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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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74. Kapitel

Mit dieser grausamen Trennung hatte der Tag für Julian übel begonnen. Zwei, drei Stunden später teilte man ihm mit, ein Geistlicher warte seit frühmorgens vor dem Gefängnistor auf der Straße. Es war ein stadtbekannter Ränkeschmied, der es trotz aller Bemühung unter den Jesuiten von Besançon zu nichts gebracht hatte. Es regnete tüchtig, und der Mann benutzte die Gelegenheit, sich zum Märtyrer aufzuspielen. Julian, der sowieso verstimmt war, ärgerte sich über diesen Unfug maßlos. Bereits am Morgen hatte er den Besuch des Narren abgewiesen; der aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, Julian die Beichte abzunehmen, um sich dann unter den Betschwestern der Stadt mit angeblichen Geständnissen brüsten zu können. Er erklärte, er werde Tag und Nacht vor dem Tore des Gefängnisses verbleiben. »Gott schickt mich«, rief er mit lärmiger Stimme, »ich soll das Herz dieses Abtrünnigen erweichen!«

Schon begann sich das gemeine Volk, wie immer begierig nach Auftritten, anzusammeln. »Ja, geliebte Brüder«, predigte er, »hier werde ich den Tag und die Nacht und alle folgenden Tage und Nächte warten. Der Heilige Geist hat zu mir gesprochen. Ich bin vom Himmel auserkoren. Es ist meine Sendung, die Seele des jungen Sorel zu retten. Betet allesamt mit mir!«

Julian hatte Abscheu vor einem Skandal, überhaupt vor allem, was die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn ziehen konnte. Schon dachte er daran, im rechten Augenblick unbemerkt dieser Welt zu entschlüpfen; aber noch hegte er Hoffnung, Frau von Rênal wiederzusehen, nach der er sich maßlos sehnte.

Das Tor des Gefängnisses ging nach einer der belebtesten Straßen. Der Gedanke, daß der dreckige Pfaffe die Menge anlockte und Ärgernis verursachte, quälte Julians Seele. »Zweifellos schreit er immerfort meinen Namen aus!« sagte er sich. Die Unruhe darüber war ihm qualvoller als der Tod.

Wiederholt, von Stunde zu Stunde, rief er einen ihm ergebenen Wärter und ließ ihn nachsehen, ob der Priester noch immer vor dem Tore stehe.

»Herr Sorel«, lautete immer wieder der Bescheid, »er liegt auf den Knien und betet mit lauter Stimme für Ihr Seelenheil.«

»Der Unverschämte!« dachte Julian. Da hörte er tatsächlich dumpfes Gemurmel. Es war das Volk, das die Litanei mitleierte. Sein Ekel steigerte sich, als er sah, daß auch der Wächter seine Lippen bewegte und die lateinischen Worte nachschwatzte.

»Die Leute meinen längst, sie müßten ein ganz verstocktes Herz haben, daß Sie den Zuspruch dieses heiligen Mannes von sich weisen!« sagte der Wärter.

»Frankreich!« rief Julian zornestrunken aus. »Was für ein Land der Barbarei bist du noch!« Die Anwesenheit des Wächters vergessend, redet er ganz laut weiter. »Der Kerl will, daß die Zeitungen von ihm berichten, und das wird ihm gewiß gelingen. Diese gottverdammte Kleinstadt! In Paris wäre ich solchen und ähnlichen Belästigungen nicht ausgesetzt. Dort hat selbst Humbug Kultur.«

»Lassen Sie den heiligen Mann herein!« befahl er schließlich dem Wärter. Der Schweiß rann ihm in Strömen über die Stirn.

Der Wächter schlug ein Kreuz und verschwand vergnügt. Der alsbald eintretende Pfaffe sah schrecklich häßlich aus. Er war noch schmutziger denn am Morgen. Der Regendunst, den er verbreitete, vermehrte die Feuchtigkeit des dunklen Verlieses.

