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Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil

Jean Jacques Rousseau: Rousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil - Kapitel 10
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authorJean-Jacques Rousseau
titleRousseau's Bekenntnisse. Zweiter Theil
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
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1754 – 1756

Da Gauffecourt, mit dem ich damals auf außerordentlich freundschaftlichem Fuße stand, genöthigt war, eine Geschäftsreise nach Genf zu machen, so forderte er mich auf, ihn zu begleiten; ich nahm den Vorschlag an. Ich fühlte mich damals nicht so wohl, daß ich Theresens Pflege hätte entbehren können; es wurde deshalb bestimmt, sie sollte unsere Reisegefährtin werden, während ihre Mutter das Haus bewachen sollte. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, reisten wir den ersten Juni 1754 alle drei zusammen ab.

Diese Reise muß ich als die Zeit der ersten Erfahrung bezeichnen, die bis jetzt, und ich zählte schon zweiundvierzig Jahre, meine mir angeborene vertrauensselige Natur, welcher ich mich stets rückhaltlos und ungestraft überlassen hatte, schwer erschütterte. Wir hatten einen sehr einfachen Wagen, der uns mit denselben Pferden in ganz kleinen Tagereisen weiter beförderte. Ich stieg aus und ging zu Fuß. Kaum hatten wir die Hälfte unseres Weges zurückgelegt, als Therese das größte Widerstreben verrieth, in dem Wagen mit Gauffecourt allein zu bleiben, und sobald ich trotz ihrer Bitten aussteigen wollte, gleichfalls ausstieg und auch ging. Ich schalt sie lange wegen dieser Laune aus und widersetzte mich ihr sogar entschieden, bis sie sich endlich genöthigt sah, mir den Grund ihres Benehmens zu erklären. Ich glaubte zu träumen, ich fiel wie aus den Wolken, als ich zu hören bekam, daß mein Freund, der mehr als sechszigjährige Herr von Gauffecourt, mit dem Podagra behaftet, impotent, von Vergnügungen und Genüssen erschöpft, seit unserer Abreise daran arbeitete, eine Person zu verführen, die nicht mehr schön noch jung war und seinem Freunde gehörte, und zwar durch die elendesten und schmachvollsten Mittel, die so weit gingen, daß er sich nicht entblödete, ihr seine Börse anzubieten und sie durch die Lectüre eines abscheulichen Buches mit einer Unzahl nichtswürdiger Bilder aufzuregen. Entrüstet schleuderte ihm Therese einmal sein schändliches Buch zur Wagenthüre hinaus, und ich vernahm, daß er schon am ersten Tage, wo ich wegen heftigen Kopfwehes noch vor dem Abendessen zu Bette gegangen war, die ganze Zeit dieses Alleinseins zu Versuchen und Kunstgriffen benutzt, würdiger eines Satyrs oder eines Ziegenbockes als eines Ehrenmannes, dem ich meine Lebensgefährtin und mich selbst anvertraut hatte. Was für eine Ueberraschung, was für ein Seelenschmerz für mich, wie ich ihn nie empfunden! Ich, der ich bisher die Freundschaft für unzertrennlich von allen liebenswürdigen und edlen Gefühlen gehalten hatte, die ihr erst den wahren Reiz verleihen, ich sehe mich zum ersten Male in meinem Leben gezwungen, sie mit Verachtung zu paaren und einem Manne, den ich liebe und von dem ich mich geliebt glaube, mein Vertrauen und meine Achtung zu entziehen! Der Unglückselige verbarg vor mir seine Schändlichkeit. Um nicht Therese bloßzustellen, mußte ich ihm nothgedrungen meine Verachtung verhehlen und in der Tiefe meines Herzens Gesinnungen verschließen, die er nicht erfahren durfte. Süßes und heiliges Blendwerk der Freundschaft! Gauffecourt hob zuerst vor meinen Augen den dich hüllenden Schleier empor! Wie viele grausame Hände haben seitdem verhindert, daß er wieder niedersinken konnte!

