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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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65. Kapitel

Seine Seele flog in die Weite. Kaum erwiderte er Mathildens Liebkosungen. Still und versonnen saß er da. Niemals aber war er ihr so anbetungswürdig, so groß und genial erschienen. Nur bangte ihr, sein Stolz könne durch irgendwelchen Mißklang verletzt werden. Sie hatte Angst vor einem Zwischenfall, der mit einem Schlage alles wieder veränderte.

Fast alle Vormittage sah sie den Pfarrer Pirard ins Haus kommen. Sollte Julian durch ihn nicht über die Absichten ihres Vaters einigermaßen unterrichtet sein? Konnte ihm der Marquis schließlich nicht selber geschrieben haben? Wie sollte sich Mathilde Julians ernste Miene nach einem so großen Glücke sonst erklären? Sie wagte nicht zu fragen.

Sie wagte es nicht! Sie, Mathilde von La Mole!

Von Stund an war ihre Liebe zu Julian, ihr ganzes Gefühlsleben durchzittert von etwas Vagem, Bangem, Grauenhaftem. Die Leidenschaft, deren eine inmitten der Überkultur einer Weltstadt groß gewordene kühle Seele überhaupt fähig ist, hatte ihren Höhepunkt erreicht.

Am andern Morgen in der Frühe fand sich Julian im Pirardschen Pfarrhause ein. Alsbald fuhr eine in der nächsten Posthalterei gemietete alte wackelige Postkutsche in den Hof ein.

»Es ist zum letzten Male, daß Sie in solch einem Wagen fahren. Das schickt sich nicht mehr für Sie«, bemerkte der Abbé mürrisch. »Hier sind zwanzigtausend Franken, die Ihnen Herr von La Mole zur Verfügung stellt, unter der Bedingung, daß Sie diese Summe im Laufe eines Jahres ausgeben, ohne sich dabei allzu lächerlich zu machen...«

Eine so hohe Summe in der Hand eines jungen Mannes dünkte den Pfarrer eine ungeheuerliche Verführung zur Sünde.

»Ich habe den Marquis endlich dazu gebracht«, fuhr Pirard fort, »sich mit dem Abbé von Frilair, dem Erzjesuiten, zu versöhnen. Er ist uns zu mächtig. Eine stillschweigende Bedingung dieses Vergleichs wird die Anerkennung Ihrer adligen Herkunft durch diesen Mann sein, der in Besançon regiert.«

Julian konnte seine innige Freude nicht verbergen. Jetzt war er anerkannt! Er fiel dem Pfarrer um den Hals.

»Pfui!« rief Pirard und stieß ihn von sich. »Was soll diese weltliche Eitelkeit?« Geschäftlichen Tones fuhr er fort: »Es ist der Wunsch des Herrn Marquis, daß Herr von La Vernaye es für angebracht erachtet, seinem Pflegevater, dem Herrn Sägemüller Sorel zu Verrières, ein Geschenk zu machen. Besser aber werde ich dies statt Ihrer tun. Ich werde Herrn Sorel und seinen beiden Söhnen jedem ein Jahresgeld von fünfhundert Franken aussetzen, das gezahlt werden soll, solange ich mit ihnen zufrieden bin.«

Julian hatte seinen kühlen Hochmut wiedergewonnen. Er sprach seinen Dank aus, aber in allgemein gehaltenen Worten, die zu nichts verpflichteten. Bei sich dachte er: »Ob ich nicht doch der natürliche Sohn eines der großen Herren bin, die der schreckliche Napoleon in unsre Berge verbannt hat?« Allmählich kam ihm diese Vermutung immer weniger unmöglich vor. »Ein Beweis dafür wäre schließlich auch mein Haß gegen meinen Vater. Dann wäre ich kein Ungeheuer mehr!«

Einige Tage nach diesem Selbstgespräch exerzierte das 15. Husarenregiment, eines der glänzendsten der französischen Armee, auf dem Exerzierplatz von Straßburg. Der Chevalier von La Vernaye ritt das schönste Pferd im ganzen Elsaß. Es hatte ihn sechstausend Franken gekostet. Er war als Oberleutnant eingestellt, ohne je mehr als auf dem Papier Leutnant in einem andern Regiment gewesen zu sein, von dem er keine Ahnung hatte.

