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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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8. Kapitel

Frau von Rênals Engelsgüte, eine Frucht ihres Wesens und ihres gegenwärtigen Glückes, wurde nur dann leicht getrübt, wenn sie an ihre Kammerjungfer Elise dachte. Das Mädchen hatte eine Erbschaft gemacht. Sie war zum Pfarrer Chélan gelaufen und hatte ihm anvertraut, daß sie Julian gern heiraten möchte. Dem Geistlichen bereitete dieses Glück seines Lieblings aufrichtige Freude. Um so maßloser war sein Erstaunen, als ihm Julian entschieden erklärte, daß er auf Fräulein Elisens Antrag nicht eingehen könne.

»Mein Sohn«, redete ihm der Pfarrer stirnrunzelnd zu, »lassen Sie Ihr Herz sprechen! Ist es lediglich Ihr heiliger Beruf, dessentwegen Sie ein mehr denn auskömmliches Vermögen ausschlagen wollen, so wünsche ich Ihnen eine glückliche Laufbahn. Es sind jetzt sechsundfünfzig Jahre, daß ich hier in Verrières bin. Trotzdem hat es ganz den Anschein, als käme meine baldige Absetzung. Das betrübt mich, obgleich ich eine kleine Jahresrente von achthundert Franken habe. Dies alles erzähle ich Ihnen so ausführlich, damit Sie sich keine falsche Vorstellung von dem machen, was Ihrer im Priesterstande harrt. Wenn Sie die Absicht haben, den Machthabern hienieden zu frönen, so ist Ihnen die ewige Verdammnis sicher. Dann machen Sie Ihr Glück, aber auf Kosten der Unglücklichen. Sie müssen kriechen vor dem Landrat, vor dem Bürgermeister, vor jedem, der etwas darstellt, und den Gelüsten aller dieser Leute Vorschub leisten. Man nennt das Lebensklugheit, und in einem weltlichen Stande schließt dies das Seelenheil nicht unbedingt aus. In unserem Berufe heißt es: entweder – oder. Wir müssen uns entscheiden zwischen dem Glück dieser Welt oder jener. Ein Mittelding gibt es nicht. Gehen Sie, mein lieber Freund, überlegen Sie sich's, und kommen Sie in drei Tagen noch einmal zu mir, mit Ihrer endgültigen Antwort! Zu meinem Schmerze sehe ich in der Tiefe Ihrer Seele eine düstere Glut, die andre Dinge verrät denn das Sichbescheiden und den völligen Verzicht auf irdisches Hab und Gut, wie dies für einen Priester nötig ist. Von Ihren geistigen Fähigkeiten verspreche ich mir viel, aber das muß ich Ihnen als Ihr Seelsorger sagen: Mir bangt um Ihr Seelenheil.«

Dem guten Pfarrer standen die Tränen in den Augen. Julian war gerührt, aber er schämte sich dieser Rührung. Zum ersten Male in seinem Leben fühlte er, daß ihn jemand liebte. Er weinte aus Glückseligkeit und verbarg sich mit seinen Tränen im Walde oberhalb Verrières. Zu guter Letzt aber fragte er sich: »Was bedeutet mein jetziger Zustand? Ich wäre jede Minute bereit, für diesen braven Mann mein Leben zu lassen, trotzdem er mir eben klargemacht hat, daß ich ein dummer Kerl bin. Er durchschaut mich. Ihn muß ich vor allem täuschen. Die heimliche Glut, von der er gesprochen hat, das ist mein Wunsch und Wille, vorwärtszukommen. Er hält mich des geistlichen Standes für unwürdig, und zwar gerade in dem Augenblicke, wo ich mir einbildete, er sähe wegen meiner Ablehnung eines sicheren Jahreseinkommens von tausend Franken in mir ein Musterbild von Frömmigkeit: den geborenen Priester!«

Weiterhin sagte er sich: »Fortan werde ich mich immer nur auf die Elemente meines Charakters verlassen, die ich erprobt habe. Hätte ich mir wohl zugetraut, daß ich tränenselig sei? Daß ich einen Menschen lieben könne, der mir beweist, daß ich ein törichter Narr bin?«

Drei Tage darauf hatte Julian den Vorwand gefunden, der ihm zu seinem Leidwesen nicht sogleich eingefallen war. Er verschanzte sich hinter eine Verleumdung, aber das war ihm gleichgültig. Zögernd und zaudernd gestand er dem Pfarrer, er habe einen Grund, den er ihm nicht näher angeben könne. Er wolle keinen Dritten schädigen. Deshalb hätte er von Anfang an von dem Heiratsplane nichts wissen wollen. Dies hieß auf gut deutsch: er verdächtigte Elisens Wandel.

