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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 13
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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Zehntes Buch.

1758

Die wunderbare Kraft, die mir eine vorübergehende Aufwallung eingeflößt hatte, die Kraft, die Eremitage zu verlassen, verschwand, sobald ich fortgezogen war. Kaum war ich in meiner neuen Wohnung eingerichtet, als sich zu heftigen und zahlreichen Anfällen der Harnverhaltung eine neue Belästigung durch einen Bruch gesellte, der mich seit einiger Zeit quälte, ohne daß ich sein Vorhandensein wußte. Bald war ich eine Beute der schmerzhaftesten Krankheitserscheinungen. Mein alter Freund, der Arzt Thierry, besuchte mich und klärte mich über meinen Zustand auf. Sonden, Harnröhrchen, Bruchbänder, alle um mich her vereinte Schutzmittel gegen die Gebrechlichkeit des Alters ließen mich hart fühlen, daß man nicht mehr ungestraft ein junges Herz hat, sobald der Körper aufgehört, es zu sein. Die schöne Jahreszeit gab mir meine Kräfte keineswegs wieder, und ich brachte das ganze Jahr 1758 in einem Zustande von Ermattung zu, der mich zu dem Glauben brachte, daß mein Ende nahe wäre. Ich sah es mit einer Art von Eifer heranrücken. Von den Hirngespinsten der Freundschaft zurückgekommen, von allem losgelöst, was mich mit Liebe zum Leben erfüllt hatte, sah ich in ihm nichts mehr, was es mir hätte angenehm machen können; ich sah darin nur noch Leiden und Elend, die mich nicht zur Freude an mir selbst gelangen ließen. Ich sehnte mich nach dem Augenblicke der Freiheit und Errettung vor meinen Feinden. – Aber nehmen wir den Faden der Ereignisse wie«der auf.

Mein Rückzug nach Montmorency schien Frau von Epinay aus der Fassung zu bringen; wahrscheinlich hatte sie das nicht vermuthet. Mein trauriger Zustand, die Strenge der Jahreszeit, die völlige Verlassenheit, in der ich mich befand, alles hatte ihnen, nämlich Grimm und ihr, den Glauben beigebracht, daß sie, wenn sie mich bis zum Aeußersten trieben, mich nöthigen könnten, um Gnade zu bitten und mich auf das tiefste zu erniedrigen, um in dem Asyle gelassen zu werden, das mir die Ehre aufzugeben gebot. Ich zog so rasch aus, daß sie nicht Zeit hatten, den Streich abzuwenden, und sie hatten nur die Wahl, alles auf das Spiel zu setzen und mich vollends zu verderben, oder den Versuch zu machen, mich zurückzuführen. Grimm entschied sich für das Erste; ich glaube indessen, daß Frau von Epinay dem andern den Vorzug gegeben hätte. Ich schließe dies aus ihrer Antwort auf meinen Brief, in der sie den Ton, welchen sie in den vorangehenden angeschlagen hatte, bedeutend herabstimmt und die Thüre zur Versöhnung zu öffnen scheint. Die lange Verzögerung dieser Antwort, auf welche sie mich einen vollen Monat warten ließ, verräth zur Genüge die Verlegenheit, in der sie sich befand, ihr eine passende Wendung zu geben, und die Ueberlegungen, die sie vorher anstellte. Sie konnte nicht entgegenkommender sein, ohne sich bloßzustellen, aber nach ihren vorhergehenden Briefen und nach meinem schnellen Verlassen ihres Hauses kann man sich nur über die Mühe wundern, die sie sich in diesem Briefe giebt, kein einziges unhöfliches Wort einfließen zu lassen. Ich will ihn hier wortgetreu veröffentlichen, damit man sich selbst ein Urtheil darüber bilde (Heft B, Nr. 23):

Genf, den 17. Januar 1758.

»Ihren Brief vom 17. December habe ich, mein Herr, erst gestern erhalten. Man hat ihn mir in einem mit verschiedenen Dingen angefüllten Kästchen übersandt, das diese ganze Zeit unterwegs gewesen ist. Ich will nur auf die Nachschrift antworten; was den Brief selbst anlangt, so verstehe ich ihn nicht vollkommen, und ich möchte, wenn wir uns darüber aussprechen könnten, alles Vorgefallene gern einem Mißverständnisse zuschreiben. Ich komme auf die Nachschrift zurück. Sie werden sich entsinnen, mein Herr, daß wir verabredet hatten, der Lohn des Gärtners der Eremitage sollte durch Ihre Hände gehen, um ihm seine Abhängigkeit von Ihnen besser fühlbar zu machen und Sie vor solchen eben so lächerlichen wie unanständigen Auftritten zu bewahren, wie sie sein Vorgänger herbeigeführt hatte. Der Beweis dafür ist, daß Ihnen die ersten Quartale seines Gehaltes eingehändigt sind, und ich wenige Tage, vor meiner Abreise mit Ihnen verabredet hatte, Ihnen Ihre Vorschüsse zurückerstatten zu lassen. Ich weiß, daß Sie sich anfangs dagegen sträubten; aber diese Vorschüsse haben Sie auf meine Bitte gemacht, ich mußte sie Ihnen also selbstverständlich ersetzen, und wir haben uns darüber geeinigt. Nach Cahouets Bericht haben Sie dieses Geld durchaus nicht annehmen wollen. Sicherlich findet hier ein Quidproquo statt. Auf meinen Befehl wird man es Ihnen noch einmal bringen, und ich begreife nicht, weshalb Sie trotz unserer Verabredung meinen Gärtner bezahlen wollen und noch dazu sogar über die Zeit hinaus, während der Sie die Eremitage bewohnt haben. Ich verlasse mich, mein Herr, deshalb darauf, daß Sie in Erinnerung alles dessen, was ich Ihnen zu sagen die Ehre habe, die Rückerstattung des Vorschusses nicht ablehnen werden, den Sie für mich zu machen so gütig waren.«

