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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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68. Kapitel

Am andern Morgen öffnete sich die Tür des Turmzimmers sehr früh. Julian fuhr aus seinem Schlafe auf. »O Gott!« dachte er. »Jetzt kommt mein Vater. Welch unangenehmer Auftritt!«

Im selben Augenblick fiel ihm eine Frau in Bauerntracht um den Hals. Er erkannte sie kaum. Es war Mathilde.

»Du Böser! Erst durch deinen Brief habe ich Kenntnis, wo du warst! Was du dein Verbrechen nennst, ist edle Rache, die mir deine Hochherzigkeit offenbart. Ich habe in Verrières erfahren...«

Trotz seines Vorurteils gegen Fräulein von La Mole, das er sich übrigens nicht recht eingestand, gefiel sie ihm ungemein. Aus ihrer Art, zu handeln und zu sprechen, erkannte er ihre edle, uneigennützige Absicht, die turmhoch über allem stand, was eine kleine Alltagsseele gewagt hätte. Wieder hatte er das Gefühl, eine Königin zu lieben, und nach etlichen Augenblicken sagte er, erlesen in Ausdruck und Sinn:

»Ich schaue deutlich in die Zukunft. Nach meinem Tode heiratest du Herrn von Croisenois, sozusagen als Witwe. Das edle, nur etwas romantische Gemüt dieser reizenden Witwe ist durch ein seltsames, großes, tragisches Erlebnis entthront und zur Weltanschauung des Durchschnitts bekehrt. Du geruhst die tatsächlichen Vorzüge des jungen Marquis zu würdigen. Du schickst dich in das, was die andern Glück nennen, in Ansehen, Reichtum, gesellschaftlich hohen Rang. Liebe Mathilde, daß du nun aber hier in Besançon erschienen bist, das wäre, falls es ruchbar wird, ein neuer schwerer Schlag für deinen Vater. Das könnte er dir niemals verzeihen. Ich habe ihm schon so sehr viel Kummer bereitet. Er hat eine Schlange an seinem Busen genährt, wie es im Stile der Akademiker heißt...«

Nicht ohne Groll unterbrach ihn Mathilde. »Ich gestehe, auf so kühle Besonnenheit, auf so viel Sorge um die Zukunft war ich nicht gefaßt. Meine Kammerfrau, auch so umsichtig wie du, hat sich einen Paß verschafft, und so bin ich als Frau Michelet mit der Post hergeeilt ...«

»Und Frau Michelet hat es im Spiel fertigbekommen, bis zu mir vorzudringen?«

»Ja! Du bist immerdar der höhere Mensch! Ihm gilt meine Gunst. Zunächst habe ich dem Gerichtsbeamten, der behauptete, ich dürfe auf keinen Fall in deine Zelle, hundert Franken geboten. Der Ehrenmann steckte das Geld ein, vertröstete mich, machte Ausflüchte. Mit einem Worte, ich sah, daß er mich nur plündern wollte...«

»Und dann?« fragte Julian.

»Geduld, mein lieber Junge!« sagte Mathilde und küßte ihn. »Ich mußte dem Gerichtsmenschen meinen Namen sagen. Er hielt mich für eine verliebte kleine Pariser Modistin. Tatsächlich, so drückte er sich aus. Ich schwur ihm, ich sei deine Frau. Daraufhin werde ich die Erlaubnis bekommen, dich täglich besuchen zu dürfen,«

»Das heißt die Torheit auf die Spitze treiben«, sagte sich Julian. »Dies zu verhindern stand nicht in meiner Macht. Schließlich ist Herr von La Mole ein sehr hoher Mann, so daß die öffentliche Meinung schon eine Entschuldigung finden wird, wenn ein junger Oberst diese reizende Witwe heiratet. Nach meinem Tode wird über alles Gras wachsen.«

Berauscht gab er sich Mathildens Liebe hin. Tollheit, Seelengröße, das Allerseltsamste, was es gibt, lag darin. Im vollen Ernst machte Mathilde den Vorschlag, zusammen zu sterben.

Nach dem ersten Gefühlsüberschwang, als sie sich an dem Glücke, Julian wiederzuhaben, gesättigt hatte, ward sie mit einem Male von der lebhaftesten Neugier erfaßt. Sie forschte den Geliebten aus und fand, er sei viel hochherziger, als sie erwartet hatte. Es kam ihr vor, Bonifaz von La Mole sei auferstanden, heldenhafter, als er in Wirklichkeit gewesen.

Mathilde suchte den besten Rechtsanwalt der Stadt auf. Da sie ihm allzu unverblümt Geld bot, tat er verletzt, nahm aber schließlich die Summe. Sehr bald hatte sie die Gewißheit, daß zu Besançon bei wichtigen, in ihrem Ausgange zweifelhaften Fällen die Entscheidung einzig und allein vom Großvikar von Frilair abhing.