Der Pfarrer hatte von neuem den Eindruck, in Julian glühe ein weltlicher Drang und ganz und gar nicht das himmlische Feuer eines angehenden Gottesgelehrten. Abermals redete er ihm zu: »Bester Freund, werden Sie lieber ein braver, ehrsamer und tüchtiger Bauersmann als ein Priester ohne inneren Beruf!«

Julian gab auf diese neuen Vorhalte Antworten, die trefflich klangen. Er kleidete sie in Worte, wie sie wohl einem wahrhaft begeisterten jungen Theologen entströmt wären. Und doch lag in dem Tone, in dem er sie vorbrachte, und in dem unverkennbaren Fanatismus seiner blitzenden Augen etwas, das den Pfarrer stark beunruhigte.

Man darf Julian nicht vorschnell einen Stümper der Heuchelei heißen. Seine Worte an sich waren durchaus vorsichtige und kluge Lügen. Mehr vermag man in seinem Alter nicht. Was Stimme und Gebärden anbelangt, so muß man bedenken, daß er bisher unter Bauern gelebt hatte. Große Vorbilder waren ihm noch nicht begegnet. Erst durch die Berührung mit den Heuchlern der höheren Gesellschaft sollte er alsbald nicht nur in seinen Worten, sondern auch in seinem ganzen äußeren Wesen ein bewundernswerter Meister werden.

Frau von Rênal wunderte sich, daß ihre Jungfer über die ihr zugefallene Erbschaft so gar keine Freude äußerte. Sie sah sie nur immer wieder in die Pfarre laufen und von da mit verweinten Augen zurückkommen. Endlich gestand ihr Elise ihre Heiratsgedanken.

Da überkam Frau von Rênal eine imaginäre Krankheit. Sie hatte Fieber und fand keinen Schlaf. Nur wenn sie die Jungfer oder Julian unmittelbar vor Augen hatte, lebte sie sozusagen. Unablässig dachte sie an die beiden und an das ihnen nahe eheliche Glück. Sie malte sich ihren ärmlichen Haushalt, der mit tausend Franken im Jahre bestritten werden sollte, mit verführerischen Farben aus. Übrigens konnte Julian sehr leicht Advokat in Bray werden, dem zwei Wegstunden von Verrières entfernten Landratssitze. Dann verlor sie ihn wenigstens nicht ganz aus den Augen.

Sie bildete sich ernstlich ein, den Verstand zu verlieren, und sagte das auch ihrem Manne. Schließlich wurde sie wirklich krank. Des Abends, als die Jungfer sie bediente, merkte sie, daß sie weinte. Frau von Rênal verabscheute Elise und hatte sie eben ungnädig behandelt. Um es wieder gutzumachen, sagte sie ihr jetzt ein paar gütige Worte, worauf das Mädchen erst recht zu weinen anfing. Wenn die gnädige Frau es ihr erlaube, schluchzte sie, so wolle sie all ihr Unglück erzählen.

»Erzähle!« gebot Frau von Rênal.

»Ach, gnädige Frau, er will mich nicht! Böse Menschen haben mich wohl bei ihm schlecht gemacht, und er glaubt ihnen.«

»Wer will dich nicht?« stieß Frau von Rênal hervor.

»Ach gnädige Frau, doch der Herr Julian! Nicht einmal der Herr Pfarrer hat bei ihm etwas ausrichten können, wo er ihm doch vorgestellt hat, daß man einem anständigen Mädchen keinen Korb geben darf, bloß weil es in Diensten steht. Herrn Julians Vater ist ja auch nur Handwerker. Und wie hat sich Herr Julian sein Brot verdient, ehe er zur gnädigen Frau ins Haus kam?«

Frau von Rênal hörte nichts mehr. Vor übergroßem Glück vermochte sie kaum noch klar zu denken. Elise mußte ihr mehrmals versichern, daß Julian ihren Antrag entschieden und ein für allemal abgelehnt hatte. Darauf erklärte Frau von Rênal: »Ich will trotz alledem einen letzten Versuch machen und selber einmal mit Julian sprechen.«

Am nächsten Tag, nach dem Frühstück, vertrat Frau von Rênal die Sache ihrer Nebenbuhlerin. Eine Stunde lang hörte sie zu ihrer Wonne, daß Julian Elisens Hand und Habe beharrlich zurückwies.

