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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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67. Kapitel

Draußen auf dem Gange machte sich großer Lärm vernehmbar. Es war nicht die Stunde, in der man sonst in seine Zelle hinaufkam. Der Adler flatterte schreiend davon. Die Tür ging auf, und der ehrwürdige greise Pfarrer Chélan warf sich zitternd, den Stock noch in der Hand, in Julians Arme.

»O mein Gott! Wie ist es möglich! Mein Sohn ... Unmensch wollte ich sagen ...«

Der gute alte Mann vermochte kein Wort weiter zu reden. Julian fürchtete, er könne umfallen. Er mußte ihn nach einem Stuhle geleiten. Das Alter lastete schwer auf dem einst so willensstarken Manne. Er kam Julian nur noch wie der Schatten seiner einstmaligen Erscheinung vor.

Als er wieder zu Atem gekommen war, sagte er: »Erst vorgestern habe ich Ihren Brief aus Straßburg mit den fünfhundert Franken für die Armen von Verrières erhalten. Man hat ihn mir ins Gebirge nachgesandt, nach Liveru, wo ich mich bei meinem Neffen Hans zur Ruhe gesetzt habe. Gestern erfahre ich den schrecklichen Vorfall ... Allmächtiger, wie ist das möglich?«

Der Greis hatte aufgehört zu weinen. Sichtlich keines klaren Gedankens mehr fähig, setzte er mechanisch hinzu: »Sie werden Ihre fünfhundert Franken nötig haben. Ich bringe sie Ihnen wieder.«

»Nötig habe ich nichts als Euer Hochwürden!« entgegnete Julian gerührt. »Geld habe ich vollauf.«

Des weiteren bekam er nichts Vernünftiges mehr aus dem alten Manne heraus. Von Zeit zu Zeit traten einzelne Tränen in Chélans Augen, die er schweigend über seine Wangen hinabrollen ließ. Dann schaute er Julian an und sah wie geistesabwesend zu, daß Julian seine Hände nahm und an seine Lippen führte.

Bald darauf erschien ein Bauernbursche, um den Alten abzuholen.

»Man darf nicht mehr viel von ihm verlangen«, sagte er zu Julian. Es war offenbar der Neffe.

Als die beiden fort waren, versank Julian in schmerzliche tränenlose Grübelei. Alles erschien ihm trüb und trostlos. Es war ihm zumute, als höre sein Herz auf zu klopfen. Das war das grausamste Erlebnis, das ihm seit seiner Freveltat widerfuhr. Jetzt sah er den Tod vor sich in aller seiner Häßlichkeit. Alle seine Illusionen von Seelengröße und Heldentum waren zerstoben wie Wolken vor dem Sturm.

Diese qualvolle Stimmung währte mehrere Stunden. Gegen solche Seelenvergiftung gibt es physische Heilmittel, zum Beispiel Champagner. Aber Julian hielt es für feig und verächtlich, seine Zuflucht dazu zu nehmen.

Als der Schreckenstag, an dem er in einem fort in seinem engen Turmgelaß hin und her gewandelt war, endlich zur Rüste ging, rief Julian aus: »Was bin ich für ein Narr! Wenn ich sterben müßte wie andere, dürfte mich der Anblick dieses armen alten Mannes in diese schreckliche Traurigkeit versetzen. So aber winkt mir ein rascher Tod in der Blüte meines Daseins, der mich vor so trübseligem menschlichem Verfall bewahrt...«

Aber welche Gründe er auch hervorsuchte, er blieb doch infolge dieses Besuches niedergedrückt. Er schalt sich rührselig und kleinmütig. Es war nichts Herbes und Großartiges mehr in ihm, kein römisches Mannestum. Der Tod stand vor ihm wie ein Riese, wie ein Despot, so gar nicht mehr als etwas Leichtes und Schönes.

»Der Stimmungsmesser meiner Seele!« scherzte er. »Heute abend stehe ich zehn Grad unter dem Mute, den ich auf meinem Gange zur Guillotine brauche. Heute früh war ich auf Normalnull. Aber was tut's? Wenn das Barometer nur im rechten Augenblicke steigt.«

Das Gleichnis machte ihm Spaß und lenkte ihn ab.

Als er am andern Morgen aufwachte, schämte er sich des vergangenen Tages. »Mein Glück hängt von meiner Ruhe ab«, sagte er sich. Er war nahe daran, an den Gefängnisdirektor zu schreiben und ihn zu bitten, niemanden mehr zuzulassen. »Und Fouqué?« fiel ihm ein. »Wenn er es über sich gewinnt, nach Besançon zu kommen: wie sehr würde es ihn betrüben, mich nicht zu sehen!«

Seit etwa acht Wochen hatte er nicht mehr an seinen Freund gedacht. »Was für ein großer Tor war ich in Straßburg!« sagte er sich. »Meine Gedanken klebten am Kragen meiner Attila.« Die Erinnerung an Fouqué« beschäftigte ihn stark und stimmte ihn von neuem weich. Erregt ging er hin und her. »Jetzt stehe ich entschieden zwanzig Grad unter dem Gleichmut zum Tode! Wenn diese Sentimentalität noch schlimmer wird, wäre es am besten, ich bringe mich selber um. Wie hämisch würden sich Maslon, Valenod und Genossen freuen, wenn ich als Memme stürbe!«

Fouqué kam in der Tat. Der schlichte biedere Mensch war außer sich vor Schmerz. Soweit er überhaupt imstande war, einen Gedanken zu fassen, war es der: all sein Hab und Gut zu verkaufen, den Gefängniswärter zu bestechen und den Freund zu retten. Er unterhielt sich mit Julian über die Flucht des Grafen von Lavalette.