Nach allem Vorgefallenen wollte ich, da ich zu Frau von Epinay kein Zutrauen mehr fassen konnte, nicht wieder mit ihr anknüpfen; ich ließ diesen Brief deshalb unerwidert, und unser Briefwechsel hatte damit ein Ende. Als sie meinen festen Entschluß erkannte, faßte sie den ihrigen und, nun auf alle Absichten Grimms und der Holbachschen Sippschaft eingehend, vereinigte sie ihre Anstrengungen mit jener Bemühungen, um mich zu Grunde zu richten. Während sie in Paris arbeiteten, arbeitete sie in Genf. Grimm, der sich dort später zu ihr gesellte, vollendete, was sie begonnen hatte. Tronchin, den zu gewinnen ihnen nicht schwer fiel, unterstützte sie kräftig und wurde der grimmigste meiner Verfolger, ohne von mir eben so wenig wie Grimm die geringste Veranlassung zur Klage erhalten zu haben. Im Stillen säeten alle drei in Übereinstimmung den Samen in Genf aus, den man dort vier Jahre nachher aufschießen sah.

In Paris, wo ich bekannter war und wo die weniger zum Haß geneigten Herzen dessen Eindrücke weniger leicht aufnahmen, hatten sie mehr Mühe. Um ihre Schläge mit größerer Gewandtheit zu führen, verbreiteten sie zuerst, ich wäre es gewesen, der sie verlassen hätte. (Man lese Deleyre's Brief, Heft B, Nr. 30.) Darauf säeten sie, sich beständig für meine Freunde ausgebend, ihre boshaften Beschuldigungen als Klagen über die Ungerechtigkeit ihres Freundes aus. Dies bewirkte, daß man, weniger auf seiner Hut, geneigter war, sie anzuhören und mich zu tadeln. Die heimlichen Beschuldigungen der Treulosigkeit und Undankbarkeit wurden vorsichtiger und deshalb wirkungsvoller verbreitet. Ich wußte, daß sie mir abscheuliche Schlechtigkeiten nachsagten, ohne je erfahren zu können, worin sie sie bestehen ließen. Alles, was ich aus dem öffentlichen Gerüchte schließen konnte, war, daß mir folgende vier Hauptverbrechen zur Last gelegt wurden: 1. meine Rückkehr auf das Land; 2. meine Liebe zu Frau von Houdetot; 3. meine Weigerung, Frau von Epinay nach Genf zu begleiten; 4. mein Verlassen der Eremitage. Fügten sie noch andere Klagen hinzu, so trafen sie ihre Maßregeln doch so vorsichtig, daß es mir unmöglich gewesen ist, je ihren eigentlichen Gegenstand zu erfahren.

In diese Zeit glaube ich deshalb die Einrichtung eines Verfahrens setzen zu müssen, das sich diejenigen, welche über mich verfügen, so reißend schnell und erfolgreich angeeignet haben, daß es jedem wunderbar erscheinen würde, der nicht wüßte, mit welcher Leichtigkeit sich alles festsetzt, was der Bosheit der Menschen zu Statten kommt. Ich halte mich für verpflichtet, das, was dieses dunkle und tiefe System für meine Augen Sichtbares hat, mit wenig Worten auseinanderzusetzen.

Bei einem schon berühmten und in ganz Europa bekannten Namen hatte ich die Einfachheit meiner ersten Neigungen bewahrt. Mein unüberwindlicher Widerwille gegen alles, was Partei und Parteilichkeit heißt, hatte mich frei, unabhängig und ohne eine andere Fessel als die Neigungen meines Herzens erhalten. Allein, fremd, einsam, ohne Stütze, ohne Familie, mich nur nach meinen Grundsätzen und Pflichten richtend, blieb ich unerschrocken auf geradem Wege, auf Kosten der Gerechtigkeit und der Wahrheit niemandem schmeichelnd, niemand schonend. Noch mehr: seit zwei Jahren in die Einsamkeit zurückgezogen, ohne schriftlichen Verkehr, ohne Beziehung zu den Welthändeln ohne von etwas unterrichtet oder aus etwas neugierig zu sein, lebte ich vier Meilen von Paris, von dieser Hauptstadt durch meine Sorglosigkeit eben so getrennt, wie ich es auf der Insel Tinian durch das Meer gewesen wäre.

