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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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54. Kapitel

Gezwungen, acht Tage in Straßburg zu verweilen, suchte sich Julian in ruhmreiche kriegsgeschichtliche und vaterländische Erinnerungen zu vertiefen.

War er eigentlich verliebt?

Er wußte es nicht, aber das fühlte er in seiner Seelennot, daß Mathilde die Alleinherrscherin über seine Gemütsstimmung wie über seine Gedankenwelt war. Er hatte all seine Willenskraft nötig, um sich vor der Verzweiflung zu bewahren. An etwas zu denken, das in keiner Beziehung zu Fräulein von La Mole stand, war er nicht imstande. Ehedem, bei Frau von Rênal, hatten ihn seine ehrsüchtigen Träumereien und kleinen Eitelkeitserfolge dem reinen Zustand der Verliebtheit entzogen; Mathilde ließ nichts neben sich aufkommen. Wenn er in die Zukunft schaute, sah er immer nur sie. Und allerwegen in dieser Zukunft erblickte er Erfolglosigkeit. Er, der in Verrières voller Überhebung und Hochmut gewesen, war der lächerlichsten Bescheidenheit verfallen.

Noch vor drei Tagen hätte er den spionierenden Pfaffen am liebsten ermordet. Jetzt in Straßburg hätte er jedem Kinde recht gegeben, das in Streit mit ihm geraten wäre. Wenn er an die Widersacher und Feinde zurückdachte, die er im Laufe seines Lebens gehabt hatte, war es ihm, als hätte er – Julian – immer unrecht gehabt. An diesem Wandel seiner Selbstbeurteilung war einzig und allein der Umstand schuld, daß seine zügellose Einbildungskraft, die ihm bisher glänzende Zukunftsbilder vorgegaukelt hatte, mit einem Male zu seiner unversöhnlichen Feindin geworden war.

Die völlige Einsamkeit des Reiselebens machte seine verdüsterte Phantasie noch dunkler. Einen Freund bei sich zu haben wäre ihm ein Labsal gewesen. So aber sagte er sich: »Wo auf der Welt schlägt für mich ein Herz? Und selbst wenn ich einen Freund hätte, müßte ich als Ehrenmann schweigsam sein wie ein Grab.«

In seiner Melancholie machte er Spazierritte in die Umgegend von Kehl, einem Orte, der durch Desaix und Gouvion Saint-Cyr auf immerdar berühmt geworden ist. Ein deutscher Bauer zeigte ihm die Rheininseln und das Gelände, wo sich die Bravour jener großen Generale betätigt hatte. Die Zügel in der Linken, hielt Julian in der Rechten die vortreffliche Karte, die des Marschalls Saint-Cyr Denkwürdigkeiten schmückt. Plötzlich hörte er ein freudiges »Hallo!«.

Es war Fürst Korasoff, sein Londoner Freund, der ihn vor ein paar Monaten in die Anfangsgründe des höheren Dandytums eingeweiht hatte. Ganz im Sinne dieser erhabenen Kunst begann Korasoff, der seit gestern in Straßburg und seit einer Stunde in Kehl war und nie im Leben eine Zeile über die Belagerung von 1796 gelesen hatte, einen längeren Vortrag über dieses Ereignis zu halten. Der deutsche Bauer sah ihn verdutzt an, denn er verstand genug Französisch, um zu merken, daß der fremde Herr argen Unsinn vorbrachte. Julian freilich dachte himmelweit anders. Er betrachtete die Schönheit des jungen Mannes und bewunderte seine reiterliche Grazie.

