für mich eine unleidliche Qual. Um nicht wie ein Wilder zu leben, nahm ich mir vor, nesteln zu lernen. Ich nahm bei meinen Besuchen mein Kissen mit oder setzte mich wie die Frauen mit meiner Arbeit an die Thür und plauderte mit den Vorübergehenden. Dies ließ mich die Leerheit des Geschwätzes ertragen und meine Zeit ohne Langeweile bei meinen Nachbarinnen zubringen, von denen mehrere ziemlich liebenswürdig und sogar nicht ohne Geist waren. Eine unter andern, Isabella von Ivernois, die Tochter des Generalprocurators von Neufchâtel, schieb mir hervorragend genug, um mit ihr ein ganz besonders freundschaftliches Verhältnis anzuknüpfen, das ihr wegen der guten Rathschläge, die ich ihr ertheilt, und wegen der Dienste, die ich ihr bei wahren Lebensfragen geleistet habe, sehr vortheilhaft gewesen ist. Jetzt eine würdige und tugendhafte Familienmutter, verdankt sie mir vielleicht die Klarheit ihres Verstandes, ihren Gatten, ihr Leben und ihr Glück. Ich meinerseits verdanke ihr sehr süße Tröstungen, namentlich während eines sehr trübseligen Winters, wo sie mitten in meinen Leiden und Schmerzen in Theresens und meiner Gesellschaft lange Abende bei uns zubrachte, die sie uns durch den Zauber ihres Geistes und durch unsere gegenseitigen Herzensergießungen sehr zu verkürzen verstand. Sie redete mich Papa und ich sie Tochter an, und diese Anreden, deren wir uns noch gegenseitig bedienen, werden ihr, wie ich hoffe, immerdar eben so theuer sein wie mir. Um meinen Nesteln irgend eine Verwendung zu geben, schenkte ich sie meinen jungen Freundinnen bei ihrer Verheirathung unter der Bedingung, daß sie ihre Kinder selbst stillen sollten. Ihre ältere Schwester bekam eine unter dieser Bedingung und hat sie erfüllt; Isabella bekam ebenfalls eine und hat sie durch ihre Gesinnung nicht weniger verdient; aber sie hat nicht das Glück gehabt, ihren Willen durchsetzen zu können. Bei der Übersendung dieser Nesteln schrieb ich an jede von beiden einen Brief, von denen der erste die Runde durch die Welt gemacht hat; dem zweiten wurde jedoch nicht soviel Aufsehen zu Theil: die Freundschaft tritt nicht so geräuschvoll auf.

Unter den Verbindungen, die ich in meiner Nachbarschaft anknüpfte und auf deren Schilderung im Einzelnen ich mich nicht einlassen will, muß ich die mit dem Obrist Pury anführen, der im Gebirge ein Haus besaß, in welchem er die Sommer zubrachte. Ich hatte keine sehr große Lust, seine Bekanntschaft zu machen, weil ich wußte, daß er bei Hofe und Mylord Marschall, den er nicht besuchte, sehr mißliebig war. Da er mich indessen besuchte und mir viele Artigkeiten erwies, mußte ich ihm einen Gegenbesuch abstatten. Die Bekanntschaft wurde fortgesetzt und wir aßen mitunter abwechselnd bei einander. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft des Herrn Du Peyrou, die schließlich in eine zu innige Freundschaft überging, als daß ich ihn unerwähnt lassen könnte.