Nach und nach schwand auch seine Wortkargheit, und schließlich hatten seine Einwände auf ihre klugen Vorstellungen wirklich Sinn und Verstand. Dem Glücksrausche, der ihre Seele nach so vielen Tagen der Verzweiflung überflutete, war Frau von Rênal nicht gewachsen. Nunmehr ward sie tatsächlich sehr krank. Als es ihr wieder besser ging und sie behaglich in ihrem Zimmer saß, blieb sie am liebsten allein. Sie staunte über sich selbst.

»Liebe ich Julian?« fragte sie sich.

Diese Entdeckung, die ihr zu jedem andern Zeitpunkte Gewissensbisse bereitet und sie erschüttert hätte, kam ihr jetzt nur wie ein merkwürdiges Spiel vor, dessen unbeteiligte Zuschauerin sie war. Durch all das überstandene Leid war ihre Seele erschöpft und ihre Sinnlichkeit eingeschläfert.

Sie wollte arbeiten, aber sie schlummerte darüber ein. Als sie aus ihrem tiefen Schlaf erwachte, war sie nicht so erschrocken, wie sie es hätte sein müssen. Sie war viel zu glücklich, als daß sie sich irgendwelcher Sünde bezichtigt hätte. Harmlos und unschuldig, wie sie als Kleinstädterin war, hatte sie sich angesichts einer ihr neuen Stimmung oder eines Unglücks niemals gefühlvolle Momente abgerungen. Vor Julians Ankunft war sie durch die Arbeitslast, die auf dem Land eine gute Hausfrau zu bewältigen hat, vollständig in Anspruch genommen. Und in den Leidenschaften sah sie ungefähr dasselbe wie im Lotteriespiel: eine Fata Morgana, der nur die Dummen nachrennen.

Es schellte zum Mittagessen. Als sie Julians Stimme vernahm, ward sie glutrot. Er kam mit den Knaben herein. Die Liebe hatte Frau von Rênal bereits gewitzigt, und so sagte sie, zur Entschuldigung ihrer Röte, sie habe gräßliche Kopfschmerzen.

»So sind die Weiber durch die Bank!« bemerkte der Bürgermeister und lachte rüd. »Ewig ist an ihrer Mechanik etwas nicht in Ordnung.«

Frau von Rênal war zwar an derartige Scherze ihres Mannes gewöhnt, aber seine Art und Weise verletzte sie doch. Um sich auf andre Gedanken zu bringen, betrachtete sie Julians Gesicht. Und wenn er der häßlichste aller Menschen gewesen wäre: in diesem Augenblick hätte er ihr gefallen.

Herr von Rênal hielt ungemein darauf, in Äußerlichkeiten den Grandseigneur zu spielen. Deshalb pflegte er an den ersten schönen Frühlingstagen seinen Haushalt nach Vergy zu verlegen, einem Dorfe, das durch das tragische Schicksal der Gabriele von Vergy allbekannt ist. Unweit der malerischen Ruinen einer alten gotischen Kirche lag das Schloß mit seinen vier Türmen, inmitten eines Parkes, der sein Vorbild in den Tuilerien-Gärten hatte, mit Buchsbaumhecken und Kastanienalleen, die jährlich zweimal verschnitten wurden. Das angrenzende Stück Land, das mit Apfelbäumen bepflanzt war, diente zum Spazierengehen. Am Ende dieses Obstgartens reckte eine Reihe prächtiger haushoher Nußbäume die massigen Wipfel.