Grimm, Diderot, von Holbach dagegen, im Mittelpunkte des Strudels, lebten in den Kreisen der vornehmsten Welt, die sie fast alle unter sich vertheilt hatten. Große, Schöngeister, Schriftsteller, Juristen, Frauen, alle schenkten ihnen offenes Ohr. Man sieht schon den Vortheil, welchen diese Stellung drei gegen einen Vierten in der meinigen fest verbundenen Menschen giebt. Allerdings waren Diderot und Holbach (ich kann es wenigstens nicht glauben) nicht die Leute, um ganz schändliche Verschwörungen anzuzetteln, der Eine besaß nicht die dazu nöthige Bosheit, Ich gestehe, daß alles, was ich nach Abfassung dieses Buches durch die mich umringenden Geheimnisse hindurchschimmern sehe, mich befürchten läßt, Diderot nicht gekannt zu haben. – (Diese Anmerkung befindet sich nicht in den Ausgaben vor dem Jahre 1801.) und der Andere nicht die Geschicklichkeit, aber gerade das war für das Gelingen des Planes nur um so günstiger. Grimm allein entwarf ihn in seinem Kopfe und zeigte den beiden anderen von ihm nur soviel, als sie zur Mitwirkung bei der Ausführung sehen mußten. Das Uebergewicht, welches er über sie gewonnen hatte, erleichterte diese Mitwirkung und die Wirkung des Ganzen entsprach der Ueberlegenheit seines Talentes.

Da er den Vortheil einsah, welchen er aus unsern beiderseitigen Stellungen ziehen konnte, entwarf er mit diesem überlegenen Talente den Plan, meinen Ruf völlig zu vernichten und mir den gerade entgegengesetzten zu verschaffen, ohne sich bloßzustellen, indem er rings um mich her eine Wand von Finsternis zu errichten begann, die es mir zu durchdringen unmöglich war, um seine Kunstgriffe aufzuhellen, und ihn zu entlarven.

Dieses Unternehmen war insofern schwierig, als er dessen Schlechtigkeit in den Augen derjenigen, welche dabei seine Helfershelfer sein sollten, bemänteln mußte. Er mußte die Ehrenmänner täuschen; er mußte jedermann von mir entfernen, mir nicht einen einzigen Freund lassen, weder einen großen noch einen kleinen. Was sage ich? Er durfte nicht ein einziges Wort der Wahrheit zu mir dringen lassen. Wäre ein einziger edelgesinnter Mann zu mir gekommen, um mir zu sagen: »Sie spielen den Tugendhaften, aber hören Sie, wie man Sie behandelt und wie man über Sie urtheilt. Was sagen Sie dazu?« Die Wahrheit hätte triumphirt, und Grimm wäre verloren gewesen. Er wußte es; aber er hat sein eigenes Herz geprüft und die Menschen nur nach dem geschätzt, was sie werth sind. Um der Ehre der Menschheit willen betrübt es mich, daß er so richtig gerechnet hat.

Wollte er auf solchen Schleichwegen einhergehen, mußten seine Schritte, um sicher zu sein, langsam sein. Seit zwölf Jahren verfolgt er seinen Plan, und das Schwierigste, das ganze Publikum zu betrügen, bleibt noch zu thun. Es giebt noch Augen, die ihm in größerer Nähe gefolgt sind, als er denkt. Er befürchtet es und hat noch nicht den Muth, seinen Anschlag offen dem hellen Tageslichte auszusetzen. Seitdem dies geschrieben ist, hat er den Schritt mit dem vollsten und unbegreiflichsten Erfolge gethan. Ich glaube, daß ihm Tronchin den Muth und die Mittel gegeben hat. Aber er hat das wenig schwierige Mittel gefunden, die Macht zum Beitritt zu bestimmen, und diese Macht hat das Verfügungsrecht über mich. Von diesem Beistand unterstützt, schreitet er mit weniger Gefahr vorwärts. Da sich die Satelliten der Macht für gewöhnlich nicht viel auf ihre Redlichkeit und noch viel weniger auf ihren Freimuth etwas zu Gute thun, so hat er die Unbedachtsamkeit eines Ehrenmannes nicht leicht zu befürchten, denn er hat vor allem nöthig, daß ich von undurchdringlicher Finsternis umgeben und mir seine Verschwörung fortwährend verborgen sei, weil er wohl weiß, daß sie, wie künstlich er sie auch angezettelt haben möge, meine Blicke doch nie aushalten würde. Seine große Geschicklichkeit besteht darin, daß er unter dem Scheine der Schonung meinen Ruf untergräbt und seiner Treulosigkeit noch den Anschein des Edelmuthes giebt.

