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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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51. Kapitel

Der Marquis hatte Julian rufen lassen. Er sah verjüngt aus. Seine Augen leuchteten.

»Sie sollen ein wunderbar gutes Gedächtnis haben«, sagte er zu Julian. »Sind Sie imstande, vier Seiten auswendig zu lernen und in London aufzusagen? Wortgetreu?«

Der Marquis spielte nervös mit der neuesten Quotidienne, wobei er sich vergeblich bemühte, seinen auffällig ernsten Gesichtsausdruck aufzuheitern. So ernst hatte ihn Julian noch nie gesehen.

Julian, Weltmann genug, war sich sofort klar, daß er auf den Plauderton, den Herr von La Mole erkünstelte, eingehen mußte.

»Diese Nummer der Quotidienne ist wahrscheinlich nicht besonders amüsant, aber wenn Eure Exzellenz es gestatten, werde ich sie morgen ganz gehorsamst von Anfang bis zu Ende auswendig vortragen.«

»So? Auch die Anzeigen?«

»Zu befehlen! Es soll keine Silbe fehlen.«

»Können Sie mir darauf Ihr Wort geben?« erwiderte der Marquis, plötzlich unverhohlen ernst.

»Gewiß, Eure Exzellenz! Nichts als die Angst, mein Wort nicht zu halten, könnte mich aus dem Konzept bringen.«

»Eins habe ich gestern vergessen, Ihnen zu sagen«, hob der Marquis von neuem an. »Ich fordre keinen Eid von Ihnen, daß Sie niemals davon sprechen, was Sie zu hören bekommen. Ich kenne Sie zu gut, um Sie mit derlei zu kränken. Ich habe mich für Sie verbürgt. Ich werde Sie mit in einen Saal nehmen, wo zwölf Herren zusammenkommen. Sie sollen sich genau merken, was jeder einzelne sprechen wird. Machen Sie sich aber keine Sorge: es wird keine regellose Unterhaltung sein, sondern es wird immer nur einer reden, wenn auch nicht in bestimmter Reihenfolge ...«

Der Marquis hatte seinen gewohnten leichten vornehmen Plauderton wiedergewonnen, der an ihm die reinste Natürlichkeit war.

»Während wir beraten«, fuhr er fort, »machen Sie sich Notizen, etwa zwanzig Seiten. Hinterher kommen Sie wieder mit hierher, wo wir diese zwanzig Seiten in vier zusammenfassen. Dies werden die vier Seiten sein, die Sie mir morgen aus dem Kopie hersagen sollen. Also nicht diese ganze Quotidienne! Danach werden Sie sofort abreisen, und zwar sollen Sie mit einer Extrapost fahren, wie ein junger Herr, der zu seinem Vergnügen eine Reise macht. Ihr Hauptaugenmerk muß darauf ausgehen, niemandem aufzufallen. Ich schicke Sie zu einer hohen Persönlichkeit. An Ort und Stelle müssen Sie besonders gewandt sein! Es handelt sich darum, die ganze Umgebung dieser Persönlichkeit zu täuschen, denn unter ihren Sekretären und Dienern gibt es Leute, die im Solde unsrer Gegner stehen und unsre Agenten belauern und abfangen. Sie bekommen nichts mit als einen belanglosen Empfehlungsbrief. In dem Augenblicke, wo Seine Durchlaucht den Blick auf Sie richtet, ziehen Sie meine Taschenuhr, die ich Ihnen für die Reise mitgebe. Nehmen Sie sie gleich jetzt und geben Sie mir so lange die Ihre! Der Herzog wird die vier Seiten, die Sie auswendig gelernt haben und ihm diktieren, eigenhändig nachschreiben. Hiernach, aber – wohlgemerkt! – nicht früher, können Sie auf Befragen Seiner Durchlaucht von der Sitzung erzählen, der Sie beiwohnen werden.

Unterwegs, auf Ihrer langen Reise, werden Sie etwas Zerstreuung insofern finden, als es zwischen Paris und dem Wohnsitze Seiner Durchlaucht Leute gibt, die Herrn Abbé Sorel am allerliebsten niederknallen. Damit wäre seine Sendung vereitelt und mir ein bedeutsamer Zeitverlust zugefügt. Wie sollte ich Ihren Tod erfahren? Bei allem Eifer können Sie mir ihn doch nicht depeschieren.

