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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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7. Kapitel

Die Kinder beteten Julian an. Er liebte sie durchaus nicht. Seine Gedanken waren anderswo. Aber was die Bürschchen auch angeben mochten, er verlor niemals die Geduld. Kalt, streng, gleichgültig, erntete er doch Liebe, weil seine Ankunft immerhin Leben ins Haus gebracht hatte. Er war ein guter Erzieher. Insgeheim aber empfand er nur Haß und Verachtung gegen die gute Gesellschaft, an deren Tisch oder vielmehr an deren Tischende er saß. Letzteres war vielleicht die Begründung seines Hasses und seiner Verachtung. Etliche Male nahm er auch an der Tafel teil, wenn Gäste im Hause waren, wobei er nur unter großer Mühe seinen Haß gegen alles, was ihn umgab, zu verbergen vermochte. Einmal, es war am Ludwigs-Tage, als Valenod im Hause des Bürgermeisters das große Wort führte, hätte sich Julian beinahe verraten. Er rettete sich schnell noch in den Garten, indem er vorgab, er wolle nach den Kindern sehen.

»Dieses Selbstlob des Spießbürgertums!« knirschte er. »Als ob das Menschentum Höchstes sei! Dabei genießt dieser Valenod Achtung und hündischen Respekt bei den Leuten, obgleich man allgemein weiß, daß er sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht hat, seitdem er das Armengut verwaltet! Ich wette, er bereichert sich sogar durch Gelder, die für die Findelkinder bestimmt sind, die unter den andern Elenden heilig sein sollten. Ihr Raubtiere! Ihr Bestien! Ach, ich bin auch so etwas wie ein Findelkind! Mein Vater, meine Brüder, meine ganze Familie, alle hassen sie mich!«

Etliche Tage zuvor war Julian in dem kleinen Gehölz oberhalb der Stadtpromenade, die Schöne Aussicht genannt, allein, in sein Brevier vertieft, spazierengegangen. Auf dem einsamen Fußwege waren ihm seine beiden Brüder begegnet. Ihnen auszuweichen, war unmöglich. Sein schöner schwarzer Rock, sein gepflegtes Aussehen und am allermeisten seine offenkundige Absonderung reizten den Neid der groben Holzknechte dermaßen, daß sie Julian halbtot schlugen. Ohnmächtig und stark blutend blieb er liegen. Zufällig kam Frau Rênal auf einem Spaziergang mit Herrn Valenod und dem Landrat ebendahin. Als sie Julian am Boden sah, glaubte sie, er sei tot. Das ergriff sie so stark, daß Valenod eifersüchtig wurde.

Seine Befürchtung war verfrüht. Julian fand Frau von Rênal zwar bildschön, aber er haßte sie gerade ob ihrer Schönheit. Denn diese war die erste Klippe, die das Schifflein seines Glückes bedrohte. Er sprach möglichst wenig mit ihr, um das Feuer zu ersticken, das ihn am ersten Tage verführt hatte, ihr die Hand zu küssen.

Elise, Frau von Rênals Kammer Jungfer, hatte sich ohne weiteres in den jungen Hauslehrer verliebt. Mehrfach gestand sie es ihrer Herrin.

Diese Verliebtheit hatte Julian die Feindschaft eines der Diener im Hause eingebracht. Eines Tages hörte er, wie dieser Mensch zu Elise sagte: »Seit dieser dreckige Schulmeister hier ist, bin ich Luft für Sie!«

Julian verdiente gerade diesen Vorwurf durchaus nicht, aber fortan verdoppelte er die Pflege seines Äußeren. Ohne daß er sich's eingestand, trachtete er danach, ein hübscher Kerl zu sein. Auch Valenods Ingrimm wuchs. Vor möglichst vielen Leuten erklärte er, Julian sei ungemein eitel. Das gezieme sich nicht für einen angehenden Geistlichen. Julian ging wie ein junger Abbé, nur daß er keine Soutane trug.