»Welch ein Sonntagskind!« dachte er bei sich. »Wie tadellos seine Breeches sitzen und wie elegant sein Haarschnitt ist! Wenn ich so ausgesehen hätte, wäre Mathilde meiner Liebe nicht bereits nach drei Tagen überdrüssig geworden.«

Als der Fürst seinen Vortrag beendet hatte, sagte er zu Julian: »Sie sehen aus wie ein Trappist. Sie übertreiben den Grundsatz von der Würde, den ich Ihnen in London doziert habe. Eine trübsinnige Miene ist gegen den guten Ton. Man muß gelangweilt aussehen. Wenn man traurig aussieht, zeigt man damit, daß einem etwas fehlt, daß einem irgend etwas mißglückt ist. Das heißt: man zeigt sich inferior. Sehen Sie hingegen gelangweilt aus, so ist jeder, der vergeblich sucht, Sie für sich einzunehmen, der Inferiore. Begreifen Sie, wie stark Geringschätzung imponiert!«

Julian warf dem Bauern, der Mund und Ohren aufsperrte, einen Taler zu.

»Jetzt gefallen Sie mir schon wieder besser«, bemerkte der Fürst und setzte sein Pferd in Galopp. Julian folgte ihm in sinnloser Bewunderung. »Wenn ich so wäre wie Korasoff, dann hätte Mathilde nicht an Croisenois mehr Gefallen gefunden als an mir«, seufzte er. Aber wenn sein gesunder Menschenverstand auch Anstoß an den Albernheiten des Fürsten nahm, so verachtete er sich selber doch nur um so mehr, dieweil er ihn bewunderte und sich unglücklich fühlte, nicht auch so zu sein. Sein Widerwillen vor sich selbst war grenzenlos.

Dem Fürsten fiel Julians großer Trübsinn abermals auf. Als sie in Straßburg ankamen, fragte er ihn: »Verehrtester, haben Sie all Ihr Geld verloren, oder sind Sie in irgendeine kleine Schauspielerin verliebt?«

Die Russen ahmen die Sitten der Franzosen nach, sind ihnen dabei aber immer um fünfzig Jahre zurück. Im Jahre 1830 waren sie bei dem Zeitalter Ludwigs XV. angelangt.

Julian hätte beinahe geweint.

Plötzlich kam ihm der Gedanke: »Warum sollte ich diesen liebenswürdigen Menschen nicht um Rat fragen?«

»Sie haben leider recht, lieber Korasoff«, entgegnete er ihm. »Sie sehen mich hier in Straßburg nicht nur verliebt, sondern obendrein verlassen. Eine entzückende Frau in einer Stadt der Nachbarschaft hat mir nach drei Tagen der Leidenschaft den Laufpaß gegeben. Ich vermag mich nicht darein zu schicken. Ich gehe daran zugrunde.«

Er schilderte ihm Mathildens Charakter und Handlungsweise. Nur nannte er einen falschen Namen.

»Erzählen Sie nicht weiter!« sagte Korasoff. »Damit Sie Vertrauen zu Ihrem Arzt gewinnen, will ich Ihre Beichte ergänzen. Der Ehemann der jungen Frau erfreut sich eines enormen Vermögens ... oder noch wahrscheinlicher: sie gehört zum Hochadel. Auf irgend etwas ist sie offenbar außerordentlich stolz.«

Julian nickte stumm mit dem Kopfe. Sein Mut, sich auszusprechen, war dahin. Der Fürst fuhr fort: »Zunächst müssen Sie unverzüglich drei bittre Pillen schlucken. Nummer eins: Sie müssen die Dame – wie hieß sie doch gleich? – alle Tage aufsuchen ...«

»Frau von Dubois.«

»Ein scheußlicher Name!« meinte Korasoff lachend. »Aber, pardon, für Sie natürlich der herrlichste der Welt ... Es ist also unbedingt nötig, daß Sie Frau von Dubois Tag für Tag sehen. Dabei müssen Sie sich hüten, sich ihr kalt oder voller Groll zu zeigen. Nehmen Sie dies als Leitmotiv: Immer das Gegenteil von dem sein, was der Gegner erwartet! Benehmen Sie sich genauso wie acht Tage bevor Ihnen die Gunst Ihrer Dame zuteil ward!«

»Ach, damals war ich im vollen Gleichgewichte!« rief Julian trostlos. »Ich bildete mir ein, Mitleid mit ihr zu haben...«