Herr Du Peyrou war ein Amerikaner, Sohn eines Commandanten von Surinam, dessen Nachfolger, Herr von Chambrier aus Neufchâtel, die Witwe heirathete. Zum zweiten Male verwitwet, ließ sie sich mit ihrem Sohne in der Heimat ihres zweiten Gatten nieder. Du Peyrou, der als einziger Sohn sehr reich war und von seiner Mutter zärtlich geliebt wurde, hatte eine ziemlich sorgfältige und auch recht erfolgreiche Erziehung erhalten. Er hatte sich viel Halbwissen angeeignet, verstand sich etwas auf die Künste und that sich namentlich etwas auf die Ausbildung seines Verstandes zu Gute; sein holländisches, kaltes und philosophisches Wesen, seine schwarzbraune Gesichtsfarbe, sein stilles und verstecktes Benehmen begünstigten diese Meinung sehr. Obgleich noch jung, war er taub und gichtleidend. Dies gab allen seinen Bewegungen etwas sehr Gesetztes und Ernstes, und obwohl er Wortgefechte liebte und sie bisweilen sogar ein wenig lange fortführte, sprach er im allgemeinen doch wenig, weil er eben nicht gut hörte. Dieses ganze Aeußere machte Eindruck auf mich. »Das ist ein Denker«, sagte ich mir, »ein Weiser, den man sich glücklich schätzen müßte als Freund zu besitzen.« Um mich vollends einzunehmen, richtete er oft das Wort an mich, ohne mir je eine besondere Höflichkeit zu sagen. Er sprach mit mir wenig über mich, wenig über meine Bücher und sehr wenig über sich. Er war nicht arm an Ideen, und alles, was er sagte, war ziemlich richtig. Dieses Richtige und dieses Gleichmäßige an ihm zogen mich an. Sein Geist hatte nicht den Schwung und die Feinheit, durch die sich der Geist des Mylord Marschall auszeichnete, wohl aber dessen Einfachheit; dadurch gewährte er immer einigen Ersatz für diesen. Ich schwärmte nicht für ihn, aber ich gewann ihn aus Achtung lieb, und nach und nach wurde aus der Achtung Freundschaft. Ihm gegenüber vergaß ich ganz und gar den Einwand, den ich gegen den Baron von Holbach ausgesprochen hatte, daß er zu reich wäre, und ich glaube, ich hatte hierin Unrecht. Ich habe zweifeln gelernt, daß ein Mensch, der sich des Genusses eines sehr großen Vermögens erfreut, wer er auch sonst sein möge, meine Grundsätze und die Person, von der sie herrühren, aufrichtig zu lieben vermag.

Ziemlich lange Zeit hindurch sah ich Du Peyrou wenig, weil ich nicht nach Neufchâtel ging und er nur einmal im Jahre den Obrist Pury im Gebirge besuchte. Weshalb ging ich nicht nach Neufchâtel? Es ist eine Kinderei, die ich nicht verschweigen darf.