Frau von Rênal bemerkte, daß er mehr als früher mit Elise sprach. Es geschah aus Anlaß seiner höchst ärmlichen Garderobe. Er besaß so wenig Leibwäsche, daß er genötigt war, sie in einem fort zur Waschfrau zu schicken. Zu diesen kleinen Besorgungen hatte er Elise nötig. Frau von Rênal, die so übergroße Armut nicht vermutet hatte, war gerührt. Am liebsten hätte sie ihn beschenkt, aber das getraute sie sich nicht. Diese leise Gegenstimme machte sie in ihrer Beziehung zu Julian zum ersten Male vor sich selber stutzig. Bis dahin hatte sie nichts als reine, seelische Freude an ihm gehabt. Der Name Julian war ihr sozusagen eine Bezeichnung des Glückes gewesen.

Die Kenntnis von seiner Armut lastete auf ihr, und so bat sie ihren Mann, ihm Wäsche zu schenken.

»Unsinn!« brummte er. »Wozu sollen wir einem Menschen, mit dem wir völlig zufrieden sind und der seine Sache gut macht, etwas schenken? Das wäre doch nur nötig, wenn er zu wünschen übrigließe, um ihn anzustacheln.«

Diese Auffassung empörte Frau von Rênal. Vor Julians Ankunft hatte sie derlei gar nicht wahrgenommen. Jedesmal, wenn sie jetzt das äußerst adrette, dabei so schlichte Äußere des jungen Mannes musterte, fragte sie sich: »Wie bringt er dies bei seinen geringen Mitteln nur zuwege?«

Allmählich empfand sie Mitleid bei allem, was an Julian mangelhaft war. Nichts berührte sie dabei unangenehm.

Luise von Rênal war eine jener Frauen der Provinz, die einem in den ersten vierzehn Tagen, wenn man sie kaum kennengelernt hat, leicht beschränkt vorkommen. Sie besaß durchaus keine Lebenserfahrung und hatte kein Bedürfnis, viel zu reden. Im unbewußten Streben nach Glück, das allen Lebewesen innewohnt, lebte ihre feinsinnige und hochmütige Seele still über dem Tun und Treiben der groben Naturen, unter die sie das Schicksal verschlagen hatte.

Sie wäre durch ihren natürlichen regen Verstand aufgefallen, wenn sie die geringste geistige Erziehung genossen hätte. Aber als reiches junges Mädchen war sie bei den Betschwestern des Sacré-Cœur erzogen worden, wo man ihr vor allem einen wilden Haß gegen alles Jesuitenfeindliche beigebracht hatte. Allerdings war sie klug genug, alles im Kloster Erlernte für dummes Zeug zu halten und alsbald wieder zu vergessen. Da aber in diese Lücke nichts trat, wußte sie eigentlich rein gar nichts. Die zu frühen Schmeicheleien, mit denen sie als Erbin eines großen Vermögens umworben ward, und ihr beträchtlicher Hang zu leidenschaftlicher Frömmigkeit hatten sie veranlaßt, sich ganz in ihr Innenleben zu verkriechen. Scheinbar unterwarf sie sich zwar völlig dem Willen ihres Gatten, weshalb sie zum nicht geringen Stolze des Herrn von Rênal von den Ehemännern zu Verrières ihren Frauen als Muster hingestellt wurde, in Wirklichkeit war aber ihre Seele eine Hochburg der Unnahbarkeit. Manche ob ihres Stolzes verschriene Prinzessin schenkt dem Treiben ihres Hofstaates ungleich mehr Beachtung als diese so sanfte, sichtlich bescheidene Frau den Worten und Werken ihres Mannes gönnte. Bis zu Julians Ankunft hatte sie wirklichen Anteil nur an ihren Kindern. Ihr Gesundheitszustand, ihre kleinen Leiden und Freuden beschäftigten allein ihr empfängliches Gemüt, das noch nichts auf der Welt geliebt hatte denn Gott ehedem im Herz-Jesu-Kloster zu Besançon.

