Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Jacques Rousseau >

Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/rousseau/bekennt2/bekennt2.xml
typeautobiography
authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081207
projectid1546f1eb
Schließen

Navigation:

1760

Frau von Luxembourg, welche wußte, daß ich diesen Brief geschrieben hatte, redete mit mir bei ihrer Osterreise davon; ich zeigte ihn ihr; sie wünschte eine Abschrift davon, ich gab sie ihr, aber als ich sie ihr gab, wußte ich nicht, daß sie zu diesen Geldgewinnern gehörte, die bei den Unterpachten betheiligt waren und Silhouettes Absetzung bewirkt hatten. Man hätte bei allen meinen Tölpelhaftigkeiten meinen sollen, daß ich förmlich darauf ausgegangen wäre, den Haß einer liebenswürdigen und mächtigen Frau zu erregen, der ich mich in Wahrheit täglich mehr anschloß und deren Ungnade mir zuziehen zu wollen ich weit entfernt war, obgleich ich mit meinen Plumpheiten alles Nöthige dazu that. Ich halte es für ziemlich überflüssig zu bemerken, daß sich die Geschichte von dem Opiat des Herrn Tronchin, deren ich in meinem ersten Theile erwähnt habe, auf sie bezog; die andere Dame war Frau von Mirepoix. Sie haben mit mir nie wieder davon geredet, noch im Geringsten verrathen, daß sie noch daran dächten, weder die eine noch die andere; allein anzunehmen, Frau von Luxembourg habe sie wirklich vergessen können, scheint mir sehr schwer, selbst wenn man von den unmittelbar darauf folgenden Ereignissen nichts wüßte. Ich für meine Person schlug mir die Wirkung meiner Dummheiten durch das Zeugnis aus dem Sinne, das ich mir gab, keine in der Absicht gemacht zu haben, sie zu beleidigen; als ob eine Frau dergleichen je verzeihen könnte, selbst bei der vollkommenen Gewißheit, daß böser Wille daran nicht den geringsten Antheil gehabt hat.

Obgleich sie jedoch weder etwas zu sehen noch zu bemerken schien und ich an ihr keine Abnahme ihres freundlichen Entgegenkommens und keine Aenderung ihres Benehmens wahrnahm, so ließ mich doch die Fortdauer und sogar Zunahme eines nur zu gegründeten Vorgefühls unaufhörlich davor zittern, daß der Schwärmerei für mich bald Ueberdruß folgen werde. Konnte ich von einer so großen Dame eine Beständigkeit erwarten, die ich so wenig zu erhalten fähig war? Ich verstand nicht einmal dieses dunkle Vorgefühl, das mich beunruhigte und noch widerwärtiger machte, vor ihr zu verhehlen. Man wird es aus dem folgenden Briefe erkennen, der eine höchst merkwürdige Vorhersagung enthält. Dabei muß ich bemerken, daß dieser im Concepte datumlose Briefe spätestens im October 1760 geschrieben ist.

»Wie grausam ist Ihre Güte! Weshalb den Frieden eines Einsiedlers stören, der auf die Freuden des Lebens verzichtete, um nicht mehr seine Widerwärtigkeiten zu fühlen? Ich habe meine Tage damit zugebracht, feste Verbindungen vergeblich zu suchen; in den Verhältnissen, die mir erreichbar waren, habe ich sie nicht anknüpfen können; darf ich sie in den Ihrigen suchen? Ehrgeiz und Eigennutz führen mich nicht mehr in Versuchung; ich bin wenig eitel, wenig besorgt; ich vermag allem zu widerstehen, nur nicht Freundlichkeiten. Weshalb greifen Sie mich beide bei einer Schwäche an, die ich besiegen muß, da bei der Kluft, die uns trennt, innige Herzensergießungen mein Herz dem Ihrigen nicht nähern dürfen? Wird einem Herzen, das nicht zwei Arten, sich zu geben, kennt und sich nur der Freundschaft fähig fühlt, die Dankbarkeit genügen? Freundschaft, Frau Marschall! Ach, das ist eben mein Unglück! Von Ihnen und dem Herrn Marschall ist es schön, dieses Wort zu gebrauchen, aber ich bin wahnsinnig, Sie beim Worte zu nehmen. Sie treiben damit Ihr Spiel, ich halte mich daran, und das Ende des Spieles bereitet mir neuen Kummer. Wie hasse ich alle Ihre Titel und wie beklage ich Sie, sie tragen zu müssen! Sie scheinen mir so würdig, sich der Reize des Privatlebens zu erfreuen! Weshalb bewohnen Sie nicht Clarens? Ich ginge hin und suchte dort das Glück meines Lebens. Aber das Schloß Montmorency, aber das Hôtel Luxembourg! Darf man dort Jean-Jacques sehen? Darf dorthin ein Freund der Gleichheit die Neigungen eines gefühlvollen Herzens bringen, eines Herzens, das dadurch, daß es die Achtung, die man ihm erweist, in gleicher Weise bezahlt, eben so viel zurückzugeben glaubt, wie es empfängt? Sie sind gut und auch gefühlvoll, ich weiß es, ich habe es gesehen; es thut mir Leid, daß ich es nicht schon früher habe glauben können; aber bei dem Range, in dem Sie stehen, bei der Lebensweise, die Sie führen, kann nichts einen dauernden Eindruck auf Sie ausüben, und so viele neue Gegenstände verwischen sich gegenseitig so vollkommen, daß keiner bleibt. Sie werden mich vergessen, gnädige Frau, nachdem Sie mich außer Stand gesetzt haben, Sie nachzuahmen. Sie werden viel gethan haben, um mich unglücklich zu machen und um unentschuldbar zu sein.«