Der Priester wollte Julian um den Hals fallen. Je mehr er redete, um so rührseliger wurde er. Seine erbärmliche Heuchelei war unverkennbar. Sein Leben lang war Julian nicht so empört gewesen.

Nach einer Viertelstunde war Julian gebrochen. Zum ersten Male graute ihm vor dem Tode. Er gedachte des Zustandes der Verwesung, in dem sich sein Körper zwei Tage nach der Hinrichtung befinden werde.

Es fehlte nicht viel, so hätte sich Julians Schwäche verraten, oder er hätte sich auf den Pfaffen gestürzt und hätte ihn mit seiner Kette erwürgt. Da kam ihm der Einfall, ihn zu ersuchen, eine anständige Messe für vierzig Franken noch am nämlichen Tage für ihn zu lesen.

Es schlug zwölf; da zog der Mann Gottes ab.

Wie er weg war, weinte Julian heftig. Er weinte, weil er sterben mußte. Mehr und mehr ward ihm klar, daß er Frau von Rênal seine Schwäche beichten wollte. Aber sie war nicht da...

In dem Augenblick, wo er am stärksten bedauerte, daß er sie nicht bei sich hatte, vernahm er Mathildens Schritte.

»Das allerschlimmste Unglück eines Gefangenen liegt darin, daß er niemanden abweisen kann«, dachte er.

Alles, was ihm Mathilde sagte, reizte und erregte ihn. Sie erzählte, Valenod habe am Tage des Schwurgerichts seine Ernennung zum Landrat bereits in der Tasche gehabt und es deshalb gewagt, dem Großvikar von Frilair einen Streich zu spielen, indem er sich das Vergnügen machte, Julians Verurteilung zum Tode zu bewirken.

»Herr von Frilair hat zu mir gesagt: ›Wie konnte es Ihrem Freunde nur einfallen, die kleinliche Eitelkeit der herrschenden Spießbürger herauszufordern und anzugreifen? Wozu erwähnte er den Klassenunterschied? Damit zeigte er ihnen den Weg, den ihr sozialer Egoismus zu gehen hatte. Die Schafsköpfe dachten zunächst gar nicht daran. Am liebsten hätten sie rührselig geheult. Erst der Parteigeist hat ihnen über die Scheu vor einem Todesurteil hinweggeholfen. Man muß sagen, daß Herr Sorel in derartigen Dingen wirklich unerfahren ist. Wenn es uns nicht gelingt, ihn auf dem Gnadenwege zu retten, dann ist sein Tod sozusagen Selbstmord...«

Etwas konnte ihm Mathilde nicht sagen, da sie es selber noch nicht ahnte: daß nämlich der Abbé von Frilair, seit er Julian für verloren hielt, aus Ehrgeiz und Eigennutz danach trachtete, sein Nachfolger zu werden.

Julian war vor ohnmächtigem Zorn und Ekel fast außer sich.

»Geh, ich bitte dich!« sagte er zu Mathilde. »Laß mir einen Augenblick Ruhe und Frieden!«

Wegen der Besuche Frau von Rênals sowieso schon stark eifersüchtig, hatte sie soeben von ihrer unfreiwilligen Abreise erfahren. Indem sie darin die Ursache von Julians schlechter Laune erkannte, brach sie in Tränen aus.

Ihr Schmerz war echt. Julian sah es, wurde aber dadurch nur noch mehr gereizt. Er hatte ein unsagbares Bedürfnis nach Einsamkeit. Wie sollte er sie sich schaffen?

Endlich ließ ihn Mathilde allein, nachdem sie alles aufgeboten hatte, ihn zu erweichen. Aber gleich darauf trat Fouqué ein.