Ohne daß sie sich herabgelassen hätte, es jemandem anzuvertrauen, versetzte sie der Fieberanfall, den einer der Knaben bekam, in einen Leidenszustand, der fast so war, als sei das Kind gestorben. In den ersten Jahren ihrer Ehe, als sie noch den Drang hatte, sich mitzuteilen, hatte sie derlei Sorgen ihrem Manne eingestanden, aber immer nur ein rohes Gelächter, ein Achselzucken, dazu irgendeine triviale Redensart über die Torheit der Weiber geerntet. Bei solchen Scherzen, zumal wenn sie sich auf die Krankheiten der Kinder bezogen, hatte sich ihr Herz jedesmal wie unter einem Faustschlag zusammengekrampft. Und das nach dem verführerischen Honigseim des Jesuitenklosters! Der Schmerz war ihr Erzieher. Zu stolz, ihr Leid auch nur ihrer Freundin, Frau Derville, zu klagen, bildete sie sich ein, alle Männer wären wie der ihre. Roheit und brutale Unempfindlichkeit gegen alles, was nicht Geld, Vorrang oder Auszeichnung hieß, blinde Wut gegen jedwede andre Meinung, hielt sie für Dinge, die zum Manne ebenso unvermeidlich gehören wie Stiefel und Filzhut.

Viele Jahre waren vergangen, und noch immer hatte sich Frau von Rênal nicht an die Geldjäger gewöhnt, in deren Mitte sie leben mußte. Deshalb machte der Bauernjunge Julian Eindruck auf sie. Sie fand sich seiner edlen und stolzen Seele wahlverwandt. Daß sie eine solche gefunden, war ihr ein süßer, unerwarteter und erhabener Genuß. Daß er gänzlich ungebildet war, verzieh sie ihm sofort. Dies erschien ihr sogar reizvoll. Ebenso sah sie ihm seine ungeschliffenen Manieren nach, und es gelang ihr, sie zu glätten. Es dünkte sie der Mühe wert, ihm zuzuhören, mochte er auch von alltäglichen Dingen reden, wie einmal von einem armen Hunde, der beim Laufen über die Straße von einem im Trabe daherkommenden Bauernwagen überfahren worden war. Ihr Mann hätte roh gelacht, wenn er dergleichen mit angesehen hätte, während Julians schöne, schwarze, feingeschwungene Brauen vor Schmerz vibrierten. Sie beobachtete es und sagte sich, daß kaum jemand mehr Menschlichkeit und Edelmut hegen könne als dieser angehende Geistliche. Die Zuneigung und die Bewunderung, die solche Tugenden in hochherzigen Seelen erwecken, fühlte sie zum ersten Male in ihrem Leben vor Julian.

In Paris hätten Julians Beziehungen zu Frau von Rênal eine einfache und rasche Entwicklung gehabt. In den Großstädten ist die Literatur die Verführerin zur Liebschaft. Dem jungen Hauslehrer und seiner scheuen Herrin wäre aus dem oder jenem Roman die Erleuchtung gekommen, und selbst Operettencouplets hätten den beiden die Augen geöffnet. Romangestalten hätten ihnen die Worte vorgesprochen und ihnen die Wege gezeigt. Früher oder später hätte ein solches Vorbild Julian zur Nachahmung gereizt. Er wäre diesem Ideale unbedingt gefolgt, wenn auch vielleicht ohne jeden Genuß, vielleicht sogar mit Widerstreben.

In südlicherer Gegend, etwa am Aveyron oder in den Pyrenäen, hätte die Glut der Sonne das kleinste Ereignis folgenschwer gemacht. In kühleren Himmelsstrichen verkehrt ein junger Mann, dessen sentimentaler Ehrgeiz über die mit Geld zu erlangende Befriedigung kleiner Gelüste nicht hinausgeht, tagtäglich mit einer dreißigjährigen Frau, die wirklich tugendhaft ist und in der Erziehung ihrer Kinder aufgeht, ohne daß es ihm beikommt, wie ein Romanheld zu handeln. Überdies entwickeln sich in ländlichen Gegenden die Dinge langsam und allmählich, aber natürlicher.

Wenn Frau von Rênal über die Armut des jungen Hauslehrers nachdachte, traten ihr zuweilen Tränen der Rührung in die Augen. Eines Tages, als sie so weinte, ward sie von Julian überrascht.