Ich hatte Herrn von Luxembourg mit hinzugenommen, um ihr meine verletzenden Bemerkungen weniger hart zu machen, denn seiner fühlte ich mich im Uebrigen so sicher, daß ich mich auch nicht ein einziges Mal einer Befürchtung hinsichtlich der Dauer seiner Freundschaft hingegeben habe. Nichts von dem, was mich in Beziehung auf die Frau Marschall in Besorgnis versetzte, erstreckte sich auch nur einen Augenblick auf ihn. Ich habe gegen seinen Charakter, den ich als schwach, aber zuverlässig kannte, nie das geringste Mißtrauen gehabt. Ich fürchtete von seiner Seite eben so wenig eine Erkaltung, wie ich von ihm eine heroische Zuneigung erwartete. Die Einfachheit und Vertraulichkeit unseres Verkehrs ließ erkennen, wie sehr wir uns gegenseitig auf einander verließen. Wir hatten beide Recht; so lange ich lebe, werde ich das Gedächtnis dieses würdigen Herrn ehren und lieben; und was man auch gethan haben möge, ihn von mir zu trennen, so bin ich doch so sicher, daß er als mein Freund gestorben ist, wie wenn ich seinen letzten Seufzer empfangen hätte.

Bei dem zweiten Sommeraufenthalte in Montmorency im Jahre 1760 nahm ich, nachdem die Lectüre der »Julie« beendet war, meine Zuflucht zu der des »Emil«, um mir bei Frau von Luxembourg als Stütze zu dienen; aber dies hatte nicht einen gleich guten Erfolg, sei es, daß ihr der Stoff weniger zusagte, oder daß sie so vieles Vorlesen schließlich langweilte. Da sie mir jedoch den Vorwurf machte, daß ich mich durch meine Verleger anführen ließe, verlangte sie, ich sollte, um einen größeren Nutzen daraus zu ziehen, ihr die Besorgung eines Herausgebers überlassen. Ich gab dazu unter der ausdrücklichen Bedingung meine Einwilligung, daß das Werk nicht in Frankreich gedruckt würde, worüber wir einen langen Streit hatten, indem ich behauptete, daß die stillschweigende Erlaubnis unmöglich zu erlangen, ja auch unklug zu verlangen wäre, und ich ohne sie den Druck im Umfange des Königreichs nicht gestatten wollte, während sie beharrlich versicherte, daß es bei dem Verfahren, welches die Regierung angenommen hätte, nicht einmal eine Schwierigkeit bei der Censur geben würde. Sie verstand es dahin zu bringen, daß Herr von Malesherbes auf ihre Ansichten einging. Er schrieb mir darüber eigenhändig einen langen Brief, um mir zu beweisen, daß das »Glaubensbekenntnis des Savoyischen Vikars« ganz dazu geeignet wäre, überall den Beifall des menschlichen Geschlechtes und bei der jetzt herrschenden Richtung auch den des Hofes zu erlangen. Ich war überrascht, diesen sonst so zaghaft auftretenden Beamten in dieser Angelegenheit so willfährig werden zu sehen. Da der Druck eines Buches, zu dem er die Genehmigung gab, schon dadurch allein gesetzlich wurde, so hatte ich eigentlich keinen gegründeten Einwand mehr zu machen. Allein in Folge eines besondern Bedenkens verlangte ich beharrlich, daß das Werk in Holland und sogar durch Vermittelung des Verlagsbuchhändlers Réaulme gedruckt würde, den ich nicht nur ausdrücklich nannte, sondern auch davon in Kenntnis setzte, obgleich ich im Uebrigen damit einverstanden war, daß die Herausgabe zum Vortheil eines französischen Buchhändlers geschähe und man das Werk nach Vollendung des Druckes in Paris oder sonst wo in Verlag gäbe, weil dieser mich nichts anginge. Das ist die getreue Darstellung meines Uebereinkommens mit Frau von Luxembourg, nach welchem ich ihr das Manuscript einhändigte.