Sein blasiertes Aussehen, seine ernsten, fast bösen Augen und seine unwandelbare Kaltblütigkeit sicherten ihm vom ersten Tage an Respekt und Ansehen. Dazu kamen seine vollendete gemessene Höflichkeit und seine ohne Prahlerei zutage tretende Fertigkeit im Schießen und Fechten. Von vornherein verstummte jede Widerrede. Nach ein paar Tagen hatte er die öffentliche Meinung des Regiments auf seiner Seite. Ein Witzbold unter den älteren Offizieren bemerkte: »Dem jungen Manne fehlt nichts, nur die Jugend!«

Von Straßburg aus schrieb Julian an Chélan, den hochbetagten Pfarrer von Verrières, unter anderm:

»Gewiß haben Sie zu Ihrer Freude vernommen, daß sich meine Familie veranlaßt gesehen hat, mich wohlhabend zu machen. Anbei sind fünfhundert Franken, die ich Sie bitte, unauffällig und ohne Nennung meines Namens unter die Armen zu verteilen, zu denen ich ehedem selber gehörte. Gewiß helfen Sie andern noch immer so gern wie einst mir.«

Julian war trunken vor Ehrgeiz, nicht vor Eitelkeit. Allerdings verwendete er auf sein Äußeres große Sorgfalt. Seine Pferde, seine Uniformen, die Livree seiner Diener, alles das war derart tadellos, daß sich damit kein englischer Lord hätte zu schämen brauchen.

Kaum war er Offizier – freilich nur durch Protektion –, als er sich bereits ausrechnete, daß er mit seinen dreiundzwanzig Jahren eigentlich mehr sein müßte als bloß Oberleutnant, wenn er wie alle großen Heerführer mit dreißig Jahren General sein wollte. Er dachte an nichts andres als an eine glänzende Karriere und an seinen Sohn.

Aus diesem Überschwange zügellosen Ehrgeizes wurde er eines Morgens durch einen jungen Diener des Hauses von La Mole herausgerissen. Er brachte einen Brief von Mathilde:

»Alles verloren! Komme so rasch als möglich her. Laß alles im Stich. Desertiere, wenn es sein muß. Sobald Du da bist, erwarte mich in einer Droschke an der kleinen Gartentür. Vielleicht kann ich Dich mit in den Garten nehmen. Wir haben viel zu besprechen. Es ist alles verloren, ich fürchte, unwiderruflich. Aber verlaß Dich auf mich! Ich bleibe Dir treu auch im Unglück.
In Liebe
Deine Mathilde.«

Wenige Minuten später hatte Julian Urlaub von seinem Oberst. In wilder Hast ritt er von Straßburg ab. Aber die qualvolle Unruhe, die in ihm wühlte, machte ihm die Reise zu Pferd bereits hinter Metz unerträglich. Er warf sich in eine Extrapost und erreichte in schier unglaublicher Eile den bezeichneten Ort, die kleine Pforte hinten im Garten des Hauses La Mole. Die Tür öffnete sich, und im selben Augenblick lag Mathilde bereits in seinen Armen. Sie nahm auf nichts Rücksicht. Zum Glück war es fünf Uhr früh und die Straße noch menschenleer.

»Es ist alles verloren!« rief sie. »Mein Vater ist aus Furcht vor meinen Tränen in der Nacht auf Donnerstag verreist. Niemand weiß, wohin. Er hat mir diesen Brief hinterlassen. Lies ihn selber!«

Sie stieg zu ihm in die Droschke.

Der Brief des Marquis lautete:

»Alles könnte ich verzeihen, nur nicht, daß Du planmäßig verführt worden, weil Du reich bist. Mein unglückliches Kind, das ist die schändliche Wahrheit! Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß ich Dir niemals erlaube, diesen Menschen zu heiraten. Ich setze ihm ein Jahresgeld von zehntausend Franken aus, wenn er sich bereit erklärt, weit fort, außerhalb von Frankreichs Grenzen, am besten in Amerika, Aufenthalt zu nehmen. Lies beiliegenden Brief! Ich habe ihn als Antwort auf eine Erkundigung erhalten. Der Schamlose hat mich selbst veranlaßt, an Frau von Rênal zu schreiben. Ich werde auch nicht eine Zeile Deiner Hand lesen, die auf diesen Menschen Bezug hat. Ich hasse Paris und will Dich nicht sehen. Ich rechne fest darauf, daß Du das Unvermeidliche sorgfältig geheimhältst. Entsage dem Schurken freiwillig, und ich bin wieder
Dein Vater.«

»Wo ist der Brief von Frau von Rênal?« fragte Julian kalt.

