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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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60. Kapitel

Der eben erlebte Sturm der Leidenschaft setzte Julian mehr in Verwunderung, als daß er ihn beglückte. Die Beleidigungen, die ihm Mathilde ins Gesicht geschleudert hatte, waren ihm ein Beweis, wie gut die russische Politik war, »Wenig reden, wenig handeln, das ist meine einzige Rettung!«

Er hob Mathilde auf und setzte sie, ohne ein Wort zu sagen, auf den Diwan. Nach einer Weile traten ihr die Tränen in die Augen. Um sich Haltung zu geben, nahm sie die Briefe der Marschallin in die Hand und öffnete langsam einen nach dem andern. Es durchzuckte sie, als sie die Handschrift der Frau von Fervaques erblickte. Sie wandte die Blätter um, ohne sie zu lesen. Fast alle Briefe waren sechs Seiten lang.

»Antworten Sie mir wenigstens!« sagte sie schließlich in flehentlichem Tone, ohne daß sie den Mut hatte, Julian anzusehen. »Sie wissen, ich bin stolz. Daran ist meine gesellschaftliche Stellung schuld und wohl auch mein Charakter. Sei es, wie es sei! Also hat mir Frau von Fervaques Ihr Herz geraubt? Hat sie Ihnen das nämliche Opfer gebracht, zu dem mich meine verhängnisvolle Liebe getrieben hat?«

Düsteres Schweigen war Julians ganze Antwort. »Mit welchem Recht«, dachte er, »verlangt sie von mir eine Indiskretion, die eines Ehrenmannes unwürdig ist?«

Mathilde versuchte in den Briefen zu lesen, aber sie konnte nichts sehen vor Tränen.

Seit vier Wochen war sie unglücklich, aber ihre stolze Seele war weit entfernt davon, sich ihre Leidenschaft einzugestehen. Allein der Zufall hatte den Ausbruch hervorgerufen. Einen Augenblick hatten Eifersucht und Liebe über ihren Hochmut gesiegt. Sie saß ganz dicht neben Julian auf dem Diwan. Er sah ihr Haar und ihren Alabasterhals. Einen Augenblick vergaß er alles, was er sich schuldig war, legte den Arm um ihren Leib und drückte sie fest an seine Brust.

Sie wandte ihm langsam den Kopf zu. Da erstaunte er über den ungeheuren Schmerz, der sich in ihren Augen spiegelte. Sie war fast nicht wiederzuerkennen. Julian fühlte seine Kräfte schwinden; so unendlich schwer ward ihm die Kälte, die er sich anbefohlen hatte.

»Diese Augen werden alsbald nur noch kalte Verachtung aussprechen«, sagte er sich, »wenn ich mich im Glück der Liebe verliere.« Da bat sie ihn mit erloschener Stimme und in Worten, zu denen sie kaum die Kraft fand, wiederholt um Verzeihung für ihr Benehmen.

»Ich habe auch meinen Stolz!« sagte Julian tonlos. Seine Züge verrieten ein Übermaß körperlicher Ermattung.

Mathilde wandte sich rasch nach ihm um. Seine Stimme zu hören, war ihr ein Glück, dem sie beinahe schon entsagt hatte. In diesem Augenblick verfluchte sie ihren Hochmut. Am liebsten hätte sie etwas Ungewöhnliches, Unerhörtes getan, ihm zu beweisen, wie sehr sie ihn anbetete und sich selber haßte. Währenddem fuhr Julian fort: »Wahrscheinlich haben Sie mich einen Augenblick ausgezeichnet, weil ich stolz war. Und sicher achten Sie mich jetzt, weil ich Mut und Festigkeit habe, wie sie einem Mann ziemt. Die Marschallin könnte meine Geliebte sein...«

Mathilde zitterte. Ihre Augen nahmen einen seltsamen Ausdruck an. Jetzt sollte sie ihr Urteil vernehmen. Dieser innere Vorgang entging Julian nicht. Er fühlte seinen Mut schwinden.

»Ach«, dachte er im Echo der leeren Worte, die sein eigener Mund redete und die ihm wie fremdes Geräusch verklangen, »könnte ich deine blassen Wangen küssen ohne Ende, ohne daß du es fühltest!«

»Frau von Fervaques könnte meine Geliebte sein«, wiederholte er mit schwächerer Stimme. »Vielleicht! Noch aber habe ich keine entscheidenden Beweise ihrer Zuneigung...«

Mathilde sah ihn fest an. Er hielt den Blick aus; zum mindesten hoffte er, daß sein Gesicht ihn nicht verrate. Er fühlte sich bis in den tiefsten Grund seines Herzens von Liebe erfüllt. Niemals hatte er Mathilde dermaßen angebetet. Er war fast ebenso toll wie sie. Wenn sie genug Kaltblütigkeit und Wagemut gehabt hätte, so wäre er ihr zu Füßen gefallen und hätte seine ganze eitle Komödie abgeschworen.

Er bekam wieder Kraft genug, um weiterzusprechen. »Hätte ich Korasoff hier!« dachte er bei sich; »ich bedarf einer Anweisung über mein weiteres Verhalten!« Laut sagte er: »Selbst wenn mich kein andres Gefühl an die Marschallin fesselt, muß ich ihr mindestens Dankbarkeit zollen. Sie hat mich mit Nachsicht behandelt und mich getröstet, als mich eine andre verachtete... Ich vermag an das Augenscheinlichste nicht zu glauben. Weiß ich, ob es nicht ein, Trugbild ist, ebenso flüchtig wie verführerisch?«

»Ach, Allmächtiger!« stöhnte Mathilde.