In Lyon trennte ich mich von Gaussecourt, um meinen Weg durch Savoyen zu nehmen, da ich mich nicht entschließen konnte, abermals so nahe an Mamas Aufenthalt vorüber zu reisen, ohne sie wiederzusehen. Ich sah sie wieder ... mein Gott, in welchem Zustande, in welchem Grade der Versunkenheit! Was war ihr von ihrer früheren Tugend geblieben? War das die nämliche, ehemals so glänzende Frau von Warens, an die mich der Pfarrer Pontverre gewiesen hatte? Wie tief mein Herz betrübt war! Ich sah für sie keinen andern Ausweg mehr, als ihre jetzige Heimat zu verlassen. Ich wiederholte ihr auf das lebhafteste, aber vergebens die dringenden Bitten, die ich in meinen Briefen wiederholentlich an sie gerichtet hatte, zu mir zu kommen und in Ruhe bei mir zu leben; ich versprach ihr, meine und Theresens Lebenstage dem Streben zu weihen, die ihrigen glücklich zu machen. Immer nur an ihre Pension denkend, von der sie, obgleich sie pünktlich ausgezahlt wurde, schon lange nichts mehr bezog, hörte sie nicht auf mich. Ich schenkte ihr noch einen kleinen Theil meines Geldes, weit weniger als ich gesollt und ihr auch gewiß gegeben hätte, wenn ich nicht völlig davon überzeugt gewesen wäre, daß sie auch nicht einen einzigen Sou davon für ihren eigenen Nutzen verwenden würde. Während meines Aufenthalts in Genf machte sie eine Reise ins Chablais und besuchte mich in Grange-Canal. Es fehlte ihr an dem nöthigen Reisegelde; ich hatte nicht so viel bei mir, als erforderlich war, und sandte es ihr eine Stunde darauf durch Therese. Arme Mama! Man gestatte mir, noch diesen Zug ihres Herzens zu erzählen. Als letztes Kleinod war ihr nur ein kleiner Ring geblieben. Sie zog ihn vom Finger, um ihn an den Theresens zu stecken, welche ihn sofort wieder auf den ihrigen streifte, wobei sie diese edle Hand, die sie mit ihren Thränen netzte, küßte. Ach, damals war der richtige Augenblick, meine Schuld abzutragen. Ich mußte alles verlassen, ihr zu folgen, mich bis zu ihrer letzten Stunde nicht wieder von ihr trennen und ihr Loos theilen, wie es sich auch gestalten mochte. Ich that nichts davon. Abgezogen durch ein anderes Liebesverhältnis, fühlte ich, wie meine Anhänglichkeit an sie nachließ, da mir die Hoffnung fehlte, daß sie ihr noch zum Heile gereichen könnte. Ich seufzte über sie und folgte ihr nicht. Von allen Gewissensbissen, die ich im Leben empfunden, ist dies der nagendste und am längsten anhaltende. Schon hierfür verdiente ich die furchtbaren Strafen, die seitdem nicht aufgehört haben, mich niederzubeugen. Mögen sie im Stande gewesen sein, meine Undankbarkeit zu sühnen! Sie lag in meinem Verfahren offen zu Tage; aber sie hat mein Herz zu tief zerrissen, als daß dieses Herz je das eines wirklich Undankbaren hätte sein sollen.