Beeilen Sie sich jetzt und kaufen Sie einen vollständigen Anzug. Kleiden Sie sich so, wie die Mode vor zwei Jahren war ... Sie müssen heute abend schlecht angezogen gehen. Auf der Reise hingegen werden Sie sich wie gewöhnlich kleiden ... Sie staunen? Erregt es Ihr Argwohn ...? Ja, Verehrtester, unter Umständen veranlaßt es eine der ehrbaren Persönlichkeiten, deren Meinung Sie hören werden, daß Ihnen in irgendeinem guten Gasthofe, wo Sie zur Nacht essen, zum mindesten Opium verabreicht wird ...«

»Am besten mache ich da vielleicht einen Riesenumweg«, erlaubte sich Julian zu bemerken. »Vermutlich geht die Reise nach Rom ...«

Herr von La Mole zog ein hochmütiges, unwilliges Gesicht, wie es Julian seit der Zeremonie zu Hohen-Bray nicht wieder an ihm zu sehen bekommen hatte.

»Das werden Sie erfahren, Herr Sorel, wenn ich es für angebracht finde, es Ihnen mitzuteilen. Ich liebe keine Fragen.«

»Es sollte keine sein«, stammelte Julian. »Das versichre ich Eurer Exzellenz. Ich habe vor Eifer laut gedacht. Meine Gedanken suchen nach dem sichersten Wege ...«

»Ihre Gedanken waren offenbar nicht, wo sie sein sollten ... Vergessen Sie nie, daß ein Vertrauensmann, zumal einer in Ihrem Alter, das Vertrauen stets an sich herankommen lassen muß.«

Julian war geknickt. Er hatte unrecht. Seine Eigenliebe suchte nach einer Entschuldigung, fand aber keine.

»Wissen Sie«, fügte der Marquis hinzu, »wenn man eine Dummheit gemacht hat, schickt man immer das Herz und nicht das Hirn ins Gefecht.«

Eine Stunde später stellte sich Julian in einem spießerlichen Anzug wieder im Vorzimmer des Marquis ein. Er hatte einen altmodischen Rock an und eine Krawatte von zweifelhaftem Weiß. In seiner ganzen Erscheinung lag etwas Schulmeisterliches.

Als ihn der Marquis sah, lachte er herzlich. Erst jetzt war Julians Rechtfertigung gelungen. »Wenn mich dieser junge Mann verrät«, dachte er bei sich, »dann kann man überhaupt niemandem mehr trauen. Und doch muß man einen Vertrauten haben, wenn man handeln will. Mein Sohn und seine vortrefflichen Freunde ... alles derselbe Schlag: mutig wie die Löwen und unbedingt zuverlässig ... Wenn es sein muß, lassen sie sich auf den Stufen des Thrones totschießen ... Sie haben Geschick zu allem ... nur nicht zu dem, was im Augenblick not tut! Der Teufel soll mich holen, wenn ich einen unter ihnen fände, der vier Seiten auswendig lernt und siebzig Meilen reist, ohne daß man seine Spur verfolgen kann! Norbert opfert sein Leben jede Stunde, wie so mancher seiner Vorfahren. Aber das kann jeder Rekrut –«

Der Marquis verlor sich in Grübeleien. »Und wenn es ein Gang In den Tod wäre...« Er seufzte auf. »...das kann dieser Sorel schließlich ebensogut wie mein Sohn!«

»Jetzt aber fort!« rief er. Man sah ihm an, daß er einen lästigen Gedanken verscheuchte.

»Eure Exzellenz«, sagte Julian, als beide in den Wagen stiegen, »während ich auf meinen Rock warten mußte, habe ich die erste Seite der heutigen Quotidienne auswendig gelernt.«

Der Marquis ergriff die Zeitung, und Julian sagte auf, ohne den geringsten Fehler dabei zu machen.

»Schön!« sagte Herr von La Mole lakonisch, wie er an diesem Abend war. Bei sich dachte er: »Beim Hersagen entgeht ihm, durch welche Straßen wir fahren.«

Sie betraten einen großen, ziemlich trübseligen Saal, der bis zur halben Höhe Holzbekleidung hatte und darüber mit grünem Stoff tapeziert war. In der Mitte des Raumes stellte ein mürrischer Lakai eben einen großen Eßtisch auf, den er alsbald in einen Arbeitstisch verwandelte, indem er ihn mit einem großen grünen Tuch bedeckte. Es war voller Tintenflecke und offenbar aus irgendeinem Ministerium geholt.