»Du tust mir weh«, sagte Julian. »Lavalette war unschuldig. Ich aber bin schuldig. Ohne daß du es willst, bringst du mir den Unterschied zum Bewußtsein ... Übrigens sage mir: Ist es wahr, daß du all dein Hab und Gut verkaufen könntest?«

Er war mit einem Male mißtrauisch und lauerig geworden.

Fouqué war hocherfreut, daß sein Freund endlich auf den Hauptpunkt seiner Gedanken einging. Auf Heller und Pfennig rechnete er ihm vor, wieviel er aus seinen verschiedenen Liegenschaften herausschlagen könne.

»Edelmütiger kann ein Mann seines Schlages nicht sein!« dachte Julian bei sich. »Er will mir alles opfern, was er, bis zur Knickrigkeit sparsam, bis zur Schäbigkeit schachernd, zusammengescharrt hat. Ich habe mich oft für ihn geschämt, wenn ich ihm so zusah. Die feinen Kulturmenschen im Umkreise des Hauses La Mole haben derartige Lächerlichkeiten nicht an sich; sie haben Chateaubriands Rene gelesen. Aber wer von ihnen wäre eines solchen Opfers fähig?«

Fouqués Ungebildetheit und schlechte Manieren vergessend, fiel ihm Julian um den Hals. Voller Entzücken hielt der Biedermann das Feuer, das im Moment in des Freundes Augen leuchtete, für Einwilligung zur Flucht.

Angesichts solcher Opferfreudigkeit gewann Julian alle die Kraft wieder, die ihm Chélans Erscheinen genommen hatte. Er war noch sehr jung, immerhin doch wohl Edelgewächs. Bei den meisten Menschen schlägt Zärtlichkeit in Verschlagenheit um. Seine Entwicklung hätte einen andern Gang genommen; je älter er geworden wäre, um so mehr hätte sein Herz gesprochen, und sein tolles Mißtrauen hätte sich gelegt...

Er wurde immer häufiger verhört, obwohl er sich Mühe gab, das Verfahren durch klare Antwort auf jegliche Frage abzukürzen. Jedesmal wiederholte er: »Ich habe einen Mord begangen, zum mindesten mit Vorsatz begehen wollen.« Aber der Untersuchungsrichter war ein Buchstabenmensch. Für ihn gab es keine Abkürzungen. Im Gegenteil, er fühlte sich in seiner Juristeneitelkeit gekränkt und wurde nun erst recht umständlich.

Julian erfuhr nicht, daß man ihn in ein abscheuliches Verlies hatte bringen wollen und daß es nur Fouqués Bemühungen zu danken war, wenn man ihn in seinem freundlichen Turmgemach ließ.

Zu den einflußreichen Leuten, die ihr Holz von Fouqué bezogen, gehörte auch der Großvikar von Frilair. Es gelang dem braven Holzhändler, sich bei diesem allmächtigen Manne Gehör zu verschaffen. Sein Jubel war grenzenlos, als ihm Frilair erklärte, da er Julians frühere Leistungen im Seminar und seine guten Eigenschaften hochschätze, werde er ihn dem Wohlwollen der Richter bestens empfehlen. Fouqué faßte Hoffnung, seinen Freund zu retten. Als er vom Großvikar ging, bat er ihn unter einem tiefen Kratzfuß, für hundert Taler Messen lesen zu lassen, um vom Himmel den Freispruch des Angeklagten zu erflehen.

Fouqué irrte sich stark. Frilair war kein Valenod. Er lehnte ab und versuchte dem Biedermanne aus den Bergen sogar beizubringen, daß er sein Geld besser verwenden könne. Als er aber die Unmöglichkeit einsah, sich verständlich zu machen, ohne sich bloßzustellen, gab er den Rat, das Geld den armen Gefangenen zu stiften, denen es in der Tat am Nötigsten fehlte.

»Dieser Julian ist ein sonderbarer Kauz«, dachte Frilair bei sich. »Seine Tat ist mir unerklärlich. Und doch sollte es für mich nichts Unerklärliches geben ... Könnte ich nicht aus ihm einen Märtyrer machen? Auf jeden Fall muß ich hinter das Geheimnis der ganzen Geschichte kommen. Vielleicht läßt sich die Sache benutzen, um mich mit Herrn von La Mole in vorteilhafter Weise auszusöhnen. Er hat ein Faible für das Bürschchen.«

Der Vergleich in seinem Prozesse mit dem Marquis war vor wenigen Wochen unterzeichnet worden, und der Abbé Pirard hatte Besançon nicht verlassen, ohne eine Bemerkung über Julians geheimnisvolle Herkunft fallen zu lassen. Zufällig war das an dem Tage gewesen, an dem der Unglückliche sein Attentat auf Frau von Rênal in der Kirche von Verrières verübte.

Zwischen sich und dem Tode sah Julian nur noch ein unangenehmes Ereignis: den Besuch seines Vaters. Er fragte Fouqué, wie er über ein Gesuch an den Gerichtspräsidenten dächte. Er wolle bitten, von jedwedem Besuche verschont zu bleiben. Solcher Widerwille vor dem Angesicht eines Vaters, zumal unter Umständen wie hier, wirkte auf das brave Spießbürgergemüt des ehrsamen Holzhändlers wie ein kalter Wasserstrahl. Er bildete sich ein zu begreifen, warum sein Freund von so vielen Leuten glühend gehaßt wurde. Aber aus Rücksicht auf sein Unglück verhehlte er ihm seine Empfindungen. Kühl gab er ihm zur Antwort: »Die Genehmigung eines derartigen Gesuches würde sich nicht auf deinen Vater erstrecken.«

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