Unter dem unscheinbaren Namen einer Frau Michelet hatte sie schier unüberwindliche Schwierigkeiten zu bewältigen, ehe sie bis zu dem allmächtigen Jesuiten vordrang. Inzwischen verbreitete sich das Gerücht von der schönen jungen Modistin, die in ihrer Liebestollheit von Paris nach Besançon gekommen sei, um den jungen Abbé Julian Sorel zu trösten, in der ganzen Stadt. Mathilde eilte zu Fuß und ohne Begleitung durch die Straßen. Sie bildete sich ein, kein Mensch wüßte, wer sie wäre. Zum mindesten glaubte sie, es könne ihrer Sache nicht schaden, wenn sie Aufsehen erregte. Ja, in ihrem Wahne meinte sie, sie könne das Volk in Aufruhr bringen, um ihn auf seinem Todesgange zu retten. Sie hielt sich für einfach gekleidet, wie es sich für eine Frau in Leid schickt; gleichwohl zog sie aller Blicke auf sich. So war sie längst der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit, als sie es endlich, nach acht Tagen, fertigbrachte, Audienz beim Herrn von Frilair zu erlangen.

Ihr Mut war groß, aber die Vorstellung, die sie sich von dem einflußreichen Kongregationsoberhaupte gemacht hatte, war mit dem Begriffe verbrecherischer Erzschlauheit derart eng verknüpft, daß sie zitterte, als sie am Tore des bischöflichen Palastes klingelte. Ihre Füße trugen sie kaum, als sie die Treppe hinaufstieg, die zum Empfangszimmer des ersten Großvikars führte. Die Totenstille, die im Hause herrschte, kam ihr unheimlich vor.

Der erste Blick in das Zimmer, das ihr ein Diener in schmucker Livree öffnete, beruhigte Mathilde. Der Salon, in dem sie warten mußte, offenbarte prunklose Vornehmheit, wie man sie auch in Paris nur in den besten Häusern findet. Als Mathilde den Großvikar erblickte, der mit väterlicher Miene auf sie zukam, schwand ihr jeder Gedanke an Gefahr und Bosheit. In dem schönen Gesicht des Prälaten entdeckte sie nicht einmal die Kennzeichen jener gewissen Halbbarbarei, die der Pariser Gesellschaft den Willensmenschen so unsympathisch macht. Das leise Lächeln, das die Züge des Besançoner Machthabers beherrschte, zeigte, daß der Kirchenfürst Weltmann, Gelehrter und Diplomat war. Mathilde glaubte in Paris zu sein.

Frilair brachte Mathilde in wenigen Minuten zu dem Geständnisse, daß sie die Tochter seines mächtigen Gegners, des Marquis von La Mole, war.

»In der Tat, ich bin nicht Frau Michelet«, sagte sie, indem sie ihre hoheitsvolle Haltung wieder annahm. »Und dies gestehe ich um so lieber, als ich gekommen bin, Ihren gütigen Rat einzuholen. Gibt es keine Möglichkeit, Herrn Leutnant von La Vernaye entkommen zu lassen? Erstens ist er lediglich einer im Affekt begangenen Tat schuldig. Der Frau, auf die er geschossen hat, geht es vorzüglich. Zweitens bin ich in der Lage, zu den nötigen Bestechungen sofort fünfzigtausend Franken aufzubringen und weitere hunderttausend Franken zu garantieren. Drittens wäre mir und meiner Familie aus Dankbarkeit für den Retter des Herrn von La Vernaye nichts unmöglich.«

Frilair war beim Hören dieses Namens sichtlich erstaunt. Mathilde legte ihm mehrere Dienstbriefe des Kriegsministers vor, die an Herrn Leutnant Julian Sorel von La Vernaye gerichtet waren.

»Sie sehen, Hochwürden, mein Vater hat für seine Karriere gesorgt. Wir haben uns im geheimen geheiratet. Aber mein Vater wünscht, daß unser für eine La Mole ein wenig seltsamer Bund nicht eher veröffentlicht werden soll, als bis mein Mann Stabsoffizier ist.«

Mathilde bemerkte, daß der Ausdruck der Güte und milden Heiterkeit aus dem Gesicht des Großvikars mehr und mehr schwand, als er eine wichtige Entdeckung nach der andern machte. Dafür lugten Hinterlist und Falschheit hervor.

Der Abbé äußerte Zweifel. Er studierte die dienstlichen Schriftstücke zum zweiten Male.