Die ersten Wirkungen dieses Systems nahm ich an den heimlichen Anschuldigungen der Holbachschen Sippschaft wahr, ohne daß es mir zu erfahren, ja auch nur zu ahnen möglich war, worin sie eigentlich bestanden. Deleyre behauptete in seinen Briefen, daß man mir allerlei Schlechtigkeiten nachsagte; Diderot berichtete mir in noch geheimnisvollerer Weise das Nämliche, und wenn ich mich mit ihnen in eine Besprechung einließ, so lief alles auf die oben erwähnten Hauptanklagen hinaus. In Frau von Houdetots Briefen fiel mir eine zunehmende Erkaltung auf. Saint-Lambert, der nach wie vor mit gleicher Freundschaft an mich schrieb und mich nach seiner Rückkehr sogar besuchte, konnte ich diese Erkaltung nicht zuschreiben. Eben so wenig konnte ich mir selbst die Schuld beimessen, da wir uns in voller Eintracht getrennt hatten und seit jener Zeit meinerseits nichts geschehen war als mein Verlassen der Eremitage, dessen Notwendigkeit sie selbst eingesehen hatte. Da ich also nicht wußte, wie ich mir diese Erkaltung, die sie nicht zugab, über die sich aber mein Herz nicht täuschen ließ, erklären sollte, war ich bei allem unruhig. Ich wußte, daß sie wegen ihres Verhältnisses mit Saint-Lambert gegen ihre Schwägerin und Grimm mit äußerster Schonung verfuhr; ich fürchtete deren Werk. Diese Aufregung öffnete wieder meine Wunden und machte meinen Briefwechsel bis zu dem Grade stürmisch, daß er ihr völlig verleidet wurde. Ich witterte tausenderlei Schmerzliches, ohne etwas klar zu sehen. Für einen Menschen, dessen Einbildungskraft sich leicht entzündet, befand ich mich in der traurigsten Lage. Wäre ich ganz alleinstehend gewesen, hätte ich nichts von allem gewußt, so würde ich ruhiger geworden sein, aber mein Herz haftete noch immer an einer Liebe, welche meinen Feinden tausend Handhaben gegen mich darbot, und die schwachen Strahlen, die bis in mein Asyl drangen, dienten nur dazu, mir die Dunkelheit der Geheimnisse, die man mir verhehlte, recht wahrnehmbar zu machen. Bei meinem offenen und aufrichtigen Charakter, der mich durch die Unmöglichkeit, meine Gefühle zu verhehlen, von dem, was man mir verbirgt, alles befürchten läßt, würde ich, wie ich nicht zweifle, dieser allzu grausamen Qual unterlegen sein, wenn sich nicht zum großen Glücke Gegenstände dargeboten hätten, für mein Herz interessant genug, um von denen, die mich wider meinen Willen beschäftigten, eine heilsame Ablenkung herbeizuführen. Bei seinem letzten Besuche, den mir Diderot auf der Eremitage gemacht, hatte er mir von dem Artikel »Genf« erzählt, den d'Alembert in die Encyklopädie aufgenommen hatte. Dieser mit hochgestellten Genfern verabredete Artikel hatte nach seiner Mitteilung die Einführung des Schauspiels in Genf zum Zweck, und sollten in Folge hiervon bereits die nöthigen Maßregeln ergriffen sein und die Ausführung ungesäumt stattfinden. Da Diderot dies alles sehr gut zu finden schien, nicht an dem Erfolge zweifelte, und ich mit ihm allzu viel anderes zu verhandeln hatte, um mich mit ihm noch über diesen Artikel auszusprechen, so sagte ich zu ihm nichts darüber; empört jedoch über diese ganze Art der Verführung in meinem Vaterlande, erwartete ich mit Ungeduld den Band der Enzyklopädie, welcher diesen Artikel enthielt, um zu sehen, ob sich nicht durch irgend eine Antwort dieser unglückselige Streich abwenden ließe. Den Band erhielt ich bald nach meiner Uebersiedlung nach Mont-Louis und ich fand den Artikel mit großer Geschicklichkeit und Kunst abgefaßt, würdig der Feder, aus der er geflossen war. Dies brachte mich gleichwohl nicht von dem Gedanken ab, darauf zu antworten, und trotz der Ermattung, die sich meiner bemächtigt, trotz meines Kummers und meiner Leiden, der Strenge der Jahreszeit und der Unbequemlichkeit meiner neuen Wohnung, in der ich noch nicht Zeit gehabt hatte mich einzurichten, machte ich mich mit einem alles übersteigenden Eifer ans Werk.