»Ich habe das Bedürfnis, allein zu sein«, sagte Julian zu seinem treuen Freunde, und als er ihn trotzdem zaudern sah, fügte er hinzu: »Ich bin bei der Abfassung meines Begnadigungsgesuches. Übrigens... tu mir den Gefallen und sprich mir nicht vom Tode! Wenn ich am betreffenden Tage noch irgendeines besonderen Dienstes bedürfen sollte, werde ich von selber davon anfangen.«

Als Julian endlich die Einsamkeit errungen hatte, gelangte er zu der Erkenntnis, daß er verzagter und feiger war als je zuvor. Der Rest von Kraft, der seiner geschwächten Seele verblieben war, hatte sich bei der Bemühung erschöpft, seinen wahren Zustand vor Mathilde und Fouqué zu verbergen.

Gegen Abend kam ihm ein tröstlicher Gedanke: »Hätte man mich heute morgen in dem Augenblicke, da mir der Tod so häßlich erschien, den letzten Gang gehen lassen, so wären mir die Blicke der gaffenden Menge ein Ansporn zum Heldentum gewesen. Meine Haltung hätte vielleicht etwas Steifes gehabt, ähnlich der eines schüchternen Dandys, der einen Salon betritt. Scharfe Augen, wenn es die unter solchen Kleinstädtern gibt, hätten meine heimliche Schwachheit vielleicht erraten können. Aber wirklich erkannt hätte sie keiner!«

Eine Last sank von seiner Seele.

»Zur Stunde bin ich eine Memme; aber kein Mensch soll es erfahren.«

Ein ihm fast noch widerlicheres Ereignis erwartete ihn am nächsten Morgen. Bereits seit langem hatte ihm sein Vater einen Besuch angekündigt. Frühzeitig erschien der alte weißhaarige Sägemüller in Julians Zelle, noch ehe dieser wach war.

Julian fühlte alle Kräfte schwinden und machte sich auf die unangenehmsten Vorwürfe gefaßt. Zur Verschlimmerung seiner peinlichen Lage empfand er urplötzlich lebhafte Reue darüber, daß er seinen Vater nicht liebte.

»Der Zufall hat uns nebeneinander in die Welt gesetzt«, sagte er sich. »Wir haben einander so ziemlich alles Üble zugefügt. Angesichts meines Todes kommt er, mir den letzten Hieb zu versetzen.«

Als der Wärter, der die Zelle etwas in Ordnung gebracht hatte, hinaus war, begannen die heftigen Vorwürfe des alten Mannes. Julian hatte nicht die Kraft, seine Tränen zurückzuhalten.

»Welch würdelose Schwäche!« tadelte er sich wütend. »Er wird aller Welt ausposaunen, ich hätte keinen Mut gehabt. Wie wird dann Valenod triumphieren und alle die albernen Heuchler, die in Verrières regieren. Sie und ihre Genossen bilden die Hauptpartei im Lande. Sie haben alle sozialen Vorteile in den Händen. Bisher konnte ich mir wenigstens sagen: Sie haben zwar das Geld, und alle Ehren häufen sich auf sie, aber ich habe den Adel des Herzens. Nun aber tritt ein Zeuge auf, dem sie alle glauben werden, der vor ganz Verrières schwört, ich sei vor dem Tode schwach geworden. Ich stehe als Memme da...«

Julian war der Verzweiflung nahe. Er wußte nicht, wie er sich seines Vaters entledigen sollte. Dermaßen zu heucheln, daß er den scharfäugigen Alten täuschte, dies ging in diesem Augenblick weit über seine Kraft.

Sein Geist durchlief rasch alle Möglichkeiten.

»Ich habe Ersparnisse!« rief er plötzlich.

Dieser geniale Einfall änderte den Gesichtsausdruck des alten Mannes und die Situation beider mit einem Schlage.

»In welcher Weise soll ich über sie verfügen?« fuhr Julian, ruhig geworden, fort. Der Eindruck, den seine Worte gemacht, hatte ihn jeglicher Schwäche enthoben.

Den alten Sägemüller gelüstete es, seines Sohnes gesamte Hinterlassenschaft an sich zu reißen. Offenbar wollte Julian einen Teil seinen Brüdern zukommen lassen. Als er seinen Vater hierüber eifrig und lange reden sah, erwachte wieder der Spötter in ihm.