Vor meiner Abreise von Paris hatte ich die Widmung meiner »Abhandlung über die Ungleichheit« in flüchtigen Umrissen entworfen. Ich vollendete sie in Chambery und datirte sie von demselben Orte aus, weil ich es zur Vermeidung aller kleinlichen Angriffe für besser erachtete, sie weder aus Frankreich noch aus Genf zu datiren. In letzterer Stadt angekommen, überließ ich mich dem republikanischen Enthusiasmus, der mich dorthin geführt hatte. Dieser Enthusiasmus steigerte sich noch bei der Aufnahme, die mir zu Theil wurde. In allen Standesklassen gefeiert und geschmeichelt, gab ich mich völlig der patriotischen Begeisterung hin und beschämt, mich durch das Bekenntnis einer anderen Religion als der meiner Väter von meinen Bürgerrechten ausgeschlossen zu sehen, faßte ich den Entschluß, zu meinem alten Glauben offen zurückzukehren. Da das Evangelium für alle Christen dasselbe ist, und der Unterschied der Dogmen im Grunde nur darauf beruht, daß man das, was man unfähig zu verstehen war, erklären wollte, so war ich der Ansicht, daß es in jedem Lande allein dem Herrscher zukäme, den Cultus und dieses unverständliche Dogma festzusetzen, und daß es folglich Pflicht des Bürgers wäre, das durch das Gesetz vorgeschriebene Dogma als wahr anzuerkennen und den Cultus zu beobachten. Der Umgang mit den Encyklopädisten hatte, weit davon entfernt, meinen Glauben zu erschüttern, ihn vielmehr in Folge meiner natürlichen Abneigung gegen Zwistigkeit und Parteiwesen nur noch befestigt. Das Studium des Menschen und der Welt hatte mir überall die Endzwecke und das geistige Wesen, das bestimmend auf sie einwirkte, gezeigt. Das Lesen der Bibel und namentlich des Evangeliums, auf das ich mich seit einigen Jahren mit Fleiß gelegt, hatte mich mit Verachtung gegen die oberflächlichen und einfältigen Auslegungen erfüllt, welche Leute, die am wenigsten würdig waren, Jesus Christus zu verstehen, seiner Lehre gaben. Mit einem Worte, dadurch daß die Philosophie mich dazu trieb, mich an das Wesentliche der Religion zu halten, hatte sie mich zugleich von diesem kleinlichen Formelkram frei gemacht, mit dem die Menschen sie verdunkelt haben. In Erwägung, daß es für einen vernünftigen Menschen nicht zwei Arten geben könnte, Christ zu sein, war ich auch der Ansicht, daß alles, was sich auf Form und Disciplin bezog, in jedem Lande gesetzlich zu ordnen wäre. Aus diesem so vernünftigen, so socialen, so friedfertigen Grundsatze, der mir demungeachtet so grausame Verfolgungen zugezogen hat, ergab sich, daß ich, wollte ich Bürger sein, wieder Protestant werden und zu dem in meiner Heimat herrschenden Cultus zurückkehren mußte. Ich entschloß mich dazu und unterwarf mich sogar dem Unterrichte des Pastors, in dessen außerhalb der Stadt gelegenen Pfarrei ich wohnte. Ich sprach lediglich den Wunsch aus, nicht gezwungen zu werden, vor dem Consistorium zu erscheinen. Hierüber gab es indessen ausdrückliche kirchliche Bestimmungen; man wollte jedoch zu meinen Gunsten nicht den vollen Gebrauch davon machen und ernannte eine Commission von fünf oder sechs Mitgliedern, um unter Vermeidung der Oeffentlichkeit mein Glaubensbekenntnis entgegenzunehmen. Unglücklicherweise gerieth der Prediger Perdriau, ein liebenswürdiger und wohlwollender Mann, mit dem ich befreundet war, auf den Einfall, mir zu sagen, daß man sich darauf freute, mich in dieser kleinen Versammlung reden zu hören. Diese Erwartung erschreckte mich dermaßen, daß ich, nachdem ich eine kleine Rede, die ich ausgearbeitet, drei Wochen lang Tag und Nacht gelernt hatte, als ich sie hätte vortragen sollen, bis zu dem Grade verlegen wurde, daß ich nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte und in dieser Disputation die Rolle des dümmsten Schuljungen spielte. Die Mitglieder der Commission redeten für mich, ich antwortete einfältig nur ja und nein; darauf wurde ich zum Abendmahle zugelassen und in meine Bürgerrechte wiedereingesetzt. In meiner Eigenschaft als Bürger wurde ich nun in die Liste der Stadtwache eingetragen, zu der nur der höhere Bürgerstand und die Meister zugelassen werden, und ich wohnte einem außerordentlichen Generalrathe bei, um von dem Syndikus Mussard die Eidesformel zu erhalten. Ich wurde von den Freundschaftserweisungen, die mir bei dieser Gelegenheit von dem Rathe und dem Consistorium zu Theil wurden, und von dem verbindlichen und artigen Entgegenkommen aller Behörden, Prediger und Bürger so gerührt, daß ich, von dem ehrlichen Deluc, der mich unaufhörlich bestürmte, und noch mehr von meiner eigenen Neigung gedrängt, nur daran dachte nach Paris zurückzukehren, um meine dortige Wirthschaft aufzulösen, meine kleinen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, Frau Le Vasseur und ihrem Manne ein Unterkommen zu verschaffen oder für ihren Unterhalt zu sorgen und mit Therese zurückzukehren, um mich für meine übrigen Lebenstage in Genf niederzulassen.

Nachdem ich einmal diesen Entschluß gefaßt hatte, ließ ich alle ernste Dinge bei Seite liegen, um mich bis zur Zeit meiner Abreise nur mit meinen Freunden zu ergötzen. Am meisten unter allen diesen Lustbarkeiten gefiel mir eine Gondelfahrt um den See herum, die ich mit Deluc, dem Vater, seiner Schwiegertochter, seinen beiden Söhnen und meiner Therese machte. Wir gebrauchten beim schönsten Wetter von der Welt sieben Tage zu dieser Rundfahrt. Ich bewahrte davon die lebhafte Erinnerung an die landschaftlichen Schönheiten, die mir am andern Ende des Sees aufgefallen waren, und die ich einige Jahre später in der »Neuen Heloise« schilderte.

