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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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58. Kapitel

Die russischen Vorschriften verboten ausdrücklich, der Dame, an die man schrieb, je zu widersprechen. Die Rolle des blinden Schwärmers sollte unbedingt eingehalten werden. Das war die Voraussetzung der Briefe.

Eines Abends in der Oper, in der Loge der Marschallin, lobte Julian das Ballett Manon Lescaut über die Maßen, und zwar einzig und allein, weil er es unbedeutend fand. Frau von Fervaques hingegen meinte, das Ballett stehe tief unter dem gleichnamigen Roman des Abbé Prévost.

Erstaunt und belustigt zugleich sagte sich Julian: »Merkwürdig! Auf einmal preist dies hochmoralische Menschenkind einen Roman!« Die Marschallin pflegte nämlich mindestens alle drei Tage ihrer gründlichen Verachtung der Romanschreiber Ausdruck zu verleihen, indem sie behauptete, ihre öden Machwerke hätten weiter keinen Zweck, als die dem Blendwerk der Sinne sowieso leicht geneigte Jugend gänzlich zu verderben. »Unter den unmoralischen Romanen soll die Manon Lescaut der allergefährlichste sein«, fuhr sie fort. »Die Schwächen und die wohlverdienten Qualen eines sündigen Herzens sollen darin mit meisterlicher Naturtreue geschildert sein, was übrigens Ihren Bonaparte nicht gehindert hat, auf Sankt Helena zu verkünden, das sei ein Roman für Lakaien.«

Das Wort Bonaparte versetzte Julians Seele in Kampfbereitschaft. »Aha«, sagte er sich, »man hat den Versuch gemacht, mich bei meiner Gönnerin anzuschwärzen! Man hat ihr meine Napoleonschwärmerei verraten. Das hat sie dermaßen verschnupft, daß sie der Versuchung, es mich merken zu lassen, nicht widerstehen kann.«

Diese Entdeckung amüsierte ihn den ganzen Abend. Er war ihm nicht mehr langweilig. Als er sich im Vestibül der Oper von der Marschallin verabschiedete, sagte sie zu ihm: »Herr Sorel, ich will Ihnen eins sagen: Wer mich liebt, darf den Bonaparte nicht lieben! Man darf diesen Mann höchstens als eine von der Vorsehung auferlegte Notwendigkeit hinnehmen.«

»Wer mich liebt...«, wiederholte sich Julian, »das sagt alles und nichts! Das sind Sprachgeheimnisse für uns Provinzler.«

Während er einen endlosen Brief an die Marschallin schrieb, mußte er viel an Frau von Rênal denken. –

»Was soll das heißen?« fragte ihn die Marschallin am andern Abend mit sichtlich schlecht gespielter Gleichgültigkeit. »In Ihrem Briefe, den Sie doch wohl gestern abend nach der Oper geschrieben haben, sprechen Sie von London und Richmond?«

Julian ward sehr verlegen. Er hatte mechanisch Wort für Wort abgeschrieben und dabei vergessen, »London« und »Richmond« durch »Paris« und »Saint-Cloud« zu ersetzen. Er stotterte ein paar Worte her, ohne daß es ein vernünftiger Satz wurde, nahe daran, in ein tolles Gelächter auszubrechen. Endlich fand er folgende Ausrede: »Als ich Ihnen schrieb, gnädige Frau, stand ich noch ganz im Nachhall unsres erdenfernen Gesprächs. Ich war gewissermaßen zerstreut ...«

»Ich mache Eindruck«, dachte er bei sich. »Somit kann ich mir heute die weitere Langeweile schenken.«

Mehr laufend als gehend verließ er das Haus Fervaques. In seiner Stube las er das Original des tags zuvor abgeschriebenen Briefes noch einmal durch. Sofort fand er die falsche Stelle, wo von London und Richmond die Rede war. Zu seiner Überraschung entdeckte er auch, daß der Brief recht zärtlich war.

Der Gegensatz zwischen der zur Schau getragenen Oberflächlichkeit von Julians mündlichen Äußerungen und der wunderbaren, geradezu apokalyptischen Tiefe seiner Briefe war es, der Eindruck auf Frau von Fervaques machte. Besonders gefiel ihr die Länge der Sätze. »Das ist etwas ganz andres als der sprunghafte Stil, den dieser unmoralische Mensch, der Voltaire, in die Mode gebracht hat!« dachte sie.