»Meinetwegen«, sagte er. »Gott der Herr leuchtet mir zu meinem Testament. Ich vermache meinen beiden Brüdern je tausend Franken und den Rest dir!«

»Gut! Dieser Rest kommt mir zu!« meinte der Alte. »Denn da der liebe Gott in seiner Gnade dein Herz gerührt hat, so gehört es sich auch für dich, der du als guter Christ sterben willst, daß du deine Schulden bezahlst. Ich meine da die Kosten für deine Erziehung und Ernährung, die ich dir vorgestreckt habe. Daran hast du nicht gedacht...«

»Wahrlich, das ist väterliche Liebe!« sagte sich Julian immer wieder, als er endlich allein war. Das Herz tat ihm weh.

Alsbald erschien der Kerkermeister.

»Herr Sorel«, sagte er, »nach Familienbesuch pflege ich meinen Gästen eine gute Flasche Champagner zu kredenzen. Er ist zwar ein bißchen teuer. Zwei Taler die Flasche. Aber er bringt wieder Mumm in die Knochen.«

«Bringen Sie drei Gläser!« sagte Julian, vergnügt wie ein Kind.

»Und bitten Sie die beiden Sträflinge zu mir, die ich draußen im Gange lustwandeln höre!«

Der Kerkermeister brachte sie herein. Es waren zwei rückfällige Verbrecher, die demnächst wieder ins Zuchthaus kommen sollten, urfidele Kerle, echte Kapazitäten hinsichtlich Verschlagenheit, Mut und Kaltblütigkeit.

»Wenn Sie mir einen Goldfuchs geben«, sagte der eine von ihnen zu Julian, »so erzähle ich meine Lebensgeschichte en detail. So was gibts nicht wieder!«

»Sie wollen mir etwas vorschwindeln?« meinte Julian.

»Gott bewahre!« beteuerte der Spitzbube. »Hier, mein Freund, der gönnt mir den Goldfuchs natürlich nicht. Sobald ich flunkere, denunziert er mich.«

Was er erzählte, war grauenhaft. Julian tat einen Blick in ein verwegenes Herz, das nur von einer Leidenschaft erfüllt war: der Geldgier.

Als die Sträflinge wieder hinaus waren, kam sich Julian wie verwandelt vor. Sein Groll gegen sich selber war verraucht, und der wilde Schmerz, dessen Beute er seit seinem Abschied von Frau von Rênal gewesen war und den seine Verzagtheit noch verbittert hatte, war in Wehmut zerflossen.

»Ich habe mich durch den Schein narren lassen«, sagte er sich. »Sonst hätte ich erkennen müssen, daß es in der sogenannten guten Gesellschaft von Biedermännern vom Genre meines Vaters und von gerissenen Halunken vom Schlage der beiden Zuchthäusler wimmelt. Je mehr sie zu essen und zu trinken haben, um so mehr protzen sie mit ihrer anständigen Gesinnung und ihrer Ehrlichkeit. Und wenn sie Geschworene sind, so verurteilen sie von oben herab einen armen Schlucker, der einen silbernen Löffel genommen hat, um nicht zu verhungern. Gilt es aber, ein Ministerportefeuille zu verlieren oder zu gewinnen, dann fallen diese Ehrenmänner des Salons in genau die nämlichen Verbrechen wie jene Zuchthäusler.

Es gibt kein natürliches Recht. Das ist veralteter Blödsinn, albernes Gerede von Staatsanwälten, deren Vorfahren selber Gauner waren. Es gibt nur ein Recht: die Macht, die diese oder jene Handlung unter Strafandrohung verbietet. Natürlich ist nichts als die Kraft des Löwen oder das Bedürfnis, das der verspürt, der Hunger hat oder friert. Die Leute, die man zu ehren pflegt, sind nichts weiter als Halunken, die das Glück gehabt haben, nicht in flagranti ertappt zu werden. Der Staatsanwalt, den die Gesellschaft auf mich hetzt, ist durch eine Infamie reich geworden. Ich habe einen Mord begangen und bin rechtmäßig verurteilt worden. Aber von der Tat an sich abgesehen, ist ein Valenod, der als Geschworener den Stab über mich bricht, hundertmal gemeingefährlicher als ich...«