Zu den hauptsächlichsten Freunden, die ich mir in Genf erwarb, gehörten außer den bereits erwähnten Delucs der junge Prediger Vernes, den ich schon in Paris kennen gelernt hatte, und der den Erwartungen, die ich von ihm hegte, später nicht entsprach; Herr Perdriau, damals Landpfarrer, gegenwärtig Professor der schönen Literatur, dessen angenehmer und gefälliger Umgang mir stets unvergeßlich sein wird, obgleich er es für nöthig erachtet hat, sich auf seine Manier von mir zurückzuziehen; Herr Jalabert, damals Professor der Physik, später Rath und Syndikus, dem ich meine »Abhandlung über die Ungleichheit«, jedoch mit Ueberschlagung der Widmung vorlas, und der von ihr begeistert schien; der Professor Lullin, mit dem ich bis zu seinem Tode in Briefwechsel geblieben bin und der mir sogar Einkäufe für die Bibliothek übertragen hatte; der Professor Vernet, der mir wie alle Welt den Rücken wandte, nachdem ich ihm Beweise von Liebe und Vertrauen gegeben hatte, die ihn hätten rühren müssen, wenn ein Theologe überhaupt von etwas gerührt werden könnte; Chappuis, der Gehilfe und Nachfolger Gauffecourts, den er verdrängen wollte, und der bald selbst verdrängt wurde, Marcet von Mézières, ein alter Freund meines Vaters, der sich auch als der meinige bewiesen hatte, der aber, nachdem er sich als dramatischer Schriftsteller und Candidat für die Zweihundert einst um das Vaterland wohl verdient gemacht, seine Grundsätze wechselte und vor seinem Tode lächerlich wurde. Allein derjenige von allen, von dem ich das Meiste erwartete, war Moultou, ein junger, wegen seiner Talente und seines Feuergeistes vielversprechender Mann, den ich immer geliebt habe, obgleich sein Betragen hinsichtlich meiner Person zweideutig gewesen ist und er mit meinen grausamsten Feinden Verbindungen unterhält. Trotz allem dem halte ich ihn immer noch für berufen, eines Tages als der Vertheidiger meines Andenkens und der Rächer seines Freundes aufzutreten.

Inmitten dieser Zerstreuungen verlor ich nicht den Geschmack an meinen gewohnten einsamen Spaziergängen und machte oft ziemlich weite an den Ufern des Sees, auf denen mein an die Arbeit gewöhnter Kopf nicht müßig blieb. Ich durchdachte den bereits entworfenen Plan zu meinen »politischen Einrichtungen«, von denen ich bald werde zu reden haben, ich ging mit dem Gedanken um, eine »Geschichte des Wallis« zu schreiben und sann über einen Entwurf zu einem Trauerspiel in Prosa nach, dessen Stoff, der nichts Geringeres als Lucrezia war, mich mit der Hoffnung erfüllte, die Spötter niederzuschmettern, obgleich ich diese Unglückliche noch auftreten zu lassen wagte, wenn sie es auf keiner französischen Bühne mehr darf. Zur nämlichen Zeit versuchte ich mich am Tacitus und übersetzte das erste Buch seiner Geschichte, welches man unter meinen Papieren finden wird.