Bei diesem Sommeraufenthalte hatte ich ihre Enkelin, Fräulein von Boufflers, die jetzige Herzogin von Lauzun, mitgebracht. Sie hieß Amalie. Es war eine reizende Person. Ihr Aeußeres, ihre Sanftmuth und Schüchternheit war wahrhaft jungfräulich. Nichts war liebenswürdiger und fesselnder als ihr Gesicht, nichts zärtlicher und keuscher als die Gefühle, welche sie einflößte. Im Uebrigen war sie ein Kind; sie war noch nicht elf Jahre alt. Die Frau Marschall, die sie zu schüchtern fand, bemühte sich, sie lebhafter zu machen. Sie gestattete mir mehrere Male, ihr einen Kuß zu geben, was ich mit meiner gewöhnlichen Ungeschicklichkeit that. Statt der Artigkeiten, die ihr ein anderer an meiner Stelle gesagt hätte, blieb ich stumm und verlegen und ich weiß nicht, wer am verschämtesten war, die arme Kleine oder ich. Eines Tages traf ich sie allein auf der Treppe des kleinen Schlosses; sie kam von einem Besuche bei Therese, bei der sich ihre Gouvernante noch aufhielt. Da ich nicht wußte, was ich zu ihr sagen sollte, bat ich sie um einen Kuß, den sie mir in der Unschuld ihres Herzens nicht verweigerte, da sie mich schon an demselben Morgen auf Befehl und in Gegenwart ihrer Großmutter geküßt hatte. Als ich am folgenden Morgen am Bette der Frau Marschall aus dem »Emil« vorlas, stieß ich gerade auf eine Stelle, wo ich mich mit vollem Rechte über das, was ich am Tage vorher gethan hatte, tadelnd ausspreche. Sie fand den Gedanken sehr richtig und knüpfte eine sehr verständige Bemerkung daran, über die ich erröthen mußte. Wie verwünschte ich diese unglaubliche Albernheit, die mich so oft hat schuldig erscheinen lassen, wenn ich nur einfältig und verlegen war, eine Albernheit, die man bei einem Manne, von dem man weiß, daß er nicht ohne Geist ist, noch dazu nur für eine falsche Entschuldigung nimmt! Ich kann beschwören, daß bei diesem so tadelnswerthen Kusse wie bei allen andern Fräulein Amaliens Herz und Sinne nicht reiner waren als die meinen; und ich kann sogar beschwören: hätte ich in jenem Augenblicke dem Zusammentreffen mit ihr aus dem Wege gehen können, würde ich es gethan haben, nicht weil es mir nicht große Freude machte, sie zu sehen, sondern aus Verlegenheit, irgend eine Artigkeit zu finden, die ich ihr hätte sagen können. Wie ist es möglich, daß ein bloses Kind einen Mann einschüchtert, dem die Macht der Könige nicht Furcht eingejagt hat? Was thun, wie sich benehmen, wenn einem alles Unverhoffte alle Geisteskraft raubt? Zwinge ich mich, mit den Leuten, die ich treffe, zu reden, so sage ich unfehlbar eine Dummheit; sage ich nichts, so bin ich ein Menschenfeind, ein wildes Thier, ein Bär. Vollkommene Geistesschwäche wäre mir weit vortheilhafter gewesen; aber die Talente, an denen es mir in der Welt gefehlt hat, sind die Ursache meines Verderbens gewesen, haben in mir ganz besondere Talente hervorgerufen.

Gegen Ende desselben Aufenthalts that Frau von Luxembourg ein gutes Werk, an dem ich einigen Antheil hatte. Da Diderot sehr unkluger Weise die Frau Prinzessin von Robeck, Tochter des Herrn von Luxembourg, beleidigt hatte, so rächte sie Palissot, der ihr Schützling war, durch das Lustspiel »Die Philosophen«, in welchem ich lächerlich gemacht und Diderot arg mißhandelt wurde. Der Verfasser verfuhr gegen mich schonungsvoller, weniger, wie ich glaube, um der Verpflichtung willen, die er gegen mich hatte, als aus Furcht, dem Vater seiner Beschützerin, dessen Vorliebe für mich er kannte, zu mißfallen. Der Buchhändler Duchesne, den ich damals noch gar nicht kannte, schickte mir dieses Stück, sobald es gedruckt war, und ich vermuthe, daß er es auf Palissots Geheiß that, der vielleicht wähnte, ich würde einen Mann, mit dem ich gebrochen hatte, mit Freuden zerreißen sehen. Er täuschte sich sehr. Obgleich ich mit Diderot brach, den ich nicht sowohl für boshaft als für indiscret und schwach hielt, habe ich doch um unsrer alten Freundschaft willen, die, wie ich weiß, bei ihm lange eben so aufrichtig wie bei mir war, in meinem Herzen stets Liebe für ihn, sogar Achtung und Hochachtung bewahrt. Ganz anders verhält es sich mit Grimm, einem seinem Charakter nach falschen Menschen, der mich nie liebte, der nicht einmal der Liebe fähig ist, und der aus bloser Herzenslust, ohne irgend einen Grund zur Klage und lediglich zur Befriedigung seiner schändlichen Eifersucht sich im Geheimen zu meinem grausamsten Verläumder hergegeben hat. Dieser ist für mich nichts mehr, jener wird stets mein einstiger Freund sein. Mein Herz blutete beim Anblick dieses schandbaren Stückes; ich konnte die Lectüre desselben nicht ertragen und, ohne sie zu vollenden, schickte ich es Duchesne mit folgendem Briefe zurück:

Montmorency, den 21. Mai 1760.

