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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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72. Kapitel

Bei der Rückkehr aus dem Verhandlungssaale hatte man Julian in die Zelle gebracht, die für die zum Tode Verurteilten bestimmt war. Er, der sonst die geringste Kleinigkeit wahrnahm, bemerkte gar nicht, daß er nicht in seinen Turm hinaufgeführt wurde. Er träumte sich aus, was er Frau von Rênal sagen wollte, wenn er vor seinem letzten Stündlein das Glück hätte, sie noch einmal zu sehen.

»Wie kann ich sie nach einer solchen Tat überzeugen, daß ich sie und keine andre liebe?« fragte er sich. »Habe ich sie doch morden wollen aus Ehrgeiz oder gar aus Liebe zu Mathilde.«

Als er sich ins Bett legte, verspürte er die grobe Leinwand. Das brachte ihn wieder zu sich. »Ach so, ich bin ja im Gefängnis...«, murmelte er, »als ein zum Tode Verurteilter! Und mit Recht ... Graf Altamira hat mir einmal erzählt, Danton hätte am Tage seiner Hinrichtung mit seiner Polterstimme gesagt: »Spaßig! Das Zeitwort köpfen läßt sich nicht durchkonjugieren. Man kann wohl sagen: Ich werde geköpft! Du wirst geköpft! Aber man kann nicht sagen: Ich bin geköpft worden!«

Oder vielleicht doch? Wenn es ein Jenseits gäbe? Lieber nicht! Wenn ich da drüben den Christengott fände, wäre ich verloren! Das ist ein Despot. Ein Dämon der Rache. Seine Bibel spricht von nichts als von schrecklichen Strafen. Ich habe ihn nie geliebt. Habe nicht einmal glauben können, daß ihn jemand aufrichtig lieben könne. Er kennt kein Erbarmen...« Hierbei fielen ihm etliche Bibelstellen ein. »Er würde mich gräßlich strafen...

Aber wenn ich nun den Gott Fénelons fände? Der würde vielleicht zu mir sagen: ›Du hast viel geliebt. Dir soll viel verziehen werden!«

Habe ich viel geliebt? Allerdings, Frau von Rênal habe ich geliebt, aber ich habe sie nicht darnach behandelt. Wie überall im Leben: das Schlichte, Bescheidene, Gütige wird verlassen eines schönen Trugbilds wegen...

Was wäre ich wohl geworden? Husarenoberst im Kriege. Im Frieden: Gesandtschaftsattaché, später Gesandter ... Denn mein Geschäft hätte ich sehr bald famos verstanden. Und selbst wenn ich ein Schafskopf gewesen wäre: welchen Nebenbuhler hätte der Schwiegersohn des Marquis von La Mole zu fürchten gehabt? Man hätte mir jede Dummheit nachgesehen, ja als Riesenschlauheit ausgelegt. Als verdienstvoller Mann in der höchsten Stellung in Wien oder London ... Halt, Herr Sorel! In drei Tagen werden Sie geköpft!«

Er mußte über diesen Gedankensprung herzlich lachen. »Wahrhaftig«, scherzte er, »der Mensch hat zwei Seelen in seiner Brust. Wer zum Teufel hätte mich sonst auf diesen boshaften Einwand gebracht?

Meinetwegen! In drei Tagen werde ich also geköpft. Cholin wird sich zusammen mit dem Abbé Maslon ein Fenster mieten. Ich möchte nur eins wissen: Welcher von den beiden Ehrenmännern sich um die Bezahlung drücken wird!«

Jene Stelle aus dem »Venceslas« von Jean Rotrou kam ihm plötzlich in den Sinn:

Ladislas: Bereit ist meine Seele!

Der König (Ladislas' Vater): Der Richtblock auch! Leg drauf dein Haupt!

»Die beste Antwort!« dachte Julian und schlief ein.

Am andern Morgen weckte ihn jemand auf, der ihn fest umschlang. Verstört öffnete Julian die Augen.

»Schon!« rief er. Er bildete sich ein, es wären des Henkers Hände.

Es war Mathilde.

»Zum Glück hat sie mich nicht verstanden.« Diese Gewißheit gab ihm seine ganze Kaltblütigkeit wieder.

Mathilde kam ihm verändert vor, als ob sie lange krank gewesen wäre. In der Tat war sie kaum wiederzuerkennen.