Während eines ziemlich rauhen Winters brachte ich im Monat Februar und noch dazu in dem eben beschriebenen Zustande täglich zwei Stunden morgens und eben so viele nachmittags in einem ganz offenen Thurme am Ende des Gartens zu, in dem meine Wohnung lag. Dieser Thurm, der den Hintergrund einer terrassenförmigen Allee bildete, ging auf das Thal und den Weiher von Montmorency; die Aussicht, die man von ihm hatte, schloß mit dem einfachen, aber stattlichen Schlosse von Saint-Gratien, dem Zufluchtsorte des tugendhaften Catinat, ab. An diesem damals eiskalten, gegen Wind und Schnee ungeschützten Orte schrieb ich, von keinem andern Feuer als dem meines Herzens erwärmt, innerhalb drei Wochen meinen Brief an d'Alembert über das Schauspiel. Dies ist (denn die Julie war noch nicht zur Hälfte fertig) die erste meiner Schriften, an der ich mit wahrer Lust und Liebe arbeitete. Bisher hatte bei mir die Empörung der Tugend Apollo ersetzt; diesmal trat Zärtlichkeit und Sanftmuth der Seele an seine Stelle. Die Ungerechtigkeiten, deren Zeuge ich nur gewesen, hatten mich erzürnt; diejenigen, deren Gegenstand ich geworden, machten mich traurig, und diese Traurigkeit ohne Haß kam aus einem zu liebevollen, zu zärtlichen Herzen, das, von denen getäuscht, die ihm, wie es wähnte ebenbürtig waren, sich zur Einkehr in sich selbst gezwungen sah. Voll von dem allen, was mir widerfahren war, noch erregt von so vielen heftigen Erschütterungen, ließ das meinige das Gefühl seiner Leiden in die Vorstellungen überfließen, die das Nachdenken über mein Thema in mir wach gerufen hatte; meine Arbeit verräth die Verschmelzung beider. Unbewußt schilderte ich darin meine wirkliche Lage; ich charakterisirte darin Grimm, Frau von Epinay, Frau von Houdetot, Saint-Lambert, mich selbst. Wie wonnevolle Thränen vergoß ich beim Schreiben! Ach, man merkt es nur zu sehr, daß die Liebe, diese unselige Liebe, von der ich zu genesen trachtete, noch nicht aus meinem Herzen gewichen war. In dieses alles mischte sich eine gewisse Rührung über mich selbst, da ich mich sterbend fühlte und dem Publikum mein letztes Lebewohl auszusprechen glaubte. Weit entfernt, den Tod zu fürchten, sah ich sein Nahen mit Freuden; allein es schmerzte mich, von meinen Mitmenschen zu scheiden, ohne daß sie meinen Werth erkannt, ohne daß sie wußten, wie sehr ich ihre Liebe verdient hätte, wenn sie mich genauer gekannt. Das sind die geheimen Ursachen des eigenthümlichen Tones, der durch dieses Werk hindurchgeht und so wunderbar gegen den im vorhergehenden Die Abhandlung über die Ungleichheit der Stände. absticht.

Ich besserte und besserte an diesem Briefe, schrieb ihn. ins Reine und wollte ihn eben drucken lassen, als ich nach langem Stillschweigen ein Schreiben von Frau von Houdetot bekam, das mich in neue Trauer versenkte, die empfindlichste, deren Beute ich je geworden bin. Sie zeigte mir in diesem Briefe (Heft B, Nr. 34) an, daß meine Leidenschaft für sie in ganz Paris bekannt wäre, daß ich von ihr mit Leuten geredet, die davon öffentlichen Gebrauch gemacht hätten; daß diese Gerüchte, als sie ihrem Geliebten zu Ohren gekommen, ihr beinahe das Leben gekostet; daß er ihr zwar zuletzt Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen, und der Frieden unter ihnen wieder hergestellt wäre, daß es aber die Rücksicht auf ihn wie auf sich selbst und die Sorge für ihren Ruf verlangte, jeglichen Verkehr mit mir abzubrechen. Sie versicherte mir übrigens, sie würden beide nicht aufhören, Antheil an mir zu nehmen, würden mich im Publikum vertheidigen, und sie würde sich von Zeit zu Zeit nach mir erkundigen lassen.

Also auch du, Diderot? rief ich aus. Unwürdiger Freund!... Gleichwohl konnte ich mich nicht entschließen, ihn schon danach zu verurtheilen. Meine Schwäche war andern Leuten bekannt, die ihn zum Reden verleitet haben konnten. Ich wollte zweifeln ... aber bald konnte ich es nicht mehr. Saint-Lambert führte bald nachher einen seines Edelmuthes würdigen Akt aus. Da er meine Seele einigermaßen kannte, dachte er sich, in welchem Zustande ich, von einem Theile meiner Freunde verrathen und von den andern verlassen, sein mußte. Er besuchte mich. Das erste Mal konnte er mir nur wenig Zeit schenken. Er kam wieder. Da ich ihn nicht erwartete, war ich leider nicht zu Hause. Therese, die sich daheim befand, hatte mit ihm eine mehr als zweistündige Unterredung, in der sie sich gegenseitig viele Thatsachen mittheilten, deren Kenntnis ihm wie mir wichtig sein mußten. Der Ueberraschung, mit der ich durch ihn erfuhr, daß niemand in der Welt daran zweifelte, ich hätte mit Frau von Epinay gelebt, wie jetzt Grimm mit ihr lebte, kann nur diejenige gleichkommen, die er selbst bei der Versicherung empfand, wie falsch dieses Gerücht wäre. Zum großen Mißvergnügen der Dame befand sich Saint-Lambert in derselben Lage wie ich, und alle Aufklärungen, die ein Ergebnis dieser Unterredung waren, unterdrückten in mir vollends jedes Bedauern, mit ihr unwiderruflich gebrochen zu haben. In Bezug auf Frau von Houdetot theilte er Therese ausführlich mehrere Umstände mit, die weder ihr noch selbst Frau von Houdetot bekannt waren, die ich allein wußte und die ich nur Diderot unter dem Siegel der Freundschaft erzählt hatte; und gerade Saint-Lambert hatte er auserwählt, um ihm darüber vertrauliche Mittheilungen zu machen. Dieser letzte Zug bestimmte mich; entschlossen, mit Diderot auf ewig zu brechen, überlegte ich nur noch, auf welche Weise es geschehen sollte; denn ich wußte ans Erfahrung, daß mir ein geheimer Bruch stets zum Nachtheil gereichte, indem er meinen bittersten Feinden die Maske der Freundschaft ließ. Die in der Welt anerkannten Anstandsregeln scheinen von dem Geist der Lüge und des Verraths eingegeben zu sein. Noch anscheinend der Freund eines Menschen bleiben, nachdem die Freundschaft zu ihm erloschen ist, heißt sich die Mittel vorbehalten, ihm zu schaden, indem man die ehrlichen Leute täuscht. Ich erinnerte mich, daß sich der berühmte Montesquieu, als er mit dem Pater von Tournemine brach, beeilte, es laut zu erklären, indem er jedermann sagte: »Hören Sie weder den Pater von Tournemine noch mich an, wenn wir von einander reden, denn wir haben aufgehört, Freunde zu sein.« Dieses Betragen fand allgemeinen Beifall, und alle Welt lobte seine Offenheit und seinen Edelmuth. Ich entschloß mich, hinsichtlich Diderots diesem Beispiele zu folgen. Aber wie aus meiner Zurückgezogenheit heraus diesen Bruch in unzweideutiger und noch dazu unanstößiger Weise veröffentlichen? Ich gerieth auf den Einfall, in der Form einer Anmerkung in mein Werk einen Spruch aus Jesus Sirach einzuschalten, der für jeden Unterrichteten diesen Bruch und sogar den Grund ziemlich deutlich erklärte, während er für alle übrige bedeutungslos war. Ueberdies war ich beflissen, den Freund, von dem ich mich lossagte, in dem Werke nur mit der Achtung zu bezeichnen, welche man der erloschenen Freundschaft stets erweisen muß. Man kann dies alles im Werke selber sehen.