Nach einem viermonatlichen Aufenthalte in Genf kehrte ich im October nach Paris zurück und nahm den Weg absichtlich nicht über Lyon, um nicht mit Gauffecourt zusammenzutreffen. Da ich mir vorgenommen hatte, erst im nächsten Frühjahre zurückzukehren, so nahm ich während des Winters meine gewohnte Lebensweise und meine Beschäftigungen wieder auf. Die hauptsächlichste bestand darin, die Correcturbogen meiner »Abhandlung über die Ungleichheit« durchzusehen, die ich in Holland bei dem Verlagsbuchhändler Rey, dessen Bekanntschaft ich in Genf gemacht hatte, drucken ließ. Da dieses Werk der Republik gewidmet war, und diese Widmung dem Rathe vielleicht nicht gefiel, so wollte ich vor meiner Rückkehr nach Genf erst die Wirkung, die sie dort hervorbringen würde, abwarten. Diese Wirkung war mir nicht günstig, und diese Widmung, welche mir die reinste Vaterlandsliebe eingegeben, hatte lediglich den Erfolg, mir im Rathe Feinde und in der Bürgerschaft Eifersüchtige zuzuziehen. Herr Chouet, der damalige erste Syndikus, schrieb mir einen höflichen, aber kalten Brief, den man in dem Hefte A Nr. 3 meiner Sammlungen finden wird. Von Privatleuten, unter andern von Deluc und Jalabert, erhielt ich einige anerkennende Schreiben, und das war alles; ich bemerkte nicht, daß mir irgend ein Genfer wahren Dank für den Herzenseifer wußte, den man aus diesem Werk herausfühlte. Diese Gleichgültigkeit erregte bei allen, die sie wahrnahmen, Anstoß. Ich erinnere mich, daß, als ich eines Tages zu Clichy bei Frau Dupin mit Crommelin, dem Residenten der Republik, und Herrn von Mairan zu Mittag speiste, letzterer während der Tafel laut äußerte, daß mir der Senat für dieses Werk ein Geschenk und öffentliche Ehrenbezeigungen schuldig wäre, und daß er sich entehrte, wenn er es daran fehlen ließe. Crommelin, der ein kleiner boshafter und erbärmlich gemeiner Mann war, wagte in meiner Gegenwart nichts zu erwidern, schnitt aber ein schreckliches Gesicht, über das Frau Dupin in Lachen ausbrach. Der einzige Vortheil, den mir dieses Werk verschaffte, war außer der Befriedigung meines eigenen Herzens der Titel Bürger, der mir von meinen Freunden und darauf nach ihrem Beispiele von jedermann beigelegt wurde und den ich später wieder verlor, weil ich ihn zu wohl verdient hatte. Da er auf diesen Titel nach der Verurtheilung des Emil zu Genf verzichtete, so will er damit ohne Zweifel sagen, daß er ihn verlor, weil man ihn durch ein rücksichtsloses Einschreiten gegen ihn gezwungen hatte, ihn abzulegen.

Dieser üble Erfolg würde mich indessen nicht abgehalten haben, meine Übersiedelung nach Genf vorzunehmen, wären nicht Beweggründe hinzugetreten, die größere Macht auf mein Herz ausübten. Herr von Epinay, der bei seinem Schlosse La Chevrette einen Flügel, welcher demselben fehlte, anbauen ließ, machte zu seiner Vollendung einen ungeheuern Aufwand. Als wir eines Tages mit Frau von Epinay zur Besichtigung dieser Arbeiten ausgegangen waren, dehnten wir unsern Spaziergang eine Viertelstunde weiter aus, bis zum Reservoir der Wasserkünste des Parks, der an den Wald von Montmorency grenzte. Hier lag ein hübscher Gemüsegarten mit einem sehr verfallenen Gartenhäuschen, das man die Eremitage nannte. Dieser einsame und sehr liebliche Ort hatte, als ich ihn vor meiner Reise nach Genf zum ersten Male gesehen, einen ungemein freundlichen Eindruck auf mich gemacht. In meiner freudigen Erregung war mir der Ausruf entschlüpft: »Ach, gnädige Frau, welche entzückende Wohnung! Ein Zufluchtsort, wie für mich geschaffen!« Frau von Epinay schien nicht sonderlich auf meine Worte zu achten; aber bei dieser zweiten Reise war ich völlig überrascht, an Stelle der alten Hütte ein neues, sehr gut eingerichtetes Häuschen zu finden, welches für einen Haushalt von drei Personen ausreichende Räumlichkeiten darbot. Frau von Epinay hatte diesen Bau im Stillen und mit sehr wenigen Kosten aufführen lassen, indem sie einige Materialien und etliche Arbeiter vom Schloßbau dazu verwandte. Jetzt, bei dieser zweiten Reise, sagte sie zu mir, als sie meine Ueberraschung wahrnahm: »Sehen Sie da Ihren Zufluchtsort, mein lieber Bär. Haben Sie ihn sich selbst ausgewählt, so bietet die Freundschaft Ihnen denselben an, und ich hoffe, daß er Ihnen den grausamen Gedanken benehmen wird, sich von mir zu entfernen.« Ich glaube nie in meinem Leben lebhafter und freudiger gerührt worden zu sein; ich netzte die wohlthätige Hand meiner Freundin mit Thränen, und wenn ich auch nicht sofort überwunden war, so war ich doch außerordentlich schwankend geworden. Frau von Epinay, die keinen abschlägigen Bescheid annehmen wollte, wurde so drängend, bot so viele Mittel auf, benutzte so viele Leute, auf mich einzuwirken, wozu sie sogar Frau Le Vasseur und ihre Tochter gewann, daß sie endlich den Sieg über meinen Entschluß davontrug. Unter Verzicht auf den Aufenthalt in meinem Vaterlande beschloß und versprach ich, die Eremitage zu bewohnen, und bis zum völligen Austrocknen des Gebäudes sorgte sie für die Ausmöblirung, so daß im nächsten Frühjahre alles zum Einzuge bereit war.