»Hier! Ich wollte ihn dir erst zeigen, wenn du darauf vorbereitet wärest.«

Frau von Rênal schrieb:

»Sehr geehrter Herr Marquis!

Religion und Moral verpflichten mich zu dem peinlichen Schritt, den ich hiermit Ihnen gegenüber tue. Ich kann nicht anders; ich muß einen Mitmenschen schädigen, um dadurch ein noch größeres Ärgernis zu vereiteln. Mein Schmerz hierüber weicht meinem Pflichtgefühl.

Es ist allzu wahr: die Person, über die Sie genaue Auskunft haben wollen, hat es verstanden, ihr Betragen anständig, zum mindesten nicht klar beurteilbar erscheinen zu lassen. Aus Rücksicht auf die Schicklichkeit hat man die Wahrheit verdeckt und versteckt. Das war ein Gebot der Klugheit. In Wirklichkeit jedoch war die sittliche Führung dieses Menschen im höchsten Grade verdammenswert. Mehr kann ich nicht sagen. Arm und habgierig, dabei der ärgste Heuchler, hat er eine schwache unglückliche Frau verführt, um vorwärtszukommen und etwas zu werden. Meine Pflicht zwingt mich zu meinem Bedauern hinzuzufügen, daß ich Herrn J. S. für einen Menschen ohne religiöse Grundsätze halte. Aus Gewissenhaftigkeit muß ich bekennen, daß ich glaube, eins seiner Mittel, um in einer Familie festen Fuß zu fassen, liegt darin, die angesehenste Dame des Hauses zu verführen. Hinter der Maske der Uneigennützigkeit und mit Romanphrasen im Munde hat er kein andres Ziel, als den Herrn des Hauses und dessen Vermögen in seine Macht zu bekommen. Unglück und ewige Reue läßt er hinter sich zurück...«

Der Brief war sehr lang und stellenweise von Tränen halb verwischt. Frau von Rênal hatte ihn mit besonderer Sorgfalt geschrieben.

Als er zu Ende gelesen hatte, sagte Julian: »Ich kann Herrn von La Mole keinen Vorwurf machen. Er hat klug und recht gehandelt. Welcher Vater gibt seine Lieblingstochter einem solchen Subjekt! Lebe wohl!«

Damit sprang er aus der Droschke und lief nach seinem Postwagen, der am Eingang der Straße hielt. Mathilde, die offenbar für ihn nicht mehr da war, wollte ihm nacheilen. Aber die Krämer, die in ihren Ladentüren standen, waren stutzig geworden. So sah sie sich gezwungen, in ihren Garten zurückzueilen.

Julians Ziel war Verrières. Auf dieser hastigen Fahrt wollte er an Mathilde schreiben, aber er war nicht dazu imstande. Was er auf das Papier warf, war unleserlich.

Es war Sonntag vormittags, als er in Verrières anlangte. Sein erster Gang war zum Waffenhändler, der ihn mit Glückwünschen überhäufte. Die ganze Gegend sprach ja von seinem neuerlichen Glück. Er kaufte ein Paar Pistolen und ließ sie sich sogleich laden.

Als er aus dem Geschäft heraustrat, ertönte der Dreischlag. In den französischen Dörfern ist dies nach mehrfachem Läuten das wohlbekannte Zeichen des alsbaldigen Beginnes der Messe.

Julian betrat die neue Kirche von Verrières. Die sämtlichen hohen Fenster des Schiffes waren mit scharlachroten Vorhängen bedeckt. Ein paar Schritte hinter dem Sitz von Frau von Rênal blieb er stehen. Er sah, wie sie inbrünstig betete. Als er diese Frau, die er so heiß geliebt hatte, erblickte, zitterten ihm die Hände, so daß er sein Vorhaben zunächst nicht auszuführen vermochte.

»Ich kann es nicht!« sagte er zu sich selbst. »Mein Körper versagt mir den Gehorsam.«

In diesem Augenblick klingelte der Chorknabe, der bei der Messe ministrierte, zur Erhebung der Monstranz. Frau von Rênal senkte den Kopf. Fast sah Julian ihr Gesicht nicht mehr. Die Falten ihres Schals verdeckten es.

Jetzt schoß er auf sie aber er traf nicht. Er schoß nochmals. Frau von Rênal sank um.

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