»Der Schmetterling verbrennt sich am Licht die Flügel«, fuhr Korasoff fort. »Dies Gleichnis ist so alt wie die Menschheit. Also, Nummer eins: Sie müssen sie alle Tage sehen. Nummer zwei: Sie müssen einer andern aus demselben Gesellschaftskreise den Hof machen, aber wohlgemerkt, ohne dabei Leidenschaft an den Tag zu legen. Ich verhehle Ihnen nicht, daß Ihre Rolle nicht leicht ist. Sie spielen Komödie. Aber sobald man durchschaut, daß Sie nur ein Spiel treiben, haben Sie verloren.«

»Sie ist ungemein klug, und ich gar nicht«, seufzte Julian.

»Durchaus nicht. Nur sind Sie verliebter, als ich dachte. Frau von Dubois beschäftigt sich ungeheuerlich viel mit sich selbst, wie so viele Frauen, denen ein Übermaß von Reichtum oder Vornehmheit zuteil geworden ist. Auch in ihrer Beziehung zu Ihnen achtet sie nur auf sich, nicht auf Sie, den sie infolgedessen gar nicht kennt. Während der zwei, drei Anfälle von Verliebtheit, in denen sie sich unter vollem Aufgebot ihrer Phantasie Ihnen geschenkt hat, hat sie in Ihnen den Helden ihrer Träume gesehen, nicht den, der Sie in Wirklichkeit sind...« Er unterbrach sich selbst. »Aber zum Donnerwetter, das ist ja das Einmaleins, mein lieber Sorel! Sind Sie denn gänzlich Anfänger? – Beim Teufel, kommen Sie mit in diesen Laden! Da hängt eine reizende schwarze Krawatte. Beinahe wie von John Anderson in der Burlington-Street. Machen Sie mir die Freude, lassen Sie sich das Ding von mir dedizieren und werfen Sie den schändlichen schwarzen Strick, den Sie da um den Hals haben, weit weg!«

Als sie aus dem Laden des ersten Straßburger Modenhändlers wieder herauskamen, fuhr der Fürst fort: »Mit welchen Damen verkehrt Frau von Dubois näher? Du mein Gott, dieser Name! Seien Sie mir nicht bös, lieber Sorel! Er gefällt mir nun einmal nicht... Wem wollen Sie den Hof machen?«

»Einer ganz Unnahbaren. Der Tochter eines enorm reichen Strumpffabrikanten. Sie hat die schönsten Augen der Welt, die mir riesig gefallen. Sie ist hochangesehen, aber trotz alledem schämt sie sich, ja sie verliert ihre Fassung, wenn das Gespräch auf Handel und Industrie kommt...«

»Eine göttliche Lächerlichkeit! Für Sie aber recht nützlich. Das wird Sie davor bewahren, allzusehr in den Bann ihrer schönen Augen zu geraten. Um so sicherer ist der erwünschte Erfolg.«

Julian hatte die schöne Marschallin von Fervaques im Sinne, eine Ausländerin, die viel im Hause La Mole verkehrte. Sie hatte den Marschall ein Jahr vor seinem Tode geheiratet. Ihr ganzes Leben hatte kaum einen andern Zweck als den, die Tatsache in Vergessenheit zu bringen, daß sie die Tochter eines Industriellen war. Um eine Rolle zu spielen, hatte sie sich an die Spitze aller Tugendsamen gestellt.

Julian betete den Fürsten förmlich an. Was hätte er nicht darum gegeben, seine schwachen Seiten zu besitzen.