»Bei flüchtiger Durchsicht des Stückes, welches Sie, mein Herr, mir gesandt, hat es mich entrüstet, mich gelobt zu sehen. Ich nehme dieses entsetzliche Geschenk nicht an. Ich bin überzeugt, daß Sie mich durch die Uebersendung nicht haben beleidigen wollen, aber Sie wissen nicht oder haben es vergessen, daß ich die Ehre gehabt habe, der Freund eines achtungswerthen Mannes zu sein, der in dieser Schmähschrift unwürdig besudelt und verleumdet ist.«

Duchesne zeigte diesen Brief. Diderot, den er hätte rühren sollen, ärgerte sich über ihn. Seine Eigenliebe konnte die Ueberlegenheit eines so edelmüthigen Vorgehens nicht vergeben, und ich erfuhr, daß seine Frau überall gegen mich mit einer Bitterkeit loszog, die wenig Eindruck auf mich machte, da ich wußte, daß sie aller Welt als Fischweib bekannt war.

Diderot fand seinerseits einen Rächer in dem Abbé Morellet, der nach Art des »Kleinen Propheten« eine Broschüre unter dem Titel »Die Vision« gegen Palissot schrieb. Sehr unkluger Weise beleidigte er in dieser Schrift Frau von Robeck, deren Freunde ihn in die Bastille sperren ließen, denn was sie anlangt, die von Natur wenig rachsüchtig und damals todtkrank war, so bin ich überzeugt, daß es von ihr nicht ausging.

D'Alembert, der mit dem Abbé Morellet sehr befreundet war, forderte mich brieflich auf, Frau von Luxemburg um Herbeiführung seiner Freiheit zu bitten, wobei er ihr aus Dankbarkeit einen Lobartikel in der Encyklopädie Dieser Brief ist mit mehreren andern in dem Hotel Luxembourg, während sie sich daselbst in Aufbewahrung befanden, verschwunden. versprach. Ich lasse meine Antwort hier folgen:

»Ich habe Ihren Brief, mein Herr, nicht abgewartet, um der Frau Marschall von Luxembourg den Schmerz zu schildern, den mir die Verhaftung des Abbé Morellet bereitete. Sie kennt den Antheil, den ich daran nehme; sie soll auch den erfahren, den Sie daran nehmen, und um selbst von Theilnahme für ihn erfüllt zu werden, würde es für sie genügen zu vernehmen, daß er ein Mann von Verdienst ist. Obgleich sie wie der Herr Marschall mich mit einem Wohlwollen beehren, das den Trost meines Lebens ausmacht, und obgleich der Name Ihres Freundes bei ihnen eine Empfehlung für den Abbé Morellet ist, so weiß ich gleichwohl nicht, bis zu welchem Grade es ihnen gefällt, bei dieser Gelegenheit den mit ihrem Range verbundenen Einfluß und ihr persönliches Ansehen aufzubieten. Ich bin nicht einmal überzeugt, daß der fragliche Racheact so sehr, wie Sie anzunehmen scheinen, auf die Frau Prinzessin von Rodeck zurückzuführen ist; und wäre dies auch der Fall, so darf man doch nicht annehmen, daß die Rachlust ausschließlich den Philosophen zukomme, und daß, wenn diese Frauen sein wollen, die Frauen Philosophen sein werden.

»Ich werde Sie von dem, was mir Frau von Luxembourg sagen wird, sobald ich ihr Ihren Brief gezeigt habe, in Kenntnis setzen. Inzwischen glaube ich sie genügend zu kennen, um Ihnen im voraus die Versicherung geben zu können, daß, wenn sie das Vergnügen haben sollte, zu der Freilassung des Abbé Morellet beizutragen, sie den Tribut der Dankbarkeit, den Sie ihr in der Encyklopädie versprechen, nicht annehmen würde, so ehrenvoll er auch für sie wäre, weil sie das Gute nicht des Lobes willen thut, sondern zur Befriedigung ihres guten Herzens.«

Ich unterließ nichts, um zum Besten des armen Gefangenen den Eifer und das Mitleid der Frau von Luxembourg zu erwecken, und es gelang mir. Sie reiste nach Versailles, lediglich um dem Herrn Grafen von Saint-Florentin einen Besuch abzustatten, und diese Reise kürzte ihren Aufenthalt zu Montmorency ab, welches der Herr Marschall zu gleicher Zeit zu verlassen gezwungen war, um sich nach Rouen zu begeben, wohin ihn der König wegen einiger stürmischer Auftritte im Parlamente, das man im Zaume halten wollte, als Gouverneur der Normandie schickte. Am zweiten Tage nach ihrer Abreise schrieb mir die Frau von Luxembourg folgenden Brief (Heft D, Nr. 23):

Versailles, Mittwoch.