In dieser Welt giebt es nur Glück und Unglück, und im Mißgeschick scheint jede Handlung des Muthes ein Verbrechen zu sein. Dieselbe Handlungsweise, welche man bei Montesquieu bewundert hatte, zog mir nur Tadel und Vorwurf zu. Sobald mein Werk gedruckt war und ich Exemplare desselben besaß, schickte ich eins an Saint-Lambert, der mir noch den Tag zuvor in seinem und Frau von Houdetots Namen ein Billet voll der zärtlichsten Freundschaft geschrieben hatte (Heft B, Nr. 37). Man lese den Brief, den er mir bei Rücksendung meines Exemplares schrieb:

Eaubonne, den 10. October 1758.

»Fürwahr, mein Herr, ich kann das Geschenk, das Sie mir so eben gemacht haben, nicht annehmen. Bei der Stelle Ihrer Vorrede, wo Sie im Hinblick auf Diderot einen Spruch aus dem Prediger Salomo anführen, (er täuscht sich, derselbe ist aus Jesus Sirach) ist mir das Buch aus den Händen gefallen. Nach den Gesprächen dieses Sommers schienen Sie überzeugt, daß Diderot an dem angeblichen Vertrauensbruche, dessen Sie ihn ziehen, unschuldig wäre. Es kann Ihnen gegenüber das Unrecht auf seiner Seite liegen, ich weiß es nicht; aber so viel weiß ich, daß es Ihnen nicht das Recht verleiht, ihn öffentlich zu beschimpfen. Sie kennen recht wohl die Verfolgungen, die er zu erdulden hat, und Sie nehmen nicht Anstand, die Stimme eines alten Freundes in das Geschrei des Neides einfallen zu lassen. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, mein Herr, wie sehr mich diese Schändlichkeit empört. Ich habe mit Diderot keinen Umgang, aber ich ehre ihn und fühle lebhaft den Kummer, den Sie einem Manne bereiten, welchem Sie, wenigstens mir gegenüber, nur einige Schwäche zum Vorwurf machten. Unsere Grundsätze, mein Herr, sind zu abweichend von einander, als daß wir je übereinstimmen könnten. Vergessen Sie mein Dasein; dies muß für Sie keine Schwierigkeit haben. Ich habe den Menschen nie solch Gutes oder solch Böses erwiesen, dessen man sich lange erinnert. Ich für meine Person verspreche Ihnen, mein Herr, Ihre Person zu vergessen und mich nur Ihrer Talente zu erinnern.«

Ueber diesen Brief fühlte ich mich nicht weniger innerlich zerrissen als empört und, in dem Uebermaße meines Elends meinen Stolz endlich wiederfindend, schrieb ich ihm folgendes Billet als Antwort:

Montmorency, den 11. October 1758.

»Mein Herr, beim Lesen Ihres Briefes habe ich Ihnen die Ehre angethan, über ihn erstaunt zu sein, und habe die Dummheit gehabt, mich von ihm aufregen zu lassen; aber einer Antwort habe ich ihn nicht für werth gehalten.

»Ich beabsichtige durchaus nicht die Abschriften für Frau von Houdetot fortzusetzen. Wenn sie das, was sie von ihnen besitzt, nicht zu behalten Lust hat, kann sie es mir zurücksenden; ihr Geld werde ich ihr zurückerstatten. Behält sie es, so muß sie trotzdem den Rest ihres Papieres und Geldes abholen lassen. Ich bitte Sie, mir gleichzeitig den Prospectus zurückzugeben, den sie in Verwahrung hat. Leben Sie wohl, mein Herr.«

Muth im Unglücke reizt niedrige Herzen auf, gefällt dagegen den edelmüthigen Herzen. Dieses Billet scheint Saint-Lambert wieder zu sich selbst gebracht und ihm Bedauern über das, was er gethan, eingeflößt zu haben; zu stolz jedoch, es seinerseits offen wieder gut zu machen, ergriff er das Mittel, war vielleicht sogar der Urheber desselben, den Schlag, den er mir versetzt hatte, abzuschwächen. Vierzehn Tage später erhielt ich von Herrn von Epinay folgenden Brief (Heft B, Nr. 52):

Heute, Donnerstag den 26.