»Der infame Frilair hat mich zum Narren gehalten!« rief sie, die Hände ringend. Vor Wut vermochte sie nicht zu weinen.

»Habe ich gestern nicht vorzüglich ausgesehen, als ich meine Rede hielt?« fragte Julian. »Ich habe aus dem Stegreif gesprochen, zum ersten Male in meinem Leben, allerdings wohl auch zum letzten Male.« In diesem Augenblick spielte er auf Mathildens Seele wie ein kühler Virtuos auf seiner Klaviatur. »Zwar besitze ich den Vorzug einer hohen Geburt nicht«, fuhr er fort, »indessen hat Mathildens große Seele ihren Geliebten zu sich emporgehoben. Glaubst du, Bonifaz von La Mole habe seine Rolle vor seinen Richtern besser gespielt?«

An diesem Tage war Mathildens Zärtlichkeit so echt und natürlich wie die eines armen kleinen Mädchens fünf Treppen hoch, aber es gelang ihr nicht, Julian zu schlichter Rede zu bringen. Ohne es zu wollen, zahlte er ihr jetzt die Qualen heim, die sie ihn so oft hatte leiden lassen.

»Keines Menschen Auge soll mich schwach sehen!« sagte er zu sich. »Ich bin nicht schwach. Nur ist mein Herz rührselig. Die albernste Sentimentalität, geschickt vorgetragen, macht meine Stimme zitterig und entlockt mir Tränen. Wie oft haben mich harte Gemüter wegen dieser Schwäche verachtet! Sie bildeten sich ein, ich sei eine Memme. Das darf ich nicht dulden...

Man berichtet, der Gedanke an seine Frau habe Danton vor dem Schafott windelweich gestimmt. Dafür hat Danton ein ganzes Volk von Hanswürsten zu Taten aufgerappelt und den Feind von Paris ferngehalten ... Ich ganz allein weiß, zu was ich imstande gewesen wäre. Für die andern bin ich im besten Falle eine problematische Natur.

Wäre Frau von Rênal hier in meiner Zelle, und nicht Mathilde, wer weiß, ob ich meiner sicher bliebe? Alles kann man sich aneignen, Wissen, Gewandtheit, nur den Mut nicht. Mut kann man nicht lernen. Selbst neben Mathilde nicht, die jetzt weint oder vielmehr bereits nicht mehr weinen kann.« Er sah ihr in die geröteten Augen – und schloß sie in seine Arme. Im Anblick ihres aufrichtigen Schmerzes vergaß er seine Vernünftelei. »Vielleicht hat sie die ganze Nacht geweint«, dachte er bei sich, »aber eines Tages wird sie sich der Erinnerung daran schämen. Sie wird sich vorwerfen, als junges Mädchen von der niedrigen Denkart eines Plebejers angesteckt worden zu sein ...

Croisenois, der Schwächling, wird sie heiraten. Warum auch nicht? Es ist nur zu seinem Vorteil. Mathilde wird ihm eine Rolle zu spielen geben, denn: Der starke Geist beherrscht die Alltagsseelen ...

Merkwürdig, angesichts des Todes fallen mir alle Verse wieder ein, die sich mir im Laufe des Lebens eingeprägt haben! Das ist wohl ein Zeichen des Verfalls?«

Bereits zum zweiten Male sagte Mathilde zu ihm mit erstickter Stimme: »Er wartet nebenan!« Endlich schenkte Julian ihren Worten Gehör. »Ihre Stimme ist schwach«, stellte er bei sich fest, »aber im Klang verrät sich ihre Herrennatur doch. Sie dämpft die Stimme, um nicht in Zorn auszubrechen...«

»Wer wartet?« fragte er in sanftem Tone.

»Dein Anwalt! Er möchte, daß du die Berufung unterschreibst.«

»Ich verzichte darauf«, erklärte Julian.