»Herr von Luxembourg ist gestern früh um sechs Uhr abgereist. Ich weiß nicht, ob ich ihm folgen werde. Ich warte auf Nachricht von ihm, weil er selbst noch nicht weiß, wie lange er dort sein wird. Ich habe Herrn von Saint-Florentin gesehen, der gegen den Abbé Morellet sehr günstig gesinnt ist, allein es stehen ihm Hindernisse entgegen, die er indessen bei seinem ersten Vortrage bei dem Könige, der nächste Woche stattfindet, zu besiegen hofft. Ich habe auch als Gnade erbeten, ihn nicht zu verbannen, weil die Rede davon war; man wollte ihn nach Nancy schicken. Das ist es, mein Herr, was ich habe erlangen können; aber ich verspreche Ihnen, daß ich Herrn von Saint-Florentin nicht in Ruhe lassen werde, so lange die Angelegenheit nicht nach Ihrem Wunsche durchgeführt ist. Und nun nehmen Sie meine Versicherung an, wie schmerzlich es mich berührte, Sie so bald verlassen zu müssen; aber ich schmeichle mir, daß Sie es nicht in Zweifel ziehen. Ich liebe Sie von ganzem Herzen und mein ganzes Leben lang.«

Einige Tage darauf erhielt ich von d'Alembert folgendes Billet, das mich mit wahrer Freude erfüllte (Heft D, Nr. 26):

Den 1. August.

»Dank Ihren Bemühungen, mein lieber Philosoph, ist der Abbé aus der Bastille entlassen, und wird seine Haft keine andern Folgen haben. Er reist auf das Land und ruft Ihnen, eben so wie ich, tausend Dank und Grüße zu. Vale et me ama.«

Der Abbé schrieb einige Tage später gleichfalls einen Danksagungsbrief (Heft D, Nr. 29) an mich, dem meines Bedünkens eine gewisse Herzlichkeit fehlte und in dem er den Dienst, den ich ihm erwiesen hatte, gewissermaßen abzuschwächen schien; und einige Zeit später nahm ich wahr, daß mich d'Alembert und er in einiger Hinsicht bei Frau von Luxembourg, ich will nicht sagen, ausgestochen hatten, aber mir in ihrer Gunst gefolgt waren, und ich bei ihr so viel verloren hatte, als sie gewonnen. Indessen bin ich weit davon entfernt, den Abbé Morellet zu beargwöhnen, zu meiner Ungnade beigetragen zu haben; dazu achte ich ihn zu sehr. Was d'Alembert betrifft, sage ich hier nichts darüber; ich werde später darauf zu sprechen kommen.

Zu der nämlichen Zeit hatte ich eine andere Angelegenheit, die mir zu dem letzten Briefe, welchen ich an Voltaire schrieb, Veranlassung gab, zu einem Briefe, über den er wie über eine abscheuliche Beleidigung lautes Geschrei erhob, obgleich er ihn niemandem gezeigt hat. Ich werde das, was er nicht hat thun wollen, hier nachholen.

Der Abbé Trublet, den ich flüchtig kannte, aber sehr selten gesehen hatte, schrieb den 13. Juni 1760 (Heft D, Nr. 11) an mich, um mich davon zu benachrichtigen, daß Herr Formey, sein Freund und Correspondent, meinen Brief an Herrn von Voltaire über das Unglück von Lissabon in seinem Journale abgedruckt hätte. Der Abbé Trublet verlangte zu wissen, wie dieser Abdruck möglich gewesen wäre, und als echter Jesuit fragte er mich um meine Absicht über die Wiederveröffentlichung dieses Briefes, ohne mir die seinige sagen zu wollen. Da ich die Schlauköpfe dieser Klasse im höchsten Grade hasse, sagte ich ihm den schuldigen Dank, aber ich that es in einem sehr herben Tone, den er herausfühlte, der ihn aber trotzdem nicht abhielt, mich noch in zwei oder drei weiteren Briefen auszuholen, bis er alles wußte, was er hatte wissen wollen.

Was Trublet auch darüber sagen mochte, so begriff ich doch ganz gut, daß Formey diesen Brief nicht gedruckt vorgefunden hatte, sondern daß der erste Druck desselben von ihm herrührte. Ich kannte ihn als einen schamlosen Plünderer, der sich ohne Umstände aus den Arbeiten anderer ein Einkommen verschaffte, wenn er es auch noch nicht zu jener unglaublichen Unverschämtheit gebracht hatte, einem schon veröffentlichten Werke den Namen des Verfassers zu rauben, seinen eigenen an Stelle desselben zu setzen und es zu seinem eigenen Vortheile zu verkaufen. Auf diese Weise hat er sich später den Emil angeeignet. Aber wie war er zu diesem Manuscript gelangt? Die Frage war nicht schwer zu beantworten, und doch gerieth ich thörichter Weise über sie in Verlegenheit. Obgleich Voltaire in diesem Briefe übermäßig geehrt wurde, so wäre er trotz seines unhöflichen Auftretens doch sich zu beklagen berechtigt gewesen, wenn ich ihn ohne seine Einwilligung hätte drucken lassen, und so entschloß ich mich denn, darüber an ihn zu schreiben. Man lese diesen zweiten Brief, den er nicht beantwortete und über den er sich, um sich seiner wilden Leidenschaft nach Herzenslust überlassen zu können, bis zur Wuth erzürnt stellte.