Die Unterhaltung der beiden Freunde fand kein Ende. Korasoff war entzückt. Noch nie hatte ihm ein Franzose so lange zugehört. »Jetzt hab ich es endlich erreicht!« frohlockte er im stillen. »Man hört auf mich, wenn ich meinen Schulmeistern Unterricht gebe!«

»Wir verstehen uns also!« wiederholte er Julian zum zehnten Male. »Um Gottes willen nicht die geringste Leidenschaftlichkeit, wenn Sie in Gegenwart von Frau Dubois mit der schönen Strumpffabrikantentochter sprechen! In Ihren Briefen aber müssen Sie Feuer und Flamme sein! Eine schöne Liebesepistel zu lesen ist für die Allerprüdeste ein Hochgenuß, eine Art Erholung. Sie spielt dann einmal keine Komödie. Sie läßt ihr Herz lauschen. Schreiben Sie ihr getrost täglich zwei Briefe!«

»Kann ich nicht. Unmöglich!« stöhnte Julian mutlos. »Lieber lasse ich mich lebendig begraben, als daß ich dummes Geschwätz zu Papier bringe. Ich bin so schon halb tot. Geben Sie sich keine Mühe mehr mit mir. Lassen Sie mich am Wege sterben!«

»Aber wer verlangt denn von Ihnen, daß Sie dummes Geschwätz zu Papier bringen sollen? Ich habe in meiner Reisetasche sechs Bände geschriebener Liebesbriefe für alle möglichen Frauencharaktere, selbst für ganz Tugendsame.«

Als Julian seinen Freund nachts um zwei Uhr verließ, war er nicht mehr ganz so unglücklich.

Am andern Morgen ließ der Fürst einen Schreiber kommen, und zwei Tage darauf besaß Julian dreiundfünfzig sorglich numerierte Liebesbriefe, ausgewählt für einen melancholischen Tugendengel. Sie waren ursprünglich an die niedlichste Quäkerin von ganz England gerichtet.

»Mehr sind es nicht«, bemerkte der Fürst, »denn nach Numero 53 bekam der Absender einen Korb. Aber was tut es Ihnen, wenn die Strumpffabrikantentochter Sie schlecht behandelt. Sie wollen ja nur auf das Herz der Madame Dubois wirken!«

Sie ritten täglich aus. Korasoff war in Julian vernarrt. Da ihm kein andrer Beweis seiner impulsiven Freundschaft einfiel, bot er ihm schließlich die Hand einer seiner Cousinen an, einer steinreichen Erbin in Moskau. »Sind Sie erst verheiratet«, setzte er hinzu, »so bringen Sie es durch meinen Einfluß und durch Ihr Kreuz da in zwei Jahren zum Oberst!«

»Aber das Kreuz ist mir nicht von Napoleon verliehen. Da hätte ich mehr leisten müssen!«

»Schadet nichts!« sagte der Fürst. »Er hat es gestiftet. Es ist immer noch weitaus das höchste Ehrenzeichen in Europa!«

Julian war nahe daran, das Angebot anzunehmen; aber die Pflicht rief ihn zuvörderst zum Herzog zurück. Er verließ Korasoff mit dem Versprechen, ihm zu schreiben.

Er empfing die Antwort auf den geheimen Bericht, den er überbracht hatte. Damit eilte er wieder nach Paris.

Kaum war er zwei Tage sich selbst überlassen, so wäre er lieber gestorben, als daß er Paris und Frankreich verlassen hätte. Er sagte sich: »Ich werde Korasoffs Millionen nicht heiraten, seinen Rat aber befolgen. Die Verführungskunst ist sein Metier. Seit mehr denn fünfzehn Jahren betreibt er es. Er ist dreißig Jahre alt. Daß er ein dummer Mensch wäre, kann man nicht sagen. Er ist mit allen Wassern gewaschen. Romantik und Schwärmerei sind ihm fremd. Ein Grund mehr, daß er klar sieht. Zweifellos, ich muß der Marschallin den Hof machen. Vielleicht ist dies eine etwas langweilige Sache. Ich werde mich am Anblick ihrer schönen Augen schadlos halten. Sie sind denen ähnlich, die mir ehedem so viel Liebe verrieten. Übrigens ist sie Ausländerin. Ich habe also etwas Neues zu studieren ... Ach, ich bin toll. Ich richte mich zugrunde. Ich soll die Ratschläge eines Freundes befolgen, vermag aber nicht an den Erfolg zu glauben.«

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