Wenn ich auch als Schützling des Königs von Preußen und des Lord Marschalls in meinem Asyle anfangs der Verfolgung entging, so entging ich trotzdem nicht der Mißachtung des Publikums, der Stadtbehörden und der Prediger. Nachdem von Frankreich der Anstoß gegeben war, hätte es gegen den guten Ton verstoßen, mir nicht wenigstens irgend eine Beleidigung zuzufügen; man hätte besorgt, sich den Anschein zu geben, als mißbilligte man meine Verfolger, wenn man sie nicht nachahmte. Die maßgebenden Kreise Neufchâtels, das heißt die Genossenschaft der Geistlichkeit gab das Alarmzeichen, indem sie den Staatsrath wider mich aufzureizen suchte. Da dieser Versuch erfolglos war, wandten sich die Geistlichen an den Stadtrat, der sofort mein Buch verbieten ließ und mir dadurch, daß er mich bei jeder Gelegenheit wenig höflich behandelte, zu verstehen gab und es sogar offen aussprach, daß man meinem etwaigen Wunsche, mich in der Stadt niederzulassen, nicht entsprochen haben würde. Sie füllten ihren »Merkur« mit Albernheiten und dem scheinheiligsten Gesalbader an, das die verständigen Leute zwar zum Lachen reizte, aber trotzdem nicht das Volk zu erhitzen und gegen mich aufzuhetzen unterließ. Nichtsdestoweniger mußte ich ihres Bedünkens sehr dankbar für die außerordentliche Gnade sein, daß sie meinen Aufenthalt in Motiers duldeten, wo sie keine Gewalt hatten; sie hätten mir die Luft gern ellenweise zugemessen, unter der Bedingung, daß ich sie recht theuer bezahlte. Nach ihrem Verlangen sollte ich ihnen für den Schutz, den mir der König ihnen zum Trotze gewährte, und an dessen Entziehung sie unaufhörlich arbeiteten, sehr verbunden sein. Kurz, nachdem sie mir vergeblich alles mögliche Leid zugefügt und mich vergeblich aus allen Kräften verschrien hatten, rechneten sie sich ihre Ohnmacht als Verdienst an, indem sie mir ihre Güte vorhielten, mich in ihrem Gebiete zu dulden. Statt aller Antwort hätte ich ihnen ins Gesicht lachen sollen; aber ich war albern genug, mich verletzt zu fühlen, und beging die Thorheit, nicht nach Neufchâtel gehen zu wollen, und bei diesem Entschlusse blieb ich fast zwei Jahre, als ob es für dergleichen Persönlichkeiten nicht eine viel zu große Ehre wäre, ihre Handlungsweise zu beachten, die, gut oder schlecht, ihnen nicht angerechnet werden kann, da sie stets nur auf fremden Antrieb handeln. Ungebildete und einsichtsvolle Geister, die als Gegenstände ihrer Achtung nur Einfluß, Macht und Geld kennen, sind überdies schon von der bloßen Ahnung weit entfernt, daß man Talenten einige Rücksicht schuldig ist und es zur Schande gereicht, sie zu beleidigen.

Ein gewisser Schulze, der wegen seiner Veruntreuungen abgesetzt war, sagte zu dem Richter des Val-de-Travers, dem Gatten meiner Isabella: »Dieser Rousseau soll soviel Geist haben; bringen Sie ihn doch zu mir, damit ich mich überzeuge, ob es wahr ist.« Wahrlich, die Mißstimmung eines Mannes, gegen den man einen solchen Ton anschlägt, darf die, gegen die er sie ausläßt, wenig wundern.

Nach der Weise, wie man mich in Paris, in Genf, in Bern und sogar in Neufchâtel behandelte, erwartete ich von dem Ortspfarrer keine größere Schonung. Ich war ihm indessen von Frau Boy de la Tour empfohlen worden, und er hatte mich freundlich aufgenommen; aber in diesem Lande, wo man jedermann in gleicher Weise schmeichelt, haben Zuvorkommenheiten keine Bedeutung. Nach meinem feierlichen Wiedereintritt in die reformirte Kirche konnte ich jedoch, zumal ich in einem reformirten Lande lebte, ohne Verletzung meiner Gelübde und meiner Bürgerpflicht die öffentliche Theilnahme an dem Cultus, in den ich wieder eingetreten war, nicht vernachlässigen; ich wohnte deshalb den Gottesdiensten bei. Andrerseits hegte ich die Befürchtung, mich, wenn ich am Tische des Herrn erschiene, dem Schimpfe einer Zurückweisung auszusetzen, und es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß er mich nach dem vom Genfer Rathe und der Neufchâteler Geistlichkeit erhobenen Lärme in seiner Kirche ruhig zu dem Genusse des heiligen Abendmahls zulassen würde. Als die dort übliche Communionszeit heranrückte, entschloß ich mich, an Herrn von Montmollin (so hieß nämlich der Prediger) zu schreiben, um ihn von meiner löblichen Absicht in Kenntnis zu setzen und ihm zu erklären, daß ich im Herzen stets auf dem Boden der protestantischen Kirche gestanden hätte. Gleichzeitig zeigte ich ihm an, um allen falschen Auslegungen hinsichtlich meiner Ansichten über die Glaubensartikel aus dem Wege zu gehen, daß ich eine besondere Besprechung über das Dogma nicht wünschte. Nachdem ich nach dieser Seite hin meine Maßregeln ergriffen hatte, wartete ich in aller Ruhe, nicht zweifelnd, daß mir Herr von Montmollin ohne vorausgehende Erörterung, die ich von der Hand wies, die Zulassung verweigern würde, und daß damit ohne meine Schuld alles zu Ende wäre. Trotzdem war es nicht der Fall. Als ich es am wenigsten erwartete, kam Herr von Montmollin, um mir zu erklären, daß er mich nicht allein unter dem von mir verlangten Vorbehalte zur Communion zuließe, sondern auch daß er und seine Kirchenältesten es sich zur Ehre anrechneten, mich zu ihrer Gemeinde zu zählen. Nie hatte ich in meinem Leben eine ähnliche noch eine tröstlichere Ueberraschung. Stets vereinsamt auf Erden leben schien mir ein sehr trauriges Loos, besonders im Unglücke. Inmitten so vieler Verbannungen und Verfolgungen war es mir ein ungemein süßes Gefühl, mir sagen zu können: wenigstens bin ich unter meinen Brüdern; und ich ging zum Tische des Herrn mit einer Erregung des Herzens und mit Thränen der Rührung, die vielleicht die Gott wohlgefälligste Vorbereitung waren, die man dazu mitbringen konnte.