Montmorency, den 17. Juni 1760.

»Ich dachte nicht, mein Herr, daß ich mich je wieder zu einem Briefwechsel mit Ihnen genöthigt sehen würde. Da ich jedoch erfahre, daß der Brief, den ich im Jahre 1756 an Sie schrieb, in Berlin gedruckt ist, so muß ich Ihnen über mein Benehmen in dieser Hinsicht Rechenschaft ablegen, und ich werde diese Pflicht mit aller Wahrheit und Aufrichtigkeit erfüllen.

»Dieser wirklich an Sie gerichtete Brief war nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Bedingungsweise theilte ich ihn drei Personen mit, denen das Recht der Freundschaft mir nicht gestattete dergleichen vorzuenthalten, und denen dasselbe Recht noch weniger gestattete, Mißbrauch mit dem ihnen Anvertrauten durch den Bruch ihres Versprechens zu treiben. Diese drei Personen sind: Frau von Chenonceaux, Schwiegertochter der Frau Dupin, die Frau Gräfin von Houdetot und ein Deutscher, Namens Grimm. Frau von Chenonceaux wünschte, daß dieser Brief gedruckt würde und bat mich um meine Einwilligung dazu. Ich erklärte ihr, dieselbe wäre von der Ihrigen abhängig. Sie wurden darum ersucht, Sie verweigerten sie, und es war davon nicht mehr die Rede.

»Demungeachtet schrieb mir der Abbé Trublet, mit dem ich in keinerlei Art von Verbindung stehe, vor kurzem mit ausgesuchter Höflichkeit, er hätte von dem Journale des Herrn Formey eine Nummer erhalten und in ihr diesen nämlichen Brief nebst einer Anmerkung gelesen, in welcher der Herausgeber unter dem Datum des 23. October 1759 erklärte, er hätte ihn vor einigen Wochen bei den Berliner Buchhändlern gefunden und geglaubt, ihm eine Stelle in seinem Journale geben zu müssen, da es zu jenen fliegenden Blättern gehörte, die binnen kurzem für immer verschwinden.

»Das, mein Herr, ist alles, was ich davon weiß. Es ist vollkommen sicher, daß man in Paris bis jetzt von diesem Briefe nicht einmal gehört hatte. Es ist ferner vollkommen sicher, daß das dem Herrn Formey in die Hände gefallene sei es nun handschriftliche oder gedruckte Exemplar ihm nur hat von Ihnen zukommen können, was nicht wahrscheinlich ist, oder von einer der drei von mir eben erwähnten Personen. Endlich ist es vollkommen sicher, daß die beiden Damen einer solchen Treulosigkeit unfähig sind. Aus meiner Zurückgezogenheit kann ich nicht mehr darüber erfahren. Vermittelst Ihrer Correspondenzen würde es Ihnen leicht sein, falls es sich der Mühe lohnte, bis zur Quelle zurückzugehen und die Thatsache festzustellen.

»In demselben Briefe theilt mir der Abbé Trublet mit, daß er die Journalnummer zurückbehalte und sie ohne meine Einwilligung, die ich sicherlich nicht gebe, niemandem zeigen werde. Allein dieses Exemplar ist vielleicht nicht das einzige in Paris. Ich, mein Herr, wünsche, daß dieser Brief dort nicht gedruckt werde, und werde mein Bestes dazu thun; sollte ich es jedoch nicht zu hindern vermögen und ich mir bei rechtzeitiger Kenntnis zuerst die Veröffentlichung sichern können, dann würde ich nicht Anstand nehmen, den Druck selbst zu besorgen. Dies scheint mir gerecht und natürlich.

»Was Ihre Antwort auf diesen Brief anlangt, so ist sie niemandem mitgetheilt worden, und Sie können sich darauf verlassen, daß sie nicht gedruckt werden wird ohne Ihre Erlaubnis, Dies gilt natürlich nur für seine wie meine Lebenszeit, und sicherlich würden die berechtigtsten Anforderungen, namentlich bei einem Manne, der sie alle mit Füßen tritt, nicht mehr verlangen können. um die ich Sie wahrhaftig nicht unbescheidener Weise ersuchen werde, da ich sehr wohl weiß, daß das, was ein Mann dem andern schreibt, nicht für das Publikum geschrieben ist. Wenn Sie jedoch einen zur Veröffentlichung bestimmten Brief an mich richten wollen, so verspreche ich Ihnen, daß er dem meinigen getreulich beigefügt werden soll und ich nicht ein einziges Wort darauf erwidern werde.