Der Herr des Hauses war ein übergroßer Mensch. Sein Name blieb ungenannt. Julian hatte den Eindruck, daß er aussah und redete wie jemand, der seine Mahlzeit verdaut.

Auf einen Wink des Marquis war Julian am untern Ende des grünen Tisches stehengeblieben. Um dieses Fernbleiben zu motivieren, begann er Federn zu schneiden. Dabei schaute er sich verstohlen um und erblickte sieben Personen, im Gespräch miteinander, aber er konnte sie nur von rückwärts sehen. Zwei von ihnen redeten augenscheinlich mit dem Marquis wie Gleichgestellte, die andern mit mehr oder weniger Respekt.

Eine neue Persönlichkeit trat ein, ohne daß eine Anmeldung erfolgte. »Sonderbar!« dachte Julian. »Hier meldet man nicht an. Ob man diese Vorsicht mir zu Ehren walten läßt?«

Sämtliche Anwesende erhoben sich und gingen dem Ankömmling entgegen. Er trug denselben sehr hohen Orden wie zwei oder drei von den Herren, die schon da waren. Man sprach im Flüstertone.

Julian konnte den Zuletztgekommenen nur nach seinem Gesicht und seinem Benehmen beurteilen. Er war klein und dick, hatte eine rote Hautfarbe und funkelnde Augen. Der Vergleich mit einem wilden Eber drängte sich geradezu auf.

Julians Aufmerksamkeit ward abermals abgelenkt. Eine gänzlich andersartige Person erschien: ein großer, sehr hagerer Herr, der drei oder vier Westen übereinander trug. Er hatte einen süßlichen Blick und höfliche Manieren.

»Ganz wie der alte Bischof von Besançon«, dachte Julian. Der dicke Herr war sichtlich ein hoher Geistlicher. Obgleich er nicht viel älter als fünfzig Jahre sein mochte, höchstens fünfundfünfzig, machte er doch den allerwürdigsten Eindruck.

Jetzt trat der Bischof von **** in den Saal. Julian merkte, wie überrascht der junge Prälat war, als er beim Mustern der Anwesenden den Sekretär erkannte. Seit der Zeremonie zu Hohen-Bray hatte er nicht wieder mit ihm gesprochen. Sein erstaunter Blick machte Julian verlegen und ärgerlich. »Wie mag es nur kommen?« fragte er sich. »Sobald ich jemanden persönlich kennengelernt habe, gereicht mir dies immer zum Nachteil. Alle die hohen Herren, die ich zum ersten Male sehe, genieren mich gar nicht. Aber der Blick dieses jungen Bischofs geht mir durch Mark und Bein. Ach, es ist nicht anders. Ich bin ein Sonderling, ein Unglückskind!«

Bald darauf kam ein kleiner, auffällig schwarzhaariger Herr geräuschvoll herein. Schon an der Tür begann er zu sprechen. Er hatte eine gelbe Gesichtsfarbe und sah ein wenig verrückt aus. Sofort bei der Ankunft dieses sichtlich berüchtigten Schwätzers bildeten sich Gruppen. Offenbar wollte man seinen Redereien entgehen.

Die Herren entfernten sich, vom Kamin und näherten sich dem unteren Ende des Tisches. Julian wußte vor Verlegenheit nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Er mochte tun, was er wollte: immer hörte er alles, was gesprochen wurde, und sowenig er auch die Sache im ganzen verstand, war er sich doch bewußt, daß man unverblümt von hochwichtigen Dingen redete, an deren Geheimhaltung den hohen Herren, die er offenbar vor sich hatte, alles gelegen sein mußte.

Mit möglichster Langsamkeit hatte Julian bereits einige zwanzig Federn geschnitten. Das konnte er nicht gut weiter betreiben. Vergeblich blickte er Herrn von La Mole an, um einen Befehl zu erhaschen. Der Marquis hatte ihn vergessen.

Julians Verlegenheit wuchs, je merkwürdigere Dinge er vernahm.

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