Einige Zeit nachher sandte mir Mylord einen Brief von Frau, von Boufflers, dessen Besorgung nach meiner Vermuthung d'Alembert, der Mylord Marschall kannte, übernommen hatte. In diesem Briefe, dem ersten, den diese Dame seit meiner Abreise von Montmorency an mich geschrieben hatte, schalt sie mich heftig über mein Schreiben an Herrn von Montmollin, wie besonders darüber aus, daß ich communicirt hatte. Ich begriff um so weniger, was sie mit diesem Verweise im Schilde führte, als ich mich seit meiner Genfer Reise stets laut für einen Protestanten erklärt und ganz öffentlich die Gottesdienste in der holländischen Gesandtschaftskapelle besucht hatte, ohne daß irgend jemand etwas Anstößiges darin gefunden. Es kam mir komisch vor, daß sich Frau Gräfin von Boufflers damit beschweren wollte, mir in religiösen Angelegenheiten ihren Rath zu ertheilen. Da ich jedoch nicht zweifelte, daß ihre Absicht, so unbegreiflich sie auch war, die beste von der Welt sein müßte, so fühlte ich mich über diesen eigenthümlichen Ausfall nicht gekränkt und antwortete ihr ohne leidenschaftliche Erregung unter Darlegung meiner Gründe.

Die gedruckten Beleidigungen gingen inzwischen ungestört weiter und ihre wackeren Verfasser machten den Regierungen den Vorwurf, mich allzu milde zu behandeln. Dieses einstimmige Gekläff einer Meute, die nach wie vor unter dem Schleier verhüllt ihr Wesen trieb, hatte etwas Unheimliches und Erschreckendes. Ich für meine Person ließ sie schimpfen, ohne mich zu rühren. Man versicherte, die Sorbonne hätte mein Werk verdammt; ich glaubte es nicht. Wie konnte sich die Sorbonne in diese Angelegenheit mischen? Wollte sie erklären, daß ich kein Katholik wäre? Alle Welt wußte es. Wollte sie beweisen, ich wäre kein guter Calvinist? Was ging es sie an? Damit hätte sie sich eine eigenthümliche Mühe gegeben, damit hätte sie sich zum Vertreter unserer Geistlichkeit aufgeworfen. Ehe ich diese Schrift gesehen hatte, glaubte ich, man hätte sie unter dem Namen der Sorbonne in Umlauf gesetzt, um sich über dieselbe lustig zu machen; und als ich sie gelesen hatte, glaubte ich es sogar noch weit mehr. Als ich an ihrer Echtheit endlich nicht mehr zweifeln konnte, drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß die Sorbonne für das Irrenhaus reif wäre.

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