»Ich liebe Sie nicht, mein Herr; Sie haben mir die Leiden bereitet, die für mich die empfindlichsten sein mußten, mir, Ihrem Schüler und begeisterten Anhänger. Zum Lohn für die Zuflucht, die Sie in Genf gefunden, haben Sie es verdorben; zum Lohn für die Lobeserhebungen, die ich Ihnen unter meinen Mitbürgern verschwenderisch gespendet, haben Sie sie mir entfremdet; Sie sind es, der mir den Aufenthalt in meiner Heimat unerträglich macht, Sie, um dessen willen ich auf fremder Erde sterben muß, beraubt aller Tröstungen der Sterbenden und zur letzten Ehre auf den Schindanger geworfen, während Ihnen alle Ehren, auf die ein Mensch hoffen darf, in meiner Heimat das Geleite geben werden. Kurz ich hasse Sie, da Sie es gewollt haben; aber ich hasse Sie als ein Mann, der noch würdiger ist, Sie zu lieben, wenn Sie es gewollt hätten. Von allen Gefühlen, die mein Herz für Sie durchdrungen haben, bleibt mir nur die Bewunderung, die man Ihrem schönen Genie nicht verweigern kann, und die Liebe zu Ihren Schriften. Wenn ich in Ihnen nur Ihre Talente ehren kann, so liegt die Schuld nicht an mir. Ich werde es nie an der Ihnen gebührenden Achtung fehlen lassen, noch an dem Benehmen, welches diese Achtung erfordert. Leben Sie wohl, mein Herr!« Man wird bemerken, daß ich seit fast sieben Jahren, vor denen dieser Brief geschrieben ist, weder davon zu einer lebenden Seele gesprochen, noch ihn ihr gezeigt habe. Eben so verhielt es sich mit den beiden Briefen, die mich Herr Hume im letzten Sommer an ihn zu schreiben zwang, bis er den Lärm erhob, den jeder kennt. Das Böse, das ich von meinen Feinden zu sagen habe, sage ich Ihnen im Geheimen selbst; was das Gute anlangt, sage ich es, wenn es etwas giebt, öffentlich und aufrichtig.

Mitten unter diesen kleinen literarischen Zänkereien, die mich mehr und mehr in meinem Entschlusse bestärkten, empfing ich die größte Ehre, die mir die schriftstellerische Thätigkeit eingebracht und mich am angenehmsten berührt hat, durch den Besuch, den mir der Prinz von Conti zweimal zu machen geruhte, den einen im kleinen Schlosse und den andern in Mont-Louis. Beide Male wählte er sogar die Zeit, in der Frau von Luxembourg nicht in Montmorency war, um es noch klarer zu zeigen, daß er nur um meiner willen käme. Ich habe nie daran gezweifelt, daß ich der Frau von Luxembourg und der Frau von Boufflers die ersten Freundlichkeiten dieses Fürsten verdankte; allein ich zweifle auch nicht, daß ich diejenigen, mit denen er mich zu ehren seitdem nicht aufgehört hat, seinen eigenen Gefühlen und mir selbst verdanke! Man bemerke die Beharrlichkeit dieses blinden und albernen Vertrauens inmitten aller der Behandlung, die mich eines Bessern hätte belehren sollen. Erst nach meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1770 hat es aufgehört.

Da meine Wohnung in Mont-Louis sehr beschränkt und die Lage des Thurmes reizend war, so führte ich dorthin den Prinzen, der, um das Maß seiner Gnade voll zu machen, mir die Ehre anthun wollte, mit mir eine Partie Schach zu spielen. Ich wußte, daß er den Chevalier von Lorenzi, der besser als ich spielte, besiegte. Indessen trotz der Winke und Zeichen des Chevalier und der Anwesenden, die ich mich nicht zu bemerken stellte, gewann ich die beiden Partien, die wir machten. Mit ehrfurchtsvollem, aber ernstem Tone sagte ich nach Beendigung derselben zu ihm: »Gnädigster Herr, ich ehre Ew. Durchlaucht zu sehr, um Sie im Schach nicht immer zu besiegen.« Dieser große Fürst, so voller Geist und Einsichten und so würdig, nicht der Gegenstand von Schmeicheleien zu sein, fühlte, wie ich wenigstens glaube, in der That, daß ich allein ihn als Mann behandelte, und ich habe alle Ursache zu glauben, daß er mir dafür in Wahrheit Dank gewußt hat.