»Ich habe, mein Herr, das Buch, das Sie mir zu übersenden die Güte gehabt, erhalten; ich las es mit dem größten Vergnügen. Diese Empfindung habe ich immer bei der Lectüre aller Werke gehabt, die aus Ihrer Feder geflossen sind. Empfangen Sie meinen besten Dank. Ich würde Ihnen denselben persönlich abgestattet haben, wenn meine Geschäfte mir gestattet hätten, ewige Zeit in Ihrer Nachbarschaft zu weilen, allein ich habe die Chevrette dieses Jahr nur sehr kurze Zeit bewohnt. Herr und Frau Dupin haben sich bei mir daselbst für den nächsten Sonntag zum Mittagbrote angemeldet. Ich hoffe auch, daß die Herren von Saint-Lambert und von Francueil sowie Frau von Houdetot daran Theil nehmen werden. Sie würden mir ein wahres Vergnügen bereiten, mein Herr, wollten Sie einer der Unsrigen sein. Alle Personen, die ich bei mir sehen werde, sehnen sich nach Ihnen und werden entzückt sein, mit mir das Vergnügen zu theilen, einen Theil des Tages mit Ihnen zu verleben. Ich habe die Ehre mit der vollkommensten Hochachtung zu sein etc.«

Dieser Brief verursachte mir furchtbares Herzklopfen. Nachdem ich ein Jahr lang Paris mit Neuigkeiten erfüllt hatte, erbebte ich bei dem Gedanken, mich den Blicken der Frau von Houdetot auszusetzen, und hatte Mühe, hinreichenden Muth zu finden, um diese Probe auszuhalten. Da sie und Saint-Lambert es indessen sehr wünschten, da Herr von Epinay im Namen aller Gäste sprach und niemanden nannte, den ich nicht mit großer Freude gesehen hätte, so glaubte ich mich nach allem nicht durch die Annahme eines Essens bloßzustellen, zu dem ich gewissermaßen von jedermann eingeladen war. Ich sicherte deshalb mein Erscheinen zu. Da es am Sonntag schlechtes Wetter war, schickte mir Herr von Epinay seinen Wagen und ich fuhr ab.

Meine Ankunft erregte Aufsehen. Mir ist nie eine freundschaftlichere Aufnahme zu Theil geworden. Man hätte sagen können, die ganze Gesellschaft fühlte, wie sehr ich der Aufrichtung bedurfte. Nur französische Herzen kennen diese Art des Zartgefühls. Indessen fand ich mehr Gäste, als ich erwartet hatte, unter andern den Grafen von Houdetot, den ich noch gar nicht kannte, und seine Schwester, die Frau von Blainville, die ich gern vermißt hätte. Sie war im vorigen Jahr mehrmals nach Eaubonne gekommen, und auf unsern einsamen Promenaden hatte ihre Schwägerin sie sich oft vor der Thür langweilen lassen. Sie hatte einen ziemlichen Groll gegen mich genährt, welchen sie während des Mahles nach Herzenslust zu befriedigen suchte, denn man begreift, daß ich in der Gegenwart des Grafen von Houdetot und Saint-Lamberts die Lacher nicht auf meiner Seite hatte, und daß ein bei den leichtesten Unterhaltungen stets unbeholfener Mann in dieser nicht sehr glänzend war. Ich habe nie so viel gelitten, nie die Fassung weniger bewahrt, nie unvorhergesehenere Angriffe erfahren. Als man sich endlich von der Tafel erhoben hatte, entfernte ich mich von dieser Megäre. Ich hatte die Freude, Saint-Lambert und Frau von Houdetot sich mir nähern zu sehen, und wir plauderten einen Theil des Nachmittags mit einander zwar von gleichgültigen Dingen, aber mit derselben Vertraulichkeit wie vor meiner Verirrung. Dieses Entgegenkommen war in meinem Herzen nicht verloren, und hätte Saint-Lambert darin lesen können, wäre er sicherlich damit zufrieden gewesen. Ich kann beschwören, daß ich, obgleich mir der Anblick der Frau von Houdetot bei meiner Ankunft Herzklopfen bis zur Ohnmacht erregt hatte, beim Scheiden fast nicht mehr an sie dachte; ich war nur mit Saint-Lambert beschäftigt.

