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Rot und Schwarz

Stendhal: Rot und Schwarz - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
titleRot und Schwarz
authorStendhal
year1956
translatorArthur Schurig
publisherGoldmann
addressMünchen
senderreuters@abc.de
created20040913
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48. Kapitel

Mathilde dachte voller Entzücken an nichts als an das Glück, beinahe ermordet worden zu sein. Sie verstieg sich soweit, daß sie sich sagte: »Er ist würdig, mein Gebieter zu sein, weil er mich beinahe getötet hat! Wie viele von den glänzenden jungen Herren der Gesellschaft müßte man zusammenschweißen, um einen so leidenschafts-durchloderten Mann zu bekommen! Ich muß gestehen, in dem Moment, wo er auf den Stuhl stieg, um den alten Degen peinlich genau wieder an seinen ihm vom Tapezierer angewiesenen malerischen Platz an der Wand zu hängen, da sah er allerliebst aus! Und trotz alledem war ich nicht toll genug, ihm um den Hals zu fallen.«

Wenn ihr in diesem Augenblick ein leidlich anständiger Weg erkennbar gewesen wäre, von neuem anzuknüpfen, so hätte sie ihn mit Freuden eingeschlagen.

Julian hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen und rang mit der heftigsten Verzweiflung. In seinen wahnsinnigen Ideen wäre er Mathilden am liebsten zu Füßen gefallen. Wenn er, statt in seiner Klause zu grübeln, durch Haus oder Garten geirrt wäre, um die Gelegenheit dazu zu finden, so hätte sich sein düsteres Leid vielleicht rasch zu sonnigem Glück gewandelt.

Mathildens für Julian so günstige Laune hielt den ganzen Tag über an. Sie träumte sich in die flüchtigen Augenblicke zurück, in denen sie ihn geliebt hatte. Vor diesem verlockenden Traum sehnte sie sich nach ihnen zurück.

»Im Grunde«, sagte sie sich, »hat meine Leidenschaft für den armen Jungen nicht länger gedauert als von ein Uhr nachts, wo ich ihn mit seinen Pistolen in der Rocktasche auf der Leiter zu mir heraufklettern sah, bis zum andern Morgen acht Uhr. Schon eine Viertelstunde später, als ich in der Kirche Sainte-Valère die Messe hörte, fingen meine Bedenken an, er könne sich für meinen Gebieter halten und es versuchen, mich durch Schreckmittel zum Gehorsam zu zwingen.«

Nach Tisch wich sie ihm diesmal nicht aus; vielmehr redete sie ihn an und forderte ihn auf, sie in den Garten zu begleiten. Er tat es. Diese neue Prüfung hatte nur gefehlt. Ohne sich Gedanken darüber zu machen, gab Mathilde der verliebten Regung nach, die sie von neuem für Julian empfand. Es war ihr ein großes Vergnügen, an seiner Seite zu wandeln. Neugierig betrachtete sie die Hände, die am Vormittag den Degen ergriffen hatten, um sie zu töten.

Nach einer solchen Tat und nach allem, was geschehen, konnte von einer Unterhaltung im früheren Tone keine Rede sein. Nach und nach begann Mathilde in vertraulicher Weise von ihrem Herzenszustande zu sprechen. Sie fand an dieser Art Plauderei eine seltsame Wollust. Schließlich bekannte sie ihm sogar, daß sie für den Marquis von Croisenois und den Grafen von Caylus eine flüchtige Schwärmerei gehabt habe.

»Was? Auch für Herrn von Caylus?« unterbrach Julian ihre Erzählung. Die volle bittere Eifersucht des verlassenen Liebenden klang aus seinen Worten heraus. Mathilde fühlte sich durchaus nicht beleidigt. Sie beurteilte seine jähe Frage richtig.

Sie fuhr fort, Julian zu quälen, indem sie ihre ehemaligen Gefühle auf das anschaulichste und bis in die Einzelheiten schilderte, immer im Tone des vertraulichsten Bekenntnisses. Er fühlte, daß sie das alles vor Augen haben mußte, was sie ihm so deutlich schilderte, und zu seinem Schmerze wurde er gewahr, daß sie beim Erzählen Entdeckungen in ihrem eigenen Herzen machte.