»Ist Ihnen ein Leid widerfahren, gnädige Frau?«

»Nein, mein Lieber«, antwortete sie ihm. »Rufen Sie die Kinder! Wir wollen ausgehen.«

Sie nahm seinen Arm und stützte sich darauf in einer Weise, bei der Julian ganz sonderbar zumute ward. Es war das erstemal, daß sie ihn Mein Lieber nannte. Gegen Ende des Spazierganges bemerkte er, daß sie ein hochrotes Gesicht hatte. Sie verlangsamte ihre Schritte.

»Es wird Ihnen nicht unbekannt sein«, begann sie, ohne ihn anzublicken, »daß ich die einzige Erbin einer sehr reichen Tante bin, die in Besançon wohnt. Sie überhäuft mich mit Geschenken ... Meine Söhne machen ... wirklich erstaunliche Fortschritte ... und deshalb möchte ich Sie bitten... ein kleines Geschenk anzunehmen... ein Zeichen meiner Dankbarkeit... nur ein paar Goldstücke,.. für die Sie sich neue Wäsche anschaffen könnten ... Aber ...«

Sie wurde noch röter und blieb in ihrer Rede stecken.

»Gnädige Frau ...«, erwiderte Julian.

»Aber mein Mann braucht nichts davon zu wissen ...«, fuhr sie fort, den Blick zu Boden gesenkt.

Julian blieb stehen und richtete sich kerzengerade in die Höhe. Seine Augen blitzten vor Zorn.

»Ich bin ein armer Schlucker, gnädige Frau, aber kein Lump! Über den Unterschied haben Sie nicht recht nachgedacht. Ich stände tiefer als ein Lakai, wenn ich Herrn von Rênal etwas verheimlichen wollte, was mein Geld anbeträfe.«

Frau von Rênal fühlte sich tief beschämt.

Julian fuhr fort: »Der Herr Bürgermeister hat mir fünfmal je sechsunddreißig Franken gegeben, seit ich in seinem Hause bin. Ich kann ihm mein Ausgabebuch jederzeit vorlegen. Ihm wie jedem andern. Selbst Herrn Valenod, meinem Feinde.«

Frau von Rênal blieb blaß und zitternd, bis sie das Haus erreichten. Weder ihr noch ihm fiel bis zur Beendigung des Spazierganges etwas Geeignetes ein, das Gespräch wieder anzuknüpfen.

Aus Julians hochmütigem Herzen floh die Liebe zu Frau von Rênal mehr und mehr, während sie vor ihm Hochachtung, ja Bewunderung hegte: war sie doch von ihm ausgescholten worden! Indem sie sich einredete, sie müsse die Kränkung, die sie Julian ungewollt angetan, wieder gutmachen, erlaubte sie sich die zärtlichste Fürsorge um ihn. Das Neue, das sie hierbei empfand, versetzte sie acht Tage lang in Glück. Der Erfolg war, daß sich sein Zorn etwas abkühlte. Indessen war er weit davon entfernt, die Anteilnahme seiner Herrin etwa gar als persönliche Zuneigung zu deuten.

»So sind die reichen Leute!« sagte er sich. »Erst demütigen sie unsereinen, und dann glauben sie, mit ein bißchen Getue wäre gleich alles wieder gut.«

Frau von Rênal war das Herz allzu schwer, auch war sie noch zu unverdorben, als daß sie die Sache trotz ihres Vorsatzes ihrem Manns verheimlicht hätte. Sie erzählte ihm, was sie Julian angeboten und wie er es zurückgewiesen hatte.

»Was?« fuhr Herr von Rênal ärgerlich auf. »Du hast dir so eine Abfuhr von einem Dienstboten gefallen lassen!« Frau von Rênal beanstandete diese Bezeichnung. Da ward er heftig.