»Was? Du verzichtest auf die Berufung?« rief sie. Ihre Augen funkelten vor Zorn. »Und darf ich fragen, aus welchem Grunde?«

»Weil ich mich zur Zeit mutig fühle zu sterben, ohne Anlaß zu geben, daß sich die andern über mich lustig machen. Wer steht mir dafür, daß ich nach acht langen Wochen in diesem feuchten Loche noch in so guter Verfassung bin? Schon sehe ich im Geiste, wie die Pfaffen kommen, mein Vater, und wer weiß wer noch ... Nichts in der Welt wäre mir widerlicher. Ich will sterben.«

Julians unerwarteter Widerstand erweckte Mathildens ganzen Hochmut von neuem. Sie hatte den Großvikar von Frilair so früh nicht aufsuchen können. So ward Julian die erste Beute ihrer Wut. Sie vergötterte ihn. Aber in dieser Stunde verwünschte sie seinen Charakter und bedauerte, ihn geliebt zu haben. Das war so recht wieder das hochmütige Wesen, das ihn damals in der Bibliothek des Hauses La Mole mit Schmähungen überschüttet hatte!

»Zum Ruhme deiner Familie hätte dich das Schicksal als Mann auf die Welt kommen lassen müssen!« sagte er. Bei sich dachte er: »Ich wäre schön dumm, wenn ich acht weitere Wochen an diesem greulichen Ort verbliebe, als Opfer der niederträchtigen Demütigungen der besitzenden Klasse...« Hier regte sich der Jakobiner in ihm. »Dazu als einzige Zerstreuung die Vorwürfe dieser Närrin. Fällt mir nicht ein! Übermorgen trete ich zum Duell an mit dem Manne, der ob seiner Kaltblütigkeit und seiner Riesengeschicklichkeit berühmt ist ...« Mephisto sprach in ihm. »... Ja, hochberühmt ..., mit dem Manne, der nie danebenhaut. Und dabei bleibt es!«

Mathilde entwickelte all ihre Beredsamkeit.

»Himmel und Hölle!« schwor er bei sich. »Ich lege keine Berufung ein!«

Nach diesem Entschluß verlor er sich in Träumerei. »Früh um sechs wird der Briefträger wie alle Tage die Zeitung bringen, und um acht Uhr, wenn Herr von Rênal fertig mit Lesen ist, wird Jungfer Elise auf den Fußspitzen in ihr Zimmer kommen und ihr das Blatt aufs Bett legen. Nach einer Weile wird sie erwachen und beim Lesen totenblaß werden. Und sie wird lesen bis zu den Worten: Um zehn Uhr und soundso viel Minuten war es um ihn geschehen ... Da wird sie heiße Tränen vergießen. Ich kenne sie. Wenn ich sie auch habe ermorden wollen: alles wird vergeben und vergessen sein! Und der Mensch, dem ich das Leben rauben wollte, der wird der einzige sein, der meinen Tod aufrichtig beweint ... Welch ein Widerspruch!«

Während Mathilde in einem fort weiterredete, träumte Julian eine volle Viertelstunde immer nur von Frau von Rênal. Willenlos und obwohl er Mathilden hin und wieder auf ihre Worte mechanisch antwortete, vermochte er seine Gedanken nicht aus dem Schlafzimmer der Frau von Rênal zu Verrières zurückzurufen. Deutlich sah er die Besançoner Zeitung auf der orangegelben seidnen Steppdecke liegen. Er sah, wie die weißen Hände das Blatt krampfhaft zerknitterten. Er sah, wie Frau von Rênal weinte. Er sah Träne um Träne langsam über ihr schönes Gesicht hinabrinnen ...

Als sich Mathilde klar ward, daß sie nichts erreichen konnte, ließ sie den Anwalt eintreten. Aus rein äußerlichen Gründen versuchte er, den Entschluß des Angeklagten rückgängig zu machen. Julian, der ihn achtungsvoll behandeln wollte, setzte ihm seinen Standpunkt genau auseinander.

»Mein Gott«, sagte der Anwalt schließlich, »ich kann Ihnen das nachfühlen. Aber Sie haben ja drei volle Tage Zeit mit der Berufung. Ich werde nicht versäumen, täglich wiederzukommen. Wer weiß, was in acht Wochen alles passiert. Schließlich können Sie bis dahin auch an einer Krankheit gestorben sein.«

Julian drückte ihm die Hand.

»Ich danke Ihnen«, sagte er. »Sie sind ein wackerer Mann! Ich werde mir's überlegen.«

Als dann Mathilde zusammen mit dem Anwalt hinausging, empfand er erheblich mehr Freundschaft zu ihm als zu ihr.

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