Was viel zu meiner Entscheidung beitrug war Voltaire's Niederlassung in der Nähe von Genf. Ich begriff, daß dieser Mann dort einen Umschwung hervorrufen, daß ich in meiner Vaterstadt den Ton, das Wesen, die Sitten wiederfinden würde, die mich aus Paris vertrieben; daß ich unaufhörlich im Kampfe liegen müßte und mir in meinem Auftreten keine andere Wahl übrig bleiben würde, als die Rolle eines unerträglichen Pedanten oder eines feigen und schlechten Bürgers zu spielen. Der Brief, den Voltaire in Bezug auf mein letztes Werk an mich schrieb, gab mir Veranlassung, meine Befürchtungen in mein Antwortsschreiben einfließen zu lassen. Die Wirkung, welche dies hervorbrachte, bestätigte sie. Seitdem hielt ich Genf für verloren und ich täuschte mich nicht. Vielleicht hätte ich dem Sturm die Stirn bieten sollen, hätte ich das Talent dazu in mir gefühlt. Aber was hätte ich allein, blöde und unberedt, gegen einen anmaßenden und reichen Mann ausrichten sollen, der sich auf den Einfluß der Großen stützte, eine glänzende Beredtsamkeit besaß und schon der Abgott der Frauen und der Jugend war? Ich besorgte, meinen Muth unnütz der Gefahr auszusetzen; ich hörte nur auf meine friedfertige Natur und auf meine Liebe zur Ruhe, die, wenn sie mich täuschte, mich noch heute in diesem Punkte täuscht. Zog ich mich nach Genf zurück, so würde ich mir selbst große Leiden erspart haben, allein ich zweifle, ob ich mit meinem ganzen brennenden und patriotischen Eifer etwas Großes und Heilsames für mein Vaterland erzielt hätte.

Tronchin, der ungefähr um die nämliche Zeit nach Genf übersiedelte, kam einige Zeit später nach Paris, um den Quacksalber zu machen, und führte daraus Schätze mit fort. Bei seiner Ankunft stattete er mir mit dem Chevalier von Jaucourt einen Besuch ab. Frau von Epinay hegte den lebhaften Wunsch, ihn im Geheimen um Rath zu fragen, aber es war nicht leicht, sich durch das Gedränge Bahn zu brechen. Sie nahm meinen Beistand in Anspruch. Ich forderte Tronchin zu einem Besuche bei ihr auf. So begannen sie unter meiner Vermittelung eine Bekanntschaft, die später auf meine Kosten in ein immer innigeres Verhältnis überging. Das ist stets mein Los gewesen. Sobald ich zwei Freunde, die ich getrennt besaß, einander näherte, so haben sie nie verabsäumt, sich gegen mich zu verbünden. Obgleich mich die Tronchins bei der Verschwörung, die sie damals zur Unterjochung ihres Vaterlandes anstifteten, alle tödtlich hassen mußten, so fuhr der Arzt doch lange fort, mir Wohlwollen zu bezeigen. Nach seiner Rückkehr nach Genf schrieb er sogar an mich, um mir die Stelle eines dortigen Ehrenbibliothekars anzubieten. Mein Entschluß war jedoch gefaßt, und dieses Anerbieten erschütterte ihn nicht.