»Meine Verehrteste, ich finde keine andern Worte als die des hochseligen Fürsten von Conde. Als er seiner jungen Gattin seinen Hofstaat vorstellte, sagte er: Alle diese Leute sind unsre Domestiken! Ich habe dir die Stelle aus den Denkwürdigkeiten des Barons von Besenval einmal vorgelesen. Sie ist eine gute Richtschnur in Standesfragen. Alles in unserm Hause, was nicht von Adel ist und Gehalt bekommt, ist Dienstbote. Ich werde mit diesem Herrn Julian ein Wörtchen reden und ihm hundert Franken geben.«

»Ach ja«, sagte Frau von Rênal erregt, »aber nur nicht in Gegenwart der Dienstboten!«

»Da hast du recht«, meinte er. »Die könnten neidisch werden. Anlaß hätten sie.«

Damit ging er und überlegte sich, ob hundert Franken nicht eigentlich zu viel seien. Halb bewußtlos vor Schmerz sank Frau von Rênal in einen Lehnstuhl.

»Er wird Julian demütigen, und ich bin schuld daran!«

Sie empfand Abscheu vor ihrem Gatten und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sie gelobte sich hoch und heilig, ihm nie wieder etwas zu beichten.

Als sie Julian wiedersah, erbebte sie am ganzen Leibe. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie brachte kein Sterbenswörtchen hervor. In ihrer Verlegenheit ergriff sie seine beiden Hände und drückte sie.

»Sind Sie mit meinem Manne zufrieden?« fragte sie schließlich.

»Ich muß es wohl sein«, erwiderte Julian, bitter lächelnd. »Herr Bürgermeister hat mir hundert Franken geschenkt.«

Frau von Rênal sah ihn unschlüssig an. Dann aber sagte sie zu ihm in festem Ton, wie er ihn an ihr noch nicht erlebt hatte: »Begleiten Sie mich!«

Sie wagte einen Gang zum Buchhändler des Ortes, obgleich dieser Mann in dem schlechten Geruche stand, ein Liberaler zu sein. Daselbst suchte sie sich für zweihundert Franken Bücher aus, die sie ihren Kindern schenkte. Jeder der Knaben mußte an Ort und Stelle seinen Namen in die ihm gehörigen Bücher eintragen. Es waren lauter Bücher, von denen sie wußte, daß Julian sie gerne läse.

Während sich Frau von Rênal über die Genugtuung freute, die sie ihm auf diese Art und Weise zu geben den Mut hatte, staunte er die Menge von Büchern an, die er im Laden des Buchhändlers vor sich sah. Er hätte sich niemals erkühnt, einen so unheiligen Ort zu betreten. Sein Herz klopfte ihm. Weit entfernt, zu ahnen, was in Frau von Rênals Gemüt vorging, grübelte er darüber nach, auf welchem Wege es ein angehender Theologe fertig bringen könne, etliche von diesen vielen Büchern in die Hände zu bekommen. Endlich hatte er einen guten Gedanken. Mit einiger Geschicklichkeit ließ sich Herr von Rênal gewiß überreden, daß sich seine Söhne mit der Geschichte der berühmten Edelleute der hiesigen Gegend beschäftigen sollten.

Vier Wochen darauf sah Julian seine Idee verwirklicht, so daß er es nach wieder ein paar Wochen wagte, dem feudalen Bürgermeister weit mehr zuzumuten: nämlich den liberalen Buchhändler abermals in Nahrung zu setzen und ein Abonnement bei ihm zu nehmen. Im Grunde war Herr von Rênal sehr wohl damit einverstanden, daß sein Ältester eine Ahnung von gewissen Werken bekäme, von denen später, auf der Kriegsschule, die Rede sein könnte; aber Julian mußte es erleben, daß sein Gebieter steif und fest behauptete, das gehe zu weit. Julian vermutete einen geheimen Grund, vermochte aber nicht dahinter zu kommen.

Eines Tages fing er abermals davon an.

»Es ist mir hinterher eingefallen«, bemerkte er, »daß der gute Name eines Edelmannes unmöglich in der schmierigen Liste eines Buchhändlers stehen darf.«

Des Bürgermeisters Angesicht hellte sich auf.