»Welchen Nutzen kann ich aus diesen eigenartigen Eröffnungen ziehen?« fragte er sich im stillen. »Mit einem Schlage bin ich in nahe Beziehung zu einer Freundin der berühmten Marschallin von Fervaques gekommen, der allmächtigen Nichte des Bischofs von ***, der in Frankreich die Bischöfe ernennt. Was ich in Ungewisser Zukunft wähnte, bietet sich mir unversehens. Das kann mich an das Ziel aller meiner Wünsche bringen.«

Anfangs war Mathilde arg erschrocken über den jähen Wechsel im Gesichtsausdrucke des ihr so wichtigen Mannes, mit dem sie sich allein in einem entlegenen Gemach befand. »Unsinn!« ermutigte sie sich. »Wäre es nicht ein viel schlimmeres Zeichen, wenn ich gar keinen Eindruck auf die kalte Selbstsucht eines von Macht und Genuß gesättigten Pfaffen machte?«

Geblendet von dem unverhofften Ausblick, der sich seinen nach einem Bistum ausspähenden Augen urplötzlich eröffnete, und verblüfft ob der ihn genial dünkenden Diplomatie der jungen Dame, vergaß der Großvikar einen Augenblick seine gewohnte Vorsicht. Es fehlte nicht viel, so hätte Mathilde den vor Ehrsucht zitternden Mann zu ihren Füßen gesehen.

»Es kommt Klarheit in die Sache«, sagte sie sich. »Als Freundin der Marschallin wird mir hier nichts unmöglich sein.«

Das leise Gefühl der Eifersucht, das sie immer noch hegte, nicht achtend, erklärte sie dem Prälaten, Julian sei ein vertrauter Freund der Marschallin. Er sei in ihrem Hause beinahe täglich mit dem Bischof von *** zusammengekommen.

»Von den sechsunddreißig Geschworenen, die durch das Los aus den angesehensten Leuten des Regierungsbezirks bestimmt werden«, sagte der Großvikar mit dem gierigen Blick der Ehrsucht und in bedeutungsvollem Tone, »sind acht bis zehn der Intelligentesten unter allen Umständen meine Freunde. Dadurch bin ich der Majorität so gut wie sicher, zumal in hochnotpeinlicher Angelegenheit. Und so kann ich mit der größten Leichtigkeit einen Freispruch erzielen ...«

Der Prälat hielt plötzlich inne, als erschrecke ihn der Klang seiner eigenen Worte. Er hatte eben frank und frei von Dingen gesprochen, über die ein Geistlicher niemals mit einem Laien redet.

Nicht minder bestürzt war Mathilde, als ihr der Großvikar erzählte, aus welchem Grunde ganz Besançon Julians seltsames Abenteuer mit besonderer Neugier und Teilnahme verfolgte. Man wisse von der großen Leidenschaft, die er dereinst in Frau von Rênal erregt und eine Zeitlang geteilt habe.

Frilair entging es nicht, welche Bestürzung seine Bemerkung hervorrief.

»Jetzt revanchiere ich mich!« dachte er. »Endlich habe ich das Rezept, dieses entschlossene Geschöpf doch nach meinem Willen zu leiten. Schon hatte ich Angst, sie nicht in mein Garn zu bekommen.« Ihr vornehmes, schwer zugängliches Wesen erhöhte in seinen Augen die Reize der schönen Bittgängerin. Er gewann seine volle Kaltblütigkeit wieder und zögerte nicht, ihr nun den Dolch tief ins Herz zu bohren. In leichtem Plaudertone sagte er zu ihr: »Ich würde ganz und gar nicht erstaunt sein, wenn wir im Laufe des Prozesses zu hören bekämen, daß Herr Sorel aus purer Eifersucht auf die ehedem so heißverehrte Frau geschossen hat. Sie scheint nicht ohne Reize zu sein, und seit unlanger Zeit kommt sie viel mit einem gewissen Abbé Marquinot aus Dijon zusammen, einem Jansenisten, einem sittenlosen Menschen, wie diese Sorte immer ist...«

Mit behaglicher Wollust folterte Frilair das Herz des hübschen jungen Weibes, dessen schwache Seite er entdeckt hatte. Indem er seine heißen Blicke auf Mathilde ruhen ließ, stellte er die Frage auf: »Wozu hat Herr Sorel gerade die Kirche gewählt, in der sein Rivale zur selben Stunde die Messe las? Niemand zweifelt an den hohen geistigen Fähigkeit und besonders an der großen Überlegsamkeit des Glücklichen, den Sie protegieren. Wäre es nicht praktischer gewesen, wenn er sich in dem ihm so wohlbekannten Rênalschen Garten versteckt hätte? Dort hätte er so gut wie sicher sein können, weder gesehen noch gefaßt zu werden, ja nicht einmal in Verdacht zu kommen, wenn er die Frau aus Eifersucht morden wollte.«

Diese scheinbar richtige Schlußfolgerung brachte Mathilde außer sich. Der Großvikar war seiner Herrschaft über sie sicher. Er ließ durchblicken, daß er den Staatsanwalt, der die Anklage wider Julian vertrat, völlig in seiner Hand habe. Es war eine Lüge.

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