Trübsinnig, aber leidenschaftslos fuhr er fort: »Trotz seiner Habsucht ist mein Vater noch lange nicht der Schlechteste. Er hat mich niemals geliebt, und ich schände ihm zuletzt durch meinen ehrlosen Tod gar noch seinen Namen. Er verdient den unvergleichlichen Trost, den ihm die sechs- bis achttausend Franken gewähren, die ich ihm hinterlasse. Vielleicht beneidet man ihn dieses Geldes wegen um den geköpften Sohn...«

Solche Betrachtungen – sie mochten richtig sein – erfüllten Julian mit Todessehnsucht. So schlichen fünf lange Tage hin. Wenn Mathilde kam, die voll glühender Eifersucht war, was ihm nicht entging, empfing er sie höflich und gütig.

Eines Abends ging er ernstlich mit Selbstmordgedanken um. Das tiefe Leid, in das ihn die Trennung von Frau Rênal geworfen, hatte ihm die Schwingen gebrochen. Er fand an nichts mehr Freude, weder in der Wirklichkeit noch in seiner Phantasie. Dazu begann der Mangel an körperlicher Bewegung seine Gesundheit zu untergraben. Er bekam Anfälle von Schwärmerei und Schwäche, wie sie deutsche Studenten haben. Jener hohe Mannessinn schwand, der mit kräftigem Fluche gewisse unziemliche Gedanken abwehrt, die auf die Seele Unglücklicher einstürmen.

»Ich habe die Wahrheit geliebt. Wo ist sie? Überall Heuchelei oder Scharlatanerie, selbst in den Besten, selbst in den Größten!« Er lachte verächtlich auf. »Wahrlich, kein Mensch darf einem Menschen trauen!« Napoleon fiel ihm ein. »Napoleon auf Sankt Helena ...«, rief er aus, »ein Komödiant, dem Könige von Rom zuliebe ... Allmächtiger! Wenn sich solch ein Gigant, noch dazu im Unglück, das ihn ernstlich an seine Mannespflicht ermahnte, zum Scharlatan erniedrigte, was kann man dann von den andern erwarten?

Wo ist Wahrheit?

In der Religion?« Bittres Lächeln umspielte seine Lippen. »Im Munde eines Maslon, eines Frilair, eines Castanède? Nein. Vielleicht im echten Christentum, dessen Priester ebensowenig bezahlt werden wie zu Zeiten der ersten Apostel? Nein. Paulus ward bezahlt durch sein Vergnügen am Befehlen, am Reden, am Sich-in-Szene-Setzen...

In der innigsten Religiosität? Tor, der ich bin! Ich stehe in einem alten gotischen Dome mit feierlich leuchtenden hohen Fenstern – und mein armes Herz erträumt sich den Priester dazu ... Meine Seele verlangt nach ihm, erschaut ihn in Sehnsucht ... und es erscheint ein Trottel mit schmierigen Haaren...

Aber es gibt auch wahre Geistliche ... Massillon ... Fenelon ...

Aber Massillon hat Dubois die Weihe gegeben, und Fenelon ist mir durch die Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon verleidet!

Und wenn es einen idealen Priester gäbe ... eine Zuflucht der feinfühligen Seelen auf Erden ... einen Hort in all unsrer Einsamkeit und Verlassenheit... von welchem Gotte würde uns dieser gute Hirte predigen? Nicht von dem der Bibel, diesem kleinlichen, grausamen, rachgierigen Tyrannen ... sondern vom Gotte Voltaires ... einem gütigen, gerechten, unendlichen Gotte...«

Allerlei Erinnerungen an die auswendig gelernte Bibel wurden in ihm lebendig. »Bei dem schrecklichen Mißbrauch, den die Priester mit dem großen Begriffe Gott treiben, wo gibt es da noch einen Glauben, der auch nur drei Menschen einte? Ein jeder ist allein ...