Obwohl Julian sich Mühe gab, in dem, was er sagte, jede Spur von gesundem Menschenverstand zu tilgen, so hatten seine Worte doch immer noch einen antimonarchischen und unfrommen Anflug, was der Marschallin nicht entging. Umgeben von lauter strengmoralischen Leuten, die oft den ganzen Abend keinen einzigen Gedanken bekundeten, war die Marschallin sehr empfänglich für Ideen, die ihr neu vorkamen. Aus Pflichtgefühl machte sie sich alsbald darüber Vorwürfe. »Die sündhafte Zeit färbt ab!« pflegte sie zur Entschuldigung ihrer Schwäche zu sagen. Während all der Zeit, in der sich die Episode Fervaques in Julians Leben abspielte, erwehrte sich Fräulein von La Mole nur mit Mühe des fortwährenden Denkens an den Geliebten. In ihrem Innern tobten heftige Kämpfe. Zuweilen schmeichelte sie sich, den grüblerischen jungen Mann zu verachten, aber immer wieder, mochte sie wollen oder nicht, lauschte sie voll Anteil seinem Gespräch. Besonders erstaunt war sie über seine vollendete Falschheit. Jedes Wort, das er der Marschallin sagte, war Lüge, zum mindesten abscheuliche Verschleierung seiner wahren Welt- und Lebensanschauung, die Mathilde genau kannte.

Dieser Machiavellismus verwunderte sie. »Es ist Geist darin«, meinte sie bei sich. »Welch Unterschied zwischen ihm und den geistlosen Scharlatanen und gemeinen Schelmen, die ebenso salbadern; Tanbeau zum Beispiel!«

Leicht fiel Julian seine Rolle keineswegs. Es war eine harte Pflicht, die er erfüllte, indem er Tag für Tag im Salon der Marschallin erschien. Die Mühe, die ihm diese Komödie verursachte, raubte seiner Seele alle Spannkraft. Oft, wenn er nachts den weiten Hof des Hauses Fervaques durchschritt, mußte er seine ganze Willens- und Verstandeskraft zusammennehmen, um nicht innerlich zusammenzubrechen. Dann sagte er sich: »Ich habe im Seminar die Verzweiflung überwunden, obwohl ich damals in eine grauenhafte Zukunft sah. Entweder baute ich mir eine Laufbahn, oder ich verscherzte sie mir. In beiden Fällen mußte ich damit rechnen, mein Leben lang in engster Gemeinschaft mit dem Verächtlichsten und Widerwärtigsten zu verbringen, was es in der Welt gibt. Kaum elf Monate später, im Frühjahr, war ich vielleicht der glücklichste meiner Altersgenossen.«

Aber recht häufig waren solche Vernunftspredigten ohnmächtig angesichts der schrecklichen Wirklichkeit. Er sah Fräulein von La Mole Tag um Tag beim Frühstück und beim Mittagsmahl. Aus verschiedenen Briefen, die ihm der Marquis diktierte, erfuhr er, daß Mathildens Heirat mit Herrn von Croisenois nahe bevorstand. Der liebenswürdige junge Mann stellte sich bereits täglich zweimal im Hause La Mole ein. Keiner dieser Besuche entging den eifersüchtigen Augen des verlassenen Geliebten. Wenn er sich einbildete, beobachtet zu haben, daß Fräulein von La Mole ihren Bräutigam gnädig behandelt hatte, konnte er sich hinterher in seinem Zimmer nicht davor bewahren, mit seiner Pistole zu liebäugeln. »Ach, wäre es nicht das beste«, seufzte er, »wenn ich aus meiner Wäsche die Monogramme entfernte und in einen einsamen Wald ginge, drei Meilen vor Paris, um meinem nichtswürdigen Dasein ein Ende zu machen? Niemand könnte mich rekognoszieren, und vierzehn Tage nach meinem Verschwinden dächte kein Mensch mehr an mich.«

Dagegen war nichts einzuwenden. Doch am andern Morgen genügte ein Blick auf das Stück von Mathildens Arm, das zwischen Ärmel und Handschuh zu sehen war, um dem jungen Philosophen qualvolle Erinnerungen heraufzubeschwören. Sie ketteten ihn an das Leben. »Meinetwegen«, sagte er sich ergeben, »ich will die russische Politik weiterverfolgen. Wie wird das enden? Was die Marschallin betrifft, so soll die Abschrift des dreiundfünfzigsten Briefes das letzte sein, was ich ihr schreibe. Aber Mathilde? Wird diese sechs Wochen lange gräßliche Komödie an ihrem Groll abprallen? Oder verschafft sie mir eine flüchtige Versöhnung. Ich stürbe vor Glückseligkeit!«

Es war ihm unmöglich, den Gedanken weiterzuspinnen. Als er nach vager Träumerei wieder die Vernunft zu Worte kommen ließ, sagte er sich: »Ich werde vielleicht einen Tag lang glücklich sein. Aber dann beginnt ihre Grausamkeit von neuem. Es muß so kommen. Denn ich bin nicht fähig, ihr auf die Dauer zu gefallen. Es winkt mir also keine Rettung. Ich gehe zugrunde. Rettungslos...

Welche Gewähr kann sie mir bei ihrem Charakter bieten? Ach, ich bin ihr nicht elegant genug. Ich bin in meinen Reden zu plump und eintönig. Du mein Gott: warum bin ich so und nicht anders?«

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