Noch untertäniger fuhr Julian fort: »Auch für einen armen Studenten der Theologie wäre es ein ziemlich übel Ding, wenn es sich eines Tages herausstellte, daß sein Name in der Liste einer Leihbibliothek figuriert habe. Die Liberalen könnten mich bezichtigen, die niederträchtigsten Bücher entliehen zu haben. Wer weiß, ob sie sich nicht sogar erdreisten, die Titel solcher verderblicher Werke hinter meinen Namen zu setzen?«

Julian war über sein Ziel hinausgeschossen. Er bemerkte einen Anflug der Verstimmung und Mißlaune in den Zügen des Bürgermeisters. Er verstummte. »Ich fange meinen Mann schon noch«, sagte er sich.

Etliche Tage darauf wollte der älteste Knabe in des Vaters Gegenwart Näheres über ein Buch wissen, das in der Quotidienne angezeigt war.

Der junge Hauslehrer sagte bei dieser Gelegenheit: »Wenn den Jakobinern auch nicht der kleinste Trumpf in die Hände gegeben, mir aber doch Möglichkeit geboten werden soll, Adolf hierüber zu belehren, so könnte ein Abonnement beim Buchhändler auf den Namen des allerletzten Dienstboten des Herrn Bürgermeisters genommen werden.«

»Kein dummer Gedanke!« meinte der Hausherr sichtlich erfreut.

»Nur wäre eine Einschränkung nötig«, fuhr Julian in jenem ernsten, mieserigen Tone fort, dessen sich gewisse Leute gern bedienen, wenn sie vor einem langersehnten Ziele angelangt sind. »Die Einschränkung nämlich, daß der Betreffende keine Romane entleihen darf. Sowie derlei gefährliche Bücher eingeschleppt werden, ist die Sittsamkeit der weiblichen Dienstboten im Hause gefährdet. Ja, auch der Diener...«

»Sie vergessen die politischen Schmähschriften!« ergänzte Herr von Rênal. Er sagte dies in hochtrabender Weise, um sich sein Behagen über den schlauen Ausweg, den der Hauslehrer entdeckt, nicht anmerken zu lassen.

So setzte sich Julians Leben aus einer Kette kleiner Machenschaften zusammen, deren Wege und Ziele seine Gedanken viel mehr beschäftigten als die deutliche Zuneigung der Frau von Rênal, die er ihr nur an den Augen abzulesen brauchte.

Die Weltanschauung, die ihn in seinem bisherigen Leben beherrscht hatte, blieb auch im Rênalschen Hause die nämliche. Hier wie vordem in der väterlichen Sagemühle hegte er tiefe Verachtung gegen die Menschen seines Umkreises. Er sah sich gehaßt. Fast täglich kam es vor, daß er einen Verwaltungsbeamten oder Herrn Valenod oder sonst einen Freund des Hauses über irgendeinen Vorfall reden hörte, der sich vor aller Augen abgespielt hatte, und immer wieder fiel ihm dabei auf, daß sie die Dinge ganz anders hinstellten, als sie in Wirklichkeit gewesen waren. Wenn ihm eine Tat bewundernswürdig erschien, so konnte er sicher sein, daß sie den Leuten, die ihn umgaben, mißfiel. Im stillen sagte er sich jedesmal: »Entweder sind das Scheusale oder Schafsköpfe!« Das Spaßhafte bei all seiner Überhebung war der Umstand, daß er von den Dingen, über die man sprach, oft gar nichts verstand.

Er selbst hatte sein Leben lang mit keinem Menschen aufrichtig gesprochen außer mit dem alten Stabsarzte, und kaum über etwas andres denn über Bonapartes Feldzüge in Italien oder über chirurgische Dinge. Sein Jugendmut hatte Gefallen daran, wenn er sich schmerzhafte Operationen bis ins einzelnste vorstellte. Dann sagte er sich: »Ich hätte nicht mit der Wimper gezuckt!«

Das erstemal, als Frau von Rênal eine Unterhaltung mit ihm begann, die sich nicht um Kindererziehung drehte, verfiel er auf die Schilderung einer chirurgischen Operation. Frau von Rênal ward blaß und bat ihn aufzuhören.