Allein! Welche Hölle!«

Julian schlug sich an die Stirn.

»Ich werde verrückt und ungerecht! Ich sitze einsam und verlassen in meiner Zelle. Aber ich bin nicht einsam über die Erde gewandelt. In mir lebte und webte die mächtige Idee der Pflicht. Die Pflicht, die ich mir selber gesetzt, mit Recht oder mit Unrecht, war mir der feste Stamm eines Baumes, an den ich mich stützte im Sturm. Ich habe geschwankt. Wind und Wetter haben mich geschüttelt. Ich war ja nur ein Mensch. Aber ich habe mich nicht zu Boden werfen lassen!

Nur die dumpfe, feuchte Kellerluft meiner Zelle hat mir vorgelogen, ich sei ein Einsamer...

Doch warum soll ich noch Heuchler sein, ich, der ich die Heuchelei verfluche? Es ist nicht der nahe Tod, nicht das Gefängnis, nicht die Kerkerluft, die mich niederwirft. Es ist die Trennung von Luise Rênal! Hätte ich mich beklagt, wenn ich in Verrières oder Vergy, um bei ihr zu sein, wochenlang im Keller ihres Hauses hätte leben müssen?«

Bitter auflachend rief er laut aus: »Der Einfluß meiner Zeitgenossen verführt mich. Im Selbstgespräch, drei Schritt vor dem Tore des Todes, bin ich noch ein Heuchler! Pfui, neunzehntes Jahrhundert!

Ein Jäger schießt im Wald ein Tier. Seine Beute fällt. Er stürzt auf sie. Dabei stößt sein Stiefel gegen einen großen Ameisenhaufen. Der Bau wird zerstört, und Ameisen und Eier liegen verstreut am Boden ... Die Philosophen unter den Ameisen werden nie begreifen können, was für ein riesiges, schwarzes, fürchterliches Ding das war: dieser Jagdstiefel, der urplötzlich mit unglaublicher Geschwindigkeit in ihre Welt eindrang, nachdem ein schrecklicher Knall und eine rötliche Feuergarbe erfolgt war...

Ganz ähnlich wären Leben, Tod und Ewigkeit die einfachsten Dinge für jemanden, der die Organe hätte, sie zu begreifen...

Eine Eintagsfliege kriecht am frühen Morgen eines Hochsommertages aus und stirbt, wenn die Sonne untergeht. Wie kann sie begreifen, was Nacht ist? Gebt ihr fünf Stunden länger zu leben, und sie erlebt und weiß, was Nacht ist.

So ist es auch mit mir, Ich sterbe mit dreiundzwanzig Jahren. Gebt mir fünf Jahre Leben mit Luise...«

Er lachte wie Mephisto. »Welche Narrheit, an diese hohen Probleme zu rühren!

Erstens heuchle ich, als ob ich einen Zuschauer hätte... Zweiten« vergesse ich zu leben und zu lieben, wo mir nur so kurze Frist zum Leben verbleibt... Ach, Frau von Rênal ist fern. Wahrscheinlich duldet ihr Mann nicht, daß sie noch einmal nach Besançon kommt und sich noch mehr entehrt...

Das ist, was mich einsam macht! Keineswegs der Mangel eines Gottes, der gerecht, gut und allmächtig ist und nicht böse und rachgierig ...

Ach, wenn es solch einen Gott gäbe, ich fiele ihm zu Füßen. Ich habe den Tod verdient, würde ich ihm sagen, aber, großer Gott, gütiger Gott, nachsichtiger Gott, gib mir noch einmal die Geliebte!«

Es war späte Nacht geworden.

Nach ein paar Stunden friedlichen Schlummers kam Fouqué. Julian erwachte, stark und entschlossen, als ein Mann, dessen inneres Auge klar sah.

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