»Sagen Sie, welche Bürgschaft geben Sie mir?« fuhr Julian lebhaft und in festem Tone fort. Man hätte meinen können, er vergesse einen Augenblick die Vorsicht der Diplomatie. »Welche Gewähr habe ich, daß der Rang, den Sie mir heute gnädigst einräumen, Ihnen länger als zwei Tage genehm sein wird?«

»Meine maßlose Liebe, und meinen grenzenlosen Kummer über deine Lieblosigkeit!« rief sie, indem sie seine Hände ergriff und ihm in die Augen sah.

Die heftige Bewegung, die sie dabei machte, verschob ihre Boa ein wenig. Julian sah ihre entzückenden Schultern, und ihr etwas wirr gewordenes Haar erweckte ihm eine süße Erinnerung.

Er war nahe daran, nachzugeben. »Ein unbedachtes Wort«, sagte er sich, »und die lange Reihe verzweifelter Tage fängt wieder von vorn an. Frau von Rênal tat, was ihr das Herz eingab. Sie grübelte hinterher nach den Gründen. Diese junge Weltdame aber gibt ihr Herz erst frei, wenn sie sich durch gute Gründe überzeugt hat, daß es gerührt sein muß.«

Diese Wahrheit durchleuchtete ihn wie ein Blitz, und im Augenblick hatte er auch seinen Mut wieder. Er wand seine Hände aus denen Mathildens und rückte in ehrerbietige Entfernung. Mehr Mut kann ein Mann nicht haben. Dann hob er alle die auf dem Diwan verstreuten Briefe der Frau von Fervaques auf und sagte mit ausgesuchter Höflichkeit, die in diesem Moment geradezu grausam war: »Das gnädige Fräulein wird mir gütigst gestatten, über dies alles nachzudenken.«

Er empfahl sich und verließ rasch die Bibliothek. Mathilde hörte, wie er draußen eine Türe nach der andern schloß.

»Das Scheusal ist nicht einmal erregt«, dachte sie bei sich. »Ach, was sage ich? Scheusal! Er ist vernünftig, klug, gut. Ich aber, ich habe mir das denkbar Tollste vorzuwerfen!«

Ihre Stimmung hielt an. An diesem Tage war Mathilde fast glücklich, denn sie war ganz Liebe. Man hätte meinen können, daß ihre Seele nie vom Hochmut beherrscht gewesen sei. Und wie hochmütig war sie!

Sie zitterte vor Entsetzen, als abends im Salon ein Diener Frau von Fervaques meldete. Der Klang der Stimme dieses Menschen kam ihr unheimlich vor. Sie vermochte den Anblick der Marschallin nicht zu ertragen; sie ward starr wie Stein. Julian blieb aus Furcht, sich durch seine Augen zu verraten, der Mittagstafel im Hause La Mole fern. Stolz auf seinen schwer errungenen Sieg war er nicht gerade. Mit der Entfernung vom Kampfplatze wuchsen seine Liebe und sein Glück. Schon fing er an, sich Vorwürfe zu machen. »Wie konnte ich ihr widerstehen!« sagte er sich. »Wenn sie mich nun nicht mehr liebt? Ein einziger Augenblick kann bei einer so stolzen Seele den Ausschlag geben. Ich muß zugeben, daß ich sie abscheulich behandelt habe.«

Am Abend sagte er sich, daß er wohl oder übel in der Theaterloge der Marschallin erscheinen müsse. Sie hatte ihn ausdrücklich eingeladen, und Mathilde würde jedenfalls seine Anwesenheit oder unhöfliche Abwesenheit erfahren. Obwohl ihm dies einleuchtete, hatte er zunächst nicht die Kraft, sich in Gesellschaft zu zeigen. Sobald er mit andern redete, verlor er die Hälfte seines Glückes.

Es schlug zehn Uhr. Er mußte sich durchaus zeigen.

Zum Glück fand er die Loge der Marschallin voller Damen. Er blieb hinten an der Tür und ward durch die Hüte ganz verdeckt. Dieser Platz rettete ihn vor dem Sich-lächerlich-Machen. Die Götterlaute der Verzweiflung Karolinens in Cimarosas Heimlicher Ehe rührten ihn zu Tränen. Frau von Fervaques bemerkte diese Tränen. Sie standen in so seltsamem Gegensatz zu der sonst männlichen Festigkeit seines Gesichtes, daß die große Dame, die seit langem ihres an ihr fressenden Parvenüstolzes müde war, ergriffen wurde. Der Rest von Fraulichkeit, den sie noch hatte, drängte sie zum Sprechen. Sie sehnte sich nach seiner Stimme.

»Haben Sie die Damen von La Mole gesehen?« fragte sie Julian. »Sie sitzen da im dritten Range.«

Sofort beugte er sich ziemlich unhöflich über die Brüstung der Loge und blickte in die bezeichnete Richtung. Er sah Mathilde. Ihre Augen schimmerten vor Tränen.

»Heute ist gar nicht ihr Opernabend«, dachte er. »Und doch ist sie da!«

Mathilde hatte ihre Mutter bestimmt, in das Theater zu gehen, obschon ihr der dritte Rang, in dem ihnen eine der Schmeichlerinnen des Hauses eine Loge zur Verfügung gestellt hatte, eigentlich nicht standesgemäß erschien. Aber sie wollte sehen, ob Julian diesen Abend um die Marschallin wäre.

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