Julian wußte von nichts anderm. Daher trat trotz der Gemeinsamkeit ihres Lebens immer eine sonderbare Stille ein, sobald sie beide allein waren. So demütig sein Benehmen in Gegenwart andrer auch war, Frau von Rênal las in seinen Augen eine gewisse geistige Überlegenheit vor jedwedem, der in ihr Haus kam. Allein aber mit ihm, sah sie seine sichtliche Verlegenheit; sie beunruhigte sich darob, denn ihr Frauensinn sagte ihr, daß diese Verlegenheit keinesfalls ein zärtliches Motiv hatte.

Nach der Erzählung des alten Stabsarztes hatte sich in Julian eine sonderbare Vorstellung von der guten Gesellschaft gebildet; infolge davon bemächtigte sich seiner, wenn in Gegenwart einer Dame die Unterhaltung stockte, ein peinliches Gefühl. Er bildete sich ein, er trage die Schuld an diesem Schweigen. Am qualvollsten war ihm diese Empfindung unter vier Augen. Sein Hirn war der Tummelplatz der abenteuerlichsten und närrischsten Dinge, von denen ein Mann zu reden habe, wenn er mit einer Dame allein sei. Aber was er in seiner Verwirrung herausgriff, war unanbringbar. Seine Seele schwebte in den Sternen, und so vermochte er das ihn so arg demütigende Stillschweigen nicht zu brechen. Durch diese unerträglichen Qualen wurde sein ernstes Wesen auf den Wanderungen, die er mit Frau von Rênal und den Kindern unternahm, noch gemessener. Er verachtete sich bis zum Ekel. Wenn er sich in seinem Unglücke zum Sprechen zwang, sagte er zuweilen das Allerlächerlichste. Und um das Maß seines elenden Zustandes voll zu machen, erkannte er seine eigne Bizarrerie, ja er schaute sie wie in einem Zerrspiegel. Etwas freilich sah er nicht: den Ausdruck seiner eignen Augen. In ihrer Schönheit verriet sich seine Feuerseele. Wie die Augen genialer Schauspieler verliehen sie öfters den Worten, die er redete, einen holden Sinn, den sie gar nicht hatten. Es fiel Frau von Rênal auf, daß er im Alleinsein mit ihr niemals etwas Nettes sagte, außer wenn ihn irgendein plötzlicher Vorfall ablenkte und er gekünstelt zu sprechen völlig vergaß. Da die Freunde des Hauses sie mit originellen und geistreichen Einfallen nicht verwöhnt hatten, fand sie an diesem Wetterleuchten der Seele Julians um so köstlichere Freude.

Seit Napoleons Sturz war in den kleinen Städten und auf dem Lande auch die geringste Galanterie streng verpönt. Das hätte Kopf und Kragen kosten können. Die Schelme krochen hinter die Röcke der Geistlichkeit, und die Heuchelei trieb sogar in liberalen Kreisen die schönsten Blüten. Die Langeweile nahm überhand. Man mußte sein bißchen Vergnügen in den Freuden des Landlebens oder in Büchern suchen.

Frau von Rênal war ob ihrer Eigenschaft als dermalige Erbin ihrer Tante, einer reichen Betschwester, schon mit sechzehn Jahren an den erstbesten Edelmann verheiratet worden. In ihrem ganzen Dasein hatte sie von der Liebe nichts erlebt und nichts erfahren. Der erste, der ihr einen Begriff davon beibrachte, war ihr Beichtvater, der gute Pfarrer Chélan. Das war, als Valenod ihr den Hof machte. Der Geistliche stellte ihr eine Liebschaft als etwas ganz Abscheuliches dar, so daß ihr dies Wort den Gipfel der Verworfenheit bedeutete. Wenn sie in den paar Romanen, die ihr der Zufall in die Hände legte, von Liebesdingen las, so hielt sie dergleichen für Ausnahmefälle oder unmögliche Hirngespinste.

Dank dieser Unwissenheit war es Frau von Rênals höchstes Glück, sich ohne Unterlaß mit Julian zu beschäftigen. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, daß hierbei etwas Tadelhaftes sein könne.

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