Und hätte er mir dafür keinen Dank gewußt, so würde ich mir die Absicht, ihn in keinem Stücke zu täuschen, doch nicht vorwerfen, und ich habe mir auch sicherlich nicht vorzuwerfen, daß ich seine Güte in meinem Herzen nicht erwidert hätte, wohl aber, daß ich sie mitunter unfreundlich erwidert, während er selbst in die Art, sie mir zu erweisen, eine grenzenlose Freundlichkeit legte. Einige Tage darauf sandte er mir einen Korb mit Wildpret, den ich annahm, wie es sich ziemte. Einige Zeit später sandte er mir einen andern, und einer seiner Forstbeamten schrieb auf seinen Befehl, daß das Wild von der Jagd Seiner Hoheit herstammte und von seiner eigenen Hand erlegt wäre. Ich nahm es noch einmal an, schrieb jedoch an Frau von Boufflers, ich würde keines mehr annehmen. Dieser Brief erhielt allgemeinen Tadel und verdiente ihn. Die Ablehnung eines Geschenkes, aus Wildpret bestehend, von einem Prinzen von Geblüt, der die Sendung noch dazu in so verbindlicher Weise vornehmen läßt, verräth weniger das Zartgefühl eines stolzen Mannes, der seine Unabhängigkeit bewahren will, als die Grobheit eines Mannes ohne Erziehung, der sich überhebt. Ich habe diesen Brief in meiner Sammlung nie wieder gelesen, ohne zu erröthen und mir vorzuwerfen, ihn geschrieben zu haben. Ich schreibe aber meine Bekenntnisse ja nicht, um meine Albernheiten zu verschweigen, und diese empört mich selbst zu sehr, als daß es mir gestattet wäre, sie zu verheimlichen.

Wenig fehlte daran, so hätte ich auch noch die Thorheit begangen, sein Nebenbuhler zu werden, denn damals war Frau von Boufflers noch seine Geliebte, und ich wußte nichts davon. Sie besuchte mich mit dem Chevalier von Lorenzi ziemlich häufig. Sie war noch schön und jung; sie glaubte durch römischen Geist zu glänzen, und ich war stets romantisch; das waren ziemlich nahe Berührungspunkte. Ich war nahe daran, in Feuer zu gerathen; ich glaube, sie merkte es; der Chevalier gewahrte es ebenfalls, wenigstens sprach er davon mit mir und zwar in einer mich nicht entmuthigenden Weise. Aber für dieses Mal war ich klug, und in einem Alter von fünfzig Jahren war es an der Zeit. Voll von der Lehre, die ich in meinem Briefe an d'Alembert so eben den Graubärten gegeben hatte, schämte ich mich, sie selber so schlecht zu befolgen. Uebrigens hätte ich ja, da ich erfuhr, was ich bis dahin nicht gewußt hatte, rasend sein müssen, hätte ich in so hohen Kreisen als Nebenbuhler auftreten wollen. Kurz ich fühlte, von meiner Leidenschaft für Frau von Houdetot vielleicht auch noch nicht völlig geheilt, daß nichts sie mehr in meinem Herzen ersetzen könnte, und sagte der Liebe für meine übrige Lebenszeit Lebewohl. In dem Augenblicke, wo ich dieses schreibe, hat eine junge Frau, die ihre Absichten hatte, sehr gefährliche Buhlerkünste gegen mich aufgeboten und mir höchst beunruhigende Blicke zugeworfen, aber wenn sie anscheinend meine zwölf Lustren vergessen hat, so bin ich ihrer eingedenk geblieben. Nachdem ich mich aus dieser Lage gezogen, fürchte ich nicht mehr zu fallen und bürge für den Rest meiner Tage für mich.

Da Frau von Boufflers die Gemütsbewegung, die sie in mir erregt, wahrgenommen hatte, so konnte sie auch wahrnehmen, daß ich sie besiegt hatte. Ich bin weder so närrisch noch so eitel, um zu glauben, daß ich ihr in meinem Alter hätte Neigung einflößen können, aber nach gewissen Aeußerungen, die sie Theresen gegenüber machte, glaubte ich Neugier in ihr erweckt zu haben. Ist dies der Fall und hat sie mir nicht vergeben, daß ich diese Neugier nicht befriedigt habe, so muß man gestehen, daß ich wahrlich dazu geboren wurde, das Opfer meiner Schwächen zu werden, weil mir nicht nur die siegreiche Liebe verhängnisvoll wurde, sondern die besiegte noch weit mehr.

Hier endigt die Briefsammlung, die mir in diesen zwei Büchern als Leitfaden gedient hat. Jetzt folge ich nur noch meinen Erinnerungen, aber sie sind hinsichtlich dieses bitteren Lebensabschnittes so lebhaft und die Eindrücke, die sie in mir hinterlassen, sind so stark, daß ich, auf dem grenzenlosen Meere meines Mißgeschicks verloren, die Einzelheiten meines ersten Schiffbruches nicht zu vergessen vermag, obgleich seine Folgen mir nur noch verworrene Erinnerungen bieten. So bin ich im Stande, im folgenden Buche noch immer mit ziemlicher Sicherheit vorwärts zu gehen. Wenn ich dann aber weiter schreite, geschieht es nur noch tastend.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.