In dieser Zeit kehrte ich zu Herrn von Holbach zurück. Die Veranlassung dazu war der Tod seiner Frau gewesen, der eben so wie der der Frau Francueil während meines Aufenthalts in Genf eingetreten war. Diderot, der ihn mir anzeigte, erzählte mir von der tiefen Trauer ihres Mannes. Sein Schmerz ging mir nahe; beklagte ich doch selbst diese liebenswürdige Frau. Bei diesem Trauerfall schrieb ich an Herrn von Holbach. Dieses bedauernswerthe Ereignis ließ mich alle sein mir angethanes Unrecht vergessen, und als er bei meiner Rückkunft von Genf soeben selbst von einer Reise durch Frankreich, die er mit Grimm und andern Freunden zu seiner Zerstreuung unternommen hatte, heimgekehrt war, machte ich ihm einen Besuch und wiederholte ihn öfters, bis zu meiner Abreise nach der Eremitage. Als man in seinem Umgangskreise erfuhr, daß mir Frau von Epinay, die ihm bis dahin noch unbekannt war, daselbst eine Wohnung bereitete, regneten die Spöttereien hageldicht auf mich hernieder, indem man mir zu verstehen gab, daß ich bei meinem Bedürfnisse nach Weihrauch und den städtischen Vergnügungen die Einsamkeit keine vierzehn Tage aushalten würde. Da ich wußte, wie es in dieser Beziehung mit mir stand, ließ ich sie reden und mich dadurch nicht im geringsten stören. Herr von Holbach unterließ nicht, mir gefällig zu sein, Das ist wieder ein Beispiel von den Streichen, die mir mein Gedächtnis spielt. Erst lange nachdem ich dies geschrieben, bringe ich in einem Gespräche mit meiner Frau über ihren guten alten Vater in Erfahrung, daß es keineswegs Herr von Holbach, sondern Herr von Chenonceaux, damals einer der Verwalter des Hôtel Dieu, war, der seine Aufnahme in dasselbe bewirkte. Ich hatte den letzteren so vollkommen vergessen und Herrn von Holbach dagegen so lebhaft in der Erinnerung behalten, daß ich darauf geschworen hätte, ich verdankte ihm diesen Liebesdienst. und verschaffte dem ehrlichen alten Le Vasseur, der mehr als achtzig Jahre zählte, und von dem zu befreien mich seine Frau, die sich durch ihn sehr beschwert fühlte, unaufhörlich bat, ein Unterkommen. Er wurde einem Armenhause übergeben, wo ihn sein Alter und der Schmerz über die Trennung von seiner Familie fast unmittelbar nach seiner Ankunft in das Grab brachten. Seine Frau und seine übrigen Kinder betrauerten ihn wenig; Therese dagegen, die ihn zärtlich liebte, hat sich nie über seinen Verlust wie über ihre Einwilligung dazu trösten können, daß er, seinem Ende so nahe, fern von ihr seine Tage vollenden sollte.

Ungefähr um die nämliche Zeit bekam ich einen höchst unerwarteten Besuch, obgleich es eine sehr alte Bekanntschaft war. Ich spreche von meinem Freunde Venture, der mich eines schönen Morgens überraschte, als ich an nichts weniger dachte. Ein anderer Mann erschien mit ihm. Wie verändert kam er mir vor! Statt seiner alten Anmuth bemerkte ich an ihm nur ein wüstes Wesen, das mich von einem herzlichen Entgegenkommen zurückhielt. Entweder waren meine Augen nicht mehr dieselben, oder sein ausschweifendes Leben hatte ihn verdummt, oder sein ganzer früherer Glanz beruhte nur auf dem Glanze der Jugend, die jetzt vergangen war. Ich sah ihn fast mit Gleichgiltigkeit, und wir schieden ziemlich kalt von einander. Allein nach seiner Entfernung rief das Andenken an unser früheres freundschaftliches Verhältnis die Erinnerung an meine jungen Jahre, die jener jetzt freilich nicht weniger als er verwandelten engelgleichen Frau so zärtlich und keusch gewidmet waren, auf das lebhafteste wieder in mir wach. Die kleinen Ereignisse aus dieser glücklichen Zeit, der selige so unschuldig und doch so genußreich in Gesellschaft zweier reizenden Mädchen in Toune verlebte Tag, an dem ich als einzige Gunst eine Hand zu küssen bekam und der trotzdem eine so leidenschaftliche, so rührende, so anhaltende Sehnsucht in mir zurückgelassen hatte; alle diese entzückenden und berauschenden Träume, die ich damals in ihrer ganzen Kraft empfunden und deren Zeit ich für immer entschwunden wähnte: alle diese zärtlichen Erinnerungen entlockten mir Thränen über meine entflohene Jugend und ihre mir jetzt für immer verlorene Seligkeit. Ach, wie viele würde ich über die späte und unheilvolle Rückkehr dieser Seligkeit vergossen haben, hätte ich die Leiden vorausgesehen, die sie mich kosten sollte!