Wenn Frau von Rênal von diesen alten Bäumen schwärmte, brummte ihr Mann jedesmal: »Jedes dieser verflixten Dinger stiehlt mir den Ertrag eines halben Morgens! In ihrem Schatten gedeiht kein Halm!«

Diesmal kam ihr der Landaufenthalt wie etwas ganz Neues vor. Ihr Entzücken stieg bis zur Ekstase. Die Stimmung, die sie belebte, machte sie erfinderisch und unternehmungslustig. Am zweiten Tag nach der Ankunft in Vergy, als Herr von Rênal nach der Stadt zurückgefahren war, um seines Amtes zu walten, ließ sie auf ihre Kosten Arbeiter kommen. Julian hatte sie auf den Gedanken gebracht, einen Kiespfad anzulegen, um den Obstgarten herum und entlang der großen Nußbäume, damit die Kinder schon am Morgen Spazierengehen könnten, ohne sich die Schuhe im Tau des Grases naßzumachen. Der Plan war keine vierundzwanzig Stunden alt, da ward er bereits zur Tat. Frau von Rênal und Julian verbrachten den ganzen Tag froh und heiter, indem sie den Wegebau leiteten.

Als der Bürgermeister heimkehrte, sah er zu seiner höchsten Überraschung die fertige Promenade. Nicht minder überrascht war Frau von Rênal. Sie hatte die Existenz ihres Ehegemahls gänzlich vergessen. Acht Wochen lang hörte er nicht auf, die Kühnheit seiner Frau zu tadeln, daß sie, ohne ihn zu befragen, einen so beträchtlichen Umbau ins Werk gesetzt habe. Sein einziger Trost dabei war, daß sie die Kosten bestritten hatte.

Tagtäglich war sie mit ihren Kindern im Baumgarten auf der Schmetterlingsjagd. Man hatte sich große Netze aus heller Gaze hergestellt, mit denen die Lepidopteren gefangen wurden. Diesen barbarischen Namen für die armen Tierchen brachte Julian Frau von Rênal bei. Sie hatte das schöne Buch über die Schmetterlinge von Godart aus Besançon kommen lassen. Danach erzählte ihr Julian von dem merkwürdigen Leben und Treiben dieser Geschöpfe. Sie wurden erbarmungslos auf Nadeln gespießt und in einem großen Kasten gesammelt, den Julian zusammengepappt hatte.

Nunmehr gab es auch Gesprächsstoff zwischen ihm und seiner Gebieterin, und die schreckliche Qual der Schweigsamkeit zu zweit suchte ihn nicht mehr heim. Sie redeten unaufhörlich miteinander, und zwar mit dem größten Eifer, wenngleich immer von sehr harmlosen Dingen.

Dieses rege heitere Leben befriedigte alle; nur Jungfer Elise klagte über zu viel Arbeit. »Nicht einmal zum Karneval«, sagte sie, »wenn in Verrières Ball war, hat die gnädige Frau so viel Sorgfalt auf ihre Kleidung verwandt. Sie zieht sich täglich zwei- bis dreimal anders an.«

Hierzu sei ehrlicherweise bemerkt, daß Frau von Rênal, die wundervolle Haut hatte, mit Vorliebe Kleider trug, die Hals und Arme frei ließen. Da sie prächtig gewachsen war, stand ihr dies entzückend.

Wenn die Verrièrer Freunde als Tischgäste nach Vergy kamen, sagten sie zu ihr: »Gnädige Frau, Sie sehen jünger denn je aus!« Allerdings war das eine stehende Redensart in jener Gegend.

So seltsam es klingen mag: Frau von Rênal hatte durchaus keine besonderen Absichten, wenn sie so viel Sorgfalt auf sich verwandte. Es machte ihr Vergnügen. Das bißchen Zeit, das ihr die Schmetterlingsjagd mit den Kindern übrigließ, arbeitete sie mit Elise an neuen Kleidern. Und das einzige Mal, wo sie nach Verrières fuhr, galt dem Kaufe eines Sommerkostüms, des Allerneuesten aus Mülhausen.

Bei dieser Gelegenheit brachte sie eine entfernte Verwandte von sich mit nach Vergy, Frau Derville, die gleichzeitig mit ihr im Kloster zum Herzen Jesu gewesen war. Nach ihrer Heirat hatte sie sich allmählich mit ihr befreundet.

Frau Derville hatte immer viel Spaß an den drolligen Einfallen ihrer Base.