Das war der Gipfel unglücklicher Eifersucht. Der Argwohn, daß ein Rivale geliebt wird, ist schon grausam genug. Aber eine Liebesbeichte anhören zu müssen, in der einem die Angebetete haarklein darlegt, wie der andere auf sie wirkt, das ist das allergrößte Unglück. Jetzt ward Julian arg dafür gestraft, daß er insgeheim über seine Nebenbuhler triumphiert hatte. Jetzt in seinem echten schweren Kummer erschien ihm Mathilde herrlicher denn je, und um so heißer verachtete er sich selber.

Sie kam ihm unvergleichlich schön vor. Seine Bewunderung hatte keine Grenzen mehr. Ihr zur Seite schreitend, liebkosten seine Blicke ihre Hände, ihre Arme, ihre ganze königliche Gestalt. Vor Liebe und Leid haltlos, war er nahe daran, ihr zu Füßen zu sinken und Gnade! zu schreien.

»Ach«, seufzte er, »dieses herrliche, allen überlegene Weib, einst meine Geliebte, wird gewiß bald in den Armen des Herrn von Caylus liegen!«

Julian hatte keinen Grund, an Mathildens Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Alles, was sie sagte, klang allzu aufrichtig. Mitunter schien es ihm sogar, als müsse sie Herrn von Caylus immer noch lieben. In ihren Worten zitterte etwas wie Verliebtheit. Julian glaubte sich hierin nicht zu täuschen. Er hätte weniger gelitten, wenn man ihm geschmolzenes Blei auf die nackte Brust gegossen hätte. Wie konnte er in seinem unsagbaren Kummer auch ahnen, daß Mathilde von La Mole nur deshalb so viel Genuß daran fand, alte Liebeleien zu beichten, weil sie mit ihm redete.

Julians Herzensnot war um so qualvoller, weil er diese ausführlichen Geständnisse der Liebe zu anderen in der nämlichen Lindenallee anhören mußte, wo er wenige Tage zuvor den Schlag der Uhr erwartet hatte, der ihn in ihr Zimmer rief. Mehr Liebesschmerz kann ein Mensch nicht ertragen!

Diese quälerische Vertraulichkeit dauerte acht lange Tage. Bald schien es ihm, als suche Mathilde die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, bald wieder, als entziehe sie sich ihr zum mindesten nicht. Und der Gegenstand ihrer Unterhaltung, auf den beide immer wieder mit schier grausamer Wollust zurückkamen, bestand in der Beschreibung der Gefühle, die Mathilde für andere empfunden hatte. Sie erzählte ihm von den Briefen, die sie geschrieben, wobei sie sich ihres Wortlautes entsann und ganze Sätze hersagte. Ihre Mienen dabei kamen ihm boshaft vor. Er litt maßlos, und sie hatte sichtlich ihre Freude daran.

Julian hatte keine Lebenserfahrung; ja, er hatte nicht einmal aus Romanen gelernt. Wäre er ein wenig gewandter gewesen, so hätte er der Angebeteten, die ihm so sonderbare Bekenntnisse machte, einfach gesagt: »Gestehe nur: wenn ich auch nicht so vornehm bin wie jene Herren, so bin ich es doch, den du liebst!« Vielleicht wäre sie glücklich gewesen, daß er sie durchschaute. Zum mindesten hätte er unter Umständen Erfolg damit gehabt, je nach der netten Art und Weise, in der er dies gesagt, und je nach dem dazu gewählten Momente. In jedem Falle hätte er der Situation ein Ende gemacht, die Mathilden langweilig zu werden anfing. Damit hätte er einen Vorteil erreicht.

So aber, nur sein Liebesleid empfindend, fragte er sie eines Tages: »Sie lieben mich nicht mehr, mich, der ich Sie anbete!«

Das war ungefähr die größte Dummheit, die er begehen konnte. Seine Klage zerstörte mit einem Schlage das Vergnügen, das Fräulein von La Mole darin gefunden hatte, ihm von ihrem Herzenszustande zu erzählen. Nach allem, was vordem geschehen, war sie nachgerade verwundert, daß er ihre Geständnisse hinnahm, ohne sich empört zu zeigen. In dem Moment, ehe er ihr jene törichten Worte sagte, bildete sie sich sogar ein, Julian liebe sie nicht mehr.