Bevor ich Paris verließ, hatte ich den Winter vor meiner Uebersiedelung eine Freude ganz nach meinem Herzen, die ich in ihrer vollen Reinheit empfand. Palissot, ein durch einige Schauspiele bekannt gewordenes Mitglied der Akademie von Nancy, hatte in Luneville eines derselben vor dem König von Polen aufführen lassen. Offenbar glaubte er sich in Gunst zu setzen, wenn er in diesem Stücke einen Mann auftreten ließ, der es gewagt hatte, sich mit dem Könige in einem Federkriege zu messen. Stanislaus, der edelmüthig und kein Freund der Satire war, wurde entrüstet, daß man in seiner Gegenwart dergleichen Persönlichkeiten auf die Bühne zu bringen wagte. Auf Befehl dieses Fürsten schrieb der Herr Graf von Tressan an d'Alembert und mich, um mir die Absicht Seiner Majestät, Herrn Palissot von seiner Akademie auszuschließen, mitzutheilen. Meine Antwort war eine lebhafte Bitte an Herrn von Tressan, bei dem Könige von Polen um die Begnadigung des Herrn Palissot einkommen zu wollen. Die Begnadigung wurde genehmigt, und als mich Herr von Tressan im Namen des Königs davon in Kenntnis setzte, fügte er hinzu, daß dieser Vorfall in die Annalen der Akademie eingetragen werden sollte. Ich erwiderte, daß darin weniger die Gewährung einer Begnadigung als die Verlängerung der Strafe läge. Durch anhaltende Bitten erlangte ich endlich, daß in den Annalen keine Erwähnung geschehen und über die Angelegenheit Stillschweigen beobachtet werden sollte. Dies alles wurde sowohl von Seiten des Königs wie des Herrn von Tressan von Versicherungen der Hochachtung und der Wertschätzung begleitet, durch welche ich mich äußerst geschmeichelt fühlte; und ich machte bei dieser Gelegenheit die Erfahrung, daß die Achtung von Menschen, die ihrer selbst in so hohem Grade würdig sind, in der Seele ein weit süßeres und edleres Gefühl als das der befriedigten Eitelkeit hervorruft. Meine erwähnte Sammlung enthält eine Abschrift der Briefe des Herrn von Tressan, nebst meinen Antworten und die Originale wird man in dem Heft A, Nr. 9, 10 und 11 finden.

Ich bin mir dessen recht wohl bewußt, daß ich, wenn diese Denkwürdigkeiten je in die Öffentlichkeit kommen sollten, hier selbst das Andenken an einen Vorfall verewige, von dem ich jede Spur vernichten wollte; aber wider meinen Willen muß ich noch weit andere berichten. Von dem großen Zwecke meines Unternehmens, das ich immer fest im Auge behalte, und von der unumgänglichen Pflicht, es in seinem ganzen Umfange auszuführen, darf ich mich nicht durch Betrachtungen kleinlicherer Art, die mich von meinem Ziele entfernen würden, abbringen lassen. In der eigentümlichen, in der ganz einzigen Lage, in der ich mich befinde, habe ich zu große Verpflichtungen gegen die Wahrheit, um gegen andere Rücksicht nehmen zu können. Um mich richtig zu kennen, muß man mich in allen meinen Beziehungen und Verbindungen, in den guten wie in den schlechten, kennen. Die Bekenntnisse über mich sind selbstverständlich mit denen über viele andere Leute verbunden; ich lege die einen wie die andern in allem, was sich auf mich bezieht, mit gleichem Freimuth ab, da ich niemandem, wer er auch sein möge, mehr Rücksichten schuldig zu sein glaube, als ich auf mich selbst nehme, so gern ich auch auf andere weit mehr nehmen möchte. Ich will stets gerecht und wahr sein, von andern so viel Gutes sagen, wie es mir möglich sein wird, Nachtheiliges nur über meine Person und so weit ich dazu gezwungen bin. Wer ist wohl berechtigt, von mir in der Lage, in die man mich versetzt hat, mehr zu verlangen? Meine Bekenntnisse sind nicht geschrieben, um während meines Lebens oder zu Lebzeiten der darin erwähnten Personen zu erscheinen. Hinge mein wie dieser Schrift Schicksal von mir ab, so würde sie erst lange nach meinem und nach jener Tode das Licht erblicken. Aber die Anstrengungen, zu welchen die Angst vor der Wahrheit meine mächtigen Unterdrücker treibt, um ihre Spuren zu vernichten, zwingt mich gerade zur Erhaltung derselben alles zu thun, was das untrüglichste Recht und die strengste Gerechtigkeit gestatten. Müßte mein Andenken zugleich mit mir erlöschen, so würde ich ohne Murren lieber eine ungerechte und vorübergehende Schmach dulden, als jemanden bloßstellen; aber da mein Name am Ende doch fortleben muß, so bin ich es mir schuldig dafür zu sorgen, daß sich mit ihm auch die Erinnerung an den unglücklichen Menschen, der ihn trug, so erhält, wie er in Wirklichkeit war, und nicht so, wie ihn ungerechte Feinde unaufhörlich zu schildern suchen.

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