Trotz des boshaften Spottes der Frau von Blainville wurde ich von diesem Festmahl sehr angenehm berührt und ich wünschte mir aufrichtig Glück, es nicht abgelehnt zu haben. Ich erkannte dabei nicht allein, daß mir Grimms und der Holbachianer Ränke meine alten Bekannten In der Einfalt meines Herzens glaubte ich es damals noch, als ich meine Bekenntnisse schrieb. keineswegs abwendig gemacht hatten, sondern auch, was mir noch schmeichelhafter war, daß die Gefühle der Frau von Houdetot und Saint-Lamberts weniger verändert waren, als ich geglaubt hatte; und ich begriff endlich, daß die Entfernung, in der er sie von mir hielt, mehr die Folge von Eifersucht als von Geringschätzung war. Dies tröstete und beruhigte mich. Ueberzeugt, denen, die ich achtete, kein Gegenstand der Verachtung zu sein, arbeitete ich an meinem Herzen mit größerem Muth und Erfolg. Wenn ich auch nicht dahin gelangte, eine strafbare und unglückliche Leidenschaft ganz zu besiegen, so hielt ich wenigstens ihre letzten Spuren so gut in Ordnung, daß sie mich keinen einzigen Fehler seit jener Zeit begehen ließen. Die Abschriften für Frau von Houdetot, um deren Wiederaufnahme sie mich ersuchte, meine Werke, die ich ihr nach ihrem Erscheinen nach wie vor zusandte, hatten zur Folge, daß ich von ihr noch von Zeit zu Zeit einige zwar gleichgültige, aber höfliche Botschaften und Billets erhielt. Wie man in der Folge sehen wird, that sie sogar mehr, und unser gegenseitiges Benehmen nach Aufhören eines näheren Umganges kann als Muster der Art dienen, in der sich redliche Leute trennen, wenn sie es nicht mehr für passend halten, sich zu sehen.

Ein anderer Vortheil, den mir dieses Gastmahl brachte, war, daß man in Paris davon sprach, und es als klare Widerlegung des von meinen Feinden überall verbreiteten Gerüchtes diente, ich wäre mit allen, die daran Theil nahmen, und namentlich mit Herrn von Epinay, tödtlich überworfen. Als ich die Eremitage verließ, hatte ich ihm in höflichster Weise meinen Dank ausgesprochen, worauf er nicht weniger höflich antwortete, und die gegenseitigen Aufmerksamkeiten hörten bei ihm eben so wenig wie bei seinem Bruder, dem Herrn von Lalive auf, der mich sogar in Montmorency besuchte und mir seine Kupferstiche schickte. Mit Ausnahme der beiden Schwägerinnen der Frau von Houdetot habe ich nie mit einer Person aus ihrer Familie auf schlechtem Fuße gestanden.

Mein Brief an d'Alembert hatte einen großen Erfolg. Alle meine Werke hatten ihn gehabt, aber dieser war für mich vortheilhafter. Er flößte dem Publikum Mißtrauen gegen die Verdächtigungen der Holbachianer ein. Als ich nach der Eremitage zog, sagten sie mit ihrem gewöhnlichen Eigendünkel voraus, ich würde dort nicht drei Monate aushalten. Als sie sahen, daß ich dort zwanzig ausgehalten hatte und gezwungen von dort zu scheiden, meinen Wohnsitz noch immer auf dem Lande beibehielt, behaupteten sie, es wäre reine Halsstarrigkeit, mein zurückgezogenes Leben langweilte mich bis zum Tode, aber von Stolz verzehrt wollte ich dort lieber als Opfer meiner Hartnäckigkeit zu Grunde gehen als nachgeben und nach Paris zurückkehren. Der Brief an d'Alembert athmete eine Seelenmilde, der man es anmerkte, daß sie nicht erkünstelt war. Wäre ich in meiner Zurückgezogenheit von übler Laune verzehrt worden, würde mein Ton es verrathen haben. Er herrschte in allen Schriften, die ich in Paris verfaßt hatte; er herrschte nicht mehr in der ersten, die ich auf dem Lande geschrieben. Für die, welche zu beobachten wissen, war dieses Anzeichen entscheidend. Man erkannte, daß ich wieder in mein Element gekommen war.

Trotzdem verschaffte mir das nämliche Werk, so voller Milde es auch war, durch meine Tölpelhaftigkeit oder mein gewöhnliches Unglück einen neuen Feind unter den Schriftstellern. Ich hatte bei Herrn De la Poplinière Marmontels Bekanntschaft gemacht, und diese hatte sich bei dem Baron erhalten. Marmontel gab damals den » Mercure de France« heraus. Da ich den Stolz besaß, den Herausgebern von Zeitschriften meine Werke nicht zu senden, und ihm dieses gleichwohl schicken wollte, ohne daß er glauben sollte, es wäre eine Gabe für den Redacteur, damit er es im »Mercure« einer Besprechung unterzöge, so schrieb ich auf sein Exemplar, es wäre nicht für den Herausgeber des »Mercure«, sondern für Herrn Marmontel bestimmt. Ich vermeinte ihm eine sehr schöne Schmeichelei zu sagen, er glaubte darin eine tief kränkende Beleidigung zu sehen und wurde mein unversöhnlicher Feind. Er schrieb gegen diesen nämlichen Brief mit Höflichkeit, aber mit einer Bitterkeit, die unschwer zu erkennen ist, und seitdem hat er keine Gelegenheit versäumt, mir in der Gesellschaft zu schaden und mich in seinen Werken indirect zu geißeln. So schwer ist es, die sehr reizbare Eigenliebe der Schriftsteller zu schonen, und so besorgt muß man sein, unter den Höflichkeiten, die man ihnen sagt, nichts vorzubringen, was auch nur den geringsten Schein der Zweideutigkeit haben könnte.

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