»Sicherlich hat der Stolz seine Liebe erstickt«, hatte sie sich gesagt. »Er ist nicht der Mann, der gemütlich zuschaut, wie ihm Leute wie Caylus, Luz und Croisenois vorgezogen werden, noch dazu, wo er selber gesteht, daß sie ihm weit überlegen sind. Nein! Ich werde ihn nie wieder in mich verliebt sehen ...«

In der Tat hatte Julian in den letzten Tagen mehrfach anerkennende, ja sogar übertreibende Bemerkungen über die glänzenden Eigenschaften der genannten Herren gemacht. Es war in der Naivität seines Schmerzes geschehen. Dieses Motiv blieb Mathilden verborgen. Gerade deshalb wunderte sie sich über sein Lob. Indem er in einer Bizarrerie seines Gemütes einen Nebenbuhler, an dessen Bevorzugung er glaubte, in den Himmel hob, sympathisierte er mit dem Glücklichen.

Seine ebenso aufrichtigen wie dummen Worte änderten, wie gesagt, die ganze Lage mit einem Schlage. Mathilde, der Liebe Julians nun sicher, verachtete ihn jetzt gründlich. Sie ließ ihn mitten im Park stehen, und der letzte Blick, den sie ihm zuwarf, war voller Geringschätzung. Wieder im Salon, sah sie Julian den Rest des Abends nicht mehr an.

Fortan stand ihr ganzes Denken und Trachten im Zeichen ihrer Verachtung. Acht Tage lang hatte es ihr so viel Freude bereitet, Julian als ihren vertrautesten Freund zu behandeln. Davon war keine Spur mehr vorhanden. Ihre Abneigung ging bis zum Widerwillen, und wenn er ihr vor die Augen kam, tat sie alles, um ihm ihre grenzenlose Verachtung kundzutun.

Von dem, was in den letzten acht Tagen in Mathildens Herzen vorgegangen war, wußte und begriff Julian nichts. Nur die Verachtung verspürte er. Er war aber verständig; genug, sich ihr so selten wie nur möglich zu zeigen, und schaute sie keinmal an.

Dadurch beraubte er sich unter großem Schmerze ihrer Gegenwart. Es kam ihm vor, als vermehre er dadurch sein Leid. »Tapferer kann kein Mann sein!« rief er sich zu. Stundenlang hockte er hinter dem sorglich verschlossenen Laden eines kleinen Fensters der Mansarde und betrachtete Mathilde, wenn sie im Garten war. Am wunderlichsten war ihm zumute, wenn er sah, wie sie von Caylus oder von einem der Herren begleitet wurde, mit denen sie einen Flirt gehabt haben wollte.

Julian hatte bis dahin keine Ahnung, welche Abgründe der Schmerz hat. Er hätte laut aufschreien mögen. Seine so standhafte Seele war nun in ihren Grundfesten erschüttert. An etwas zu denken, was nicht mit Mathilde irgendwie zusammenhing, war ihm widerlich. Er war unfähig, die einfachsten Briefe zu schreiben.

»Sie sind nicht bei Sinnen!« tadelte ihn der Marquis.

Julian erschrak. Er bekam Angst, sich zu verraten, und entschuldigte sich damit, er fühle sich krank. Man glaubte ihm.

Zum Glück für ihn machte Herr von La Mole einmal bei Tisch eine scherzhafte Anspielung auf seine bevorstehende Reise. Mathilde erfuhr, daß sie sehr lange dauern könne. Es war schon mehrere Tage her, daß Julian ihr auswich, und die vornehmen jungen Herren, die so ganz anders waren als das blasse düstere Wesen, das sie einst geliebt hatte, waren nicht mehr imstande, sie ihrer Traumwelt zu entreißen.

Sie sagte sich: »Ein gewöhnliches Mädchen hätte sich für einen von diesen jungen Leuten entschieden, die im Salon aller Augen auf sich ziehen. Aber es gehört zur Genialität, nicht im alten Geleise der Allgemeinheit mitzutrotten. Wenn ich die Gefährtin eines Mannes bin, dem nichts fehlt als ein großes Vermögen (und das besitze ich ja!), dann werde ich von aller Welt fortgesetzt beobachtet und nie unbeachtet durch das Leben schreiten. Es fällt mir nicht ein, in einem fort Angst vor einer neuen Revolution zu haben wie meine Cousinen, die aus Furcht vor dem Pöbel kaum einem Postillion, der sie schlecht fährt, grob zu werden wagen. Ich bin überzeugt, daß ich eine Rolle in der Welt spielen werde, und zwar eine große Rolle, denn der Mann, den ich mir erkoren habe, hat festen Charakter und grenzenlosen Ehrgeiz. Was fehlt ihm? Beziehungen und Geld? Das kann ich ihm geben.«

In ihren Gedanken behandelte sie Julian trotzdem als ein niedrigeres Wesen als sich selbst, als eins, von dem man sich lieben läßt, wenn es einem paßt.

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