»Wenn ich allein wäre, käme mir derlei gar nicht in den Sinn«, meinte Frau von Rênal. Vor ihrem Mann schämte sie sich nämlich ihrer unvermittelten Anwandlungen. Sie kamen ihr kindisch vor; in Paris hätte man das Bizarrerien genannt. Aber in Frau Dervilles Gegenwart wuchs ihr Mut. Je länger sie mit ihr allein war, um so mehr ging sie aus sich heraus und desto lebhafter wurde sie. Ein ganzer Vormittag verflog den beiden lustigen Freundinnen gewöhnlich, als wäre es nur ein Augenblick. Diesmal fand die kluge Frau Derville schon während der Fahrt von Verrières nach Vergy, daß ihre Freundin wohl nicht so fröhlich wie sonst, aber viel zufriedener sei.

Julian hingegen war seit Anbeginn des Landaufenthalts wieder ein Kind. Ebenso glücklich wie seine Zöglinge, jagte er mit ihnen hinter den Schmetterlingen her. Nach so viel Zwang, Berechnung und Politik den Blicken der Menschen entrückt, sich selbst überlassen, und instinktiv sicher, daß er von seiner Herrin nichts zu befürchten hatte, verlor er sich in der Freude am Dasein. Sie ist bei einem Neunzehnjährigen nicht gering, zumal in einer der köstlichsten Berglandschaften der Welt.

Bei Frau Dervilles Ankunft hatte Julian sofort das Gefühl, daß sie seine Freundin sei. Er zeigte ihr alsbald die Fernsicht, die man vom Ende des neuen Weges an den großen Nußbäumen hatte. Wahrhaftig, was man von dort sah, durfte sich mit den herrlichsten Landschaftsbildern in der Schweiz oder an den lombardischen Seen messen! Wer den steilen Hang hinaufklettert, der ein paar Schritte oberhalb der Allee anfängt, gelangt an einen Vorsprung über jähen Klüften. Die Tiefe bis fast hinab zum Fluß erfüllt ein Wald von Eichen. Auf diese Felsenhöhen führte Julian die beiden Freundinnen. Dort fühlte er sich glücklich und frei, als sei er der Herr des Bodens, der König des Landes. Die Schwärmerei der beiden Damen für die Großartigkeit des Ausblickes war sein Ergötzen.

»Das ist mir wie eine Melodie Mozarts!« rief Frau Derville.

Das Land um Verrières war Julian verleidet, weil es ihn an die Feindseligkeit seiner Brüder und die Tyrannei seines mißlaunischen Vaters gemahnte. In Vergy verfolgten ihn keine bitteren Erinnerungen. Zum erstenmal in seinem Leben sah er keinen Feind. Wenn Herr von Rênal in der Stadt weilte, was öfters der Fall war, wagte er zu lesen. Bisher hatte er dies nur nachts getan, wobei er sein Licht vorsichtig in einem großen verkehrt hingestellten Blumentopf verbarg. Jetzt konnte er sich nachts dem Schlummer hingeben. Am Tage, in seinen freien Stunden, ging er mit seinem Lieblingsbuche hinauf in die Felsen. Er vertiefte sich in das Vorbild seiner Lebensführung und schöpfte neue Begeisterung. Nach Stunden der Mutlosigkeit fand er hier Trost im erhabensten Traumglück.

Gewisse Aussprüche des großen Napoleon über die Frauen sowie über die Moderomane seiner Zeit brachten Julian zum erstenmal auf verliebte Gedanken, wie sie sich in jungen Männern zumeist viel früher regen.

Die heißen Tage kamen. Man verbrachte die Abende gewöhnlich unter einer mächtigen Linde dicht vor dem Herrenhause. Dort war es stockdunkel. Eines Abends redete Julian besonders lebhaft. Es war ihm Lust, so reden zu können: vor den jungen Frauen. Er gestikulierte, und einmal berührte er dabei Frau von Rênals Hand, die auf der Lehne eines der weißlackierten Gartenstühle ruhte.

Die Hand fuhr blitzschnell zurück; da durchfuhr Julian der Gedanke, es wäre seine Pflicht, daß sich diese Hand nicht zurückzöge, wenn er sie berührte. Der Gedanke, er habe eine Pflicht zu erfüllen, dazu das Gefühl, es sei lächerlich, mehr noch, eines höheren Menschen unwürdig, erfolglos zu verzichten – das ertötete im Moment alle Freuden seines Herzens.

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